U2 – Songs Of Experience (2017)

Bei gewissen Bands ist die Veröffentlichung eines neuen Albums wie ein Beben – bei U2 ist es eher wie ein lange angekündigtes Gewitter, dass anhaltende Spuren in der Landschaft hinterlässt. Leider handelt es sich bei ihrem 14. Studioalbum „Songs Of Experience“ dabei aber nicht um viele erfreuliche Änderungen, sondern eher Umstände, die zum Grübeln verleiten. Die grösste Stadion-Rock Band der Welt hat nämlich nicht nur das Geschwister zu „Songs Of Innocence“ aus dem Jahre 2014 verspätet abgeliefert, sondern eigentlich persönliche Songs zu Betrachtungen des aktuellen politischen Geschehens umgebaut – und stolpert dabei über ihre eigentlichen Stärken.

Mal jetzt die üblichen Vorwürfe betreffend Frontmann Bonos weltverbessernden Aktivität vorausgelassen (über die Panama Papers regen wir uns besser nicht jeden Tag auf), waren U2 immer eine Band, die sich nicht für direkte Aussagen zu Politik und Wirtschaft schämten – das kumulierte in Lieder wie „Sunday Bloody Sunday“ oder „Bullet The Blue Sky“. Doch mit neuen Stücken wie „American Soul“ verliert sich dieser Anspruch in verwässerten Ausdrücken und Bisslosigkeit. Es ist direkt zu spüren, dass viele Lieder auf dieser Platte zu oft überdacht wurden und sogar das Gitarrenspiel von The Edge versandet zwischen der glatten Produktion.

Zwar werden mit Liedern wie „Love Is All We Haft Left“ Vocoder und Elektronik zugelassen, diese Neugier wird durch blutleere Stücke wie „Red Flag Day“ oder „Landlady“ schnell wieder entkräftet. U2 schaffen es praktisch nie, einen Moment auf „Songs Of Experience“ zu erschaffen, der dem Albumtitel gerecht werden würde und im Gedächtnis bleibt. „The Blackout“ holt mit rumpelnden Bass und tollem Tempo zwar einiges raus und „13 (There Is A Light)“ schliesst den Kreis zum Vorgänger – am Ende steht man aber vor zu viel Bemühung und zu wenig Lust.

Somit haben U2 hier ein Werk erschaffen, dass seinem Vorgänger zwar in Nichts nachsteht, aber mit dieser Platte als Doppel die Sperspitze von egaler Musik bildet. Gewisse Songs werden im Stadion auf jeden Fall wieder für Jubel sorgen („The Little Things That Give You Away“), am Ende bleiben aber nur Klänge, die vor allem für Leute da sind, die sich nicht für Musik interessieren. Und so stehe ich nun hier und denke wehmütig an die Zeit zurück, in der von den Iren Platten wie „Achtung Baby“ oder „Zooropa“ erschienen, und will es fast nicht wahrhaben, dass hierfür die gleichen Mannen verantwortlich sind.

Anspieltipps:
Lights Of Home, American Soul, The Blackout

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Ein Kommentar

  1. Tja, das habe ich erwartet. U2 ist eben at the end of their world. Sie hecheln den Trends nun hinterher statt stilbildend zu wirken, aber zugegeben, dieser Anspruch ist kaum einzulösen im Bereich von Popmusik. Allein das Alter der Band spricht dagegen, egal was sie machen. Warten wir noch auf ein Alterswerk, das beruhigt.
    Ich war ja schon bei der letzten Platte schwer enttäuscht und dass ich die ungefragt auf mein Handy geladen bekommen habe, hat mir so gar nicht gepasst. Die erste U2 die ich nicht käuflich erworben habe. Die nun habe ich gekauft und zwar bei der Plattenfirma direkt um besser im Vorverkauf dazustehen (wie beschämend ist das denn…) Aber es hat geklappt, mein 4. U2 Konzert seit 1997 steht an… aber die aktuelle Platte? Steht noch originalverpackt im Regal. Fast hätte ich sie geöffnet, dann aber einen Song im Radio gehört. Ächz. Der Begriff ‚Egal Musik‘ ist große Klasse.
    Naja, dann wartet noch Marillion in Stuttgart im Dezember, auch Altlasten aber schauen wir mal.
    Empfehlenswerte Musik?
    – Crippled Black Phoenix / Horrific Honorifics
    – Marillion / Brave und Misplaced Childhood (Super Deluxe Editions)
    – Simple Minds / Once Upon A Time (SDE)
    – am 12.04. der Nick Cave Konzertfilm in ausgewählten Kinos

    Grüße.

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