Trip Hop

Dhanya – Dhanya (2018)

Wohin die Reise geht, das weiss man zu Beginn des ersten Albums der Venezuelerin Dhanya nicht. Denn „Fire“ klingt nach Radio, klarem Pop und Hitparade. Aber schon bald zweigt „Dhanya“ ab und dirftet mit ihrer Musik nicht nur um die ganze Welt, sondern auch durch diverse Stimmungen und Stilrichtungen. Globaler Pop, beeinflusst von Trip Hop und World – hier vermengt sich die Spiritualität und Lebenserfahrung der Sängerin mit ihrer musikalischen Vergangenheit bei Mayapuris.

Das schönste Beispiel und wirklich emotionaler Song ist „Gurudev“: Sanfte Rhythmen, wunderschöner Gesang und indischer Einfluss bilden zusammen einen Höhepunkt auf „Dhanya“. Was aber nicht immer ganz so fliessend und entspannt aufgeht, wirkt vieles in den Liedern von Dhanya doch zu glatt und flehend. Besonders während der ersten Hälfte der Platte ist es nicht immer einfach, das Gute in den Kompositionen zu entdecken, ohne alles als billige Massenware abzutun. Mit jedem weiteren Stück wird dieser Eindruck aber beiseite geschoben.

Dhanya ist ganz klar eine sehr talentierte Sängerin und Musikerin und schafft es auf ihrer ersten Platte, massentaugliche Musik mit exotischen Zutaten und Elektronica so zu vermengen, dass es auch die breite Masse anspricht. Vielleicht manchmal etwas zu tief im esoterischen verankert, ist dieses Album aber doch ein schöner Ausflug in andere Gewohnheiten und Bilder. Und mit „Song To Self“ versöhnt uns die Frau dann alle wieder.

Anspieltipps:
Longing, Gurudev, Song to Self

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monophona – Girls On Bikes Boys Who Sing (2017)

Band: Monophona
Album: Girls On Bikes Boys Who Sing
Genre: Trip Hop / Alternative Rock

Label/Vertrieb: Kapitän Platte
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: monophona.com

Nein, der Titel steht hier nicht für verklärte Popmusik aus den Achtzigern, er steht für Empörung und Protest. Als Zeile im Song “Hospitals For Freedom” ist er, zusammen mit den restlichen Sätzen, eine erstaunlich direkte und zielgerichtete Aussage gegen den Krieg in Syrien. Wovor sich andere Bands wohl eher fürchten würden und die Wut in Metaphern verallgemeinern, dient beim Luxemburger Trio Monophona für Musikverstärkung und politische Neupositionierung. Zurück mit dem dritten Album “Girls On Bikes, Boys Who Sing” ist die Band nämlich düsterer und wütender als je zuvor.

Sängerin Claudine Muno bringt bei vielen Songs ihre Stimme an die Grenzen, schreit und verliert sich in der Verständnislosigkeit. Monophona weiten auf ihrem dritten Studioalbum den Klangkosmos zwar nicht direkt aus, stellen sich aber aktuellen politischen und humanitären Fragen und verlegen ihre Melodien noch weiter in die Dunkelheit. Schwere Beats, tiefe Bässe und einzelne Westerngitarren findet man immer noch zuhauf, auch legt das Trio seinen gewichtigen Trip Hop bei Stücken wie dem herzlichen “Lada” beiseite. Trotzdem, die grosse Wucht erfährt man bei Krachern wie “Tick Of A Clock” oder dem tanzbaren “I Will Be Wrong”. Und dieser starke Ausdruck steht der Band extrem gut.

Ob sich Monophona mit “Folsom Prison Blues” bei Johnny Cash bedienen und auch damit in den Untergrund steigen oder bei “Hospitals For Freedom”, wie eingangs erwähnt, die Brutalität der aktuellen Kriege verurteilen – eindringlich und treffend sind ihre Melodien und Hooks immer. Da tut es fast mehr als gut, wurde der letzte Song mit “We’ll Be Alright” betitelt, ist die Musik auf  “Girls On Bikes, Boys Who Sing” nämlich gerne tonnenschwer, aber nie ohne Schönheit. Zusammen mit solch talentierten und toleranten Künstlern gehen wir gerne weiter, auch wenn die Zeiten teilweise etwas ausweglos erscheinen.

Anspieltipps:
Tick Of A Clock, Lada, Hospitals For Freedom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yasmine Hamdan, Moods Zürich, 17-10-13

Yasmine Hamdan
Freitag 13. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es sollte nicht verwundern, dass an diesem Freitagabend der Saal im Moods bis zur Türe packend gefüllt war. Wir leben in Zeiten, in denen sich Kulturen und Länder immer mehr vermengen, zu neuen Schöpfungen und Perspektiven. Während wir im Kino eine israelische Schauspielerin anhimmeln, die eine Amazone in einer amerikanischen Produktion spielt, ist es nur logisch, vor Yasmine Hamdan in die Knie zu gehen. Die Sängerin aus dem Libanon beweist in ihrer Musik nämlich, dass West und Ost perfekt zusammenpassen.

Geschmackvoll beleuchtet mit einzelnen Glühbirnen und projizierten Mustern im Hintergrund führte die schöne und starke Frau ihre drei Musiker (Cedric Le Roux – Gitarre, Minh Pham – Synthie, Loïc Maurin – Schlagzeug) durch ein Set, dass alle verzauberte und mitriss. Um ihr aktuelles Album „Al Jamilat“ aufgebaut, versank man nach wenigen Takten in einer Welt, in der leise Klagegesänge zu elektronisch pochenden Stücken wurden oder sich in lauten Gitarrenwänden auflösten. Yasmine Hamdan vollführt mit ihrer Band live das Kunststück, ihre kleinen Schhöpfungen zu neuem Leben zu führen, Aussagen in Ausbrüchen zerfliessen zu lassen.

Sie zelebrierte in glitzerndem Oberteil, mit verführerischen Blicken zwischen ihrem wallenden Haar und extrovertierten Tanzbewegungen ihre Ausnahmestellung im arabischen Pop. Denn innert kurzer Zeit hat sie mit – auch an diesem Abend wuchtigen – Liedern wie „Assi“ oder „Ya Nass“ den Trip Hop und Electropop in arabischer Musik einverleibt und mit Akzenten der Sahelzone oder des Bouzouki garniert. Begleitet wurden die Klänge von extrem emotionalem Gesang, der Spieltrieb und Ausführung zugleich ist. Denn ob hier nun Dramaqueens oder politische Entscheidungen die Hauptrolle spielen, Hamdan lebte diese Schicksale.

Das Sprach- und Kreativtalent Yasmine Hamdan spielte somit nicht nur mit ihrer Band und liess Stücke härter, männlicher oder lauter werden, sondern auch mit dem Publikum und liess uns träumen und schwitzen. Zwischen langen Tanzmomenten und Kaskaden purer Schönheit gab es den Song vom Film „Only Lovers Left Alive“ und mehrsprachige Ansagen. Und als der Auftritt in Zürich dann mit der herzlichen Betrachtung und Liebeserklärung an Beirut endete, war endgültig klar: All diese vermischten Welten unterscheiden sich im Herzen gar nicht. Frau Hamdan spricht mit ihrer Musik aus, was allen schon lange bewusst sein sollte, und das auf schönste Weise.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ghostpoet – Dark Days + Canapés (2017)

Ghostpoet – Dark Days + Canapés
Label: PIAS, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Trip Hop, Electronica, Alternative

Manche Nächte zerfliessen nach ein paar Stunden, wie das Schriftbild auf dem Cover des neusten Albums von Ghostpoet. Der britische Künstler begleitet auf seinem vierten Werk „Dark Days + Canapés“ nämlich blaue und schwarze Stunden zugleich und fängt das schwebende und losgelöste Gefühl dieser Momente perfekt ein. Die musikalische Mischung aus Rap, Trip Hop und alternativem Rock gibt sich dazu aufregend und zurückhaltend zugleich, die Texte sind persönliche und emotionale Überlegungen und soziale Anprangerungen. Ein typisches Produkt aus dem modernen England also.

Da passt es auch mehr als gut, holt sich Obaro Ejimiwe Unterstützung von weiteren Namen wie Daddy G, bekannt durch seine Arbeit bei Massive Attack. „Woe Is Meee“ ist mit seiner Blues-Note und den schwingenden Gitarren auch gleich eines der grossen Highlights auf „Dark Days + Canapés“ – und erinnert perfekt an die nächtliche Stimmung von David Lynchs Kunst. Allgemein erreicht Ghostpoet mit vielen seiner Songs eine Stimmung, die klar den Beton durchzogenen Strassen Londoner Vororte zuzuordnen ist. „(We’re) Dominoes“ hadert mit diesen Zuständen, gleitet dabei leicht in die Welt eines Jamie XX.

Spannend bei Ghostpoet ist zu hören, wie sich gesprochene Texte, sanfte Beats und Rockbesetzung gegenseitig stützen und die Musik sich dadurch vielen Vorurteilen gleich entzieht. „Dark Days + Canapés“ findet damit Freunde bei Hip Hopper, düsteren Indie-Grübler und vor allem Tricky-Fans. „Freakshow“ könnte von diesem stammen, strahlt auch etwa die gleiche Melancholie und Sexiness aus. Ein Album voller Geschichte die erzählt werden mussten, verpackt in Musik, die geheimnisvoll packt.

Anspieltipps:
Many Moods At Midnight, Freakshow, Woe Is Meee

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

DNZR – Ebriety (2017)

DNZR – Ebriety
Label: Smile Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Jazz, Trip-Hop

Das Leben in der Grossstadt zu vertonen, viele Musiker haben sich schon an diesen Versuch gewagt, in etlichen Arten der Musikgeschichte. Felix Denzer, Teil des Prog-Rock Duos Fewjar macht sich nun mit Synthies und Beats auf, seine Wahlheimat Berlin in Lieder zu fassen. Als DNZR begnügt er sich dabei aber nicht mit simplen Techno-Tracks, sondern mischt immer wieder interessante Instrumente, Gesänge oder unzähmbare Perkussion in das Debüt „Ebriety“. Diese Zutaten sind aber auch wichtig, lassen sie die Scheibe mit der Zeit wahrlich strahlen.

Wenn DNZR sein Album mit „Chivvy“ eröffent, dann brummt es zwar schon wunderbar und man fühlt, wie sich die Beine unter dem eigenen Körper davonmachen – wirklich zwingend ist die Musik aber noch nicht. „Adieu Jour Ordinaire“ lädt uns mit Bläser und Laissez-faire in die Sphären eines Oliver Koletzki oder des französischen Künstlers St. Germain. Noch mehr Schichten bieten alsbald Gastsänger – doch wirklich abheben darf „Ebriety“ meiner Meinung nach erst mit „Into The Mire“. Hier wird angenehme Electronica mit Jazz und Trip-Hop kombiniert, das Multikulti-Gefühl einer Millionenstadt somit perfekt transformiert.

Und was danach folgt, ist eh gross. „Endorphins“ bietet Stakkato-Stimmen-Samples mit sehr geschmeidigem Beat, das Highlight „No More Than An Hour Ago“ lässt die Nächte länger werden und uns locker durch die beleuchteten Strassen joggen. DNZR beweist, dass er es sehr wohl versteht, unterschiedlichste Einflüsse zu spannenden Tracks zu verweben. Dabei wird er den typisch Deutschen Klang elektronischer Musik zwar nicht immer ganz los, aber gerade ab der Hälfte weiss „Ebriety“ vollends zu überzeugen. Da freut man sich sogar wieder über die Touristen.

Anspieltipps:
Bluff Package, Into The Mire, No More Than An Hour Ago

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Unkle – The Road Pt. 1 (2017)

Unkle – The Road: Part 1
Label: Songs For The Def, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Trip Hop

Unglaublich, bereits sieben Jahre ist es her, seit das letzte Album von UNKLE erschienen ist – und in dieser Zeit hatte ich immer wieder eine Scheibe des Kollektivs in der Hand mit dem Hintergedanken, was die Leute um James Lavelle eigentlich so machen. „The Road: Part 1“ klärt nun all diese Punkte mit einem Album, dass die besten Seiten der Gruppe mit modernen Gedanken verbindet. Natürlich nicht, ohne diverse Stargäste aufzubieten, seien es Mark Lanegan, Elliott Power oder Mïnk.

Spätestens bei „Looking For Rain“ ist auch dieses typische UNKLE-Gefühl wieder zurück. Lanegans tiefe Stimme wird von treibenden Beats und kreisenden Synthies begleitet, der Song öffnet sich im Refrain zu Streichern, bevor die Dunkelheit mit Gitarren über die Komposition gleitet. Es sind Stücke wie dieses, die UNKLE so gross gemacht haben; die mitreissende Mischung aus nachdenklichem Trip-Hop, innovativem Alternative Rock und der Freude zur epischen Grösse. So gleitet auch „The Road: Part 1“ von Tracks für die lange Disco-Nacht zu melancholischen Kleinoden wie „Sunrise (Always Comes Around)“, zusammengehalten von gesprochenen Intros und kleinen Zwischenspielen.

Für die neuen Lieder hat sich James Lavelle auf die Wurzeln von UNKLE zurückbesinnt und wollte das alte Gefühl der ersten Alben wieder aufleben lassen, nicht ohne die Londoner Szene der heutigen Tage zu missachten. Dies geht auf dem Album wunderbar auf und die Platte bietet perfekte Tanzmomente und wunderbaren Pop. „Arms Length“ zeigt die eingängige Sperrigkeit, „The Road“ die lange Sehnsucht in klanglicher Form. Sieben Jahre können eine sehr lange Zeit sein, aber mit „The Road: Part 1“ als Ziel hat sich jede Sekunde gelohnt. Die Truppe ist wieder da und strahlt so hell wie lange nicht mehr.

Anspieltipps:
Looking For Rain, Arms Length, The Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Archive, Kaufleuten Zürich, 16-11-27

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Archive
Sonntag 27. November 2016
Kaufleuten, Zürich
Setlist

Deine Augen werden von rasant wechselnden, mit grafischen Fehlern durchzogenen Bildern in den Bann gezogen – schon fast hypnotisierend sind die pulsierenden Muster und Bilder. Dazu füllen sich deine Ohren mit digitalen Klängen und Effekten, es dröhnt, es schwellt an, es bilden sich Melodien und kratzende Strukturen. Bald gibst du nicht nur deine Gedanken, sondern auch deinen gesamten Körper dem Spektakel hin und vergisst deine Umwelt – die Könige der falschen Grundlage haben dich vereinnahmt. Und ein erneutes Mal haben Archive die Schweiz im Sturm erobert.

Die Vorzeichen liessen auch nichts anderes erahnen, war das Konzert im Kaufleuten in Zürich schliesslich schon seit mehreren Wochen ausverkauft. Das Kollektiv aus England hat sich mit vielen Auftritten und ebenso zahlreichen Alben in den letzten Jahren einen grossartigen Ruf erarbeitet, der der Realität immer wieder standhält. Die Truppe aus sieben Musikern hat es nicht nur geschafft, einen komplett eigenen Klang zu kreieren, sondern verzaubert immer noch mit ihren Stücken zwischen Trip-Hop, elektronischem Rock und sanftem Industrial.

Da Archive mit ihrem neusten Album „The False Foundation“ weiter in die leisen Experimente der Electronica eingestiegen sind, wurde auch das Konzert in Zürich von vielen sanft anschwellenden und reduzierten Momenten bestimmt. Es ist der perfekten Ästhetik in Sound und Design zu verdanken, dass auch solche Strecken neuer Musik immer betörten. Aber perfekt wurde der Abend erst mit dem Auftauchen von Sängerin Holly Martin, mit der auch die alten Kracher wie „Hatchet“, „Bullets“ oder „You Make Me Feel“ das Set auflockerten. Das Publikum wurde immer euphorischer, die Band immer spielfreudiger.

Und Archive wären nicht die geliebte Band, wenn ihre Lieder nicht von den scheinbar unendlichen Repetitionen und urgewaltigen Steigerungen leben würden. „Feel It“ wird bis zum totalen Ausraster wiederholt, „Controlling Crowds“ schwillt höher als der Prime Tower an. Und als sich Dave Pen mit zwei Musikern ganz am Ende noch zu einer halbakustischen Version von „Again“ hinreissen lässt, wähnt man sich im Himmel. Der gesamte Auftritt wurde somit zu einer kathartischen Übung und übertraf sogar das letztjährige Treffen in Basel.

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Monophona – The Spy (2012)

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Monophona – The Spy
Label: Kapitän Platte, 2016
Format: Doppel-Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Trip-Hop

Ein Spion sollte sich meist unauffällig und flink bewegen, seine Deckung nicht verlassen und sich nicht zu erkennen geben. Ein harter Job, der in der Freizeit wohl nach tiefen Momenten der Entspannung schreit – Monophona bieten mit ihrem Debüt-Album genau die richtige Musik dafür. Ursprünglich 2012 veröffentlicht, erhält die Scheibe dank dem Bielefelder Label Kapitän Platte nun ein neues Leben als vorzüglich verarbeitete und herzlich verpackte schwarze Scheibe. Und die Musik von „The Spy“ hat es eindeutig verdient, wieder angehört und verbreitet zu werden.

Monophona, das Trio aus Luxemburg, geht in seinen Songs unscheinbar vor und hat eine komplett eigene Art, Electronica mit Trip-Hop zu verbinden. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass die meisten Stücke dem gleichen Aufbau folgen – hier finden Liebe zur Ausarbeitung und kompositorisches Talent zusammen. Meist dominieren sanfte Beats, Melodien aus Synth und akustischer Gitarre und über allem der liebliche und verlockungsvolle Gesang von Claudine Muno. Downtempo für Geniesser und Entdecker, zwischen tiefen Bässen und aufregenden Takten.

Monophona lassen ihre Musik nie gehetzt wirken und denken alle Lieder vor der Vollendung genau durch. Dadurch ist „The Spy“ geschlossen und zu keinem Moment unnötig. Jeder Ton, jedes Wort und jedes Riff sitzt perfekt eingebettet im Nest der Electronica und ist perfekt produziert. Die Neuauflage kann sich mit akzentuiertem Klang und hübschem Siebdruck auf der vierten Seite brüsten – die Band mit verträumter und malerischer Musik. Zwar sind Monophona selten fröhlich, aber der Sound auf dieser Platte bietet viele Gründe zur Freude.

Anspieltipps:
Let Me Go, Unfold, Boy

Astray – All Right Yellow Bird (2016)

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Astray – All Right Yellow Bird
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Bandcamp, Facebook
Genre: Electronica, Trip-Hop

Es rauscht und knistert im Funk, der Countdown ist zu Ende, die Raumfähre hebt ab. „Afterglow“ wirft uns in den ersten Sekunden gleich aus der Laufbahn und lässt uns eine Reise zwischen Sternenstaub und Meteoriten antreten. Astray hat mit diesem Sample und der Einarbeitung in die Musik die perfekte Wahl für die Verbildlichung der neusten EP „All Right Yellow Bird“ getroffen – denn auch die Musik wirkt ausserirdisch und schwerelos.

Hinter dem Künstlernamen Astray steckt Michael Faure – der Musiker lässt ganz alleine Lieder und Klangwelten im Bereich des Ambient und des ruhigen Trip-Hop entstehen. Komplett elektronisch und immer leichtfüssig mit viel Echo und Hall zeichnet er Figuren aus Melodien und Synths. Lieder wie „Dusk“ geraten dabei immer sehr atmosphärisch und eignen sich perfekt für Tagträume. Da muss man aufpassen, dass man nach der kurzen Spielzeit nicht erschrocken am Boden landet.

Instrumental und gerne auch perkussiv druckvoll ist „All Right Yellow Bird“ nicht nur eine weitere EP von Astray, sondern ein Genuss voller Leichtigkeit mit geschickt kombinierten Takten und Rhythmen. Das Klangbild ist immer voluminös und voll, nie fühlt man sich zwischen Keyboard und Drumcomputer verloren. Toll auch, dass die Elektronik sehr oft organisch klingt und man die Handarbeit hinter den Stücken spürt. Michael Faure umgeht somit die Falle der Kälte und bietet uns auch im Weltall einen warmen Ort der Geborgenheit.

Anspieltipps:
Afterglow, Dusk, Winterlight

Live: Archive, Kaserne Basel, 15-11-08

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Archive
Support: Pedro Lehmann
Sonntag 08.11.2015
Kaserne, Basel
Setlist

Hoard – Collect – File – Index – Catalog – Preserve – Amass – ARCHIVE. Das Kollektiv ist wieder da, alle stillgestanden. Bitte übergeben Sie alle Emotionen und Energie an die Verwalter des Archivs und bereiten Sie sich darauf vor, den Rest Ihres Lebens mit uns zu teilen. Wie Sie bereits wissen, bieten wir Ihnen eine unvergessliche Zeit und ein extremes Suchtverhalten. Lassen Sie sich auf uns ein – was jetzt bereits nicht mehr in Ihrer Hand liegt – und erleben Sie eine höhere Daseinsform. Feel it!

Wobei ich mich während dem Auftritt der englischen Band in der Kaserne in Basel schon kurz gefragt habe, wieso diese Gruppe bereits wieder hier ist. Zuletzt beehrten sie die Deutschschweiz im X-Tra in Zürich, vor 8 Monaten. Damals war das Album „Restriction“ neu und Archive präsentierten die Lieder zusammen mit dem Film zu „Axiom“. Ende 2015 gibt es kein neues Material und auch keine Überraschungen. Die Setlist besteht zwar weiterhin aus einer gesunden Mischung aus älteren und modernen Stücken, aber vergessene Perlen fand man keine. Sicherlich, eine Truppe wie Archive hat solch viele Hits und Publikumslieblinge im Gepäck, dass ihre Konzerte auch nach fünf Stunden noch grossartig wären. Trotzdem beschränkte man sich auf 13 eindrucksvolle Einblicke in das Schaffen dieser Firma. Von neusten Krachern wie „Crushed“ oder „Conflict“ zu alten Gewinnern wie „Fuck U“ oder „Dangervisit“. Dazwischen das übergeniale und unglaublich mitreissende „Finding It So Hard“. Einer der Wendepunkte ihrer Karriere, und für mich der Punkt am Konzert, an dem alles über mich herein brach. Die Wucht, die Energie, die Ausstrahlung. Wo die Musik schon Höhepunkt an Höhepunkt reiht, unterstützt die Lichtshow das gehörte mit extremen Bildern aus Scheinwerfern und Farben. Hinter den Männern wurden auf drei Leinwänden Filme gezeigt, die Texte und Melodien verstärkten und oft auch mit verstörenden Bildern faszinierten. Da fehlten natürlich Ausschnitte aus „Axiom“ nicht.

Wer leider durch Abwesenheit glänzte, war Holly Martin. Scheinbar befindet sich die hübsche Dame schon in einem anderen Land, wohl um ihr eigenes Album zu vollenden. Somit war die Abwechslung des Gesangs auf Dave Pen und Pollard Berrier beschränkt, aber kein Verlust. Dave wird immer stärker zum Frontmann und ist das Publikumsmagnet, Pollard zeigte eine wunderbare Leistung am Mikrofon. Spätestens beim abschliessenden – und immer wieder extrem starken – „Lights“ als Zugabe war man somit hin und weg. Archive können somit auch mit einer Tour zwischen zwei Alben nichts Schlechtes bieten. Egal wie oft man die Lieder schon vernommen, die Gruppe live erlebt hat – es ist immer wieder eine ganzkörperliche Erfahrung ohne Enttäuschungen.

Pedro Lehmann als Vorgruppe konnten leider keine grossen Akzente setzen. Die Mischung aus Indie, Rock und lärmenden Gitarrenausbrüchen war nett, aber mehr nicht. Vielleicht war ich nicht in der Stimmung, doch viele Lieder waren eher langatmig und nicht sonderlich abwechslungsreich. Auch die Stimme von Yannick Gächter konnte mich nicht überzeugen. Aber als Vorgruppe bei Archive dabei zu sein, ist keine einfache Aufgabe, hier ist man geistig schon woanders.

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