Monat: April 2017

Live: Guerre Froide, Moods Zürich, 17-04-21

Guerre Froide
Support: Dear Deer
Freitag 21. April 2017
Moods, Zürich

Sie toben seit den Achtzigerjahren über die Bühnen und bringen mit ihren Auftritten – ganz gemäss dem Namen – auch immer eine kühle Stimmung an den Mann. Die Cold Wave-Truppe Guerre Froide aus Frankreich ist in der Szene seit langem eine feste Grösse, und doch musste man bis 2017 warten, um ihre Musik live in der Deutschschweiz erleben zu dürfen. An diesem Freitag war es endlich soweit, die Themennacht Wave im Moods lud ein.

Bevor aber die Leinwand in passende Bilder getaucht wurde und im Zentrum das rote Hemd stand, gaben Dear Deer ihren Einstand. Ebenfalls aus Lille stammend, betörte das Duo mit ihrer reduzierten Mischung aus No Wave und Post-Punk. Gitarre und Bass durften nebst dem Gesang auf der Bühne das Licht geniessen, die lärmenden Synthie-Spuren stammten vom Band. Doch diese Abstraktheit verströmte eine grosse Leidenschaft und noch mehr Reiz. Besonders Sabatel am Bass zeigte sich versiert und vielseitig, mit Flanger oder himmlischen Melodien.

Guerre Froide agierten als Band dann eher im klassischen Bereich des Cold Wave – hier gab es poetische Texte zu meditativen Klangschichten. Die Bühne wurde in passende Farben getaucht und der Herr der Stunde, Yves Royer, führte mit schier royaler Gestik von sanftem Post-Punk in elektronische Welten voller strenger Geometrie und fremd anmutenden Oberflächen. Man liess sich von der Musik mitreissen, spürte die Beats und Bässe in den Gliedern und flog im Kopf davon. Wenn alle industriellen Betriebe auf der Welt so angenehm klingen würden, dann wäre die Revolution einiges unschädlicher ausgefallen.

Sicherlich, es war eine Zeitreise, in der für mich aber die moderne Seite gewann – Dear Deer waren wirklich faszinierend – aber trotzdem ein Abend, an dem man endlich wieder einmal eine musikalische Seltenheit in Zürich geniessen durfte. Und wer lässt sich ein solches Zuckerstückchen schon entgehen – auch wenn es auf Eis serviert wird?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

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Wheel – The Path EP (2017)

Wheel – The Path EP
Label: Umbrella Artist Productions, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Metal

Finnland ist in der Entwicklung des Modern Prog Metal kein heller Stern, doch dieser Umstand könnte sich bald ändern – denn mit „The Path“ erscheint eine wunderbare erste EP einer vielversprechenden Band. Wheel spielen seit 2015 fleissig Konzerte und halten nun endliche ihre erste Veröffentlichung bereit – drei Songs, die beweisen: Hier lauert viel Talent. Die Gruppe setzt sich aus dem Engländer James Lascelles und den Finnen Saku Mattila, Mikko Määttä und Santeri Saksala zusammen und klingt genauso weltoffen.

Stücke wie „Farewell“ oder „The Path“ brüsten sich mit technischen Feinheiten und emotionalen Ausbrüchen. Eine Verbindung, die in der momentan Entwicklung des Genres von Gruppen wie Leprous, Vola oder Haken gross geschrieben wird. Und auch Wheel müssen sich vor ihren Vorbildern nicht verstecken, wirken die Tracks auf dieser EP doch riesengross und sind fantastisch aufgenommen. Der Stil der Band erinnerte mich immer wieder positiv an A Perfect Circle, schon alleine wegen des Umgangs mit den Takten und Gitarren.

Doch inmitten all dieser Vergleiche schaffen es Wheel trotzdem, die eigene Identität zu wahren. Mit tollen Klangstrukturen und mitreissenden Effekten ist die Musik druckvoll und klar – und nach den drei Liedern lechzt man nach mehr. Glücklicherweise ist die Band bereits daran, neues Material zu schreiben und aufzunehmen. Ein Nachfolger zu „The Path“ darf man bereits Ende 2017 erwarten – ein toller Grund zu hoffen, dass die Monate schnell vorbei gehen werden.

Anspieltipps:
Farewell, The Path

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Nathan Gray Collective, Hafenkneipe Zürich, 17-04-20

Nathan Gray Collective
Support: The Devil’s Trade
Donnerstag 20. April 2017
Hafenkneipe, Zürich

Es fühlte sich schon speziell, aber auch wunderbar an, Nathan Gray für einmal so nahe und im kleinen Rahmen erleben zu dürfen. Denn noch vor wenigen Jahren wäre aus dieser Wunschvorstellung bestimmt nie Wirklichkeit geworden; der Mann war mit seiner Band boysetsfire bereits zu bekannt. Doch alles hat ein Ende – oder in diesem Fall einen Neuanfang. Der Künstler suchte nach neuen Mitteln, um sich auszudrücken und seine persönlichen Anliegen noch stärker in die Musik einzubringen und formierte darum, zusammen mit Musiker und Produzent Daniel E. Smith, das Nathan Gray Collective. Und wohin passt diese Truppe besser als in die Hafenkneipe?

Wohl in einen Kerker, oder zumindest eine düstere und irgendwie bedrohliche Halle. Denn was die drei Herren in diesem kleinen Lokal ablieferten, war nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich kein leichter Brocken. Aus dem Hardcore kommend, hat sich die Musik des Nathan Gray Collective während der Arbeit am Album immer mehr Richtung Dark Wave und Synthie-Angriff entwickelt. Live gingen die elektronischen Spuren von Songs wie „Skin“ oder „Desire“ etwas unter, was aber vor allem an der körperlichen Nähe zum Schlagzeug lag. Die Vibes waren aber immer zu spüren und das Konzert hatte von Beginn an diese weitere Tiefe.

Wobei besonders Nathan Gray selber für die emotionale Bindung an seine Musik fungierte – sang der Künstler schliesslich nicht nur seine Texte, sondern durchleidete sie und benutzte die kleine Bühne als Platz des extremen Ausdrucks. Mit grossen Gesten, dem Einbringen der satanisch angehauchten Bühnendekoration und seiner wandelbaren Stimme wurden Lieder wie „At War“ und „Heathen Blood“ zu grossen Eruptionen. Natürlich drückte der Hedonismus von Herrn Gray auch hier durch, besonders bei seinen Ansagen und kleinen Erklärungen, aber es war dennoch ein berührendes und mitreissendes Konzert. Die Ablösung des Nathan Gray Collective von seiner Vergangenheit hat noch nicht komplett stattgefunden, doch weit bis zur Läuterung ist es nicht mehr.

Und wie der Abend mit „Corson“ ruhiger, aber genauso eindringlich endete, so begann er mit dem Auftritt von The Devil’s Trade. Der Musiker machte sich mit Gitarre, Kapuzenpullover und fantastischer Stimme daran, die Besucher auf die kommende Wucht vorzubereiten. Dabei zeigte sich sein Motto „Happy Music Is Shit“ als ernst gemeint und die Stücke waren oft melancholisch oder gar traurig. Schön aber, dass hinter solcher Musik Menschen lauern, die auch über sich selber lachen können. The Devil’s Trade baute somit immer wieder witzige Aussagen in sein Set ein – und Nathan Gray freute sich so sehr über den praktisch ausverkauften Raum, dass er das Grinsen fast nicht mehr wegbrachte. Wer sagte denn, dass der Teufel immer ernst sei?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

The Mute Gods – Tardigrades Will Inherit the Earth (2017)

The Mute Gods – Tardigrades Will Inherit the Earth
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: DiscogsBand
Genre: Progressive Rock, AOR

Die Bärtierchen – millimeterkleine Urmünder aus nassen Gebieten – werden also die Erde übernehmen? Ein Gedanke, der zuerst etwas stutzig macht, bei längerem Konsum von „Tardigrades Will Inherit The Earth“ aber doch schlüssig erscheint. Denn das Trio The Mute Gods prangert auf ihrer zweiten Scheibe nicht nur das schreckliche Verhalten der Menschen an, sondern deutet in ihren Texten auf mögliche Endszenarien hin. Da passt es, dass die Musiker ihr neustes Werk als Platte voller Wut angepriesen haben.

Freunde des AOR und melodischen Rock müssen aber keine Angst haben, die Talente Nick Beggs, Roger King und Marco Minnemann verfallen auf diesem Album nicht dem Metal oder der blinden Zerstörungswut. Vielmehr bleibt die Mischung nahe dem progressiven Rock, nimmt aber Ideen und Muster aus diversen anderen Stilrichtungen auf. Stücke wie „We Can Carry On“ sind dabei druckvoll und schnörkellos, wirken dabei immer sehr energisch – andere wie das Titellied spielen mit Effekten und Elektronik. Interessant ist dabei, dass The Mute Gods sich dieses Mal auf ihr eigenes Können verliessen und nebst Backgroundsängerinnen keine weiteren Gäste aufbieten. Wobei, gewisse externe Inputs wären bestimmt nicht falsch gewesen.

„Tardigrades Will Inherit The Earth“ ist kein schlechtes Album, es verfügt über spannende Ideen und eine starke Ausarbeitung – und trotzdem will es selten abheben. Viele Lieder schaffen es nicht, vollends mit ihren Passagen und Melodien zu locken und schnell ist das Album auch wieder in den Hintergrund gerückt. Dies ist etwas schade, gerade weil The Mute Gods eigentlich viel Erfahrung und Wissen vorzuweisen haben. Aber waren hier vielleicht doch schon zu viele Bärtierchen auf den Notenblättern? Wie auch immer, die Platte ist eine schöne Fussnote für das vielseitige Prog-Regal, ein Grundpfeiler wird es aber nie sein.

Anspieltipps:
We Can’t Carry On, Tardigrades Will Inherit The Earth, The Singing Fish Of Batticaloa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Steve Hackett – The Night Siren (2017)

Steve Hackett – The Night Siren
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Folk

Gratulation! Mit „The Night Siren“ veröffentlicht einer der wichtigsten Gitarristen und Songschreiber im Gebiet des progressiven Rock sein bereits 25. Studioalbum. Und noch schöner ist der Umstand, dass Steve Hackett auch mit dieser Platte das hohe Niveau der letzten Jahre nicht verlässt. Kenner der genüsslich ausgearbeiteten Gitarrenmusik erhalten nämlich erneut elf Beispiele, wie weltoffen und vielseitig Musik erklingen kann.

Steve Hackett bringt auf „The Night Siren“ nicht nur seine alten Tugenden wie wunderbare Gitarrenläufe, marschierende Rhythmen oder elegisch-romantische Stücke zusammen, sondern schöpft aus dem Klangspektrum der gesamten Welt. Mit Studiohelfern aus über 20 Ländern fliessen in Stücke wie „Martian Sea“, „El Nino“ oder „West To East“ vielfältige Eigenschaften und Stimmungen ein. Und weil Hackett seine Lieder ohne klaren Zeitanker mit Psychedelic Rock, Folk und romantischer Klassik mischt, wirkt vieles altbekannt und zugleich zeitlos. Was mich ebenso immer überrascht, ist die Gabe von Steve Hackett, nach all den Jahren immer noch Ohrwürmer zu schreiben.

Viele Lieder auf „The Night Siren“ sind trotz ihrer Masse leichtfüssig und wollen sofort mitgepfiffen werden. „Fifty Miles From The North Pole“ gelingt dies trotz Härte, „Anything But Love“ tröstet auch hoffnungslose Herzensbrecher. Somit reiht sich diese Platte nicht nur als weitere Kopie in das Oeuvre ein, sondern als starkes und ausdrucksreiches Werk. Und wieder einmal ist man überrascht, wie unterschiedlich sechs Saiten doch klingen können – ohne Gazillionen von technischen Spielereien einzusetzen. Bei Hackett ging es eben schon immer um Menschlichkeit.

Anspieltipps:
Fifty Miles From The North Pole, Anything But Love, In Another Life

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Ghost, Volkshaus Zürich, 17-04-18

Ghost
Support: Zombi
Dienstag 18. April 2017
Volkshaus, Zürich

Es nahm mich schon immer wunder, wie die Musik und das Auftreten von Alice Cooper und ähnlichen Bands damals gewirkt haben müssen. Für mich war diese Art von Songs nie sonderlich spannend und die Schockeffekte verloren sich in der heutigen, extremen Zeit. Eine ziemlich logische, wenn leider auch nicht durchwegs überzeugende Antwort auf diese Überlegungen lieferte das Konzert einer schwedischen Melodic Hard Rock Gruppe im Volkshaus in Zürich. Und die Schatten der Truppe warfen sich weit vorraus, bereits beim Anstehen musste man Schneefall und christliche Plakate überstehen. Erzürnte sich hier ein gewisser Gott aufgrund von Ghost?

Schwer vorstellbar – denn obwohl die Band in ihren düsteren Verkleidungen während dem Auftritt immer wieder satanische Verse in ihre Songs einbaute und am Ende sogar ausserehelichen Sex und Selbstbefriedigung propagierte, war das Konzert brav. Ghost bieten nebst ihrer treibenden Musik eine etwas schräge Mischung aus Symbolspiel, Karvenal und Verlockung. Das zeigte besonders in der ersten Konzerthälfte seine volle Wirkung, als Sänger Papa Emeritus in Papstkluft royal über die Bühne glitt und Weihrauch schwenkte. Die jungen Zuschauer liessen sich davon verzaubern und mitreissen – und schnell war klar: Diese etwas härtere Art von Classic Rock würde wohl ohne dieses Brimborium fast keine Person im Saal wirklich interessieren.

Sicherlich, die Musiker wissen, wo die Akzente zu setzen sind, und auch viele Melodien und überlebensgrosse Refrains entfalten die Wirkung wunderbar. Besonders vor dem Backdrop mit Kirchenfenster-Optik erhält man schnell eine sakrale Atmosphäre und auch ich grinste sehr oft während dieser Show. Doch leider halten sich Präsentation und Resultat bei Ghost nicht im Gleichgewicht, und spätestens nach dem Kostümwechsel des Frontmannes war die Luft etwas raus. Denn obwohl die Truppe eigentlich nicht vieles anders macht als zum Beispiel Kiss, fehlten hier ganz klar die Ohrwürmer für die Ewigkeit.

Zombi – welche namentlich perfekt passend als Support gewählt wurden – gingen mit ihrer Musik komplett andere Wege. Das Duo liess mit Synthies und Schlagzeug psychedelische Welten aus Instrumentalspuren entstehen, welche die Besucher in fremde Gedankenwelten lockten. Auf Repetition setzend und mit Loops und stockenden Rhythmen spielend, wurden aus kleinen Momenten schnell weite Reisen. Ein knallhart gespielter Bass verlieh dem Set eine weitere Ebene und die Gruppe bewies, dass gute Musik keine Maskerade für Glücksmomente benötigt. Reduziert aber interessant, und am Tag danach ergiebiger als die umjubelte Hauptband.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Exquirla – Die Kreation neuer Welten

Das Herz mit dem Kopf zusammenzubringen, Musik leidenschaftlich und technisch zu perfektionieren – Eigenschaften, die Toundra – eine Post-Rock Gruppe aus Madrid – auszeichnen. Zusammen mit dem Flamenco-Sänger Niño de Elche haben die Musiker unter dem Namen Exquirla aber etwas völlig neues kreiert. Grund genug um nach dem Studium ihres ersten Albums „Para Quienes Aun Viven“ bei der Band direkt noch ein paar Wahrheiten zu suchen.

First: Congratulation. You have created an intense and exciting piece of music with your album „Para Quienes Aún Viven“.
Esteban: Thanks a lot! It’s very exciting to hear this from you!

As Toundra you have been making music since 2007 and have achieved quite a lot in the scene of post-rock. Instead of a sixth album you decided to work with Niño de Elche. Where does this idea come from? 
We got to know each other at the Monkey Week Festival. It’s a Festival that’s a kind of professional music business feria. Niño de Elche an I did a conference and we discovered that we had a lot of background on common. So after some beers late at night I told to him to record anything together. And this is the result.

Was this collaboration easy or did the connection of the flamenco and the instrumental rock turn out to be more complicated than expected?
No, it was easier than we expected. We knew that Flamenco music and post rock had a lot of common tools as Mantra parts, ambients, and Forte – Allegro connections. So we always knew that it would be „easy“. The connection was easy. The difficult thing was to make good songs together for first time in just a few weeks.

Post-rock lives from the expression of the played instruments, flamenco from the passionate songs. How can you mix these two ways of music and thinking?
Well, I think post rock is so passionate music. If it would not be passionate I could not ever do a post rock song. On the other hand if you listen to Paco de Lucía or Camarón de la Isla that had a lot of expression on their instruments. So back to the previous answer: flamenco and post rock are closer than we think.

Did you compose the music together or did the lyrics follow the final structures of the songs?
Yeah, we did together in 5 weeks along 2016. Everyone of us came to the practice room with some ideas and we finally did everyone.

Flamenco is an important tradition in Spain and belongs to the world cultural heritage since 2010. How open are people to changes in these musical styles and values?
We do not think about this. WE did what we wanted to do. Obviously when you have an audience and you play in festivals and you do interviews you are responsible of your career but if you do art thinking of what the people is going to think about, you, as an artist, are dead.

Protection of one’s unity and the separation from other countries and morals is the new (and frightening) development of many movements. Can a new creation in music – such as post-flamenco rock – fight against this and be a way to bring our countries and people together again? Can such a music stand for tolerance? 
Life is wide, limitless. There’s is no border, no frontier.

The Spanish language lives from great emotions and a strong expression. Do you think the meaning of the songs and lyrics is also transported if you not able to understand Spanish? 
Of course, We are a country of warm hearts and not a lot of common sense, hahaha., but I prefer this. I would like to translate the lyrics and upload it to the internet but I haven’t had enough time yet.

And something easier: Are you planning to record more albums like this?
Our next step is record the new Niño de Elche and Toundra albums. After that, who knows. I prefer not think a lot about the future. 🙂

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Smile And Burn – Get Better Get Worse (2017)

Smile And Burn_getworse

Smile And Burn – Get Better Get Worse
Label: Uncle M Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Pop-Punk, Rock

Nach vier Alben sollte man eigentlich wissen, wohin die Reise geht – und ja, Smile And Burn aus Berlin haben ihren Weg definitiv gefunden. Obwohl die deutsche Hauptstadt Ablenkungen an jeder Ecke bietet, ist „Get Better Get Worse“ ein schnörkelloses und energiereiches Ding geworden. Die fünf Herren, welche sich 2008 zu einer Band zusammengetan haben, präsentieren auch in diesem Jahr wieder hymnischen Pop-Punk und fetzigen Alternative Rock. Und trotz vieler Einflüsse bleiben sie doch eigenständig.

Wenn eine Band aus Deutschland sich an alternativem und eingängigem Punk-Rock versucht, wird sie automatisch mit bekannten Grössen wie den Beatsteaks gemessen. Dies passiert automatisch auch bei „Get Better Get Worse“, doch die Musik hält diesem Vergleich immer stand. Smile And Burn sind nämlich nicht nur in die Fussstapfen ihrer Kollegen getreten, sie haben gleich die Bühne übernommen. Unwiderstehliche Hits wie „Good Enough“ oder „Home“ reissen den Hörer sofort mit und halten mit ihrer organischen und druckvollen Musik alle in ihrer Gewalt. Die Band lässt ihre Lieder mit Intensität gerne auch in den modernen Hardcore abdriften oder erinnert an die heroische Hingebung von Blackmail.

Was Smile And Burn hier aufgenommen haben, lädt zum Mitsingen ein, zu emotionalen Lebenserfahrungen und wilden Pogokreisen. Nie ist der Punk-Rock hoffnungslos oder verloren, immer findet man wieder Hooks oder Refrains als Rettungsnetze. So sind Stücke wie „Running On Edges“ klare Hymnen, welche perfekt neben energischen Aussagen wie „Not Happy“ stehen. Verrückt oder nicht, Berlin tut halt allen gut und die Deutsche Szene ist um eine grosse Band reicher.

Anspieltipps:
Good Enough, Running On Edges, Home

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Seemannsgarn – Chräienäscht (2017)

Seemannsgarn – Chräienäscht
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Punk-Rock, Mundart

Sumiswald, eine kleine Gemeinde im Emmental des Kantons Bern, ist nicht direkt für seine Meeranbindung oder schlimme Quartiere bekannt. Trotzdem stammt die Mundart-Punk-Gruppe Seemannsgarn aus dieser Ortschaft und umgibt sich seit drei Alben mit den Motiven der Seefahrt. Auch „Chräienäscht“ macht damit keine Ausnahme, werden doch bereits auf dem Cover das Meer und die ehrwürdigen Schiffe zelebriert. Dieses Thema zieht sich dann auch durch die Texte, aber die Band verliert sich zum Glück nie in Piratenliedern.

Wie auch auf dem direkten Vorgänger „Dr Wäg ads Meer“ spielen Seemannsgarn auf ihrer neusten Scheibe wieder mit der Kombination aus Punk-Rock und Mundart-Texten. Dabei wird die Gruppe aber nie wirklich hart, sondern spielt auch mit den Möglichkeiten des Alternative Rock – oder noch stärker mit dem Pop. „Log Nr 13“ eröffnet das Album ruhig, „Dr Mond“ lässt die Gitarren schier bluesig singen. Durch diese Mittel driftet die Band für meinen Geschmack leider zu oft in die Region von schlimmen Grössen der Schweizer Szene ab – welche hier mal ungenannt bleiben sollen. Auch der Gesang von Kobe bleibt über alle Songs etwas zu eingeschränkt, gar verkrampft.

„Chräienäscht“ ist kein schlechtes Werk und Seemannsgarn sind versiert – so gibt es auch hier wieder kratzende Melodien, mehrstimmige Gitarren und nachdenkliche Texte. Und gerade dank dem schweizerdeutschen Gesang funktioniert die Identifikation extrem schnell. Doch das Album ist zu brav, es fehlt die Wut und somit der punkbestimmende Umstand. Sumiswald ist wohl doch keine Basis für Ausraster, viel mehr gibt es hier einen positiven Zusammenschluss mit dem Pop. Punk ist hier also keine Auflehnung und Haltung, sondern ein Gefäss und Klangbild.

Anspieltipps:
Log Nr 13, Nid perfekt, Heude

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Zeal & Ardor – Devil Is Fine (2017)

Zeal & Ardor – Devil Is Fine
Label: Radicalis, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Black Metal, Gospel

Auf Input erfolgt Output, auf Idee erfolgt Kreation. Selten wurde diese Wechselwirkung bewusster in Musik gefasst, als beim Debütalbum „Devil Is Fine“ von Zeal & Ardor. Manuel Gagneux hat auf einen Vorschlag hin einen musikalischen Meilenstein erschaffen, der Slave Gospel mit Black Metal kombiniert. Und dabei werden Rebellionen verbunden, die eigentlich so nie zusammenkamen. Trotzdem, die Auflehnung gegen Indoktrinierung ist universell und der amerikanisch-schweizerische Musiker hat dies perfekt ausformuliert.

Das Album beginnt noch etwas zurückhaltend und legt mit dem Titeltrack aber gleich vor, wie Zeal & Ardor funktioniert. Die schleppenden Rhythmen und Gesänge der Sklavenlieder werden mit brausenden Gitarren und wildem Schlagzeug des nordischen Metal unterlegt. Ab „In Ashes“ kippt die Stimmung und plötzlich ist die brutale Musik im Vordergrund. Was geschrieben fast nicht vorstellbar ist, wird beim Anhören aber eine logische Form von Lied und Ausdruck. Und als ob dies nicht bereits genügend erfrischend wäre, unterbricht Gagneux seine Scheibe mit drei „Sacrileguium“-Zwischenspielen, in denen sogar elektronische Beats pochen.

Zeal & Ardor wird in vielen Lagern anecken und auf Unverständnis stossen, doch genau solche Menschen will man als Künstler ja auch nicht in der Fangemeinde. „Devil Is Fine“ ist ein Novum, eine Überraschung, eine magische Platte. Schlussendlich steht dieses Album nicht nur dafür was es ist, sondern auch was es darstellen und sein könnte. Es verbindet unsere Vergangenheit und Fehler mit der Zukunft und den Möglichkeiten – und zeigt damit, dass wir gemeinsam alles überkommen können.

Anspieltipps:
Devil Is Fine, Blood In The River, Sacrilegium III

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.