Konzertberichte

Sei mitendrin statt nur live dabei.

Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel

Live: Gorillaz, Samsung Hall Dübendorf, 17-11-08

Gorillaz
Support: Little Simz
Mittwoch 08. November 2017
Samsung Hall, Dübendorf

Es war schon mehr als wohlig warm in der Samsung Hall, als die Lichter ausgingen und eine dröhnende Stimme aus dem Off die Besucher endgültig zu lauten Jubelschreien brachte – auf diesen Moment hatten viele sehr lange gewartet. Und als dann eine schier endlose Reihe an Musikern auf den Podesten und hinter den Instrumenten ihren Platz einnahm, da wusste man: Dieses Konzert wird einige Rahmen sprengen. Alleine der Umstand, dass die Cartoon-Figuren nicht mehr im Mittelpunkt stehen und man sich endlich getraute, alle Mitwirkenden offen zu zeigen, liess diesen Auftritt der Gorillaz gleich menschlicher wirken – ganz gemäss dem neuen Album „Humanz“.

Doch das Affentheater hielt sich nicht lange auf Sparflamme und Zampano Damon Albarn, der gleich vom ersten Song an wild auf der Bühne umherrannte und den Kontakt zu den Besuchern suchte, leitete seine Mitmusiker in ein Feuerwerk an alten Hits. „Last Living Souls“, „Tomorrow Comes Today“ oder „Every Planet We Reach Is Dead“ – neue und oft sehr soulige Kracher wie „Strobelite“ oder „Busted And Blue“ mussten sich zuerst hinten anstellen, erhielten aber später am Abend immer mehr Raum. Und wenn sich schon Sängerinnen und Sänger, Gitarristen, Schlagzeuger und Bassisten wie wild von Song zu Song schubsten, dann durfte auch das Drumherum nicht weniger explosiv sein.

Mit riesigem Screen und packenden Animationsfilmen, faszinierender Lichtarchitektur und einem Sound, der so manchen Besuchern die Haare umfrisierte, liessen die Gorillaz ihren gesamten Mythos und ihre Bandgeschichte neu aufleben. Gäste auf der Bühne und auf der Leinwand gestalteten Lieder wie das fröhliche „Superfast Jellyfish“ oder das kaputte „Garage Palace“ in allen Facetten lebendig, und schon bald versank man grinsend in dieser wahren Flut an Farben, Melodien und gesprochenen Songzeilen. Die Band nahm das Tempo nur selten raus und zeigte einmal mehr, wie eigenartige ihr Stilmix doch ist. Irgendwo zwischen englischem Trip Hop auf Speed, Vorort-Rap und verprügeltem Britrock, immer noch futuristisch und doch angenehm retro.

Klar, subtil war an diesem Konzert nichts. Jegliche Botschaften, welche ursprünglich mal in den Liedern und Videos gesteckt haben, wurden durch diesen Zirkus in den Hintergrund gestellt und mussten Platz für die grosse Party im Zoo machen. Wer sich aber so druckvoll und selbstsicher präsentiert, der darf das auch. Mit Liedern wie „Sex Murder Party“ boten sich die Gorillaz dazu gleich als moderne Nachfolger von Frankie Goes To Hollywood an und zeigten, dass auch fiktive Bands mit einem Amalgam aus Globalisierung und Spass die Welt erzittern lassen können. Und spätestens bei den Zugaben wie „Stylo“, „Feel Good Inc.“ oder natürlich „Clint Eastwood“ liessen alle Leute ihrer Begeisterung freien Lauf.

Kein Wunder also, liess Little Simz Dübendorf bereits als Support mit ihren harten Beats, inhaltlicher Schwere und gegen den Strich produziertem Rap erbeben. Direkt aus London und mit viel Attitüde, wilder als jeder Schimpanse – da durften sogar die schweren Schatten noch auf der Bühne umherstreichen. Und wenn man nach diesen Stunden müde, aber überglücklich aus der Halle torkelte, dann wusste man erneut: Die 2000er-Jahre sind noch lange nicht tot zu kriegen. „Turn yourself around to the soul / To the soul, to the soul!“

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: We Invented Paris, Sommercasino Basel, 17-11-03

We Invented Paris
Support: Sandhofer
Freitag 03. November 2017
Sommercasino, Basel

Eine Heimkehr ist immer schön, besonders wenn man ein Geschenk mitbringen kann. So landeten We Invented Paris nach einer kleinen Tour durch Deutschland nicht nur endlich wieder in ihrer Heimatstadt Basel, sondern wagten sich auch daran, ihr neustes Werk „Catastrophe“ endlich zu taufen. Seit Ende August ist die Scheibe erhältlich und hat nicht nur den Bandsound komplett umgekrempelt, auch die Bühnenshow zeigte sich wieder einmal in radikal neuem Glanz. Schön zu sehen, dass sich das Kollektiv um den Frontmann Flavian Graber immer wieder neu erfinden kann.

So wurden die Musiker für diese Feier im Sommercasino nicht nur in bunte Lichter getaucht, sondern nahmen ihren Platz zwischen übergrossen Fernsehern und unzähligen Glühbirnen ein. In Kombination mit wild rotierenden Scheinwerfern zeigten sich neue Lieder wie „Fuss“ und alte Hits wie „Zeppelin“ somit in einem leuchtenden Umfeld, nicht weit von einem herrlich einladenden Jahrmarkt entfernt. Im Gegensatz zur gleichzeitig stattfindenden Herbstmesse gab es bei diesem Auftritt aber keine leeren Worthülsen und überteuerte Ballons, sondern packende Grooves und fetzige Riffs auf der Keytar.

Songbeherrschend haben We Invented Paris dieses  – immer noch merkwürdige – Instrument nämlich für die Komposition auserkoren und Stücken wie „Looking Back“, „Catastrophe“ oder „Spiderman“ eine neue Frische einverleibt. Weg vom Singer-Songwriter, hin zum retroaktiven Pop. Das sorgte an dieser Plattentaufe für mitreissende Tanzmomente und geniale Einfälle der Band, die zum Beispiel während der Zugabe plötzlich die Titelmusik von „Knight Rider“ in die Songs webte. Der Kreis schloss sich, wurde man schliesslich schon beim Einlass von passenden Achtziger-Hits im Saal begrüsst.

We Invented Paris sind aber nicht in der Vergangenheit hängen geblieben, sondern zementieren mit Stücken wie „Touriste“ oder „Air Raid Shelter“ die Befürchtungen und Ängste unserer Generation – bieten aber auch gleich einen Ausweg. Die Pause zwischen den Alben hat der Band also mehr als gut getan, die Plattentaufe war ein fröhlicher Befreiungsschlag und ein weiterer Beweis, dass diese Kreativzelle in der Basler Szene gebraucht wird.

Kein Wunder, liess es sich auch Sandhofer nicht nehmen, für die letzten Lieder wieder auf der Bühne zu erscheinen. Begeisterte er bereits als Support mit eigenen und wortgymnastischen Momenten, illuminierte er nun die letzten Minuten mit TV-Kopfschmuck und erneut seinem knallgelben Overall. So geht Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Motorpsycho, La Coupole Biel-Bienne, 17-11-01

Motorpsycho
Mittwoch 01. November 2017
La Coupole, Biel-Bienne

Unglaublich, aber die letzten Minuten dieses monumentalen Konzertes brachten tatsächlich noch Edelmetalle ins Scheinwerferlicht. Denn die Norweger von Motorpsycho beendeten diesen bereits jetzt legendären Abend mit dem wunderbaren „The Golden Core“ und kehrten nicht nur musikalisch ihr Innerstes nach aussen. Aber die Auftritte dieser Männer forderten schon immer alles von Material und Körper, egal ob auf oder vor der Bühne – und so verliessen die Besucher auch an diesem Mittwochabend den Chessu in Biel erschlagen, aber glücklich. Drei Stunden pure Heavy Rock-Faszination ohne Hänger, wo gibt es das sonst?

Motorpsycho haben sich schon immer allen Konventionen entzogen, seit sich Bassist Bent Sæther und Hans Magnus Ryan 1989 zur Gründung einer Band entschieden und sich mit ihren Alben dann in schöner Regelmässigkeit zwischen die Stilrichtungen und Erwartungen gesetzt haben. Lärmiges Rock-Gerumpel in Lo-Fi Qualität wurde zu Country, zu schweren Gitarrenmonstern, zu psychedelischen Stoner-Flügen und zu wildesten Progressive-Opern. Einen mehr oder weniger definitiven Überblick über all diese Phasen gab es in Biel zu hören. Klar aber, dass der Schwerpunkt auf der Präsentation ihres neusten Werkes „The Tower“ lag.

Mit gleich sieben Liedern wuchs das Gebäude aus Alternative Rock und Metalanleihen in die Höhe und durchstach schnell den alten Gaskessel von La Coupole. Das alternative Kulturzentrum war perfekt für dieses Motorpsycho-Fest geeignet, gaben die Herren hier schliesslich bereits vor 17 Jahren mächtig Gas und freuten sich sehr, den Raum erneut mit ihrer Musik zu beschallen. Gleich mit den ersten Takten wurde es darum auch laut, wild und mächtig gut. Die vier Musiker übertrafen sich gegenseitig mit sattelfestem Spiel, eindrücklichen Soloflügen und Steigerungen über Steigerungen. Schall und Wucht perfekt vereint, nach nur wenigen Minuten fand man sich wie in einer Trance wieder.

Und dank alten Stücken wie „Upstairs-Downstairs“, „Un chien d’espace“ oder eben dem goldenen Kern wurde die Reise nicht nur in die Gedankenwelten, sondern auch in die Vergangenheit geführt. Schnell vergass man seine Umgebung, seine Sorgen und alle anderen Bands. Denn wer sich Motorpsycho bei einem solch mitreissenden Konzert gönnt, der wird plötzlich die fanatischen Leute in der vordersten Reihe verstehen, seinen Lebenssinn wiederfinden und auch nach einem solch langen Auftritt noch nach mehr zehren. Gestreckte Fäuste, lauter Jubel, Birnbäume und Tränen in den Augen – Heavy Rock kann so erlösend sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Schiller, Volkshaus Zürich, 17-10-27

Bild: Dietmar Grabs

Schiller
Freitag 27. Oktober 2017
Volkshaus, Zürich

Wenn sich aus der Dunkelheit langsam das Tourlogo in Form einer Spiralfeder schält und die Musiker in leicht buntes Licht taucht, dann macht es Sinn, tummeln sich im Kopf plötzlich Assoziationen zur Kindheit. Damals, als man mit Verwunderung ebendieses Plastikspielzeug die Treppe runterpurzeln liess und sich wunderte, welche Kräfte denn hier am Werk waren. Und genau diese Gefühle und Gedanken zapft Christopher von Deylen mit seiner Musik seit 1998 an und lässt uns immer wieder die Welt aus neuen Sichtweisen sehen. Schön also, machte Schiller wieder einmal in Zürich Halt.

Im Gegensatz zum letztjährigen Konzert im Hallenstadion gab es den Künstler im Volkshaus wieder in abgespecktem Format zu sehen  – begleitet von nur zwei Musikern und mit einem reinen Instrumentalprogramm, den Klangwelten. Eine kleine Reise also durch Synthieschluchten und Beatfelder, zwischen alten Hits wie „Das Glockenspiel“ und neusten Kompositionen wie „The Future III“, immer nahe an der Entspannung und leicht dem Kitsch frönend. Ohne die Gastsänger und dank der Verlagerung weg von den klaren Chartstürmern war dieses Programm aber auch in der neusten Auflage eine angenehme Meditationsreise.

Ob man sich nun mit geschlossenen Augen von den im Surround-Sound dargebotenen Keyboardflächen und Sequenzerspuren davontragen liess, oder gemeinsam mit den anderen Besuchern die geschmacksvolle Lichtshow betrachtete – jeder fand etwas im Konzert. Umso schlimmer darum, dass die Darbietung nach einer knappen Stunde von einer Pause unterbrochen wurde und vieles von der Magie zerbröckelte. So kam auch das Publikum nie aus seiner verhaltenen Rolle heraus und Schiller liess sich selber zu selten auf die Techno-Vergangenheit ein.

All dies vermengte sich in gewissen Momenten zu einem Auftritt, der etwas mehr Spannung und weniger Chill-Out hätte vertragen können – eigentlich riss nur „Ruhe“ wirklich mit. Trotzdem, in Kombination mit gelungenen Visuals wurden die neuen Tracks wie „Schwerelos“ und „Once Upon A Time“ zu einer Möglichkeit, sich die Welt und all ihre Wunder wieder einmal neu anzueignen. Es kann also fast kein Zufall sein, dass Schiller mit seinen Keyboard-Kameras Szenerien auf den Screen zauberte, die wie futuristische Städte aus „Blade Runner 2049“ wirkten. Denn wie auch der dystopische Film sind die Klangwelten des Musikers ein Kommentar zum menschlichen Verhalten und unserem Potential – eine Zeitreise in Kreisform.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Dietmar Grabs

Live: Mogwai, Kaserne Basel, 17-10-26

Mogwai
Support: Sacred Paws
Donnerstag 26. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Heilige Pfoten und Dämonen mit Fell – was nach einem flauschigen Abend im verzauberten Zoo klingt, war der normale Rock-Wahnsinn am Donnerstagabend in der Kaserne in Basel. Glasgow besuchte die Schweiz und zeigte, dass die lokale Musikszene Schottlands mit extrem unterschiedlichen Bands aufwarten kann. Kein Wunder also, war die Halle stark mit Neugierigen befüllt und schon fast mit tropischem Klima ausgestattet. Doch bevor die Helden des Abends, die Post-Rock-Grösse Mogwai, die Bühne für sich behaupten konnten, gab es einige Überraschungen zu erleben.

Das Duo, zeitweise Trio, Sacred Paws aus Glasgow und London gibt nicht nur in ihrer Biografie an, sich immer mit viel Inbrunst zu bemühen – sie zeigten diesen Willen auch live. Der Stilkontrast zwischen Vorband und Hauptact hätte zwar nicht grösser sein können, die Frauen stürzten sich aber mit so viel Spielfreude und Ausgelassenheit in ihren Jangle Pop, dass man nach wenigen Takten automatisch mit Kopf und Körper wackelte. Schon fast hyperaktive Schlagzeugrhythmen und Gitarrenfiguren wurden von quierligem Gesang begleitet und zeigten, dass nicht alles aus dem Norden instrumental und schwer sein muss.

Aber auch Mogwai selber haben nicht zuletzt mit ihrem neusten Album „Every Country’s Sun“ bewiesen, dass Humor immer einen grossen Platz in ihrer Musik einnehmen wird. Was früher in merkwürdigen Album- und Songnamen ausgelebt, dann von Synthies und Sprachsamples weitergeführt wurde, darf jetzt in „Disco-Stücken“ münden. „Party In The Dark“ wurde auch gleich als zweites Lied in der Kaserne dargeboten und liess den Post-Rock mit lautem Shoegaze und Gesang in neue Gebiete eintreten. Für Puristen wohl ein Moment der Überwindung, in der Bandgeschichte aber eine logische Weiterentwicklung.

Denn wenn Lieder wie „Remurderd“ mit Synthiespuren das Basler Publikum erquicken können und sich das knackige Songformat bei Mogwai bereits seit Jahren bewährt hat, dann liegen die Intuitionen der Musiker bestimmt nicht falsch. Auch wenn ich mir teilweise ein längeres Ausharren auf gewissen Riffs oder Melodien gewünscht hätte, diese konzentrierte Form ihrer Lieder machte viel vom Reiz aus. Wirklich gross wurde dies natürlich mit den sehr lauten, von bis zu drei Gitarren dargebotenen Stücken wie „2 Rights Make 1 Wrong“ oder die Zugabe „We’re No Here“. Ob nun die Erde bebte oder der Gleichgewichtssinn von den Schallwellen verwirrt wurde, die Schotten strahlten nicht nur dank ihrer eindrucksvollen Lichtshow.

Mit zwei neuen Tourmitgliedern Cat Myers (Schlagzeug) und Alex Mackay (Gitarre), vielen frischen Songs wie dem dunklen „Old Posions“ und einer grossen Spielfreude, bewegten sich die Mitglieder von Mogwai zwischen Scheinwerfern, Strobo und raumfüllenden Lichtinstallationen und zeigten, dass sie live zu einer unglaublichen Wucht aufspielen – und dies nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte! Post-Rock klang selten so lebendig und liess die Leute zu einigen Tanzbewegungen hinreissen. Da sollte auch das Füttern nach Mitternacht kein Problem darstellen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Egopusher, Moods Zürich, 17-10-20

Egopusher
Support: Chico Cream
Freitag 20. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es war zu erwarten gewesen – dass die Musiker und Besucher dann aber in solch intensives, blutrotes Licht getaucht wurden, war doch mehr als überraschend. Die Plattentaufe zum ersten Album von Egopusher wurde nämlich nicht nur von vielen Leuten begleitet, sondern mit einer gelungenen und wirkungsvollen Lichtshow untermalt. Das Duo und ihr erstes, vollwertiges Baby hatten aber auch gar nicht weniger verdient, ist „Blood Red“ doch ein Album, das lange Zeit begeistert. Obwohl bereits seit einer Woche erhältlich, war es an diesem Freitag dann soweit, offiziell die Geburt zu feiern – im edlen Lokal Moods in Zürich.

Weil Schlagzeuger Alessandro Giannelli und sein Bandkumpel und Violinist Tobias Preisig gerne über dem Horizont schweben und wirken, war bereits die Einstimmung mit Support Chico Cream ein Genuss. Mario Scarton sass hinter einer halben Burg aus Klavier, Synthies und Effektgeräten, beugte sich wie ein verrückter Forscher über die Tasten und entlockte ihnen Klänge, die zwischen abstürzend verzerrt und hallend klar pendelten. Der von der Berliner Szene beeinflusste Künstler liess aus Ambientfiguren tanzbare Technobeats wachsen, krümmte Harmonien um die Basspedale und fabrizierte Musik, die fast das Magazin De:Bug wiederbelebte.

In diesen nährhaften Boden pflanzten Egopusher dann ihre Samen und schafften es zum wiederholten Mal, mit ihrer faszinierenden Mischung aus perkussiver Wucht, avantgardistischer Streichmusik und Club-Electronica die Leute zum Tanzen und Feiern zu bringen. Pulsierende Stücke wie „Jennifer (William Part II)“ wechselten sich mit experimentellen Steigerungen ab, bejubelte Singles („Patrol“) liessen die Endorphine nur so fliessen. Doch wie leider oft zu beobachten in der etwas jungen und hippen Szene, verkrampften sich zu viele Leute lieber an ihren Smartphones, als den Moment zu geniessen.

Dies kann man der Band nicht vorwerfen, gaben Egopusher schliesslich alles und verliessen die Bühne schweissnass und glücklich, wenn leider auch ohne eine Zugabe zu spielen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, diese Herren auch schon in stärker packender Form live erlebt zu haben. Gewisse Momente wirkten etwas verzettelt, was die Genialität hinter ihren Liedern aber auf keinen Fall schmälerte. Preisig und Giannelli haben mit ihrer andersartigen Musik eine Quelle angezapft, die hoffentlich noch lange nicht versiegen wird und herrlich frischen Wind in die Welt der handgemachten Electronica bringt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Swans, Salzhaus Winterthur, 17-10-19

Swans
Support: Baby Dee
Donnerstag 19. Oktober 2017
Salzhaus, Winterthur

„One Sunny Judgement Day / I lost Track Of Time“, sang Baby Dee und traf den Kern dieses Abends bereits sehr früh mit wenigen Worten. Die Sängerin aus Amerika durfte mit mit ihrer Begleitung die Besucher darauf einstimmen, dass dieses Konzert alle Normen des Alltags sprengen würde. Ihre Lieder schwankten zwischen räuberischen Erzählungen und gruseligen Märchen, immer theatralisch dargeboten und so krumm, wie die Planken der alten Piratenschiffe. Mit Handorgel verstärkt, erstaunlich bissig und am Ende sogar politisch – diese Künstlerin bewegt sich in herrlichen Kreisen, war mehr Schauspielerin als Sängerin und verwandelte das Salzhaus in eine angenehme Geisterbahn.

Perfekt, dass die Urgewalt aus den amerikanischen Staaten, die lauteste Noise-Rock-Gruppe, die Legende des ehemaligen No Wave aus New York danach für den Rest des Abends einen erschütternden Exorzismus in Winterthur durchführten. Swans, das Kollektiv unter der Leitung des Saitenteufels Michael Gira, tourt noch ein letztes Mal in der aktuellen Form durch Europa, bevor sich die Band danach in eine ungewisse und neuartige Zukunft bewegen wird. Nicht wenige nutzten darum die Gelegenheit, sich dieses Live-Erlebnis zu gönnen. So fand man im endlich säulenlosen Saal Schamanen, die bereits nach wenigen Takten des eröffnenden Monsters „The Knot“ in anderen Sphären schwebten und Neulinge, die zuerst die wahnsinnige Lautstärke verdauen mussten.

Das Schild beim Eingang lügte nicht mit der Aussage „Swans Play Loud. Very Loud.“ – hier wurden Trommelfell, Extremitäten und Innereien zugleich bearbeitet. „The Knot“ baute sich während 50 Minuten kontinuierlich auf, Gira liess seine Mannen Wellen aus Gitarrenfeedback, Bassgewummer, Keyboard und Schlagzeug auf die Zuschauer losfeuern und füllte die leiseren Stellen mit seinen Mantragesängen. Eine Gruppe wie Swans live zu sehen bedeutet nicht, die feinfühlige Reproduktion von Studioaufnahmen zu betrachten. Hier ging es um die drastische Dekonstruktion von Konventionen, Formatzwängen und Wohlklang. Jaulende Riffs, tribalistische Rhythmen und schier endlose Repetitionen – ob „The Man Who Refused To Be Unhappy“ oder „Cloud Of Unknowing“, Stücke des aktuellen Albums „The Glowing Man“ und neue Kreationen wurden zu Lebenserfahrungen.

Schnell fühlte man sich in den unerbittlichen, sonischen Attacken befreit, liess Empfindungen von den Druckwellen leiten und fühlte, wie sich das Gehirn langsam auflöste. Ein Konzert von Swans zu beschreiben ist fast so unmöglich, wie das Wirken von Godspeed You! Black Emperor oder ähnlichen Urkräften in Worte zu fassen. Trotzdem ist es genau aus diesem Grund wichtig, dass man nie vergisst, wie heftig Musik einen Menschen treffen kann. Wer selber im Salzhaus nicht dabei war, der hat zwar diese eine Läuterung verpasst, darf aber auf eine neue Inkarnation dieses genialen Kollektivs hoffen. Die Welt wäre ohne die Swans zwar um einiges leiser, aber auch leerer und unausgewogen. Lang leben die Könige der extremen Gitarrenmusik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.