Konzertberichte

Sei mitendrin statt nur live dabei.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Fête Royal, Royal Baden, 17-05-26

Fête Royal
Bands: Egopusher, Faber, Autisti
Freitag 26. Mai 2017
Royal, Baden

Welch Wonne dieser Anblick, ein altes Kino voller freudiger Menschen, eine Bühne voller talentierter Künstler und ein Zusammensein für alle Altersklassen – und dieser wunderbare Kulturort soll Ende Jahr zum Baubüro umgenutzt werden? Politik und Wirtschaft geben sich manchmal schon der puren Idiotie hin, nur um die Kontozahlen hoch zu halten. Umso wichtiger war es, dass der diesjährige Saisonabschluss im Royal in Baden richtig kräftig gefeiert wurde. Dank einem grossartigen Programm und ausverkauftem Haus war dies am ersten Abend auch überhaupt kein Problem.

Denn schon früh füllten sich die Ränge und Tanzflächen im ehrwürdigen Gebäude, und vor dem Haus wurde angestanden und fröhlich geplaudert. Hoffentlich nicht zu lange, denn wer die erste Band verpasst hat, der wird nie wissen, wie sich ein Wirbelsturm anfühlt. Autisti aus der Westschweiz sind nicht nur die neue Gruppe von Louis Jucker und Emilie Zoé, sondern auch eine Neutronenbombe des kaputten und unnachgiebigen Lo-Fi-Rock. Schweiss, Verzerrungen und umgeworfenes Schlagzeug – wenn dieses Trio spielt, dann gibt es nur die Vorwärtsbewegung. Ein solches Durchdrehen kann nur gesund sein.

Kein Wunder fühlte sich die Luft im Saal danach wie in einer Sauna an – und die Stimmung heizte sich nur noch weiter auf, betrat schliesslich Faber als nächster die Bühne. Mit etwas umstrukturierter Band und auch neuen Songs zeigte der Zürcher Musiker, dass man kernig gesungene Texte und hart angeschlagene Saiten perfekt mit Balkan-Beats und Klavierzaubereien verbinden kann. Schnell war auch klar, dass viele Besucher vor allem für diesen Auftritt nach Baden pilgerten, denn nun platzte der Kulturort wahrlich aus allen Nähten.

Glücklicherweise konnte man sich immer wieder draussen an der frischen Luft abkühlen und somit genügend Energie für den Abschluss mit Egopusher aufsparen. Das Duo, bestehend aus Violinist Tobias Preisig und Schlagzeuger Alessandro Giannelli, zeigte in langen, eskalierenden und immer perfekt tanzbaren Songs, dass Kammermusik und lauter Techno sehr wohl zusammengehören. Gleichzeitig bewiesen sie, dass ihre Musik live einfach viel wuchtiger daherkommen darf als ab Platte, und auch der neuste Track „Patrol“ wuchs zu einem kolossalen Wesen heran.

Dank perfekt passender Untermalung mit Visuals auf der Leinwand und vielen bewegungsfreudigen Gästen fand der erste Abend des zweitägigen Fête Royal somit ein schönes und durchnässtes Ende. Und jetzt soll mir noch einmal jemand sagen, Kultur sei unwichtig und dieser Raum könne für sinnvollere Zwecke genutzt werden! Diese Krone bleibt, wo sie ist.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Harvey Rushmore & The Octopus, Spycher Münsingen, 17-05-25

Harvey Rushmore & The Octopus
Konzert bei „Live On Stage
Mittwoch 25. Mai 2017
Spycher, Münsingen

Es fügt sich wunderbar zusammen, was schon immer miteinander ging – die handgemachte Musik von lokalen Bands und die bildenden Künstler, welche sich mit den Fotoapparaten zwischen Publikum und Musikern bewegen. So war es natürlich mehr als logisch, dass die Psychedelic Rocker Harvey Rushmore & The Octopus am ersten Tag der Ausstellung „Live On Stage“ von Alain Schenk den Abend vergoldeten. Nicht nur weil von der Gruppe selber ein Bild an der Wand neben der Bühne hing, sondern weil man sich in der lokalen Kultur gegenseitig unterstützt.

Und die klangliche Basis von ihren neuen Songs wie „The Night“ oder „Octopus Ride“ bietet mehr als genügend Nährboden für wilde Reisen durch Geist und Körper. In dem wunderbar überschaubaren Kellerraum des Spychers in Münsingen fanden sich somit Freunde, Neugierige und Gniesser ein, um die warme Nacht mit verzerrten und trippigen Klängen willkommen zu heissen. Die vier Herren von Harvey Rushmore & The Octopus umgarnten die Besucher mit neuster Ware und älteren Hits und liessen nicht nur Flüge ins All zu, sondern auch Zeitreisen in die Surf-Phasen der Siebziger.

Ob es nur am Wetter lag oder auch an der Musik, oft hatte ich das Gefühl mit Songs wie „Darkside“ nicht nur durch kunterbunte Farbmuster zu tauchen, sondern mich mit rumpelnden Basslinien und aufregenden Songsteigerungen durch Dörfer im Wilden Westen zu bewegen. Die Gitarrenmelodien luden mit ihren effektvollen Verzerrungen aber auch zu den weitesten Gedankengängen ein und die Band liess alle Glieder zappeln.

Somit war es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Musik plötzlich noch mehr Sinn ergab als ab Platte. Diese freche und mitreissende Mischung aus Trash-Rock, Garage-Gepolter und psychedelischen Wiederholungen fährt live schneller ein als der neuste Treibwagen der SBB. Fehlte nur noch, dass die besungenen Tiere und Figuren auch plötzlich die Treppe runter gekommen wären.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: British Sea Power, Werk 21 Zürich, 17-05-23

British Sea Power
Support: Pictish Trail
Dienstag 23. Mai 2017
Werk 21, Zürich

Lasst die Tänzer das Fest übernehmen – und kaum war dieser Ausspruch ein paar Mal proklamiert worden, musste man sich den kleinen Konzertraum des Werk21 plötzlich mit riesigen, tanzenden Bären teilen. Willkommen im Zauberwald der Englischen Rockmusik, willkommen auf der aktuellen Tour von British Sea Power. Nebst der waldlich dekorierten Bühne, inklusive skeptisch dreinschauender Eule, gab es an diesem Auftritt in Zürich auch Rock-Songs zwischen Romantik und Gesellschaftskritik.

Um ihr neustes Album vorzustellen, begab sich die Gruppe aus Brighton wieder auf die Reise und spielte beim hiesigen Stopp ein Set, das sich schwer auf „Let the Dancers Inherit the Party“ stützte. Gleich neun Songs gab es von diesem roten Album zu hören, was nicht immer gleich gut klappte. Denn obwohl Stücke wie „Bad Bohemian“ oder natürlich das grossartig fröhliche und besonders im deutschsprachigen Raum perfekt funktionierende „Keep On Trying (Sechs Freunde)“ angenehm dahinflossen und die Leute auch zum Tanzen brachten, fehlte während des Konzertes manchmal etwas die Energie.

British Sea Power sind immer dann am besten, wenn sie ihre interessante  und irgendwie nicht fassbare Mischung aus Indie, Post-Punk und alternativem Rock ausufern lassen. „No Lucifer“ oder „Remember Me“ brachten da schon mehr Schmiss in die Party und die Gitarren durften sich auch mal frech auftürmen, um zuoberst auf dem Klanggipfel mit Bass und Geige zu ringen. Aber es ist natürlich auch schwierig, ein Set zusammenzustellen, das die gesamte Zeit seit 2000 glücklich zusammenfasst. Und bei British Sea Power ging es schon immer mehr um das Gefühl.

Die Emotionen stimmten an diesem Dienstagabend auf jeden Fall, war der Auftritt doch herrlich entspannt und voller Glücksmomente. Da fiel es manchmal gar nicht auf, dass einem die Band geradezu frech noch etwas Gesellschaftskritik vor den Latz knallte. Und auch bei Pictish Trail gab es viele heitere Gesichter zu sehen, wussten der schottische Musiker Johnny Lynch und seine Begleitung doch mit wenigen elektronischen Folksongs die Besucher aufzumuntern. Und wer schaffte es schliesslich zuletzt, an einem Abend thematisch von Superman II über Fargo zum Eurovision Song Contest zu gelangen?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Oxil Saisonschluss Festival, Oxil Zofingen, 17-05-13

Oxil Saisonschluss Festival
Bands: El Ritschi, Pamplona Grup, The Konincks, Skullpriest
Samstag 13. Mai 2017
Oxil, Zofingen

Wenn die Zeit weiterhin so schnell läuft, dann ist das jüngste Kind in der Kulturszene der Aargauer Stadt Zofingen bald erwachsen. Denn bereits zum zweiten Mal durfte man mitfeiern, wie eine kunterbunte Saison ihr Ende fand. Und was passt da besser, als ein ganztägiges Festival mit kultureller und kulinarischer Feinschmeckerei? So wurden die Türen und Plätze bereits am sonnigen Nachmittag geöffnet und die Leute fanden sich mit ihren Kindern und Erinnerungen ein. Denn es war auch ein Tag voller alter Bekanntschaften.

So auch gleich beim ersten Act, ist El Ritschi doch Sänger bei der altbekannten Truppe Jolly And The Flytrap. Für seinen Auftritt in der ehemaligen Tankstelle reichten ihm aber seine Stimme und Gitarre. In zwei Sets unterhielt er zuerst die Leute mit niedlichen Stücken in Mundart – um zwei Stunden später mit einer halben Weltreise auch die Erwachsenen von den Bänken zu locken. Was nicht immer so einfach war – aber kein Wunder bei all diesem leckeren Essen und Getränken. Und den Poetry Slam und die Hula Hoop-Show sah man schliesslich auch vom Schatten aus.

Mit der Badener Balkan-Gruppe Pamplona Grup hiess es dann aber Füsse in die Höhe und losgetanzt – heisse Rhythmen und laute Bläser. Solche Musik belebt und funktioniert immer, besonders wenn sich die Sterne langsam zeigen und die Instrumente von den Lampen zum Glänzen gebracht werden. Mit Kontrabass und Bläsern in den Osten und pünktlich zurück zur Feuershow, dem brennenden Schlusspunkt des öffentlichen Programms auf den asphaltierten Belägen. Aber Schlafen musste man noch lange nicht, wollte schliesslich auch noch der Saal des Oxils betreten werden.

Mit The Konincks wurde dem Blues-Rock viel frisches Blut beigefügt und die Gäste dankten es mit grosser Teilnahme und Applaus. Kein Wunder wird man bei solchen Künstlern nicht müde zu betonen, dass gewisse Wurzeln von ihnen in Zofingen liegen. Davon besitzen auch Skullpriest mehr als genug, waren sie doch eindeutig die Lokalmatadoren an diesem Festival und der krachende Schlusspunkt. Ihr instrumentaler Psychedelic-Stoner-Doom ging durch Mark und Bein und liess das Lokal zu einer dröhnenden Messe werden. Unglaublich, wie versiert diese junge Band bereits klingt, da konnte man fast nicht genug davon kriegen.

Etwas sanfter aber ging es dann in die letzten Phasen der Nacht, die DJs The Niceguys liessen die Leute zwischen fröhlichen Geschichten, vollen Flaschen und schimmernden Augen umherzappeln. Und erneut war also dieser Schlusspunkt genauso vielfältig und mitreissend, wie sich das Oxil auch unter dem Jahr zeigt. Schade nur, muss man auf diesen besonderen Tag jetzt aber wieder ein Jahr warten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Neo Noire, Kaserne Basel, 17-05-12

Neo Noir
Support: Hathors
Freitag 12. Mai 2017
Kaserne, Basel

Man konnte nicht anders, als sich immer wieder anzuschauen und etwas zu grinsen – denn was man hier hörte, brachte nicht nur viele Erinnerungen, und sondern auch Freude zurück. Und gibt es etwas schöneres für eine Band, als beim Publikum diese Gefühle auszulösen? Neo Noire sind natürlich keine Jungspunde ohne Erfahrung und wissen genau, wie man in den Leuten mit Musik Dinge auslösen kann. Und obwohl es sich bei diesem Auftritt um die Plattentaufe ihres ersten Albums „Element“ handelte, standen hinter den Instrumenten viele Jahre mit noch mehr gespielten Songs.

GURD, Zatokrev, Disgroove, Slag in Cullet – was einen tollen Abend an einem Festival ergeben würde, kumuliert sich hier zu einer neuen Art von Supergroup. Die Künstler Thomas Baumgartner, Frederyk Rotter, Franky Kalwies und David Burger finden sich im Alternative Rock und bringen mit ihrer Musik momentan nicht nur Basel zum Beben. Das erste Album von Neo Noire schlug ein wie damals die erste Welle des Grunge – und holt sich aus dieser Zeit die besten Eigenschaften. Die Gitarren türmten sich auf, der Gesang war zweistimmig und der Klang breit und wuchtig.

Bereits mit dem ersten Song zeigten Neo Noire voller Selbstbewusstsein und Energie, wie wundervoll Rocksongs doch sein können. Von einer aufwändigen Lichtshow in helles Licht gehüllt legte die Band los und liess Stücke wie „Save Me“ oder „Shotgun Wedding“ durch den Saal schallen. Und egal wie stark diese Momente an Alice In Chains oder Smashing Pumpkins erinnerten, die Herren haben mit ihrer Musik auch eine eigene Identität erschaffen. Kleine Ausschweifungen des Post-Rock, ein paar heftige Trommelwirbel aus dem Metal – alles für einen perfekten Musikabend.

Auch Hathors aus Winterthur liessen keinen Stein auf dem anderen, als sie die Leute in den Abend einstimmten. Ihr gewaltig rumorender Noise-Rock mit Grunge-Mustern hatte viel Schwung und die Band bewies, dass sie mit ihrem aktuellen und dritten Album „Panem Et Circenses“ einige Lieder erschaffen hat, die einem das Brillengestell vom Kopf weghauen. Breitbeinig, wie ein Tiefdruckgebiet voller Rhythmen und Riffs und mit viel Spiellust – echter Rock ist eben doch keine Angelegenheit für langweilige und abgekämpfte Musiker.

 Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Riverside, Z7 Pratteln, 17-05-10

Riverside
Mittwoch 10. Mai 2017
Z7, Pratteln

Wiedergeburten, oder eher Neuanfänge, sind schwierig – zu vieles erinnert an die vergangenen Zeiten, zu schwer lasten die Gefühle auf dem Herzen. Für die polnische Progressive Rock Band Riverside war es gar noch schwerer, ihre aktuelle Tour in Angriff zu nehmen – verstarb doch im Februar 2016 ihr Gitarrist Piotr Grudziński. Lange war unsicher, wie die Zukunft der Gruppe aussehen würde. Nun können wir alle kollektiv aufatmen, denn die Reise geht weiter. Für ihre aktuelle Konzertreihe hat sich das Trio Maciej Meller für die Saitenzauberei ins Boot geholt und besuchte somit in neuer Formation und mit radikal geänderter Setlist das Z7.

Dies war auch nötig, denn nicht nur zwischen den Musikern herrschen nun andere Emotionen, auch das Publikum in Pratteln war sich bewusst, dass dieser Auftritt von einer gewissen Trauer begleitet werden würde. Egal wie oft man Riverside schon zugejubelt hatte, es tat weh Mariusz Duda, Piotr Kozieradzki und Michał Łapaj mit diesem Wissen entgegenzutreten. Sich dessen bewusst, wandte sich die Band gleich zu Beginn an die Leute und erklärte sich und ihre Hoffnungen und den Abend – welche sich dann auch alsbald bewahrheiteten. Man wurde Zeuge eines selbstbewussten, gefühlvollen und energiegeladenen Auftrittes. Wie es bereits Heraklit sagte: „Alles fliesst.“ Und so wirkte auch die Musik an diesem Abend.

Umrahmt von dem wunderschönen „Coda“ tauchten Riverside in ein Set voller langer, ausdrucksstarker und progressiver Liedern ein. Gleich zu Beginn führten uns lange Tracks wie „Second Life Syndrome“ oder „Caterpillar and the Barbed Wire“ vor Augen, dass die Polen zu Recht als eine der besten Bands im Bereich des modernen Art-Rock gelten. Was diese Herren zu viert auf die Beine stellen, ist extrem berührend und umwerfend. Fantastische Songstrukturen, grossartige Harmonien und wild ausufernde Instrumentalstellen – gepaart mit dem bezaubernden Gesang von Duda. Egal ob sich stetig steigernd wie bei „Escalator Shrine“ oder sofort pochend wie bei „02 Panic Room“, mit jeder Minute stieg die Stimmung in der Konzertfabrik.

Alsbald wurde aus Zweifel und Schmerz ein neues Gefühl des Aufbruchs, der Hoffnung und der Liebe. „Towards the blue horizon / We could open minds / Let me tell you a story / About you and me in those days / We just lived our lives“ – Riverside fanden die perfekte Mischung aus Rückschau, Gegenwartsfestigung und Herantasten an die kommenden Jahre. Und egal was noch passieren wird, solche wundervolle Konzerte wie dieses wird uns nie mehr jemand nehmen können. Es stimmt halt schon, was Duda am Ende noch anmerkte – zwischen dieser Band und den Fans ist keine Freundschaft, es ist eine Familie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Xiu Xiu, Dachstock Bern, 17-05-09

Xiu Xiu
Support: Verena von Horsten
Dienstag 09. Mai 2017
Dachstock, Bern

Wieso ist es den Menschen oft extrem unangenehm, wenn sie in einer etwas fremden Umgebung plötzlich die Anonymität verlieren und sich direkt mit einer Konfrontation beschäftigen müssen? Besuchen wir Konzerte doch nur, um uns vom ermüdenden Arbeitsalltag abzulenken, oder schämen wir uns für die natürlichen Gefühlszustände, dass wir es keinen Fremden zeigen wollen? Ein Versteckspiel gab es bei dem letzten Konzert der aktuellen Tour von Verena von Horsten nämlich nicht. Die Zürcher Musikerin liess ein letztes Mal ihr neustes Album „Alien Angel Super Death“ laut erschallen und gedachte ihrem toten Bruder. Auf Augenhöhe, mit direktem Blickkontakt mit den Besuchern.

Denn als Lieder wie „What You Say“ in langen und vernichtenden Versionen den Dachstock erzittern liessen, zog Verena durch die spärlichen Reihen der Zuschauer und verband die Bedeutung ihrer Stücke mit Intensivität. Ausweichen konnte man nicht, nur die Hingabe oder Flucht waren als Optionen erhältlich. Und genau darum wurde der verschobene Synthie-Rock zu einer kathartischen Neuerfindung für die Band und alle anderen zugleich. Verlust, Trauer und Angst – schräge Beats, harter Bass und dröhnendes Schlagzeug als Klangboten für Emotionen, die aus dem Körper ausbrechen müssen.

Da war es fast etwas merkwürdig, während der Umbaupause wieder im Licht zu stehen und normale Gespräche zu führen – denn die Schatten von Xiu Xiu aus Amerika wucherten schon lange in den Herzen und Seelen herum. Die Band von James Stewart, in Bern in Begleitung von Perkussionistin Shayna Dunkelman, steht seit 2002 für depressiven Noise-Pop mit Antihaltung und tickender Zeitbombe. Auch an diesem Dienstagabend liessen die zwei Künstler ein beengendes und schier bipolares Set auf die Leute los. Da war es nicht verwunderlich, dass auch neue und eher zugängliche Lieder wie „Wondering“ oder „Jenny GoGo“ plötzlich zu krachenden Cholerikern wurden. Selbstbewusstsein und Verständnis für die Welt ging dem Konzert spätestens mit „I Luv Abortion“ verloren und man versank in eine tief verstörte und dunkle Nacht.

Keine andere Band auf der Welt leidet so eindrücklich, laut und schmerzend wie Xiu Xiu. Gitarrenriffs sind dazu da, deine Ohren zum Kochen zu bringen, Beats zerquetschen deine Eingeweide und mit dem flehenden Gesang werden stumpfe Gegenstände an die Adern geführt. Selbst machomässige Rock-Hits waren dagegen nicht gefeit, und „Sharp Dressed Man“ von ZZ Top blieb genauso in diesem Teer hängen wie alle Läuterungsversuche. Innen wurde aussen, Verena und James nahmen unsere Ängste und Sorgen und machten daraus eine Neugeburt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Anna Von Hausswolff, Bad Bonn Düdingen, 17-04-25

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Anna Von Hausswolff
Dienstag 25. April 2017
Bad Bonn, Düdingen

Die Auftritte der zierlichen Schwedin sind für mich fast immer unerreichbar. Nachdem mein Körper kurz vor ihrem Support bei Swans aufgab und ich nur in Träumen das Konzert geniessen konnte, war diesen Dienstag die Entfernung schier ein Problem. Denn wie es Anna Von Hausswolff während dem Spielen gleich selber sagte, der Musikclub Bad Bonn liegt in der Mitte des Nirgendwo. Doch genau dies war mitunter ein grosser Grund, um aus dem Konzert einen wahren magischen Abend zu gestalten. Denn wer sich hierhin aufgemacht hatte, der war bereit, mit Körper und Seele in die Musik einzutauchen.

Anna Von Hausswolff setzt auch genau darauf, sind ihre Kompositionen doch mäandernde Brocken aus lauten Klangwellen und aufreibendem Gesang. Die Musik, die man in Düdingen hören durfte, ist genauso schwer zu umschreiben wie eine läuternde Erfahrung. Dystopisch-sakraler Doomsday-Noise, mit einer Prise Folk und der über allem thronenden Kirchenorgel. Was zuerst etwas verhalten begann und alle Besucher sich noch in der Sicherheit ihrer schwarzen Kleidung wähnen liess, wurde mit jedem Lied mehr zu einer ohrenbetäubenden Orgie der Dunkelheit. Die Gitarren rissen mit ihren Riffs Berge nieder, der Bass wurde mit einem Bogen gespielt und das Schlagzeug verbündete sich mit den Synthies zu einem Raubzug. Selten erlebt man eine solche Wucht in solch kleinem Raum.

Wenn die Musikerin ihre Band durch lange Stücke wie „Discovery“ führte, dann fiel sie genauso in Trance wie die Zuschauer. Dies wirkte so effektvoll wie eine gemeinsame Truppe aus Godspeed You! Black Emperor und der aktuellen, harten Phase von Sigur Rós, wurde hier dank der klassischen Ebene aber noch viel bedrückender. Kein Wunder torkelten die Besucher schier aus dem Club, als uns Anna Von Hausswolff aus ihrem Griff entliess. Es war einer dieser intimen Auftritte, der noch sehr lange in allen Köpfen herumgeistern wird und Musik wieder einmal neu erfunden hat. Und auch wenn es das allerletzte Konzert sein sollte, das ich erleben durfte, schönere Musik gibt es für die dunkle Seele nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.