Monat: Oktober 2014

North Atlantic Oscillation – The Third Day (2014)

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North Atlantic Oscillation – The Third Day
Label: KScope, 2014
Format: Vinyl mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Shoegaze, Post-Prog

Was beim zweiten Album „Fog Electric“ überhand nahm, gilt weiterhin als vorherrschend. Das neblige, sphärische Wabern der elektrischen Klanghülle, transparent und transzendental. Solche Musik kann nicht von menschlicher Hand geschaffen worden sein, hat sie doch immer diese erhabene Aura. The Third Day ist ein weiterer Siegeszug vom hoch spannenden Label KScope.

Sam Healy, Frontmann und Songschreiber von NAO, hat letztes Jahr mit dem Art-Rock Meisterwerk SAND ein Album vorgelegt, dass auch diese Qualitäten aufweisen kann, aber noch einen Schritt weiter in Richtung Verkopftheit ging. Die dritte Platte von North Atlantic Oscillation ist – was auch nahe liegend und logisch ist – nun ein Destillat aus beidem. Gewisse Lieder sind klar NAO mit ihren doch eher songdienlichen Aufbau, klarer Instrumentalisierung und sowieso, Healys Gesang. Glücklicherweise wagt die Band aber auch gerne neue Experimente wie das auf Gesang und Flächen beschränkte „A Nice Little Place“. In solchen Momenten wird einem wieder schlagartig bewusst, wie grandios hier Harmonien und verschiedene Tonschöpfungen kombiniert werden und als Ganzes noch besser funktionieren. Emotionen wie Melancholie, Erschöpfung oder Zufriedenheit manifestieren sich im Kosmos und jeder Satellit schickt die Signale direkt in unsere Synapsen.

Oft ist unklar ob jetzt Gitarren zu keyboardartigen Melodien verzerrt werden oder Synthies so scharf spielen, dass es auch ein Saiteninstrument sein könnte. Interessanterweise ist Sam Healy als Sänger eher unvorteilhaft, seine Stimme krächzt oder überschlägt sich gerne mal. Oder treibt sich selber in unüberschaubare Höhen. Aber trotzdem stört dies nicht sondern gehört zur Musik der Band und passt perfekt zu der verrauschten Musik voller aus Pixel bestehendem Wasser, verdampfter Elektrizität und außerirdischen Menschen. Noch hat das Werk bei mir nicht so gezündet wie Fog Electric, aber qualitativ ist es auf jeden Fall eines der stärksten Alben in diesem Jahr. Art-Rock bleibt mehr als nur spannend, ist dank Bands wie NAO eines der innovativsten Genres.

Anspieltipps:
Great Plains II, A Nice Little Place, Penrose

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Roy Kafri – Mayokero

Zwischendurch mal etwas anderes und zwar ein kurzes Musikvideo das sich zur Zeit über alle Socialmedia Kanäle verbreitet.
Mayokero von Roy Kafri ist ein kurzes Beatbox Lied von dem talentierten Künstler aus Israel. Es zeigt in grossartig bearbeiteten Bilder nicht nur die Liebe zur Musik und Vinyl insbesondere, sondern auch der Umgang mit Schallplatten und die Wandel der Musikindustrie.

Na, kennt ihr alle Scheiben oder habt ihr die meisten sogar im Regal stehen? Und wie ist bei der Umgang mit der Sammlung? Mistet ihr von Zeit zu Zeit aus und trennt auch von Alben die ihr nicht mehr hört oder mögt, oder bleibt alles erhalten weil es ein Teil von euren Leben war?
Ich selber trenne mich öfters von CDs die gar nicht mehr im Spieler rotieren. Bei Vinyl aber fällt mir dies schwerer und meist behalte ich die Musik, obwohl es mich vielleicht nicht mehr so berührt wie von einigen Jahren. Hier ist die Bindung einfach stärker. Und ein kompletter Formatwechsel kommt sowieso nicht in Frage.

Mehr zu Roy Kafri findet ihr unter http://roykafri.bandcamp.com/

Birdpen – In The Company Of Imaginary Friends (2014)

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Birdpen – In The Company Of Imaginary Friends
Label: Eigenvertrieb, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Art-Pop, Traumsphären

Dave Pen ist ein produktiver Mensch, nebst seiner Hauptband Archive die momentan pro Jahr ein Album veröffentlicht und konstant irgendwo in Europa auf Tour ist, findet er genügend Zeit um sein Nebenprojekt Birdpen weiter zu treiben. Somit ist das Projekt, oder besser gesagt Duo, auch schon beim dritten Album angelangt; ihrem bisher besten wage ich zu behaupten.

Schon am Anfang wird klar, Birdpen haben sich entspannt und gehen ihre Musik mit einer gesunden Ruhe an. Feel Like A Mountain empfängt mit typischen Gitarren, Daves Gesang und tollen Keyboards und schreitet mit jeder Treppenstufe weiter in die Höhe, nur um dann nicht auszubrechen sondern mit lang gezogenen Gitarrenakkorde emotional zu überraschen. Sowieso, die Herren bringen es immer wieder fertig unerwartete Richtungen einzuschlagen und nicht das Klangbild zu zeichnen, dass man eigentlich in Standardsituationen erwarten würde. So gibt es gedämpften Beat, schräge Gitarren, sich wunderbar ergänzende Melodien und mehrstimmigen Gesang. Und wenn man sich beruhigt niedergelegt hat wird man gerne auch wieder halbes auf die Tanzfläche gezerrt. Das dabei auch lange Stücke entstanden sind gibt der Musik recht, es ist immer genügend Raum zur Entfaltung vorhanden und kein Song wirkt gehetzt. In meinen Augen haben sie mit „In The Company Of Imaginary Friends“ endlich die perfekte Mischung aus Art-Rock, Pop und elektronischer Gemütlichkeit erreicht. Die Band distanziert sich genügend von Archive und verzaubert mit eigenem Charme. Wie viel Einfallsreichtum in diesem Album steckt zeigt zum Beispiel „TCTTYA“, ein Lied das zu Beginn vom verhaltenen Gesang, fast unscheinbaren Gitarren und schwebenden Flächen getragen wird. Wenn es sich öffnet kommt Hall und Schlagzeug dazu, nur um am ende artifiziell Signale auszusenden. Dabei bleibt diese elektronische Künstlichkeit immer voller Wärme und lässt dich nicht erzittern.

Mit dem dritten Album sind Birdpen in ihrem Nest gelandet und holen sich nun hoffentlich endlich den Beifall ab, den sie seit Karrierebeginn verdienen. Finanziert und veröffentlicht wurde das Album wie Crowdfunding als CD, LP oder Download.

Anspieltipps:
Like A Mountain, No Place Like Drone, Lifeline

Reza Dinally – Depths Of Montmartre (2014)

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Reza Dinally – Depths Of Montmartre
Label: Sony Music, 2014
Format: CD im Digipack
Links: Musiker
Genre: Pop, Alternative, Dreamgaze

Reza Dinally, ein Name den einigen von euch vielleicht bekannt vorkommt. Seit einiger Zeit ist der Musiker aus Zürich als Troubadour auf den Schweizer Bühnen unterwegs und verzaubert mit akustischer Gitarre und Gesang. Erst jetzt aber hat er mit „Depths Of Montmartre“ sein Debütalbum veröffentlicht. Was dabei überrascht: Die Lieder sind lauter und wuchtiger geworden, es ist ein Album mit vollwertiger Band und kein Singer-Songwriter Werk.

Schon ab den ersten Klänge von „Rust“ ist klar, Reza setzt auf verträumte Stimmung und Watteklang. Als Zuhörer wird man umgarnt, der Begriff Dreampop wurde für solche Musik erfunden. Das Schlagzeug hallt wie in einer verlassenen Gasse der Stimmen der einzelnen Nachtschwärmer, die Synthies breiten eine warme Decke über die ermüdeten Leiber und der Gesang von Reza sucht Trost in der glücklichen Melancholie. Ein Lied das wunderbar in die sonnigen und düsteren Herbsttage passt. Dieses Schema wird für den Rest des Albums nicht mehr verändert, Langweile kommt aber zu keiner Zeit auf. Erstaunlich wie gross und euphorisch die Musik daherkommt, man hat das Gefühl die Band besteht aus mindestens 10 Musikern und spielt in einem riesigen Stadion. Zehntausende von Besucher lauschen mit geschlossenen Augen und halten das brennende Feuerzeug in die Luft. Dabei stört es auch nicht, dass die meisten Songs dem klassischen Format der Popmusik folgen, denn oft werden gegen das Ende der Lieder neue Elemente eingebracht wie eine sphärisch verzerrte Gitarre und Bläser die ihre Akzente setzen.

Gesanglich überzeugt Reza genau so wie seine Mitmusiker an den Instrumenten, auch wenn der Stimmumfang eher beschränkt erscheint. All diese Zutaten mischen sich aber zu einem vorzüglichen Erstlingswerk das auch nach mehrmaligem Hören neue Facetten offenbart und so schnell nicht verleidet. Dank dem Vertrieb über Sony und die Finanzierung über Crowdfuning auf wemakeit kann man sich jetzt schon auf die Vinylscheibe (welche im November nachgeliefert wird) freuen.

Anspieltipps:
Rust, Commotion, Into A Rush

The Pineapple Thief – Magnolia (2014)

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The Pineapple Thief – Magnolia
Label: KScope, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Prog, New Artrock

Stehen wir an der Schwelle zum neuen Prog Zeitalter? Nachdem diese Musikart in den Siebzigern zu der vorherrschenden Richtung wurde, stürzte sie auch gleich so schnell wieder in die Versenkung. Durch den New-Artrock und Neoprog wiederbelebt erfreut sich Prog seit den Nullerjahre einer wachsenden Fangemeinschaft welche nun in eine weitere Phase eintritt. Bands wie Porcupine Tree oder Muse habe einem grossen Publikum aufgezeigt, das Prog nicht nur für Nerds und Althippies ist, sondern alles bedeuten kann was man will. The Pineapple Thief stehen nun an der Spitze einer neuen solchen Gruppe und bringen frischen Wind in das Genre.

Denn obwohl die Band – oder besser gesagt Bruce Soord und seine Mitmusiker – schon seit einigen Alben dabei sind, starten sie erst jetzt richtig durch. Der Vorgänger „All The Wars“ gab die Marschrichtung vor: eingängige und knackige Songs mit guten Riffs und spannenden Harmonien. Das grossartige Werk „Magnolia“ führt dies nun konsequent weiter. Soord hat seine Musik weiter komprimiert (was hier aber nichts mit Kompromiss zu tun hat) und heraus gekommen sind zwölf Lieder unter fünf Minuten, kein epischer Longtrack, kein unnötiges Gewurstel. Dabei blieben die typischen Ananasdieb-Merkmale erhalten, wie die stakkatoartigen Gitarren und der melodische Gesang von Soord. Wie gut es der Musik aber getan hat zusammengestrichen zu werden zeigt sich gleich beim Eröffnungslied: Harte Gitarren, tolle Drums, sanfter Zwischenteil und wuchtiges Finale. Oder beim Titelsong der wie ein Popsong startet und mit dem leisen Gesang beeindruckt. Dann der verhaltene Refrain mit verzerrten Stimmen und wunderbar hallenden Akkorden. Und gegen Ende des Albums werden in „Sense Of Fear“ nicht nur Muse sondern auch Porcupine Tree zitiert aber ohne zu kopieren. Grandios!

Dabei vergisst Soord nie das Herz und Gefühl in den Songs, lässt die Lieder von Streicher und tollen Synthies begleiten, verbindet Harmoniebögen und rockt dann hart davon. Mit Magnolia ist die Band nun ein grosser Schritt weiter gekommen und hat das Potential dazu, als Speerspitze einer neuen Proggeneration dazustehen und die Musik ideenreich in die Zukunft zu führen. Gerne laufe ich mit.

Anspieltipps:
Simple As That, Magnolia, Sense Of Fear

Live: 3. Kapitän Platte Festival, Nr Z P Bielefeld, 14-10-11

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Kapitän Platte Festival 2014
Nr Z P, Bielefeld
Samstag 11.10.2014

Bereits zum dritten Mal legte der Kutter von Kapitän Platte im Heimathafen von Bielefeld an und öffnete seine Schotten. Heraus gepurzelt kamen nicht nur die Labelmenschen Karl, Pietsch und Tane, sondern ein bunter Haufen Musiker und Vinylscheiben. Gerne nahmen die Bielefeldianer und Auswärtigen diese fröhliche Truppe in Empfang und fand sich im Nummer Zu Platz (einer ehemaligen Büroräumlichkeit jetzt Kulturlokal) ein.

Essensbedingt fanden wir den Weg erst inmitten des eröffnenden Sets von We Stood Like Kings in den Festsaal und wurden somit gleich von Stummfilm und Post-Rock empfangen. Konnte mich die Musik der Gruppe ab Platte nicht vollends überzeugen fügte die bildliche Untermalung nun die fehlende Ebene hinzu. Plötzlich erhielten die Stücke mehr Sinn und die Bilder aus dem Berlin Jahre 1921 zu betrachten war sehr interessant. Erstaunlich wie schnell und stark sich die Welt seit diesen Aufnahmen verändert hat.

SORK änderten als zweite Band dann alles. Der Horrorfilm mässige Postpunk mit viel Orgel ist sehr schräg und einmalig im Repertoire von Kapitän Platte. Live kam die Verrücktheit noch stärker durch, besonders da das Verhalten der Sängerin oft an Die Antwoord erinnerte. Macht Spass zum Zuschauen und Mithüpfen und die Texte wurden den Zuschauer mit Megafon entgegen geschrieen. Instrument versöhnten das Publikum danach mit eher typischem Post-Rock. Wunderbar grossartig wurde das Konzert dank den neuen Songs vom dritten Album „Read Books“. Neu wird die rein instrumentale mit viel Gesang aufgepeppt. Das integrierte sich sehr gut in den Gesamtsound der Band, Instrument haben mit diesem Album einen grossen Schritt nach vorne gemacht und Live noch mehr Wucht erhalten.

Den überwältigenden Abschluss haben die wilden und unermüdlichen The Hirsch Effekt geboten. Ihre Musik ist ab Platte eine unwirkliche Wucht, live steigert sich dies zu einem Erlebnis das dich entweder erschrocken davon jagt oder fesselt und keine Sekunde loslässt. Immer wieder habe ich mich gefragt wie man Lieder mit so vielen Breaks, Taktwechsel, Melodien und Geschrei wie auch Gesang auswendig lernen und vortragen kann. Tausende von Noten füllten den Saal und wurden vom Publikum mit hartem Headbanging zugleich zertrümmert. Wie hier erbarmungslose Math und Grind Passagen mit Orchesterklängen, hymnischen Refrains und Mitschreimomenten kombiniert werden ist meisterlich. Gottlob erscheint im Februar das neue, dritte Album der Band. Obwohl mit „Holon: Anamnesis“ haben sie ihr Werk für die Ewigkeit schon geschrieben, dies zeigte sich auch wieder im NrZP.

Wer nach diesem Urknall noch weiter feiern wollte fand im Nebenraum „Cutie“ das Kapitän Platte-Glücksrad, Merchandise, eine gut ausgestattete Bar und viele Gelegenheiten sich mit anderen Musikfans auszutauschen. Dave & Mighty bot tollen Sound für die Afterparty. Als Fazit bleibt zu sagen: Das Festival des Bielefelder Labels ist eine wunderbare Angelegenheit bei der sich alle wohl fühlen. So muss Austausch der Musik funktionieren.

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Glaston – Sailing Stormy Waters (2014)

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Glaston – Sailing Stormy Waters
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD im Digi
Links: Band
Genre: Post-Rock

Post-Rock aus der Schweiz, da gibt es einige gern gehörte Bands wie Monkey3, Eno oder Leech. All diese Mannen haben sich ein Stammpublikum erarbeitet und bieten fassettenreiche Musik. Mit den jungen Leuten von Glaston – englisch ausgesprochen, aber den Ursprung in „Ton aus Glas“ findend – will sich nun eine Band aus Zürich dazu gesellen und behaupten. Mit „Sailing Stormy Waters“ erscheint anfangs November die erste EP der Band welche ich an ihrer Konzertpremiere in der alten Kaserne bereits ergattert habe.

Natürlich sind die Lieder genrebedingt instrumental gehalten und leben von Spannungsbögen und dem Wechselspiel von Leise und Laut. Dabei bleiben Glaston aber erfrischend genug um zu unterhalten, es werden nicht nur Genreklischees wiederholt. Das Keyboard ist dabei meist das tragende Instrument und somit hebt sich die Band gegenüber Gitarren lastigen Postrocker gut ab. Oft dachte ich bei gewissen Stellen an Kollegen wie etwa Mogwai, welche in den letzten Jahren auch vermehrt auf Melodie und Sanftheit gesetzt haben. Ein Umfeld in dem sich die Zürcher sehen lassen können, besonders wenn man bedenkt wie kurz erst diese Band existiert. Noch nicht einmal ein Jahr proben die Jungs und das Mädel  zusammen und werfen bereits eine Veröffentlichung ab, so was gibt’s selten. Das zusammenhaltende Element ist dabei wie schon am Konzert bemerkt der Schlagzeuger David Preissel. Seine technischen Fähigkeiten sind erstaunlich und immer wieder geraten auch krumme Takte oder polyphone Rhythmen in die Lieder. Das tut der Musik gut, weil die Band sehr jung und frisch im Geschäft ist sind gewisse Unsicherheiten noch herauszuhören.

Aber trotzdem, die EP ist ein toller Erstling und lässt sich gut anhören. Glaston erfinden das Postrad nicht neu, bieten aber mit wiederkehrenden Melodien welche Themen vermehrt aufgreifen und unterschiedlich einsetzen, gelegentlichen Ausbrüchen, sanften Streicherbegleitung und genügend Mut eine tolle halbe Stunde Musik. Wenn die Entwicklung so rasant weiter geht erwartet uns in einem Jahr wahrscheinlich ein grosses Album.

Ein Review zur EP Taufe im Exil findet ihr hier.

Anspieltipps:
We Travel, Some Of Us Forever; Sailing Stormy Waters

U2 – Son gs Of Innocence (2014) Bonusmaterial / Versionen

Nachdem ich bereits über das neue Album von U2 berichtet habe und dabei der Gratisdownload via iTunes als Grundlage diente, hier noch ein paar Worte zu den physikalischen Veröffentlichungen die seit dem 10. Oktober in den Regalen stehen.

Zuerst allgemein ein paar Worte zum Plattencover und den Kontroversen zur Veröffentlichungspolitik.
Dass plötzlich alle iTunes Kontobesitzer Songs Of Innocence in ihrer Bibliothek fanden ist ja löblich, neue Musik hört man sich gerne an und hat so nun einen legalen Weg eine Band auszutesten. Allerdings ist es fraglich, ob dadurch nicht viele Missverständnisse aufkommen. U2 sind ältere Herren mit fettem Bankkonto und einem guten Geschäftssinn, Geld benötigen die für den Rest ihres Lebens kein weiteres. Darum wäre es für die Band bestimmt nicht schlimm an Songs Of Innocence nicht zu verdienen. Aber ebenso sollte es auch auf der Hand liegen, dass Apple für diesen Deal bestimmt einige Dollar hat springen lassen und somit doch wieder alle massig Kröten verdient haben. Was dieses Geschäft aber schwierig macht ist der Schein gegen aussen. Schnell denkt sich nun der Konsument: Ach wie toll Musik ist gratis, wieso sollte ich denn dafür noch etwas bezahlen oder weiterhin CDs von anderen Bands kaufen. Was schnell bei einer solchen Aktion vergessen wird, ist wer alles hinter einem solchen Album steckt. Denn nicht nur die Musiker, nein auch die Produzenten, Mixer, Assistenten, Studios, Manager, Grafiker und so weiter wollen ihren Lohn und haben Zeit und Energie in das Projekt gesteckt und sollen auch dementsprechend entlöhnt werden. Man kauft Musik nicht, weil man den Menschen dahinter ein Leben in Saus und Braus ermöglichen will, man kauft Musik weil man die Arbeit der vielen Leute dahinter wertschätzt und Kunst, Handwerk und Kultur nicht gratis gemacht werden kann. Jeder braucht Nahrung, eine Wohnung und ein geschützter Alltag. Oder arbeitet ihr etwa gratis in eurem Job?

Das Album wurde für die physikalische Veröffentlichung in ein schwarz-weisses Cover gepackt. Darauf sind der U2 Drummer Larry und sein Sohn zusehen, in einer intimen und beschützenden Pose. Damit nimmt das Cover nicht nur Rückbezug auf die alten Alben Boy und War (auf denen je ein Junge zu sehen war), sondern auch klar zum Inhalt von Songs Of Innocence. Denn in den Songtexten erzählen Bono und The Edge aus ihrer Kindheit, Jugend und dem Leben als Band in Irland und dem Ausland. Die Mannen sind nun heute über 50 und haben Kinder, klar dass man sich da wünscht die eigenen Nachkommen vor gewissen Erlebnissen zu beschützen. Und dann macht auch der Leerschlag im Albumtitel sind, denn aus Songs wurde Son gs.

Doppelvinyl

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Die Vinylausgabe ist wertvoll verarbeitet und bietet die elf Lieder des Albums auf drei Seiten des weissen Plastiks. Die vierte Seite beinhaltet den 12″ Mix von The Crystal Ballroom. Dieser Song nimmt uns wieder zurück in die 90er in denen auch bei U2 oft die Beats und Pop lastigen Harmonien regierten. Der Song macht viel Spass, immer wieder ertappt man sich wie man Querverweise auf die Popwelt wahrnehmen will. Ist dies das „Salome“ der Zehnerjahre?
Die Innenhüllen der Platten sind mit den Songtexten, den Kredits und einem erklärenden Text von Bono über das Album versehen.

CD Deluxe Version

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Die Deluxe Version der CD enthält nicht nur das reguläre Album auf der ersten Silberscheibe, es bietet auch einiges an Mehrwert und sogar neue Songs. Denn die zweite CD enthält die Bonuslieder „The Crystal Ballroom“ und „Lucifer’s Hands“ welche beide gelungen sind, aber vom Klangbild her im Album keinen Platz fanden. Dazu eine Akkustiksession mit sechs Liedern (unter anderem Every Breaking Wave, California und Raised By Wolves), alternative Versionen von „The Troubles“ und „Sleep Like A Baby Tonight“, sowie ein versteckter Bonustrack der wohl einigen bekannt vorkommen wird.
Mit den Songtexten, Kredits und Begleittext zum Album bieten die zwei faltbaren Booklets genügend Hintergrundinfos, das Digipack ist vorzüglich verarbeitet. Diese Version lohnt sich nicht nur für Fans, denn die zusätzlichen Stücke garantieren echten Mehrwert.

So oder so, das Album ist ein grossartiges Werk egal in welcher Version. Und ein Danke an euch Leser, dass ihr Musik weiterhin wertschätzt.

Electric Würms – Musik Die Schwer Zu Twerk (2014)

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Electric Würms – Musik Die Schwer Zu Twerk
Label: Warner Bros., 2014
Format: Vinyl mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Prog, Avantgarde, Krautrock

Der Wahnsinn greift um sich, jetzt sind alle reif für die Klapse! Nachdem die verrückte Gruppe von Musiker rund um die Band The Flaming Lips schon seit mehreren Jahren die Grenzen des Erträglichen auslotet, haben sie sich nun mit den Leuten von Linear Downfall zu einem kosmischen Wurm zusammen geschlossen der munter durch die Galaxien reist und dabei die geilsten Partys mit den übelsten Drogen sucht. Hinter ihm eine Spur von Rausch und Verwirrten die noch nicht komplett runter gekommen sind.

Was bei Flaming Lips gut ist soll hier nur recht sein. Auf dem Cover steht Prog, auf der geil Pink leuchtenden Platte ist ein undurchsichtiges Gebräu aus Acid, Krautrock und Horror. Wer das überlebt, der kann alles. Und wie gewohnt wird all das mit viel Verzerrung und Gitarre als Mahlzeit runtergewürgt, dabei war halt auch noch das flüssige LSD mit rein gekommen. Macht nichts, die Sterne sausen an uns vorbei und die Musik nimmt dich in den Trip oder die Hypnose mit rein. Der Sound wabert, alles fliesst zäh um die Ohren rum. Gewisse Songs könnten aus den Siebzigern stammen, andere weisen klar auf Referenzen der gesamten Musikgeschichte hin, natürlich vor allem auf die verrückte Seite.

Dank der kurzen Laufzeit ist alles gut aushaltbar und man gibt sich gerne dem Flash hin. Recht haben die Jungs auch beim Albumtitel, twerken kann man zu dieser Musik echt nicht und das Twerk-Publikum wird sich von diesem Album angewidert abwenden. Dafür werden Yes gecovert und dabei der Edelprog total zerfetzt und als Weltraumpop neu belebt. Ein etwas verstörendes Werk das keinesfalls auf dem Weg zum Mars zu hören ist. Hier auf der Erde aber umso mehr, mit seinen mäandern Passagen auch für Freunde der Deutschen Psychedelic geeignet.

Anspieltipps:
I Could Only See Clouds, Transform!!, Heart Of The Sunrise

Elbow – Live At Jodrell Bank (2013)

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Elbow – Live At Jodrell Bank
Label: Fiction Records, 2013
Format: Doppel-CD und DVD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Live, Art-Rock, Pop

„The Night Will Always Win, It Has Darkness On It’s Side.“ Jodrell Bank erstrahlte in dieser Nacht aber in voller Helligkeit, nicht nur dank der tollen und musikdienlichen Lichtshow, sondern auch wegen den lachenden Herzen und der guten Laune die über die Satellitenschüssel hinhaus strahlten. Elbow waren in der Stadt und beglückten Kinder, Jugendliche und Erwachsene im strömenden Regen. „Electric equipment in the rain, what could possibly go wrong?“

Guy Garvey steht gerne im Mittelpunkt, er ist der unangefochtene Zeremonienmeister der Band und verzaubert alle mit seiner Stimme und seinem Charme. So natürlich auch auf dem Livealbum das nach dem Werk „Build A Rocket Boys“ aufgenommen wurde. Wer die Truppe wie ich selber schon mal auf der Bühne erlebt hat weiss, der Mann singt wirklich so gut. Und er ist total charismatisch. Mit wenigen Worten zwischen den Songs packt er das Publikum und erzeugt dabei sofort eine lockere Atmosphäre. Der Zuschauer (oder in dem Fall eher Zuhörer) beginnt automatisch zu lächeln und glücklich mitzutanzen. Viel Magie versprühen auch die Lieder, Elbow verstehen ihre Musik mit viel Emotion, mit Streicher und Bläser und grossen Portionen Pathos anzumischen. Der Start mit „High Ideals“ belegt dies gleich bestens und taucht die Massen in grossartige Harmonien. Die Songauswahl bevorzugt natürlich vor allem Lieder der neusten Platten, aber auch ewige Klassiker wie „The Loneliness Of A Tower Crane Driver“ fügen sich wunderbar ein. Sehr schön an der Aufnahme ist auch, dass das Publikum in angenehmer Lautstärke zu hören ist. Ich mag solche Livealben, es verstärkt für mich das Gefühl mitten im Konzert zu sein und die Emotionen werden viel besser transportiert.

Obwohl der Auftritt nur um die 90 Minuten dauert, reicht diese Dauer aus um alle abzuholen und mit der Rakete namens Elbow auf den Planeten Glückseligkeit zu bringen. Und da ihre Musik allgemein als Livedarbietung gewinnt freuen mich vor allem die Versionen von Mirrorball, The Birds oder Station Approach. So schön das man vor Glück weinen möchte. Besser sind Elbow nur wenn man sie selber auf einer Bühne sieht.

Anspieltipps:
High Ideals, Perfect Weather To Fly, One Day Like This