Konzertberichte

Sei mitendrin statt nur live dabei.

Live: Glaston, Exil Zürich, 17-10-07

Glaston
Exil, Zürich
Samstag 07. Oktober 2017

Während am Zürich Film Festival anhand von Flaschen die Kernfusion erklärt wurde, zeigten im Exil junge Musikerinnen und Musiker, wie man Glas zum Schwingen bringt. Dies geschah aber nicht mit schwer nachvollziehbaren Experimenten, sondern mit elegischen und instrumentalen Songs. Glaston waren endlich wieder zurück auf der Bühne des Zürcher Clubs und liessen Erinnerungen gross werden. Vor drei Jahren bestieg die Band bereits diese Bretter und taufte feierlich ihre erste EP. An diesem Samstagabend aber ging es nun um etwas Grösseres: „Inhale / Exhale“, das erste Album, wurde geboren.

Ohne grosse Reden begannen Glaston ihr Set und zeigten, dass sich die lange Wartezeit auf dieses Debüt wahrlich gelohnt hat. Denn sie sind als Musiker nicht nur versierter geworden und treffen Takt- und Melodienwechsel ohne grosse Anstrengung, sondern wagen in ihren Tracks auch neue Richtungen und Einflüsse einzubauen. Was sich auf Platte oft sehr filigran und sanft anhört, das wurde live zu einer lauten Wucht. David Preissel am Schlagzeug liess sich zu wilden Figuren und dramatischer Doublebass hinreissen, die Gitarre von Jack Gutzwiller riss den Nebel immer wieder auseinander.

Dass viele Lieder aber auch live von Selina Maischs Klavier getragen werden, positioniert Glaston wunderbar neben der unübersichtlichen Menge an Post-Rock-Bands. Ihre Harmonien verzauberten nicht nur die Zuschauer, sondern hinterliessen einen nachhaltigen Eindruck. Unterstrichen wurde dies von Timo Beeler, der mit seinem Bass die perfekten Akzente setzte. Egal ob alt oder neu, Lieder wie „Sunnar“, „Ritou“ oder EP-Material ergänzten sich im Set herrlich und bewiesen: Diese Band ist in den letzten Jahren extrem gewachsen.

Und wer so voller Energie ist wie Glaston, der steht auch an einer Albumtaufe nicht still. Man wurde im Exil Zeuge von einem brandneuen Lied, elektronisch getragen mit Synthies und Drumcomputer, bassreich und fesselnd. Dass es um diese Basel-Zürich-Kombo in nächster Zeit ruhig und langweilig werden könnte – diese Angst muss man auf keinen Fall haben. Viel eher darf man sich mit diesem Quartett neugierig und erfreut in die Zukunft stürzen. Einatmen, ausatmen, los geht’s.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Advertisements

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-30

Match & Fuse Festival
Bands: Farvel / The True Harry Nulz / Colin Vallon Trio / Øyunn / KALI / Lucia Cadotsch
Diverse Orte – Zürich
Samstag 30. September 2017
Website: matchandfuse.ch

Zusammenbringen, austauschen, leihen und ergänzen – das Match & Fuse Festival steht für neue Entwicklungen in der Musik und das Verbinden von diversen Künstlern zu neuen Formationen. Und wenn sich am Freitagabend in Zürich die Damen und Herren vor allem dafür einsetzten, den Jazz auf moderne Weise mit elektronischen Stilarten zu verbinden, dann stand der Samstag ganz im Zeichen von Gruppierungsexperimenten und Bühnenbesuchen. So lauschten die Besucher im Moods und Exil zwar eher klassischen Darbietungen des Jazz, waren aber Zeugen einiger Premieren.

Bereits die erste Band schickte neuste Songs durch den Raum des Exil und verzauberte die Anwesenden mit ihrem organisch verwunschenen Liedergut. Farvel aus Schweden kombinierten Piano, schier animalische Gesänge und verspieltes Drumming mit der ersten Performance von Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö – noch diverse weitere folgten an diesem Abend. Jetzt hiess es aber abtauchen in eine Waldwelt voller leise erzählten Geschichten und lauten Ausbrüchen.

Da fiel der Wechsel zu The True Harry Nulz etwas schwer, vermischten sich im Moods nämlich nicht nur zwei Bands aus Österreich (Edi Nulz) und der Schweiz (The Great Harry Hillman), sondern auch komponierte Stücke mit langen Inspirationen und Improvisationen. Als ob man die Bühne in der Mitte gespiegelt hätte, gaben sich zwei Schlagzeuger, zwei Gitarristen und zwei Bassklarinetten Zeichen und Akzente. Beim Colin Vallon Trio lief es wieder einiges geregelter, auch wenn die elektrische Besetzung mit Rhodes und Julian Sartorius am Schlagzeug in dieser Form eine Premiere war. Mit der Unterstützung eines gewissen Herrn Sandsjö lieferten die Mannen ein beeindruckendes Set.

Was hier an Wucht und Geschwindigkeit zu Höchstleistungen führte, war bei der folgenden Darbietung der norwegischen Künstlerin Øyunn dann vor allem die Abkehr ebendieser Eigenschaften. Die blonde Dame streichelte ihr Schlagzeug und sang sanfte Melodien, Bass und Piano untermalten ihre angenehmen Lieder, die auch gerne etwas im Pop landeten. Diese Stücke waren klar das Licht zu dem lauernden Schatten, der sich unter der Leitung von KALI im Exil ausbreitete. Das Schweizer Trio bewegte sich mit seinen unvorhersehbaren Werken zwischen den jazzigen Phasen von Robert Fripp und der Bosheit von The Shining. Kammerleichte Spielereien wechselten sich mit extremen Verzerrungen der Gitarre ab und endeten in wahrem Donnergrollen. Diese Formation muss man sich merken, ihr erstes Album erscheint in wenigen Monaten.

Vom Match & Fuse Ensemble wird man hingegen wohl nicht so schnell etwas käuflich erwerben können, gaben sich hier doch fünf Musiker aus diversen Ländern zu neuen Versuchen hin und liessen Musik, welche zuvor in Irland erdacht wurde, auf den Schweizer Boden treffen. Womit die Bühne für eine weitere Rückkehr frei gemacht wurde: Sängerin Lucia Cadotsch verliess für einmal ihre Wahlheimat Berlin und trat mit ihrem neuen Speak Low Trio auf. Otis Sandsjö und Petter Eldh wehrten sich gegen streikende Instrumente und zu klare Songstrukturen, Lucia wandelte durch Chansons und Erzählungen.

Und während sich diese Lieder im Scheinwerferlicht sonnten, wurde die Bühne von immer mehr Musikern bevölkert und man wurde Zeuge von einem erneuten Umdenken der bekannten Lieder mit der Band Speak Low Renditions. Eine perfekte Verkörperung des Festival-Geistes und der bisher erlebten Konzerte – und ein weiteres Ausrufezeichen für Match & Fuse. Denn die erste Schweizer Ausgabe war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern ein wahrer Fundus an neuen Klangquellen, Talenten und Visionen. Die Welt des Jazz atmet auf viele Weisen, die wohl besten durfte man an diesen Tagen erleben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-29

Match & Fuse Festival
Bands: Tobias Preisig / Schnellertollermeier / Soccer96 / In Girum / IOKOI & ARIA
Freitag 29. September 2017
Diverse Orte, Zürich
Website: matchandfuse.ch

Ein einzelner Funke reicht aus, um Welten zu verschmelzen, die man danach nie mehr trennen möchte. Ob man dazu mit Streichhölzern agiert oder Sicherungen durchbrennen lässt, beim Festival Match & Fuse ist alles möglich und vieles erlaubt. Seit fünf Jahren steht die Vereinigung dafür ein, in Europa eklektische Bands und Künstler zusammenzuführen und die experimentelle Kreativität zu zelebrieren. Jetzt endlich hat es das Fest auch nach Zürich geschafft. Gleich an drei Abenden werden Gesprächsrunden, Konzerte und Jamsessions angeboten, immer mit einem Fuss im gesunden Wahnsinn.

Wenn es an etwas am Freitagabend im Moods und der Laborbar nicht mangelte, dann waren es gespielte Noten. Woraus andere Bands wohl Jahrzehnte an Alben schöpfen würden, reichte bei den hier spielenden Formationen für kurzweilige Stunden an den Instrumenten. Tobias Preisig, Lokalmatador und eine der beiden Hälften des Duos Egopusher, eröffnete die Nacht mit einer Solodarbietung an der Geige. Verändert, erweitert und verzaubert mit Gerätschaften und Basspedalen klang seine Musik mal bedrohlich wie der Chorgesang des Monolithen in „2001“, dann wieder wie eine ferne Stimme in der arabischen Wüste.

Feinste Berührungen an den Saiten wurden brummend durch das Moods getragen, mal wild dann wieder hypnotisch – das Streichinstrument wurde zu einem wundersamen Klangkörper. Diese Art der entrückten Verzauberung nutzten auch die zwei Frauen von IOKOI & ARIA, welche mit Videoprojektionen, Synthies und Gesang Lieder aufbauten, die eine düstere Björk auf die psychedelischen Flüsse von The Legendary Pink Dots treffen liess. Zwischen Performance, Installation und Auftritt parkiert wanderte das Duo zwischen Pop und Absturz und machte die Besucher zu einem wichtigen Bestandteil des Auftrittes.

Wer mit dieser Rolle etwas überfordert war, der fand bei den Schweizern Schnellertollermeier eine Darbietung, die vor allem zum Zucken und Staunen einlud. Das Trio musizierte sich mit extremer Präzision, unendlicher Energie und grosser Spielfreude durch instrumentale Lieder, die sogar Frank Zappas Schnauz gezwirbelt hätten. Mit Gitarreneffekten wie bei Battles, einem göttlichen Bassspiel und unermüdlichem Schlagzeuger wurden lange Lieder perfekt auf- und abgebaut. Schwarzer Jazz mit feinen Strukturen, ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Da war es fast entspannend, dass mit Soccer96 aus England und In Girum aus Frankreich dann zwei Duos folgten, die sich auf Synthie und Schlagzeug beschränkten. Wobei am Match & Fuse ja einzelne Instrumente ausreichen, um alle Konventionen zu sprengen: So galt es hier die Fahne der Polyrhythmik hochzuhalten, gleichzeitig aber die Realität mit langen Liedern und flächigen Melodien zu verwischen. Soccer96 tummelten sich mit ihren Songs näher am Club, scheuten weder vor Vocoder noch bunten Farben zurück. Dies führte zu langen Gedankenflügen und einem Trancezustand beim Tanzen.

In Girum lauerten danach auf der dunklen Seite der Gasse und mischten vor allem Direktheit und kühlen Druck in die Musik. Auch wenn eine solche Masse an Musik etwas überfordern konnte, mitreissend und fesselnd war auch dieser im Halbdunkel gespielte Auftritt. Was perfekt passte, halten sich doch alle Künstler und auch die Initianten dieses Festivals gerne in Zwischenwelten auf und suchen in den Mischmengen die Erlösung. Als Besucher fand man diese am Freitag mindestens einmal pro Stunde und Konzert – und musste vor Genialität der Musik immer wieder glücklich lachen. One down, one to go.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Alazka, Kiff Aarau, 17-09-23

Alazka
Support: Imminence, Across The Atlantic
Samstag 23. September 2017
KiFF, Aarau

Zuerst müssen wir für einmal etwas klarstellen: Warum verstecken sich viele Leute hinter dieser harten Fassade, den Tattoos und den heftigen Breakdowns, mögen aber die Eingängigkeit und sozusagen den Pop genau so gut? Vielleicht sollten wir dann gewisse Bands und Genres doch nicht mehr kategorisch ablehnen, wenn man zu Covers von One Direction in den Mosh steigt und Melodien auch von Taylor Swift stammen könnten. Aber tja, gerade im Metal war dies ja schon immer schwierig. Der Abend im KiFF war trotzdem mehr als solche Fragen, allen voran dank Alazka.

Die Band aus Deutschland ist auf Tour um ihr erstes Album „Phoenix“ vorzustellen und hat auch in Aarau bewiesen, dass ihre leidenschaftliche und immer energiereiche Version von Metalcore vor allem dank den zwei Sängern perfekt aufgeht. Sauberer Gesang und wildes Geschrei wurden aufgeteilt, die Mannen an den Mikrofonen ergänzten sich so gut wie die Gitarrenriffs mit den Bassläufen. Dass die Band meistens auf elektronische Backtracks und Verstärkung verzichtete, liess die Musik ehrlicher und direkter erscheinen. Alazka hatten Spass und liessen dies das Publikum spüren. Ob springende Gäste oder lautes Mitsingen, die Musiker hatten den Raum im Griff.

Dies erreichten Imminence zuvor auch, die Schweden konnten auf langjährige Fans zählen und liessen zum ersten Mal am Abend grosse Moshpits entstehen. Ihre Musik war teilweise das härteste was man an diesem Abend hören durfte, wechselten in ihren Songs aber auch immer wieder gerne in die eingängige Seite. Auch wenn manchmal etwas der Druck fehlte, wussten die Musiker sehr gut, wie man heftige Breaks den Leuten vorlegt und die Fans in den ersten Reihen zum ausrasten bringt. Und mit dem reisserischen „This Is Goodbye“ wurde der perfekte Schlusspunkt gesetzt.

Schade konnte der Abend nicht so gut starten wie er sich entwickelte. Denn die Amerikaner Across The Atlantic stolperten teilweise über die Abmischung und kleine Ungereimtheiten und die Lieder holten die Besucher nicht ganz so stark ab, wie sie eigentlich sollten. Es ist aber immer schön zu sehen, wie frische und aufstrebende Bands mit viel Spass ein ziemlich hart umkämpftes Gebiet wie den Metalcore angehen und somit die Leute alleine durch ihre Ausstrahlung schon begeistern. So war dieser Abend nicht nur eine Reise um die Welt, sondern auch eine kurze Einführung in verschiedenste Herangehensweisen dieser doch nicht immer so krassen Version von Metal.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Portugal. The Man, KiFF Aarau, 17-09-15

Portugal. The Man
Support: Steaming Satellites
Freitag 15. September 2017
KiFF, Aarau

Unglaubliche 150 Shows wurden von der KiFF-Untergruppe Arthole in zehn Jahren durchgeführt, eine Meisterleistung. Aber einmal geht jeder Traum zu Ende, und somit war auch dieses Konzert am Freitag das letzte in dieser Reihe – dafür mit alten Bekannten. Denn die amerikanische Indie-Band Portugal. The Man trat bereits zu Beginn dieser Erfolgsgeschichte auf der Saal-Bühne auf und zeigte dieses Jahr erneut, dass ihre Mischung diverser Stile auch interne Veränderungen und äussere Einflüsse überstehen kann. Dass sich die Musiker zu weit in den Pop gelehnt haben, war auf jeden Fall nicht zu spüren.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem einzigen Disco-Song von Pink Floyd, „Another Brick In The Wall Pt. 2“, welcher von Portugal. The Man dann geschickt zu einem eigenen, sehr tanzbaren Song umgebaut wurde. Diese Art von wechselhaftem Liedverhalten in Kombination mit ausufernden Instrumentalteilen war dann auch der Leitfaden für diesen restlos ausverkauften und laut bejubelten Auftritt. Die Musiker stürzten sich in psychedelische Versuche, liessen Strophen im harten Riffing untergehen und legten Solos hin, die auch im Blues-Rock für Anerkennung sorgen würden. Alles unter Begleitung der oft verstörenden, aber immerzu perfekt passenden Visuals, garniert von „Management-Aussagen“.

Die Band sorgte aber immer dafür, dass es nicht zu stark wucherte: Die Kurven wurden scharf geschnitten, aber nie verlassen, die Songformate nicht komplett gesprengt. Portugal. The Man sind vielleicht nicht mehr so wild wie früher, aber wahrlich sattelfest in ihrer eigenen Art. Da passte es perfekt, dass gegen Ende des Konzertes plötzlich „Don’t Look Back In Anger“ angestimmt wurde, auch wenn diese Versöhnung nicht mehr nötig gewesen wäre. Hymnen sind aber immer toll mitzuerleben. Davon hatten Steaming Satellites als Support etwas zu wenig, wenn auch die Mannen aus Salzburg ihren Pop ziemlich rockig garnierten.

Mit vielen Power-Chords, Keyboardspuren und eingängigen Songs mit einer unerwarteten Wende passten sich Songs und Bühnenbeleuchtung in ihrer Buntheit wunderbar an. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, solch eher ungezähmten Pop schon etwas zu oft gehört zu haben. Oder es lag vielleicht auch daran, dass sich das Publikum für die Hauptband noch etwas zurückhielt. Trotzdem, eine gelungene Einführung in einen Abend voller Indie-Träume, die man sich so nie gegenseitig erzählen würde.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Pineapple Thief, Dynamo Zürich, 17-09-11

The Pineapple Thief
Support: Godsticks
Montag 11. September 2017
Dynamo, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Dass an diesem Montag plötzlich in ganz Zürich scheinbar keine Ananas mehr zu finden war tun wir jetzt einfach als Gerücht ab – wie auch das Getuschel um plötzlich auftauchende Früchtchen im Backstage des Kulturhauses Dynamo. Was wir aber mit grosser Sicherheit vermelden können: Der Auftritt der Englischen Progressive Rock-Gruppe The Pineapple Thief war ein voller Erfolg. Und dies war auch nötig, war es schliesslich der erste Besuch in Zürich von Bruce Soord und seinen Mannen und ein heiss erwartetes Konzert. Besonders nach dem 2016 veröffentlichten Album „Your Wilderness“ ist die Band nämlich in die höchsten Sphären des modernen Art-Rock vorgedrungen und begeistert Leute auf aller Welt.

Somit gab es auch im Dynamo vor allem Lieder von der neusten Scheibe zu hören, druckvoll und energetisch dargeboten. Ob das elegische „In Exile“, welches auch für mich das Konzertvergnügen nach einem etwas zaghaften Beginn so richtig startete, oder das beschwörerische „Take Your Shot“ – die Atmosphäre der Scheibe konnte perfekt in den Saal übertragen werden. Womit auch gleich widerlegt wurde, dass The Pineapple Thief live nicht so überzeugen wie auf Platte. Aber mit Schlagzeuger Gavin Harrison (Ex-Porcupine Tree) als rhythmischer Zauberer, Jon Sykes als bewegungsfreudiger Bassist, Steve Kitch als ruhiger Keyboard-Pol und Darran Charles als wandelbaren und verschmitzen Gitarristen konnte nichts mehr schief gehen.

Charles zeigte auch gleich mit seiner eigenen Band Godsticks als Support, dass er den Prog in- und auswendig kennt. Die, seit 2006 aus Wales aktive Truppe, besticht in ihren Liedern weniger mit emotionalen Melodien, sondern mit komplizierten Songstrukturen und einem harten Klang. Hier gibt es verzerrte Gitarrenspuren, maschinell wirkende Drums und immer wieder dem Jazz angelehnte Harmonien. Während Darran Charles als Sänger zwar limitiert ist, tat diese Abwechslung in die dunklen Maschinenräume des Progressive Rock ganz gut. King Crimson war nicht der einzige Name, der einem während dem Auftritt durch den Kopf schwirrte. Und wenn die Herren bei „Exit Stage Right“ gleich alle Sicherheiten über Bord warfen, dann war dies ein wirklich aufregender Einstieg in den Abend.

The Pineapple Thief hatten keine Probleme, diese Energie weiterzutragen, was auch an dem wunderbar aufgelegten Publikum war. Die Zuschauer bejubelten nicht nur neue Tracks wie „The Final Thing On My Mind“, sondern auch selten vernommene Stücke wie „3000 Days“ oder „Shoot First“ und die herausragenden Einzelgänge der Musiker. Somit gab es gegen Ende des Abends immer mehr Interaktionen zwischen Bühne und Publikum und zufriedene Gesicht in jeder Ecke. Toll, dass sich die Diebe mit ihrer doch eigenen Art des Modern Prog auch in der grösseren Masse langsam etablieren. Konzerte wie dieses helfen dabei natürlich extrem.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Steven Eli, Oxil Zofingen, 17-09-01

Steven Eli
Freitag 01. September 2017
Oxil, Zofingen

Wer hat behauptet, während der Sommerpause darf in einem Kulturlokal nichts stattfinden? Schliesslich findet man sich auch ausserhalb der eigentlichen Saison gerne im Oxil ein und trinkt zusammen ein Bier, diskutiert über die immer kleiner werdende Kulturförderung und lauscht tollen Musikern. Da an diesem Freitag das Wetter den Abend zwar gemütlich, aber auch nass gestaltet hatte, wurde der letzte Anlass der Sommerbar in Zofingen in den Saal verlegt – auch kein Problem.

In kleiner Runde, gemütlich am Tisch sitzend und von alten Ständerlampen illuminiert schaute man etwas verträumt und doch gebannt auf die Bühne, denn dort entfaltete sich der uralte, aber nie langweilige Zauber des Singer-Songwriters. Ein Mann, eine Gitarre – Steven Eli brachte die weite Welt des Folk-Pop in den Aargau. Der junge Künstler aus Irland wohnt zur Zeit in Zürich und feilt dort an seinem ersten Album, im Oxil liess er die Besucher an seiner grossen Leidenschaft teilhaben. Denn für Eli gibt es nichts schöneres auf der Welt, als Lieder zu schreiben und diese zu spielen.

Er führte mit seiner Fender Stratocaster durch toll gezupfte Melodien, präzise angeschlagene Akkorde und mitreissende Texte. Ob schon fast schmachtend schön bei „Lady Lay“, druckvoll bei „Run Mary Jane“, weltenbummlerisch bei „Goodbye California“ oder herzlich plaudernd zwischen den Stücken – Steven Eli wickelte alle um seine fähigen Finger. Mit diesem Auftritt näherte man sich mit dem Künstler dem eigentlichen Kern der Musik und wurde wieder einmal überzeugt, dass die besten Momente kein Brimborium brauchen. Wenn sein Album dann auch nur halb so gut wird wie dieser Auftritt, steht uns eine echte Perle bevor.

Sich wieder einmal ohne Vorwissen über den angekündigten Künstler in den regionalen Kulturbetrieb treiben zu lassen, war die beste Entscheidung. Schade nur, wagen genau das immer weniger Leute – dabei verpasst man so viel Schönheit. Mein Appell: Vergesst all die modernen Mittel wie Streaming und Youtube, nehmt die paar Franken in die Hand für einen Konzertabend im Schuppen eures Wohnortes und wagt euch einfach an den nächsten Anlass. Wer weiss, vielleicht entdeckt ihr eure nächste Lieblingsband oder findet neue Freunde fürs Leben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Mister Milano, Badenfahrt Baden, 17-08-27

Badenfahrt 2017
Bands: Mister Milano
Sonntag 27. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Das war es jetzt also, der letzte Nachmittag vor der alternativen Bühne Polygon an der Badenfahrt 2017. Was zuerst wie ein unendliches Fest wirkte, ist nun nach zehn ereignisreichen und immer wieder überraschenden Tagen doch vorbei – aber die Erinnerungen werden noch lange in den Köpfen und Herzen der Besucher weiter schwingen. Und damit der Abschied nicht ganz so schwer ausfiel, durfte man zusammen mit der Künstlerin Patti Basler die gesamte Feier noch einmal Revue passieren lassen.

In einem wirklich perfekt ausgedichteten Vers nahm Basler noch einmal die Festgebiete, die Beizen, die Besucher und die Eigenheiten dieses Anlasses unter die komödiantische Lupe. Nicht selten erkannte man sich selber in diesen spitzen Bemerkungen. Was darauf musikalisch folgte war zwar nicht ganz so frech, aber auch nicht alltäglich. Denn die Band Mister Milano gibt sich zwar durch und durch italienisch, stammt aber aus Zürich. Max Usata und Igor Stepniewski von Puts Marie haben sich mit Schlagzeuger Lou Caramella zusammengetan um den Disco-Schmalz mal gehört umzukrempeln.

Denn ihr Musik klingt so, als wäre der Krautrock damals in einer italienischen Dorfdisco in den Achtzigern erdacht worden. Dies klingt weiterhin so, nur braucht man jetzt Mister Milano. Lange Songs treffen auf verzerrte Orgel, mischen sich mit kitschigen Keyboards und einem lasziv gespielten Schlagzeug. Dank Frontmann Usata und seinen in italienisch gesprochenen Texten schwingt der Musik eine zusätzliche Apathie bei, ganz als Gegenpol zu der immer düsteren Klanglandschaft. Beats und Orgel-Wände türmen sich auf, von den eigentlichen Liedern fallen mit jeder Minute weitere Teile der Maske ab.

So bleibt auch vom Franco Battiato Cover „Bandiera bianca“ nicht mehr viel luftige Leichtigkeit übrig, hier wird es basslastig und ernsthaft mysteriös. Ob dies nun immer ganz ernst gemeint ist spielt keine Rolle, die Musik von Mister Milano ist frisch, anders und immer glamourös – und eine dieser Entdeckungen, für die sich der Besuch bei der Polygon immerzu lohnte. Wie auch der nächtliche Gang zum Stadtturm, gab es doch zum Abschluss der Feierlichkeiten noch eine wunderbare Videoprojekt von Künstler Andi Hofmann. Der Mann kann nicht nur Bands visuell ergänzen, auch ganze Häuser wurden unter seiner Feder zu einem Naturschauspiel. Bis in zehn Jahren?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Egopusher, Badenfahrt Baden, 17-08-26

Badenfahrt 2017
Bands: Egopusher, Traktorkestar
Samstag 26. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Es war also soweit, die letzte wilde Partynacht an der Badenfahrt 2017 wurde eingeläutet. Erstaunlich, wie schnell ein solches, doch zehn Tage andauerndes Fest vorbeigehen kann. Doch dies war noch lange kein Grund, um Müdigkeit aufkommen zu lassen – denn noch einmal wurde eine Nacht lang „Versus“ so richtig ausgelebt. Ob moderne, elektronische Schwelgereien oder Breitwand-Balkan-Zeremonien, die Vielfalt war erneut so gross wie das Festgebiet.

Früh da sein war aber bei allen Veranstaltungen das Credo, spielten die Bands doch in eher kleinen Lokalitäten. Das Zürcher Duo Egopusher baute seine Instrumente und Geräte in der Parzelle 5554 auf, einer goldenen Bar mit fantastischer Aussicht auf die Aargauer Stadt. Tobias Preisig und Alessandro Gianelli liessen sich aber nicht von den funkelnden Lichtern des Festes ablenken, sondern entlockten Effektgeräten, Schlagzeug und Violine Songs, die extrem packend Techno mit etwas Jazz und cinematischem Volumen mischen.

Umhüllt von Nebelschwaden und Stroboblitzen liessen sie die Besucher des Gerüstbaus zwischen versunkenen Tänzen und frenetischem Jubel oszillieren und liessen alle kurz die Hitze vergessen. Nach diesem Auftritt freute man sich gleich noch mehr auf das kommende Debütalbum der Gruppe. Und fand mit Traktorkestar den perfekten Gegenpol für ein weiteres Konzert. Denn die Berner sind nicht nur viele Mitgleider stärker, sondern auch klanglich komplett woanders zu verorten.

Sich auf die eher knappe Bühne im Beetli Schmied quetschend, zeigte die Blaskapelle den Badnern, dass grossartig mitreissende Balkan-Brass-Musik auch aus der Schweiz stammen kann. Mit wilder Perkussion, immer abwechselnd gespielten Solos und einer Wagenladung voller heisser Rhythmen liessen Traktorkestar dieses kleine Quartier geschlossen hüpfen und feiern. Und war für viele der perfekte Abschluss für einen weiteren, wundervollen Badenfahrts-Tag.

Nicht minder interessant: Auf der Polygon-Bühne wurde einige Stunden zuvor die Miss Badenfahrt gekürt. Doch ganz im Sinn der alternativen Kultur ging es hier nicht darum, die schönste Bikinifigur und die längsten Beine zu bejubeln, sondern Künstler jeglichen Alters und Geschlechtes bei Darbietungen zu bewerten. Mit ihren witzigen, immer eloquenten und tiefreichenden Slam-Texten konnte sich die Trimbacherin Lisa Christ dann am Ende durchsetzen und nimmt die wunderbare Stadtturm-Krone somit in den Kanton Solothurn nach Hause. Die Badenfahrt ist schliesslich schweizweit zu feiern.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Open Air Gränichen, Moortal Gränichen, 17-08-25

Open Air Gränichen
Bands: New Model Army, Phil Campbell & The Bastard Sons, Cellar Darling, Crystal Ball, XII Gallon Overdose, Pascal Geiser, Bob Spring & The Calling Sirens
Freitag 25. August 2017
Moortal, Gränichen
Website: openairgraenichen.ch

Wer sich in das Moortal nach Gränichen verirrt, der wird sich bestimmt über das jährlich stattfindende Festival wundern. Wieso sollten solch bekannte Künstler und Bands die Reise in dieses abgelegene Dorf antreten? Die Antwort ist, wie meist bei musikalischen Veranstaltungen, eine ganz einfache: Weil sich hier viele Leute freiwillig zusammenschliessen, um ein liebevoll gestaltetes und immer angenehmes Fest der härteren Musik auf die Beine zu stellen – und dies zum bereits 23. Mal!

So haben es die Veranstalter auch 2017 wieder geschafft, auf gleich bleibendem Gelände ein noch abwechslungsreicheres Programm zu zusammenzustellen, dem es weder an Kulinarik, Attraktionen noch Klangereignissen mangelt. Kein Wunder, durfte man am Eröffnungsabend bereits Namen wie Cellar Darling, Phil Campbell und natürlich New Model Army auf den Bühnen bejubeln. Die legendäre Gruppe aus England war denn auch der klare Headliner.

Unter der Leitung von Justin Sullivan stürzte sich die Band in ein Set voller grossartiger Hymnen des Punk-Rock-Wave und bewies erneut ihre magisch fesselnde Qualität. Egal ob neue oder alte Songs, harte Gitarren oder sanfte Passagen mit Violinistin Shir-Ran Yinon – hier kamen nicht nur Fans von New Model Army auf ihre Kosten. Yinon durfte an diesem Abend sogar gleich zwei Mal auf der Hauptbühne ihr Talent beweisen, war sie schliesslich auch Teil der neuen Band von Anna Murphy.

Das Ex-Mitglied von Eluveitie hat mit Cellar Darling 2016 eine neue Formation gegründet, die auf erzählerische Weise Metal mit Einflüssen des Folk und Gothic packend verbindet. Da funktionierte sogar ein Song auf Mundart, und auch die Wespen hatten keine Chance gegen diesen Druck. Wilder war eigentlich nur noch der ehemalige Motörhead-Gitarrist Phil Campbell, der mit seinen Bastard Sons viele Festivalbesucher mit spezifischen Shirts glücklich machte. Hier gab es den grössten Rock und die meisten Riffs, wenn auch vielleicht nicht ganz so laut wie früher.

Aber auch andere Stilrichtungen und Geschmäcker wurden an diesem Freitag bedient. Egal ob man nun düsteren Country mit Eingängigkeit bei Bob Spring & The Calling Sirens, mitreissenden Blues-Rock mit Musikergastspiel in den Besucherrängen bei Pascal Geiser oder klassischen Hard-Rock mit Spandexschick mit Crystal Ball erleben wollte – das Open Air Gränichen hielt für alle die passenden Bands aus der Schweiz bereit.

Kein Wunder, wurde anschliessend bei XII Gallon Overdose noch einmal richtig gefeiert – denn nicht nur ihr alkoholgetränkter Gitarrenrock liess die Körper wackeln, sondern auch die Vorfreude auf den zweiten Festivaltag. Denn auch der Samstag wird wieder vor Musik bersten und mit Bands wie Anti-Flag, Terror oder Turbonegro das Moortal euphorisch erzittern lassen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.