Autor: Michael Bohli

Bohli blogt über Musik. Plattenkritiken, Konzertberichte, Gedanken zu aktuellen Geschehnisse und Wiedergabelisten. Alles aus der Welt der schönen Klänge, ganz subjektiv gefiltert. Ergänzt werden die Beiträge mit Berichten über Comics, Film & TV sowie Bücher. Gestartet im März 2014 ist das Projekt frisch und wird laufend ausgebaut. Neu erscheinen unregelmässig Interviews mit Bands und Künstler, Reiseberichte und meine persönlichen Lieblingsalben. Geplant: Portraits von Plattenläden, Clubs.

Wolves In The Throne Room – Thrice Woven (2017)

Wolves In The Throne Room – Thrice Woven
Label: Artemisia, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Black Metal, Ambient

Das Vorzeichen „Black“ blieb immer bei ihrer Musik, egal ob sich die Band im Metal oder Ambient herumtrieb. Nun gibt es aber endlich ein neues Werk der Amerikaner Wolves In The Throne Room, dass eigenständig funktioniert und sich wieder von der reinen Entspannung distanziert. „Thrice Woven“ ist als sechstes Album nämlich nicht mehr an die Vorgänger gebunden, sondern nimmt sich aus den ruhigen und keifenden Welten die besten Aspekte. In vier sehr langen Kompositionen und einem Zwischenspiel werden die wunderbaren Eigenheiten der Band zu neuer Güte geführt und gefallen somit nicht nur Liebhaber.

Black Metal ist im eigentlichen Sinne keine massentaugliche oder zugängliche Stilrichtung. Mit dem extremen Schlagzeuggeprügel, lauten Geschrei und flirrenden Gitarren stellt es eher eine Abschreckung als Einladung dar. Wolves In The Throne Room haben diese Genre-Merkmale seit einigen Jahren aber soweit verändert, dass sich Lieder wie „Born From The Serpent’s Eye“ sogar mit Folk-Intros schmücken können. Gäste wie die begnadete Sängerin Anna von Hausswolff und Brummelstimme Steve von Till (Neurosis) erweitern den sprachlichen Aspekt weit über die Klischees hinaus. Und auch die Musik verliert manchmal so viel von der Aggressivität, dass man tief in flächige Klangwolken sink.

„Fires Roar In The Palace Of The Moon“ hat nicht nur einen Titel, der auch alte Romantiker zum schwärmen bringt, die Musik begleitet dies angenehm und schön. Sicherlich, Geschwindigkeit und Härte sind auch bei Wolves In The Throne Room immer wichtige Komponenten, die natürliche Seite der Musik gewinnt aber. Was die Gruppe seit 2003 somit vermengt, liefert auch dieses Jahr wieder eine Basis für mitreissende und faszinierende Lieder voller Wandel und Abwechslung.

Anspieltipps:
Born From The Serpent’s Eye, Angrboda, Fires Roar In The Palace Of The Moon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Ben Frost – The Centre Cannot Hold (2017)

Ben Frost – The Centre Cannot Hold
Label: Mute, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Experimental

Was sich Ende Juli mit der EP „Threshold Of Faith“ ankündigte, wird nun in grossem Stil ausgelebt: Ben Frost und sein Produzent Steve Albini wagen sich an unangenehme, lärmige Electronica. Verzettelte Tracks, kratzende Synthies, ausgeleierte Bänder – alles vermengt sich zu einem Album voller Eindrücke, die man so nie freiwillig machen wollte. Dass „The Centre Cannot Hold“ aber trotzdem ein vergnügliches Erlebnis darstellt, ist vor allem dem künstlerischen Einfallsreichtum des Australiers zu verdanken. Und Musik ist schliesslich immer dann am interessantesten, wenn sie bekannte Pfade verlässt.

„The Centre Cannot Hold“ wagt sich schon gar nicht in die Nähe von vertrauten Klangkonstrutionen, sondern wirkt mit Tracks wie „Entropy In Blue“ eher wie ein Schlachtschiff aus der Andromedagalaxie. Immer wieder laut werdend und gerne mit Störfrequenzen spielend, lässt Ben Frost seine Synthies hier schier auseinander brechen. Das Album ist aber nicht durchweg eine solche Belastung, sondern schweift auch in melodiöse und dem sphärischen Ambient angelehnte Momente um. „Eurydice’s Heel“ macht Vangelis stolz, „Meg Ryan Eyez“ spielt mit Leerstellen.

Es ist nicht oft der Fall, dass man sich mit Musik den Tag schön gestaltet, die gegen alle Konventionen verstösst. Wenn aber Ben Frost auf seine urtümliche Weise Noise-Experimental auf Ambient und Electro treffen lässt, dann kann man nur fasziniert zuhören. Und im Gegensatz zur bereits erschienenen EP, funktionieren hier auch Spannungsbogen und Songformat perfekt. Manchmal braucht es nur wenige Sekunden für das Ergebnis, dann wieder acht Minuten – aber immerzu landet man an einem bisher unbekannten Ziel.

Anspieltipps:
Trauma Theory, Threshold Of Faith, Entropy In Blue

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ray Wilson – Time & Distance (2017)

Ray Wilson – Time & Distance
Label: Jaggy D, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Rock

Genesis – manchmal mutet diese Koryphäe des Progressive Rock ja wie ein Fluch an, denn selten löst sich ein Musiker komplett davon. Allerdings macht es auch mehr als Sinn, bei einer karriereübergreifenden Veröffentlichung diese Phase im Wirken zu berücksichtigen. Ray Wilson war nämlich nicht nur Frontmann beim letzten Genesis-Album, sondern auch heute noch grosser Fan dieser Truppe und deren Gründer. Bei seiner langen Europatour 2016 nutzte er also die Gelegenheit, seine eigene Musik mit Klassikern von Peter Gabriel, Phil Collins, Mike + The Mechanics und deren gemeinsamen Kompositionen zu durchmischen.

„Time & Distance“ ist nun das Endprodukt dieses gross angelegten Projektes und wurde an drei Konzertabenden in Hamburg, Zoetermeer und Heerlen aufgezeichnet. Ray Wilson und seine Band stürzen sich dabei in ein ausdruckstarkes Set, dass energiereich und voller Spielfreude dargeboten wird. Wenn man bei der ersten CD gleich mit „The Dividing Line“, „Carpet Crawlers“ und „Ripples“ umgarnt wird, dann wird hier alles richtig gemacht. Wilson präsentiert sich als wandelbaren Sänger, seine Mitmusiker verfügen über eine Dynamik und Tiefe, die solche Lieder brauchen. „Mama“ wird gar wuchtiger als im Original, „In Your Eyes“ von Gabriel schwingt perfekt.

Wenn sich „Time & Distance“ auf dem zweiten Silberling auf die persönlichen Lieder von Ray Wilson konzentriert fällt auf, wie starke Rocksongs dieser Mann schreiben kann. Emotional, perfekt ausbalanciert und auch gerne lange ausufernd wie bei „Makes Me Think Of Home“ – hier versammelt sich langjährige Erfahrung. Dieses Livealbum ist somit eine tolle Entdeckungsreise durch viele Jahre und Stationen, erweitert mit tollen Ansagen und einer gut aufgelegten Band. Da fuchst es einem gleich, wenn man Wilson 2016 selber nicht gesehen hatte.

Anspieltipps:
The Dividing Line, Mama, Take It Slow, Makes Me Think Of Home

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ghostpoet – Dark Days + Canapés (2017)

Ghostpoet – Dark Days + Canapés
Label: PIAS, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Trip Hop, Electronica, Alternative

Manche Nächte zerfliessen nach ein paar Stunden, wie das Schriftbild auf dem Cover des neusten Albums von Ghostpoet. Der britische Künstler begleitet auf seinem vierten Werk „Dark Days + Canapés“ nämlich blaue und schwarze Stunden zugleich und fängt das schwebende und losgelöste Gefühl dieser Momente perfekt ein. Die musikalische Mischung aus Rap, Trip Hop und alternativem Rock gibt sich dazu aufregend und zurückhaltend zugleich, die Texte sind persönliche und emotionale Überlegungen und soziale Anprangerungen. Ein typisches Produkt aus dem modernen England also.

Da passt es auch mehr als gut, holt sich Obaro Ejimiwe Unterstützung von weiteren Namen wie Daddy G, bekannt durch seine Arbeit bei Massive Attack. „Woe Is Meee“ ist mit seiner Blues-Note und den schwingenden Gitarren auch gleich eines der grossen Highlights auf „Dark Days + Canapés“ – und erinnert perfekt an die nächtliche Stimmung von David Lynchs Kunst. Allgemein erreicht Ghostpoet mit vielen seiner Songs eine Stimmung, die klar den Beton durchzogenen Strassen Londoner Vororte zuzuordnen ist. „(We’re) Dominoes“ hadert mit diesen Zuständen, gleitet dabei leicht in die Welt eines Jamie XX.

Spannend bei Ghostpoet ist zu hören, wie sich gesprochene Texte, sanfte Beats und Rockbesetzung gegenseitig stützen und die Musik sich dadurch vielen Vorurteilen gleich entzieht. „Dark Days + Canapés“ findet damit Freunde bei Hip Hopper, düsteren Indie-Grübler und vor allem Tricky-Fans. „Freakshow“ könnte von diesem stammen, strahlt auch etwa die gleiche Melancholie und Sexiness aus. Ein Album voller Geschichte die erzählt werden mussten, verpackt in Musik, die geheimnisvoll packt.

Anspieltipps:
Many Moods At Midnight, Freakshow, Woe Is Meee

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Alazka, Kiff Aarau, 17-09-23

Alazka
Support: Imminence, Across The Atlantic
Samstag 23. September 2017
KiFF, Aarau

Zuerst müssen wir für einmal etwas klarstellen: Warum verstecken sich viele Leute hinter dieser harten Fassade, den Tattoos und den heftigen Breakdowns, mögen aber die Eingängigkeit und sozusagen den Pop genau so gut? Vielleicht sollten wir dann gewisse Bands und Genres doch nicht mehr kategorisch ablehnen, wenn man zu Covers von One Direction in den Mosh steigt und Melodien auch von Taylor Swift stammen könnten. Aber tja, gerade im Metal war dies ja schon immer schwierig. Der Abend im KiFF war trotzdem mehr als solche Fragen, allen voran dank Alazka.

Die Band aus Deutschland ist auf Tour um ihr erstes Album „Phoenix“ vorzustellen und hat auch in Aarau bewiesen, dass ihre leidenschaftliche und immer energiereiche Version von Metalcore vor allem dank den zwei Sängern perfekt aufgeht. Sauberer Gesang und wildes Geschrei wurden aufgeteilt, die Mannen an den Mikrofonen ergänzten sich so gut wie die Gitarrenriffs mit den Bassläufen. Dass die Band meistens auf elektronische Backtracks und Verstärkung verzichtete, liess die Musik ehrlicher und direkter erscheinen. Alazka hatten Spass und liessen dies das Publikum spüren. Ob springende Gäste oder lautes Mitsingen, die Musiker hatten den Raum im Griff.

Dies erreichten Imminence zuvor auch, die Schweden konnten auf langjährige Fans zählen und liessen zum ersten Mal am Abend grosse Moshpits entstehen. Ihre Musik war teilweise das härteste was man an diesem Abend hören durfte, wechselten in ihren Songs aber auch immer wieder gerne in die eingängige Seite. Auch wenn manchmal etwas der Druck fehlte, wussten die Musiker sehr gut, wie man heftige Breaks den Leuten vorlegt und die Fans in den ersten Reihen zum ausrasten bringt. Und mit dem reisserischen „This Is Goodbye“ wurde der perfekte Schlusspunkt gesetzt.

Schade konnte der Abend nicht so gut starten wie er sich entwickelte. Denn die Amerikaner Across The Atlantic stolperten teilweise über die Abmischung und kleine Ungereimtheiten und die Lieder holten die Besucher nicht ganz so stark ab, wie sie eigentlich sollten. Es ist aber immer schön zu sehen, wie frische und aufstrebende Bands mit viel Spass ein ziemlich hart umkämpftes Gebiet wie den Metalcore angehen und somit die Leute alleine durch ihre Ausstrahlung schon begeistern. So war dieser Abend nicht nur eine Reise um die Welt, sondern auch eine kurze Einführung in verschiedenste Herangehensweisen dieser doch nicht immer so krassen Version von Metal.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

The Pineapple Thief – Where We Stood (2017)

The Pineapple Thief – Where We Stood
Label: Kscope, 2017
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Prog

Der Dieb hat einen Lauf – seit Jahren schon, und je länger dieser andauert, desto besser wird das Diebesgut. Das Schöne an Bruce Soord ist ja, dass er uns alle an diesem Reichtum teilhaben lässt. Und nach den wundervollen Studioalben „All The Wars“, „Magnolia“ und „Your Wilderness“ gibt es nun das herrliche Destillat dieses Dreiecks als Livealbum. The Pineapple Thief präsentieren mit „Where We Stood“ nicht nur eine Momentaufnahme ihrer immer noch andauernden Tour, sondern auch die erste Konzert-Konserve aus Bild und Ton ihrer Karriere. Ein guter Grund, das Wohnzimmer in einen Saal zu verwandeln und klatschend die Lieder zu begrüssen.

Momente zum Feiern liefern uns die Mannen mit Perlen wie „Reaching Out“, „The Final Thing On My Mind“ oder „In Exile“ schliesslich zur Genüge. The Pineapple Thief präsentieren sich hier als versierte und gut eingespielte Liveband, wechseln geschickt zwischen knackig-kurzen Tracks und längeren Songs mit instrumental fordernden Parts. Dank Schlagzeuger Gavin Harrison erhalten viele Stellen eine weitere Tiefe, sein Spiel passt perfekt zu dieser Musik. Kein Wunder, erinnert „Where We Stood“ darum nicht nur mit dem Bandnamen auf dem Cover an Porcupine Tree.

Eine Prise harte Gitarren, wundervolle Melodien und ein Wechselspiel zwischen Saiten und Tasten – The Pineapple Thief haben ihre eigene Mischung aus schönem Art-Rock und Modern Prog perfektioniert und sich hier auf einem Höhepunkt festgehalten. Da stört es auch nicht, dass Bruce Soord manchmal an seine stimmlichen Grenzen stösst. Denn zu jeder Sekunde ist die Lust und Freude hinter der Musik und dem Auftritt zu spüren und die Platte (oder die DVD) reiht sich gelungen in die Sammlung.

Anspieltipps:
No Man’s Land, In Exile, Snowdrops

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Chelsea Wolfe – Hiss Spun (2017)

Chelsea Wolfe – Hiss Spun
Label: Sargent House, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Alternative Rock, Doom

Es scheint der Monat der düsteren Aussagen für Frauen zu sein, denn nachdem Zola Jesus sich mit „Okovi“ zurückmeldete, darf man nun auch mit Chelsea Wolfe in neue Abgründe steigen. Ihr sechstes Album ist dabei nicht nur eine Strickleiter in die Hölle, sondern auch gleich das Gesteinsmassiv, das sich um uns erhebt und die Sonne auslöscht. „Hiss Spun“ jongliert mit verrauschten und verzerrten Instrumenten, Rock der in den Doom abdriftet und Folk-Einflüsse, die wohl auch Charles Manson begeistert hätten. Dass hinter all dieser Dunkelheit und Wucht aber eine betörende Schönheit lauert ist schnell klar.

Chelsea Wolfe arbeitet zwar seit 2009 daran, das perfekte Rock-Album der Unterwelt zu erschaffen, verloren wirkt die Amerikanerin dabei aber nie. Mit ihrer reichen und vielseitigen Stimme wird jedes Ungetüm aus krachenden Gitarren und dröhnendem Bass zu einer Verlockung. Dank Beiträgen von Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age) und Aaron Turner (Isis) werden Gegenpunkte mit Testosteron gesetzt, Wolfe bleibt aber immer die Königin von „Hiss Spun“. Ob ihre Herrschaft nun brutal ausgeführt wird („Spun“ oder „Static Hum“) oder zwischen Hintergrundrauschen und Gitarre lauert („Two Spirit“), diese Scheibe packt alle.

Mit langen Highlights wie „Twin Fawn“ oder „The Culling“ umgarnt Chelsea Wolfe uns alle mit ihrem wallenden, schwarzen Kleid aus schwerer Rock-Musik und zeigt, dass Ausbruch und Verzweiflung zu sehr starker Musik führen können. „Hiss Spun“ ist eine Verarbeitung mit den immer schlimmeren Zustände auf der Welt und ein persönlicher Befreiungsschlag – voller Störfrequenzen und scharfer Zähne. Und solche Bisswunden lässt man sich jederzeit zufügen.

Anspieltipps:
Vex, Twin Fawn, Welt

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Contortionist – Clairvoyant (2017)

The Contortionist – Clairvoyant
Label: SPV, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Prog Metal, Metalcore

Seit 2009 bewegt sich die amerikanische Progressive Metal Band The Contortionist am Rande des Wahnsinns. Ihre Alben waren ambitionierte Klangtänze und waghalsige Verbunde zwischen Death Metal, Prog und extremem Wechselspiel. Seit 2014 wandelte sich die Gruppe aber und führte nicht nur neue Mitglieder ein, sondern führte ihre Songs näher an eine Beruhigung. Wie viele moderne Prog-Truppe erhielten emotionaler Gesang, grosse Melodienbögen und eingängige Passagen ab „Language“ mehr Raum. Kein Wunder also ist das vierte Album „Clairvoyant“ eine direkte Fortsetzung dieses Weges und öffnet sich noch weiter.

Dabei ist es nicht schwierig, die jammernden Stimmen der festgefahrenen Fans zu hören: Das Album ist zu wenig brutal, The Contortionist sind zu Pop! Sicherlich werden vor den neuen Liedern wie „Godspeed“ oder „Absolve“ die komplizierten Werke von Bands wie King Crimson nicht mehr erbleichen, doch mit dieser neuen Verschiebung des Songwriting wurde die Musik umso vielschichtiger und zusammengehörender. „Clairvoyant“ ist nämlich nicht nur eine Kette aus Songs, sondern ein Album, das sich einem inneren Aufbau und einer Kohärenz fügt. „Monochrome“ umrahmt mit langsamem Aufbau und Soundwucht das Werk, dazwischen fügt jedes Stück neue Erkenntnisse hinzu.

The Contortionist haben somit erreicht, was auch Bands wie Periphery oder Leprous geschafft haben: Die geniale Vermengung aus progressivem Metal mit wunderschönen Harmonien, ausdrucksreichem Gesang und einer Produktion, die jeden Takt in Hochglanz erstrahlen lässt. Dank Stücken wie „The Center“ oder „Return To Earth“ mangelt es der Platte in keinem Bereich an Etwas und die Gruppe beweist, dass hier weder Ausverkauf noch Einfallslosigkeit regiert – sondern grossartiges Musikschaffen.

Anspieltipps:
Monochrome (Passive), Clairvoyant, Return To Earth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Knife – Live At Terminal 5 (2017)

The Knife – Live At Terminal 5
Label: Rabid Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Pop, Leftfield

Beim eklektischen Duo The Knife lief immer alles in unberechenbaren Bahnen, sei es ihre Veröffentlichungen, ihre Selbstdarstellung und natürlich auch ihre Musik. Die eigenartige Mischung aus elektronischen Tanzhits, Leftfield-Experimenten und langen, gar avantgardistischen Stücken war einzigartig. Somit war es schade, als vor einigen Jahren das Aus verkündet wurde. Als Zückerchen erhält man nun aber mit drei Jahren Verspätung eine Live-Aufnahme der letzten Tour dieser Truppe. „Shaking The Habitual“ live in New York, eine schwedische Version von Kunstperformance mit klanglichem Gewicht.

Als The Knife 2013 zu ihrer zweiten und schlussendlich auch letzten Tour aufbrachen, packten sie nicht nur die Songs vom damals neusten Album „Shaking The Habitual“ in ihre Koffer, sondern eine halbe Kompanie aus Tänzern, Musikern und Darsteller. Zwischen den Menschen auf der Bühne fand man ausserirdisch anmutende und selbstgebaute Instrumente – riesige Harfen, neonfarbene Glocken. Im Verbund mit Synthies wurden so die Songs zu einem Zwischending aus Tanznummern und Performance. „Live At Terminal 5“ lässt all dies noch einmal passieren, zusätzlich zu der Musik erhält man sogar den Konzertfilm für das vollendete Vergnügen.

Sicherlich ist dies aber keine normale Musik, kein klar schubladisiertes Vergnügen. Bei The Knife ging es immer um die Gratwanderung zwischen Genie und düsterem Wahnsinn, so arten Stücke wie „Stay Out Here“ in lange Monster aus oder werden zu reinen Spoken-Word Beiträge wie „Collective Body Possum“. Alles macht aber immer Spass und bietet auch heute noch viel zu entdecken, „Live At Terminal 5“ ist also weit mehr als ein Pflaster für die immer noch offene Wunde. Und vielleicht ein Hoffnungsschimmer, dass dieses Duo doch einmal wieder zurückkehrt.

Anspieltipps:
We Share Our Mother’s Health, Full Of Fire, Stay Out Here

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Robert Forster – Grant & Ich (2017)

 

Robert Forster – Grant & Ich
Verlag: Heyne Encore, 2017
Autor: Robert Forster
Seiten: 368, Hardcover
ISBN: 978-3-453-27133-3
Link: Goodreads

Es war nie einfach für die australische Band The Go-Betweens, ihre Karriere funktionierte wie ihr Name: Irgendwie zwischendurch und nie als aufsteigende Kurve, wie bei so vielen anderen Gruppen. Heute gilt das Duo Robert Forster und Grant McLennan zwar als geschichtlich wichtig und einer der stärksten Exporte Australiens, zu Zeiten ihres Bestandes schwammen die Musiker aber nie in grossen Seen voller Ruhm und Reichtum. Ihre Kreativität und schlichte Art brachte sie aber immer wieder zusammen und trieb die Maschine hinter der Band an. Egal ob zu zweit, im Verbund mit weiteren Musikern oder als Solokünstler – Songs wie „Lee Remick“, „Streets Of Your Town“ oder „Cattle And Cane“ verloren bis heute in keinster Weise ihre Strahlkraft.

Wobei es immer unsicher war, ob diese Kleinode des alternativen Pop-Rock überhaupt das Licht der Welt erblicken können. Nachdem sich die Band 1978 gegründet hatte, folgten Jahre von mühsamer Arbeit zwischen Labelwechsel, Musikerrotationen und kleinen Tourneen. 1989 wurde für The Go-Betweens dann alles etwas zuviel, die Leute gingen getrennte Wege – zumindest bist Forster und McLennan die Band 2000 reaktivierten. Mit vollem Elan und grosser Kreativität starteten die beiden den zweiten Frühling, durch den plötzlichen Tod von Grant McLennan wurde diese Phase aber zu schnell und brutal beendet. Was bleibt sind neun Studioalben voller Musik, die nicht nur Down Under verändert haben und der Beweis, dass Songwriter-Duos immer etwas magisches anhaftet.

Diese unkonventionelle Geschichte darf man aus den Augen von Robert Forster selber erleben, der literarische Songwriter hat mit „Grand & Ich“ seine Memoiren aufgezeichnet. In leichten Worten verfolgt er chronologisch die Begegnungen und Momente, welche aus jugendlichen Träumern wichtige Komponisten machte und lässt den Leser an vielen Geschehnissen teilnehmen. Forsters Art verhindert dabei, dass man zu lange bei den unschönen Punkten hängen bleibt und die Geschichte wirkt immer wieder mystisch. Im eigentlichen Sinne ist dieses Buch auch keine tiefgehende Biografie einer Band, sondern die Erzählung einer Freundschaft.

Und so müssen, im Gegensatz zu vielen anderen Büchern über Bands, hier auch keine Skandale ausgeschlachtet werden, sondern es darf die Kreativität zweier Menschen und deren Blüten genossen werden. Das geschriebene Wort schwingt dabei so locker wie auch viele Songs von The Go-Betweens, manchmal fehlt aber etwas die direkte Hinterfragung und Konfrontation. Das Leben in dieser Band war bestimmt nicht immer einfach, dies spürt man aber wenig bei „Grant & Ich“. Für alle Freunde der etwas andersartigen Popmusik wird hier dennoch viel Unterhaltung geboten – da zeigte sich Nick Cave zu Recht begeistert.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.