Monat: Mai 2017

Live: British Sea Power, Werk 21 Zürich, 17-05-23

British Sea Power
Support: Pictish Trail
Dienstag 23. Mai 2017
Werk 21, Zürich

Lasst die Tänzer das Fest übernehmen – und kaum war dieser Ausspruch ein paar Mal proklamiert worden, musste man sich den kleinen Konzertraum des Werk21 plötzlich mit riesigen, tanzenden Bären teilen. Willkommen im Zauberwald der Englischen Rockmusik, willkommen auf der aktuellen Tour von British Sea Power. Nebst der waldlich dekorierten Bühne, inklusive skeptisch dreinschauender Eule, gab es an diesem Auftritt in Zürich auch Rock-Songs zwischen Romantik und Gesellschaftskritik.

Um ihr neustes Album vorzustellen, begab sich die Gruppe aus Brighton wieder auf die Reise und spielte beim hiesigen Stopp ein Set, das sich schwer auf „Let the Dancers Inherit the Party“ stützte. Gleich neun Songs gab es von diesem roten Album zu hören, was nicht immer gleich gut klappte. Denn obwohl Stücke wie „Bad Bohemian“ oder natürlich das grossartig fröhliche und besonders im deutschsprachigen Raum perfekt funktionierende „Keep On Trying (Sechs Freunde)“ angenehm dahinflossen und die Leute auch zum Tanzen brachten, fehlte während des Konzertes manchmal etwas die Energie.

British Sea Power sind immer dann am besten, wenn sie ihre interessante  und irgendwie nicht fassbare Mischung aus Indie, Post-Punk und alternativem Rock ausufern lassen. „No Lucifer“ oder „Remember Me“ brachten da schon mehr Schmiss in die Party und die Gitarren durften sich auch mal frech auftürmen, um zuoberst auf dem Klanggipfel mit Bass und Geige zu ringen. Aber es ist natürlich auch schwierig, ein Set zusammenzustellen, das die gesamte Zeit seit 2000 glücklich zusammenfasst. Und bei British Sea Power ging es schon immer mehr um das Gefühl.

Die Emotionen stimmten an diesem Dienstagabend auf jeden Fall, war der Auftritt doch herrlich entspannt und voller Glücksmomente. Da fiel es manchmal gar nicht auf, dass einem die Band geradezu frech noch etwas Gesellschaftskritik vor den Latz knallte. Und auch bei Pictish Trail gab es viele heitere Gesichter zu sehen, wussten der schottische Musiker Johnny Lynch und seine Begleitung doch mit wenigen elektronischen Folksongs die Besucher aufzumuntern. Und wer schaffte es schliesslich zuletzt, an einem Abend thematisch von Superman II über Fargo zum Eurovision Song Contest zu gelangen?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

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ABAY – Conversions Vol. 1 (2017)

ABAY – Conversions Vol. 1
Label: Unter Schafen, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Cover

Die Kunst der Cover-Versionen wird ja gerne darin gesucht, dass sich ein Musiker fremde Ware zu Eigen macht und aus einem bereits tollen Song einen noch besseren oder gleichwertig guten Track bastelt. Die wahre Kunst liegt aber in der Fähigkeit, Unvergleichliches zur Einheit zu verpacken und dabei den Humor nicht zu vergessen. Und ABAY haben dies mit ihrer EP „Conversions Vol. 1“ zum diesjährigen Record Store Day eindeutig geschafft! Schliesslich tummeln sich hier The XX und Massive Attack neben ABBA und Scooter – ohne sich zu verunglimpfen.

Dabei mögen es gar nicht alle bei ABAY, zu covern und die Songs kamen aus unterschiedlichsten Richtungen auf die Musiker zugeflogen. Ob Auftrag, Geschenk oder persönlicher Wunsch, die neue Band des ehemaligen Blackmail-Sängers Aydo Abay vermengt hier alles. Und dabei ist schön zu sehen, dass die Gruppe ihren eigenen Klang beibehalten kann. Alternativer Rock, der schon auf dem Album „Everything’s Amazing And Nobody Is Happy“ gerne mit dem unrasierten Pop tanzte. Und auch hier bei „Conversions Vol. 1“ wird aus dem Electronica-Traum „Paradise Circus“ von Massive Attack ein treibender Rock-Song, genauso wie „Angels“ von The XX nun eher aufweckt als schläfrig macht.

Die Highlights auf der limitierten Pressung für den diesjährigen Record Store Day gelingen ABAY aber mit „All The World Is Mad“ von Thrice und dem Scooter-Medley „Always Hardcore“. Ersteres steht für knirschende Intensität, zweites für folkig hüpfenden Spass ohne Geballer. Und da es die Band geschafft hat, aus beiden eine feinfühlige Neuinterpretation zu schälen, kann ich nur meinen Hut ziehen. „Conversions Vol.1“ ist also nicht nur für Cover-Liebhaber ein gefundenes Fressen, sondern eine Talentschau der beteiligten Musiker. Bitte mehr davon.

Anspieltipps:
Paradise Circus, All The World Is Mad, Always Hardcore

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Nathan Gray – Gefühle und Totenköpfe

Seine Musik und sein Album warfen grosse Schatten vor sich – und auch nach der Veröffentlichung von “Until The Darkness Takes Us” gibt es noch einiges zu bereden. Wir nutzten die Gelegenheit um vor dem Konzert in der Hafenkneipe Zürich mit Nathan Gray und Daniel E. Smith vom Nathan Gray Collective zu sprechen. Und dabei packten wir nicht nur den Teufel bei den Hörnern, sondern auch im Buch geblättert und in unser Inneres geschaut.

Michael: Wie ihr sehen könnt, sind wir hier in einer ziemlich kleinen Lokalität – besonders für dich, Nathan. Wie fühlt sich diese Tour an, nachdem ihr vorher grosse Festivalbühnen und Lokale bespielt habt?

Nathan: Es fühlt sich grossartig an. Klar, das sind natürlich nicht boysetsfire. Wir beginnen hier, eine komplett neue Fanbasis aufzubauen. Und jede Nacht ist es genau das, das Suchen von Verbindungen und Überzeugungen. Genau darum geht es mir auch, dass die Leute kommen und eine gute Zeit haben. So versuchen wir von Beginn an, eine tief persönliche Bindung zu unseren Fans aufzubauen und sie in unsere Arbeit mit einzubeziehen.

Daniel: Und am Ende jedes Auftritts sind wir auch bei den Leuten, geben Umarmungen, schreiben Autogramme und schütteln Hände. Es sind keine riesigen Hallen, in denen man von der Bühne geht, ohne dass uns jemand bemerkt.

Ihr seid dieses Projekt auch anders angegangen als sonst. Es sind sehr direkte Texte und persönliche Themen – aber wird das weiterhin hinter der Musik stehen? Werden die Besucher trotzdem die Musik hören, ohne sich um den Inhalt zu kümmern?

Nathan: Das spielt uns nicht direkt eine Rolle. Manche sind damit zufrieden, wenn sie tanzen und feiern können, den Alltag hinter sich lassen – wir geben ihnen auch diese Möglichkeit. Aber es gibt auch immer Leute, die eine tiefere Erfahrung suchen. Und auch diesen bieten wir etwas an. Ich “diskriminiere” in dieser Hinsicht niemanden.

Daniel: Sehr wichtig war es für uns, bereits zu Beginn der Arbeit am Album die Atmosphäre der Lieder so hinzukriegen, wie Nathan es sich vorgestellt hatte. Die Scheibe hat eine extreme Dynamik. Es wurde bewusst so aufgebaut, um den textlichen Inhalt zu verstärken. Aber man spürt die Botschaft auch, wenn man den Gesang nicht versteht

Ihr habt die Musik im Vergleich zu früheren Alben ziemlich verändert, besonders du, Nathan. Alles wirkt nun stärker wie Dark Wave oder Gothic, das spürt man besonders in Songs wie „Skin“. War dies eine bewusste Entscheidung?

Daniel: Diese Art von Musik war schon immer in mir drin, mein tägliches Brot sozusagen. Nathan hat es als Zuhörer immer genossen, kam aber nie als Musiker zu diesem Erlebnis. Also war sein schier popartiger Stil beim Songwriting genauso eine Grenzverschiebung für mich, wie das Elektronische bei ihm.

Nathan: Und das ist so toll an diesem Album – wir durchbrechen die Schubladisierung. Es war mehr ein “finden wir heraus ob dies funktioniert”, was in uns lauert, als ein konkretes Genre. Ich glaube, wir haben es gefunden und es ist fantastisch.

Nicht für alle, es gab ein paar ziemlich durchmischte Rezensionen.

Nathan: Ach, die gibt es immer, man kann es nicht allen recht machen. Es gab schlechte und gute Kritiken – und manche waren sogar persönlich gemein, ohne Bezug zur Musik. Aber alles, was man im Leben und in der Musik machen kann ist: Tu was du magst, was dich bewegt. Nicht mein Problem, wenn es dir nicht gefällt.

Daniel: Und wir wussten, dass es ein Album wird, das man entweder liebt oder hasst – und erwarteten somit ziemlich schlimme Kritiken. Es gab viele Erwartungen in Richtung “boysetsfire light” – aber das sollte es niemals sein. Und wer diese Erwartung bereits hatte, der wollte sich auch nicht überzeugen lassen.

Glaubt ihr, das hat auch etwas damit zu tun, dass sich die Leute nicht mehr intensiv mit der Musik beschäftigen wollen? Schliesslich kann man heute alles mit einem Klick anhören, oder man betrachtet Konzerte nur noch durch seinen Bildschirm am Smartphone.

Nathan: Die Leute wollen es manchmal einfacher. Viele wollen halt die Wiedervereinigungen, die Sachen, die man ohne Aufwand sofort begreift. Aber unsere Platte ist weniger ein Album, es ist mehr ein Audio-Film. Das haben wir bewusst so gestaltet und viele werden das auch begreifen.

Daniel: Ich glaube, dass das Album als Konzeptform eine verlorene Kunst geworden ist. Dank Dingen wie Napster oder Spotify suchen die Leute nur noch nach der nächsten Single und spielen keine kompletten Platten mehr. Nathan und ich haben das früher noch getan, man musste sich Scheiben von Pink Floyd, The Who oder The Beatles konzentriert und als Gesamtes anhören. Wenn ein Album als Ganzes keinen Sinn macht, dann muss ich mich damit auch nicht beschäftigen.

Nathan: Genau, wer will das schon? Eine Scheibe mit zwei Hits und sonst nur Füllmaterial. Was soll der Sinn sein, ihr vergeudet doch nur eure Zeit. Veröffentlicht besser nur die Single.

Ihr habt sogar ein Buch zum Album veröffentlicht, die Aussage hinter dem Werk ist also sehr wichtig. Was war denn zuerst?

Nathan: Die Idee hatte ich schon lange, doch erst mit dem Album sprang der Funken über. Wir hatten das Konzept und ich wollte die gesamte Geschichte erzählen. Die Musik sollte deutungsoffen sein, darum habe ich das Buch als Begleiter erschaffen, damit man meine Geschichte dahinter sieht. Und ich damit den Leuten zur Findung ihrer eigenen Story helfen kann – als Inspiration.

Das Buch hatte also keinen direkten Einfluss auf das Songwriting? Gerade weil du die Kapitel auch nach den Songs benannt hast.

Nathan: Das war gedacht, um die Leute durch das Album zu führen und damit sie immer sehen können, wo ich selbst an diesem Punkt war.

Daniel: Das Album hat, auch ausserhalb des Buches, einen definitiven Start und und ein definitives Ende, mit einer linearen Geschichte. Die Songtexte nehmen dich mit auf die Reise und die Musik bietet weitere Emotionen. Man kann das Album anhören und es dabei wie ein Horoskop als Leitfaden benutzen.

Allerdings ist es auch ziemlich bestimmt. Ich selber war etwas verwirrt, wie selbsthilfemässig es manchmal war und wie wenig über die Musik darin stand. Denkt ihr nicht auch, dass es etwas zu missionarisch ist und auf Leute, die euch nicht so gut kennen, etwas abschreckend wirken kann?

Nathan: Das ist für mich eine sehr verwirrende Frage – ich habe immer sehr persönliche Musik gemacht. Wenn dies also jemanden stört, dann hat er mir die letzten 20 Jahre nicht zugehört.

Sicher, aber das war doch oft auch die grösste Kritik: Der Inhalt ist zu stark bei den Aussagen der „Church Of Satan“.

Nathan: Ja, aber das Buch hat diese Diskussion doch beendet. Ich sage klar, dass ich niemanden dazu inspirieren und kein grosses Thema daraus machen will. Es war nötig, dies zu erklären, damit die Leute sagen: “Ok, ich habe dich verstanden.” Es ist mir total egal, ob es jemand mag oder nicht – es gibt bestimmt genügend Glaubensrichtungen, die dir komplett egal sind. Wir als Band forcieren dies nicht und genau darum war das Buch auch für unsere Positionierung wichtig. Ebenso habe ich mit dem Buch einige persönliche Dinge geklärt und die Geschichte von boysetsfire beleuchtet. Wenn jemand ein Problem damit hat, dann soll er sich verpissen. (lacht)

Ihr denkt also nicht daran, noch mehr Symbolik einzubauen?

Nathan: Davon haben wir uns auf dieser Tour entfernt. Das letzte Mal war alles in rotes Licht getaucht, mit Ziegenschädeln und ähnlichem Zeugs – totales Klischee. Heute wirst du nebst den Schädeln auch Blumen und eine romantische Stimmung vernehmen. Mir ist Satan egal, das hat für mich keine Bedeutung. Man braucht all diese Religionen nicht. Was für jeden spricht ist die Idee, dass wir keine externen Kräfte brauchen, um uns aufrecht zu halten. Das können wir selber aus uns erschaffen. Eine Welt ohne externe Autorität, genau das unterstützen wir. Wir sollten unser Leben in vollen Zügen geniessen, fröhlich und das Beste in allem sein. Glückliche Menschen erschaffen eine glückliche Welt, und das hilft deinen Mitmenschen, sich besser zu fühlen – eine Wechselwirkung.

Nathan, im Buch schreibst du über die Schwierigkeiten zu Beginn deiner Karriere. Habt ihr denn ein paar Tipps für junge Bands?

Daniel: Seid geduldig und gebt nicht auf. Ich wollte seit ich Kind war ein “Rockstar” sein – aber wusste spätestens mit dreissig, dass es nicht passieren wird. Ich wollte mich auf die Studioarbeit konzentrieren und fünf Jahre später kommt dieser Typ an (zeigt auf Nathan) und nimmt mich in seine Band. Hier wollte ich eigentlich schon mit zwanzig sein.

In einem Keller mit Ventilen … (lachen)

Daniel: Als ich zehn war dachte ich: “Könnte ich doch bloss in einem Verliess sein. Mein Leben wäre komplett!”. Aber ja, man muss einfach weiter probieren und darf keinen Soforterfolg erwarten. Das tolle sind aber die schier unendlichen Möglichkeiten, die das Internet für Musik und Fans bereithält.

Nathan: Aber tut es nicht! Lernt einen Beruf! Sonst macht ihr es uns nur schwieriger, der Markt ist überflutet. (lacht)

Ist denn Musik das Endziel oder ein Mittel und Ort, um sich zu finden oder zu verstecken?

Nathan: Es kann alles davon sein. Musik, die Bühne oder das Studio sind unsere psychiatrischen Liegen und darauf kannst du die Musik benutzen wie du willst. Es ist ein menschliches Ritual, etwas, das mehr als Umstand und Ausdruck ist. Es ist all deine Liebe, Hass, Freude oder Lust – alles, was du in dir trägst und selten rauslässt. Dass du dich mit diesen Teilen verbinden kannst ist wichtig, so kannst du den Ausgleich finden.

Daniel: Ich war immer jemand, der es liebte zu kreieren. Und ich war immer der Studio-Nerd. Es war jedes Mal die Erlösung für mich, nach der Arbeit fähig zu sein, aus dem Nichts etwas komplett Neues aufzubauen. Ohne Erwartungen oder Termine. Es war schon immer meine glückliche Zuflucht.

Das freut mich zu hören, und besten Dank für das Interview.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Smools – Züri-Punk ist wieder da

Der Punk nimmt sich nicht mehr ernst! Aber das ist auch kein Problem, denn Smools aus Zürich beweisen mit ihrer neusten EP “We Said Never“, dass dem Genre auch Rock und Pop gut tut. Mit fünf neuen Songs beweist die Band ihr Talent und ihre Offenheit – und lädt dabei auch zum Tanz ein. Das haben wir noch nicht gewagt, dafür einen Wortwechsel mit Martin Burkhard, Gitarrist und Sänger der Band.

Der Titel für dieses Interview lautet “Züri-Punk ist wieder da” – war dieser denn jemals weg?

Schöner Titel. Wir ordnen uns musikalisch nicht im reinen Punk ein, haben aber persönlich viel damit am Hut. Anfangs der 2000er war Punk für uns sehr prägend. Wir und sehr viele unserer Bekannten spielten in Punk-Bands und besuchten unzählige Konzerte. Es gab danach aber tatsächlich so etwas wie eine Punk-Flaute in Zürich. Wir haben den Punk musikalisch und privat jedoch immer ein Stück mitgetragen und ich glaube, das hört und spürt man auch – komplett weg war er jedenfalls nie. Wir freuen uns natürlich, wenn wir da einen Teil beisteuern können.

Smools sind eine frische Band, die aber mit der Musik in alte Fusstapfen treten. Gilt das Erbe der damaligen Zeit mit Liliput, Kleenex oder Sperma auch heute noch?

Wir tun, was wir wollen und lassen uns da auch nichts einreden. Punk ist so wundervoll, weil man niemandem etwas beweisen muss. Man tut, was man kann und versucht, so authentisch wie möglich zu sein. Leute stehen sogar drauf, wenn eine selbst produzierte Platte wie unsere aktuelle „We Said Never“ nicht mit überproduziertem Hokuspokus daherkommt.

Ist der Boden in Zürich immer noch nahrhaft genug für eine Szene im Anti-Rock oder Punk?

Punk ist präsenter als es scheint, existiert immer noch in vielen Szenen – und hat sich irgendwie ja auch weiter entwickelt.

Gibt es somit einen regen Austausch zwischen Musikern und Bands, oder schlingert man da eher per Zufall rein?

Wenn man als Musiker auf der Suche nach einer Punkband ist, wird man die sehr wahrscheinlich auch finden. Wenn man Leute für eine Neugründung einer Punkband sucht, sollte das nicht so ein Problem sein. Viele beginnen ihre „Bandkarriere“ schliesslich mit Punk-Musik.

Ihr seid mit euren Texten nicht direkt politisch. Ist dies bewusst ausgeklammert worden (Punk steht auch für Spass), oder war die EP “We Said Never” nicht das richtige Gefäss?

Unsere Songs sind bis auf einige, die wir nicht aufgenommen haben, nicht politisch. Das hat aber keinen speziellen Grund. Wir sind nunmal keine konkrete Polit-Punk Band. Was aber nicht heissen soll, dass in Zukunft nicht doch noch politische Songs geschrieben werden.

Darf man in einem solchen Genre überhaupt nur Humor wollen?

Humor ist sehr wichtig. Ob man jetzt nur auf Humor setzt, ist jedem selbst überlassen. Im Punk hat man ja zum Glück eine sehr grosse Auswahl. Man findet schon, auf was man gerade Bock hat.

Ihr mischt in Songs wie “Dalton” den ursprünglichen Punk mit eher massentauglichen Arten von Musik. Dabei entsteht schnell dieses typische Gefühl von Schweizer Gitarrenmusik. Kann man dies eigentlich in Worte fassen?

Das tut uns natürlich Leid. 😉

Lassen sich Punks eigentlich durch Pop-Einflüsse vor den Kopf stossen? Muss man mit eingängigerem Klang auch Missgunst erwarten?

Auf keinen Fall, es gibt nicht den Punk. Es gibt diverse Subgenres, von denen wir einiges in unser Songwriting mischen. Wir machen in erster Linie „Raw’n’Roll“ um nicht behaupten zu müssen, dass das, was wir tun „der Punk“ ist. Es ist natürlich klar, dass du nicht jedem gefallen kannst. Wir hatten aber auch schon viele gute Gespräche, unter anderem mit HC-Punk- oder Pop-Rock-Bands, die völlig respektieren, was wir tun. Wir haben auch sehr grossen Respekt vor dem, was andere Bands machen, sei es nun Pop, Punk, Funk oder was auch immer.

Allgemein: Erwartungen – wie stellt man sich das Leben in einer noch frischen und eher unbekannten Band heute eigentlich vor? Darf man noch von grossen Tourneen und unzähligen Groupies träumen?

Träumen geht immer – wir sind bis jetzt nicht mal aus Zürich rausgekommen. Das hatte natürlich einige Gründe. Mittlerweile können wir raus und spielen zum Beispiel auch in Deutschland und Polen, aber von grossen Tourneen kann nicht die Rede sein. Wir freuen uns aber immer, wenn wir live spielen können – was jetzt endlich wieder der Fall sein wird. Yeah!

Für was steht eigentlich “Smools”?

Das verraten wir nur unter vier Augen, an der Bar, an einem unserer Konzerte. Zum Beispiel am 5.5.2017 an unserer Plattentaufe im Provitreff.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Legendary Lightness – April Hearts (2017)

The Legendary Lightness – April Hearts
Label: Ronin Rhythm Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative Rock

Wenn sich der Vorhang hebt, sehen wir zuerst nur einen leeren, aber hübschen Stadtplatz. Nach und nach füllt sich die leere Fläche aber mit fremden Leuten, welche sich zufällig hier einfinden und gruppieren. Und nach wenigen Malen Blinzeln führen diese doch spontan zusammen ein Theater auf, ohne vorher etwas abzusprechen. Ein faszinierendes und fesselndes Schauspiel – genau so kommt „April Hearts“, das bereits dritte Studioalbum von The Legendary Lightness, daher. Und die Musik von Daniel Hobi gibt sich dabei alle Mühe, dieses Bild zu vervollständigen.

Die Band aus Zürich fand mit ihrem letzten Album grossen Anklang und kombinierte alternative Musik geschickt mit einer Band, die so eher im Jazz zuhause ist. Auch auf „April Hearts“ klingen The Legendary Lightness somit nicht nur nach Gitarrenläufen und sanftem Gesang, sondern Klarinette, Saxophon und viel Perkussion. Das Album atmet den Flair der komplexeren Musik, zupft sich durch Melodien und erscheint wie eine Frühlingsbrise. Lieder wie „Oh How She Sways“ wirken erhaben, locken mit schultergezucktem Refrain, andere wie „Rocking Chair“ sind extrem elegant und im Geiste der royalen Pop-Musik.

Diese Platte ist somit nicht nur eine Kette von Kompositionen, sondern eine Reihe von stimmungsvollen Schnappschüssen und eingängigen Versprechen. Alles ergänzt sich, ohne sich zu stark zu fügen, da darf auch der Blues eingreifen oder der Folk – es sträubt sich niemand vor diesen Berührungen. The Legendary Lightness haben nicht nur ihren Bandnamen musikalisch umgesetzt, sie bieten kurze Urlaube in freundliche Gebiete. So werden neue Träume geboren.

Anspieltipps:
April Hearts, Oh How She Sways, Paper Doors

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Winter Passing – Double Exposure (2017)

The Winter Passing – Double Exposure
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative, Emo

Die Stimmen locken dann doch immer wieder am meisten, egal wie grossartig die Instrumente hier aufspielen. Aber bei der neusten EP von The Winter Passing zeigt sich wieder einmal, was eine packende Gesangsmelodie doch alles auslösen kann. Denn die Band aus Irland besticht auf „Double Exposure“ nicht nur durch eindringliche Musik, sondern auch persönliche Texte, welche gleich zweistimmig vorgetragen werden. Rob und Kate Flynn stürzen sich gemeinsam in Refrains und wechseln sich effektvoll bei den Strophen ab – dabei erhalten die Lieder eine wunderbare Intensität.

Aber was erwartet man von einer Truppe, die sich musikalisch im alternativen Rock positioniert und dabei gerne in den Emo oder Punk abdriftet? Genau, Ehrlichkeit und Eindringlichkeit. Lieder wie „Significance“ oder „Like Flower Ache For Spring“ bieten auch genau dies, mit tollen Gitarrenspuren, einem trockenen Schlagzeug und dem Gefühl, hier Musikern zu begegnen, die man seit Ewigkeiten kennt. Was sich auch bei der Musik von The Winter Passing ähnlich verhält – denn obwohl hier nichts komplett Neues erfunden wird, ist man immer wieder positiv von den Wendungen überrascht, welche die Songs einschlagen.

So hört man sich „Double Exposure“ immer wieder an, egal ob auf der Arbeit, im Auto oder gemütlich auf dem Sofa – und findet immer wieder einen sicheren Hafen in einer Welt von Instabilität. The Winter Passing gehen mit ihren Kompositionen zum Glück genauso roh um wie auch unsere Umwelt mit unserem Dasein, damit wirkt nichts verfälscht. Vielmehr möchte man die Leute gleich einladen, doch bitte ihr nächstes Konzert im eigenen Wohnzimmer zu spielen. Alternativer Rock rettete die Welt schon immer durch die Hintertür – und diese Band kommt gleich mit den Angeln herein.

Anspieltipps:
Significance, Like Flowers Ache For Spring, Es•cap•Ism

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Austra – Future Politics (2017)

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Austra – Future Politics
Label: Domino Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: New Wave, Electronica

Auch sechs Jahre danach hallen die Lieder „Beat And The Pulse“ oder „Lose It“ im Kopf nach – besonders wenn man sich der neusten Musik von Austra widmet. Dies zeigt umso stärker, dass die Band aus Kanada mit ihrem Debüt 2011 einen wirklich bleibenden Eindruck im Gebiet des Dark Wave und Synthie-Pop hinterlassen hat. Leider vermochte der Nachfolger diese Last zwei Jahre später nicht zu tragen – umso gespannter war ich darum auf „Future Politics“, das dieser Tage nun unsere Wohnungen beschallt. Und um es kurz zu machen: Das Ausharren hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Austra machen sich besonders durch den Gesang von Katie Stelmanis einzigartig. Die Frontfrau und klassisch ausgebildete Sängerin thront mit ihrem Organ über der Musik und scheut sich auch nicht vor Melodien, die viele Oktaven durchschreiten. Auch auf „Future Politics“ gibt es somit wieder Berg- und Talfahrten, aber auch Zurückhaltung wie beim wunderschönen „I Love You More Than You Love Yourself“. Hier zeigen Austra, dass ihre Popmusik immer mit frechen Wendungen aufwarten kann und die Band darum so reizvoll macht. Mysteriös und digital, trotzdem liebevoll und freundlich.

„I Am A Monster“ beginnt somit als Oper, schlittert in den Trance der Neunziger und wandelt sich zu Ambient-Techno. „Utopia“ ist ein wichtiger Teil dieser Hit-Maschine, darf aber süss stolpern. „Future Politics“ hat somit viele Bühnenbilder und missbraucht keine Idee. Austra passen sich somit nicht nur deinen Gefühlen an (oder umgekehrt), sie sind auch als Band und Komponisten wieder voll da. Wer sich gerne hochstehend über Synthie-Musik auslässt, der findet hier viele hübsche Zitate.

Anspieltipps:
Future Politics, I Love You More Than You Love Yourself, Gaia

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A New Prog Metal Force

Interview mit: James Lascelles – Gitarrist bei Wheel.

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?
It definitely is; we are really happy with the recordings, especially as we tracked everything in only two days. We are looking forward to see how people react to our music.

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?
These tracks laid the framework for the stylistic direction we collectively wanted to go in and after significant reinvention, the songs have evolved into what we are releasing on 21.4. Releasing the three songs together on an EP felt like the right way to do it.

You have been playing live together since 2015. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?
Not at all; it is a different kind of battle than a gig though. We are extremely organised with recording and make sure that we know exactly what we want to play before we set foot in the studio. All of the writing / structuring etc happens in the practice room beforehand, allowing us to focus fully on getting the best possible takes in the time we have during the tracking phase.
There is something immensely satisfying about completing a recording and hearing the composition as a whole; I think this is a major drive for all of us and it definitely helps to keep us motivated and energised in the studio.

Finland is not best known for its prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?
All of us are long term fans of a range of different prog music and bands. I discovered Tool when I was 16 and a studio engineer gave me a director’s commentary of the Aenima album; it really opened my eyes to how creatively structure, poly-rhythms and dynamics can be used to the most dramatic effect in song writing – I have been hooked ever since.
There is a real sense of freedom when writing progressive music as many of the limitations that other styles can face are removed from the conversation. We can produce much longer and bigger songs than bands playing other styles of music, rather than having to keep things around the 3-4 minute length. Additionally, we are not trying to write music to dance to, so using abstract time signatures and other interesting writing elements is much more acceptable.
More than anything, we want to write the best and most interesting music we possibly can and continue refining the process indefinitely.

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?
They absolutely were. This first EP was written at a time where pretty much all I listened to was Tool, A Perfect Circle and Karnivool and I am sure listeners will pick up on these influences when they listen to the EP. These are still three of my favourite groups of all time and have definitely had a major impact on the music we produce.

Would you say the Finnish countryside had also influence into your work or are you more focused on live in urban areas?
Finland is a beautiful country with some amazing people in it; I have lived here for 7 years and can’t imagine living anywhere else. However, all four of us live in the Greater Helsinki area so truthfully, I don’t think the Finnish countryside has had any impact on our music so far!

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery or Leprous. Is it a new dawn and era, and will it last?
This is a great question. The prog scene has had a second-wind in the recent past and it is a truly vibrant scene to be part of; there are some great new bands out there doing some awesome stuff with the style we love; reassuringly, there is still a market for prog!
Speaking more broadly though, so much has changed within the music industry over the past fifteen years that it is very hard to see any of this change, (with new prog bands) as being permanent. Small-medium sized venues seem to be shutting down increasingly year after year which is removing a channel for new bands to enter the scene, record labels (in Finland at least) have the bulk of their resources tied up in reality television such as Idols, preventing them from having the capital to invest in more ‚artsy‘ music and in most countries, physical music sales are disappearing or have disappeared. This doesn’t mean that it is impossible for new bands and that there aren’t paths for them to follow if they want to make music professionally but it feels increasingly like there is no road map for young people to use if they want to do so.
On the positive side, there has been a flood of new channels and methods to distribute music over the past ten years and communicating directly with a band’s fan base has never been so easy. If bands can use these tools to their full potential, there are still ways to get people to hear new music and for a band’s fan base to grow.

Which partners in crime would be the best for a blasting prog tour through Europe?
There are a huge list of bands we would like to play with; off the top of my head, we would love to tour with Tool, A Perfect Circle, Karnivool, Meshuggah and Steven Wilson.

Is the wheel always turning?
The wheel never stops turning and we wheely hate bad puns.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir in deutscher Übersetzung.

Diet Cig – Swear I’m Good At This (2017)

Diet Cig – Swear I’m Good At This
Label: Frenchkiss Records, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Punk, Indie

„Bereit?“, fragt Sängerin und Gitarristin Alex Luciano schelmisch nach dem etwas nölenden Start von „Sixteen“ – aber ohne unser Zögern abzuwarten, steigt sie mit ihrem musikalischen Partner Noah Bowman in das erste Album von Diet Cig ein. Sogleich gibt es rumpelnde Schlagzeugmuster, etwas lose klingende Gitarrenakkorde und die oft etwas instabile Stimme Lucianos – Pop-Punk aus der Garage.

Das wunderbare an „Swear I’m Good At This“ ist aber nicht nur, dass dieses Debüt die Vorboten und bereits bekannten Songs übertrifft, sondern auch immer die Sonne über der Musik aufgehen lässt. Wenn Diet Cig in ihren kurzen und lebensfreudigen Liedern ehrlich über den Alltag und die Sorgen in einer kleinstädtischen Umgebung singen, dann fehlt weder Lust noch Spass. Vielmehr wird man schnell zum Mitsingen verleitet und möchte auch gerne ein Instrument übernehmen.

Diet Cig sind zwar ein Duo, die Restriktionen im Sound fallen aber nicht störend auf. Tracks wie „Bite Back“ oder „Barf Day“ zwinkern im krummen Lo-Fi-Gewand und lassen sich durch nichts stoppen. Geschickt eingesetzte Effekte wie Hall und Echos verleihen den richtigen Momenten eine Tiefe und die erzählenden Lyrics tun ihr Übriges. Hier geht es nicht um Aggressivität und No Future, hier geht es um die lebenserfüllende Nacht und die schmutzigen Banalitäten.

Anspieltipps:
Bite Back, Barf Day, Road Trip

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.