Monat: September 2016

Parzivals Eye – Defragments (2015)

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Parzivals Eye – Defragments
Label: Gentle Art Of Music, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Art-Rock

Es ist etwas fies, denn immer wenn ein Moment der Schönheit oder Güte erreicht wird, kippt alles zu stark in die Schräglage und verfehlt die korrekten Stimmungen. Liegt es daran, dass Gesang und Melodie nahe dem Kitsch liegen? Dass die Musik nie ausbricht und härtere Saiten anschlägt? Oder sind die Kompositionen einfach nicht gelungen genug? Wie auch immer, „Defragments“ hat für jeden schönen auch einen frustrierenden Moment. Schade, denn mit seinem Soloprojekt Parzivals Eye wollte sich Chris Postl eigentlich von der Hauptband RPWL emanzipieren.

„Defragments“ macht während der gesamten Laufzeit klar, dass es niemandem weh tun möchte. Alle Lieder liegen im warmen Bett des Wohlklangs und tanzen mit dir über die Parkettböden. Es gibt keine bösen Riffs und Breaks die durch das Fenster hereinstürmen, keine extremen Takt- und Rhythmuswechsel, die zwischen den Balken ihre Zähne fletschen. Gitarre und Keyboards schwingen mit dem Gesang gleich, alle sitzen an der grossen Tafel und geniessen das Abendessen. Parzivals Eye funktionieren dann gut, wenn sie diese Stimmungen mit Neoprog oder modernem Art-Rock verbinden. Lange Lieder und schwelgerische Kompositionen wie „Reach The Sky“ können sich vollends entfalten und bieten viele Momente für Gefühlsausbrüche.

Grossartig dank Sängerin Christina Booth ist auch das lieblich dargebotene „Long Distance“, ein Cover des bekannten Yes-Songs „Long Distance Runaround“. Alle anderen kurzgefassten Lieder versinken jedoch im Meer des billigen Pop. Postls Gesang verfehlt die korrekten Lagen, die Harmonien sind zu süsslich. Das ist leider kein interessanter und gefälliger Prog mehr, sondern ein zäher Versuch, Pop und hochmelodische Arrangements zusammenzufügen. Ein Album, das wohl nur im Hintergrund plätschern wird.

Anspieltipps:
Reach The Sky, Long Distance, Walls In My Mind

Live: Intronaut, Shining, Obsidian Kingdom, Werk 21 Zürich, 16-09-20

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Intronaut, Shining, Obsidian Kingdom
Dienstag 20. September 2016
Werk 21, Zürich

Wer glaubte, in den harten Gangarten der Musik bereits alles erlebt zu haben, der kam an den richtigen Ort. Präsentiert von Meh Suff fand am Dienstag im Werk 21 in Zürich ein Abend statt, der so manchen Instrumentenerfinder wohl im Grab toben liess – und das Publikum im Keller klanglich konstant herausforderte. Nicht nur wurden ehrwürdige Genres mit kaputten Ausbrüchen wild gemischt, man fand sich auch in den dunkelsten Ecken wieder. Zum Glück lauerten darin keine Geister, sondern die Experimentierfreudigkeit aus drei Ländern. Etwas nahe am Irrenhaus waren aber vor allem die Herren aus Norwegen – Shining fanden den Weg nach Zürich.

Die Gruppe lässt sich mit zwei Adjektiven gut umschreiben: Herausfordernd und anstrengend. Ihr sogenannter Black Jazz klingt wie ein uneheliches Kind zwischen Nine Inch Nails und Miles Davis, das aber kurz nach der Geburt alleine und zum Verenden bei den Fabelmonstern gelassen wurde. Shining mussten sich somit selber in den dunklen Wäldern zurechtfinden und bastelten überall Fallen, um die verirrten Wanderer grausam zu schlachten. Den Triumph feierten sie immer mit wilden Saxophon-Solos, die sich frech zwischen die krummen Takte und unbarmherzigen Gitarrenschlachten setzten. Im Werk 21 fühlte man sich davon zuerst überrumpelt, dann bezirzt mit einer noch nie gespielten Songpremiere, nur um am Ende in seinem Kopf salziges Wasser vorzufinden.

Obisidian Kingom gingen mit dem Publikum zum Einstieg gemächlicher um, forderten die Besucher aber mit einem achterbahnfahrenden Stilmix. Zwischen Prog Metal, Post-Rock, experimentellen Gitarrensolis und einer guten Portion Melodie aus dem alternativen Rock fand man bei der Truppe die spanische Leichtigkeit und den frisch importierten Sonnenschein aus Barcelona. Die Gitarristin und ihre Mitmusiker nahmen sich den Platz vor der Bühne zu Herzen und füllten ihn nicht nur mit Musik, sondern auch mit sich selber. Trotz der indirekten Lichtshow war man der Band sehr nahe und tanzte in ausdrucksstarker Form. Schade nur, dass nicht alle Genrekombinationen gleich gut funktionieren wollten.

Der Abschluss geriet mit Intronaut dann schon fast konventionell und wunderbar astralnah. Die Gruppe aus Los Angeles breitete während ihrem gesamten Set die Flügel weit aus und liess die Besucher mehr als einmal zwischen den psychedelischen Visuals und mäandernden Songstrukturen davonfliegen. Irgendwo in der fünften Dimension zwischen Progressive und Post-Metal, experimentellen Instrumentalpassagen und durchgedrehten Blasts angesiedelt, liess sich die Gruppe Zeit und Muse – nur um dem Besucher immer wieder die Ohren platzen zu lassen. Schliesslich handelte es sich auch hier um einen abartigen Auswuchs des kranken Metal. Zürich kam somit in den Genuss eines weltenverändernden Dreierpakets, einer Geduldübung zum Abfeiern und einem Konzertabend, der nie vorausschaubar war.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Wovenhand – Star Treatment (2016)

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Wovenhand – Star Treatment
Label: Glitterhouse Records, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Country, Rock

Pferdestärken sind hier eindeutig vorhanden, auch wenn sich David Eugene Edwards mit diesem Projekt seit einiger Zeit von 16 Horsepower losgelöst hat. Seine Musik ist aber weiterhin rumpelig vorschnell, dreckig schleichend und gemacht für Stunden mit Kautabak und Lederkutten. „Star Treatment“ beginnt mit „Come Brave“ gleich laut und ungezähmt. Wovenhand gehen nicht mehr zu ihren Anfangszeiten voller nachdenklicher Songs zurück, hier sprechen die Waffen eines energischen Songwriters – kratzende Riffs, rhythmische Attacken und ausdrucksvoller Gesang.

So nah am Vorgänger mischen Wovenhand mit dieser neuen Platte ihrer Heimat neue Nuancen hinzu. Was immer sehr geerdet klingt, vergisst dabei die Wurzeln bei den Urahnen nicht und sich bewegt sich gerne zwischen tiefen Wäldern und staubigen Steppen und wirkt oft wohltuend merkwürdig. „Swaying Reed“ schmückt sich mit einem atonalen Klangkleid und lädt den Country zu einem krummen Tanz ein. Metal wird gedämpft vor den Rock gestellt und der Gesang von Edwards lässt die Gruppe extrem nahe an New Model Army heranreichen. „The Hired Hand“ macht es mit der Aussprache und der krummen Melodie vor, trabt aber munter weiter. Und obwohl diese Mischungen nicht immer so perfekt aufgehen, ist „Star Treatment“ immer aufregend.

Neues Album, neues Glück – für Wovenhand aber mehr eine Zementierung ihrer Talente als die Neuerfindung ihrer Leben. Weiterhin sind sie Meister darin, viele Genres zu mischen und einen bodenständigen Sound zu kreieren. Gothic, Rock, Alternative und Tradition – alles findet auf fruchtbarer Erde ein neues Zuhause und wächst zusammen zum schönsten Baumhaus des Landes. Und darin hängt man sich schliesslich keine Revolutions-Medaillen an die Wände, sondern den geknüpften Teppich und die Unabhängigkeitserklärung.

Anspieltipps:
Come Brave, The Hired Hand, Five By Five

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pain Of Salvation – Remedy Lane Re:visited (Re:mixed & Re:lived) (2016)

Pain Of Salvation - Remedy Lane

Pain Of Salvation – Remedy Lane Re:visited (Re:mixed & Re:lived)
Label: Inside Out, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Metal

Fans sind schon mühsam, da wollen sie von ihrer liebsten Band immer neues Material, in welchem sich eine Weiterentwicklung spiegelt, zugleich möchten sie aber immer wieder die besten Momente neu verpackt bekommen. Auch Pain Of Salvation spüren diese merkwürdige Einstellung gegenüber der Musik immer wieder und machen allen einen Strich durch die Rechnung: Sie veröffentlichen dieses Jahr endlich wieder ein Album gefüllt mit Progressive Metal, das genau klingt wie „Remedy Lane“ – nämlich „Remedy Lane Re:visited“.

Vor 14 Jahren war der Prog-Metal noch einfacher und nicht von tausend Genres unterwandert, und Pain Of Salvation aus Schweden erreichten mit dem halb autobiografischen Werk „Remedy Lane“ ihren Durchbruch. Scharfe Riffs, wild wechselnde Takte, klangliche Angriffe, plötzlich einbrechende Ruhe und über allem die grossartig wandelbare Stimme von Daniel Gildenlöw – auch als neu abgemischte Version verliert „Remedy Lane“ nichts von seiner Faszination. Was die Band hier auf über 60 Minuten zeigt ist ein Wechselbad der Gefühle, man leidet, jubelt und wütet mit den Musikern. Die Lieder sind eingängig und doch wunderbar versponnen.

Pain Of Salvation waren immer bekannt dafür, ihre harte und kunstvolle Musik mit einem starken erzählerischen Hintergrund zu verdichten. Auch bei „Remedy Lane“ fühlt man sich sofort in einer spannenden Geschichte, Gildenlöw singt, schreit, spricht, flüstert und leitete die Band zu neuer Perfektion. Noch bevor sich die Schweden dem sanften Blues-Rock zuwandten, erhielt man hochmelodische Prügel, brutale Schönheit und ein unvergleichliches Klangbild im düsteren Spektrum.

Und wem dies nicht ausreicht, der darf sich mit „Re:lived“ das gesamte Album als Konzert aus dem Jahre 2014 anhören. Hier zeigt sich die wahre Grösse der Band und der Mehrwert: So perfekt und mitreissend wird Progressive Metal live selten geboten. Ein super Paket, um endlich wieder einmal in die Glanzzeiten des Genres zurückzureisen.

Anspieltipps:
This Heart Of Mine (I Pledge), Remedy Land, Beyond The Pale

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Metal is Back!, Ebrietas Zürich, 16-09-24

Bild von Cornelia Hüsser.

Bild von Cornelia Hüsser.

Metal is Back!
Bands: DustInEyes, Headless Project, Tendonitis
Samstag 24. September 2016
Ebrietas, Zürich

Wenn die Schweiz und Italien zusammen Meisterleistungen wie den Bau eines Gotthard-Tunnels vollbringen können, dann sollte es doch ein Leichtes sein, eine Rockband hervozubringen, die allen kräftig in die Eier tritt. Und siehe da, DustInEyes aus Italien fanden mit der neuen Frontfrau Flo endlich ihren Schweizer Käse für die Pizza – und damit auch neues Leben. Die Band existiert zwar seit 1999, nach drei Alben passierte aber länger nichts Neues mehr.

Nun erfährt ihr Raisehell Rock’n’Roll eine Auferstehung – und warum nicht gleich Zürich mit der neu gewonnenen Energie auseinandernehmen? Im Kellerraum der Ebrietas Bar fanden sich somit neugierige und schwarz gekleidete Menschen ein, um sich von der lauten und niemals beugsamen Musik von DustInEyes gepflegt durchkneten zu lassen. Während keiner Sekunde verlangsamte die Band ihr Tempo und zeigte, dass nicht nur die engen Hosen der Sängerin von alten Helden entlehnt waren. Irgendwo zwischen Motörhead (welche auch gecovert wurden), Kiss, schwerem Punk und breitbeinigem Heavy Metal positioniert, waren die Stücke wie Schläge nach dem technischen KO.

Da scheinbar Metal zurück ist, war dies ein gutes Beispiel dafür, dass laute und harte Musik immer lebendig klingen wird. Wobei nach diesem biergetränkten und schweinsgallopierenden Start schnell der eher klassische Metal das Ebrietas kaperte. Headless Project aus Basel füllten nicht nur die kleine Bühne mit Musikern und Instrumenten, sondern auch die Luft mit zu viel Klang ihres Metal Rock. Die Soundanlage im kleinen Keller war einer solchen Wucht nicht gewachsen und was schon bei DustInEyes zu einem eher kruden Mix führte, war nun endgültig ein laut schreiender Brei.

Schade, dies verhinderte von meiner Seite auch den kompletten Genuss der Konzerte, so mussten auch Tendonitis ihrem Melodic Thrash Metal an den Steinwänden und niedrigen Decke tausendfach abprallen lassen. Ein solcher Raum ist leider nicht dafür geeignet, von drei sehr lauten und wilden Bands bespielt zu werden. Die Leute liessen sich ihr Bier davon aber nicht verderben und unterstützen die Gruppen stark. Schön zu sehen, dass auch im Untergrund immer noch gefeiert und krachende Musik gemacht wird.

DustinEyes_Ebrietas_Mbohli_1 Headless Project_Ebrietas_Mbohli_1

Live: Wovenhand, Bogen F Zürich, 16-09-16

Bild von Désirée Graber.

Bild von Désirée Graber.

Wovenhand
Support: Emma Ruth Rundle
Freitag 16. September 2016
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Wenn die Naturgewalten so stark an den Stangen und Fellen des Tipis rütteln, dass alles schier über den Köpfen der ehrfürchtigen Zuschauer zusammenbricht, dann mischt sich schnell die Freude mit einer gewissen Angst. Wie hält man das aus, wie überlebt man einen solchen Moment? Einigen wurde diese Wucht aus lauten Tönen, düsteren Farben und ausser körperlichen Gesängen zu viel und der Kulturviadukt liess die verbliebenen Besucher mit mehr Freiraum abdriften. Das Konzert von Wovenhand war nicht nur eine spirituelle, sondern auch physische Erfahrung am Limit.

„Star Treatment“, das neuste Album der amerikanischen Band, war an diesem Umstand nicht unschuldig. David Eugene Edwards und seine vier Mannen zeigten in Zürich, dass hinter dem neuen Werk eine extreme Kraft liegt. Gleich von Konzertbeginn an tauchten sie tief in das Material ein und spielten sich und die Zuhörer auf eine tranceartige Ebene. Mit den krachenden Liedern wie „The Hired Hand“ ergoss sich eine endlose Flut an tiefen Gitarrenmauern, Schlagzeugmassagen und brummenden Bass- und Keyboardklängen in den Bogen. Eine spannende Mischung aus Alternative Rock, Gothic, Country und Stammesliedern wurde immerzu laut und ohne Gnade gespielt. Edwards veränderte seinen Gesang mit viel Hall und versteckte sich somit weit weg.

Nie liess sich klar erörtern, woher die Sätze in die Ohren drangen, der Künstler selber verbarg sich unter seinem Hut mit flatternden Federn. Auch die restlichen Bandmitglieder gingen zwischen roten Lichtern, schreienden Instrumenten und mitreissenden Rhythmen auf. Wovenhand begeisterten auf ihre gnadenlose und vorzügliche Art, liessen Musik zu einem ebenenreichen Erlebnis heranwachsen und verschlugen so manchem die Sprache. Auch wenn es wenige Momente der Ruhe gab und vor allem das neue Schaffen in den Lichtstrahlern erblühte – die Gruppe überzeugte an diesem Auftritt restlos.

Sich danach noch an Emma Ruth Rundle zu erinnern, war nicht einfach. Die Dame aus Los Angeles leitete mit ihrer langsamen und intensiven Musik aber wunderbar in den Abend ein. Zwischen Nebelschwaden, Gitarrenreizen und Streicherbegleitung liess man sich wie bei einer Messe in die Nacht hineintragen – bereit, den Natur- und Musikgöttern seine Seele zu offenbaren und gemeinsam in das Nirvana einzutreten. Wer braucht schon leise Lieder, wenn man sich so in die Musik werfen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Souls – Eyes Closed (2016)

The Souls - Eyes Closed

The Souls – Eyes Closed
Label: Deepdive Records, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop

Schöne Musik bringt einen oft dazu, die Augen zu schliessen und Lieder ohne die optischen Ablenkungen der Umwelt zu geniessen. Man taucht in Gedanken durch die Melodien und Kompositionen – ein Zustand, den die Thuner Band The Souls auf ihrem passend betitelten Album „Eyes Closed“ an mehreren Stellen erreichen. Früher unter dem Namen Undiscovered Soul unterwegs, haben sich die Mannen für ihr erstes Album dazu entschieden, ihre Bezeichnung zu kürzen. In der Musik findet man dafür umso mehr Schichten und Möglichkeiten.

The Souls sind im eigentlichen Sinne eine Pop-Band, vermögen ihre Lieder doch sofort zu packen und schier sofort singt man bei den Refrains mit. Dank Sänger Jay Messerli und seiner kräftigen Stimme ist dies kein Wunder, „Eyes Closed“ lebt aber gleichwohl von tollen Melodien. Gleich zwei Gitarristen und ein Keyboarder schieben sich gegenseitig die Ideen zu und lassen Stücke wie „Run Baby Run“ auf eine enorme Grösse anwachsen. Frech holt sich die Gruppe das Beste aus Country, Rock und den süsslichen Gebiete der Balladen.

Gegen Ende von „Eyes Closed“ häufen sich die zartbesaiteten Szenen zwar ein wenig, doch über diese schaut man aus den Turmfenster bei „Cry“ und Kollegen gerne hinweg. Sicherlich gewinnt man hiermit keine Medaille für Revolutionen, doch Pop in solch guter Ausführung macht immer Freude. Mit der satten Produktion und der grossen Spielfreude wissen The Souls genau, wie man modern und frisch klingen kann. Egal ob Thun oder Paris, die grossen Gefühle und die Liebe zur Welt haben überall ihre Berechtigung.

Anspieltipps:
Run Baby Run, Cry, Fighting In The Moonlight

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Jochen Distelmeyer, Bogen F Zürich, 16-09-15

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Jochen Distelmeyer
Donnerstag 15. September 2016
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Gleich nach dem ersten Lied weiss man was Sache ist, seine spitzen Fingernägel werden von einer ebenso spitzen Zunge begleitet. Aber es hilft, denn sofort ist die Verbindung zwischen Publikum und Künstler da, es fällt auch nicht weiter auf, dass der Bogen F in Zürich schon stärker gefüllt war. Jochen Distelmeyer braucht keine schreienden Massen, er will ein konzentriertes und aufnahmefähiges Publikum, dann funktionieren seine Lieder am besten. Wobei, eigentlich zeigte er an seinem Soloauftritt im Viadukt ja fast nur fremdes Material. Gerissen wie der ehemalige Frontmann von Blumfeld aber ist, fiel dies gar nicht auf.

Es zählt schon zu der hohen Kunst, Liedmaterial von den Bee Gees, The Verve, Radiohead oder Lana Del Rey zu mischen, und dies ohne Brüche oder Stolperfallen. Distelmeyer zuckte nicht einmal mit der Wimper und fand zwischen allen Liedern die perfekte Überleitung. Falls nötig über zehn Umwege und Anekdoten, gerne auch gewürzt mit fast schon flachen Witzen und grosser Publikumsinteraktion. Man konnte den Mann nur gleich ins Herz schliessen und war mehr als froh, seinen Donnerstagabend im Bogen F zu verbringen. Endlich konnte man seine heimliche Liebe zu „Toxic“ von Britney Spears ausleben, lernte wie der Gitarrist bei Dr. Feelgood hiess und wie man Supertramp sexy mit Hüftschwung ausspricht.

Jochen Distelmeyer ging mit seinen akustischen Gitarren komplett auf und benötigte den Begleiter am Keyboard oft gar nicht. Auch die alten Blumfeld-Klassiker fügten sich reduziert gut an „Videogames“ oder „Tragedy“ an. Eine Rückkehr der Hamburger Schule, mit Bildungsfaktor und einem geschlossenen Kreis. Denn was mit männlichen Masturbationsfantasien begann, fand in der Textzeile von „Bitter Sweet Symphony“ sein Gegenstück: „Have You Ever Been Down?“ Nur etwas stimmt nicht ganz, Wilco benannten sich leider nicht nach Wilko Johnson. Aber egal, der Herr Distelmeyer verzauberte mit seinem Lachen, seinen Gesangmelodien und Gitarrenzaubereien. Ein wahres Lehrstück in reduziertem Pop.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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How To Fall Asleep – Demo (2016)

How to Fall Asleep - Demo

How To Fall Asleep – Demo
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Metal

Ein Raunen geht durch die Gassen, ein Rumpeln lässt die Pflastersteine erzittern, es brodelt im Aargauer Städtchen Zofingen. Die Ortschaft, die sonst eher für ihre konservative Zurückhaltung bekannt ist, erfährt dank einer frischen Band ein neues Erwachen. Wundert euch also nicht, wenn plötzlich Glasscheiben bersten oder die Kirchglocken einen Sprung kriegen – How To Fall Asleep sind aus ihrem Proberaum emporgestiegen und lassen ihre erste Demo-CD auf die Leute los. Das bedeutet harten Schweine-Rock, Metal und dunkle Nebelschwaden.

Die Mannen hinter dieser Formation sind in der Region keine Unbekannten, How To Fall Asleep setzt sich aus den Gitarristen von Ephedra und Sorepoint, dem ehemaligen Drummer von Don Gatto und dem Sänger von Drive-by Kiss zusammen. Schon in Worten spürt man die geballte Ladung Energie und Lust, die hinter diesen Liedern steckt. Inspiriert von Gruppen wie Killer Be Killed, Machine Head oder Stone Sour kombinieren sie geschickt wilde Blasts und doomartige Passagen mit viel Power. Da es sich hier um ein Demo handelt, sind bei der Produktion Abstriche zu machen – mit grösserer Differenzierung würden HTFA gleich noch heftiger klingen. Trotzdem, Stücke wie „Is This“ drücken einen an die Wand und stecken einem eine Zunge aus Rasierklingen und Stacheldraht in den Mund.

How To Fall Asleep sind eine grosse Ansammlung von Talent und lassen dies im Songwriting auch spüren – man höre sich nur mal „Showdown“ an. Nur Sänger Roger dürfte mit seiner Stimme noch mehr Experimente wagen, so klingen seine Sätze oft etwas zu forciert herausgepresst. Das Demo macht aber viel Spass und beweist, dass Kleinstädte und Kleinbürgertum weiterhin nicht als Synonym verwendet werden dürfen. Aber jetzt ab in den Ring!

Anspieltipps:
Keys, Is This, Circles

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Marillion – Fuck Everyone And Run (FEAR) (2016)

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Marillion – Fuck Everyone And Run (FEAR)
Label: EAR Music, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock

Es braucht etwas Zeit und Geduld, nicht zu vergessen die Aufmerksamkeit – aber dann sie die wunderbaren Momente wieder da. Die hymnischen Zeilen wie „Too Big To Fail – Too Big To Fall“ oder das Lament in „Living In FEAR“, die wunderbar integrierte Elektronik, welche „The Leavers“ sanft übernimmt – und immer wieder die Ausbrüche mit grossen Gitarrentönen auf voller Breitseite. Marillion haben es selber bereits angekündigt, nun ist es klar: Ihr 18. Album „Fuck Everyone And Run (FEAR)“ ist definitiv das Werk der Art-Rocker in diesem Jahrzehnt.

Die politische Betrachtung unserer Gesellschaft, der darin herrschenden Gier und Ungerechtigkeit, ist ein Stück Musik voller Lichtblicke und als Gesamtheit nicht nur eine formidable Rückkehr in Richtung Progressive Rock, sondern immerzu bezaubernd. Marillion verlassen sich zwar auf ihre bekannten Fähigkeiten und Motive, vermögen ihre in Jams gesammelten Ideen aber so zündend zu kombinieren wie schon lange nicht mehr. „Fuck Everyone And Run“ verfügt nicht nur über drei Longtracks, sondern ist ein in sich geschlossener Kreislauf, der bestenfalls nicht in Einzelteile zerlegt wird. Wie bereits bei „Brave“ wirken alle Arrangements und Melodien als Gesamtheit am besten.

Steve Hogarth zeigt erneut, dass er der perfekte Frontmann und Sänger für die intensive und gefühlvolle Musik ist. Er fleht, wütet, sinniert und geht in der Musik komplett auf. Marillion wissen tiefgreifende Fragen wie „Why is nothing ever true?“ nicht abschliessend zu beantworten, angriffige Lieder wie „The New Kings“ sind aber wichtig und ungewohnt positionsbeziehend. Durch den Verband aus diesen intelligenten Texten und den faszinierenden und sich immer bewegenden Sounds erhält man mit „Fuck Everyone And Run“ das perfekteste Album der Band seit „Marbles“. An dieser Scheibe wird dieses Jahr kein Fan des Genres vorbei kommen.

Anspieltipps:
El Dorado, White Paper, The New Kings