Techno

C.A.R. – Pinned (2018)

Schepperndes Bassspiel, zurückhaltender Gesang und polyphone Synthiekreationen – Chloé Raunet hat sich für ihr neustes Projekt ganz klar ein Nest aus Versatzstücken des Post-Punk und der dreckigen Electronica gebastelt. Als C.A.R. (Choosing Acronyms Randomly) lässt sie nun mit „Pinned“ eine erste Sammlung an Liedern auf uns los, die gleich stark mit Wave wie auch alternativem Pop spielt. Und wer sich erst an die etwas kühle Herangehensweise gewöhnt hat, der findet so manchen Tanzmoment.

Denn wer sich mit dem Untergrund schmückt, der macht sich nicht immer leicht zugänglich, bringt aber die Grenzen und Mauern zum Bröckeln. C.A.R. ist sich dessen bewusst und formt Melodien und Takte zu Liedern, die gleichauf umgarnen wie misstrauisch machen. Der Opener „Growing Pains“ schmückt sich mit klaren Harmonien, „VHS“ im Gegensatz ist unheimlich und ätherisch. „Better Hide Your Daughters“ singt die Künstlerin lakonisch und macht aus dem Synthie-Pop eine Falle.

Nicht alles auf „Pinned“ macht gleich viel Sinn, wenn C.A.R. aber die stampfenden Beats auspackt und mit Sprechgesang „Random Words“ zu einem Ruf voller Verlockungen macht, dann erinnert dies nicht nur an Yello, sondern ist einfach nur toll. Mit ihrem Album landet sie also in der Schnittmenge der dunklen Szene und Knöpfchendreher – mit Musik, die immer vielseitig und überraschend ist. Mit einer solchen Künstlerin macht sogar „Cholera“ Freude.

Anspieltipps:
Growing Pains, Random Words, VHS

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Palmbomen II – Memories Of Cindy (2018)

Gemütlich vor dem Fernseher entspannen, das klingt wunderbar. Doch sobald du das Gerät eingeschaltet hast, wirst du plötzlich durch die Mattscheibe gezogen und landest in einer Parallelwelt, in der alles zuerst gleich erscheint, aber mit jedem Blick merkwürdiger wirkt. Palmbomen II begleitet dich dabei auf jedem Schritt mit ihrer andersartigen House-Musik und gibt dir das Gefühl, im Kopf von David Lynch gelandet zu sein. Der Künstler Kai Hugo aus Amsterdam hat mit „Memories Of Cindy“ ein Doppelalbum kreiert, das Tanzmusik eindeutig auf den Kopf stellt.

Dies beginnt bereits bei der Wahl der Klänge und Effekte: Alles rauscht, wirkt wie durch Watte aufgezeichnet und tut so, als wäre es schuldig und für alle mysteriösen Geheimnisse verantwortlich. Beats und Flächen werden von Palmbomen II geschickt und ohne grosse Mühe geschichtet, Momente wie „RTL Unifeeder“ oder „Are You Friend With Amber?“ schicken dich in die mit Neonfarben erleuchtete Kellerdisco. Kleine Momente wie „Seventeen“ oder „Wilco’s Funeral“ beantworten alle Fragen, die in „Stranger Things“ nur angedeutet werden.

Beats In Space, so klingt die Musik auf „Memories Of Cindy“ nicht selten und taucht diesen Dance in andersartige Töpfe voller Electronica, Retro-Ambient und kaputten Gerätschaften. Mit 22 Tracks erzählt Palmbomen II nicht nur eine Geschichte, sondern formt Welten und Universen. Das darf kitschig wirken („Can It Be“) oder mit bösen Beats anecken („IAO Industries“), verwundern und zugleich begeistern tut es immer. Wer also schon immer für ein Vorstellungsgespräch als Hausgeist in den Städten von Tron üben wollte, dies ist der passende Soundtrack dazu.

Anspieltipps:
RTL Unifeeder, IAO Industries, Wilco’s Funeral, Are You Friends With Amber?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

DJ Marcelle / Another Nice Mess – Psalm Tree (2018)

Deutschland und Holland, die Kombination scheint ja doch zu funktionieren – das beweist DJ Marcelle auf jedem Fall mit ihrer dritten Veröffentlichung auf dem Label Jahmoni. Ihre neuste EP „Psalm Tree“ ist nämlich genau so unberechenbar und verrückt, wie ihre Auftritte hinter den Plattenspielern. Mit „nur“ vier Tracks erreicht die holländische Künstlerin nämlich eine EP voller kaputter, elektronischer Musik, irgendwo zwischen Techno, Leftfield und Drogen-Synthie.

Abstrakt ist es bereits mit den Tracknamen, „To Evacuate Is Difficult And Infrequent“ verstört nicht nur mit seinem Namen, sondern auch den lärmenden Beats, verzerrten Vocals und dazwischen funkenden Claps. DJ Marcelle, oder auch gerne unter dem Namen Another Nice Mess unterwegs, legt sich hier wirklich komplett ins Zeugs, alles gewohnte aus einem Stück Musik zu entfernen. Und auch danach wird es auf „Psalm Tree“ nicht einfacher, geradlinige Tanzmusik findet man hier nicht. Alles wirkt extrem reduziert, entschlackt und trotzdem verwirrend überladen. Ob nun Dub oder Minimal, so schräg wie diese Stücke klingen ist nicht einmal der Abschaum in deiner Strasse.

Positiv an dem ganzen Theater ist aber, dass DJ Marcelle immer wieder Wege findet, um dieses Chaos zu kanalisieren. Eine Affinität zu viel Noise und Verrücktheit vorausgesetzt, sind auch Stücke wie „To Reveal The Secret“ oder „To Sing Along“ Momente, die in ihrer eigenen uneinheitlichen Form Klarheit in das Leben bringen. Da wird frischfröhlich gepfiffen, die Platte kommt wie ein Sommertraum daher und zeigt auch die Liebe der Künstlerin zu Palmen. Alles wie ein alltäglicher Spaziergang durch den Kopf von Another Nice Mess also. Man muss nur stark bleiben.

Anspieltipps:
TO EVACUATE IS DIFFICULT AND INFREQUENT, WALKING AROUND AIMLESSLY

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Levon Vincent – For Paris (2018)

Wer ist besser als Reiseführer durch Deutschland geeignet, als der New Yorker Soundbastler Levon Vincent? Mit seinem Album „For Paris“ wandert er nämlich nicht nur durch alle Bundesländer, sondern auch Gesinnungen und Zeiten. Ob Schulbesuche in Düsseldorf oder Berlin, seine elektronischen Tracks atmen jeden Geist. Passend zum Konzept, sein zweites Album dem Frieden zu widmen und die Menschen wieder stärker zur Vernunft zu bringen.

Natürlich, diese Intention ist nebst dem Cover und den Songnamen wie „Hope for new Global Peace“ oder „If We Choose War“ nicht direkt erfassbar, man merkt Levon Vincent aber schon an, dass er sein zweites Album eher den freundlichen Synthiespuren gewidmet hat. Beats und tiefe Bässen tauchen auf und begleiten die Melodien, viel mehr geht es aber um hypnotische Wirkungen von House und Techno. „For Paris“ zieht immer wieder auf die Tanzfläche, spielen mit Minimal und Funk, sind reflektiert und doch offenherzig.

Zwei Jahre musste man auf die neue Scheibe von Levon Vincent warten, der in Berlin lebende Künstler hat mit seiner Intention aber ein Stück Musik geschaffen, dass mitreisst, berührt und sich hinter den grossen Legenden der elektronischen Welten nicht verstecken muss. Und mit Momenten wie „Dancing With Machiavelli“ fliegt man sogar leichtfüssig durch den Ballsaal. So vielseitig kann das Leben sein, halten wir doch zusammen.

Anspieltipps:
Kissing, Hope for new Global Peace, Dancing With Machiavelli

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Golden Filter – End Of Times (2017)

Band: The Golden Filter
Album: End Of Times
Genre: Techno / Minimal

Label/Vertrieb: Optimo
VÖ: 10. November 2017
Webseite: thegoldenfilter.com

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„End Of Times“ ist ein Paradebeispiel für Musik, die nachts und in etwas beeinflusstem Zustand am besten funktioniert. Ohne Hemmungen dreht man die Lautstärke an der Stereoanlage auf, die Beats und Melodien füllen die Räumlichkeiten aus. Denn was am Nachmittag noch eher unscheinbar wirkt, das hat in den dunklen Stunden plötzlich eine extreme Wirkung und lädt dazu ein, die Musik zu geniessen und sich darin zu verlieren. Somit haben The Golden Filter, ein seit 2008 aktives Duo aus New York, auch mit ihrer neusten EP alles richtig gemacht.

Denn nur wer sich traut, ohne Ablenkung in die Tracks einzutauchen, der findet plötzlich die Verlockungen und Feinheiten in der Musik. Mit nur vier neuen Tracks ist die Scheibe zwar kurz, hinterlässt aber einen spürbaren Eindruck. The Golden Filter begeben sich hier in eine Zwischenwelt des kühlen Technos und des verspielten Synthie-Pop, wagen aber inhaltlich eine fast spirituelle Neuausrichtung. Mit den ersten beiden Stücken „End Of Times“ und „Serenity“ werden die harten Bässe und direkten Keyboardlinien hochgehalten, welche einen aus dem Umfeld abheben und die Weltsicht klären.

Mit dem Drehen der Platte kehren aber die psychedelischen Elemente in die Musik zurück. Gerade „Heart Control“ lässt mit seinem langsamen Aufbau und dem verträumten Gesang alle Möglichkeiten zum meditativen Flug offen und wird erst mit dem abschliessenden und sehr schwarzen „Darkness Falls“ wieder gebremst. Es ist somit ein Ausflug in alle möglichen Gemütszustände, den The Golden Filter uns hier vorlegt, und der sogar vor der Direktheit eines Plastikman nicht Halt macht.

Anspieltipps:
Serenity, Heart Control, Darkness Falls

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Null + Void

Im Gespräch mit: Kurt Uenala von Null + Void

Seit vielen Jahren steht der Schweizer Musiker und Produzent Kurt Uenala mit bekannten Grössen und Namen in den Studios, um ihnen passende Songs auf den Leib und die Stimme zu schneidern, unter anderem bei Depeche Mode oder Moby. Mit „Cryosleep“ legt er nun aber ein Album vor, bei dem sich alles um ihn dreht – fast zumindest. Denn unter den Namen Null + Void präsentiert er uns nicht nur herrlich düstere und treibende Musik aus allen Ecken der Elektronik, sondern auch einige Gäste. Zeit nachzufragen, wie das Leben und Musizieren in New York so abläuft.

Michael: Ein Blick auf die Tracklist von „Cryosleep“ lässt einen stutzen, so viele bekannte Namen stehen darauf. Wer sich aber mit deiner Karriere beschäftigt, dem erscheint dies logisch. Herrschen hinter den Kulissen denn so freundschaftliche Stimmungen, wie man es sich bei einem solchen Album vorstellt?
Kurt: Ja, das ist echt so. Man teilt Mahlzeiten und reist zusammen, trinkt viel Kaffee und spielt einander Musik vor, die man mag. Da passiert es schon, dass man tiefere Freundschaften schliesst und in Kontakt bleibt, auch wenn das Projekt bereits abgeschlossen ist. Und wenn man einander Ideen vorspielt und diese gefallen, dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass man kollaboriert.

Wie ist es für dich als Künstler, seit Jahren mit grossen Namen tätig zu sein, selber aber eher unter dem Radar zu fliegen?
Das ist ganz klar getrennt. Wenn ich angefragt werde, für Geld mit jemandem ins Studio zu gehen, dann ist das natürlich eine komplett andere Herangehensweise, als wenn ich meine eigenen Sachen produziere. Ich bin dann hauptsächlich dafür verantwortlich, die Musik der Person so gut wie möglich zu formen, wie sie es gerne haben würde und/oder wie ich denke, dass es am besten für das Projekt ist. Am Ende steht ihr Name auf dem Cover und meiner ist ganz klein irgendwo angebracht. Aber das ist ganz gut so. Ich würde dies nicht anders wollen, wenn ich selber jemanden anstellen würde, um mit mir ins Studio zu kommen. Da muss man sein Ego schon zu Hause lassen. Aber wenn man sein eigenes Ding daneben dreht, dann funktioniert das ganz gut.



Für dein eigenes Album hast du den Namen Null + Void gewählt – doch die Musik ist gerade das Gegenteil von Leere. Wie kommt das?
Ha, ja, das ist schon so. Aber der Gegensatz von kalter Elektronik und hoffnungsvollen Akkordfolgen ist natürlich das Interessante für mich.

Der Albumtitel „Cryosleep“ bezieht sich auf die Kryonik, das Einfrieren und Konservieren von Menschen. Denkst du, du hast mit diesen Songs Musik erschaffen, die auch in vielen Jahrzehnten noch gehört wird?
Oh nein, nein – das wurde ich mir nie anmassen. Ich mache einfach die Musik, und der Rest ist ausserhalb meiner Kontrolle. Wer weiss, was damit passiert und ob es in einem Monat noch gehört wird? Aber ich hoffe natürlich sehr, dass es wenigstens in zwei Wochen noch irgendwo gespielt wird, haha.

Deine Musik bewegt sich zwischen vielen Stilrichtungen (IDM, Techno, Pop). Woher holst du dir deine Inspiration, hörst du privat vor allem elektronische Produzenten und Künstler?
Ich höre oft Musik, die ein bisschen am Rande der alltäglichen Wahrnehmung steht, da aber nicht nur Elektronisches. Das Schöne daran in New York zu leben ist, dass ich mir nichts Kommerzielles anhören muss, weil man ausserhalb der Reichweite hantiert. Vor allem, wenn man nicht viel einkaufen geht und auch keine Taxis fährt. Als Fahrradfahrer bin ich weit von den kalten Klauen der grossen Radiostationen und sonstigen kommerziellen Musikquellen entfernt.
Ich höre viele Künstler wie Ulfur Eldjarn, Ulrich Schnauss, Roedelius oder Delia Gonzalez zu Hause. Aber auch kalte Elektronik wie Alva Noto oder Gazelle Twin.

Wenn wir schon von digitaler Musik und wissenschaftlichen Geräten sprechen – wie wichtig ist für dich Technik und Fortschritt?
Das ist mir sehr wichtig und ich bin heiss interessiert. Ich habe mich oft mit Native Instruments ausgetauscht und bin ein grosser Fan von ihren Sachen, vor allem «Maschine». Das benutze ich tagtäglich und fast jeder Song wird darauf zusammengebastelt. Klänge zu verfremden und einen Songaufbau zu erstellen ist sehr einfach und intuitiv ausgelegt, was natürlich der Kreativität zugutekommt.

Bist du eine Person, die stundenlang nach einzelnen, neuen Klängen und Beats suchen und daran basteln kann? Oder vertraust du eher den ursprünglichen Möglichkeiten deiner Synthies?
Ja, es ist schlimm. Tagelang, nicht stundenlang! Kein Witz! Es ist eine meiner Schwächen, aber ich arbeite daran, schneller zu werden.



Wie ist es, als Schweizer in New York zu leben? Allein die Grössenverhältnisse der Umgebung und die Entfernungen sind ja kaum vergleichbar.
Ja, das ist schon anders, aber irgendwie auch wieder nicht. Man findet überall sein Umfeld und bewegt sich grösstenteils darin. Ich bin auch ziemlich Manhattan-orientiert, da ich Fahrradfahrer bin und dieser Stadtteil nicht so gross ist. Das Beste sind natürlich die Ladenöffnungszeiten und auch die vielen verschieden Kulturen (von russisch über jamaikanisch, lateinamerikanisch, irisch, chinesisch und mehr). Das ist auch für die Kulinarik sehr zuträglich.

Existiert in New York eine neue Musikszene im Untergrund, die man mit früherem Treiben vergleichen kann?
Nein, leider nicht mehr. Die Klubs sind bis auf zwei oder drei alle ziemlich langweilig und geldorientiert. Und ich meine damit nicht nur ein paar teure Drinks, sondern richtig dicker «Bottle Service», bei dem ein guter Kunde mal schnell 400 Dollar liegen lässt. Das zieht natürlich eine Klientel an, das keine experimentellen Sachen hören will. Dann muss es einfach Krach machen und zur Konsumation animieren.

Darf man auf ein weiteres Null + Void-Album in naher Zukunft hoffen?
Ja, das kommt schon! Ich habe schon paar Ideen ausgearbeitet, aber das dauert noch eine Weile. Ich bin halt ein bisschen “obsessiv”.

Besten Dank für das Interview.
Danke dir, Michael!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

I Wear* Experiment – Patience (2017)

I Wear* Experiment – wenn man sich schon mit einem solchen Namen, hust, kleidet, dann sollte man diesem auch gerecht werden. Und das Trio aus Estland schafft dies locker, obwohl sie sich eigentlich im elektronischen Pop eingenistet haben. Doch dank analogem Schlagzeug, Bläser, Gitarren und viel Lust auf tanzbare Indie-Hits erhält man mit dem Debütalbum „Patience“ ein Regenbogen an Facetten und Spielarten, die den typischen Synthie-Pop schnell in Vergessenheit geraten lassen. Viel eher wird man an diverse andere Künstler erinnert.

Ob I Wear* Experiment bei „From Nothingness“ die Synthies langsam wabern lassen und Downtempo-Erotik der Marke Goldfrapp zelebrieren, oder mit „Hyperstress“ gleich in den wilden Drum’n’Bass absteigen, den auch Jean-Michel Jarre in letzter Zeit gerne anwandte, die Truppe verliert nie ihren Fokus und ihre Eigenschaften. Fröhlich und mutig hüpft das Album somit nicht von Level zu Level, sondern von Stilrichtung zu Einfluss und holt sich überall die hübschesten Blumen. Ob extrem clubtauglich oder dann doch wieder sehnsüchtig auf eine neue Liebesgeschichte wartend, jedes Lied drängt sich positiv in dein Leben und findet die perfekte Bleibe.

Mit weiblichem Gesang, wunderbarem Druck und einem extrem Zug nach vorne gleitet „Patience“ zauberhaft dahin und mischt Soundflächen mit perkussiven Kunststücken. Sängerin Johanna Eenma hat ihre beiden Mannen fest im Griff und leitet I Wear* Experiment immer wieder als erste über die Ziellinie. Somit ist dieses Album ein wahres Vergnügen für alle, die sich gerne auf der Tanzfläche erobern lassen. Und die Estländer schaffen es mit Stücken wie „Wanting For More“ wohl sogar, die junge Madonna neidisch zu machen.

Anspieltipps:
From Nothingness, Wanting For More, Hyperstress

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Helena Hauff – Have You Been There Have You Seen It (2017)

Band: Helena Hauff
Album: Have You Been There Have You Seen It
Genre: Techno / Minimal

Label/Vertrieb: Ninja Tune
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: helena-hauff.com

Freitag ist der Tag für die treibende Tanzmusik, für den Techno. Gut also, gibt es mit „Have You Been There Have You Seen It“ eine neue EP von Helena Hauff, der Produzentin und DJane aus Hamburg. Und wie man es von ihr gewohnt ist, bleiben auch diese vier neuen Tracks wunderbar schlank und reduziert. Da hilft natürlich auch, dass Hauff gerne mit analogen Geräten arbeitet und ihre Musik somit immer geerdet wirkt und in dieser leichten Imperfektion lebt – wie eben eine Nacht im Club sein sollte.

Ganz einfach gerät der Einstieg mit „Nothing Is What I Know“ aber nicht, die einzelnen Melodien stellen sich sperrig für die Claps und das Lied vermindert die eigene Beschleunigung immer wieder selber. Helena Hauff zeigt somit auch hier wieder, dass ihre Electronica mit Einflüssen aus Acid House und EBM selten die geahnten Wege beschreitet und immer nach Ecken und Kanten sucht. Mit Beats und tief wummernenden Synthies dringen die nachfolgenden Tracks aber immer weiter in die Nacht hinein und locken die dunklen Gestalten.

Wenn sich Helena Hauff bei „Continuez Mon Enfant Vous Serez Traité En Consequence“ schon fast auf minimale Frequenzveränderungen und tief brummelnde Tonspuren beschränkt, dann erhält die Musik eine Schlagseite, die an die DJ-Vergangenheit im Club „Goldener Pudel“ erinnert und endlich die wahre Anziehung dieser Songs zeigt. Es geht um Zwischenwelten, um scharfkantige Reduktion und um minimale Eingriffe – all dies gelingt ihr auf dieser neuen EP, auch wenn nicht jeder Song gleich gut gefällt.

Anspieltipps:
Do You Really Think Like That?, Continuez Mon Enfant Vous Serez Traite En Consequence

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Null + Void – Cryosleep (2017)

Band: Null + Void
Album: Cryosleep
Genre: Electro / Dark Wave

Label/Vertrieb: hfn
VÖ: 3. November 2017
Webseite: kurtuenala.com

Es ist erstaunlich, wie schnell man einzelne Stimmen mit gesamten Genres verbindet. In der elektronischen Musik, welche spezifisch aus dem dunklen Wave entstanden ist, bleibt ganz klar Dave Gahan die Anlaufstelle für die passende lyrische Untermalung düsterer Beats und Baselines. Kein Wunder also, wird die Kollaboration „Where I Wait“ schnell zu einem ersten Höhepunkt auf „Cryosleep“ – aber nicht zum einzigen. Denn das erste Album von Musiker Kurt Uenala unter dem Namen Null + Void lebt von seiner Erfahrung und der vielseitigen Stimmung. Das beweist bereits der Einstieg.

Bei „Falling Down“ werden die Synthieflächen nämlich vom Black Rebel Motorcycle Club unterstützt, herrlich kühl und nie wild aufbrausend. Dies bleibt den folgenden, instrumental gehaltenen Tracks vorbehalten, mit welchen uns Null + Void immer weiter in die verlassenen Kellerräume der Industriegebiete führt. Ob herrlich klare Melodien, wild verzerrte Effekte oder sanft eingesetzte Bässe, „Come To Me“ oder „Asphalt Kiss“ umgarnen und bleiben trotzdem in Bewegung. Man spürt, dass der Schweizer Produzent hinter diesem neuen Pseudonym nicht nur seit vielen Jahren im Geschäft tätig ist, sondern auch für grosse Namen wie Moby, Depeche Mode oder The Kills kreativ war.

Null + Void vermag es aber sogar, in dieser diversen Gestalt und trotz vielen Gästen eine eigene Identität zu etablieren und sich schwarz gekleidet zwischen Dance, Techno und Synthie-Pop zu bewegen. „Cryosleep“ ist somit niemals langwierige Musik für den Hintergrund, sondern immer wieder überraschend, abwechslungsreich und ein grosser Genuss. Ob schwelgerisch mit „Take It Easy“ oder hart pulsierend wie „Paragon“, Kurt Uenala weiss, was er will. Und das gefällt sehr.

Anspieltipps:
Into The Void, Where I Wait, Paragon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dave Clarke – The Desecration Of Desire (2017)

Band: Dave Clarke
Album: The Desecration Of Desire
Genre: Techno / Electronica / Dance

Label/Vertrieb: BMG / Warner
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: daveclarke.com

Der „Baron des Techno“ (gemäss John Peel) ist wieder da – und trotz 14 Jahren Absenz besteigt er den Thron aus Synthies und Computer mit Schwung und einer Leichtigkeit, die manch jüngerer Produzent vermissen lässt. Dave Clarke hat sich für sein Rückkehr in die Welt des harten Technos und kaputten Dance auch gleich starke Untersützung geholt und lässt die Stimmen von LOUISAHHH, Mark Lanegan und Gazelle Twin gegen seine Klangspuren antreten oder sie mit ihnen verschmelzen. Wobei Tracks wie „Exquisite“ auch ohne die Gäste weit strahlen.

Denn was Dave Clarke, der seit 1990 die Clubs aufregender macht und hiermit seinen vierten Longplayer vorlegt, mit „The Desecration Of Desire“ aufzeigt, sind zehn Variationen von treibender, abwechslungsreicher und herrlich düsterer Electronica. Perkussive Lieder wie „Is Vic There?“ (Cover von Departement S) erinnern an Recoil, „Plasmatic“ lässt mit seinen wilden Synthies Daft Punk erzittern und „Cover Up My Eyes“ ist ähnlich dystopisch wie Massive Attack. Daraus ist bereits zu erkennen, dass es sich bei „The Desecration Of Desire“ weniger um eine Techno-Platte handelt als um eine Reise durch den dunklen Dance und die ausgelebten Einflüsse von Industrial, Punk und Wave.

Mit der wirkungsvollen Mischung aus harten und treibenden Klangschichten und hypnotischen Stimmen erreicht Dave Clarke auf seinem neusten Album eine Atmosphäre, die in den Neunzigern Gruppen wie Underworld weltbekannt gemacht haben. Auch der englische DJ und Radiomoderator weiss, wie man solche Elemente packend zu kombinieren hat und liefert mit Tracks wie „Monochrome Sun“ sogar Hits, die auch Indie-Freunde zum Gang in den Untergrund-Club bewegen. Eine wunderbare Scheibe also, die auf jeder Ebene befriedigt und unterhält.

Anspieltipps:
Is Vic There?, Plasmatic, Cover Up My Eyes

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.