Bands und Künstler

Interview mit Nathan Gray – Gefühle und Totenköpfe

Seine Musik und sein Album warfen grosse Schatten vor sich – und auch nach der Veröffentlichung von “Until The Darkness Takes Us” gibt es noch einiges zu bereden. Wir nutzten die Gelegenheit um vor dem Konzert in der Hafenkneipe Zürich mit Nathan Gray und Daniel E. Smith vom Nathan Gray Collective zu sprechen. Und dabei packten wir nicht nur den Teufel bei den Hörnern, sondern auch im Buch geblättert und in unser Inneres geschaut.

Michael: Wie ihr sehen könnt, sind wir hier in einer ziemlich kleinen Lokalität – besonders für dich, Nathan. Wie fühlt sich diese Tour an, nachdem ihr vorher grosse Festivalbühnen und Lokale bespielt habt?

Nathan: Es fühlt sich grossartig an. Klar, das sind natürlich nicht boysetsfire. Wir beginnen hier, eine komplett neue Fanbasis aufzubauen. Und jede Nacht ist es genau das, das Suchen von Verbindungen und Überzeugungen. Genau darum geht es mir auch, dass die Leute kommen und eine gute Zeit haben. So versuchen wir von Beginn an, eine tief persönliche Bindung zu unseren Fans aufzubauen und sie in unsere Arbeit mit einzubeziehen.

Daniel: Und am Ende jedes Auftritts sind wir auch bei den Leuten, geben Umarmungen, schreiben Autogramme und schütteln Hände. Es sind keine riesigen Hallen, in denen man von der Bühne geht, ohne dass uns jemand bemerkt.

Ihr seid dieses Projekt auch anders angegangen als sonst. Es sind sehr direkte Texte und persönliche Themen – aber wird das weiterhin hinter der Musik stehen? Werden die Besucher trotzdem die Musik hören, ohne sich um den Inhalt zu kümmern?

Nathan: Das spielt uns nicht direkt eine Rolle. Manche sind damit zufrieden, wenn sie tanzen und feiern können, den Alltag hinter sich lassen – wir geben ihnen auch diese Möglichkeit. Aber es gibt auch immer Leute, die eine tiefere Erfahrung suchen. Und auch diesen bieten wir etwas an. Ich “diskriminiere” in dieser Hinsicht niemanden.

Daniel: Sehr wichtig war es für uns, bereits zu Beginn der Arbeit am Album die Atmosphäre der Lieder so hinzukriegen, wie Nathan es sich vorgestellt hatte. Die Scheibe hat eine extreme Dynamik. Es wurde bewusst so aufgebaut, um den textlichen Inhalt zu verstärken. Aber man spürt die Botschaft auch, wenn man den Gesang nicht versteht

Ihr habt die Musik im Vergleich zu früheren Alben ziemlich verändert, besonders du, Nathan. Alles wirkt nun stärker wie Dark Wave oder Gothic, das spürt man besonders in Songs wie „Skin“. War dies eine bewusste Entscheidung?

Daniel: Diese Art von Musik war schon immer in mir drin, mein tägliches Brot sozusagen. Nathan hat es als Zuhörer immer genossen, kam aber nie als Musiker zu diesem Erlebnis. Also war sein schier popartiger Stil beim Songwriting genauso eine Grenzverschiebung für mich, wie das Elektronische bei ihm.

Nathan: Und das ist so toll an diesem Album – wir durchbrechen die Schubladisierung. Es war mehr ein “finden wir heraus ob dies funktioniert”, was in uns lauert, als ein konkretes Genre. Ich glaube, wir haben es gefunden und es ist fantastisch.

Nicht für alle, es gab ein paar ziemlich durchmischte Rezensionen.

Nathan: Ach, die gibt es immer, man kann es nicht allen recht machen. Es gab schlechte und gute Kritiken – und manche waren sogar persönlich gemein, ohne Bezug zur Musik. Aber alles, was man im Leben und in der Musik machen kann ist: Tu was du magst, was dich bewegt. Nicht mein Problem, wenn es dir nicht gefällt.

Daniel: Und wir wussten, dass es ein Album wird, das man entweder liebt oder hasst – und erwarteten somit ziemlich schlimme Kritiken. Es gab viele Erwartungen in Richtung “boysetsfire light” – aber das sollte es niemals sein. Und wer diese Erwartung bereits hatte, der wollte sich auch nicht überzeugen lassen.

Glaubt ihr, das hat auch etwas damit zu tun, dass sich die Leute nicht mehr intensiv mit der Musik beschäftigen wollen? Schliesslich kann man heute alles mit einem Klick anhören, oder man betrachtet Konzerte nur noch durch seinen Bildschirm am Smartphone.

Nathan: Die Leute wollen es manchmal einfacher. Viele wollen halt die Wiedervereinigungen, die Sachen, die man ohne Aufwand sofort begreift. Aber unsere Platte ist weniger ein Album, es ist mehr ein Audio-Film. Das haben wir bewusst so gestaltet und viele werden das auch begreifen.

Daniel: Ich glaube, dass das Album als Konzeptform eine verlorene Kunst geworden ist. Dank Dingen wie Napster oder Spotify suchen die Leute nur noch nach der nächsten Single und spielen keine kompletten Platten mehr. Nathan und ich haben das früher noch getan, man musste sich Scheiben von Pink Floyd, The Who oder The Beatles konzentriert und als Gesamtes anhören. Wenn ein Album als Ganzes keinen Sinn macht, dann muss ich mich damit auch nicht beschäftigen.

Nathan: Genau, wer will das schon? Eine Scheibe mit zwei Hits und sonst nur Füllmaterial. Was soll der Sinn sein, ihr vergeudet doch nur eure Zeit. Veröffentlicht besser nur die Single.

Ihr habt sogar ein Buch zum Album veröffentlicht, die Aussage hinter dem Werk ist also sehr wichtig. Was war denn zuerst?

Nathan: Die Idee hatte ich schon lange, doch erst mit dem Album sprang der Funken über. Wir hatten das Konzept und ich wollte die gesamte Geschichte erzählen. Die Musik sollte deutungsoffen sein, darum habe ich das Buch als Begleiter erschaffen, damit man meine Geschichte dahinter sieht. Und ich damit den Leuten zur Findung ihrer eigenen Story helfen kann – als Inspiration.

Das Buch hatte also keinen direkten Einfluss auf das Songwriting? Gerade weil du die Kapitel auch nach den Songs benannt hast.

Nathan: Das war gedacht, um die Leute durch das Album zu führen und damit sie immer sehen können, wo ich selbst an diesem Punkt war.

Daniel: Das Album hat, auch ausserhalb des Buches, einen definitiven Start und und ein definitives Ende, mit einer linearen Geschichte. Die Songtexte nehmen dich mit auf die Reise und die Musik bietet weitere Emotionen. Man kann das Album anhören und es dabei wie ein Horoskop als Leitfaden benutzen.

Allerdings ist es auch ziemlich bestimmt. Ich selber war etwas verwirrt, wie selbsthilfemässig es manchmal war und wie wenig über die Musik darin stand. Denkt ihr nicht auch, dass es etwas zu missionarisch ist und auf Leute, die euch nicht so gut kennen, etwas abschreckend wirken kann?

Nathan: Das ist für mich eine sehr verwirrende Frage – ich habe immer sehr persönliche Musik gemacht. Wenn dies also jemanden stört, dann hat er mir die letzten 20 Jahre nicht zugehört.

Sicher, aber das war doch oft auch die grösste Kritik: Der Inhalt ist zu stark bei den Aussagen der „Church Of Satan“.

Nathan: Ja, aber das Buch hat diese Diskussion doch beendet. Ich sage klar, dass ich niemanden dazu inspirieren und kein grosses Thema daraus machen will. Es war nötig, dies zu erklären, damit die Leute sagen: “Ok, ich habe dich verstanden.” Es ist mir total egal, ob es jemand mag oder nicht – es gibt bestimmt genügend Glaubensrichtungen, die dir komplett egal sind. Wir als Band forcieren dies nicht und genau darum war das Buch auch für unsere Positionierung wichtig. Ebenso habe ich mit dem Buch einige persönliche Dinge geklärt und die Geschichte von boysetsfire beleuchtet. Wenn jemand ein Problem damit hat, dann soll er sich verpissen. (lacht)

Ihr denkt also nicht daran, noch mehr Symbolik einzubauen?

Nathan: Davon haben wir uns auf dieser Tour entfernt. Das letzte Mal war alles in rotes Licht getaucht, mit Ziegenschädeln und ähnlichem Zeugs – totales Klischee. Heute wirst du nebst den Schädeln auch Blumen und eine romantische Stimmung vernehmen. Mir ist Satan egal, das hat für mich keine Bedeutung. Man braucht all diese Religionen nicht. Was für jeden spricht ist die Idee, dass wir keine externen Kräfte brauchen, um uns aufrecht zu halten. Das können wir selber aus uns erschaffen. Eine Welt ohne externe Autorität, genau das unterstützen wir. Wir sollten unser Leben in vollen Zügen geniessen, fröhlich und das Beste in allem sein. Glückliche Menschen erschaffen eine glückliche Welt, und das hilft deinen Mitmenschen, sich besser zu fühlen – eine Wechselwirkung.

Nathan, im Buch schreibst du über die Schwierigkeiten zu Beginn deiner Karriere. Habt ihr denn ein paar Tipps für junge Bands?

Daniel: Seid geduldig und gebt nicht auf. Ich wollte seit ich Kind war ein “Rockstar” sein – aber wusste spätestens mit dreissig, dass es nicht passieren wird. Ich wollte mich auf die Studioarbeit konzentrieren und fünf Jahre später kommt dieser Typ an (zeigt auf Nathan) und nimmt mich in seine Band. Hier wollte ich eigentlich schon mit zwanzig sein.

In einem Keller mit Ventilen … (lachen)

Daniel: Als ich zehn war dachte ich: “Könnte ich doch bloss in einem Verliess sein. Mein Leben wäre komplett!”. Aber ja, man muss einfach weiter probieren und darf keinen Soforterfolg erwarten. Das tolle sind aber die schier unendlichen Möglichkeiten, die das Internet für Musik und Fans bereithält.

Nathan: Aber tut es nicht! Lernt einen Beruf! Sonst macht ihr es uns nur schwieriger, der Markt ist überflutet. (lacht)

Ist denn Musik das Endziel oder ein Mittel und Ort, um sich zu finden oder zu verstecken?

Nathan: Es kann alles davon sein. Musik, die Bühne oder das Studio sind unsere psychiatrischen Liegen und darauf kannst du die Musik benutzen wie du willst. Es ist ein menschliches Ritual, etwas, das mehr als Umstand und Ausdruck ist. Es ist all deine Liebe, Hass, Freude oder Lust – alles, was du in dir trägst und selten rauslässt. Dass du dich mit diesen Teilen verbinden kannst ist wichtig, so kannst du den Ausgleich finden.

Daniel: Ich war immer jemand, der es liebte zu kreieren. Und ich war immer der Studio-Nerd. Es war jedes Mal die Erlösung für mich, nach der Arbeit fähig zu sein, aus dem Nichts etwas komplett Neues aufzubauen. Ohne Erwartungen oder Termine. Es war schon immer meine glückliche Zuflucht.

Das freut mich zu hören, und besten Dank für das Interview.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Smools – Züri-Punk ist wieder da

Der Punk nimmt sich nicht mehr ernst! Aber das ist auch kein Problem, denn Smools aus Zürich beweisen mit ihrer neusten EP “We Said Never“, dass dem Genre auch Rock und Pop gut tut. Mit fünf neuen Songs beweist die Band ihr Talent und ihre Offenheit – und lädt dabei auch zum Tanz ein. Das haben wir noch nicht gewagt, dafür einen Wortwechsel mit Martin Burkhard, Gitarrist und Sänger der Band.

Der Titel für dieses Interview lautet “Züri-Punk ist wieder da” – war dieser denn jemals weg?

Schöner Titel. Wir ordnen uns musikalisch nicht im reinen Punk ein, haben aber persönlich viel damit am Hut. Anfangs der 2000er war Punk für uns sehr prägend. Wir und sehr viele unserer Bekannten spielten in Punk-Bands und besuchten unzählige Konzerte. Es gab danach aber tatsächlich so etwas wie eine Punk-Flaute in Zürich. Wir haben den Punk musikalisch und privat jedoch immer ein Stück mitgetragen und ich glaube, das hört und spürt man auch – komplett weg war er jedenfalls nie. Wir freuen uns natürlich, wenn wir da einen Teil beisteuern können.

Smools sind eine frische Band, die aber mit der Musik in alte Fusstapfen treten. Gilt das Erbe der damaligen Zeit mit Liliput, Kleenex oder Sperma auch heute noch?

Wir tun, was wir wollen und lassen uns da auch nichts einreden. Punk ist so wundervoll, weil man niemandem etwas beweisen muss. Man tut, was man kann und versucht, so authentisch wie möglich zu sein. Leute stehen sogar drauf, wenn eine selbst produzierte Platte wie unsere aktuelle „We Said Never“ nicht mit überproduziertem Hokuspokus daherkommt.

Ist der Boden in Zürich immer noch nahrhaft genug für eine Szene im Anti-Rock oder Punk?

Punk ist präsenter als es scheint, existiert immer noch in vielen Szenen – und hat sich irgendwie ja auch weiter entwickelt.

Gibt es somit einen regen Austausch zwischen Musikern und Bands, oder schlingert man da eher per Zufall rein?

Wenn man als Musiker auf der Suche nach einer Punkband ist, wird man die sehr wahrscheinlich auch finden. Wenn man Leute für eine Neugründung einer Punkband sucht, sollte das nicht so ein Problem sein. Viele beginnen ihre „Bandkarriere“ schliesslich mit Punk-Musik.

Ihr seid mit euren Texten nicht direkt politisch. Ist dies bewusst ausgeklammert worden (Punk steht auch für Spass), oder war die EP “We Said Never” nicht das richtige Gefäss?

Unsere Songs sind bis auf einige, die wir nicht aufgenommen haben, nicht politisch. Das hat aber keinen speziellen Grund. Wir sind nunmal keine konkrete Polit-Punk Band. Was aber nicht heissen soll, dass in Zukunft nicht doch noch politische Songs geschrieben werden.

Darf man in einem solchen Genre überhaupt nur Humor wollen?

Humor ist sehr wichtig. Ob man jetzt nur auf Humor setzt, ist jedem selbst überlassen. Im Punk hat man ja zum Glück eine sehr grosse Auswahl. Man findet schon, auf was man gerade Bock hat.

Ihr mischt in Songs wie “Dalton” den ursprünglichen Punk mit eher massentauglichen Arten von Musik. Dabei entsteht schnell dieses typische Gefühl von Schweizer Gitarrenmusik. Kann man dies eigentlich in Worte fassen?

Das tut uns natürlich Leid. 😉

Lassen sich Punks eigentlich durch Pop-Einflüsse vor den Kopf stossen? Muss man mit eingängigerem Klang auch Missgunst erwarten?

Auf keinen Fall, es gibt nicht den Punk. Es gibt diverse Subgenres, von denen wir einiges in unser Songwriting mischen. Wir machen in erster Linie „Raw’n’Roll“ um nicht behaupten zu müssen, dass das, was wir tun „der Punk“ ist. Es ist natürlich klar, dass du nicht jedem gefallen kannst. Wir hatten aber auch schon viele gute Gespräche, unter anderem mit HC-Punk- oder Pop-Rock-Bands, die völlig respektieren, was wir tun. Wir haben auch sehr grossen Respekt vor dem, was andere Bands machen, sei es nun Pop, Punk, Funk oder was auch immer.

Allgemein: Erwartungen – wie stellt man sich das Leben in einer noch frischen und eher unbekannten Band heute eigentlich vor? Darf man noch von grossen Tourneen und unzähligen Groupies träumen?

Träumen geht immer – wir sind bis jetzt nicht mal aus Zürich rausgekommen. Das hatte natürlich einige Gründe. Mittlerweile können wir raus und spielen zum Beispiel auch in Deutschland und Polen, aber von grossen Tourneen kann nicht die Rede sein. Wir freuen uns aber immer, wenn wir live spielen können – was jetzt endlich wieder der Fall sein wird. Yeah!

Für was steht eigentlich “Smools”?

Das verraten wir nur unter vier Augen, an der Bar, an einem unserer Konzerte. Zum Beispiel am 5.5.2017 an unserer Plattentaufe im Provitreff.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A New Prog Metal Force

Interview mit: James Lascelles – Gitarrist bei Wheel.

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?
It definitely is; we are really happy with the recordings, especially as we tracked everything in only two days. We are looking forward to see how people react to our music.

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?
These tracks laid the framework for the stylistic direction we collectively wanted to go in and after significant reinvention, the songs have evolved into what we are releasing on 21.4. Releasing the three songs together on an EP felt like the right way to do it.

You have been playing live together since 2015. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?
Not at all; it is a different kind of battle than a gig though. We are extremely organised with recording and make sure that we know exactly what we want to play before we set foot in the studio. All of the writing / structuring etc happens in the practice room beforehand, allowing us to focus fully on getting the best possible takes in the time we have during the tracking phase.
There is something immensely satisfying about completing a recording and hearing the composition as a whole; I think this is a major drive for all of us and it definitely helps to keep us motivated and energised in the studio.

Finland is not best known for its prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?
All of us are long term fans of a range of different prog music and bands. I discovered Tool when I was 16 and a studio engineer gave me a director’s commentary of the Aenima album; it really opened my eyes to how creatively structure, poly-rhythms and dynamics can be used to the most dramatic effect in song writing – I have been hooked ever since.
There is a real sense of freedom when writing progressive music as many of the limitations that other styles can face are removed from the conversation. We can produce much longer and bigger songs than bands playing other styles of music, rather than having to keep things around the 3-4 minute length. Additionally, we are not trying to write music to dance to, so using abstract time signatures and other interesting writing elements is much more acceptable.
More than anything, we want to write the best and most interesting music we possibly can and continue refining the process indefinitely.

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?
They absolutely were. This first EP was written at a time where pretty much all I listened to was Tool, A Perfect Circle and Karnivool and I am sure listeners will pick up on these influences when they listen to the EP. These are still three of my favourite groups of all time and have definitely had a major impact on the music we produce.

Would you say the Finnish countryside had also influence into your work or are you more focused on live in urban areas?
Finland is a beautiful country with some amazing people in it; I have lived here for 7 years and can’t imagine living anywhere else. However, all four of us live in the Greater Helsinki area so truthfully, I don’t think the Finnish countryside has had any impact on our music so far!

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery or Leprous. Is it a new dawn and era, and will it last?
This is a great question. The prog scene has had a second-wind in the recent past and it is a truly vibrant scene to be part of; there are some great new bands out there doing some awesome stuff with the style we love; reassuringly, there is still a market for prog!
Speaking more broadly though, so much has changed within the music industry over the past fifteen years that it is very hard to see any of this change, (with new prog bands) as being permanent. Small-medium sized venues seem to be shutting down increasingly year after year which is removing a channel for new bands to enter the scene, record labels (in Finland at least) have the bulk of their resources tied up in reality television such as Idols, preventing them from having the capital to invest in more ‚artsy‘ music and in most countries, physical music sales are disappearing or have disappeared. This doesn’t mean that it is impossible for new bands and that there aren’t paths for them to follow if they want to make music professionally but it feels increasingly like there is no road map for young people to use if they want to do so.
On the positive side, there has been a flood of new channels and methods to distribute music over the past ten years and communicating directly with a band’s fan base has never been so easy. If bands can use these tools to their full potential, there are still ways to get people to hear new music and for a band’s fan base to grow.

Which partners in crime would be the best for a blasting prog tour through Europe?
There are a huge list of bands we would like to play with; off the top of my head, we would love to tour with Tool, A Perfect Circle, Karnivool, Meshuggah and Steven Wilson.

Is the wheel always turning?
The wheel never stops turning and we wheely hate bad puns.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir in deutscher Übersetzung.

Interview mit The Universe By Ear – Weitblick und Tiefgang

Mit jeder Veröffentlichung rückt die Weltherrschaft für das Basler Label Czar Of Crickets etwas näher – so auch mit der Debütsüberraschung von The Universe By Ear. Das Trio aus der Rheinstadt zeigt, dass Progressive Rock noch lange nicht zu der verstaubten Vergangenheit gehören muss. Die Gruppe mischt auf „The Universe By Ear“ nicht nur viele Einflüsse, sondern trocken und kernige Rockmusik mit Psychedelic und Komplexität. Wo finden die Musiker bloss ein solch tiefer Fundus an Idee und Elan?

Eure Band, und nun natürlich auch das fantastische Album, werfen grosse Wellen in vielen Ländern. Wie fühlt sich dies an, besonders nach all der harten Arbeit?

Es ist selbstverständlich schön, wenn so eine Geburt Beachtung findet. Wir machen bei The Universe By Ear zwar in erster Linie Musik, die uns Spass macht und gefällt, wenn aber auch andere Ohren Freude daran finden, ist das natürlich ein sehr beglückendes Gefühl. Als neue Band startet man ja sozusagen im luftleeren Raum, mit einem ersten Album geht man dann auf die Welt zu und wird von aussen reflektiert. Dann ist es schon schön, wenn man verstanden wird.

„The Universe By Ear“ wandelt immer wieder zwischen improvisiert wirkenden Momenten und stringent durchgeplanten Szenerien. Wie schreibt man solche Songs?

Im Trio. Etwas, das wir aus früheren Bands kennen und nun bewusst vermeiden wollen, ist, dass man Ideen nur zu gerne komplett fertig in die Band bringt. Wenn man aber gezielt nur mit Setzlingen in den Proberaum kommt, dann kann daraus ein Wald entstehen statt nur eines Baums. Konkret heisst das, dass wir aus Riffs oder Akkordfolgen in sehr schneller Arbeit einen ganzen Song skizzieren. Oft ist in einem ersten Take, den wir nach einer halben Stunde aufnehmen, schon sehr viel von dem drin, was am Ende nach einem halben Jahr Detailarbeit das Arrangement ausmacht. Gerade bei komplexer Musik muss man zuerst in groben Pinselstrichen arbeiten, damit ein Song am Ende einen stimmigen Bogen spannt und in besten Fall einen Sog entwickelt. Und ja: Improvisation muss immer Platz haben.

Wieso gründet man in der heutigen Zeit, und vor allem in einem kleinen Land wie der Schweiz, eine Progressive Rock Gruppe? Gilt dieses Genre nicht seit den 70ern als verstaubt?

Guter Punkt. Wieso gründet man überhaupt noch eine Band, wo man als DJ mit dem gleichen Aufwand ein Vielfaches an Erfolg haben könnte? Wir haben The Universe By Ear gegründet, weil wir diese Musik spielen wollen, weil wir uns zu dritt austauschen wollen, weil jeder von uns besser spielt, wenn die anderen zwei dabei sind. Eine rein egoistische Überlegung, fern von allen Genre-Etiketten.

Gibt es Gruppen aus der Schweizer Prog-Szene, die euch ein Vorbild waren?

Ehrlich gesagt: Nein. Hat aber auch damit zu tun, dass Schweizer Bands in der Schweiz meist weniger Beachtung finden als im Ausland. Es gibt heimische Gruppen, die uns gefallen – Honey For Petzi, Evelyn Trouble, Zatokrev, Leech,  Young Gods und andere – aber diese Gruppen schätzen wir vor allem für ihre Eigenständigkeit. Musikalisch haben sie oft wenig gemein mit uns.

Gerne werden bei eurem Klangbild die Tüftler King Crimson genannt. Darf man dies überhaupt sagen, oder trifft es euren Nerv gar nicht?

Da müsste wohl jeder von uns Dreien für sich antworten. Gitarrist Stef vergöttert Crimson, besonders ihren Mut, sich alle paar Jahre neu zu erfinden. Robert Fripp hat Facetten, die mich unglaublich begeistern, aber auch solche, die ich nicht übernehmen möchte. Es gibt sicher stossendere Vergleiche. Sehr anziehend ist ihre Mischung aus komplex/schwierig/sperrig und eingängig/melodiös/groovig.

Ihr seid nur zu dritt – werden die Stücke von eurem Debüt live von sechs Händen gespielt werden können?

Wir benötigen auch noch sechs Füsse dazu (Drumpedals und jede Menge Effektpedale) sowie drei Münder. Da das Album weitestgehend – mit Ausnahme ein paar weniger Overdubs und Studioeffekte – live eingespielt wurde, kommen wir dem Sound auch auf der Bühne recht nahe. Ziel war es von Anfang an, ein Maximum an Klangvielfalt und -dichte aus der Power-Trio-Besetzung zu holen. Für uns gibt es momentan keine bessere Besetzung für eine Rockband.

Was ist schöner, das Universum zu sehen oder es zu hören?

Hören, aber hallo! Ein faszinierender und oft vernachlässigter Sinn. Wann hast Du zum letzten Mal mit geschlossenen Augen ein ganzes Album gehört?

Am Czar Fest werdet ihr nebst vielen anderen Bands und Musikern des Labels Czar Of Crickets auf der Bühne stehen. Wen darf man – nebst euch natürlich – auf keinen Fall verpassen, wo findet man euch also auch in der Meute?

Da wir die Ehre haben, diese zwei Tage zu eröffnen, werden wir wohl die ganze Zeit zwischen Bühne und Bar anzutreffen sein. Meist sind Neuentdeckungen das tollste an solchen Festivals. Also werden wir versuchen, von jeder Truppe ein Ohr voll abzubekommen.

In Basel wird die harte und brutale Szene der Musik immer stärker und vielfältiger. Wie weit zählt ihr euch selber dazu?

Basel hat das Problem, vor Jahren in so viele Unterszenen zerfallen zu sein, dass am Ende jede Band zu ihrer eigene Szene wird. Alleine deswegen ist ein Zusammenhalt, so wie er nun um die Czar-Labels entsteht, eine tolle Entwicklung. Selber sehen wir uns wohl eher am weichen Rand der harten Szene. Wobei Musik ja immer subjektiv bleibt. Ich persönlich finde 77 Bombay Street enorm brutal.

Würde euer Album auch von Bewohnern fremder Planeten verstanden werden – oder sind die Klänge doch zu irdisch?

Ich denke nicht, dass unsere Sounds ausreichen, um Welten zu vereinen oder einen intergalaktischen Krieg anzuzetteln. Sehr gerne würde ich aber einen Monat in einem UFO mitreisen, um ein paar neue Inspirationen zu sammeln.

Danke für das Interview.

Wir danken für die spannenden Fragen und die offenen Ohren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A new force in Prog Metal

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?

You have been playing live since quite a long time. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?

Finland is not best known for it’s prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery oder Leprous. Is it a new dawn and era and will it last?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Exquirla – Die Kreation neuer Welten

Das Herz mit dem Kopf zusammenzubringen, Musik leidenschaftlich und technisch zu perfektionieren – Eigenschaften, die Toundra – eine Post-Rock Gruppe aus Madrid – auszeichnen. Zusammen mit dem Flamenco-Sänger Niño de Elche haben die Musiker unter dem Namen Exquirla aber etwas völlig neues kreiert. Grund genug um nach dem Studium ihres ersten Albums „Para Quienes Aun Viven“ bei der Band direkt noch ein paar Wahrheiten zu suchen.

First: Congratulation. You have created an intense and exciting piece of music with your album „Para Quienes Aún Viven“.
Esteban: Thanks a lot! It’s very exciting to hear this from you!

As Toundra you have been making music since 2007 and have achieved quite a lot in the scene of post-rock. Instead of a sixth album you decided to work with Niño de Elche. Where does this idea come from? 
We got to know each other at the Monkey Week Festival. It’s a Festival that’s a kind of professional music business feria. Niño de Elche an I did a conference and we discovered that we had a lot of background on common. So after some beers late at night I told to him to record anything together. And this is the result.

Was this collaboration easy or did the connection of the flamenco and the instrumental rock turn out to be more complicated than expected?
No, it was easier than we expected. We knew that Flamenco music and post rock had a lot of common tools as Mantra parts, ambients, and Forte – Allegro connections. So we always knew that it would be „easy“. The connection was easy. The difficult thing was to make good songs together for first time in just a few weeks.

Post-rock lives from the expression of the played instruments, flamenco from the passionate songs. How can you mix these two ways of music and thinking?
Well, I think post rock is so passionate music. If it would not be passionate I could not ever do a post rock song. On the other hand if you listen to Paco de Lucía or Camarón de la Isla that had a lot of expression on their instruments. So back to the previous answer: flamenco and post rock are closer than we think.

Did you compose the music together or did the lyrics follow the final structures of the songs?
Yeah, we did together in 5 weeks along 2016. Everyone of us came to the practice room with some ideas and we finally did everyone.

Flamenco is an important tradition in Spain and belongs to the world cultural heritage since 2010. How open are people to changes in these musical styles and values?
We do not think about this. WE did what we wanted to do. Obviously when you have an audience and you play in festivals and you do interviews you are responsible of your career but if you do art thinking of what the people is going to think about, you, as an artist, are dead.

Protection of one’s unity and the separation from other countries and morals is the new (and frightening) development of many movements. Can a new creation in music – such as post-flamenco rock – fight against this and be a way to bring our countries and people together again? Can such a music stand for tolerance? 
Life is wide, limitless. There’s is no border, no frontier.

The Spanish language lives from great emotions and a strong expression. Do you think the meaning of the songs and lyrics is also transported if you not able to understand Spanish? 
Of course, We are a country of warm hearts and not a lot of common sense, hahaha., but I prefer this. I would like to translate the lyrics and upload it to the internet but I haven’t had enough time yet.

And something easier: Are you planning to record more albums like this?
Our next step is record the new Niño de Elche and Toundra albums. After that, who knows. I prefer not think a lot about the future. 🙂

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Ultimae Records – The quiet side of Lyon

ultimae-records-logoUltimae Records, the Lyon based ambient downtempo label and music studio has been a safe haven for musicians and lovers of electronic music for more than 17 years. With its passion and eye to the detail the releases and music have been mesmerizing from beginning to today. I took the chance to ask label manager Sandrine Gryson a few questions.

Visit the homepage.
Shop and listen on Bandcamp.
Befriend on Facebook.
Visit the store in Lyon.

Hi Sandrine, thank you very much for this possibility to make an interview. I’ve recently visited the Ultimae Records store in Lyon and felt really good. How to you keep this friendly feeling in a store?
That friendly feeling happened over the years, it comes from welcoming people simply, offering tea and coffee, taking time to chat and help people discover new music.

Ultimae Records is not only a store but also a label for Ambient and Electronica. How did all this start?
It started 17 years ago with the release of Asura’s Code Eternity album, Vincent Villuis, former band member, decided to set up a label to release this album and create a portal for ambient lovers. I joined at the end of January 2000.

On your label are acts from all over the world. How do you get into contact with all these artists?
Sometimes it’s on the net, sometimes we receive a demo, most of the time we meet in person and we click. And then sometimes one artist introduces us to another like with Martin Nonstatic and  Esko Barba / EskoStatic

Electronic music and France is a long living love affair. Is there still a big crowd today listening to the silent type of music you publish?
I would say there is a growing crowd, what we lack though are the good venues for this music genre and the type of concert we’d like to see / hear / present.

Ambient is not an easy music to explain to someone who does not know this genre. How would you do it?
I guess I would talk about time and space, slow down the rhythm and widen the horizon, I would also talk about a certain way to look at music as something that is part of your environment, look at music as soundscapes, kind of the way Eric Satie first mentioned the term, a music you can hear or listen, at different levels to discover something new each time.

If I would like to immerse myself in fantastic ambient sounds, what records should I own?
Start with the Ultimae collection, and then, have a listen to the productions of Klangwirkstoff, Silent Season, Slowcraft, Databloem, 12K, Erased Tapes and so many others. Actually, checking out our online shop would be a good start as we present the works of most worldwide ambient labels.

Is Brian Eno’s „Music For Airports“ also for you the big bang in this genre? Or what artists have gotten you hooked on this sound?
I started with Classical music, the works of Mozart and Beethoven, I first heard Eno’s ambient works back in 1990 and yes they were one of the stepping stones in my ambient discovery path. A few years later the techno scene brought in its wake ambient techno which led me to London’s chill out spaces, the works of Aphex Twin, The Orb, Laurie Anderson, and so many other artists brought me to the records I listen to and release today.

What were the biggest hits on your label?
The “Fahrenheit Project” collection, Solar Fields’s “Leaving Home”, Carbon Based Lifeforms’ “Hydroponic Garden” and “World of Sleepers”, Asura’s “360”, AES Dana’s “Memory Shell” and “Perimeters”, H.U.V.A. Network’s albums of course, and more recently “Far & Off”.
James Murray’s new “Eyes to the Height” is looking very promising.

aes-dana_-verpackungYour records are designed in a wonderful way and with much love. For you the packaging is also a big part of an album right?
Exactly, it is as important as the music to us, it brings a visual tapestry for the listener to start on an inner journey. Arnaud and Vincent fully collaborate with either the composers of the deejays to capture the imagery of the sound and explore the story.

Vinyl is booming – has had this shift in perspective also an effect on to your business? Or do people mainly buy digital download from Ultimae?
Yes, we started releasing vinyl’s, Eps for the time being, maybe albums in the future too. And we sell a lot of vinyl’s in our record shop in Lyon, more than CDs at the moment. Definitely a boom.
Thank goodness, people buy all sorts of things from Ultimae, a lot of digital sales, mainly streaming, but a lot of merchandise too, we’ve had to considerably extend our line of fabrics to answer demands from all around the world, covering all seasons.

What are the plans for the future of Ultimae Records? Any big acts or releases on the horizon?
We’re about to open a new Record Shop, café and co-dreaming space in Lyon, on the Saône riverside in Spring, and as for music, we have Mizoo’s Greenosophy Second Chapter coming out next, followed by Polarity, a double compilation Ambient & Techno by Focal, an album by Master Margherita, another by AES Dana, more ambient libraries on USB keys, the Mandorla movie soundtrack, and the launch of EskoStatic ; trust me, we won’t be bored, and you neither will you!

2019 will be a big year for your label, 20 years in the business. Can we expect a celebration with concerts?
You can always expect that, who knows what will happen, I don’t. We’ll see…

Thank you for the interview and all the best.
Thanks for the opportunity Michael and best wishes to you.

Dieser Text erschien zuerst in Deutscher Übersetzung auf Artnoir.

photo 17 Zürich – Anton Corbijn „Out Of Time“

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Anton Corbijn – Out Of Time
Vortrag an der photo17
Sonntag 8. Januar 2017
Maag Eventhalle, Zürich Hardbrücke

Bilder versprühen Magie, erzählen Geschichten und lassen die Fantasie des Betrachters neue Wege beschreiten. Im heutigen Zeitalter der digitalen Fotografie ist es zwar für jedermann ein Leichtes, Bilder von unzähligen Momenten und Szenen zu schiessen – aber wahre Meister sind immer noch selten. Somit ist es nicht nur für Fachleute, sondern auch Laien wie mich interessant, einer solchen Koryphäe bei einem Vortrag zuhören zu dürfen. Und dank meiner Liebe zu Bands wie U2, Depeche Mode oder Joy Division waren keine langen Überlegungen nötig – Anton Corbijn wurde von mir besucht.

Sein Referat an der diesjährigen photo17 in Zürich war nicht nur ein Einblick in seine komplette Karriere, sondern bot auch die Möglichkeit, dem Menschen hinter der Kamera näher zu kommen. Mit seiner offenen und fröhlichen Art erzählte Corbijn viele Anekdoten aus seinem Leben und brachte das Publikum immer wieder mit seinem trockenen Humor zum Lachen. Obwohl noch in den Nachwehen einer Erkältung, war der Fotograf ein wunderbarer Referent und wusste genau, wie man die Leute mit einer Mischung aus Fakten und Geschichten unterhält. Man erlebte seine Anfänge als schüchterner Junge in Holland, seine erdige Zeit mit der Hasselblad bis zu den gestellten Paparazzi-Bildern.

Nicht nur durfte man seine bekanntesten Portraits von Künstlern wie Nick Cave, Tom Waits oder Allen Ginsberg auf der grossen Leinwand betrachten – man erhielt auch Einblicke in selten gezeigtes Material. Wie seine Selbstportrait-Reihe „A Somebody“, die weiblichen Bilder oder allererste Aufnahmen an Konzerten von Focus und Co. Ausschnitte aus seinen Musikvideos und Filmen wurden gezeigt, Fans der bekannten Namen erhielten einige neue Infos. Wer hätte zum Beispiel gewusst, dass „Viva La Vida“ von Coldplay dank einem Video von Anton Corbijn für Depeche Mode entstanden ist? Oder dass die Rolling Stones ihre Verkleidungen gehasst haben?

„Out Of Time“ war nicht nur eine Diashow mit bekannten Gesichtern, es war ein Blick hinter den Vorhang und in den Hut des Zauberers. Anton Corbijn wusste aber auch, dass man nicht alle Geheimnisse verraten darf und erklärte seine Bilder nicht zu Tode. Egal ob Freund, Künstler, Fotograf oder Musik-Freak – an diesem Sonntag kamen alle auf ihre Kosten und ich ging mit einem beschwingten Gefühl durch den Rest der Ausstellung.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Interview mit Lùisa – Loops und Träume

luisa_img-20151126-wa0000Lùisa – eine junge, moderne und sehr talentierte Künstlerin aus Hamburg – bereist seit einigen Jahren die Bühnen der Welt und verzaubert mit ihrem New-Folk. Ich erhielt die wunderbare Gelegenheit der Musikerin ein paar Fragen zustellen.

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Zuerst möchte ich mich bei dir für diese Interview-Gelegenheit bedanken. Seit deinem Auftritt 2015 in Zürich begleitet mich deine Musik – wobei besonders ein Lied die Schuld trägt. „Vision“ ist einer dieser perfekten Popsongs. Wie erschafft man als Solokünstlerin denn solche Lieder? Wie transportiert man die Vorstellung in die Realität?
Vielen Dank für das Kompliment, ich freu mich, dass dir „Vision“ so gut gefällt! Die Inspiration eines Songs kommt meistens aus den Bildern vor meinem inneren Auge – bei „Vision“ waren es Traumbilder, die mich sehr beeinflusst haben. Das Schreiben von Songs ist am Anfang ein sehr intuitiver Prozess, meist mit der Gitarre, einigen Loops, und reduzierten Beats – Melodien entstehen dabei eigentlich wie von selbst.
Dann, etwas rationaler, webe ich dieses Grundnetz weiter, schreibe das Arrangement – bei „Vision“ zum Beispiel, wollte ich eine Klanglandschaft, die schwebend und traumhaft ist; aber auch einen Song, der immer tiefer in das Gefühl reingeht und sich stetig aufbaut, wobei der Beat natürlich eine wichtige Rolle spielt. Bei meinem Album „Never Own“ habe ich zusätzlich auch mit dem Schlagzeuger Benito Pflüger und dem Produzenten Filippo Cimatti zusammengearbeitet: Unsere Ideen haben sich immer gut ergänzt.

Dein Kreativprozess funktioniert live sowohl mit Band wie auch alleine auf der Bühne. Was kommt deiner Vorstellung von der Figur Lùisa am nächsten?
Es ist für mich auf jeden Fall beides reizvoll und die Musik schreibe ich so, dass beide Performance -Formen umsetzbar sind. Ich arbeite viel mit Live-Loops und Samples, die können aber auch von einem Schlagzeuger live gespielt werden. Die Soloperformance wirkt in Clubs absoluter, auf einer großen Festivalbühne ist ein voller Schlagzeugsound auch schön. Lùisa ist aber ein Soloprojekt – Soloperformances zeigen also stärker meinen wahren Kreativprozess.

Sind Loops verlässlicher als feiernde Begleiter?
Hehe, sowohl Loops als auch die Begleiter sind zuverlässig, freundlich mit mir und nicht allzu feierwütig! Wenn ich mit Band unterwegs war, waren meine Kumpanen meist früh im Hotelbett und haben sich’s mit einem Bierchen gemütlich gemacht. Ich bin noch losgezogen – beim Frühstück hat sich dann gezeigt, wer von uns die richtige Entscheidung getroffen hat.

Gibt es denn überhaupt eine Trennung zwischen dem Alltagsleben und den Stunden auf den erleuchteten Bühnen, oder bist du immer komplett du selbst?
Ich bin ich selbst, aber ich nehme an, dass das Selbst aus vielen verschiedenen Teilen besteht – auf der Bühne kommt ein Teil meines Selbst zum Ausdruck, der in der Alltagswelt nicht ständig präsent ist oder präsent sein kann. Ich lasse mich auf die Beschaffenheit der jeweiligen Welt ein. Ich konzipiere meine Rolle als Bühnenmusikerin auch nicht komplett durch – das Wichtige ist für mich empathisch mit der Bühnensituation umzugehen, spontan, möglichst unbefangen und unvoreingenommen zu sein. So gibt man dem Moment einen
einzigartigen Wert und auch die Möglichkeit, eine Verbindung zwischen der Musik, dem Musiker und dem Publikum tiefer und einmalig entstehen zu lassen. Sich auf den Moment einzulassen – das inspiriert mich auf jeden Fall auch für die Stunden, in denen ich nicht auf
der Bühne stehe.

Anfangs erwähnt ist „Vision“ von deinem Album „Never Own“ ein ganz besonderer Song – genauer gesagt die Wirkung des unscheinbaren Wechsels bei 3:34 Minuten. Wie gelingt einem als Musiker ein solch hypnotischer Moment?
Vielen Dank – ich finde es schön, dass du sagst, der Moment sei hypnotisch, in „Vision“ geht es um das Hypnotische, das Traumhafte. Ich glaube, es ist gut, wenn man dem Ursprungsgefühl erst genug Raum gibt sich frei zu entwickeln und es dann im Arrangement zu stärken und in Szene zu setzen versucht.

Gerät man oft in die Gefahr, seine eigenen Lieder zu überladen, zu stark zu bearbeiten oder nicht mehr loslassen zu wollen?
Das ist natürlich immer eine sehr verlockende Gefahr! In Zeiten, in denen so viele Sample-Datenbänke, Plug-Ins und auch Inspirationsquellen wie die Musik anderer Musiker so zugänglich sind, kann man sich in den potentiellen Möglichkeiten verlieren. Wenn ich das beim Songschreiben oder beim Produzieren merke sage ich mir: „Soo, genug für heute!“ Ich geh dann mal raus, treff ein paar Freunde, trinke mal einen Wein und setzte mich ein anderes Mal wieder dran. Die Musik hat eine Sogkraft auf mich, manchmal muss man
sich aber auch zum Abstand zwingen.

Du bereist seit mehreren Jahren nun Europa als Begleitung von anderen Bands oder für dich selbst. Wie ist es als junge Frau, die Welt so kennen zu lernen?
Es ist wirklich toll! Ich bin dieses Jahr quasi das ganze Jahr getourt und habe so viele unglaublich tolle Ort entdecken dürfen. Im Januar die polnischen und tschechischen Winterlandschaften, weiter nach Paris, London, Amsterdam. In der Schweiz habe ich im März zwischen verschneiten Bergen auf einem Festival in Andermatt gespielt und im gleichen Monat im blühenden, frühlingshaften Rom. Nebst der tollen Erfahrung zu reisen und neue Orte zu entdecken, sind es natürlich auch die offenen und begeisterungsfähigen Menschen, die man in der Musikszene trifft, die das Touren schön machen. Ob nun das Publikum, die Techniker, die Veranstalter – ich hatte mit allen auf meinen Europatouren tolle Erfahrungen.

Wird man als hübsche Frau auf der Bühne oft sexualisiert, oder sticht dein Talent alle Vorurteile aus?
Jeder Mensch hat Vorurteile und es ist wichtig daran zu arbeiten, dass man sie loslässt. Ich habe schon oft Sätz gehört wie „Das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut.“ Oder „Klein, blond, zierlich und dann so eine Stimme“. Solche Kommentare zeigen ein sexistisches Denken, aber leider auch, dass es wenig Musikerinnen gibt. Es ist derzeit noch ungewöhnlich, dass Frauen Musik schreiben und produzieren und dann auf der Bühne ihre Kompositionen darbieten. Das hat sicher verschiedene Gründe, z.B. gibt es nicht viele weibliche Rollenvorbilder in dem Bereich an denen sich junge Musikerinnen orientieren können und die ihnen Zuversicht geben. Gut aussehende, tanzende Pop-Sängerinnen gibt es zu Genüge, aber ich spreche von weiblichen Vorbildern mit einer umfassenderen künstlerischen, musikproduzierenden Tätigkeit, in der die Performance nur ein Teilaspekt ist.
Es ist also eine Art Teufelskreis und es ist gut den zu durchbrechen indem man zeigt, dass man durchaus als Künstlerin in einer Männer dominierten Musikszene seinen selbstbestimmten Platz finden kann. Vorurteile mit einem wissenden Lächeln zu brechen ist eher meine Methode als mich über Vorurteile am laufenden Band zu beklagen. Aber als mir einmal ein besoffener Affe vor der Bühne zugeschrien hat, ich soll mich doch endlich ausziehen, hab ich ihn danach ziemlich zusammengefaltet. Schön, dass er dann kleinlaut wurde. Es gibt durchaus Grenzen.

Glaubst du, es ist noch möglich die Welt mit Musik positiv zu ändern? Dein Album ist europaoffen und hoffnungsvoll. Ist dies deine Wahrnehmung von Deutschland?
Ich denke auf jeden Fall, dass es möglich ist, mit Musik die Welt positiv zu verändern. Ob es explizit politische Texte sind oder nicht: Musik kann Menschen verbinden; Musik kann therapeutisch und kathartisch wirken; durch Musik können wir uns anders wahrnehmen. Sie kann uns helfen, die Welt nicht mehr nur im Licht eines neoliberalen Utilitarismus zu begreifen – sondern die Welt wieder als einen Ort voller Magie wahrzunehmen. Zumindest trifft alles auf mich zu. Ich gehe davon aus, dass ich als Musikerin auch die gesellschaftliche Aufgabe habe, dies weiterzugeben.
Gleichzeitig gewinne ich viel daraus, dass ich einige europäische Sprachen lerne und mich auf der Tour in der jeweiligen Sprache mit den Menschen verbinden kann. So fühle ich mich insgesamt eher als Europäerin als als Deutsche, das war schon immer so und hängt auch mit meiner Familie zusammen. Aber was ist europäisch? Wichtig finde ich es auch, offen zu sein für ein Europa, das sich wandelt und neu erfindet, z.B. durch Menschen, die nicht hier geboren wurden. Ich persönlich nehme ein Großteil der Deutschen hoffnungsvoll und europaoffen wahr und auch eine Politik gutheißen, die keine Zäune und Grenzen baut. Aber es gibt auch in Deutschland – wie überall in Europa derzeit – starke Tendenzen zum Rechtspopulismus und zur kulturellen Überheblichkeit, die aus Angst und Vorurteilen entstehen oder dem Gefühl, selbst politisch vernachlässigt zu sein. Da muss man gegenwirken.

luisa_photo-by-marie-hochhaus-3_swWie weit greift denn konkret Hamburg in dein Songwriting ein?
Ich würde sagen, dass mich der Ort in dem ich lebe auch immer künstlerisch prägt. Ich gehe mit meinem Umfeld immer eine Art Osmose ein. Ich bin nicht ursprünglich aus Hamburg sondern wuchs in einem Haus mit großer Familie, Hunden und Katzen direkt am Wald auf, war somit jeden Tag in der Natur. So habe ich dort mit 17 unter großen Linden meine ersten Songs geschrieben. Auch in meiner Ästhetik bin ich durch diese Prägung eher naturverbunden. Aber je länger ich in Hamburg wohnte habe ich auch die urbane Welt kennen und lieben gelernt und merke, dass die Eindrücke und Einflüsse aus dieser Stadt auch meine neue Lebensrealität und meine Inspiration sind. Das hört man auch in der Musik und wird man in neuen Kompositionen sicher auch hören.

Nebst all deinen Konzerten wurdest du nun auch an die Universität eingeladen. Wann hast du zwischen all diesen Verpflichtungen Zeit, uns allen ein neues Album zu schenken?
Ich war dieses Jahr wirklich viel unterwegs um mein Album „Never Own“ zu spielen; klar habe ich nebenbei auch geschrieben. Momentan widme ich mich wieder ausgiebiger dem Schreiben und Produzieren und spiele in den kommenden Monaten weniger Konzerte. Die Resultate teile ich aber erst wenn ich zufrieden bin. Aber könnte schon sein, dass es im nächsten Jahr etwas Neues zu hören gibt.

Und wann kommst du wieder auf einen Besuch in der Schweiz vorbei?
Ich toure echt super gern in der Schweiz und hatte dort nur tolle Erfahrungen! Also komme ich sehr gern, wenn ich eine neue CD für euch habe.

Besten Dank für deine Antworten – und natürlich deine tolle Musik.
Vielen Dank für deine tollen Fragen!