Konzertberichte

Sei mitendrin statt nur live dabei.

Live: Fever Ray, Volkshaus Zürich, 18-02-24

Fever Ray
Support: Tami T
Samstag 24. Februar 2018
Volkshaus, Zürich

Es war schon fast eine etwas zu grosse Ehre, Fever Ray an diesem Samstag in Zürich erleben zu dürfen. Nicht nur zeigte sich die schwedische Künstlerin nach langen Jahren endlich wieder auf der Bühne, sondern brachte auch gleich ihr neustes Album „Plunge“ mit – welches einen Tag vor diesem Auftritt erschien. Die Lieder hatten also immer noch den Glanz der kleinen Geheimnisse. Verstärkt durch die toll durchgeplante Show wirkte somit alles sehr frisch und aufregend. Doch alles andere hätte uns bei Karin Elisabeth Dreijer auch nur erstaunt.

Mit einer rein weiblichen Band und einem perfekt durchgeplanten Gesamtkonzept eroberte die ehemalige Frontfrau von The Knife nämlich nicht nur das Volkshaus, sondern auch unsere Köpfe und Herzen. Das Bühnenbild zeigte sich mit neonfarbenen Lichtern, Lasereffekten und Strobo wie ein heruntergekommenes Festival aus der Welt von Blade Runner, Fever Ray und ihre Partnerinnen traten in bunten und absurden Kostümen auf. Diese Verkleidungen dienten aber nicht nur zur Unterhaltung, sondern widerspiegelten die Klischees und Vorurteile der patriarchischen Gesellschaft.

Denn auch wenn neue Lieder wie „IDK About You“ oder „To The Moon And Back“ eher wie leicht durchgeknallter Pop klingen, geht es hier um Gleichberechtigung, Emanzipation und Toleranz. Fever Ray ist deswegen nicht nur in den Kennerkreisen der experimentellen Electronica beliebt, sondern sorgt auch in der LGBT-Gemeinschaft immer wieder für Jubel und Furore. Und genau dies war auch die Kernaussage an diesem Samstag: Seid offen, seid menschlich und gebt der Liebe eine Chance. Unterstrichen mit harten Bässen, dreistimmigem Gesang, wilder Perkussion und schrägen Synths – da wurde sogar der eher düstere Track „If I Had A Heart“ zu einem schillernden Stern.

Beruhigend war auch zu sehen, wie bunt und ideenreich eine Welt aussieht, in der Frauen das Zepter übernommen haben und Musik wie auch Auftreten ohne Geltungszwänge und Egozentrik ausleben dürfen. „I’m Not Done“ singt sie in der zweiten Hälfte des Konzertes und lässt unser Herz mit solchen Aussagen freudig hüpfen – denn solche Künstlerinnen brauchen wir noch lange. Und Verstärkung fand Fever Ray an diesem Abend durch ihre Produzentin und Songbastlerin Tami T aus Göteborg.

Seit Jahren in der Szene der Pop und des Dance aktiv, zeigte die momentan in Berlin sesshafte Künstlerin ihre polyphonen, direkten und immerzu sexuell aufgeladenen Perspektiven auf unsere Welt. Mit einem zwischen den Beinen platzierten Trigger-Stock, frechen Texten und viel Vocoder heizte Tami T gleich von Beginn an ein und liess die Leute ausgelassen tanzen. Irgendwo zwischen EDM, Pop und Techno – so bunt und vielfältig wie die deutsche Hauptstadt, so ehrlich wie nötig. Die Nacht war so vielleicht nicht immer genormt und leicht zu verdauen, aber immer wahrhaftig und existenziell.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Highly Suspect, Dynamo Zürich, 18-02-23

Highly Suspect
Support: Welles
Freitag 23. Februar 2018
Dynamo, Zürich

Gross war die Vorfreude, denn endlich zeigte sich das amerikanische Trio Highly Suspect auf einer Bühne in der Schweiz. Dass dafür gleich das Dynamo bis zur hintersten Ecke mit neugierigen Leuten gefüllt war, überraschte nicht, denn diese Rock-Gruppe sorgt seit wenigen Jahren auf der ganzen Welt für Furore. Spätestens mit ihrem zweiten Album „The Boy Who Died Wolf“, welches 2016 erschien und eine Grammy-Nomitation einsteckte, war klar: Die Gitarrenmusik ist auch für jüngere Fans wieder interessanter geworden. Leider aber wurde die Premiere in Zürich eine grosse Panne.

Mit Ankündigung und Einlaufmusik nahmen Highly Suspect ihre Plätze hinter den Instrumenten ein und stürzten sich auch gleich mit viel Eifer und Energie in ihre Songs. Gitarre und Bass kreuzten ihre Riff-Klingen, das Schlagzeug überrollte die bereits jetzt ausgiebig tobende Masse. Doch schnell war klar: Frontmann Johnny Stevens klang nicht, wie er sollte – und schnell kam auch die Klärung: Es plage ihn eine Grippe, aber er versuche trotzdem, das Konzert durchzustehen. Immerhin begründete dies seine knallige Mütze und den dicken Pullover.

Dick war auch die Ausgelassenheit, die sich im Saal des Dynamo breit machte. Fliegende Biere, ausgestreckte Fäuste und frenetischer Jubel: Die Zuschauer waren froh, Highly Suspect endlich in echt begegnen zu können. Kein Wunder, sind die drei Mannen doch wirklich starke Musiker, welche mit ihren Songs den perfekten Mittelweg zwischen eingängigem Rock der Nullerjahre und wuchtigen Einflüssen aus Punk und Heavy Rock finden. Im eigentlichen Sinne ist dies zwar nichts Neues und musste nicht jeden abholen, zauberte aber auch an diesem Freitag in viele Gesichter ein grosses Lachen.

Doch dann nach wenigen Songs der Schock: Johnny Stevens kann nicht mehr singen, die Band gibt nach ein paar schnell dazwischen gepackten Hits auf. Verständlicherweise machte sich sehr schnell Unmut im Saal breit und viele Anwesende konnten nicht glauben, dass das Vergnügen so abrupt ein Ende fand. Wieso hat die Band den Gig nicht abgesagt? Wieso mussten alle den vollen Preis für ein paar kümmerliche Minuten Musik zahlen? So sollte man nicht mit seinen Fans umgehen. Andererseits ist es auch verständlich, wollte das Trio in der Schweiz trotzdem das Bestmögliche bieten.

Welles mit seinen Musikern hatte da mehr Glück. Als Vorband konnten sie bereits viel Applaus und Freudenschreie einheimsen. Grunge funktioniert eben auch heute noch, und die lakonische Art, über Probleme und die Welt zu singen, klappte auch im Dynamo perfekt. Der Amerikaner führte durch dissonante Gitarren, leichten Rock’n’Roll und etwas schleppende Balladen – immer mit gewisser Freche und genügend Druck. Dass dieser schon bald ins Minus fallen würde, das konnte man da zum Glück noch nicht wissen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Gonzo, Oxil Zofingen, 18-02-17

Gonzo + Bell Baronets
Samstag 17. Februar 2018
Oxil, Zofingen

Zusammenarbeit, Gegensätze und verschiedene Bereiche des Spektrums – der Verein Kultur Anlass übernahm für einen Abend das Kulturlokal Oxil in Zofingen und führte mehrere Generationen von lokalen Musikschaffenden zusammen. Das führte nicht nur zu einem Abend voller toller Livemusik, sondern auch der herrlichen Gewissheit, dass die regionale Kultur trotz allen Stolpersteinen auch heute noch kein bisschen leiser geworden ist. Und es ist immer toll, die bereits 1989 gegründete Formation Gonzo auf der Bühne erleben zu dürfen.

Das Quartett macht sich nämlich gerne rar und versteckt sich lieber im Proberaum und hinter neuen Songideen, als die Welt mit ihrer Anwesenheit zu beglücken. 2004 erschien ihr bisher einziges Album „Zeal“, doch auch an diesem Samstag spürte man schnell: Die Lust und Freude am Rock ist ihnen noch lange nicht abhanden gekommen. Gonzo spielten von der ersten bis zur letzten Minute voller Intensität und Gefühl, mit ihren langen Stücken, die zwischen elegischen Teilen und wuchtigen Stürmen wechselten. Ob fast bei Heavy Metal angelangt, mit verzerrtem Gesang und krachenden Riffs oder dann wieder mit Synthie und Bassflächen an Pink Floyd (ohne die Waters-Schizophrenie) vorbeirauschend – dies war die eigentlich wahre Form von Emotional Rock.

Ihre Lieder steigerten sich über viele Minuten zu mitreissenden Abenteuern, ob das eröffnende „Not As Big As It Seems“ oder das spät dargebotene „Roads“, dieses Konzert liess niemanden kalt. So blieb den Freunden und Fans zwar „Destiny“ verwehrt, aber mit einem wirklich gelungenen Cover von „Wish You Where Here“ wurde man doch versöhnlich verabschiedet. Schade nur, hatten viele Besucher das Gefühl, als Bekannte der Band das Konzert auch laut schwatzend bei der Bar begleiten zu dürfen. Für das nächste Mal ist von dieser Seite mehr Feingefühl gefragt, denn Gonzo haben unsere volle Aufmerksamkeit zu jeder Sekunde verdient.

Direkter und wilder gingen danach Bell Baronets zugange und holten sich die Besucher mit starkem Riffing und präzisen Schlägen ab. Obwohl die Gruppe erst seit 2011 existiert und letztes Jahr endlich das Debüt „The Strong One“ erscheinen durfte, sind die drei Mannen keine selten gesehenen Gesichter auf den Bühnen der Schweiz und haben sich mit weit über 100 Konzerten schon lange als fesselnder und mitreissender Liveact etabliert. Dies durfte man auch im Oxil erneut erleben, Stücke wie „Blame It On Me“ oder „Gone For Good“ mischten kecken Fuzz-Rock mit Indie und Blues und klangen, als hätte man hier alte Hasen vor sich stehen.

Mit einem neuen Stück, einer fast akustischen Einlage vor der Bühne und wilden Gitarrensolos boten Bell Baronets für alle etwas und liessen mich erneut erstaunt zurück, wie solch junge Menschen eine so wahnsinnig gute Band sein können. Das liegt wohl am Quellwasser in Zofingen, denn wie man in diesen Stunden bemerken konnte, fügen sich seit Jahrzehnten Menschen, Instrumente und Ideen im Aargauer Städtchen zu fantastischen Resultaten zusammen – und dies wird hoffentlich noch lange so bleiben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Turn Me On Dead Man, Coq d’Or Olten, 18-02-15

Turn Me On Dead Man
Support: Living Shape, Muerte Espiral
Donnerstag 15. Februar 2018
Coq d’Or, Olten

Alles immer in Nebel gehüllt und blau – wer nach diesem Donnerstagabend seine Erinnerungen sammelte, der musste teilweise wohl etwas genauer hinschauen. Denn die gitarrenmächtige und immerzu auch laute Nacht im Coq d’Or in Olten war vor allem eines: Hypnotisch fesselnd. Drei Bands haben gezeigt, dass wuchtiger Rock immer noch eine packende Wirkung in sich trägt – und sogar neue Leute buchstäblich mit jedem neuen Takt anlockt. Denn obwohl Turn Me On Dead Man aus San Francisco am Schluss unter grossem Jubel im gut besuchtem Kellerraum als Helden von der Bühne gelassen wurden, hätte es auch anders kommen können.

Muerte Espiral betraten die Bühne nämlich, als nur eine handvoll Neugierige den Weg nach unten gewagt hatten. Doch kein Problem für das Trio um den Chilenen Jurel Sónico an der Gitarre, mit ihrem energetischen und geradezu waghalsigen Stoner-Doom drängten sie die Luft und alle Zweifel aus dem Raum und füllten die Umgebung mit harten Riffs, extrem mitreissendem Drumming und wahrlich packenden Bassläufe. Diese Gruppe gibt es zwar noch nicht lange, aber bereits hier wurde klar, dass ihnen einen grossen Teil des Grunge-Psych-Kuchens gehört. Kontinenten überspannend und multilingual, ohne Zögern oder Pause.

Für Living Shape aus Zürich war es darum nicht ganz einfach, auf diesen Einstieg zu folgen. Ihr psychedelischer Rock spielte aber mit anderen Karten und setzte weniger auf die wuchtige Härte, sondern mehr auf das filigrane Spiel zwischen Fläche und Melodie. Immer wieder liessen sich die drei Mannen zu ausufernden Instrumentalteilen hinreissen, bevor sie ihre Songs dann doch in die dunkle Gruften stürzten. Nur schade, stolperte die Band teilweise etwas über ihre Kompositionen, aber der erst begonnene Werdegang wird bestimmt noch einige Überraschungen in sich tragen.

Turn Me On Dead Man gehören da schon zu den alten Hasen, die Truppe aus Amerika musizieren schliesslich bereits seit 2000 miteinander und haben ihren Hard Rock mit viel Stoner versehen. Das ging nicht nur letztes Jahr mit ihrem neusten Album „Heavy Metal Mothership“ vorzüglich auf, sondern zeigte sich auch in Olten als vorzügliche Stampfer. Zwei Gitarren und ein Keyboard liessen die Besucher durch Vorhänge aus Sounds gleiten und nahmen uns alle mit in eine Reise durch das All. Zwar gab es weniger psychedelische Bewusstseinsveränderungen, dafür immer wieder Jubelmomente und eine satte Rock-Ladung. Gerne nahm man im Nebel, zwischen den blau leuchtenden Figuren Platz und ritt mit den Künstlern von dannen. Dieses Kraftpaket an Bands war eine wahre Wonne.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Autisti, Oxil Zofingen, 18-02-09

Autisti
Support: Twoonacouch
Freitag 9. Februar 2018
Oxil, Zofingen

Sei der Lärm auch noch so extrem, irgendwann verklingt er und zwischen sonischen Ergüssen und krachenden Membranen kehrt wieder Stille ein. Und obwohl sich das Projekt von Emilie Zoé und Louis Jucker erst 2016 gegründet hat, ist bereits jetzt wieder Moment gekommen, in dem es heisst: Adieu Autisti, c’était un moment merveilleux! Die Monate mit euch vergingen wie im Flug und waren immer eines: Unberechenbar, wild und herzensgut.

Es war darum eine grosse Ehre, das zweitletzte Konzert für eine lange Zeit, oder vielleicht für immer, im Oxil in Zofingen erleben zu dürfen. Autisti wiederholten dabei nicht nur, was sie im Bogen F noch ganz frisch, im Royal zum Saisonschluss, an der Badenfahrt mit zwei Schlagzeugern oder in Bulle gnadenlos zelebriert hatten – nein, sie holten erneut frische Experimente aus ihren Liedern heraus und feilten bis zuletzt am Wahnsinn. Denn ihr Lo-Fi-Noise-Rock ist nicht nur sehr entschlackt und beschränkt sich meist auf zwei Gitarren und das Schlagzeug, sondern besitzt genügend Leerstellen, um live immer wieder anders zu klingen.

Louis Jucker verwandelte seine Texte in schamanische Gesänge, legte sich mit dem Mikrofon vor die Bühne oder schrie einzelne Laute voller Inbrust in den Raum. Emilie Zoé dagegen zeigte keine Gnade mit ihren Gerätschaften und versuchte mit Tasten und Saiten im Rauschen des Kosmos neue Erlösungen zu finden – was immerzu treffend und wuchtig von Schlagzeuger Steven Doutaz unterstützt wurde. Ob „Peaches For Planes“ oder „The Dower“, hier wurde voller Verzerrung und Lautstärke die Gitarrenmusik neu erfunden.

Und wie immer waren Autisti auch ein Paradebeispiel dafür, wie wenig man die Musik mit dem eigenen Geltungsdrang und der Suche nach Perfektion verbinden muss. Diese entschlackte und experimentelle Form von Rock will niemanden bezirzen, sie kommt direkt aus dem Innern der Künstler und ist ein roher Ausdruck an Emotion und Lust. Und genau darum waren die Auftritte dieses Trios immer faszinierend und fesselnd, und genau darum tut es weh, sich vorerst davon zu trennen. Aber immerhin durfte Zofingen dies noch erleben.

Dass nicht jeder Lärm gleich toll ist, das wissen auch Twoonacouch aus Luzern. Wahrscheinlich froh, dem Getümmel der Fasnacht entfliehen zu können, gaben die jungen Mannen an diesem Freitag ihr erstes Konzert ausserhalb ihres Heimatkantons. Mit ihrem frischen Debütalbum „And I Left“ unter den Armen zeigten sie, dass Emo und Post-Hardcore auch in der Innerschweiz zu packenden Songs führen können. Lars führte mit seinem Bass und zwischen Gesang und urplötzlichem Geschrei das Trio durch intensive Songs, Nicolas versank hinter seinem Schlagzeug tief in den Rhythmen. Und wenn Lauro an seiner Gitarre dazu zauberte war schnell klar, hier steckt viel Talent und Potential drin! Das eine endet, etwas Neues beginnt – so dreht sich die Musikwelt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Steven Wilson, Halle 622 Zürich, 18-02-07

Steven Wilson
Support: Donna Zed
Mittwoch 07. Februar 2018
Halle 622, Zürich Oerlikon

Damit hatte ich nicht gerechnet, obwohl ich zu der Fraktion gehörte, die „To The Bone“ von der ersten Minute an geliebt und verteidigt haben. Dass der ehemalige Frontmann von Porcupine Tree und neuzeitliche Progressive-Rock-Retter in der Halle 622 in Oerlikon eines der besten Konzerte abliefern würde, das ich jemals von ihm gesehen habe, dieser Gedanke wäre mir niemals gekommen. Steven Wilson hat es aber geschafft, seinen kompletten musikalischen Kosmos grossartig in einen Auftritt von fast drei Stunden zu destillieren und dabei Eckpunkte zu verknüpfen, die man bisher nie so nahe beieinander sehen konnte.

Alleine der Umstand, dass er die Lieder seines neusten und extrem von Pop-Musik beeinflussten Werkes ohne Mühe mit älteren Songs seiner Karriere verband und diese mit einer passenden visuellen Untermalung zu einer kohärenten Geschichte knüpfte – dies war umwerfend. Wer hätte jemals gedacht, dass der von Abba beeinflusste Song „Permanating“ so gut auf den Longtrack und viel zu selten vernommenen Brecher „Arriving Somewhere But Not Here“ folgen kann? Nicht nur schuf Steven Wilson hier mit seiner neu entdeckten Freude als Showman eine perfekte Überleitung und erzählte witzige Anekdoten, nein sogar textlich fand man plötzlich gewisse Motive, die sich gegenseitig spiegeln und ergänzen.

Inhaltlich war der Künstler schon immer spannend, mit der gewonnen Lust am Konzeptalbum steigerte er sich seit „The Raven That Refused To Sing“ aber immer mehr. So machte es sehr viel Freude zu erfahren, wie „The Creator Has A Mastertape“ die Stimmung für „Refuge“ perfekt vorbereitete. Oder wie die Beklemmung von „Song Of I“ genial in der Melancholie von „Lazarus“ ihre Bestimmung fand – ohne die Emotionen aufgesetzt wirken zu lassen. Fast nur ungehörtes Material versprach Steven Wilson den vielen freudig erregten Zuschauern zu Beginn seines Sets, und hielt dieses versprechen. Denn wär hätte gedacht, noch einmal „Even Less“ in einer reduzierten Form mit nur einer Gitarre erleben zu können? Oder „Pariah“ endlich laut und wesensverändernd wahrnehmen zu dürfen?

Gerade dieses wunderschöne und ergreifende Stück mit Sängerin Ninet Tayeb wurde eines der frühen und intensivsten Highlights. Dank einer gut geplanten und immer geschmacksvollen Show mit Projektionen auf ein Netz, Videowänden und passender Lichtuntermalung erhielten nicht nur die Instrumente eine Verstärkung, auch die Tiefe der Musik konnte besser erfasst werden. So war es auch eine pure Lust, der perfekt aufspielenden Band (bestehend aus Nick Beggs, Adam Holzmann, Alex Hutchings und Craig Blundell) bei wirbelnden Instrumentalteilen von „Home Invasion“ oder „Vermillioncore“ zuzuhören und dann wieder in Bildern und Farben aufzugehen. Steven Wilson hat mit dieser Tour wahrlich eine neue Ebene erreicht.

Egal ob Pop, harter Progressive Rock oder psychedelischer Art-Rock – mit dem Konzert in Zürich verband der Meister all seine Stärken zu einem neuen, extrem vielseitigen Erlebnis. „The Same Asylum as Before“ liess Prince wach werden, „Sleep Together“ nahm die Zuschauer mit harten Bässen und grellem Licht gefangen, „The Raven That Refused to Sing“ machte den Konzertschluss extrem ergreifend und tieftraurig. Steven Wilson hat sich damit nicht nur allen Zweiflern bewiesen, sondern seine Musik noch einmal mehr etwas unsterblicher gemacht. Dieser Mann ist einfach unglaublich, und dieser Auftritt war extraklasse!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Tales From A Sonic Darkness, Parterre One Basel, 18-01-25

 

Tales From A Sonic Darkness
Bands: Scott Kelly & John Rudkins / Sarah-Maria Bürgin / Louis Jucker / The Leaving / Marlon McNeill / Anna Erhard
Donnerstag 25. Januar 2018
Parterre One, Basel

Die Bösen trifft man nicht nur im Sägemehl an, auch auf den Bühnen der Welt begegnet man immer wieder lauten und wilden Künstlern. Doch für eine Nacht gab es nun die Möglichkeit, Musikerinnen und Musiker intim und zurückhaltend zu geniessen. Das Basler Label Czar Of Crickets lud zu Stunden voller Tales From A Sonic Darkness – zu Reisen in introvertierte Momente und dunkle Melodien. Im hübschen Parterre One nahm man auf den Stühlen Platz und genoss das Dargebotene mit einem passenden Bier. Schon bald wurde aus dem normalen Donnerstagabend eine neue Erfahrung voller Intensität.

Bereits mit Anna Erhard gab es eine andere Form von Auftritt zu erleben, spielt die Musiker doch sonst mit der Gruppe Serafyn hübsche Songs – nun zeigte sich die Schweizerin alleine mit akustischer Gitarre und sanftem Singer-Songwriter. Ein angenehm langsamer und in sich gekehrter Start, der mit Komponist und Labelführer Marlon McNeill zwar etwas verschrobener wurde, aber immer noch auf einzelnen Gitarrentönen und sanften Aussprachen beruhte. Hier sogar als Huldigung für den kürzlich verstorbenen Mark E. Smith, mit parallel abgespielter Schallplatte.

Meditativ und langsam, so wollte sich der Chef des Abends nicht immer geben. Als The Leaving betrat er die Bühne mit einer elektrischen Gitarre und untermalte seinen feinen Gesang mit lauten und kratzenden Gitarrenriffs. Stärker hätte der Kontrast zwischen Mensch und Instrument nicht sein können, als Resultat funktionierte dies aber perfekt und leicht psychedelisch. Und die sieben Saiten verliehen dem Zar die nötige Gravitas – etwas, mit dem sich Louis Jucker (Coilguns, Autisti) nicht lange abgibt. Von seinem Architekturstudium ist die Liebe zum Entwurf übrig geblieben, den Rest bestimmt nun aber Punk und Noise. Mit eigens gebautem Verstärker wurden die rohen Stücke noch gewaltiger, Geschrei und wildes Klopfen auf den Saiten taten den Rest.

Wie eine Sirene der Nacht sorgte Sarah-Maria Bürgin von Scratches im Anschluss dafür, dass nicht nur das Testosteron wieder von der Bühne gefegt wurde, sondern dass nun endlich auch ein Keyboard die Rhythmik übernahm. Mit wundervoller Stimme, Melodien wie Samtkleider und einer grossen Ausstrahlung verzauberte sie die Anwesenden innert kürzester Zeit. Schade, durften hier alle nur kurz spielen, hier hätte ich gerne weitergeträumt. Als Abschluss kam aber ein richtiger Weltstar: Scott Kelly, mit grossem Bart und akustischer Klampfe, begleitet von John Rudkins an der Slide-Guitar.

Die Amerikaner zückten hier nicht das zerstörerische Schwert von Neurosis, sondern erzählten zerbrechliche Geschichten voller Emotion und Nachdenklichkeit. Passend zum Schluss, zusammenfassend und für den Abend stehend – Tales From A Sonic Darkness war ein wunderschöner Blick in die Seelen und Herzen von Künstlerinnen und Künstler, ein Eintauchen in verwunschene Klangwelten und ein mitreissender Ausgleich zu den sonst lauten und wilden Konzerten. So etwas dürfte es gerne öfters geben.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sexy und Miss Kryptonite, Oxil Zofingen, 17-12-30

Pippi Langstrumpfs Lieblingssause
Bands: Sexy, Miss Kryptonite
Samstag 30. Dezember 2017
Oxil, Zofingen

Zofingen – diese Stadt wusste schon immer, wie man feiert. Somit werden hier runde Geburtstage nicht im kleinen Rahmen mit Freunden genossen und dann müde lächelnd eine Kerze ausgeblasen – nein, hier werden laute Bands von der Leine gelassen und eine Nacht lang durchgetanzt. Getreu dem Namen „Pippi Langstrumpfs Lieblingssause“ wurde die letzte Konzertnacht des Jahres im Oxil zu einem rauschenden Fest des Rock. Natürlich mit Lokalhelden.

Miss Kryptonite bewiesen zu Beginn gleich, dass die Reaktivierung der ehemaligen Kriegsschlaufe ein genialer Schachzug war. Bern und Zofingen sind sich dadurch nicht nur näher gekommen, es entstehen auch frische und energetische Kombos in Proberäumen. Die Gruppe um Frontfrau Désirée Graber spielt erst seit einem halben Jahr Konzerte und zeigte auch an diesem Abend, dass ausufernder Rock, Grunge und Falsettgesang sehr wohl noch explosiv wirken. Mit dynamischen Songs, die sich besonders gerne in instrumentalen Teilen suhlten, steigerte sich der Auftritt mit jedem Takt und endete in sehr starken Kompositionen wie „Whoo“.

Das Geburtstagskind Flo Hugener liess sich die Chance dann auch nicht entgehen, zusammen mit der Band noch den Kracher „Cherry Bomb“ zu singen und die Besucher zum ersten Mal richtig ausflippen lassen. Auch Sexy boten der ehemaligen Sängerin von DustInEyes das Mikrofon in der Mitte ihres Auftrittes an und liessen somit die männliche Erotik für ein paar Minuten von Östrogen gesättigt werden. Aber sonst war es klar: Purer Rock’n’Roll mit blossem Oberkörper, krachenden Riffs und verschwitzten Haarsträhnen. Die Jungs spielten sich und den Saal zurück in die glorreiche Zeit der Gitarrenmusik und machten alles besser als ihre Vorbilder.

Ob klassisch direkt oder technisch verspielt, erneut wurde mit Bass, Schlagzeug und Gitarre die Welt ein Stück runder gemacht. Geburtstage sollen schliesslich weit zu hören sein und noch lange nachhallen. Sei es nun wegen der vielen Biere, die man irgendwo zwischen Kopf und Füssen verloren hat, oder wegen der starken Songs. Und wer nach den Darbietungen der heimischen Liedermacher noch nicht genug hatte, dem wurde durch DJ Rockette noch stundenlang beste Kost auf dem Plattenteller serviert. Ab jetzt jedes Jahr genau so, oder?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Stahlberger, Royal Baden, 17-12-22

Stahlberger
Support: Lord Kesseli & The Drums / Bit-Tuner
Freitag 22. Dezember 2017
Royal, Baden

Lord Stahlberger And The Drums, Lord Kesseli And The Guitar, Stahlberger And The Bass, Bit-Tuner And The Guitars, Stahlberger And The Cover-Band – was wie ein irrwitziger Versuch klingt, einen neuen Bandnamen zu finden, war der normale Wahnsinn eines Freitagabends in Baden. Die St. Galler High Society nahm das Royal in Beschlag und machte aus den vorweihnachtlichen Bandproben einen Konzertreigen, der nicht nur für urkomische Momente, sondern auch Liebeserklärungen an die Musik sorgte.

Stahlberger und seine Freunde fanden sich im Aargau ein, um dem Konzertlokal einen gebührenden Schlusspunkt zu bieten – doch „leider“ muss dieses nun gar nicht schliessen. Die Künstler aus der Ostschweiz nutzten die Nacht aber trotzdem für eine Darbietung, die alle Rahmen sprengte. Mundart-Dichter und lakonischer Songpoet Stahlberger startete alleine mit bissigen Texten und akustischer Gitarre und zeigte dem Aargau, dass Humor, Kritik und Wortspielerei sehr wohl zusammen in ein Lied passen.

Und als sich alle in diesem klanglichen Bett eingenistet hatten, wurde bereits zum ersten Mal alles anders. Stahlberger setzte sich hinter das Schlagzeug, proklamierte den Aufstand gegen die Wirtschaft und holte danach seine Mitmusiker auf die Bühne, welche sonst unter dem Banner Lord Kesseli And The Drums für Tanznächte sorgen. Auch in Baden boten ihre Gitarrenriffs, Schlagzeugdonner und Lichtkaskaden nun ein Abdriften in psychedelische Songs, die The Flaming Lips grüssten und stärker wirkten als gewisse Substanzen.

Erstaunlich, dass dieses Sonderprogramm nur innert weniger Tage erdacht worden war und im Zusammenschluss mit Bit-Tuner nicht nur für exzentrische Bassläufe, sondern auch düstere Techno-Beats stand. Bekannte und brandneue Lieder wurden umgebaut, erweitert, seziert und zu einem immerzu überraschenden Ereignis moduliert. Die Zeit verging wie im Flug und das prall gefüllte Royal feierte seine Gäste und die Musik. Kein Wunder also, wurde die abschliessende Party mit lauten Bässen und verführerischen Synthies plötzlich wieder von Stahlberger gekapert, um noch einmal mit kompletter Band Lieder anzustimmen.

Somit versank man endgültig in der Genialität des Schweizer Rock-Pop-Dance und wanderte mit Körper und Geist durch die Nebelschwaden im Kulturlokal. Viel zu selten darf man solche spontane und abwechslungsreiche Abende erleben, in denen sich Künstler an offene Experimente wagen und damit brillieren. Danke Stahlberger für dieses wunderbare Weihnachtsgeschenk, besser kann es nicht mehr werden.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.