Autor: Michael Bohli

Bohli blogt über Musik. Plattenkritiken, Konzertberichte, Gedanken zu aktuellen Geschehnisse und Wiedergabelisten. Alles aus der Welt der schönen Klänge, ganz subjektiv gefiltert. Ergänzt werden die Beiträge mit Berichten über Comics, Film & TV sowie Bücher. Gestartet im März 2014 ist das Projekt frisch und wird laufend ausgebaut. Neu erscheinen unregelmässig Interviews mit Bands und Künstler, Reiseberichte und meine persönlichen Lieblingsalben. Geplant: Portraits von Plattenläden, Clubs.

Editors – Violence (2018)

Sind Editors dem Fluch verfallen, den auch Coldplay nicht abwimmeln konnten? Denn was die Gruppe um den charismatischen Frontmann Tom Smith mit ihren ersten beiden Alben erschuf, ist auch heute noch faszinierend düsterer Indie-Rock – und dann kam die Elektronik. Die Band tauschte die Gitarren gegen Synthies und zog in die Disco ein. Nicht sofort, sondernd schleichend und dann doch immer stärker am Pop orientiert. Nach einigen Unsicherheiten (welche auch das letzte Album „In Dream“ nicht ausbügeln konnte, sondern sich eher ideenlos zeigte) und Veränderungen in der Besetzung scheint nun aber alles gefestigt, „Violence“ ist da.

Doch leider muss gleich gesagt werden, dass Editors auch auf ihrem sechsten Album es nicht mehr geschafft haben, einen kohärenten Spannungsbogen zu kreieren. Man findet hart pochende Beats neben grossen Synthieflächen, Gitarren und sehnsüchtigen Gesang neben alles erhellendem Licht. All dies wird zu Songs vermengt, die zwischen Hit-Single und zerbrochenem Clubtrack pendeln – ohne sich wirklich entscheiden zu können. Klar, der Titelsong ist wunderbar tanzbar, „Magazine“ umgarnt mit einem Band-typischen Refrain und extremer Gestik und „Belong“ zeigt die Melancholie mit Druck. Doch nichts überzeugt vollends.

Viele Stücke wirken eher wie in einem Zufallsgenerator hergestellt, garniert mit allen geliebten Merkmalen der Editors. Im Gegensatz zum direkten Vorgänger weisst „Violence“ aber doch Songs auf, die man sofort abfeiert: „Darkness At The Door“ zitiert frech die Simple Minds und landet tief in den Achtziger, „Hallelujah (So Low)“ lässt alle Frequenzen übersteuern und ist reine Klanggewalt. Hier spürt man die immerwährende Anspannung, welche hinter dem Zucker und den zu hübschen Liedern lauert – doch leider wird alles gleich wieder in die Schranken verwiesen. „Violence“ ist somit eine Steigerung, zeigt aber auch, dass Editors zu gross für wagemutige Versuche geworden sind.

Anspieltipps:
Hallelujah (So Low), Darkness At The Door, Counting Spooks

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Deathwhite – For A Black Tomorrow (2018)

“The Grace Of God” ist schon fast so frech bei den Vorbildern von Deathwhite geklaut, dass man etwas auf die falsche Fährte gelockt wird. Denn ja, dieses Lied klingt wie eine Mischung aus dem destruktiven Metal von Katatonia und dem sehnsüchtigen Art-Rock von Anathema, aber die Gruppe aus Amerika kann mehr als nur kopieren. “For A Black Tomorrow” färbt nicht nur unsere Stimmung dunkel ein, es ist auch ein Metal-Album voller depressiven Melodien und harten Riffs – aber manchmal mit etwas zu wenig Zugkraft.

Deathwhite existieren seit 2012 und bis heute weiss man nicht, wer eigentlich hinter den Instrumenten steht. Das spielt aber auch keine Rolle, zählt schliesslich das Resultat. Und das kann sich auf diesem ersten Album hören lassen, greifen Lieder wie “Death And The Master” oder “Eden” tief in die Trickkiste von melancholischem Dark-Metal. Mehrschichtige Gitarren, immerzu treibendes Schlagzeug, emotionaler und mitreissender Gesang – was Paradise Lost oder oben erwähnte Bands können, das gelingt auch hier.

Über die gesamte Spielzeit aber fehlt mir etwas die Abwechslung. Nicht alle Songs wirken so hypnotisch und fesselnd, wie sie von Deathwhite angedacht wurden. Handwerklich kann man den Musikern nichts vorwerfen, hier sitzen alle Rhythmen und Töne, inklusive dem satten Gesamtbild – doch zu oft denkt man an die Grosswerke der Genre-Legenden und vermisst hier etwas den Wagemut und die Innovation. Schwarz ist das Morgen trotzdem.

Anspieltipps:
The Grace Of The Dark, Eden, Death And The Master

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jonathan Wilson – Rare Birds (2018)

Als „Fanfare“ 2013 erschien, da wurde die Welt auf einen Schlag extrem viel schöner. Das Album von Jonathan Wilson war nicht nur eine fantastisch komponierte Verneigung vor jeglichen Rockarten der Sechziger und Siebziger, sondern voller wunderschöner Melodien und beeindruckender Energie. Mit „Rare Birds“ erscheint nun endlich der vollwertige Nachfolger – und macht einiges anders. Denn obwohl der amerikanische Musiker immer noch mit seinen gleichen Markenzeichen spielt, werden hier neue Quelle angezapft. Dass man also nun plötzlich Fleetwood Mac oder viel Bruce Springsteen aus den Songs heraushört, sollte nicht verwundern.

Jonathan Wilson hat hier nicht nur eine Platte geschaffen, die extrem gefühlsvoll, empathisch und in den richtigen Momenten abdriftend daherkommt, es ist ein Wundertopf voller Folk, Singer-Songwriter, verzerrtem Hard Rock und schwelgerischem Pop. Das Klangbild orientiert sich in Songs wie „Over The Midnight“ zwar eher bei klinischen Taten der Achtziger als dem Staub von Kalifornien, verliert aber nichts vom Reiz. Gerade Stücke wie „There’s A Light“, dass mit Orgel, Chorgesang und Klavier direkt im Tempel vom Boss landet, oder der Titelsong, der sich relativ reduziert in den Nachthimmel schraubt, beweisen die perfekte Mutation des Sounds. Alles was Wilson anfasst wird zu Gold, auch hier.

So ist auch das lange und sehr schwelgerische „Loving You“ einfach nur zu Tränen rührend schön, „Hard To Get Over“ direkt und im richtigen Moment wild, „Sunset Blvd“ hinreissend verträumt – „Rare Birds“ ist genauso vielfältig wie genial. Jonathan Wilson ist zur Zeit also nicht nur als Gitarrist bei der Us + Them-Tour von Roger Waters zu loben, sondern als Solokünstler eine fast unerreichbare Klasse. Und diese Platte sollte in jedem Haushalt stehen, in dem immer wieder gerne mal eine Rock-Scheibe aufgelegt wird.

Anspieltipps:
Me, Loving You, Hard To Get Over

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ausstellung: Montreux Jazz im Landesmuseum (2018)

© Schweizerisches Nationalmuseum

Montreux Jazz seit 1967
19. Januar bis 21. Mai 2018
Landesmuseum, Zürich

Ist es frech zu behaupten, wer sich auch nur ein wenig für Musik, Bands und Konzerte interessiert, der müsse mindestens einmal im Leben in Montreux am Jazz Festival gewesen sein? Ich denke nicht, denn die Veranstaltung existiert nicht nur seit 1967, sondern gilt auch weltweit als wichtig und ist jedes Jahr wieder ein Garant für fantastische Bands, grossartige Stimmung und viele Neuentdeckungen. Höchste Zeit also, gibt es nach 50 Jahren Erfolgsgeschichte nun eine rückschauende Ausstellung im Zürcher Landesmuseum, in der man nicht nur die Magie erspüren darf, sondern auch hinter die Kulissen blicken kann.

Denn das Herzstück der noch bis Ende Mai laufenden Schau sind die Auszüge der Sammlung des 2013 verstorbenen Festvialgründers und Lebemanns Claude Nobs. Er war nicht nur ein Unternehmergeist mit viel menschlicher Nähe, ein Musiknarr mit unendlicher Anzahl von Kontakten und gelernter Koch – er war auch Sammler von allen möglichen Dingen, Geniesser seiner Modelleisenbahn und Chronist der Musikgeschichte. So findet man zwischen persönlichen Fotografien, Briefen und Gadgets, Lokomotiven und ausgeflippten Kleidungsstücken auch ein paar Film- und Audiobänder, die das Archiv des Montreux Jazz Festivals repräsentieren.

Seit der ersten Ausgabe wird an diesem Festival jedes Konzert in Bild und Ton ausgezeichnet und für die Nachwelt konserviert. Das hat nicht nur die UNESCO bewogen, dieses Archiv 2013 ins Dokumentenerbe aufzunehmen; auch im Landesmuseum erhält man die Chance, zwischen Genres und Zeiten hin und her zu wechseln. Ob auf grosser Leinwand inmitten der Ausstellung oder an kleinen Terminals mit Kopfhörern – hier gibt es Perlen und Klassiker zum Nachholen oder erneuten Geniessen. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, ist der geschichtliche Abriss der Ausstellung eher knapp gehalten.

Viel eher geht es bei „Montreux Jazz seit 1967“ um das Gefühl, die Stimmung und Herrn Nobs. Es ist die Präsentation eines wahren Musiktempels, eine Einladung für alle Liebhaber und Interessierten und eine wunderbare Möglichkeit, eines der bedeutendsten Schweizer Kulturereignisse aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Die Anekdote zu „Smoke On The Water“ von Deep Purple muss in diesem Bericht nicht mehr als Lockmittel erwähnt werden, oder?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Fever Ray, Volkshaus Zürich, 18-02-24

Fever Ray
Support: Tami T
Samstag 24. Februar 2018
Volkshaus, Zürich

Es war schon fast eine etwas zu grosse Ehre, Fever Ray an diesem Samstag in Zürich erleben zu dürfen. Nicht nur zeigte sich die schwedische Künstlerin nach langen Jahren endlich wieder auf der Bühne, sondern brachte auch gleich ihr neustes Album „Plunge“ mit – welches einen Tag vor diesem Auftritt erschien. Die Lieder hatten also immer noch den Glanz der kleinen Geheimnisse. Verstärkt durch die toll durchgeplante Show wirkte somit alles sehr frisch und aufregend. Doch alles andere hätte uns bei Karin Elisabeth Dreijer auch nur erstaunt.

Mit einer rein weiblichen Band und einem perfekt durchgeplanten Gesamtkonzept eroberte die ehemalige Frontfrau von The Knife nämlich nicht nur das Volkshaus, sondern auch unsere Köpfe und Herzen. Das Bühnenbild zeigte sich mit neonfarbenen Lichtern, Lasereffekten und Strobo wie ein heruntergekommenes Festival aus der Welt von Blade Runner, Fever Ray und ihre Partnerinnen traten in bunten und absurden Kostümen auf. Diese Verkleidungen dienten aber nicht nur zur Unterhaltung, sondern widerspiegelten die Klischees und Vorurteile der patriarchischen Gesellschaft.

Denn auch wenn neue Lieder wie „IDK About You“ oder „To The Moon And Back“ eher wie leicht durchgeknallter Pop klingen, geht es hier um Gleichberechtigung, Emanzipation und Toleranz. Fever Ray ist deswegen nicht nur in den Kennerkreisen der experimentellen Electronica beliebt, sondern sorgt auch in der LGBT-Gemeinschaft immer wieder für Jubel und Furore. Und genau dies war auch die Kernaussage an diesem Samstag: Seid offen, seid menschlich und gebt der Liebe eine Chance. Unterstrichen mit harten Bässen, dreistimmigem Gesang, wilder Perkussion und schrägen Synths – da wurde sogar der eher düstere Track „If I Had A Heart“ zu einem schillernden Stern.

Beruhigend war auch zu sehen, wie bunt und ideenreich eine Welt aussieht, in der Frauen das Zepter übernommen haben und Musik wie auch Auftreten ohne Geltungszwänge und Egozentrik ausleben dürfen. „I’m Not Done“ singt sie in der zweiten Hälfte des Konzertes und lässt unser Herz mit solchen Aussagen freudig hüpfen – denn solche Künstlerinnen brauchen wir noch lange. Und Verstärkung fand Fever Ray an diesem Abend durch ihre Produzentin und Songbastlerin Tami T aus Göteborg.

Seit Jahren in der Szene der Pop und des Dance aktiv, zeigte die momentan in Berlin sesshafte Künstlerin ihre polyphonen, direkten und immerzu sexuell aufgeladenen Perspektiven auf unsere Welt. Mit einem zwischen den Beinen platzierten Trigger-Stock, frechen Texten und viel Vocoder heizte Tami T gleich von Beginn an ein und liess die Leute ausgelassen tanzen. Irgendwo zwischen EDM, Pop und Techno – so bunt und vielfältig wie die deutsche Hauptstadt, so ehrlich wie nötig. Die Nacht war so vielleicht nicht immer genormt und leicht zu verdauen, aber immer wahrhaftig und existenziell.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Highly Suspect, Dynamo Zürich, 18-02-23

Highly Suspect
Support: Welles
Freitag 23. Februar 2018
Dynamo, Zürich

Gross war die Vorfreude, denn endlich zeigte sich das amerikanische Trio Highly Suspect auf einer Bühne in der Schweiz. Dass dafür gleich das Dynamo bis zur hintersten Ecke mit neugierigen Leuten gefüllt war, überraschte nicht, denn diese Rock-Gruppe sorgt seit wenigen Jahren auf der ganzen Welt für Furore. Spätestens mit ihrem zweiten Album „The Boy Who Died Wolf“, welches 2016 erschien und eine Grammy-Nomitation einsteckte, war klar: Die Gitarrenmusik ist auch für jüngere Fans wieder interessanter geworden. Leider aber wurde die Premiere in Zürich eine grosse Panne.

Mit Ankündigung und Einlaufmusik nahmen Highly Suspect ihre Plätze hinter den Instrumenten ein und stürzten sich auch gleich mit viel Eifer und Energie in ihre Songs. Gitarre und Bass kreuzten ihre Riff-Klingen, das Schlagzeug überrollte die bereits jetzt ausgiebig tobende Masse. Doch schnell war klar: Frontmann Johnny Stevens klang nicht, wie er sollte – und schnell kam auch die Klärung: Es plage ihn eine Grippe, aber er versuche trotzdem, das Konzert durchzustehen. Immerhin begründete dies seine knallige Mütze und den dicken Pullover.

Dick war auch die Ausgelassenheit, die sich im Saal des Dynamo breit machte. Fliegende Biere, ausgestreckte Fäuste und frenetischer Jubel: Die Zuschauer waren froh, Highly Suspect endlich in echt begegnen zu können. Kein Wunder, sind die drei Mannen doch wirklich starke Musiker, welche mit ihren Songs den perfekten Mittelweg zwischen eingängigem Rock der Nullerjahre und wuchtigen Einflüssen aus Punk und Heavy Rock finden. Im eigentlichen Sinne ist dies zwar nichts Neues und musste nicht jeden abholen, zauberte aber auch an diesem Freitag in viele Gesichter ein grosses Lachen.

Doch dann nach wenigen Songs der Schock: Johnny Stevens kann nicht mehr singen, die Band gibt nach ein paar schnell dazwischen gepackten Hits auf. Verständlicherweise machte sich sehr schnell Unmut im Saal breit und viele Anwesende konnten nicht glauben, dass das Vergnügen so abrupt ein Ende fand. Wieso hat die Band den Gig nicht abgesagt? Wieso mussten alle den vollen Preis für ein paar kümmerliche Minuten Musik zahlen? So sollte man nicht mit seinen Fans umgehen. Andererseits ist es auch verständlich, wollte das Trio in der Schweiz trotzdem das Bestmögliche bieten.

Welles mit seinen Musikern hatte da mehr Glück. Als Vorband konnten sie bereits viel Applaus und Freudenschreie einheimsen. Grunge funktioniert eben auch heute noch, und die lakonische Art, über Probleme und die Welt zu singen, klappte auch im Dynamo perfekt. Der Amerikaner führte durch dissonante Gitarren, leichten Rock’n’Roll und etwas schleppende Balladen – immer mit gewisser Freche und genügend Druck. Dass dieser schon bald ins Minus fallen würde, das konnte man da zum Glück noch nicht wissen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Brett – WutKitsch (2018

Gitarren können ja so modern klingen, dass sich ein klassisches Hard-Rock-Riff plötzlich von allen anderen Sounds abhebt und die gesamte Wirkung einer Gruppe verändert. Gut zu beobachten ist dies bei Muse oder Nothing More — und mit Brett gesellt sich nun ein Quartett aus Deutschland zu dieser Aufzählung, das Rock wirklich frisch angeht. Mit selbst gebautem Verstärker werden dabei nicht nur die Frequenzen der Saiten verschoben, sondern auch die Intensität und Wucht auf „WutKitsch“ festgehalten. Live oder nicht, diese Songs springen direkt in dein Zimmer und lassen dort allen Emotionen freien Lauf.

Brett war es wichtig mit ihrem ersten Album zu zeigen, dass Rock auch direkte Gefühle verträgt und man dies als Musiker ohne Angst offen zeigen kann. Sei es mit den Melodien, dem Ausdruck oder den Texten — alles zielt auf „WutKitsch“ auf die maximale Wirkung. Und was der Name schon ankündigt, das zieht sich dann auch durch alle Songs: Hier wird es laut und direkt, man steht für etwas ein und ist zugleich aber auch liebevoll und zugänglich. Lieder wie „Dein Autotune“ spielen mit den technischen Mitteln und zieren sich nicht vor elektronischer Veredelung, „Wir (Für Giti)“ zeigt sich verletzlich reduziert.

Wirklich reizvoll sind Brett aber immer dann, wenn sie ihren Rock mit gewissen Ideen des Nu Metal oder Crossover aufpeppen und einfach wild loslegen. „Ein schöner Tag“ hat extrem Tempo und ein Mitsingrefrain, Medizinmann lockt mit gewaltigem Bass und viel Groove. Ob sie nun die Attitüde des Vintage Rock klauen, oder voll direkt im Heute stehen — immer wird mit klarer Aussage zu Liebe, Kultur oder Lebenssinn hantiert. Dank der deutschen Sprache und der grossartigen Riff-Dichte, wird man von der wirklich gelungenen Musik und den klaren Texten schnell in den Kosmos der Jungs gezogen. Brett — der Name passt wirklich.

Anspieltipps:
Dein Autotune, Das mit dem Hund tut mir leid, Dein Prophet

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

This Is Where – This Is Where (2018)

Man nehme Musiker von den donnernden Swans und den düstereen Bee And Flower, mische diese einmal kräftig in der Pfanne und erhalte — keine brachiale Gitarrenmusik! This Is Where, das neue Projekt von Algis Kizys, Norman Westberg und Lynn Wright gibt sich lieber den besinnlichen Drones und den angenehmen Ambientwirkungen hin. Mit zwei Gitarristen und einem Basisten ausgestattet, hat sich das Trio nach einer ersten Veröffentlichung 2016 nun zusammengesetzt, um vier lange Kompositionen unter dem Namen „This Is Where“ aufzunehmen.

Dabei ergänzen sich Covermotiv und klangliches Spektrum sehr gut, wabern Momente wie „1-6:0“ oder „2:2-7“ sanft und oft auch unscheinbar umher. This Is Where geniessen die leisen Frequenzveränderungen und spielen immer wieder schleichend neue Melodienfetzen ein. Algis Kizys legt mit seinem Bass eine Landschaft, auf der die Saitentänze von Westberg und Wright einen perfekt Untergrund erhalten und sich so alles gemeinsam wie warmer Nebel erhebt. „4:5“ zerreisst für einen kurzen Augenblick diese Idylle mit Rückkopplungen und Lärm, betört aber vor allem auch mit den Flächen im Hintergrund.

Allgemein ist die Musik von This Is Where überraschend tiefgehend. Für jede klar aufgenommene Spur gibt es schummrige Resonanzen, welche fast unhörbar die Stücke übernehmen. Und wenn „3:4-5“ am Ende dann wie ein grosser Schatten in die luftigen Höhen aufsteigt, dann folgt man dieser Verheissung mehr als gerne und lässt sich von der bestehenden Form ohne Angst in etwas neues transformieren. All dies, ohne sich jemals bedroht zu fühlen.

Anspieltipps:
2:2-7, 4:5, 3:4-5

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Schlammpeitziger – Damenbartblick auf Pregnant Hill (2018)

Wenn sich die Melodienflötisten durch den Taktgarten schwadronieren, dann hüpft das Jammerloch von Seite zu Seite. Immer leicht betrunkenspielend und nie ganz Volldenker, doch dieser „Damenbartblick auf Pregnant Hill“ öffnet neue Horizontvorhänge. Und so ist es auch nicht ganz leicht, diese Tanzverquerungen und Synapsenstreichler festzuhalten. Ihre Extremitäten sind zwar nicht glitschig, aber schneller als die Augen – oder blendet bloss wieder das Randlicht? Wie auch immer, Schlammpeitziger packt auf seiner neusten Rundung das Kraut an der Wurzel und oszilliert seine Gerätschaften zwischen digitalem Abbau und analoger Hochkonjunktur.

Bereits mit den Namensgebungen wird man alleine in das Beerenfeld gestellt: „Smooth Motion Kaukraut“, „Wasserstopf“ oder „Bock Bounceburg“ – Nomen est Omen und Schlammpeitziger nimmt die Buchstaben vor seinen Augen und legt sie auf die Notenblätter. Da hilft auch keine locker angeschlagene Gitarre, denn Keyboard und Synthies fliegen schon lange am Unterbauch der holzgezimmerten Taubenschläge umher. Seit 1992 zaubert Jo Zimmermann unter dem schlammigen Namen in dem Gebiet der elektronischen Musik, und seit damals wächst sein Bekanntheitsgrad immer weiter, wie die grosse Bohnenstange im Märchen. Trotzdem kein Grund, den Schwangerschaftshügel alltäglich zu pflegen.

Viel eher sind querulante Spoken-Word-Risszeichnungen wie „Ekirlu Kong“ oder klausschulzende Gewässer wie „What I Got“ ein Ökosystem, dass weder in ein Einmachglas noch eine Resonanzkuppel passt. Kein Wunder also, spazieren hier die Gurken am Strand der Regenwasserozeane und fühlen sich dabei so frei wie noch nie. Gemütlich hopsen wir also gemeinsam durch die Electronica und finden dabei weder bekannte Strassen noch gepflegte Pisten. Aber das macht für einmal ja auch ganz zufrieden.

Anspieltipps:
Ekirlu Kong, Kandierte Jammerlochlappen, What I Got

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dedekind Cut – Tahoe (2018)

Der amerikanische Soundtüftler Fred Welton Warmsley III war als Dedekind Cut schon immer dafür bekannt, dass er seine Musik nie gleichförmig behandelte. Viel eher suchte der Künstler immer wieder neue Formen und Evolutionsstufen, landete mit seinem anfänglich kühlen und industriellen Weltbild immer mehr im organischen Ambient. Mit dem zweiten vollwertigen Album „Tahoe“ gibt es vor allem dies: Lange dahinfliessende Flächen, angenehme Verzerrungen und Akkorde, die erst in der Ewigkeit enden. Mit gleich zehn Minuten ist „Crossing Guard“ das beste Beispiel für diese Entspannung.

Allerdings hat Dedekind Cut nicht nur die Füsse hochgelagert, sondern Synthie-Geschichten mit Field Recordings und Drones zu einer ureigenen Welt kombinieret. Ob das exotisch anmutende „MMXIX“ aus der Zukunft stammt, kann niemand genau sagen, es zeugt auf jedem Fall von grosser Weitsicht und Toleranz. Wie auch das wunderschöne und emotionale Titelstück, in das man für immer eintauchen und die Zeit vergessen möchte. Allgemein ist die vierte Dimension ein wichtiger Faktor auf „Tahoe“, ob man sie nun vergisst oder als Leitfaden benutzt.

„De-Civilization“ und „Spiral“ wirken gegenübergestellt nämlich wie aus verschiedenen Epochen geborgen, als ob Dedekind Cut der Verwalter eines temporalen Archivs wäre. So ist dieses Album nie bestimmt zu verorten und passt sich scheinbar der Umgebung an, hat aber immerzu eine eigene Wirkung auf den Hörer. Und bevor man mit „Hollow Earth“ in die lärmenden Gesteinsschichten herabsteigt, ist es ganz nützlich, wenn man konzentriert Energie gesammelt hat. Denn so vernimmt man auch in den grössten Schatten auf diesem Werk die funkelnde Schönheit der elektronischen Musik.

Anspieltipps:
Tahoe, MMXIX, Hollow Earth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.