Irascible

Egopusher – Blood Red (2017)

Egopusher – Blood Red
Vertrieb: Irascible, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Electronica, Techno

Diesem Duo gebührt grossen Respekt. Denn Tobias Preisig und Alessandro Giannelli haben es nicht nur geschafft, die selten gehörte Kombination aus Geige und Schlagzeug zu einer neuen Sternstunde zu bringen, sondern auch zwischen Auftritte in Berlin, Schweiz und China endlich ein Album zu schreiben. „Blood Red“ heisst das erste, vollwertige Kind von Egopusher und verbindet nicht nur alle angesprochene Welten auf wundervolle Weise, sondern eröffnet ein neues und aufregendes Kapitel der Bandgeschichte.

Die Besetzung als Duo kann oft zu Musik führen, die dem schlummernden Potential nicht gerecht wird. Bei Egopusher passiert zum Glück das Gegenteil: Giannelli und Preisig treiben sich gegenseitig zu neuen Höchstleistungen und wissen kongenial, ihre Instrumente zu ergänzen. Wenn sich die Geigen leidenschaftlich und emotional im Hintergrund halten, wird ein perkussiver Teppich gelegt. Wenn sich die Beats laut durch die Zimmer toben, dann jaulen die Seiten und treiben die Musik an. Dank Synthiespuren, Basspedalen und Electro-Drum erhalten Stücke wie „Jennifer (William Part II)“ eine unglaubliche Tiefe und Dynamik.

Immer instrumental gehalten und eine geschmacksreiche Mischung zwischen modernem Techno und kunstvollem Indie, zaubern Stücke wie „Flake“ oder „Blood Red“ ein Lachen auf die Lippen der Hörer und laden zum Tanz ein. Man spürt in der Musik von Egopusher somit nicht nur die grossen Talente des Duos, sondern auch die Einflüsse ihrer Reisen. Ob das Deutsche Nachtleben oder die Nachdenklichkeit der einsamen Stunden auf Achse – hier vermengen sich Stimmung und Ausdruck perfekt.

Anspieltipps:
Flake, Jennifer (William Part II), Blood Red

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Wolfman – Sun Sun (2017)

Wolfman – Sun Sun
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Synthie-Pop

Ist es zu frech, hier etwas beruhigt „Endlich!“ zu schreiben? Denn mit ihrer neusten EP und dritten Veröffentlichung haben Wolfman genau diese Songs veröffentlicht, die ich bei ihnen schon immer herausgespürt habe. Das Duo aus Zürich hat sich nach zwei wundervollen, aber immer sehr zurückhaltenden Alben nämlich auf „Sun Sun“ an den Synthie-Pop herangetraut – in voller Blüte und Lautstärke. Bevor sich Fans der Musiker nun bereits abwenden: Keine Angst, die angenehme Art der Distanz ist immer noch vorhanden.

Mit fünf Songs, welche von Katerina Stoykova und Angelo Repetto auf das Nötigste reduziert wurden, darf man mit Wolfman nun auch im modernen Club zwischen Existenzialisten und Spasssuchern antanzen. Nach sphärischem Start und der eher düsteren Weiterentwicklung beim zweiten Album „Modern Age“, gibt es nun Indie mit viel Synthies und Tanzrhythmen. Die Gitarren wurden aber beibehalten und ergänzen die wunderbar analogen und polternden Takte. Ob „Play It Cool“ nun an Róisín Murphy, oder „Tell Us We’re Crazy“ wunderbar lasziv schmachtend an Lana Del Rey erinnert – die Zürcher Eigenständigkeit bleibt in der Musik.

Dass Wolfman diese Lieder gemeinsam im Duo erschaffen und eingespielt haben, das verwundert nur noch in der Klangdichte. Über das grosse Talent der Band weiss man schliesslich schon seit 2013 und dem Debüt „Unified“ Bescheid. Und dank Texten über die besorgniserregenden Umgangsarten der Menschheit zu Macht, Ausstrahlung und Natur kommt man auch lyrisch auf die Kosten. Irascible Records haben also für ihre erste Veröffentlichung mit „Sun Sun“ den perfekten Start auserwählt, schwingt bei diesen Tracks doch konstant das Gefühl der Zukunft im Schweizer Pop mit.

Anspieltipps:
Mark My World, Tell Us We’re Crazy, Sun Sun

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Noga Erez – Off The Radar (2017)

Noga Erez – Off The Radar 
Label: City Slang, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Dance-Pop, Electronica

Wer nicht sprechen darf, der soll um so lauter singen – und genau darum ist es wunderbar anzusehen, wie immer mehr weibliche Künstlerinnen und Musikerinnen überall auf der Welt ihre Stimme erheben und gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung ankämpfen. Israel war trotz seiner eher schmerzhaften und bis heute sehr komplizierten Geschichte immer ein guter Nährboden für neue Musik, und so dürfen wir mit “Off The Radar” das beeindruckende Debüt von Noga Erez erleben.

Die Sängerin aus Tel Aviv sorgte nämlich bereits mit ihrer ersten Single “Dance While You Shoot” für ordentlich Furore, ist dieser Pop-Track doch ein zerstückeltes Auskotzen und ein ordentliches Sperrfeuer. Nicht nur dank dem vertrackten Rhythmus und der minimalistischen Struktur, sondern auch den wichtigen und politischen Aussagen. Auch wenn auf “Off The Radar” gewisse Lieder daherkommen, als möchte Noga Erez mit ihrem Dance-Pop-Gewand nur unterhalten – unter der Oberfläche brodelt es. Synthies und Drumpatterns werden zu Waffen, die Texte geben den intoleranten Missetätern den Rest.

Noga Erez macht dies gleich mit den Songnamen klar und lässt “Global Fear” neben “Muezzin” und “Toy” tummeln. Dabei werden auch klanglich immer wieder neue Einschläge gewagt und viele Lieder und Zwischenteile geben sich genauso komplex wie auch wieder zugänglich. “Off The Radar” bleibt somit mit seinen 15 Liedern immer hochspannend und brandaktuell – und die erst 27-jährige Künstlerin ein neuer Fixstern am elektronischen Pop-Himmel. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser in Zukunft nur noch von Partys und nicht mehr durch Explosionen erleuchtet wird.

Anspieltipps:
Dance While You Shoot, Global Fear, Muezzin

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lea Lu – Rabbit (2017)

Lea Lu – Rabbit
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Indie, Pop

Wenn man an die Zürcher Musikerin Lea Lu denkt, dann sind es zwei Dinge, die offensichtlich erscheinen: Das Aussehen der hübschen Künstlerin und natürlich – und schlussendlich auch als einzig bestimmendes Element – die extrem wandelbare Stimme. Man durfte schon bei drei Studioalben und einer EP lauschen, träumen und seufzen – jetzt endlich gibt es neues Material. Drei Jahre sind seit dem letzten Werk „2“ vergangen und mit „Rabbit“ präsentiert uns Frau Lu sechs frische Stücke voller sanfter Emotionen.

Lieder wie „Go Slowly“ oder „Nothing Sweeter“ zeigen Lea Lu von diversen Seiten und bedienen sich mal mehr beim Indie, dann wieder beim klassischen Pop oder Folk. Immer stützen sich die Songs auf das Stimmorgang der Musikerin und bieten einen wunderbaren Teppich für Inspiration und Ausdruck. „Enjoy The Rain“ geht gar soweit, dass Soul fast a capella dargeboten wird und macht klar: Die hier gezeigte Ruhe ist mehr als nur Zufall. „Rabbit“ ist die perfekte Musik für entspannte Tätigkeiten und Spaziergänge. Es lädt dazu ein, die Welt wie durch Kinderaugen neu zu entdecken.

Darum reicht es auch völlig aus, dass die meisten der eher knapp begleiteten Lieder sich auf eine akustische Gitarre oder Klaviertupfer beschränken. Dieser Pop will genau betrachtet und entdeckt werden, Lea Lu will sich nicht bereits nach einigen kurzen Takten in eine Schublade stecken lassen. Und ohne, dass man es bewusst will, wachsen einem diese Kleinode ans Herz und man trägt sie in den Tag hinein. Stille Geniesser dürfen sich heimlich laut freuen.

Anspieltipps:
Go Slowly, Nothing Sweeter, Enjoy The Rain

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Yasmine Hamdan – Al Jamilat (2017)

Yasmine Hamdan – Al Jamilat
Label: Crammed Discs / Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: World / Electronica

Musik aus dem Libanon, wohl wenige von euch Lesern hören dies regelmässig oder können einen Künstler aus diesem Land aufzählen. Nun ist es aber an der Zeit umzudenken, denn mit „Al Jamilat“ ist das zweite Album der ehemaligen Sängerin von Soapkills zu verlieben bereit. Yasmine Hamdan hat nämlich erneut das Kunststück fertig gebracht, die westliche Musik in fremdländische Klänge einzubetten und somit Welten homogen zu verbinden. Arabischer Pop trifft auf Downtempo und Worldmusic – hier findet man wirklich die Hübschen.

Das Album fängt eigentlich ganz zärtlich an, doch schon nach wenigen Takten ist man in die tiefe und gerne auch etwas raue Stimme von Yasmine Hamdan verliebt. Bestes Beispiel ist die Single „La Ba’den“, welche alle Qualitäten der Künstlerin perfekt darlegt. Ergreifende Melodien, bezaubernden Gesang und eine durchdachte Instrumentierung. Dank den Produzenten Luke Smith und Leo Abrahams sowie den Musikern Shahzad Ismaily (Lou Reed) und Steve Shelley (Sonic Youth) birgt jeder Song ungeahnte Schätze und Möglichkeiten.

Wenn ein Stück wie „Assi“ vom sanftem Folksong zur Trip-Hop-Träumerei wird,oder unaufgeregte Melodien erotische Momente versprechen, dann geht die Musik von Yasmine Hamdan perfekt auf. Man merkt „Al Jamilat“ die Erfahrungen der Musikerin an, das Album wirkt wie eine Lebensreise. Musik wird hier zu einer Spielwiese voller schöner Mentalitäten, Elektronik und traditioneller Anstriche. Egal ob Lautmalerei oder Gesangsspiel, offene Ohren erhalten hier eine wunderschöne Horizonterweiterung.

Anspieltipps:
La Ba’den, K2, La Chay

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Animal Collective – The Painters EP (2017)

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Animal Collective – The Painters EP 
Label: Domino / Irascible, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental-Pop, Electronica

„It’s Kinda Bonkers“ – Es ist auf gewisse Weise verrückt. Ein Satz, der so zu praktisch jedem Album von Animal Collective passt – ist die Gruppe aus Amerika doch seit 2003 für experimentellen und gerne auch abgefahrenen Pop verantwortlich. 2016 erschien mit „Painting With“ das neuste Studioalbum, doch die Presse nahm das Werk eher enttäuscht auf. Um die Wogen wieder zu glätten, gibt es nun den Nachtisch in Form einer vier Songs langen EP. „The Painters“ nimmt nun die Pinsel in die Hand.

Siehe da, was auf Albumlänge gerne etwas in den elektronischen Versuchen und den wirren Einfällen verloren geht, funktioniert als kurzes Häppchen perfekt. Animal Collective servieren uns mit „The Painters“ nämlich einen kurzen Querschnitt durch ihr Schaffen und definieren ihre hyperaktive Musik mit fetten Konturen. „Kinda Bonkers“ übernimmt die Position des nervös plappernden Partygastes auf Jamaica, „Peacemaker“ bringt die krumm schwingenden Synths und Satzgesänge. Und bei „Goalkeeper“ ist scheinbar jede Restriktion vergessen, Instrumente und Stimmen machen, was ihnen beliebt – nur um sich dann perfekt im Refrain zu finden.

Animal Collective sind eine Band mit schier endlosem Einfallsreichtum, der so auch gerne überbordet. Doch wenn man sich konzentriert, entstehen solche starken Momente wie „The Painters“ EP. Mit dem Cover „Jimmy Mack“ von Martha & The Vandellas aus den Sechzigern gelingt ihnen dann noch der Sonnenuntergang, das Tanzlied, die Hommage an vergangene, lustige Zeiten. Die Synthies scheinen über den Rand zu schwappen, die Spielfreude explodiert. Geht doch, oder?

Anspieltipps:
Kinda Bonkers, Peacemaker, Jimmy Mack

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Alice Roosevelt – II (2017)

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Alice Roosevelt – II
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Rock, Shoegaze

„Daylight“ verwundert sehr, trifft das Lied doch mit afrikanischen Einflüssen und lockerem Gesang unvorbereitet, um dann immer weiter von den Gitarren in eine Klangwolke übertragen zu werden. Shoegaze hatte man eigentlich anders in Erinnerung, und die EP „II“ bleibt auch nicht so wild und perkussiv bei den restlichen vier Stücken. Die Überraschungsmomente haben Alice Roosevelt aus Nyon mit diesem Einstieg aber ganz klar auf ihrer Seite. Und ist es nicht wunderbar, wenn eine Band so weltoffen klingt?

2014 gründeten fünf Herren Alice Roosevelt aus der Asche der Gruppe Josef Of The Fountains und gaben mit der ersten EP auch gleich den Tarif durch. Ihre Musik ist nämlich nicht nur eine weitere Inkarnation des alternativen Rock, sondern lebt von den ewig kämpfenden Gegenpolen. Man holt sich aus dem Shoegaze die verträumte Flächenarbeit, das nachdenkliche Geniessen einzelner Töne und hält mit treibendem Schlagzeug und dem zappeligen Gesang von Patrick Dalzell dagegen. „Sparkling Gold“ oder „La Pregunta“ wirken darum immer nahe an der Explosion, die Band scheint die Kontrolle über die Songs schier zu verlieren.

Aber „II“ ist perfekt ausbalanciert, ohne in sich zusammenzubrechen. Alice Roosevelt spielen geschickt mit den Aspekten und lassen ihre Musik sehr international klingen. Mal fühlt man sich eher unter warmem Sonnenschein, dann wieder zwischen grauen Gebäuden mit dicker Jacke – aber immer ist alles organisch verbunden und logisch. Flirrende Gitarren treffen auf elegische Refrains – wir treffen auf fremde Kulturen und neue Freunde. Alice Roosevelt sollte man sich anhören und den Röstigraben endgültig mit Musik zuschütten.

Anspieltipps:
Daylight, Sparkling Gold, La Pregunta

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Phil Hayes & The Trees – Blame Everyone (2016)

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Phil Hayes & The Trees – Blame Everyone
Label: DALA Produkte, 2016
Format: Download
Links: DiscogsKünstler
Genre: Alternative Rock

Gewisse Künstler sind rastlos und vielbeschäftigt, die neuen Ideen müssen gleich verarbeitet werden. Denn im Hinterkopf fügen sich bereits im Schaffensprozess neue Visionen zusammen, die man nicht einfach verenden lassen kann. Phil Hayes ist nicht nur Schauspieler, Regisseur und kreativer Freigeist, sondern auch Musiker. Seit 2015 macht er zusammen mit Schlagzeugerin Sarah Palin und Bassist Martin Prader unter dem Namen Phil Hayes & The Trees wunderbar kargen Alternative Rock – schnell aufgenommen und wunderbar ergiebig.

„Blame Everyone“ lebt nicht nur von den reduzierten Songs und der klassischen Trio-Besetzung – sondern strahlt in seinen Live-Aufnahmen die perfekte Imperfektion von Rockmusik aus. Von Phil Hayes & The Trees innert vier Tagen in Winterthur aufgenommen, sind die Stücke nie glatt poliert und dürfen auch vieles offen lassen. Wie bei einem reizvollen Roman mit mehr Fragen als Antworten, sind Momente wie „Money Don’t Lie“ so aufgebaut, dass man sich in die Lieder vernarrt, aber am Ende der Platte immer noch durstig dasteht. Leichte Gitarrenmelodien, eine schnittige Rhythmusfraktion und die Kombination aller Stimmen sorgen für frische Luft im Proberaum.

Man merkt der Musik die Herkunft an, allerdings setzen Phil Hayes & The Trees auf die richtigen Werte der Heimat.  Hier wird es nie zu wild, „Blame Everyone“ fühlt sich wie eine Autofahrt in der Sonne an – mit Vorfreude auf einen tollen Konzertabend. Pop-Appeal und Rock, alternativ gemischt und immer mit leichter Schräglage – diese Scheibe ist einfach perfekt für zwischendurch. Und man wird immer wieder gerne darauf zurückkommen und interessiert hören, ob die Songs in der Zwischenzeit noch weiter gewachsen sind.

Anspieltipps:
Money Don’t Lie, Heavy Load, Undone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pamplona Grup – hoi. (2016)

Pamplona Grup - Hoi_MBohli

Pamplona Grup – hoi.
Label: Irascible, 2016
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Gipsy, Folk

Hoi. Ich bin es, das erste Album der bunten Truppe Pamplona Grup. Nein, wir kennen uns noch nicht, aber das wird sich gleich ändern. Hoffentlich störe ich nicht, oder bist du gerade etwas zu beschäftigt? Super, meine Schuhe ziehe ich besser nicht aus, denn ich war sehr lange und weit unterwegs. Von London komm ich her, darum auch das viele Gepäck hier im Korridor. Ich hoffe, du erwartest heute keine Post oder Dienstboten, der findet keine freie Fläche mehr. Aber keine Angst, in den Koffern sind nur Instrumente und etwas Schnaps. Was ich hier mache, fragst du? Lass mich erzählen.

2012 fanden sich in der Region Zürich und Baden acht junge Herren zusammen, die mit ihrem Blech und ihrem Holz an einem Objekt zu arbeiten begannen. Klar, dieses Ding bin schlussendlich ich geworden – doch wer hätte damals schon gedacht, dass ich aus 13 Teilen zusammengesetzt und in der Englischen Grossstadt vollendet werden würde. Und eigentlich passen meine Wurzeln ja genauso wenig dahin, wie in die Städte der Nordschweiz. Meine Ahnen sind verrückt und wild, tanzen gerne ohne Pause und trinken dazu laut johlend ein paar Gläser. Kletzmer, Gispy, Balkan-Brass – nennt es, wie ihr wollt. Pamplona Grup teilen dies mit dem Folk der französischen Region, lustig oder?

Ja, ich bin frech. Die Musiker von Pamplona Grup fanden es nämlich perfekt passend, mir Namen wie „Heissi Marroni, Marroni ganz heiss“ oder „Hafenkran“ zu geben. Überhaupt nicht falsch, stellt dies doch eine Unterstreichung meiner Herkunft und Stilkombination dar. Als würde man an einem Winternachmittag durch die Gassen gehen und seine Impressionen aufschreiben. Instrumentale Lieder brauchen schliesslich verrückte Titel – und somit übernehme ich auch das Feld, das von Traktorkestar mit ihren Gesangsstücken freigegeben wurde. Aber Achtung mein Lieber, ich bleibe hier in der Wohnung – laut, hole mir Freunde dazu und veranstalte eine tolle Party. Hoi oi.

Anspieltipps:
Gitane; Heissi Marroni, Marroni ganz heiss; Tsigeztsazki

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blaudzun – Jupiter (2016)

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Blaudzun – Jupiter
Label: Irascible, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Pop

Es gibt sie noch: Leichtfüssige Alben, die im handgemachten Pop zu Hause sind und ohne grossen Aufwand der Nachbearbeitung aufgenommen werden. „Jupiter“, das fünfte Album von Blaudzun und der erste Teil eines Tryptichon ist ein solcher Kandidat. Johannes Sigmond aus Holland hat sich seine Musiker geschnappt und im Studio eine frische Platte aus Spontanität und diversen Einflüssen erschaffen.

Blaudzun brach somit nicht nur mit seiner Gewohnheit, sondern liess seine Musik auch eine freundlichere und offenere Richtung einschlagen. Die Lieder leben von tanzbaren Rhythmen, gefälligen Melodien und Kopf-Gesang. Beim ersten Lied denkt man noch an die fröhliche Phase von BirdPen – bald merkt man aber, hier wird der alternative Rock nicht gross gefordert. Denn das Cover gibt den Takt gut vor, zeigt es doch einen absolut effekthascherischen und massentauglichen Kuss zwischen zwei Frauen – kunstvoll bearbeitet und dargestellt. Ist das Album also nur eine Farce?

„Jupiter“ wehrt sich heftig gegen diese Behauptung und zeigt, dass Blaudzun mit vielen Ideen und Klangformen umgehen kann. Nur fehlt dem Künstler manchmal etwas das Durchhaltevermögen, um alle Songs in bester Form in Sicherheit zu bringen. Somit entsteht manchmal ein etwas ermüdender Wiederholungseindruck, gewisse Gitarrenläufe fesseln zu wenig. Der Trilogie-Auftakt endet somit im weiten Feld gleicher Werke, nur um selten die meisten Kandidaten zu überstrahlen – dann aber so richtig.

Anspieltipps:
Everything Stops, Jupiter, Alarmalarma

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.