Bands und Künstler

Interview mit We Invented Paris – Kollektivkunst aus Basel

5. September 2017
Im Gespräch mit: Flavian Graber, Sänger und Gitarrist von We Invented Paris

Mit ihrem neusten Werk „Catastrophe“ hat das Kollektiv um We Invented Paris nicht nur ein wunderbares Album voller Synthie Pop vorgelegt, sondern spricht in den Hymnen auch wichtige und aktuelle Themen an. Dabei wird ihre Musik weit über die Stadtgrenzen von Basel hinaus getragen und sorgt für viele tanzende Füsse. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um mit dem Frontmann der Band zu sprechen.

Michael: „Catastrophe“, so heisst das neue Album von We Invented Paris, ist aber das Gegenteil. Warum wurde genau dieser Songtitel als Name für das Album gewählt? „Kaleidoscope“ träfe den vielfältigen Stil doch eher.
Flavian: „Catastrophe“ trifft inhaltlich die Kernbotschaft des Albums für uns am besten. Wir sind alle Teil der momentanen Katastrophe und doch spielt jeder in seinem Leben eine zentrale Rolle – und hat somit auch die Möglichkeit etwas zu bewegen.

Hinter den neuen und packenden Synthie-Pop-Songs stecken grosse Botschaften. Ist die Welt mit Musik noch zu retten (oder zumindest zum Nachdenken zu bringen), oder ist dies eher der persönliche Hilfeschrei?
Ich glaube nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Aber ich glaube, dass Musik Menschen zum Nachdenken und Fragen stellen bewegen kann, welche dann die Welt, oder zumindest ihre direkte Umwelt verändern.

Hast du denn einen Geheimtipp, wie man solch grossartige Hits wie „Fuss“ schreiben kann? Dir scheint dies ja sehr einfach zu fallen.
Danke fürs Kompliment! Wir hatten über 70 Songs geschrieben für dieses Album, so viel wie noch nie zuvor. Und es hat da einige darunter, die du nicht hören willst. Gleichzeitig hatten wir so viel Spass wie noch nie zuvor beim Schreiben und im Studio, was sich für mich in solchen Songs wie „Fuss“ auch wiederspiegelt.

Das Album ist nicht nur nachdenklich und düster, sondern auch treibend und eingängig. Woher holst du dir die Inspiration für solch unterschiedliche Songs?
Nichts finde ich langweiliger, als wenn man nach drei Songs das ganze Album gehört hat. Ich mag die Abwechslung und suche diese immer wieder bewusst. Oft versetze ich mich auch in Situationen oder Erlebnisse von Freunden oder beobachte meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.

Apropos Stilmix: „Looking Back“ erinnert stark an Retrowave. Liegt die Zukunft des elektronischen Pop in der Vergangenheit?
Ich glaube, wenn man sich musikalisch weiterentwickeln will, holt man automatisch etwas aus der Vergangenheit und der Musikgeschichte und macht es sich zu eigen. Damit versucht man, etwas Neues zu kreieren. Oft sind diese Instrumente oder Stilmittel auch solche, welche in der kürzeren Vergangenheit völlige Tabus waren. Genau das ist das Aufregende, Herausfordernde und somit Frische an diesen Elementen.

Ist es etwas Einfaches, die vielschichtig produzierte Musik auf die simplere Ebene von Konzerten herunterzubrechen?
Wir versuchen die Songs live so zu reduzieren, dass wir sie wirklich spielen können, der Charakter des Songs aber trotzdem voll rüberkommt. Live erleben wir Musik oft anders als ab Konserve, aber genau das macht ein Livekonzert schliesslich zum einmaligen Erlebnis: Wenn die Lieder nicht exakt gleich klingen wie die Aufnahmen.

Gitarre oder Synthie – wer hat mehr Macht?
Jeder hat seine Zeit und seinen Moment. Momentan ist die Keytar an der Macht.

Nicht nur im Video zu „Kaleidoscope“, sondern auch bei den Live-Auftritten dient ein alter Röhrenfernseher als Kopfbedeckung. Welche Bedeutung trägt dieser Gegenstand bei euch?
Einerseits symbolisiert er den Retro-Sound und andererseits steht er auch für die Katastrophe. Oder eben dafür, wie wir Katastrophen durch die Medien erleben, ihnen begegnen und dabei immer die Distanz des – unmöglich neutralen – Beobachters innerhalten.

Andere Kunst-Kollektive oder Bands treten live gerne in Uniformen auf – von Devo bis hin zu Archive. Wäre das auch etwas für euch, als Ergänzung zum Kopfschmuck?
Bis jetzt mochten wir es eigentlich, die Vielfalt und Individualität im Kollektiv zu zeigen, in dem jeder seinen eigenen Stil trägt.

Wenn wir schon von Konzerten sprechen: Am Open Air Basel hattet ihr ein zusätzliches Bandmitglied am Start, den Barkeeper. Sind solche Gimmicks bald nötig, um die Menschen überhaupt noch dazu zu bringen, für Live-Musik Geld auszugeben?
Nein, die Cocktail-Bar war einfach Teil der Show und des Disko-Bling Blings. Aber ich denke schon, dass viele Menschen die Qualität von Live-Musik gar nicht mehr kennen und schätzen. Viele gehen zum Beispiel auf Open Airs, um Party zu machen, nicht um wirklich Bands zu hören.

Basel liegt am Dreiländereck, hilft euch das? Ein Kunstkollektiv wie We Invented Paris braucht ja eher viel Platz.
Ich mag die für Schweizer Verhältnisse relative grosse Weltoffenheit in Basel. Auch, dass Leute wie Ernst Beyeler sich getraut hatten, in Basel zu bleiben und etwas von internationaler Bedeutung aufzubauen.

Hast du schon Pläne, wie du die Zeit nach der WIP Catastrophe-Disco-Bar-Box-Tour verbringen wirst?
Jetzt kommt erstmal die „Tour de Catastrophe“. Wieder ein komplizierter, Name ich weiss. Diese startet im Oktober und wir werden mit der gesamten Band touren. Und dann werde ich schauen, wohin die Reise geht, was sich aufregend anfühlt.

Dann viel Erfolg und besten Dank für deine Zeit.
Danke dir!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Interview mit New Model Army

Im Gespräch mit Justin Sullivan, Sänger und Gitarrist von New Model Army.

Wenn die legendäre Wave / Rock / Punk Gruppe New Model Army aus England durch Europa reist, dass ist dies für sehr viele Leute ein Grund zu grosser Freude. Umso schöner, dass die Band diesen Sommer auch wieder in der Schweiz Halt gemacht hat – und zwar am Open Air Gränichen. Wir nutzten die Gelegenheit um mit dem charismatischen Frontmann Justin Sullivan vor dem Auftritt über ein paar Dinge zu sprechen.

Michael: Willkommen zurück in der Schweiz. Ihr habt hier schon oft gespielt, gibt es denn eine besondere Verbindung zum Land?
Justin: Justin: Gerade heute haben wir darüber gesprochen, dass wir uns überall in Europa sehr wohl fühlen und jedes Land mögen. Wir haben den Kontinent schon so oft bereist, und wie überall gibt es auch in der Schweiz Dinge, die man lieben kann – und andere, die man weniger gut findet.

Heute spielt ihr am Open Air Gränichen, einem Festival. Das ist immer etwas anderes als ein Club-Konzert. Was funktioniert bei New Model Army besser?
Das spielt keine Rolle. Ich mag es beispielsweise, bei Festivals zu spielen, wenn wir ganz spontan angekündigt wurden und keiner wegen uns da ist. Es ist schliesslich einfach, vor einem Publikum aus Fans aufzutreten, die alle auf ihren Lieblingssong waren. Dabei kann es sogar toll sein, gehasst zu werden! Wir spielten zum Beispiel einmal als Support für eine grosse Band, deren Fans es als illoyal ansahen, bei uns zu viel Begeisterung zu zeigen. Das ist eine Herausforderung, und das ist auch gut so.

Ist es bei einem Clubkonzert nicht einfacher, die Botschaft der Musik an die Leute zu bringen – schliesslich hören da die Leute eher zu?
Das suggeriert, dass es eine Botschaft gibt. Bei uns gibt es aber keine konkrete Botschaft, eher einen gewissen Geist. Wir haben jetzt über das Publikum als Einheit gesprochen, aber ich denke nicht so darüber. Von der Bühne aus sieht man unterschiedliche Menschen, welche Unterschiedliches in der Musik suchen. Manche wollen tanzen, manche klatschen, andere wieder nur still sein und zuhören. Dieses Mitmach-Ding haben wir nie gemacht. Jeder im Publikum tickt anders, und es entspricht uns nicht.

Immer, wenn ich New Model Army höre, habe ich das Gefühl, ihr versucht die Welt mit eurer Musik ein wenig zu verändern. Stimmt das?
Ich denke eher nicht. Sogar in den Anfängen, als unsere Songs noch etwas polemischer waren, habe ich nie geglaubt, dass man mit Musik das Denken der Leute ändern kann. Wenn du ein Nazi bist, wirst du nach unserem Gig nicht denken: „Oh, ich hatte Unrecht.“ Das ist einfach nicht realistisch. Daher verstehe ich uns nicht als politische Band. Manchmal singen wir auch Lieder aus anderen Perspektiven – „One Of The Chosen“ handelt zum Beispiel von einem religiösen Fundamentalisten, „My People“ von der Betrachtungsweise des Jugoslawien-Krieges aus den Augen eines Nationalisten. „Start With Vengeance“ wurde kurz nach dem Schauen einer Dokumentation über Klaus Barbie (Deutscher NS-Kriegsverbrecher) geschrieben. Es ist keine Kritik, sondern mehr das Hineinversetzen in einen Zustand. Stimme ich diesen Leuten zu? Nein. Will ich sie verstehen? Ja.
Es hat aber durchaus mit einer gewissen Gesinnung, einer Einstellung zu tun. Mit der Zunahme von rechten Bewegungen in Europa brauchen wir wieder einen stärkeren Gemeinschaftssinn. Ein Konzert ist wie eine Teilnahme an einer Demonstration, es gibt dieses Einheitsgefühl.

Was ja auch in anderen Kunstformen geschieht, wie beim Schauspielen. Sich in andere hineinversetzen – das geschieht ja auch bei anderen Kunstformen, beispielsweise beim Schauspielen.
Oder wenn man ein Buch schreibt, dann muss man alle unterschiedlichen Charaktere verstehen. Wenn du nur über dich selber schreibst, dann wird es ziemlich schnell langweilig. Menschen sind interessant – und ist es nicht verwunderlich, dass man immer und überall dieselben Konstellationen an Charakteren finden kann? Es hat immer einen, der sich beklagt; einen Optimisten; einen, der immer krank ist, und so weiter. Wir finden uns irgendwie.

Sozusagen das Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.
Genau, und in dieser Vielfältigkeit ist die Botschaft. Besonders in diesen Zeiten.

Du hast Bücher erwähnt. Zum Album „Winter“ habt ihr eine Graphic Novel veröffentlicht. Wie kam dies zustande?
Gewisse Texte sind sehr narrativ und ich dachte, es wäre interessant zu sehen, was ein Comic-Künstler daraus machen würde. Wir haben Matt Huyhn online gefunden und mochten seinen Sumi-e-Stil sehr – diese Art von energetisch wirkenden Kalligrafie-Zeichnungen. Seine Geschichte „The Boat“ handelt von Flüchtlingen, was in seine persönliche Lebensgeschichte reinspielt. Seine Eltern waren Vietnamesen und leben nun in Australien. Ich habe Matt gefragt, ob er diese Thematik noch angeht, da ich ihm „Die Trying“ vorgelegt habe. Er hatte nichts dagegen. Also hat er drei Lieder zu einem Comic zusammengefügt.

Du arbeitest auch bei euren Videos gerne mit unterschiedlichen, visuellen Aspekten. Entspricht euch dies mehr als die typischen „Band spielt Musik“-Videos?
Ich bin kein sehr visueller Mensch, aber ich habe viele Ideen. In den alten Zeiten mit MTV haben wir auch diese typischen Rock-Videos gemacht, und die meisten davon waren wirklich schrecklich. Dean (White, Keyboard und Gitarre) ist extrem gut mit Video und Schnitt und wir haben angefangen, mit Material von Youtube Clips zu erstellen. Bei „Devil“ haben wir Ausschnitte aus dem Faust-Film von 1929 genommen. Für „Winter“ habe ich Dean an einem verschneiten Morgen angerufen und wir haben ganz schnell ein Video gedreht. Und bei „Sunrise“ haben wir das Material von einem Typen genommen, der einen wunderschönen Sonnenaufgang während einer Autofahrt durch England gefilmt hatte. Wir geben für die Videos nicht viel Geld aus, das passt mir so.

Euer Artwork stammt fast immer von Joolz Denby. Sie hat sogar das Cover von „Winter“ mit ihrem Album „Crow“ thematisch verbunden. Passierte eine solche Verbindung auch bei der Musik?
Nun, alles startete mit der Nacht, als ich Joolz kennen gelernt habe. Wir waren uns schnell sehr nahe, und ein grosser Teil von New Model Army ist zu gleichen Teilen ihre wie auch meine Vision. Ihre Bilder haben dieselbe Aussage und Energie. Zusätzlich ist sie sehr experimentierfreudig und ist offen für neue Herangehensweisen. Als Henning Nugel, ein deutscher Komponist, ihre Gedichte vertonen wollte, ist „Crow“ entstanden. Ich habe Teile davon gehört und musste Nugel einfach als Arrangeur für die Streicher auf „Winter“ haben.

Zwischen den Künstler herrscht also ein reger Austausch.
Ja, dies ist der Schluss zu New Model Army – auch wenn wir manchmal unsere Differenzen haben.

Die Band wurde 1980 gegründet, vor vielen Jahren. Ist es denn immer noch einfach, neue Lieder zu schreiben, die in den gleichen Kosmos passen?
Musikalisch ist es sehr einfach, wir haben immer viele neue Einfälle. Die Texte sind aber eher etwas schwieriger, da ich über praktisch jedes Thema schon einen Song geschrieben habe. Ich muss also immer nach neuen Orten und Perspektiven suchen. In den letzten Jahren haben wir um die 32 Lieder veröffentlicht, wohl vor allem dank Ceri (Monger, Bass und Perkussion). Als er vor fünf Jahren zu uns gestossen ist, hat das das Bandgefüge verändert und die alten, eingerosteten Gewohnheiten aufgebrochen – genau gleich wie auch vor zirka zehn Jahren, als Marshall (Gill, Gitarre) dazu kam. Ceri hat einen Metal-Background, was uns eine neue Stimmung brachte. Diese Wechsel sind wichtig für unsere Band, und ich denke, die aktuelle Version von New Model Army ist die beste. Wir haben immer noch Streit und Diskussionen, aber es gibt keine bestimmte Politik. Ebenso müssen wir uns gegenseitig von unseren Ideen überzeugen.
Oft gewinne aber nicht ich, denn ich kann bei meinen Einfällen nicht zwischen den guten und den schlechten unterscheiden. Ich arbeite nicht so gut alleine.

Du hast es aber auch schon versucht.
Ja, aber auch bei meinem Soloalbum, was ich immer noch sehr mag, habe ich eng mit einem Produzenten zusammengearbeitet. Sonst wäre es wohl nie fertig geworden. In einem Team kann immer einer sagen: Jetzt ist genug.

Du wirst mit Dean im September am Bradford Musicians Against Homelessness, einem Benefiz-Konzert, auftreten. Machst du oft solche Auftritte?
All ein oder zwei Jahre spielen wir ein solches Konzert – und werden dies auch weiterhin tun. Dieses Mal ist es eine kleine Sache mit lokalen Bands und etwa 400 Leuten. Und da die Maschinerie New Model Army sehr viele Leute beinhaltet und schwerfällig ist, werden nur Dean und ich auftreten.

Wirst du dir auch heute am Gränichen Open Air noch andere Bands anschauen?
Ja, aber ich kenne keine davon. Cellar Darling, welche direkt vor uns auf der Hauptbühne spielen werden, haben auch „unsere“ Violinistin Shir-Ran Yinon mit dabei – sie spielt also in zwei Bands heute. Shir-Ran ist brillant, und im Gegensatz zu anderen Solisten kann sie sich zurückhalten. Wir haben sie durch einen glücklichen Zufall kennengelernt, als Tobias Unterberg, ein Cellospieler, mit uns musizierte.

Zuletzt: Wie gefällt dir das Schweizer Publikum? Viele sagen ja, es sei etwas zu zurückhaltend.
Dieses Gefühl habe ich nicht, aber es gibt einen Unterschied zwischen der deutschsprachigen und französischen Schweiz. Hier sind die Leute etwas reservierter, was witzig ist. Denn eigentlich sind wir in Deutschland viel bekannter als in Frankreich, in der Schweiz scheint es aber genau umgekehrt zu sein. Mir gefällt es überall, und die Reaktionen des Publikums hängen von vielen Faktoren ab. Aber ich mache mir keine Sorgen. Wenn jemand nicht reagiert, bedeutet es nicht, dass er uns nicht zuhört.

Vielen Dank für deine Zeit und das Interview.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Giant Sleep – Länder verbindender Rock

Im Gespräch mit:
Patrick Hagmann (Gitarre) und Thomas Rosenmerkel (Gesang) von Giant Sleep

Mit ihrer Urgewalt verbindet die Musik von Giant Sleep nicht nur Länder, sondern auch diverse Genres. Man findet in den Songs düsteren Doom, fordernden Prog und elegischen Post-Rock – und trotzdem klingt die Band total eigen. Wie erreicht man eine solche Eigenständigkeit? Zeit, mal etwas genauer nachzufragen.

Michael: Monumental – so simpel lässt sich euer zweites Album „Move A Mountain“ beschreiben. Natürlich wird dieses Destillat der Musik nicht gerecht. Wie würdet ihr es nennen?
Patrick: Ich würde es zeitlos nennen – ein bunte Achterbahnfahrt von den 70ern bis heute, haha.
Thomas: In der Tat monumental, deshalb auch der monumentale Albumtitel und das Artwork.

Die Platte ist erst die zweite, die ihr als Giant Sleep aufgenommen habt. Wie kann man als Band so früh bereits eine solche Dichte im Klang erreichen?
Patrick: Ich denke, ein wichtiger Grund ist, dass wir insgesamt schon sehr lange in verschiedenen Bands und Stilrichtungen unterwegs sind. Mit Markus (Gitarre) habe ich viele Jahre bei bei Fear My Thoughts gespielt, leider ist er neulich ausgestiegen. Unser neuer Gitarrist ist übrigens Ex-Zatokrev-Gitarrist Tobi Glanzmann. Somit ist die Band selber zwar relativ jung, wir machen das aber schon seit Ewigkeiten. Thomas singt sicher schon seit 35 Jahren in Bands.

Eure Musik zehrt von Post-Rock, Stoner, Doom und vielen anderen Unterarten der harten Gattungen. Woher kommen diese Inspirationen?
Patrick: Wirklich jeder von uns hat einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Ich stehe auf 70er Prog, Black- und Death Metal, Avantgarde-Zeugs, 80er Metal. All diese Einflüsse lassen wir zu, soweit sie von den anderen Mitgliedern auch mitgetragen werden können. Unser Drummer ist z.B. kein Metalfan, da haben meine Black Metal-Riffs eher keine Chance. Wir sind eine sehr demokratische Band, wir achten darauf, dass jeder mit dem Komponierten einverstanden ist.
Thomas: 1977 fand ich im Rinnstein eine Schlagermusikkassette, die jedoch überspielt war mit Musik von Black Sabbath und Golden Earing – seither bin ich Fan.

Ist es ein Einfaches, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bekommen, oder baut ihr die Lieder bis zur Aufnahme viele Male um?
Patrick: Die Songs entstehen zum Grossteil sehr natürlich, wir folgen dem Flow und setzen uns wenig Grenzen. Es ist tatsächlich nicht schwer, unsere Einflüsse zu verbinden. Beim ersten Album war es noch so, dass wir vieles umgebaut hatten. Aber mit dem neuen Album waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass das meiste so auf der Platte gelandet ist, wie es als erste „Rohfassung“ entstanden war.
Thomas: Mal so, mal so. Wir glauben eher an Gewürze als an Rezepte.

Wie geht ihr beim Songwriting denn vor? Ist es eine Klangfindung im Bandraum beim Jam, oder werden gesamte Passagen von einzelnen Mitgliedern erarbeitet und dann zusammengefügt?
Patrick: Ersteres. Wobei es schon vorkommt, dass jemand mit einem oder zwei Grundriffs von Zuhause ankommt. Damit wird dann herumgejammt, bis sich neue Ideen ergeben. Traditionellerweise beginnen wir jede Probe mit einem Aufwärmjam. Aus diesen Jams heraus haben sich schon einige Songs entwickelt. Ich geniesse diese Arbeitsweise sehr, da es in meinen anderen Projekten eher so aussieht, dass ich komplett alles arrangiere, aufnehme, produziere, programmiere und die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, dann das fertige Produkt vorgesetzt bekommen. Ich mag beide Herangehensweisen. Aber das gemeinsame Jammen hat natürlich etwas Organischeres.

Text und Melodie halten sich bei euch gut die Waage – besteht oft die Gefahr, dass etwas zu viel Gewicht erhält und die Lieder somit anders wirken?
Thomas: Da die Texte und Gesangsmelodien alle von mir sind, muss ich wohl mit dieser Gefahr leben. Aber ein bisschen Gefahr ist ja auch spannend.

Beim Gesang werden oft prägnante Sätze mehrmals wiederholt – etwas, das man mit Gitarren für die emotionale Steigerung ebenso einsetzt. Ist die Stimme also ein weiteres Instrument?
Patrick: Diese Wiederholungen haben für mich etwas archaisches, rituelles – ohne jetzt in die okkulte Ecke abdriften zu wollen. Sie versetzen mich und vielleicht auch den Hörer tatsächlich manchmal in Trance-ähnliche Zustände. Der Thomas ist fast schon ein Schamane.
Thomas: Wiederholungen von Phrasen sind halt ein alter Blues-Trick, aber auch schon die Wikinger haben Stab-Reime benutzt. Die Stimme ist das archaischste aller Instrumente. Gesungen wurde schon, bevor das erste Tier getötet wurde. Das Material für Trommeln, Pfeifen und Saiteninstrumente gab es erst danach.

Ihr spielt gerne mit der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland, auch da ihr Musiker aus beiden Ländern dabeihabt. Doch was hat es sich mit dem „Last Exit Aargau“ denn genau auf sich?
Thomas: Ja, wenn ich am strahlend blauen Himmel das Leibstadtwölkchen sehe, dann weiss ich, im Helvetiapark ist alles in Ordnung, der Reaktor kühlt noch. Ich bin sehr schweizophil. Wir wollten schon mal einen Tunnel unterm Rhein graben und abhauen. Die Polizei hat uns aber gestoppt. „The Last Exit Aargau“ ist ein Heimatlied und sollte ein bisschen Werbung für die Sterbe-Hilfe-Klinik sein, um einige Leute dazu zu bewegen, sich dort anzumelden, z.B. Herrn Trumputin.
Patrick: Thomas, Markus und ich sind direkt an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Mein Vater, mein Onkel, meine Frau, viele Freunde, alles Grenzgänger. Das prägt die ganze Region hier schon etwas. Also nicht wirklich tiefgreifend, aber die Konstellationen, Chancen, Begegnungen und Annäherungen, die sich durch diese Lage im Dreiländereck ergeben, sind einfach spannend. Wir spielen gerne etwas mit der Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Alleine dass wir zum Proben in ein anderes Land müssen und unsere Gitarren oder Amps eigentlich deklarieren müssten, ist doch schon etwas Besonderes (lacht). Bis vor kurzem war die Bandkonstellation: Drei Deutsche in Deutschland, ein Deutscher in der Schweiz und ein echter Schweizer. Jetzt sind es zwei Schweizer, zwei Deutsche und einer 50/50. Das ist doch eine schöne Balance.

Mit „12 Monkeys“, „Love Your Damnation“ oder „Forever Under Ground“ werden nicht unbedingt sehr positive Bilder gezeichnet. Ist die Melancholie der heutigen Zeit einfach zu verlockend?
Thomas: Wie gesagt, ich liebe Doom und düstere Musik. Doch in der heutigen Zeit meine ich eher Dummheit als Melancholie zu erkennen.
Patrick: (lacht) Ich glaube, der Thomas schreibt schon seit den 80ern in diesem Stil. Ist die heutige Zeit melancholisch? Ich weiss es nicht. Die 80er im Schatten des Kalten Krieges, Tschernobyl etc. war sicher auch sehr von Angst, Pessimismus und  Melancholie geprägt. Gab es überhaupt mal eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die frei von Krieg und Leid war? Wahrscheinlich nicht, das ist einfach die menschliche Seele.

Giant Sleep haben ein sehr eigenes Klangbild, eure Musik lässt sich selten mit anderen Bands direkt vergleichen. Gibt es denn auch Pläne, euer restliches Auftreten (Design, Bühnen-Outfit etc.) als durchdachtes Paket zu gestalten?
Patrick: Da gibt es durchaus Überlegungen. Aber irgendwie sind wir nebenher auch so sehr mit unserem Tagesgeschäft beschäftigt, dass wir all unsere freie Zeit lieber in das Proben und Schreiben investieren. Zudem hat sich auch herausgestellt, dass jeder komplett andere Vorstellungen von „coolem Bühnenoutfit“ hat. Wir sind schon froh, dass Markus immer das Design übernommen hat, er macht dies hauptberuflich.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands gespielt. Wie fühlt es sich denn an, mit Giant Sleep noch einmal „neu“ zu starten?
Patrick: Es fühlt sich sehr gut an. Wir haben mit unseren alten Bands viele Erfahrungen gemacht und wissen heutzutage ganz genau, was wir wollen. Das bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, die sich sehr positiv auf die ganze Band-Atmosphäre auswirkt. Wir sind uns auch alle bewusst, dass wir ein Haufen alter Säcke sind, die sicher nicht der nächste heisse Scheiss werden. Diese Gewissheit nimmt uns Druck. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben, ob im Proberaum oder auf der Bühne. Wenn das ein paar Leute geil finden, super!
Übrigens: Wir suchen Konzerte! Booker, meldet euch!
Thomas: Es macht mich froh und dankbar, mit so fähigen Musikern und grossartigen Charakteren Musik machen zu dürfen.

Welcher Berg müsste eurer Meinung nach bewegt werden?
Thomas: Das ist, glaube ich, individuell verschieden und jeder muss wahrscheinlich selbst wissen, wann und wo die Revolution beginnt.

Wann holen sich die Musiker von Giant Sleep denn den grossen Schlaf?
Patrick: Vier Fünftel der Band haben Kinder. Der grosse Schlaf ist das utopische Ziel, das unglaublich grosse Verlangen, mal wieder anständig schlafen zu können. Ich glaube, Thomas hat noch eine andere Theorie. Die klingt mysteriöser.
Thomas: Giant Sleep ist eine Metapher für den Tod und „bedenke du bist sterblich“ – irgendwann ist halt Sense.

Besten Dank für eure Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Czar Shop – Plattenladen in der digitalen Welt

Das Label Czar Of Crickets Productions wird nicht nur bei Artnoir zu einer regelmässig besuchten Anlaufstelle für neue und harte Musik aus der Schweiz, auch die umliegenden Länder und diverse Szenengrössen schauen mit ihren Ohren und Augen in Richtung Basel. Frederyk Rotter, Musiker bei Zatokrev und Neo Noire, will hier aber nicht stoppen. Mit dem Czar Shop steht ein weiterer Baustein bereit, der es ermöglichen soll, Musiker, Fans und Kritiker auf andere Weise zusammenzubringen – und vor allem die Schweizer Szene der harten Musikarten endlich bekannter zu machen. Zeit, um etwas genauer nachzufragen.

Michael: War es schon immer geplant, das Label mit einem Shop zu verbinden?
Fredy: Ich plante ursprünglich, den Shop als Plattform für Labelbands zu nutzen, wo diese mit dem Verkauf von Tonträgern mehr verdienen konnten als über die gängigen Vertriebe. Uns gefiel aber die Idee, den Shop auch anderen Bands und Schweizer Labels anzubieten und somit eine Plattform mit den besten Schweizer Künstlern zu schaffen.

Verwaltest du alle Aufgaben selber, oder ist die Menge an Arbeit so gross geworden, dass sich fleissige Gehilfen in Lager und Büro tummeln?
Mein Kumpel Marko Thümmler verwaltet in Zürich den Czar Shop. Ich kümmere mich um die Warenanlieferung, Werbung und um die Kommunikation mit Bands und Labels. Auch mein super Praktikant übernimmt hier und da eine Aufgabe bezüglich dem Czar Shop.

Und reicht denn diese Arbeit aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten? Oder musst auch du weiterhin einem Brotjob nachgehen?
Mein Kerngeschäft ist das Label, davon lebe ich. Von verkauften Tonträgern über den Czar Shop kann das bisher aber noch keiner. Der Shop war jetzt lange Zeit im Aufbau und hat nun ein beeindruckendes Sortiment vorzuweisen. Neben Top Acts wie Triptykon, Celtic Frost, Darkspace, Bölzer, Mumakil, Rorcal, Young Gods, Zeal & Ardor, Navel oder Schammasch wird der eine oder andere auch auf Perlen aus dem tiefen Underground stossen. Der Shop läuft stetig etwas besser, aber du weisst ja wie es heutzutage ist mit dem Tonträgerverkauf – auf keinen Fall einfach. Wir versuchen auf verschiedene Arten, auf den Czar Shop aufmerksam zu machen – es braucht aber Zeit, bis es bei den richtigen Feinschmeckern angekommen ist.

Nach welchen Kriterien werden Bands und deren Produkte ausgewählt? Entdeckst und hörst du die Musik selber, oder vertraust du auf die Meinung anderer Musiker oder von Freunden?
Ich kenne oder entdecke sie oft selber. Es ist mein täglich Brot, Leute, Musiker und Bands zu kennen oder kennenzulernen. Ich bin an vielen kleinen oder mittelgrossen Events anzutreffen, da entdeckt man immer wieder einmal etwas Neues. Ich nehme natürlich auch immer gerne Empfehlungen entgegen.

Kann man mit einem unabhängigen Shop Grenzen überwinden und Brücken bauen? Ein Grundsatz, den du dir für den Czar Shop auf die Fahne geschrieben hast – auch, um die Schweizer Szene endlich bekannter zu machen.
Ich denke nicht, dass dies alleine mit einem Shop geht – dieser ist aber ein Teil des grossen Ganzen. Bei meiner Arbeit als Labelmanager versuche ich z.B. Bands aus der deutschsprachigen Schweiz in die französischsprachige Schweiz zu bringen und umgekehrt, sei es mit Promo oder Konzervermittlungen. Fakt ist, dass hier kaum jemand die Szene in der Westschweiz kennt, obwohl die nächste französischsprachige Schweizer Ortschaft nur etwa eine Autostunde entfernt liegt. Den Welschen geht’s umgekehrt genauso. Es wird zwar stetig besser, es sind aber immer noch nur einzelne Künstler, die es über den „Röstigraben“ schaffen. Der Shop bietet eine Übersicht über grossartige Künstler beider Seiten und deren verschiedene Szenen. Ziel ist es aber auch, den Shop ausserhalb der Landesgrenze zu promoten. Wir wollen weltweit Freaks ansprechen, die entdeckungsfreudig sind und gerade auch mit der Entdeckung von grossartigen unbekannten Schweizer Bands ihre Erfüllung finden.

Entsteht bei einem Online-Shop überhaupt eine Gemeinschaft oder ein Gefühl des Zusammenhaltes, wie man es (vor allem früher) in den Plattenläden erlebt?
Vielleicht nicht genau so wie bei richtigen Plattenläden, aber in gewisser Weise und unter gewissen Umständen kann es sein, dass es ein Gemeinschaftsgefühl unter den Künstlern auslösen kann. Der Czar Shop an sich labelt ja auch. Wir nehmen nicht wahllos Produkte von Schweizer Bands auf, wir suchen sie uns aus nach ihrer Qualität und einer Ästhetik, die zu unserem Shop passt. Das heisst schonmal, dass die Künstler eine Gemeinsamkeit haben und vereint unter einem feinschemeckerischen Deckmantel ihre Produkte der Welt anbieten – das kann durchaus ein Gefühl von Zusammenhalt auslösen.
Schön wäre es, wenn ein ähnliches Gemeinschaftsgefühl eines Tages auch bei einer breiteren Kundschaft der Fall wäre. Online ist es aber halt nicht ganz dasselbe wie in einem richtigen Plattenladen, in den man reinstiefelt, immer dieselben Leute antrifft und bis zum Ladenschluss über Musik debattiert. Wir sind aber immer wieder an kleinen Shows, Partys und Festivals anzutreffen. Man könnte sagen, dass die Leute nicht zu uns in den Laden kommen, sondern wir kommen dahin, wo die Leute an Konzerte oder Partys gehen. Sollte dies in Zukunft regelmässiger der Fall sein, kann ich mir vorstellen, dass sich daraus eine Eigendynamik entwickelt und wir bei unseren Ständen immer wieder bekannte Gesichter antreffen werden. Unterm Strich ist die Schweizer Rock- und Metalszene in allen Bereichen ja immer noch relativ überschaubar.

Gibt es bei dir denn auch so etwas wie Stammkunden? Leute, die alle Czar Of Crickets Productions-Veröffentlichungen als Abo beziehen oder blind vieles einkaufen?
Darüber habe ich leider keinen Überblick, da ich selber den Shop nicht verwalte, sondern nur beliefere. Czar Of Crickets hat aber allgemein eine sehr charmante Anhängerschaft. Das merkt man, wenn wir z.B. an den Events immer wieder dieselben Leute antreffen, die wir unterdessen kennen.

Kassetten, CD-R, Vinyl etc. – schnell sammelt sich eine grosse Menge an Material an. Wird Basel bald im Schatten einer grossen Czar-Lagerhalle verschwinden?
Ha, wer weiss, aber ich denke nicht. Wie gesagt, bei uns zählt immer noch Qualität und nicht Quantität. Wir verkaufen in der Regel auch keine Bestseller, sondern eher etwas Besonderes für den Musikliebhaber. Wir beschäftigen uns mit jeder einzelnen Band, die dazukommt. Sicher wird der Shop aber in nächster Zeit noch stark im Sortiment ausgebaut. Um den Charme zu erhalten, werden wir den Rahmen aber nicht sprengen.

Mit The Young Gods, Navel, Bölzer, Celtic Frost oder Zeal & Ardor tummeln sich bereits grosse Namen im Shop. Was darf man in Zukunft denn noch an Highlights erwarten?
Da gibt es noch so einige. Ich habe eine lange Liste, die ich am abarbeiten bin. Ich fürchte, dass sie aber tendenziell länger statt kürzer wird, da mir immer wieder neue Bands einfallen, oder ich auf neues stosse! In nächster Zeit kann man sicher weitere Tonträger z.B. von Kruger und Leech erwarten.

Und zuletzt: Wie muss man sich denn die alltägliche Arbeit bei einem Onlineshop vorstellen?
Es gibt den, der neue Ware einliest, in den Shop aufnimmt, Bestellungen entgegennimmt und abschickt und den, der den Shop bewirbt (über Inserate, Newsletter, Artikel etc.) und Ware besorgt. Wir wechseln uns ab mit Newsposts. Oft habe ich in verschiedenen Teilen der Schweiz zu tun, z.B. in Lausanne. Dazu überlege ich mir, welche tollen Bands es in Lausanne gibt, kontaktiere diese und treffe mich mit ihnen, um ihre Tonträger entgegenzunehmen. Dabei sparen die Bands Porto – das kann für viele ganz praktisch sein, da ich ja oft unterwegs bin. Das Label ist mein Kerngeschäft, den Aufbau des Czar Shops habe ich immer nebenher betrieben. So langsam aber sicher wird der Shop immer wichtiger für uns und ist definitiv zu einer wichtigen Ergänzung in unserem allgemeinen Schaffen geworden – und zu einer Einnahmequelle, die sich bald für alle Beteiligten als lohnenswert erweisen könnte.

Hoffen wir es doch! Besten Dank für deine Zeit.
Wie immer danke für dein Interesse und deinen Support. Es war mir eine Ehre.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Neo Noire – Grunge 2.0

Wie eine helle Sternschnuppe zogen Neo Noire an Basel vorbei über die gesamte Schweiz und haben mit ihrem ersten Album „Element“ die Szene des Alternative Rock gehörig aufgemischt. Kein Wunder, verbinden die gestandenen Künstler auf der Platte doch harte Riffs mit gefühlvollen Melodien – und vergessen die Ohrwürmer dabei nicht. Dies brachte ihnen auch bereits einige Auftritte im nahen Ausland ein, und für uns die Gelegenheit für ein Interview.

Michael: Eine ganz frische Alternative Rock Band aus der Schweiz begleitet eine gestandene Hardcore-Legende aus den USA. Wie kam es denn zu diesen zwei Konzerten mit Suicidal Tendencies in Deutschland?
Thomas: Über unseren deutschen Booker kam der Kontakt mit dem Management von Sucidal Tendencies zustande. Von da an ging eigentlich alles recht schnell; nachdem sich die Band unser Material angehört hatte, bekamen wir grünes Licht aus den USA für die Shows in Deutschland.

Ein Gig ist bereits überstanden, einer steht noch bevor. Wie sind nun die Erfahrungen nach diesem Auftritt? Wurdet ihr gut empfangen?
Wir haben mit unseren diversen Bands in der Vergangenheit ja schon zahlreiche Erfahrungen mit solchen Support-Slots sammeln können, kennen die Regeln und wissen daher, was zu tun und was zu unterlassen ist. Die erste Show lief für uns fantastisch! Band und Crew von Sucidal Tendencies haben uns äusserst nett behandelt und wir erhielten von ihrer Seite her keinerlei Restriktionen in Bezug auf unseren Auftritt – was absolut nicht der Normalfall ist bei Bands mit solchem Kultstatus.

Sind Supporting Gigs im Allgemeinen lukrativ, oder erhält man dadurch bei etwas komischen Paarungen doch zu wenig Rückmeldung?
Finanziell sind solche Gigs natürlich nicht lukrativ. In Bezug auf die Wirkung, die dabei erzielt werden kann, jedoch sehr! Bei Bands wie den legendären Suicidal Tendencies sind auch immer viele Medienvertreter und natürlich auch viel Publikum anwesend. Wir bekamen sehr gute Reaktionen auf unseren Auftritt, was keineswegs selbstverständlich ist, denn die Fans von Suicidal sind wirkliche Die-Hard-Fans. Aber wir haben uns den Arsch abgespielt und konnten damit offensichtlich überzeugen.

Ist es als „neue“ Band im Allgemeinen einfacher im Business zu sein und sich niemandem beugen zu müssen, als wenn man noch viele Erwartungen erfüllen muss?
Als Musiker ist es meiner Meinung nach am wichtigsten, immer zuerst die eigenen Erwartungen erfüllen zu können, ansonsten läuft man in eine Sackgasse. Bei Neo Noire sind wir alle zu erfahren, als dass wir uns dreinreden lassen würden – dafür haben wir bereits zu viele Jahre im Musikbusiness auf dem Buckel. Innerhalb der Band ist die Situation bei uns generell speziell: Fredy Rotter (Git/Vox) ist gleichzeitig auch unser Labelboss (Czar of Crickets), David Burger (Drums) ist unser Manager (Inhaber von Radicalis) und ich habe das Album produziert. Somit haben wir eine sehr gute und funktionierende Infrastruktur innerhalb der Band und können Entscheidungen selber fällen, was natürlich auch die Verantwortung steigert.

In der Schweiz – oder zumindest in gewissen Szenen – hat euer erstes Album „Element“ eingeschlagen wie eure Riffs einfahren, nämlich heftig. Für euch war dies bestimmt nicht verwunderlich, oder?
Die fantastischen Reaktionen aus aller Welt auf unser Debüt „Element“ sind auch für uns überraschend und natürlich sehr cool. Wir sind als Band sehr entspannt an das Songwriting und die Produktion herangegangen und haben uns keine grossen Gedanken darüber gemacht, wem die Songs gefallen könnten. Wir haben lange und sehr hart daran gearbeitet, bis wir als Band komplett hinter dem Album stehen konnten. Offensichtlich haben wir aber glücklicherweise damit bei vielen schlussendlich einen Nerv getroffen – was uns natürlich sehr freut.

Man kann den Erfolg nie planen und der Grunge ist eigentlich nicht mehr hoch im Kurs – jetzt ist auch noch Chris Cornell gestorben. Ist es da sinnvoll, mit dieser Stilrichtung das Glück zu suchen?
Wir sehen uns eigentlich in keiner Weise als Vertreter einer Grunge-Szene. Grunge war für mich immer eine Erfindung der Medien und ich selber assoziiere am ehesten Bands wie Mudhoney, Nirvana und die Melvins mit „Grunge“. Unsere Musik, die wir ja selber Hybrid Rock nennen, ist ganz einfach die Schnittmenge der persönlichen musikalischen Vorlieben von uns vier in der Band. In den vielen sehr guten Album-Reviews wurden wir sehr oft mit Bands der 90er wie Janes Addiction, Tool oder den Smashing Pumpkins verglichen, was für uns natürlich ein Kompliment ist. Trotzdem wurde auch immer herausgehoben, dass wir diesem Sound ein gehöriges Upgrade verpasst haben. Wir haben innerhalb der Band (und auch aufgrund des grossen Altersunterschieds) zu viele verschiedene musikalische Vorlieben, als dass wir ein einzelnes Genre bedienen wollen würden. Das würde uns als Musiker viel zu sehr limitieren.

Soundgarden waren aber bestimmt auch einen Einfluss auf eure Musik. Was hatte sonst auch noch etwas zu sagen, wenn auch nur unterbewusst?
Mir persönlich gefielen Soundgarden von den vielen Bands zu dieser Zeit fast am besten. Die Band zeigte sehr viele verschiedene musikalische Facetten und schrieb zeitlose Songs. Für mich waren Soundgarden allerdings mit ihren nicht überhörbaren Black Sabbath- und Led Zeppelin-Einflüssen immer mehr dem Classic Rock-Genre zuzurechnen, und ich habe den diesbezüglichen „Grunge-Stempel“ eigentlich nie begriffen. Wir verfolgen mit Neo Noire ein ähnliches Verständnis: Die letzten 50 Jahre haben in der Rockmusik fantastische Bands und Genres hervorgebracht. Wenn man sich keine Grenzen auferlegt, ist dies ein herrliches Tummelfeld, um sich auszutoben. Ich glaube gerade auch deshalb ist noch mit einigen Überraschungen von uns zu rechnen.

An der Plattentaufe in der Kaserne in Basel habt ihr gezeigt, dass eure Musik auch live ein Kracher ist. Was gefällt dir selber mehr, auf der Bühne zu stehen oder im Studio neue Songs zu finden?
Danke, schwierig zu sagen. Für mich ist der Entstehungsprozess eines Songs immer mit sehr viel Magie verbunden. Am spannendsten finde ich als Musiker und Produzent aber immer noch die Umsetzung im Studio. Du kannst vieles richtig oder falsch machen – und mit dem Ergebnis musst du ein Leben lang klar kommen. Aber auch live zu spielen finde ich nach wie vor sehr geil.

Dauert die Arbeit im Studio mit Neo Noire denn lange?
Oh ja. Da wir das Album in Eigenregie aufgenommen und produziert haben, hat dieser Prozess sehr viel Zeit in Anspruch genommen – insgesamt ein Jahr. Wir sind zu sehr Perfektionisten, als dass wir uns schnell zufrieden geben würden und wir lieben es, sehr viele verschiedene Dinge auszuprobieren. Dies alles kostet Zeit und Energie. Aber auf das Ergebnis sind wir mehr als stolz.

Was wird uns denn die Zukunft von Neo Noire bringen? Bald einen Studio-Nachschlag?
Wir werden sicherlich noch einige Zeit mit dem aktuellen Album touren, und so schnell ist nicht mit einem neuen Album zu rechnen. Im Herbst geht es auf eine Tour nach Spanien, danach folgt eine Tour durch die Schweiz, Deutschland und vielleicht auch Skandinavien. Trotzdem sind wir aber bereits daran, neue Ideen auszuprobieren. Doch dieser Prozess dauert bei uns eben immer etwas länger.

Neo Noire und Artnoir(e) – eigentlich die perfekte Kombination für die Musikszene?
Genau und exakt auf den Punkt gebracht! Ich hoffe, wir werden noch oft miteinander zu tun haben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Nathan Gray – Gefühle und Totenköpfe

Seine Musik und sein Album warfen grosse Schatten vor sich – und auch nach der Veröffentlichung von “Until The Darkness Takes Us” gibt es noch einiges zu bereden. Wir nutzten die Gelegenheit um vor dem Konzert in der Hafenkneipe Zürich mit Nathan Gray und Daniel E. Smith vom Nathan Gray Collective zu sprechen. Und dabei packten wir nicht nur den Teufel bei den Hörnern, sondern auch im Buch geblättert und in unser Inneres geschaut.

Michael: Wie ihr sehen könnt, sind wir hier in einer ziemlich kleinen Lokalität – besonders für dich, Nathan. Wie fühlt sich diese Tour an, nachdem ihr vorher grosse Festivalbühnen und Lokale bespielt habt?

Nathan: Es fühlt sich grossartig an. Klar, das sind natürlich nicht boysetsfire. Wir beginnen hier, eine komplett neue Fanbasis aufzubauen. Und jede Nacht ist es genau das, das Suchen von Verbindungen und Überzeugungen. Genau darum geht es mir auch, dass die Leute kommen und eine gute Zeit haben. So versuchen wir von Beginn an, eine tief persönliche Bindung zu unseren Fans aufzubauen und sie in unsere Arbeit mit einzubeziehen.

Daniel: Und am Ende jedes Auftritts sind wir auch bei den Leuten, geben Umarmungen, schreiben Autogramme und schütteln Hände. Es sind keine riesigen Hallen, in denen man von der Bühne geht, ohne dass uns jemand bemerkt.

Ihr seid dieses Projekt auch anders angegangen als sonst. Es sind sehr direkte Texte und persönliche Themen – aber wird das weiterhin hinter der Musik stehen? Werden die Besucher trotzdem die Musik hören, ohne sich um den Inhalt zu kümmern?

Nathan: Das spielt uns nicht direkt eine Rolle. Manche sind damit zufrieden, wenn sie tanzen und feiern können, den Alltag hinter sich lassen – wir geben ihnen auch diese Möglichkeit. Aber es gibt auch immer Leute, die eine tiefere Erfahrung suchen. Und auch diesen bieten wir etwas an. Ich “diskriminiere” in dieser Hinsicht niemanden.

Daniel: Sehr wichtig war es für uns, bereits zu Beginn der Arbeit am Album die Atmosphäre der Lieder so hinzukriegen, wie Nathan es sich vorgestellt hatte. Die Scheibe hat eine extreme Dynamik. Es wurde bewusst so aufgebaut, um den textlichen Inhalt zu verstärken. Aber man spürt die Botschaft auch, wenn man den Gesang nicht versteht

Ihr habt die Musik im Vergleich zu früheren Alben ziemlich verändert, besonders du, Nathan. Alles wirkt nun stärker wie Dark Wave oder Gothic, das spürt man besonders in Songs wie „Skin“. War dies eine bewusste Entscheidung?

Daniel: Diese Art von Musik war schon immer in mir drin, mein tägliches Brot sozusagen. Nathan hat es als Zuhörer immer genossen, kam aber nie als Musiker zu diesem Erlebnis. Also war sein schier popartiger Stil beim Songwriting genauso eine Grenzverschiebung für mich, wie das Elektronische bei ihm.

Nathan: Und das ist so toll an diesem Album – wir durchbrechen die Schubladisierung. Es war mehr ein “finden wir heraus ob dies funktioniert”, was in uns lauert, als ein konkretes Genre. Ich glaube, wir haben es gefunden und es ist fantastisch.

Nicht für alle, es gab ein paar ziemlich durchmischte Rezensionen.

Nathan: Ach, die gibt es immer, man kann es nicht allen recht machen. Es gab schlechte und gute Kritiken – und manche waren sogar persönlich gemein, ohne Bezug zur Musik. Aber alles, was man im Leben und in der Musik machen kann ist: Tu was du magst, was dich bewegt. Nicht mein Problem, wenn es dir nicht gefällt.

Daniel: Und wir wussten, dass es ein Album wird, das man entweder liebt oder hasst – und erwarteten somit ziemlich schlimme Kritiken. Es gab viele Erwartungen in Richtung “boysetsfire light” – aber das sollte es niemals sein. Und wer diese Erwartung bereits hatte, der wollte sich auch nicht überzeugen lassen.

Glaubt ihr, das hat auch etwas damit zu tun, dass sich die Leute nicht mehr intensiv mit der Musik beschäftigen wollen? Schliesslich kann man heute alles mit einem Klick anhören, oder man betrachtet Konzerte nur noch durch seinen Bildschirm am Smartphone.

Nathan: Die Leute wollen es manchmal einfacher. Viele wollen halt die Wiedervereinigungen, die Sachen, die man ohne Aufwand sofort begreift. Aber unsere Platte ist weniger ein Album, es ist mehr ein Audio-Film. Das haben wir bewusst so gestaltet und viele werden das auch begreifen.

Daniel: Ich glaube, dass das Album als Konzeptform eine verlorene Kunst geworden ist. Dank Dingen wie Napster oder Spotify suchen die Leute nur noch nach der nächsten Single und spielen keine kompletten Platten mehr. Nathan und ich haben das früher noch getan, man musste sich Scheiben von Pink Floyd, The Who oder The Beatles konzentriert und als Gesamtes anhören. Wenn ein Album als Ganzes keinen Sinn macht, dann muss ich mich damit auch nicht beschäftigen.

Nathan: Genau, wer will das schon? Eine Scheibe mit zwei Hits und sonst nur Füllmaterial. Was soll der Sinn sein, ihr vergeudet doch nur eure Zeit. Veröffentlicht besser nur die Single.

Ihr habt sogar ein Buch zum Album veröffentlicht, die Aussage hinter dem Werk ist also sehr wichtig. Was war denn zuerst?

Nathan: Die Idee hatte ich schon lange, doch erst mit dem Album sprang der Funken über. Wir hatten das Konzept und ich wollte die gesamte Geschichte erzählen. Die Musik sollte deutungsoffen sein, darum habe ich das Buch als Begleiter erschaffen, damit man meine Geschichte dahinter sieht. Und ich damit den Leuten zur Findung ihrer eigenen Story helfen kann – als Inspiration.

Das Buch hatte also keinen direkten Einfluss auf das Songwriting? Gerade weil du die Kapitel auch nach den Songs benannt hast.

Nathan: Das war gedacht, um die Leute durch das Album zu führen und damit sie immer sehen können, wo ich selbst an diesem Punkt war.

Daniel: Das Album hat, auch ausserhalb des Buches, einen definitiven Start und und ein definitives Ende, mit einer linearen Geschichte. Die Songtexte nehmen dich mit auf die Reise und die Musik bietet weitere Emotionen. Man kann das Album anhören und es dabei wie ein Horoskop als Leitfaden benutzen.

Allerdings ist es auch ziemlich bestimmt. Ich selber war etwas verwirrt, wie selbsthilfemässig es manchmal war und wie wenig über die Musik darin stand. Denkt ihr nicht auch, dass es etwas zu missionarisch ist und auf Leute, die euch nicht so gut kennen, etwas abschreckend wirken kann?

Nathan: Das ist für mich eine sehr verwirrende Frage – ich habe immer sehr persönliche Musik gemacht. Wenn dies also jemanden stört, dann hat er mir die letzten 20 Jahre nicht zugehört.

Sicher, aber das war doch oft auch die grösste Kritik: Der Inhalt ist zu stark bei den Aussagen der „Church Of Satan“.

Nathan: Ja, aber das Buch hat diese Diskussion doch beendet. Ich sage klar, dass ich niemanden dazu inspirieren und kein grosses Thema daraus machen will. Es war nötig, dies zu erklären, damit die Leute sagen: “Ok, ich habe dich verstanden.” Es ist mir total egal, ob es jemand mag oder nicht – es gibt bestimmt genügend Glaubensrichtungen, die dir komplett egal sind. Wir als Band forcieren dies nicht und genau darum war das Buch auch für unsere Positionierung wichtig. Ebenso habe ich mit dem Buch einige persönliche Dinge geklärt und die Geschichte von boysetsfire beleuchtet. Wenn jemand ein Problem damit hat, dann soll er sich verpissen. (lacht)

Ihr denkt also nicht daran, noch mehr Symbolik einzubauen?

Nathan: Davon haben wir uns auf dieser Tour entfernt. Das letzte Mal war alles in rotes Licht getaucht, mit Ziegenschädeln und ähnlichem Zeugs – totales Klischee. Heute wirst du nebst den Schädeln auch Blumen und eine romantische Stimmung vernehmen. Mir ist Satan egal, das hat für mich keine Bedeutung. Man braucht all diese Religionen nicht. Was für jeden spricht ist die Idee, dass wir keine externen Kräfte brauchen, um uns aufrecht zu halten. Das können wir selber aus uns erschaffen. Eine Welt ohne externe Autorität, genau das unterstützen wir. Wir sollten unser Leben in vollen Zügen geniessen, fröhlich und das Beste in allem sein. Glückliche Menschen erschaffen eine glückliche Welt, und das hilft deinen Mitmenschen, sich besser zu fühlen – eine Wechselwirkung.

Nathan, im Buch schreibst du über die Schwierigkeiten zu Beginn deiner Karriere. Habt ihr denn ein paar Tipps für junge Bands?

Daniel: Seid geduldig und gebt nicht auf. Ich wollte seit ich Kind war ein “Rockstar” sein – aber wusste spätestens mit dreissig, dass es nicht passieren wird. Ich wollte mich auf die Studioarbeit konzentrieren und fünf Jahre später kommt dieser Typ an (zeigt auf Nathan) und nimmt mich in seine Band. Hier wollte ich eigentlich schon mit zwanzig sein.

In einem Keller mit Ventilen … (lachen)

Daniel: Als ich zehn war dachte ich: “Könnte ich doch bloss in einem Verliess sein. Mein Leben wäre komplett!”. Aber ja, man muss einfach weiter probieren und darf keinen Soforterfolg erwarten. Das tolle sind aber die schier unendlichen Möglichkeiten, die das Internet für Musik und Fans bereithält.

Nathan: Aber tut es nicht! Lernt einen Beruf! Sonst macht ihr es uns nur schwieriger, der Markt ist überflutet. (lacht)

Ist denn Musik das Endziel oder ein Mittel und Ort, um sich zu finden oder zu verstecken?

Nathan: Es kann alles davon sein. Musik, die Bühne oder das Studio sind unsere psychiatrischen Liegen und darauf kannst du die Musik benutzen wie du willst. Es ist ein menschliches Ritual, etwas, das mehr als Umstand und Ausdruck ist. Es ist all deine Liebe, Hass, Freude oder Lust – alles, was du in dir trägst und selten rauslässt. Dass du dich mit diesen Teilen verbinden kannst ist wichtig, so kannst du den Ausgleich finden.

Daniel: Ich war immer jemand, der es liebte zu kreieren. Und ich war immer der Studio-Nerd. Es war jedes Mal die Erlösung für mich, nach der Arbeit fähig zu sein, aus dem Nichts etwas komplett Neues aufzubauen. Ohne Erwartungen oder Termine. Es war schon immer meine glückliche Zuflucht.

Das freut mich zu hören, und besten Dank für das Interview.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Smools – Züri-Punk ist wieder da

Der Punk nimmt sich nicht mehr ernst! Aber das ist auch kein Problem, denn Smools aus Zürich beweisen mit ihrer neusten EP “We Said Never“, dass dem Genre auch Rock und Pop gut tut. Mit fünf neuen Songs beweist die Band ihr Talent und ihre Offenheit – und lädt dabei auch zum Tanz ein. Das haben wir noch nicht gewagt, dafür einen Wortwechsel mit Martin Burkhard, Gitarrist und Sänger der Band.

Der Titel für dieses Interview lautet “Züri-Punk ist wieder da” – war dieser denn jemals weg?

Schöner Titel. Wir ordnen uns musikalisch nicht im reinen Punk ein, haben aber persönlich viel damit am Hut. Anfangs der 2000er war Punk für uns sehr prägend. Wir und sehr viele unserer Bekannten spielten in Punk-Bands und besuchten unzählige Konzerte. Es gab danach aber tatsächlich so etwas wie eine Punk-Flaute in Zürich. Wir haben den Punk musikalisch und privat jedoch immer ein Stück mitgetragen und ich glaube, das hört und spürt man auch – komplett weg war er jedenfalls nie. Wir freuen uns natürlich, wenn wir da einen Teil beisteuern können.

Smools sind eine frische Band, die aber mit der Musik in alte Fusstapfen treten. Gilt das Erbe der damaligen Zeit mit Liliput, Kleenex oder Sperma auch heute noch?

Wir tun, was wir wollen und lassen uns da auch nichts einreden. Punk ist so wundervoll, weil man niemandem etwas beweisen muss. Man tut, was man kann und versucht, so authentisch wie möglich zu sein. Leute stehen sogar drauf, wenn eine selbst produzierte Platte wie unsere aktuelle „We Said Never“ nicht mit überproduziertem Hokuspokus daherkommt.

Ist der Boden in Zürich immer noch nahrhaft genug für eine Szene im Anti-Rock oder Punk?

Punk ist präsenter als es scheint, existiert immer noch in vielen Szenen – und hat sich irgendwie ja auch weiter entwickelt.

Gibt es somit einen regen Austausch zwischen Musikern und Bands, oder schlingert man da eher per Zufall rein?

Wenn man als Musiker auf der Suche nach einer Punkband ist, wird man die sehr wahrscheinlich auch finden. Wenn man Leute für eine Neugründung einer Punkband sucht, sollte das nicht so ein Problem sein. Viele beginnen ihre „Bandkarriere“ schliesslich mit Punk-Musik.

Ihr seid mit euren Texten nicht direkt politisch. Ist dies bewusst ausgeklammert worden (Punk steht auch für Spass), oder war die EP “We Said Never” nicht das richtige Gefäss?

Unsere Songs sind bis auf einige, die wir nicht aufgenommen haben, nicht politisch. Das hat aber keinen speziellen Grund. Wir sind nunmal keine konkrete Polit-Punk Band. Was aber nicht heissen soll, dass in Zukunft nicht doch noch politische Songs geschrieben werden.

Darf man in einem solchen Genre überhaupt nur Humor wollen?

Humor ist sehr wichtig. Ob man jetzt nur auf Humor setzt, ist jedem selbst überlassen. Im Punk hat man ja zum Glück eine sehr grosse Auswahl. Man findet schon, auf was man gerade Bock hat.

Ihr mischt in Songs wie “Dalton” den ursprünglichen Punk mit eher massentauglichen Arten von Musik. Dabei entsteht schnell dieses typische Gefühl von Schweizer Gitarrenmusik. Kann man dies eigentlich in Worte fassen?

Das tut uns natürlich Leid. 😉

Lassen sich Punks eigentlich durch Pop-Einflüsse vor den Kopf stossen? Muss man mit eingängigerem Klang auch Missgunst erwarten?

Auf keinen Fall, es gibt nicht den Punk. Es gibt diverse Subgenres, von denen wir einiges in unser Songwriting mischen. Wir machen in erster Linie „Raw’n’Roll“ um nicht behaupten zu müssen, dass das, was wir tun „der Punk“ ist. Es ist natürlich klar, dass du nicht jedem gefallen kannst. Wir hatten aber auch schon viele gute Gespräche, unter anderem mit HC-Punk- oder Pop-Rock-Bands, die völlig respektieren, was wir tun. Wir haben auch sehr grossen Respekt vor dem, was andere Bands machen, sei es nun Pop, Punk, Funk oder was auch immer.

Allgemein: Erwartungen – wie stellt man sich das Leben in einer noch frischen und eher unbekannten Band heute eigentlich vor? Darf man noch von grossen Tourneen und unzähligen Groupies träumen?

Träumen geht immer – wir sind bis jetzt nicht mal aus Zürich rausgekommen. Das hatte natürlich einige Gründe. Mittlerweile können wir raus und spielen zum Beispiel auch in Deutschland und Polen, aber von grossen Tourneen kann nicht die Rede sein. Wir freuen uns aber immer, wenn wir live spielen können – was jetzt endlich wieder der Fall sein wird. Yeah!

Für was steht eigentlich “Smools”?

Das verraten wir nur unter vier Augen, an der Bar, an einem unserer Konzerte. Zum Beispiel am 5.5.2017 an unserer Plattentaufe im Provitreff.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A New Prog Metal Force

Interview mit: James Lascelles – Gitarrist bei Wheel.

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?
It definitely is; we are really happy with the recordings, especially as we tracked everything in only two days. We are looking forward to see how people react to our music.

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?
These tracks laid the framework for the stylistic direction we collectively wanted to go in and after significant reinvention, the songs have evolved into what we are releasing on 21.4. Releasing the three songs together on an EP felt like the right way to do it.

You have been playing live together since 2015. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?
Not at all; it is a different kind of battle than a gig though. We are extremely organised with recording and make sure that we know exactly what we want to play before we set foot in the studio. All of the writing / structuring etc happens in the practice room beforehand, allowing us to focus fully on getting the best possible takes in the time we have during the tracking phase.
There is something immensely satisfying about completing a recording and hearing the composition as a whole; I think this is a major drive for all of us and it definitely helps to keep us motivated and energised in the studio.

Finland is not best known for its prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?
All of us are long term fans of a range of different prog music and bands. I discovered Tool when I was 16 and a studio engineer gave me a director’s commentary of the Aenima album; it really opened my eyes to how creatively structure, poly-rhythms and dynamics can be used to the most dramatic effect in song writing – I have been hooked ever since.
There is a real sense of freedom when writing progressive music as many of the limitations that other styles can face are removed from the conversation. We can produce much longer and bigger songs than bands playing other styles of music, rather than having to keep things around the 3-4 minute length. Additionally, we are not trying to write music to dance to, so using abstract time signatures and other interesting writing elements is much more acceptable.
More than anything, we want to write the best and most interesting music we possibly can and continue refining the process indefinitely.

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?
They absolutely were. This first EP was written at a time where pretty much all I listened to was Tool, A Perfect Circle and Karnivool and I am sure listeners will pick up on these influences when they listen to the EP. These are still three of my favourite groups of all time and have definitely had a major impact on the music we produce.

Would you say the Finnish countryside had also influence into your work or are you more focused on live in urban areas?
Finland is a beautiful country with some amazing people in it; I have lived here for 7 years and can’t imagine living anywhere else. However, all four of us live in the Greater Helsinki area so truthfully, I don’t think the Finnish countryside has had any impact on our music so far!

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery or Leprous. Is it a new dawn and era, and will it last?
This is a great question. The prog scene has had a second-wind in the recent past and it is a truly vibrant scene to be part of; there are some great new bands out there doing some awesome stuff with the style we love; reassuringly, there is still a market for prog!
Speaking more broadly though, so much has changed within the music industry over the past fifteen years that it is very hard to see any of this change, (with new prog bands) as being permanent. Small-medium sized venues seem to be shutting down increasingly year after year which is removing a channel for new bands to enter the scene, record labels (in Finland at least) have the bulk of their resources tied up in reality television such as Idols, preventing them from having the capital to invest in more ‚artsy‘ music and in most countries, physical music sales are disappearing or have disappeared. This doesn’t mean that it is impossible for new bands and that there aren’t paths for them to follow if they want to make music professionally but it feels increasingly like there is no road map for young people to use if they want to do so.
On the positive side, there has been a flood of new channels and methods to distribute music over the past ten years and communicating directly with a band’s fan base has never been so easy. If bands can use these tools to their full potential, there are still ways to get people to hear new music and for a band’s fan base to grow.

Which partners in crime would be the best for a blasting prog tour through Europe?
There are a huge list of bands we would like to play with; off the top of my head, we would love to tour with Tool, A Perfect Circle, Karnivool, Meshuggah and Steven Wilson.

Is the wheel always turning?
The wheel never stops turning and we wheely hate bad puns.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir in deutscher Übersetzung.

Interview mit The Universe By Ear – Weitblick und Tiefgang

Mit jeder Veröffentlichung rückt die Weltherrschaft für das Basler Label Czar Of Crickets etwas näher – so auch mit der Debütsüberraschung von The Universe By Ear. Das Trio aus der Rheinstadt zeigt, dass Progressive Rock noch lange nicht zu der verstaubten Vergangenheit gehören muss. Die Gruppe mischt auf „The Universe By Ear“ nicht nur viele Einflüsse, sondern trocken und kernige Rockmusik mit Psychedelic und Komplexität. Wo finden die Musiker bloss ein solch tiefer Fundus an Idee und Elan?

Eure Band, und nun natürlich auch das fantastische Album, werfen grosse Wellen in vielen Ländern. Wie fühlt sich dies an, besonders nach all der harten Arbeit?

Es ist selbstverständlich schön, wenn so eine Geburt Beachtung findet. Wir machen bei The Universe By Ear zwar in erster Linie Musik, die uns Spass macht und gefällt, wenn aber auch andere Ohren Freude daran finden, ist das natürlich ein sehr beglückendes Gefühl. Als neue Band startet man ja sozusagen im luftleeren Raum, mit einem ersten Album geht man dann auf die Welt zu und wird von aussen reflektiert. Dann ist es schon schön, wenn man verstanden wird.

„The Universe By Ear“ wandelt immer wieder zwischen improvisiert wirkenden Momenten und stringent durchgeplanten Szenerien. Wie schreibt man solche Songs?

Im Trio. Etwas, das wir aus früheren Bands kennen und nun bewusst vermeiden wollen, ist, dass man Ideen nur zu gerne komplett fertig in die Band bringt. Wenn man aber gezielt nur mit Setzlingen in den Proberaum kommt, dann kann daraus ein Wald entstehen statt nur eines Baums. Konkret heisst das, dass wir aus Riffs oder Akkordfolgen in sehr schneller Arbeit einen ganzen Song skizzieren. Oft ist in einem ersten Take, den wir nach einer halben Stunde aufnehmen, schon sehr viel von dem drin, was am Ende nach einem halben Jahr Detailarbeit das Arrangement ausmacht. Gerade bei komplexer Musik muss man zuerst in groben Pinselstrichen arbeiten, damit ein Song am Ende einen stimmigen Bogen spannt und in besten Fall einen Sog entwickelt. Und ja: Improvisation muss immer Platz haben.

Wieso gründet man in der heutigen Zeit, und vor allem in einem kleinen Land wie der Schweiz, eine Progressive Rock Gruppe? Gilt dieses Genre nicht seit den 70ern als verstaubt?

Guter Punkt. Wieso gründet man überhaupt noch eine Band, wo man als DJ mit dem gleichen Aufwand ein Vielfaches an Erfolg haben könnte? Wir haben The Universe By Ear gegründet, weil wir diese Musik spielen wollen, weil wir uns zu dritt austauschen wollen, weil jeder von uns besser spielt, wenn die anderen zwei dabei sind. Eine rein egoistische Überlegung, fern von allen Genre-Etiketten.

Gibt es Gruppen aus der Schweizer Prog-Szene, die euch ein Vorbild waren?

Ehrlich gesagt: Nein. Hat aber auch damit zu tun, dass Schweizer Bands in der Schweiz meist weniger Beachtung finden als im Ausland. Es gibt heimische Gruppen, die uns gefallen – Honey For Petzi, Evelyn Trouble, Zatokrev, Leech,  Young Gods und andere – aber diese Gruppen schätzen wir vor allem für ihre Eigenständigkeit. Musikalisch haben sie oft wenig gemein mit uns.

Gerne werden bei eurem Klangbild die Tüftler King Crimson genannt. Darf man dies überhaupt sagen, oder trifft es euren Nerv gar nicht?

Da müsste wohl jeder von uns Dreien für sich antworten. Gitarrist Stef vergöttert Crimson, besonders ihren Mut, sich alle paar Jahre neu zu erfinden. Robert Fripp hat Facetten, die mich unglaublich begeistern, aber auch solche, die ich nicht übernehmen möchte. Es gibt sicher stossendere Vergleiche. Sehr anziehend ist ihre Mischung aus komplex/schwierig/sperrig und eingängig/melodiös/groovig.

Ihr seid nur zu dritt – werden die Stücke von eurem Debüt live von sechs Händen gespielt werden können?

Wir benötigen auch noch sechs Füsse dazu (Drumpedals und jede Menge Effektpedale) sowie drei Münder. Da das Album weitestgehend – mit Ausnahme ein paar weniger Overdubs und Studioeffekte – live eingespielt wurde, kommen wir dem Sound auch auf der Bühne recht nahe. Ziel war es von Anfang an, ein Maximum an Klangvielfalt und -dichte aus der Power-Trio-Besetzung zu holen. Für uns gibt es momentan keine bessere Besetzung für eine Rockband.

Was ist schöner, das Universum zu sehen oder es zu hören?

Hören, aber hallo! Ein faszinierender und oft vernachlässigter Sinn. Wann hast Du zum letzten Mal mit geschlossenen Augen ein ganzes Album gehört?

Am Czar Fest werdet ihr nebst vielen anderen Bands und Musikern des Labels Czar Of Crickets auf der Bühne stehen. Wen darf man – nebst euch natürlich – auf keinen Fall verpassen, wo findet man euch also auch in der Meute?

Da wir die Ehre haben, diese zwei Tage zu eröffnen, werden wir wohl die ganze Zeit zwischen Bühne und Bar anzutreffen sein. Meist sind Neuentdeckungen das tollste an solchen Festivals. Also werden wir versuchen, von jeder Truppe ein Ohr voll abzubekommen.

In Basel wird die harte und brutale Szene der Musik immer stärker und vielfältiger. Wie weit zählt ihr euch selber dazu?

Basel hat das Problem, vor Jahren in so viele Unterszenen zerfallen zu sein, dass am Ende jede Band zu ihrer eigene Szene wird. Alleine deswegen ist ein Zusammenhalt, so wie er nun um die Czar-Labels entsteht, eine tolle Entwicklung. Selber sehen wir uns wohl eher am weichen Rand der harten Szene. Wobei Musik ja immer subjektiv bleibt. Ich persönlich finde 77 Bombay Street enorm brutal.

Würde euer Album auch von Bewohnern fremder Planeten verstanden werden – oder sind die Klänge doch zu irdisch?

Ich denke nicht, dass unsere Sounds ausreichen, um Welten zu vereinen oder einen intergalaktischen Krieg anzuzetteln. Sehr gerne würde ich aber einen Monat in einem UFO mitreisen, um ein paar neue Inspirationen zu sammeln.

Danke für das Interview.

Wir danken für die spannenden Fragen und die offenen Ohren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A new force in Prog Metal

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?

You have been playing live since quite a long time. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?

Finland is not best known for it’s prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery oder Leprous. Is it a new dawn and era and will it last?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.