Autor: Michael Bohli

Bohli blogt über Musik. Plattenkritiken, Konzertberichte, Gedanken zu aktuellen Geschehnisse und Wiedergabelisten. Alles aus der Welt der schönen Klänge, ganz subjektiv gefiltert. Ergänzt werden die Beiträge mit Berichten über Comics, Film & TV sowie Bücher. Gestartet im März 2014 ist das Projekt frisch und wird laufend ausgebaut. Neu erscheinen unregelmässig Interviews mit Bands und Künstler, Reiseberichte und meine persönlichen Lieblingsalben. Geplant: Portraits von Plattenläden, Clubs.

Oppressed by Privilege / Privileged by Oppression – Oppressed by Privilege Privileged by Oppression (2018)

„I’m So F*cking Privileged / It Makes Me Wanna Cry“. Als in der Schweiz lebende Person gerät man schnell in einen moralischen Zwist. Wie weit geht die eigene Verantwortung bezüglich unserem Besitz und Wohlstand? Was dürfen wir uns erlauben, was sollen wir in diesen Umständen verbessern? Daniela Brugger und Vera Bruggmann haben zu diesem Thema ein Kunstprojekt gestartet, dass aus 16 Künstlerinnen und Künstler zwei Bands geformt und anhand eingereichter Texte zu den Namen Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression Lieder komponiert hat. Jetzt gibt es diese sechs Songs als Platte zu kaufen.

Die Musik auf „Oppressed by Privilege Privileged by Oppression“ klingt dabei genau so divers, wie es bei einer solchen grossen Anzahl von Mitwirkenden zu erwarten war. Oppressed by Privilege bieten psychedelisch angehauchten Alternative Rock, Sprechgesang und einen deutschen Text, Privileged by Oppression tauchen fast in den Post-Punk und nehmen danach in Mundart den Rap auseinander. Alles zu einem grossen Ganzen zu formen ist hier nicht immer einfach, aber diese Musik soll auch gar nicht allen gefallen. Diese Kunst ist ein Angriff auf unser Verhalten im neoliberalen Kapitalismus und regt zu Diskussionen an.

Irgendwo zwischen der nachdenklichen Jugend von I Made You A Tape und einem dystopischen Auftritt im Club von nebenan ist die Musik von  Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression ein grosses Experiment, dass sich als geschlossener Kreislauf präsentiert und erstaunlich kohärent als Platte funktioniert. Ob man sich danach im Leben anders positioniert, das ist aber jedem selber überlassen. Live gibt es dieses Projekt am Freitag 16. Februar 2018 in der Kunsthalle Basel zu geniessen, inklusive Plattentaufe.

Anspieltipps:
Chicken Shop, Elite, Kei Gäld kei Wält

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Oregon Trail – h/aven (2018)

Verzweiflung entsteht oft im Schatten, kein Wunder also, klingen Oregon Trail auf ihrem zweiten Album nach Schmerz, Wut und Trostlosigkeit. Das Album wurde schliesslich im Nirgendwo von Le Locle geschrieben und und aufgenommen, immer schön von der menschenleeren und schier depressiven Landschaft beeinflusst. „h/aven“ tut also gut darin, sich das H gleich von der Oase abzutrennen und die Kanten messerscharf zu lassen – dieser Post-Hardcore ist roh und direkt. Erlösung und Luft nach Oben findet man somit erst am Ende der Platte, zuvor sind die Schweizer immer brutal.

Es tut dem Post-Hardcore aber sehr gut, dass er wieder einmal ohne Gnade angegangen wird. Oregon Trail aus Neuchâtel scheren sich nämlich nicht um eine reine Produktion, sondern lassen ihre Gitarren verrauscht davonziehen. „Aven“ steigert sich so von einer melodischen Überlegung zu einem wahren Wirbelsturm an Geschrei, Riffs und wildem Drumming. Die Band suhlt sich hier im Lärm und lässt den Hardcore in den flächigen Noise übergehen. Da braucht es für den Hörer einen kurzen Moment, die wirkliche Schönheit der Lieder zu erfassen. Wem dies aber gelungen ist, der kann sich der Faszination von „h/aven“ nicht mehr entziehen.

Ob die Texte nun naturalistische Themen aufgreifen oder Oregon Trail mit einer extremen Dynamik im Sound spielen („Aimless At Last“), diese Platte zeigt sich nie mit aufgestelltem Federkranz, sondern schlüpft von Schatten zu Schatten. Charles-A. Bernhard schreit sich die Seele aus dem Leib und das musikalische Gerüst hilft ihm aus der Verzweiflung. Bis „Marble Grounds“ zumindest, denn dort entfliegen wir zusammen mit den Musikerin in einem klanglichen Schauspiel, das den Post-Rock mitnimmt und die Sonne wieder aufgehen lässt. Es ist eben doch eine Zuflucht.

Anspieltipps:
Aimless At Last, Aven, Marble Grounds

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fishbach – A Ta Merci (2018)

Ist es nicht erstaunlich, wie lange es immerzu dauert, bis gewisse Trends und gefeierte Künstler die Landesgrenzen durchbrechen können? So hat hierzulande wohl noch fast niemand im deutschsprachigen Gebiet von Flora Fishbach gehört. Die Chanteuse aus Frankreich musiziert sich seit 2010 in die Herzen der Menschen und feierte 2017 mit ihrem Debütalbum „À Ta Merci“ grosse Erfolge. Nun endlich wird dieses Album voller rauem Gesang und angenehm dunklem Synthie-Pop auch bei uns zugänglich gemacht – und diese Platte sollte sich niemand entgehen lassen, der auf Electropop steht.

Obwohl Fishbach ihre Lieder natürlich in Französisch einsingt, spürt man ihre Aussagen schnell heraus. Auf den Lieder wie „Feu“ oder „Mortel“ lastet eine grandiose Mischung aus Erhabenheit, Traurigkeit und Leidenschaft – eine Wirkung, die man selten bei einer solch jungen Künstlerin verspürt. Mal in der Disco verankert und mit der frühen Madonna kokettierend („Un Autre Que Moi“), dann wieder pulsierend und riesengross („On Me Dit Tu“), „À Ta Merci“ lässt jede Stimmung und Art zu. Und viel Atmosphäre kommt dank der eher tiefen und kratzigen Stimme Fishbachs auf – die mich an Musikerinnen wie Lùisa erinnert.

Diesem Album haftet zwar etwas Theatralik und auch Exzentrik an, aber Fishbach nimmt sich von allen klassischen Tugenden der französischen Musik die besten Zutaten heraus und baut damit ihr eigenes und zukunftsträchtiges Werk. Dass man dazu auf der, nun um zusätzliche Aufnahmen erweiterte Edition von „À Ta Merci“ sogar noch ihre Live-Qualitäten erleben darf, sollte jeden zu einem Fan der Dame machen. Und ein weiteres Mal wird somit bewiesen, dass die Einflüsse der elterlichen Plattensammlung eben doch zu tollen Resultaten führen können.

Anspieltipps:
Y Crois Tu, Un Autre Que Moi, Mortel

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dita Von Teese – Dita Von Teese (2018)

Lasziv auf dem Sofa räkelnd, in Seidenhemd und Spitzenunterwäsche, der Blick immer erotisch und die Lippe rot geschminkt – Dita Von Teese ist nicht erst seit Kurzem dafür bekannt, Sexualität stilvoll und genüsslich unter die Leute zu bringen. Dass die Amerikanerin nun aber plötzlich mit einem Album voller sinnlicher Popmusik in unser Leben tritt, das verwundert doch etwas. Sie ist zwar Model, Designerin, Autorin, Schauspielerin und Unternehmerin, mit Musik verband sie bisher aber wenig. Auftritt Sébastien Tellier, der französische Musiker suchte schon lange eine hübsche und einzigartige Frau für neue Kompositionen. Und genau das hat er bei „Dita Von Teese“ gefunden.

Und wie nicht anders zu erwarten, gibt es auf diesem Album nun elf Lieder, die zwischen verträumter Popmusik, an die Achtziger erinnernde Electronica und Kuschelverlockungen wechseln. Dita Von Teese hatte mit der Musik selber nicht viel zu tun, leiht aber jedem Stück ihre Stimme und versucht sich nebst wirklichem Gesang vor allem an gehauchten Wörtern, betörenden Aussagen und reizenden Bewegungen, die auch ohne Bilder plötzlich sichtbar sind. Alles wirkt zusammen immer etwas durchscheinend und ätherisch, als würde man dem Album in einem Traum begegnen. Leider zerpuffen diese Fantasien aber immer wieder dann, wenn sich Dita am Französischen versucht, wie bei „Parfum“ oder “ La Vie Est Un Jeu“.

Dass dieses Experiment (Burlesque-Star trifft auf weichen Dreampop) doch funktionieren kann beweisen Stücke wie „Rendez-Vous“ oder „Dangerous Guy“, welches sogar in den modernen R&B-Pop zielt. Und mit „The Lunar Dance“ wird am Ende noch die Disco in Unterwäsche gestürmt. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Songs auch mit einer anderen Sängerin gleich gut (oder besser) funktioniert hätten. Dita Von Teese macht hier vor allem Werbung für sich selber und ihre Marke und gibt weniger eine berauschende Vorstellung als Frontfrau ab. Und Tellier ist Tellier, seine Musik ist nicht für jedermann.

 

Anspieltipps:
Rendez-Vous, Bird Of Prey, The Lunar Dance

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Don’t Kill The Beast – Cupid Bite (2017)

Ich will gar nicht zu viele Worte über das Cover verlieren, denn leider kann es mit der Qualität der Musik nicht mithalten – und nein, hinter „Cupid Bite“ verbirgt sich auch kein plattes Werk voller Heavy-Metal-Klischees. Don’t Kill The Beast aus Basel haben sich auf dieser Platte nämlich von einem Soloprojekt des Musikers David Blum zu einer kompletten Band gemausert, die sich zwischen verträumten Pop und sehnsüchtig melancholischem Indie positioniert. Und immer mit viel Gedanken bei der Liebe.

Schliesslich will bereits mit dem Albumtitel der Biss von Amor an eure Körper verteilt werden, eine Aufgabe, die auch gleich Melodien und Kompositionen weiterziehen. Don’t Kill The Beast lassen mit ihren Liedern tolle Gedanken und Gefühle zum schmachtenden Thema aufkommen, ohne jemals platt oder abgenutzt zu klingen. Viel eher verlässt sich die Band auf tolle Gitarren und sattes Thema, „Q/A“ nimmt es mit dem amerikanischen Indie auf, „Loser“ erinnert an My Morning Jacket. Da passt auch der hohe Gesang von Blum perfekt rein.

Nicht alles auf „Cupid Bite“ zieht aber mit schnellem Tempo vorbei, Don’t Kill The Beast lassen sich auch gerne mal verletzt in sehnsüchtigen Popsongs trösten und vergessen die Wut etwas. „All So Sad“ klingt wie es sein Name verheisst, „Magic Wonderland“ nimmt sich die Tugenden der eingängigen Schweizer Rock-Musik und zimmert daraus einen angenehmen Hit. Es ist also klar, dass mehr Musiker hier ganz klar auch mehr Qualität und Dynamik bedeuten. Man sollte sich also nicht vom Monster abschrecken lassen, sondern sich als Zielscheibe für den Pfeil anbieten – ohne Reue.

Anspieltipps:
Magic Wonderland, Cupid Bite, Q/A

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

C.A.R. – Pinned (2018)

Schepperndes Bassspiel, zurückhaltender Gesang und polyphone Synthiekreationen – Chloé Raunet hat sich für ihr neustes Projekt ganz klar ein Nest aus Versatzstücken des Post-Punk und der dreckigen Electronica gebastelt. Als C.A.R. (Choosing Acronyms Randomly) lässt sie nun mit „Pinned“ eine erste Sammlung an Liedern auf uns los, die gleich stark mit Wave wie auch alternativem Pop spielt. Und wer sich erst an die etwas kühle Herangehensweise gewöhnt hat, der findet so manchen Tanzmoment.

Denn wer sich mit dem Untergrund schmückt, der macht sich nicht immer leicht zugänglich, bringt aber die Grenzen und Mauern zum Bröckeln. C.A.R. ist sich dessen bewusst und formt Melodien und Takte zu Liedern, die gleichauf umgarnen wie misstrauisch machen. Der Opener „Growing Pains“ schmückt sich mit klaren Harmonien, „VHS“ im Gegensatz ist unheimlich und ätherisch. „Better Hide Your Daughters“ singt die Künstlerin lakonisch und macht aus dem Synthie-Pop eine Falle.

Nicht alles auf „Pinned“ macht gleich viel Sinn, wenn C.A.R. aber die stampfenden Beats auspackt und mit Sprechgesang „Random Words“ zu einem Ruf voller Verlockungen macht, dann erinnert dies nicht nur an Yello, sondern ist einfach nur toll. Mit ihrem Album landet sie also in der Schnittmenge der dunklen Szene und Knöpfchendreher – mit Musik, die immer vielseitig und überraschend ist. Mit einer solchen Künstlerin macht sogar „Cholera“ Freude.

Anspieltipps:
Growing Pains, Random Words, VHS

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Being As An Ocean – Waiting For Morning To Come (2017)

Wer in den letzten Monaten das Gefühl hatte, in den Gebieten des Post-Hardcore und Metal werde einfach zu wenig gewagt und zu vieles immer wiederholt, der sollte sich mal genauer mit „Waiting For Morning To Come“ von Being As An Ocean beschäftigen. Die Gruppe aus Kalifornien, welche seit 2011 den Post-Hardcore mit melodischen Teilen und atmosphärischen Kompositionen aufmischt, wagt auf ihrem vierten Album extrem viel – was zuerst etwas verwirrt.

Denn obwohl mit „Black & Blue“ gleich ein herrliches Stück Musik voller Emotion und lauernder Aggressivität zu Beginn auf den Hörer wartet, Being As An Ocean wechseln während den folgenden Stücken die Stimmung und Präsentationsart schier schwindelerregend oft. Zu den bekannten Elementen wie gesprochenen Texten und voluminösen Liedern kommen auch noch effekttechnische Experimente („Eb taht srewop eht“ läuft beispielsweise komplett rückwärts) oder grosse Portionen von sanftem Alternative Rock dazu. Inklusive starker Dynamik und technischer Perfektion.

Wer aber genau hinhört, für den spannen die einzelnen Fäden immer mehr zusammen und ein dichtes Netz an Musik, Ausdruck und Möglichkeit entsteht. Being As An Ocean wagen es, ihre harte Musik komplett neu zu konstruieren und haben dabei grossartige Lieder wie „OK“ oder „Thorns“ erschaffen. Persönliche Inhalte und der neue Gitarrist/Sänger Michael McGough haben „Waiting For Morning To Come“ mehr als gut getan und aus einer harten Gangweise eine Erlebnisreise geschaffen. Es muss ja nicht immer alles bluten.

Anspieltipps:
Black & Blue, OK, Thorns

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Autisti, Oxil Zofingen, 18-02-09

Autisti
Support: Twoonacouch
Freitag 9. Februar 2018
Oxil, Zofingen

Sei der Lärm auch noch so extrem, irgendwann verklingt er und zwischen sonischen Ergüssen und krachenden Membranen kehrt wieder Stille ein. Und obwohl sich das Projekt von Emilie Zoé und Louis Jucker erst 2016 gegründet hat, ist bereits jetzt wieder Moment gekommen, in dem es heisst: Adieu Autisti, c’était un moment merveilleux! Die Monate mit euch vergingen wie im Flug und waren immer eines: Unberechenbar, wild und herzensgut.

Es war darum eine grosse Ehre, das zweitletzte Konzert für eine lange Zeit, oder vielleicht für immer, im Oxil in Zofingen erleben zu dürfen. Autisti wiederholten dabei nicht nur, was sie im Bogen F noch ganz frisch, im Royal zum Saisonschluss, an der Badenfahrt mit zwei Schlagzeugern oder in Bulle gnadenlos zelebriert hatten – nein, sie holten erneut frische Experimente aus ihren Liedern heraus und feilten bis zuletzt am Wahnsinn. Denn ihr Lo-Fi-Noise-Rock ist nicht nur sehr entschlackt und beschränkt sich meist auf zwei Gitarren und das Schlagzeug, sondern besitzt genügend Leerstellen, um live immer wieder anders zu klingen.

Louis Jucker verwandelte seine Texte in schamanische Gesänge, legte sich mit dem Mikrofon vor die Bühne oder schrie einzelne Laute voller Inbrust in den Raum. Emilie Zoé dagegen zeigte keine Gnade mit ihren Gerätschaften und versuchte mit Tasten und Saiten im Rauschen des Kosmos neue Erlösungen zu finden – was immerzu treffend und wuchtig von Schlagzeuger Steven Doutaz unterstützt wurde. Ob „Peaches For Planes“ oder „The Dower“, hier wurde voller Verzerrung und Lautstärke die Gitarrenmusik neu erfunden.

Und wie immer waren Autisti auch ein Paradebeispiel dafür, wie wenig man die Musik mit dem eigenen Geltungsdrang und der Suche nach Perfektion verbinden muss. Diese entschlackte und experimentelle Form von Rock will niemanden bezirzen, sie kommt direkt aus dem Innern der Künstler und ist ein roher Ausdruck an Emotion und Lust. Und genau darum waren die Auftritte dieses Trios immer faszinierend und fesselnd, und genau darum tut es weh, sich vorerst davon zu trennen. Aber immerhin durfte Zofingen dies noch erleben.

Dass nicht jeder Lärm gleich toll ist, das wissen auch Twoonacouch aus Luzern. Wahrscheinlich froh, dem Getümmel der Fasnacht entfliehen zu können, gaben die jungen Mannen an diesem Freitag ihr erstes Konzert ausserhalb ihres Heimatkantons. Mit ihrem frischen Debütalbum „And I Left“ unter den Armen zeigten sie, dass Emo und Post-Hardcore auch in der Innerschweiz zu packenden Songs führen können. Lars führte mit seinem Bass und zwischen Gesang und urplötzlichem Geschrei das Trio durch intensive Songs, Nicolas versank hinter seinem Schlagzeug tief in den Rhythmen. Und wenn Lauro an seiner Gitarre dazu zauberte war schnell klar, hier steckt viel Talent und Potential drin! Das eine endet, etwas Neues beginnt – so dreht sich die Musikwelt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Cry Electric – Synapses (2017)

Wer braucht schon Bühnen zwischen den Pyramiden, millionenschwere Filme oder eine Laserharfe um mitreissende Musik zu produzieren? Cry Electric aus dem Aargau geht nämlich mit seinen Tracks einen ähnlichen Weg wie Jean-Michel Jarre oder Vangelis, verfällt dabei aber nie dem Grössenwahn oder der blendenden Esoterik. Viel mehr ist seine Musik eine Verneigung vor Synthie-Grosstaten und ein buntes Spielfeld voller offener Grenzen. Das zeigt sich auch seinem dritten Album „Synapses“, welche zugleich ins All wie auch in die innersten Atome des eigenen Körpers entführt.

Aber genau dies war ja immer die Stärke der elektronischen Musik, das adaptive Wirken. In Tracks wie dem Titelstück oder „Shadows With No Dreams“ gleitet man zugleich durch die kleinsten Bausteine des Lebens, wie zwischen Pulsaren und schwarzen Löchern umher. Der Musiker Cristoforo Campa, geboren im Kanton Zürich, nutzt diese Bilder als Cry Electric um treibende Lieder zwischen Ambient, Dance und Electronica zu schreiben. Kompositionen wie „Impacting The Dream Of Living“ fühlen sich immer leicht und luftig an, die Beats schlängeln sich zwischen den Sequencern geschickt durch.

„Synapses“ findet dabei immer den Ausgleich zwischen tanzbaren Momenten und schwelgerischen Klangfabrikationen und Cry Electric lässt seine langjährige Erfahrung überall durchscheinen. Diese Scheibe ist somit die perfekte Alternative für alle Leute, welche von den grössen des Genres zu oft enttäuscht wurden und gerne in den klassischen Gebieten der Electronica schwelgen und sich in Flächen betten lassen.

Anspieltipps:
Shadows With No Dreams, Impacting The Dream Of Living, Synapses

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ester Poly – Pique Dame (2017)

„Slutwalk“ räumt gleich einmal auf mit der Doppelmoral und dem überheblichen Getue gewisser männlicher Figuren. Somit ist von Anfang an klar, dass es hier nicht um liebliche Folgsamkeit sondern lärmige Positionsbestimmung geht – egal wie viele Experimente und Explosionen dazu nötig sind. Und Ester Poly wagen echt vieles auf ihrem ersten Album „Pique Dame“, wirklich verorten und definieren lässt sich ihre Musik nämlich nicht. Fest steht aber, dass dieses Duo (Martina Berther am Bass, Béatrice Graf am Schlagzeug) genau so lustvoll die Stilrichtungen mischt, wie frei improvisiert.

Seit 2013 musizieren die beiden Frauen zusammen und haben es nun endlich geschafft, als Ester Poly eine Platte zu veröffentlichen. Und was man darauf hören kann greift von Jazz-Rhythmen über scheppernde Punk-Bässe bis hin zu politisch und gesellschaftlich aktivistischen Texten. „La Vie En Rose“ ist eine perkussive Meditation, „Big Bang“ eine psychedelische Steigerung. Was jedes Lied auf „Pique Dame“ verbindet ist die raue und unverblümte Produktion, alles scheppert und kratzt. Schnell fühlt sich die Musik also so an, wie da Covermotiv daherkommt: Leicht absurd und mit gewisser Verletzungsgefahr.

Es ist nicht so leicht, aus dem Untergrund an die Masse zu gelangen, ohne sich selbst und seine Musik zu verleugnen. Ester Poly habe mit ihrem Debüt aber die Gratwanderung geschafft und zeigen hier Lieder, die wild und verständlich zugleich auftreten. Dank langjähriger Erfahrung und viel Talent gelingt es dem Duo aus Chur und Genf, auch merkwürdigste Anwandlungen greifbar zu machen und in lauten Momenten wie „The Rise Of The Witches“ zu brillieren. Für alle die sich immer wieder gerne überraschen lassen, ist „Pique Dame“ eine schier unendliche Fundgrube.

Anspieltipps:
Slutwalk, La Vie En Rose, The Rise Of The Witches

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.