Shoegaze

Ride – Tomorrow’s Shore (2018)

Vier Lieder, aber der Frühling hält an. Ride, die englischen Shoegaze-Begründer, welche letztes Jahr mit ihrem neusten Album „Weather Diaries“ für eine triumphale Rückkehr gesorgt haben, bietet uns nun einen kleinen Nachtisch an. „Tomorrow’s Shore“ heisst die neue EP und bietet in wenigen Songs eine faszinierende Bandbreite, was alle guten Eigenschaften der Musiker zum scheinen bringt. Angefangen mit „Pulsar“, einem sich immerzu steigernden Stück Musik, beherrscht von lauten Verzerrungen und betörendem Gesang.

Ride waren immer eine Band, die technische Mittel mit extrem viel Emotion zu verbinden wussten und nutzen diese Fähigkeit auch auf ihrer neusten Veröffentlichung. So erhält man zwar eine satte Ladung an Riffs, an Spielereien und einer wirklich grossen Klangwucht, muss aber nie im kühlen Dasein versinken. „Catch You Dreaming“ klingt genau so wie es heisst und nimmt uns mit in eine angenehme Welt voller Mitgefühl. Da gelingt sogar die Mischung aus Nuller-Indie und Effektgeräte wunderbar („Cold Water People“).

Es ist beruhigend zu wissen, dass Ride weiterhin mit uns durch die Landschaft ziehen werden und mit ihren Melodien die Welt wärmer machen. Zwar ist  „Tomorrow’s Shore“ kurz, schillert aber wunderbar im Licht und will immer wieder besucht werden. Wer auf atmosphärische Gitarrenmusik steht, der wird momentan wohl wenig Besseres finden als diese vier Umarmungen.

Anspieltipps:
Pulsar, Cold Water People, Catch You Dreaming

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Beatastic – 40 Moons Project (2017)

Doppelalben mit grossem Ambition und noch mehr Meinung und Sichtweise, wer wagt sich in der heutigen, sehr schnelllebigen Zeit noch an so etwas? Nicolas Pierre Wardell, der Musiker und das alleinige Mitglied von Beatastic zum Beispiel. Der Künstler aus Brighton hat sich nach diversen EPs und Veröffentlichungen dazu entschieden, seine Energie und musikalische Kraft zu bündeln und mit „40 Moons Project“ eine Platte zu kreieren, die den grossen Vorbildern wie My Bloody Valentine oder The Smashing Pumpkins in Nichts nachsteht. Wahnsinn oder Genialität?

Diese Frage stellt sich eigentlich gar nicht, denn wie in den meisten Kunstformen liegen auch in der Musik die beiden Extreme oft auf derselben Note. Und auch beim Album erhält man somit also klare Shoegaze-Rocker wie „The Quiet“ oder ausufernde Experimente mit World-Einfluss wie bei „Sun/Sky/Sea/Sand“. Beatastic hat aber in den letzten Jahren seine Form klar gefunden und liefert auch mit „40 Moons Project“ Lieder, die immer etwas melancholisch, düster und voller Gitarrenwände zwischen New Wave, Grunge und Psychedelic umherwandern. Klar, nicht alles geht gleich sauber auf bei 20 Songs, muss es aber auch nicht.

Beatastic scheitert weder an der misslichen Weltlage, der pessimistischen Zukunftsperspektive, noch an der Aufgabe, die Hörer während der gesamten Spielzeit zu unterhalten. „The World Is Crazy Now“ heisst es früh im Werk, doch mit Alben wie diesen wird alles machbarer. Denn wenn ein einzelner Musiker eine solche Platte stemmen kann, dann sollten wir gemeinsam auch die Welt verbessern können. Und im Hintergrund schwirren dazu Gitarrenwände umher, pochen hallende Drums und knurren die Bässe.

Anspieltipps:
The Quiet, Sun/Sky/Sea/Sand, Moona, Anger

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Siren Section – New Disconnect (2017)

Band: Siren Section
Album: New Disconnect
Genre: Wave / Elektro / EBM

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: sirensection.com

Warum sollte man sich zwischen alten Legenden der elektronischen Musik und neuen Talenten entscheiden müssen? James Cumberland und John Dowling dachten sich wohl genau dies, als sie 1994 zum ersten Mal gemeinsam musizierten und heute nun unter dem Banner Siren Section in allen Formen der digitalen Musik für Furore sorgen. Mit ihrem neusten Werk „New Disconnect“ wird somit auch keine Stilbegrenzung vorgenommen, sondern zwischen Einflüssen des Krautrock, Cold Wave, Techno und EBM gependelt. Und ja, das macht Laune.

Obwohl sich die Produktion manchmal etwas zu flach anhört, sorgt dies für die nötige Kühle und Distanz auf dem Album. Lieder wie „June Future“ fallen auch in der Grufti-Szene nicht auf, wagen sich aber sogar an den Flirt mit dem alten Indierock. Siren Section behalten in all diesen Ideen immer den Überblick und haben ein Album geformt, das sowohl kohärent als auch überraschend ist. So darf man bei „Here Comes The Midnight Sun“ im Drum’n’Bass tanzen, „Santa Cruz“ führt dreckige und stark verzerrte Synthies ins Feld. Ob Kraftwerk oder Depeche Mode, hier findet sich alles ein.

Dass sich bei „New Disconnect“ erst um das zweite Album von Siren Section handelt, würde man nicht denken, aber zu diesem Ziel haben auch viele Kollaborationen und Versuche unter anderen Namen geführt. Gut also, hat sich das Duo wieder zusammengefunden und zeigt mit seinen Kompositionen, dass sich niemand vor elektronischer Musik fürchten muss. Ob man nun wild feiern oder alleine geniessen will, Tracks wie „Ground Descending“ erlauben beides und sehen immer schmuck aus.

Anspieltipps:
June Future, Santa Cruz, New Disconnect

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Anathema, Z7 Pratteln, 17-10-18

Anathema
Support: Alcest
Mittwoch 18. Oktober 2017
Z7, Pratteln

Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark sich die Musik von Anathema verändert hat – nicht nur im Vergleich zu ihren ersten Doom Metal-Alben, sondern auch in den letzten Jahren. Das Konzert in Pratteln, welches die Band im Rahmen ihrer Tour zum neusten Werk „The Optimist“ gab, zeigte dies auf spannende Weise. Denn die Engländer, welche seit 1990 die Prog-Welt mit ihrem unverkennbaren Klangbild aufmischen, zeigten ein gutes Händchen bei der Songwahl und liessen das zweistündige Konzert zu einer kleinen Reise in die Vergangenheit mutieren. Immer präsent war aber die erhabene, romantische und berührende Stimmung, welche ihre Musik auszeichnet.

Perfekt passend war in diesem Gesichtspunkt auch der Support mit den Franzosen von Alcest. Die Gruppe aus Avignon ist Stéphane „Neige“ Pauts kreatives Kind und wird live zu einer Band, welche die Welten des Shoegaze und Black Metal zu gewaltigen und emotionalen Klangwänden zusammenführt. Mit ihrer neusten Platte „Kodama“ im Gepäck liessen sie das Z7 in tiefe Gitarrenflächen, verträumte Melodien und immer wieder aufbrausendes Schlagzeugspiel eintauchen. Ob ihre Musik nun wie extrem langsam gespielter Heavy Metal oder die süsse Version von teuflischem Material klingt, ihre Songs konnten immer überzeugen. Und dank Darbietungen von älteren Songs wie „Autre Temps“ kamen auch langjährige Fans auf ihre Kosten, die am Ende dieses Auftrittes gleich strahlten wie Novizen.

Anathema konnten sich nach einem solchen Start nicht zurücklehnen, viel eher mussten die Herren und die Dame zeigen, dass ihre wirkungsvolle Mischung aus Art-Rock, Prog und Dreampop auch live gelingen kann. Der Einstieg mit „Untouchable Pt. 1+2“ war geschickt gewählt, bietet dieses Doppel mit Stakkato-Keyboard, ausführlichen Gitarrenpassagen und dreistimmigem Gesang doch alle Zutaten, die diesen Kuchen so herrlich schmecken lassen. Zwar wirkte einiges etwas verzettelt – besonders „The Lost Song Pt. 3“ ging nicht ganz auf – und die intensive Wirkung der Alben wollte sich zuerst nicht einstellen, doch spätestens mit dem „A Fine Day To Exit“-Doppelpack „Barriers“ und „Pressure“ nahm die Darbietung Fahrt auf.

Dank geschickter Kombination der Albenkonzepte und einem Sound, der sich seit „We’re Here Because We’re Here“ stärker auf positive und gefühlvolle Aussagen konzentriert, versank man vollends in träumerischen Liedern, wunderbaren Gitarrenwänden und verliebte sich zum unzähligsten Mal in Lee Douglas. Die Sängerin setzte mit ihrer Stimme wichtige Akzente und Anathema spielten sich als Kollektiv in höchste Sphären. Schön, dass man mit „Closer“ und „Fragile Dreams“ die alten Tage wiederbelebte und die Flugformationen von neuen Kompositionen wie „Dreaming Light“ oder „Lightning Song“ erdete. Zu Recht wird diese Band also nicht nur in Szenenkreisen bejubelt und mit Lob überschüttet – intensivere Erfahrungen als bei Anathema gibt es selten.

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Day Wave – The Days We Had (2017)

Day Wave – The Days We Had
Label: Harvest Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Shoegaze, Pop

Spätestens bei „Home“ ist es klar: Um die Klangwelt von Day Wave zu verorten, muss man einige Jahrzehnte zurückreisen. Obwohl bei diesem Lied vor allem die Gitarrenspuren an gewisse Taten von David Bowie erinnern, sind andere Songs ganz klar die Enkelkinder der Achtziger. Das Soloerzeugnis des kalifornischen Musikers Jackson Philips baut nämlich auf eine wunderbar verschwommene Atmosphäre und Songs, die dank ihrer Synthie- oder Gitarrenlast immer wunderbar warm und tief wirken. Und damit nicht alles zu poliert ist, scheinen die Stücke erst vor Kurzem aufgewacht zu sein.

Day Wave zelebriert auf seiner ersten Langspielplatte nämlich den angenehmen Lo-Fi aus dem Schlafzimmer, ohne seinen träumerischen Pop zu stark in den unsauberen Lärm abdriften zu lassen. Die Instrumente sind klar differenziert, auch wenn sie an den Kanten schleichend ineinander fliessen. Das Auftauchen der Keyboards bei „Ordinary“ lässt sich von Gesang in hohen Stimmlagen begleiten und lädt zur lockeren Disco-Party am Feierabend ein. Allgemein ist die Musik auf „The Days We Had“ nie aufdringlich, versprüht aber genügend Emotion, um nicht belanglos zu plätschern.

Ein Dank ist dem Ingenieur Mark Ranken auszusprechen, der nach seiner Arbeit mit Adele oder Bloc Party nun Day Wave bei seiner alleinigen Produktion ein wunderbares Gewand umgewickelt hat. Komposition und klangliche Wirkung ergänzen sich perfekt, sogar instrumentale Momente wie „Bloom“ wachsen als spannende Gebilde. Ob sich nun der Indie oder der graue Shoegaze etwas stärker in das Album zwängt, „The Days We Had“ ist nicht nur Reminiszenz, sondern auch Projektion von Kommendem.

Anspieltipps:
Home, Bloom, Wasting Time

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ekin Fil – Ghosts Inside (2017)

Ekin Fil – Ghosts Inside
Label: Helen Scarsdale Agency, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electronica, Shoegaze

Dass „Ghosts Inside“ aus einzelnen Stücken besteht, das würde man beim genüsslichen Anhören nicht sofort vermuten. Das Album weisst zwar zwischen den Liedern kurze Pausen auf, allerdings wirken diese Stellen der Stille eher wie ein Aufatmen als ein Unterbruch. Ekin Fil lässt ihre Musik auf diesem Album nämlich wie ein Geist umhergleiten und bricht somit den Shoegaze auf komplett eigene Weise auf. Diese Scheibe ist somit eine Dekonstruktion in Ambient-Form, getragen von tiefen Klaviertönen.

Ekin Fil aus Istanbul ist schon lange als Künstlerin im Gebiet der schwermütigen Electronica tätig und beweisst auch mit „Ghosts Inside“ erneut, dass Musik komplett introvertiert funktionieren kann. Lieder wie „Like A Child“ oder „Silent Alive“ umgeben sich mit sanften Beats und Klangmustern aus dem Synthie, verzerren einzelne Melodien mit viel Hall und lassen die Musik von weit entfernt her erklingen. Dadurch wirken die Konfrontationen mit der inneren Zerrissenheit besser aushaltbar.

Denn Ekin Fil lässt mit ihrer Musik nicht nur die Welt verschwinden, sondern bettet alle in ein angenehmes Klangkleid. Depressionen oder Herzschmerzen werden zu einem Allgemeingut, der Trost folgt in Form des sanften Drones im Hintergrund. Und bereits nach wenigen Minuten fühlt man sich durch Lieder wie „Used To Be“ verstanden und geläutert.

Anspieltipps:
Like A Child, Used To be, Silent Alive

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Agent Blå – Agent Blå (2017)

Agent Blå – Agent Blå
Label: Through Love Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Shoegaze, Post-Punk

Wenn sich Bands eigenen Stilrichtungen auf die Stirne schreiben, dann bietet die Musik oft etwas Krudes – oder endlich wieder eine angenehme Abwechslung. Agent Blå aus Göteborg haben in ihrer Klangfindung genau dies gemacht und ihre Lieder nun Death-Pop getauft, und dabei eigentlich einen ziemlich passenden Begriff gefunden. Denn mit ihrem ersten Album „Agent Blå“ steigen die Musikerinnen und Musiker gleich forsch in die Szene ein und lassen sich durch nichts beirren, vergessen aber auch die sehnsüchtige Komponente nicht.

Lieder wie „Derogatory Embrace“ oder „Faust“ lassen die Gitarren flirren, das Schlagzeug davonhetzen und den Gesang lakonisch dastehen. Doch Agent Blå – was Agent Blau heisst – zeigen, dass man auch mit knapp 20 Jahre auf dem Buckel wunderbar romantisch träumen kann. „(Don’t) Talk To Strangers“ holt den verzauberten Pop ins Album und lässt die Musik weiter in den Shoegaze driften. Natürlich in dieser wunderbar ungestümen Art, die man als Teenager an den Tag legt. Das Songwriting vermag aber all diese Dinge wunderbar zu tragen und immer wieder blitzen die Helden wie Slowdive durch.

Agent Blå beweisen, dass Schweden wohl für immer eine Quelle der mitreissenden Bands bleiben wird – und dass man Post-Punk auch scharfkantig und trotzdem knuffig spielen kann. Diese selbst betitelte Scheibe wirkt nämlich in jedem Moment frisch und voller Tempo. Dabei werden die verlockenden Gitarrenmelodien und begleitenden Synthies nicht vergessen und Joy Division hätten hier in einer anderen Welt eine perfekte Band für den Support vorgefunden. So reichte es immerhin zur Inspiration für Agent Blå.

Anspieltipps:
(Don’t) Talk To Strangers, Rote Learning, Faust

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ride – Weather Diaries (2017)

Ride – Weather Diaries
Label: Wichita Recordings, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Shoegaze, Rock

Eigentlich war es ziemlich egal, was man auf „Weather Diaries“ auffinden würde – denn Ride müssen sich in der Musikgeschichte nicht mehr behaupten. Die Gruppe aus Oxford stand zwischen 1988 und 1996 für englischen Shoegaze und begründeten mit „Nowhere“ auch gleich fast alleine das Genre. Doch dann war alles vorbei und die Musiker gingen getrennte Wege – bis 2014 zumindest, als man endlich wieder Konzerte der Herren besuchen konnte. Drei Jahre später gibt es nun endlich auch neue Musik, welche zum Glück das Andenken an vergangene Taten in keinster Weise beschmutzt.

Mit Liedern wie „Charm Assault“ oder „All I Want“ beginnt das fünfte Studioalbum von Ride allerdings eher klassisch – der Indie-Rock wird aufgelebt und nette Refrains tummeln sich unter eingängigen Melodien. Und kurz bevor die Befürchtung, die Band habe den traumwandlerischen Qualitäten abgeschworen, Überhand nimmt, bricht der Titelsong wie eine Welle über die Platte und verzaubert mit ausuferndem Gitarrenspiel, dröhnenden Effekten und sieben Minuten Spiellänge. Und wie nach einem Befreiungsschlag dürfen Musiker und Album nun alles. Harte Riffs, psychedelische Harmonien, betörender Gesang – alle schrägen Formen des alternative Rock finden ihren Platz.

Am besten funktionieren Ride auf „Weather Diaries“ aber immer dann, wenn sie ihren Lieder Zeit und Platz lassen. So fesseln nebst dem Titelstück das locker krachende „Cali“ oder das abschliessende „White Sands“. Hier dürfen die Musiker lange an Ideen herumspielen und all ihre Gerätschaften benutzen – und auch genau darum ist diese Reunion-Platte so gelungen. Weder verspürt man hier eine Last, noch eine Angst vor dem Erbe und der Zukunft. Viele Gitarrenspuren und lockere Musik, das eignet sich für jede Fahrt.

Anspieltipps:
Charm Assault, Weather Diaries, Cali

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Debutante / Feral – Split (2017)

Debutante / Feral – Split
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Debutante, Feral
Genre: Noise-Rock, Shoegaze

Wenn die drei Lieder auf dieser neue Split beklemmend und verstörend erscheinen, dann hat dies auf jeden Fall seine Richtigkeit. Denn die gemeinsame Produktion des Schweizer Drone-Pop Künstlers Debutante und dem Noise-Zauberer Feral aus Leeds behandelt schwierige Themen und kann uns daher auch klanglich keine Befriedigung geben. Körperhass und Dysphorie werden angesprochen und auch Unwissende auf vereinnahmende Weise in diese Probleme hineingezogen. Ein Entkommen gibt es während knappen 20 Minuten nicht.

Schon der erste Track von Feral lässt die Synapsen verwirrt aufleuchten, denn „What’s The Worst That Could Happen?“ gibt die Antwort auf die Frage gleich in lärmenden Post-Punk-Rückkopplungen. Hier gibt es keine konkrete Struktur sondern Ausbruch und mürrische Verzerrungen. Wie bei Dysphorie schliesslich auch, ist dies doch eine Störung der Emotionen und Betroffene nimmt man dadurch als unzufrieden oder verärgert war. Mit „Cry Yourself To The Hanging“ vernimmt man zwar Gesang und Melodie, erlösend wird es aber nicht.

Auch Christoffer Zimmermann alias Debutante lässt bei „No Mirrors“ während zwölf Minuten keine Ruhe aufkommen. Sein Shoegaze für Seelen ohne Licht ist verrauscht, irgendwie unfertig und immer etwas zu krumm. Die Gitarren sind verbeult, der Gesang kommt aus weiter Ferne. So ist leider auch der Text schwer auszumachen und das Lied lässt sich etwas viel Zeit um in die Gänge zu kommen. Aber trotzdem, diese Split überträgt die beabsichtigen Gefühle und Empfindungen mit all diesem Lärm und den Zwängen sehr gut auf den Hörer. Nur befriedigend kann es nicht sein.

Anspieltipps:
What’s The Worst That Could Happen?, No Mirrors

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Slowdive – Slowdive (2017)

Slowdive – Slowdive
Label: Sub Pop, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Shoegaze

Es ist schon eine etwas merkwürdige Vorstellung, dass viele Käufer von „Slowdive“ noch gar nicht auf der Welt, oder zumindest zu jung für den bewussten Musikkonsum waren, als sich die Gruppe aus Reading 1995 auflöste. Aber zum Glück meinen es Neil Halstead, Rachel Goswell, Nick Chaplin und Christian Savill gut mit uns und laden alte Freunde und neue Bekehrte ein, den Kosmos von Slowdive mit neuen Songs und einer neuen Perspektive zu entdecken. Und das Beste daran ist, dass Lieder wie „Star Roving“ alle Unkenrufe zerstören.

Wiedervereinigungen von Bands, um die sich Legenden ranken, sind immer schwierig. Auch bei Slowdive hätte wohl niemand damit gerechnet, dass die kurzlebige Truppe, welche eine der wichtigen Dream-Pop und Shoegaze-Zauberer war, noch einmal so wunderschön auftreten würden. Doch mit der ersten Platte seit 22 Jahren haben sie eine Reise auf die Beine gestellt, die mit sattem Klang und einer vielschichtigen Produktion alle Träumer und Indie-Rocker umgarnt. Lieder wie „Slomo“ oder „Go Get It“ klingen so riesig, als würden Slowdive vor Ameisen spielen – diese Platte macht aber uns Hörer zu den kleinen Insekten.

Natürlich bleibt die Band der Dunkelheit treu, und auch der zweistimmige Gesgang von Halstead und Goswell driftet nie in den Kitsch ab. Vielmehr gibt es hier klavier- und gitarrenbeherrschte Soundwände, welche Regentage perfekt untermalen und alle Schatten zu Freunden werden lassen. Slowdive sind dabei nie hoffnungslos, sondern sich immer der ätherischen Schönheit bewusst und liefern acht Lieder ab, die man nie mehr aus seinem Leben lassen möchte. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Gruppe nun bis in die Unendlichkeit zusammenbleibt.

Anspieltipps:
Slomo, Star Roving, Go Get It

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.