Konzertberichte

Sei mitendrin statt nur live dabei.

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: U2, ArenA Amsterdam, 17-07-29 & 30

Foto von Juliana Kaldowski

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Samstag 29. Juli 2017 + Sonntag 30. Juli 2017
Amsterdam ArenA, Amsterdam

Suchen wir das Glück zum Schluss doch in Amsterdam – und wenn schon ein Doppelkonzert stattfindet, dann werden auch gleich beide Karten gekauft. Mit diesem Vorsatz machte ich mich also nach Holland auf, um meine diesjährige U2-Reise durch Europa mit alten und neuen Freunden abzuschliessen. Und wie schon in Dublin war auch in dieser Stadt schnell klar: Die meisten Touristen sind für die irische Rockband angereist. In der Stadt sah man immer wieder Band-Shirts, in den Hostels teilte man sich mit anderen Freaks die Zimmer. Doch war mein Ende der Jubiläumstour zu „The Joshua Tree“ auch musikalisch ein Erfolg?

Wie zu erwarten, gab es auch in der Amsterdam ArenA beim ersten Konzert keine grossen Überraschungen. U2 spielten ihre Setliste ohne Änderungen und zeigten sich allgemein eher zurückhaltend – der Kontakt mit dem Publikum war beschränkt. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch, auch wenn sich das Konzert wegen des geschlossenen Hallendachs etwas zu laut anhörte. Aber weiterhin war es wunderschön, Bonos stimmliche Gewalt bei „Red Hill Mining Town“ zu fühlen, von „Exit“ durchgeschüttelt zu werden und bei „Ultraviolet“ die illuminierten Ikonen, welche von den schneidenden Gitarren begleitet wurden, zu betrachten. Die Songzusammenstellung zeigte einmal mehr, dass die Iren hier wahrlich Hit an Hit reihten.

Dass ich aber nach diesem Abend zweifelte, ob es eine gute Entscheidung war, beide Konzerte zu kaufen, war unnötig. Denn wie durch eine glückliche Fügung des Universums war das Konzert am Sonntagabend nicht nur wilder, sondern bot auch den perfekten Abschluss. Endlich wurde im ersten Teil „Bad“ durch „A Sort Of Homecoming“ abgelöst, ein wunderbares Lied von „The Unforgettable Fire“, welches ich auf dieser Tour noch nicht erleben durfte. Und nach einem schweisstreibenden und extrem energetischen Auftritt liessen U2 den Abend nicht wunderbar melancholisch mit „One“ ausklingen, sondern legten einen krachenden Rocksong nach. „I Will Follow“ liess nicht nur die Arena erzittern, auch die Leute drehten noch ein letztes Mal kollektiv durch.

Kein Wunder, war ich danach wie hin und weg und musste zugeben, dass sich U2 einfach immer lohnen. Klar, als Fan zehrt man natürlich von den filigranen Unterschieden an den Konzerten – doch genau zu wissen was passiert, dies sorgte auch bei „The Joshua Tree Tour“ 2017 wieder für wunderbar kribbelnde Momente. Besser und grösser gibt es keinen Stadionrock, tiefer und intensiver bringt mich keine Band an die Emotionen. Und auch wenn vier Konzerte derselben Tour für manche wohl eher wahnsinnig erscheinen, für mich ist es ein wichtiges Lebenselixier.

Live: U2, Croke Park Dublin, 17-07-22

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Samstag 22. Juli 2017
Croke Park, Dublin

„The Boys Are Back In Town“ – dies schallt es nicht nur passend beim Einlass durch das riesige Stadion, es war seit Tagen das Motto der gesamten Stadt. Wenn der musikalisch grösste Export Irlands endlich wieder ein Konzert in der Heimatstadt Dublin spielt, dann spielen die Leute und Geschäfte verrückt. Besonders, wenn es sich um ein historisches Konzert wie das 30-jährige Jubiläum des „Joshua Tree“-Konzertes aus dem Juni 1987 handelt. Eine perfekte Gelegenheit also, U2 zu besuchen und ihre grossen Hits mit 80’000 Leuten zusammen zu singen. Doch ist dies für alle ein Grund zur euphorischen Freude?

Die Band

Michael: Es ist schon erstaunlich, dass die vier Herren von U2 seit 1976 unverändert zusammen auf der Bühne stehen und immer noch voller Kraft Konzerte bestreiten. Sicherlich, in diesen Jahrzehnten hat sich vieles verändert und nicht immer alles zum Besten – doch was diese Musiker live abliefern, das ist immer noch beachtlich. Ihr Stadion-Rock verliert auch 2017 nichts von seiner Wucht und man spürte in Dublin ganz klar die Lust am Spiel. Zwar war Sänger Bono zu Beginn etwas unkonzentriert und verlor sich etwas in den Texten, umso geschlossener beendeten die Mannen aber die Show. Natürlich war es auch für sie belebend, unter Familien und Freunden die alten Stücke zu präsentieren.

Conny: Von der Band war im Croke Park-Stadion unter 80’000 Leuten natürlich nicht viel zu sehen. Was man hörte, war aber eine energievolle Show und grosse Spielfreude. Die Band zeigte sich auch immer sehr dankbar ihrem Team gegenüber, inklusive Happy Birthday-Ständchen mit dem Publikum für drei Crewmitglieder. So nette Jungs!

Das Konzept

Michael: Dass sich U2 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres wohl wichtigsten Albums noch einmal auf eine „The Joshua Tree“-Tour aufmachen würden, das hätte die Band selber wohl am wenigsten geglaubt. Aber diese Rückbesinnung auf alte Taten ist klar aufgegangen, sind die Konzerte doch eine wunderbare Zeitreise durch die Höhepunkte der Bandgeschichte. Schon alleine der Start mit „Sunday Bloody Sunday“, „Bad“ und „Pride (In The Name Of Love)“ ist intensiver als mancher Zugabenblock älterer Shows. Und da „The Joshua Tree“ nicht nur Welthits wie „Where The Streets Have No Name“ oder „With Or Without You“ beinhaltet, sondern auch dramaturgisch toll funktioniert, war auch die Show in Dublin extrem mitreissend. Bis auf den Zugabenblock, da wechselten sich nachdenkliche Momente wie „Miss Sarajevo“ immer noch etwas zu willkürlich mit der Party bei „Elevation“ und „Vertigo“ ab.

Conny: Das Album „The Joshua Tree“ hat einen Aufbau, der sich auch gut für ein Konzert eignet. Das würde wohl nicht mit jedem Album funktionieren. Davor und danach gabs ein paar bekannte Kracher und Schnulzen. Hier fand ich die Songauswahl respektive -reihenfolge nicht immer geglückt. So folgte auf das bedrückende, mit Aufnahmen aus dem Syrien-Krieg untermalte „Miss Sarajevo“ direkt die Partynummer „Beautiful Day“ – na ja. Ansonsten wurde hier sicher eine tolle Show abgeliefert, aber die Musik bleibt mir trotzdem zu wenig interessant. Wirklich mitgerissen haben mich schlussendlich nur „Sunday Blooday Sunday“, „Bullet The Blue Sky“ und „Exit“ – hart, mit treibendem Schlagzeug und einer guten Ladung Gitarre. So muss Rock klingen!

Die Show

Michael: U2 klotzen gewaltig – und auch im Croke Park Stadion war die riesige Bühne mit dem Baum, der B-Stage im Zuschauerraum und dem unwirklichen Screen Garant für Augen- und Ohrenschmaus. Dass sich die Musiker aber nicht zwischen Technik und Show verlieren, ist ihnen hoch anzurechnen. Die Videountermalungen der Songs sind geschmackvoll, unterstützend und nie das Ziel, es gibt kein Feuerwerk und keine Clown-Eskapaden. Somit blieb aber auch das Konzert in Dublin ohne grosse Überraschungen – alleine der Moment, als vier Kampfjets über das Stadion flogen und die irische Flagge an den Himmel zeichneten, war surreal.

Conny: Aus diesem Screen könnte man ein Haus bauen! Die darauf gezeigten Videos haben immer gut zu den Songs gepasst, und immerhin hier konnte man ab und zu einen Blick auf die Band werfen. Die Jets mit ihren grün-weiss-orangen „Farb-Abwürfen“ waren vielleicht etwas übertrieben, aber für so ein Jubiläum in der Heimatstadt auch irgendwie cool.

Stimmung und Support

Michael: Klar, wie nicht anders zu erwarten war das Publikum im Croke Park von der ersten Sekunde an laut mit dabei. Bereits die Songs von Supporting-Act Noel Gallagher’s High Flying Birds wurden lauthals mitgesungen, und die Stimmen wurden auch bis zur letzten, noch unveröffentlichten Zugabe „The Little Things That Give You Away“ nicht leiser. Man tanzte, feierte U2 und ihre Lieder und war für einen Abend lang eine geschlossene Welt – „One“. Bei dieser ausgelassenen Stimmung war es auch nicht schlimm, dass sich Bono für einmal mit seinen Reden etwas zurück hielt. Viel mehr genoss man so die fantastische Gitarre von The Edge und das immer sichere und drückende Spiel von Adam und Larry umso mehr. U2 in ihrer Heimat zu sehen – das war für mich als Fan eindeutig sehr speziell und wunderschön. Ihr seid die Besten!

Conny: Was Stimmung und Support angeht, kann man den Fans wirklich nichts vormachen. Schon bei Noel Gallagher’s High Flying Birds war die Stimmung ausgelassen und fröhlich, bei U2 wurde schliesslich textsicher Zeile um Zeile mitgesungen, mitgejohlt und mitgetanzt. Die Leute gingen ab wie Zäpfchen. Beim Anblick vieler individuell bedruckter Shirts mit der persönlichen U2-Konzert-Historie wundert das auch nicht. Sowieso schien ganz Dublin voll von U2-Shirts. Lieber Bono, du und deine Band habt wirklich Fans, wie man sie sich nur wünschen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: U2, Olympiastadion Berlin, 17-07-12

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Mittwoch 12. Juli 2017
Olympiastadion, Berlin

Gibt es einen Super-Superlativ für die explodierende Gigantomanie? Denn obwohl man sich von der wohl grössten Rockband der Welt schon einiges gewohnt ist, wird jede neue Tour von U2 wieder zu einer Steigerung. Für das 30-jährige Jubiläum des immer noch hell strahlenden Albums „The Joshua Tree“ fuhren die Iren darum nicht nur den grössten Screen der Welt auf, sondern auch eine Setliste, die alle Rahmen und Emotionen sprengte. Vorhang auf, für die nasse Reise in die Vergangenheit, inmitten des Olympiastadions in Berlin.

Dass dieser Abend speziell werden würde, das spürten die 70’000 Zuschauer, welche aus vielen Ländern angereist waren, bereits beim Auftakt mit „Sunday Bloody Sunday“. Es gibt wohl praktisch keine andere Band, die ihre Show mit einem solchen Gassenhauer beginnen kann, und das Publikum sogleich auch alles gibt. Obwohl die Sicht auf die vier Musiker von U2 für den ersten Teil noch sehr beschränkt war, spielten die Herren doch inmitten der Leute auf der B-Stage, wurde bereits jetzt ausgelassen getanzt, gesungen und gejubelt. Kein Wunder, Stücke wie „New Years Day“, „Bad“ oder „Pride“ sind weltbekannte Hits und U2 haben damit den Stadion-Rock neu begründet.

Dass es bereits jetzt wieder ohne Unterbruch regnete, das störte weder die Besucher noch die Band. Man steckte seine Energie lieber in das gemeinsame Erlebnis und Bono liess Hommagen an „Singing In The Rain“ und diverse Zitate von David Bowie in die Songs einfliessen. Somit verstärkten U2 ihre Verbindung zu Berlin mit kulturellen Hinweisen und einer grossen Spiellust. Und als die Band dann auf die grosse Bühne wechselte und der Screen in roten Farben erwachte war klar, der Ritt hat erst begonnen. Denn nun startete das wahre Herzstück, die komplette und chronologische Darbietung des Werkes „The Joshua Tree“.

Es ist sicherlich dankbar, ein Werk mit Liedern wie „Where The Streets Have No Name“ oder „With Or Without You“ zu spielen – doch auch selten gespielte und noch nie zuvor erlebbare Momente wie das elegische „Red Hill Mining Town“ oder das brutal wuchtige „Exit“ rührten tief. Die Gitarren von The Edge jaulten laut auf, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton lieferten das druckvolle Gerüst. Da spielte es auch keine Rolle, dass Bono immer wieder etwas vom Drehbuch abwich und mit Snippets und spontanen Ansprachen die Lieder verlängerte. Aber genau dies gehört auch zu einer U2-Show, wie die wunderbaren Begleitbilder auf dem Screen und den politischen Bezügen.

So wurde im Zugabenteil die Aufmerksamkeit der Leute auf Syrien gewandt, mit eindrücklichen Videos und einer grossen Flagge, die über die Zuschauer getragen wurde. Und als bei „Ultravoilet“ dann mutige und wichtige Frauen auf dem Bildschirm platz einnahmen, da konnte man nur ehrfürchtig schauen und tief verbunden sein. Somit war auch das Konzert in Berlin wieder die U2-typische Mischung aus Politik, Gefühl, Spass und Grössenwahn – doch dank wunderbarer Setlist (welche nur im Zugabenteil etwas Momentum verlor), fantastischer Produktion und einer wunderbar gut aufgelegten Band wurde auch dieser Abend zu einem grossen Triumphzug.

Und das spürte man bereits, als Noel Gallagher’s High Flying Birds die Bühne bestiegen und den Abend einleiteten. Denn der ehemalige Musik von Oasis zeigte mit dem Konzert nicht nur, dass seine Musik einfach in solche Orte gehört, sondern dass auch sein Solomaterial wunderschön ist. „A.K.A What A Life“, „Everybody’s On The Run“ oder „In The Heat Of The Moment“ – das Publikum wurde fantastisch angeheizt und als „Wonderwall“ erklang, explodierte das Stadion zum ersten Mal. Und sollte sich bis tief in die Nacht nicht mehr beruhigen!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

  

Live: Max Richter und Nicolas Jaar, Montreux Jazz Festival, 17-06-30

Max Richter und Nicolas Jaar
Freitag 30. Juni 2017
Auditorium Stravinski, Montreux Jazz Festival

Das war in dieser Form noch nie zu erleben: Dass das Montreux Jazz Festival mit einem klassischen Konzert beginnt. Doch auch in seiner 51. Ausgabe weiss das zwei Wochen andauernde Fest für Musik in jeglichen Formen immer noch zu überraschen – und ein Künstler wie Max Richter gehört einfach hierhin. Der in Westdeutschland geborene englische Komponist ist seit 1994 aktiv und verzaubert die Welt immer wieder mit seinen neuen Ideen in gesetzten Genres. Bei ihm werden klassische Musik und Kammerorchester zu Spielsteinen in innovativen Umgebungen.

Für seinen ersten Auftritt in Montreux wählte Max Richter zwei Alben zur kompletten Darbietung aus und betrat mit dem 12 Ensemble die ehrwürdige Bühne des Auditorium Stravinski, um sogleich in „Recomposed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons“ einzutauchen. Das Werk ist eine Neukonstruktion der bekannten Jahreszeiten und führte das Material in die Nähe der minimalistischen Klassik. In sanftem Verbund mit Keyboard und dank der fantastischen Solistin Mari Samuelsen aus Norwegen wurden Melodien, welche man schon fast zu oft vernommen hat, zu neuen Entdeckungsmöglichkeiten und rührenden Momenten.

Richter fungierte hier vor allem als Leiter der Musiker, der tosende Applaus galt aber zu Recht auch ihm. Denn diese Neubearbeitung ist nicht nur packend und frisch, sondern emotional und überraschend. Dies galt auch für das komplette Spiel von „The Blue Notebooks“, ein Album aus dem Jahr 2004. Auf dieser Platte verarbeitete Max Richter seine Empfindungen zum damaligen Irak-Krieg und vermischte Elektronik mit Ambient und moderner Klassik. Endlich langte nun auch der Meister in die Tasten und bewies sein Genie am Klavier und dem Keyboard, The 12 Ensemble hielt in reduzierter Anzahl mit Streichern dagegen.

Ätherisch wurde dieses Konzert dank den gelesenen Textausschnitten von Franz Kafka, welche die Musik begleiteten. Kein Wunder, erreichte man als Zuschauer nach diesen zwei Stunden schon fast eine andere Sphäre und war verwundert, dass der Abend noch kein Ende fand. Nun hiess es: Mit hohem Tempo in die Gegenwart, oder besser gesagt in die abstrakte Zukunft. Das Auditorium gehörte nun dem chilenischen Produzenten Nicolas Jaar, der mit seinen Gerätschaften und Synthies den Schönklang von Streichern und Arrangements schnell vergessen liess. Viel mehr wähnte man sich in ausserirdischen Welten und neben merkwürdigen Kreaturen.

Mit langem Aufbau, experimentellen Klangkonstruktionen und einem glasklaren Sound baute Nicolas Jaar sein Set von kratzenden Einzeltönen zu dröhnenden Beats mit Gesang auf. Was zuerst an Amon Tobin erinnerte, war am Ende eine Feier der IDM und des Techno mit Sexappeal und verzerrtem Saxophon. Da passte es, dass sein Konzert bis tief in die Nacht dauerte und dank grossartiger Lichtuntermalung die Sinne langsam im Nebel versinken liess.

Und was sich auf Papier zuerst wie eine zu gewagte und etwas unschlüssige Kombination liest, war in Wirklichkeit ein bewegendes und immerzu grossartiges Erlebnis. Max Richter und Nicolas Jaar arbeiten nicht nur beide mit neuen Herangehensweisen an bekannte Genres, sondern haben zu zweit innerhalb weniger Stunden den grossen Kreis des Programms des Montreux Jazz Festival geschlossen. Tief in das musikalische Erbe zurückgreifend und gleichzeitig weit in die Zukunft schauend – so wird Geschichte untermalt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Thurston Moore Group, Bogen F Zürich, 17-06-28

Thurston Moore Group
Support: Ultra Eczema
Mittwoch 28. Juni 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Kann man die Qualität eines Abends bereits vor Konzertbeginn an den vorhandenen Bandshirts ablesen? Wenn ja, dann versprachen Aufdrucke von dEUS, Wilco, New Model Army und Konsorten im Bogen F in Zürich eindeutig nicht zu viel. Denn der Mittwochabend wurde zu einem entspannten Genuss für Gitarrenliebhaber und Feedbackverzehrer – die Thurston Moore Group zeigte sich in Zürich. Wer sich jetzt nun am Kopf kratzt, ja genau, der immer noch sehr jung aussehende Herr am Mikrofon war früher bei Sonic Youth – doch keine Angst, aus deren Vergangenheit gab es nichts zerstörerisches zu hören.

Viel mehr stand der Abend ganz im Zeichen des neuen Albums „Rock n Roll Consciousness“, welches gleich mit sechs Darbietungen geehrt wurde. Wer Thurston Moore kennt der weiss, dies bedeutet trotzdem lange Stücke, schwitzende Verstärkertürme und ein lakonisches Auftrittsverhalten. Auf wenige Danksagungen beschränkt, spielte sich die Band durch ihr Set und blieb gerne etwas unantastbar. Obwohl, am besten funktionierten die wellenartig aufbrausenden Stücke wie „Cease Fire“ oder „Smoke Of Dreams“ eh mit geschlossenen Augen. Aus wild geschrammelten Einstiege wurden zerbrechliche Melodien, nur um immer wieder in Lärm und Hypnose zu versinken.

Was im eigentlichen Herzen sanfte Folk-Hits wären, wurden hier mit harten Riffs und starker Dissonanz bekämpft. Kein Wunder, erinnert die Musik von Thurston Moore immer wieder etwas an Neil Young – denn wie auch die Legende aus Kanada, lässt der Amerikaner seine Stücke gerne kontrolliert aus dem Ruder laufen. Oder gleich das Schlagzeug einen ganzen Song lang gegen Lieblichkeit in die Schlacht zu schicken, wie bei dem treibenden „Cusp“. Es war somit nicht mehr der jugendliche Ungestühm, aber auch bei weitem kein alterschwaches Herumklimpern. Die Thurston Moore Group brachte die genau richtige Mischung aus Feedback, krummen Strukturen und schönen Melodien.

Das war für 15 Minuten vor diesem Auftritt noch völlig anders, denn Ultra Eczema sass als Support für eine Viertelstunde auf der Bühne des Kulturviaduktes und verwirrte mit verzerrtem Geschrei, Urlaute und kratzende Effekte. Genüsslich Rotwein trinkend, an Knöpfen drehend und kunstvoll Kunst machen – wirklich einzuordnen war dieses Experiment nicht. Doch auch Thurston begann schliesslich in den sonischen Abgründen, somit schloss sich der Kreis.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Wasteland Fest, Stadionbrache Hardturm Zürich, 17-06-24

Wasteland Fest
Bands: Dead Lord, The Monsters, Gloria Volt, Giant Sleep, Sexy, King Zebra, Joules, Bruno, The Monofones
Stadionbrache Hardturm, Zürich
Samstag 24. Juni 2017

Was gibt es schöneres, als die Brache von einem ehemalig wichtigen Gebäude dazu zu nutzen, um alternative Kultur aufleben zu lassen? Erstmalig durfte man diesen Juni nämlich auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich vergessen, für was diese harten Asphaltböden eigentlich gedacht sind, und ohne Hemmungen Luftgitarre spielen. Das Wasteland Fest öffnete seine Tore und lud ein zu Hard Rock, Pogo, kühlem Bier und leckerem Essen. Für einen Tag eroberten die Headbanger das Areal!

Glücklicherweise schaute die Sonne dem Treiben meist durch kleinere Wolken zu und verschonte alle Besucher einigermassen vor Sonnenbrand – und das schützende Zirkuszelt bei der Bühne tat den Rest. So wagte man sich bereits bei der ersten Band Joules aus Zürich vor die Lautsprecher und schaute der Truppe auf die Finger. Deren Stoner Rock war so staubig wie die Umgebung und endete in psychedelischen Affären. Davon liessen King Zebra lieber die Finger, machten aber sonst alles wie in den guten alten Zeiten des Glam Rock – und ehrten sogar Neil Young.

Ab diesem Punkt übernahm der harte Rock’n’Roll das Fest komplett und sogar der Aargau liess sich dazu hinreissen, alle Rockposen aus dem Lehrbuch perfekt an das Wasteland Fest zu übertragen. Sexy aus Zofingen zeigten nicht nur ihre Oberkörper, sondern auch ihren leidenschaftlichen Umgang mit den Instrumenten – da blieb keiner trocken. Gut, dass man sich bei den wuchtigen und langen Stücken von Giant Sleep etwas erholen konnte. Der Stoner-Post-Rock rüttelte an den Zeltstangen und liess die Steine am Boden erzittern.

Perfekt für Gloria Volt, um alle Überlebenden mit ihrem biergetränkten Hard Rock noch einmal kräftig durchzuschütteln. Die Winterthurer wurden mit jedem Song etwas zügelloser und das Publikum dankte ihnen mit lautem Gesang, wilden Tänzen und Crowdsurfer. Plötzlich vergassen alle, das man eigentlich lieber gemütlich im Schatten liegen möchte. Ein solcher Auftritt weckte bei allen ungeahnte Kräfte. Und das war auch nötig, zeigten die Berner The Monsters mit ihrem Hardcore Punk Trash schliesslich, dass alle anderen Bands doch in den Kindergarten gehören.

Unter ihrem schönen Kitteln lauerte unbezwingbare Zerstörungswut und zwei Schlagzeuger klopften alles klein. Dass nach einer solchen Darbietung die Leute immer noch nicht genug hatten, sprach eindeutig für die Organisation des Wasteland Fest. Mit viel Leidenschaft und Liebe wurde aus diesem spröden Areal ein Tummelfeld für Fans, Freaks und Familien – und alle versammelten sich friedlich, um die Gitarrenmusik zu zelebrieren. Da war es verdient, gab es mit Dead Lord eine Belohnung aus Schweden, die mit ihrem kraftvollen und gerne auch düsteren Hard Rock alle glückseelig stimmten.

Nun hatte sich auch die Sonne verabschiedet und das Fest liess sich bunt erleuchten und endete mit einem Höhepunkt. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass die besten und schönsten Festivals eben doch die kleinen sind. Falls sich dieses Treffen also einmal wiederholen wird, ich bin bestimmt wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Fête Royal, Royal Baden, 17-05-26

Fête Royal
Bands: Egopusher, Faber, Autisti
Freitag 26. Mai 2017
Royal, Baden

Welch Wonne dieser Anblick, ein altes Kino voller freudiger Menschen, eine Bühne voller talentierter Künstler und ein Zusammensein für alle Altersklassen – und dieser wunderbare Kulturort soll Ende Jahr zum Baubüro umgenutzt werden? Politik und Wirtschaft geben sich manchmal schon der puren Idiotie hin, nur um die Kontozahlen hoch zu halten. Umso wichtiger war es, dass der diesjährige Saisonabschluss im Royal in Baden richtig kräftig gefeiert wurde. Dank einem grossartigen Programm und ausverkauftem Haus war dies am ersten Abend auch überhaupt kein Problem.

Denn schon früh füllten sich die Ränge und Tanzflächen im ehrwürdigen Gebäude, und vor dem Haus wurde angestanden und fröhlich geplaudert. Hoffentlich nicht zu lange, denn wer die erste Band verpasst hat, der wird nie wissen, wie sich ein Wirbelsturm anfühlt. Autisti aus der Westschweiz sind nicht nur die neue Gruppe von Louis Jucker und Emilie Zoé, sondern auch eine Neutronenbombe des kaputten und unnachgiebigen Lo-Fi-Rock. Schweiss, Verzerrungen und umgeworfenes Schlagzeug – wenn dieses Trio spielt, dann gibt es nur die Vorwärtsbewegung. Ein solches Durchdrehen kann nur gesund sein.

Kein Wunder fühlte sich die Luft im Saal danach wie in einer Sauna an – und die Stimmung heizte sich nur noch weiter auf, betrat schliesslich Faber als nächster die Bühne. Mit etwas umstrukturierter Band und auch neuen Songs zeigte der Zürcher Musiker, dass man kernig gesungene Texte und hart angeschlagene Saiten perfekt mit Balkan-Beats und Klavierzaubereien verbinden kann. Schnell war auch klar, dass viele Besucher vor allem für diesen Auftritt nach Baden pilgerten, denn nun platzte der Kulturort wahrlich aus allen Nähten.

Glücklicherweise konnte man sich immer wieder draussen an der frischen Luft abkühlen und somit genügend Energie für den Abschluss mit Egopusher aufsparen. Das Duo, bestehend aus Violinist Tobias Preisig und Schlagzeuger Alessandro Giannelli, zeigte in langen, eskalierenden und immer perfekt tanzbaren Songs, dass Kammermusik und lauter Techno sehr wohl zusammengehören. Gleichzeitig bewiesen sie, dass ihre Musik live einfach viel wuchtiger daherkommen darf als ab Platte, und auch der neuste Track „Patrol“ wuchs zu einem kolossalen Wesen heran.

Dank perfekt passender Untermalung mit Visuals auf der Leinwand und vielen bewegungsfreudigen Gästen fand der erste Abend des zweitägigen Fête Royal somit ein schönes und durchnässtes Ende. Und jetzt soll mir noch einmal jemand sagen, Kultur sei unwichtig und dieser Raum könne für sinnvollere Zwecke genutzt werden! Diese Krone bleibt, wo sie ist.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.