Progressive Rock

Perfect Beings – Vier (2018)

Die alten Helden sind bereits so verstaub und langweilig, dass man ihre neuen Platten lieber als Untersetzer für die fliegende Teekanne benutzt? Die einst geliebten Namen sind nur noch ein Schatten ihrer selbst und würde sogar auf Tour besser schweigen? Kein Problem, denn die Musikwelt bietet mit jedem Jahr bessere Alternativen zum bekannten Programm – so auch Perfect Beings aus Los Angeles. Die Band steht seit 2012 dafür, den klassischen Klang des Progressive Rock perfekt zu inszenieren und zu wissen, auf was es bei Komposition und Emotion ankommt. Mit ihrer neusten Scheibe „Vier“ greifen sie gar nach den Sternen.

Aufgeteilt in vier lange Tracks – daher auch der Albumtitel – bietet das Werk eine fantastische Dynamik, ausgeklügelte Instrumentalpassagen und sogar mehrstimmigen Satzgesang. Ob sich Mannen nun in Richtung The Flower Kings bewegen und mit Flöten und Keyboards die Romantik des Canterbury antasten, oder dann wieder verkopft und moderner leicht am Fusion schnuppern – Perfect Beings vereinen alle Elemente in fesselnden Stücken. „Guedra“ gleitet so von treibenden Abschnitten zu elegischen Harmonien, „Anunnaki“ bringt Effekte und Elektronik in den Vordergrund.

Über ein Jahr haben Perfect Beings benötigt, um diese langen Werke auf „Vier“ aufzunehmen und zum Ziel zu kommen. Schön ist, dass ihnen dabei weder die Einfälle noch die Energie ausgegangen sind und sich alles auf diesem Album spannend und packend anhört. Mit „Vibrational“ wird zwar für eine Viertelstunde etwas entspannter musiziert, aber auch hier findet man viele Gründe diese Band zu mögen. Wunderbar also, haben die Künstler ihre Besetzungswechsel erstarkt überstanden und mit der dritten Platte ihren Klang vergrössert. Sag also Yes zu den Amerikanern und wage dich an dieses felsenfeste Doppelalbum.

Anspieltipps:
Guedra, The Golden Arc, Anunnaki

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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The Pineapple Thief – Where We Stood (2017)

The Pineapple Thief – Where We Stood
Label: Kscope, 2017
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Prog

Der Dieb hat einen Lauf – seit Jahren schon, und je länger dieser andauert, desto besser wird das Diebesgut. Das Schöne an Bruce Soord ist ja, dass er uns alle an diesem Reichtum teilhaben lässt. Und nach den wundervollen Studioalben „All The Wars“, „Magnolia“ und „Your Wilderness“ gibt es nun das herrliche Destillat dieses Dreiecks als Livealbum. The Pineapple Thief präsentieren mit „Where We Stood“ nicht nur eine Momentaufnahme ihrer immer noch andauernden Tour, sondern auch die erste Konzert-Konserve aus Bild und Ton ihrer Karriere. Ein guter Grund, das Wohnzimmer in einen Saal zu verwandeln und klatschend die Lieder zu begrüssen.

Momente zum Feiern liefern uns die Mannen mit Perlen wie „Reaching Out“, „The Final Thing On My Mind“ oder „In Exile“ schliesslich zur Genüge. The Pineapple Thief präsentieren sich hier als versierte und gut eingespielte Liveband, wechseln geschickt zwischen knackig-kurzen Tracks und längeren Songs mit instrumental fordernden Parts. Dank Schlagzeuger Gavin Harrison erhalten viele Stellen eine weitere Tiefe, sein Spiel passt perfekt zu dieser Musik. Kein Wunder, erinnert „Where We Stood“ darum nicht nur mit dem Bandnamen auf dem Cover an Porcupine Tree.

Eine Prise harte Gitarren, wundervolle Melodien und ein Wechselspiel zwischen Saiten und Tasten – The Pineapple Thief haben ihre eigene Mischung aus schönem Art-Rock und Modern Prog perfektioniert und sich hier auf einem Höhepunkt festgehalten. Da stört es auch nicht, dass Bruce Soord manchmal an seine stimmlichen Grenzen stösst. Denn zu jeder Sekunde ist die Lust und Freude hinter der Musik und dem Auftritt zu spüren und die Platte (oder die DVD) reiht sich gelungen in die Sammlung.

Anspieltipps:
No Man’s Land, In Exile, Snowdrops

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery (2017)

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Canterbury

Wenden wir uns doch wieder einmal einem sicheren Wert zu – die Progressive Rock Gruppe The Tangent aus England veröffentlicht nämlich erneut ein Album auf dem Inside Out Label. Diese Zusammenarbeit hat uns in der Vergangenheit die wunderbaren Alben „The Music That Died Alone“ oder zuletzte „A Spark in the Aether “ gebracht und war immer ein sicherer Wert für geschmacksvolle Musik zwischen klassischem Prog, Canterbury und Fusion. Und genau dies wird auch auf „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ in fünf langen bis sehr langen Liedern wieder geboten – durchmischt mit gewisser wilden Passagen und Elektronik.

Diese Frische zeigt sich auch im eigentlichen Thema der Musik – denn textlich werden The Tangent nun sehr politisch. Bekleidet von Zeichnungen des Marvel-Künstlers Mark Buckingham zeigen sich Andi Tilison und seine Mannen hier nämlich progressiv im Gedankengut. Binäre Entscheidungen, Schwarz-Weiss-Denken, Grenzen und egozentrisches Verhalten wird verurteilt – dazu singen die Gitarren und die Rhythmik gibt sich gerne wandelbar. „Slow Rust“ ist der grösste Brocken und gibt sich als zentraler Punkt kämpferisch und positioniert die Band klar. Gut so, denn Politik und Musik werden immer zusammengehören.

Wenn The Tangent am Ende mit „A Few Steps Down The Wrong Road“ klar in Richtung Brexit, Trump und ähnlich nationalistisch gehaltene Entwicklungen schiessen, dann tut dies nicht nur dem Hörer gut, es gibt auch der Musik neue Wucht. Oft war das Prog-Kollektiv nämlich etwas in seinen eigenen Bahnen gefangen, mit „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ wagt sich die Band aber wieder an neue Verschmelzungen von Jazz, Folk oder hartem Rock. Somit überschreitet die Platte die thematisierte Spaltung und lässt uns als Einheit weiterziehen.

Anspieltipps:
Two Rope Swings, Slow Rust, A Few Steps Down The Wrong Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Riverside – Lost ’n‘ Found – Live in Tilburg (2017)

Riverside – Lost ’n‘ Found – Live in Tilburg
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Doppel-CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Prog

Es tut nicht nur gut, es fühlt sich sogar wunderschön an, diese Aufnahme aus dem Jahre 2015 zu hören. Denn obwohl die polnische Progressive Rock Truppe Riverside auch in diesem Jahr wieder auf Tour ist und in ganz Europa die Menschen mit ihrer Musik auf Reisen mitnimmt – nach dem plötzlichen Tod des Gitarristen Piotr Grudziński wird es nie mehr dasselbe sein. “Lost ‘n’ Found – Live in Tilburg”, die von der Band selbstveröffentlichte Konzertaufnahme, ist also nicht nur ein weiteres Merchandise an den aktuellen Konzerten, sondern der Schlusspunkt einer Ära.

Es passt darum sehr gut, dass die Setliste aus vielen eingängigen und mitreissenden Liedern besteht. Denn wer verspürt keine Gänsehaut bei Liedern wie “Lost”, “We Got Used To Us” oder “Feel Like Falling”? Und wer will nicht jedes Mal, wenn Mariusz Duda zu seinem fesselnden Bassspiel von “Panic Room” ansetzt, im Haus herumspringen? Allgemein ist es immer wieder erstaunlich, wie Riverside zu viert diese klangliche Fülle ohne Fehler hinkriegen. Dazu hangeln sie sich ohne Probleme durch technische Herausforderungen und klingen auch bei “Hyperactive” oder dem härter auftretenden “Egoist Hedonist” entspannt – und vergessen den Humor im Prog Rock zu keiner Sekunde.

Sicherlich, die frühe Phase von Riverside ist etwas in der Minderheit, aber mit sphärischen Grosswerken wie “Escalator Shrine” oder dem hymnischen “Conceiving You” kann man einfach nur in den Gitarrenmelodien und Keyboardflächen schwelgen. Und bald kullert einem eine Träne über die Wange – doch nicht aus Verzweiflung, sondern aus Dankbarkeit. “Lost ‘n’ Found – Live in Tilburg” ist das perfekte Andenken an Piotr und die damalige Tour – und macht den Weg für eine neue Zukunft frei.

Anspieltipps:
Feel Like Falling, Panic Room, Escalator Shrine

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Roland Bühlmann – Bailenas (2017)

Roland Bühlmann – Bailenas
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: CD
Links: BandcampFacebook
Genre: Progressive Rock

Man sollte es ja langsam wissen, die Geschichte wiederholt sich in gewissen Abständen. Somit ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich eine Anekdote des Progressive Rock aus den Siebzigern nun erneut abspielt – wenn auch dieses Mal in der Schweiz. Roland Bühlmann wandelt mit seinem zweiten, eigens produzierten und veröffentlichten Album „Bailenas“ nämlich in den grossen Spuren von Mike Oldfield. Und dabei stellt sich der Herr mehr als gut an und zaubert auf diversen Instrumenten!

Stilgerecht auf der Innenseite des Digipak aufgelistet findet man hier aber keine Tubular Bells, sondern eine Emmentaler Halszither (Hanottere), das israelische Blasinstrument Shofar und sogar Steine aus der Emme. Roland Bühlmann fabriziert mit viel Fantasie und kompositorischer Finesse daraus im Verbund mit elektrischen Gitarren, Bässen und Drumcomputer lange und sich stark wandelnde Lieder. Ohne Gesang oder Samples gleitet „Bailenas“ dahin und schüttelt dabei immer wieder faszinierend sein Haupt.

Lieder wie „Rougeoyer“ oder das ruhig startende „Pange Chorda“ müssen dabei nie in super-komplexe Gefilde abdriften, sondern betören mit den vielschichtigen Melodien. Prog im Verbund mit Post-Rock und folkigen Einfällen – Roland Bühlmann beweist sich erneut als intelligenter Künstler. Nie klingt das Album nach nur einem Mann, nie enden die Lieder in der Bedeutungslosigkeit. Mit „Bailenas“ liegt endlich wieder einmal ein wunderbares und tiefer gestaltetes Rock-Album aus der Heimat vor.

Anspieltipps:
Bailenas, Rougeoyer, Pange Chorda

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Lonely Robot – The Big Dream (2017)

Lonely Robot – The Big Dream
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock, Prog

Wenn sich ein Musiker mit markanter Stimme und klaren Stilmitteln in diversen Bands tummelt, kann schon kurz Verwirrung entstehen. John Mitchell war in den letzten Jahren nämlich nicht nur bei It Bites, Frost* oder Arena tätig, sondern startete unter dem Namen Lonely Robot ein weiteres Soloprojekt. Mit dem zweiten Album „The Big Dream“ steht uns ein weiteres Album voller emotionaler und gitarrenlastiger Musik im Bereich des Art-Rock ins Haus – oder ins Raumschiff. Und komplett neu wirkt die Musik dabei nicht immer.

Im Gegensatz zum direkten Vorgänger „Please Come Home“ ist Lonely Robot hier zu einer festen Band gewachsen, die vielen Gaststars gehören der Vergangenheit an. Vielmehr dreht sich alles um die knackigen Songs, für die Mitchell immer wieder wunderbare Hooklines und Refrains erfindet. Lieder wie „Sigma“ oder „Symbolic“ leben von den gewaltig grossen Mittelteilen und machen damit aus Modern Prog und rockigem Pop eine homogene und oft treibende Einheit. Dabei haftet auch „The Big Dream“ diese technische und etwas futuristische Aura von Mitchells Musik an – was aber wunderbar zu dem lyrischen Szenario passt. Schnelle Rhythmen und Powerchords treffen auf Keyboardflächen und weibliche Sirenen.

Erneut darf man sich mit dem Astronauten auf die Suche nach dem perfekten Riff begeben und merkt dabei, dass auch unscheinbare Lieder bei Lonely Robot mit der Zeit zu besten Freunden auf dem Mars werden können. Dank toller Produktion und Instrumentierung funkelt es bei Stücken wie „Everglow“ stärker als auf den Solarsegeln der ISS. Sicherlich, diese Platte revolutioniert weder den Art-Rock noch die Musik von John Mitchell, bietet den Fans aber genau die richtige Portion an neuer Musik. Geerdet, auf seine Stärken konzentriert und immer empathisch – dieser Roboter kann bleiben.

Anspieltipps:
Sigma, Everglow, Symbolic

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit The Universe By Ear – Weitblick und Tiefgang

Mit jeder Veröffentlichung rückt die Weltherrschaft für das Basler Label Czar Of Crickets etwas näher – so auch mit der Debütsüberraschung von The Universe By Ear. Das Trio aus der Rheinstadt zeigt, dass Progressive Rock noch lange nicht zu der verstaubten Vergangenheit gehören muss. Die Gruppe mischt auf „The Universe By Ear“ nicht nur viele Einflüsse, sondern trocken und kernige Rockmusik mit Psychedelic und Komplexität. Wo finden die Musiker bloss ein solch tiefer Fundus an Idee und Elan?

Eure Band, und nun natürlich auch das fantastische Album, werfen grosse Wellen in vielen Ländern. Wie fühlt sich dies an, besonders nach all der harten Arbeit?

Es ist selbstverständlich schön, wenn so eine Geburt Beachtung findet. Wir machen bei The Universe By Ear zwar in erster Linie Musik, die uns Spass macht und gefällt, wenn aber auch andere Ohren Freude daran finden, ist das natürlich ein sehr beglückendes Gefühl. Als neue Band startet man ja sozusagen im luftleeren Raum, mit einem ersten Album geht man dann auf die Welt zu und wird von aussen reflektiert. Dann ist es schon schön, wenn man verstanden wird.

„The Universe By Ear“ wandelt immer wieder zwischen improvisiert wirkenden Momenten und stringent durchgeplanten Szenerien. Wie schreibt man solche Songs?

Im Trio. Etwas, das wir aus früheren Bands kennen und nun bewusst vermeiden wollen, ist, dass man Ideen nur zu gerne komplett fertig in die Band bringt. Wenn man aber gezielt nur mit Setzlingen in den Proberaum kommt, dann kann daraus ein Wald entstehen statt nur eines Baums. Konkret heisst das, dass wir aus Riffs oder Akkordfolgen in sehr schneller Arbeit einen ganzen Song skizzieren. Oft ist in einem ersten Take, den wir nach einer halben Stunde aufnehmen, schon sehr viel von dem drin, was am Ende nach einem halben Jahr Detailarbeit das Arrangement ausmacht. Gerade bei komplexer Musik muss man zuerst in groben Pinselstrichen arbeiten, damit ein Song am Ende einen stimmigen Bogen spannt und in besten Fall einen Sog entwickelt. Und ja: Improvisation muss immer Platz haben.

Wieso gründet man in der heutigen Zeit, und vor allem in einem kleinen Land wie der Schweiz, eine Progressive Rock Gruppe? Gilt dieses Genre nicht seit den 70ern als verstaubt?

Guter Punkt. Wieso gründet man überhaupt noch eine Band, wo man als DJ mit dem gleichen Aufwand ein Vielfaches an Erfolg haben könnte? Wir haben The Universe By Ear gegründet, weil wir diese Musik spielen wollen, weil wir uns zu dritt austauschen wollen, weil jeder von uns besser spielt, wenn die anderen zwei dabei sind. Eine rein egoistische Überlegung, fern von allen Genre-Etiketten.

Gibt es Gruppen aus der Schweizer Prog-Szene, die euch ein Vorbild waren?

Ehrlich gesagt: Nein. Hat aber auch damit zu tun, dass Schweizer Bands in der Schweiz meist weniger Beachtung finden als im Ausland. Es gibt heimische Gruppen, die uns gefallen – Honey For Petzi, Evelyn Trouble, Zatokrev, Leech,  Young Gods und andere – aber diese Gruppen schätzen wir vor allem für ihre Eigenständigkeit. Musikalisch haben sie oft wenig gemein mit uns.

Gerne werden bei eurem Klangbild die Tüftler King Crimson genannt. Darf man dies überhaupt sagen, oder trifft es euren Nerv gar nicht?

Da müsste wohl jeder von uns Dreien für sich antworten. Gitarrist Stef vergöttert Crimson, besonders ihren Mut, sich alle paar Jahre neu zu erfinden. Robert Fripp hat Facetten, die mich unglaublich begeistern, aber auch solche, die ich nicht übernehmen möchte. Es gibt sicher stossendere Vergleiche. Sehr anziehend ist ihre Mischung aus komplex/schwierig/sperrig und eingängig/melodiös/groovig.

Ihr seid nur zu dritt – werden die Stücke von eurem Debüt live von sechs Händen gespielt werden können?

Wir benötigen auch noch sechs Füsse dazu (Drumpedals und jede Menge Effektpedale) sowie drei Münder. Da das Album weitestgehend – mit Ausnahme ein paar weniger Overdubs und Studioeffekte – live eingespielt wurde, kommen wir dem Sound auch auf der Bühne recht nahe. Ziel war es von Anfang an, ein Maximum an Klangvielfalt und -dichte aus der Power-Trio-Besetzung zu holen. Für uns gibt es momentan keine bessere Besetzung für eine Rockband.

Was ist schöner, das Universum zu sehen oder es zu hören?

Hören, aber hallo! Ein faszinierender und oft vernachlässigter Sinn. Wann hast Du zum letzten Mal mit geschlossenen Augen ein ganzes Album gehört?

Am Czar Fest werdet ihr nebst vielen anderen Bands und Musikern des Labels Czar Of Crickets auf der Bühne stehen. Wen darf man – nebst euch natürlich – auf keinen Fall verpassen, wo findet man euch also auch in der Meute?

Da wir die Ehre haben, diese zwei Tage zu eröffnen, werden wir wohl die ganze Zeit zwischen Bühne und Bar anzutreffen sein. Meist sind Neuentdeckungen das tollste an solchen Festivals. Also werden wir versuchen, von jeder Truppe ein Ohr voll abzubekommen.

In Basel wird die harte und brutale Szene der Musik immer stärker und vielfältiger. Wie weit zählt ihr euch selber dazu?

Basel hat das Problem, vor Jahren in so viele Unterszenen zerfallen zu sein, dass am Ende jede Band zu ihrer eigene Szene wird. Alleine deswegen ist ein Zusammenhalt, so wie er nun um die Czar-Labels entsteht, eine tolle Entwicklung. Selber sehen wir uns wohl eher am weichen Rand der harten Szene. Wobei Musik ja immer subjektiv bleibt. Ich persönlich finde 77 Bombay Street enorm brutal.

Würde euer Album auch von Bewohnern fremder Planeten verstanden werden – oder sind die Klänge doch zu irdisch?

Ich denke nicht, dass unsere Sounds ausreichen, um Welten zu vereinen oder einen intergalaktischen Krieg anzuzetteln. Sehr gerne würde ich aber einen Monat in einem UFO mitreisen, um ein paar neue Inspirationen zu sammeln.

Danke für das Interview.

Wir danken für die spannenden Fragen und die offenen Ohren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Mute Gods – Tardigrades Will Inherit the Earth (2017)

The Mute Gods – Tardigrades Will Inherit the Earth
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: DiscogsBand
Genre: Progressive Rock, AOR

Die Bärtierchen – millimeterkleine Urmünder aus nassen Gebieten – werden also die Erde übernehmen? Ein Gedanke, der zuerst etwas stutzig macht, bei längerem Konsum von „Tardigrades Will Inherit The Earth“ aber doch schlüssig erscheint. Denn das Trio The Mute Gods prangert auf ihrer zweiten Scheibe nicht nur das schreckliche Verhalten der Menschen an, sondern deutet in ihren Texten auf mögliche Endszenarien hin. Da passt es, dass die Musiker ihr neustes Werk als Platte voller Wut angepriesen haben.

Freunde des AOR und melodischen Rock müssen aber keine Angst haben, die Talente Nick Beggs, Roger King und Marco Minnemann verfallen auf diesem Album nicht dem Metal oder der blinden Zerstörungswut. Vielmehr bleibt die Mischung nahe dem progressiven Rock, nimmt aber Ideen und Muster aus diversen anderen Stilrichtungen auf. Stücke wie „We Can Carry On“ sind dabei druckvoll und schnörkellos, wirken dabei immer sehr energisch – andere wie das Titellied spielen mit Effekten und Elektronik. Interessant ist dabei, dass The Mute Gods sich dieses Mal auf ihr eigenes Können verliessen und nebst Backgroundsängerinnen keine weiteren Gäste aufbieten. Wobei, gewisse externe Inputs wären bestimmt nicht falsch gewesen.

„Tardigrades Will Inherit The Earth“ ist kein schlechtes Album, es verfügt über spannende Ideen und eine starke Ausarbeitung – und trotzdem will es selten abheben. Viele Lieder schaffen es nicht, vollends mit ihren Passagen und Melodien zu locken und schnell ist das Album auch wieder in den Hintergrund gerückt. Dies ist etwas schade, gerade weil The Mute Gods eigentlich viel Erfahrung und Wissen vorzuweisen haben. Aber waren hier vielleicht doch schon zu viele Bärtierchen auf den Notenblättern? Wie auch immer, die Platte ist eine schöne Fussnote für das vielseitige Prog-Regal, ein Grundpfeiler wird es aber nie sein.

Anspieltipps:
We Can’t Carry On, Tardigrades Will Inherit The Earth, The Singing Fish Of Batticaloa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Steve Hackett – The Night Siren (2017)

Steve Hackett – The Night Siren
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Folk

Gratulation! Mit „The Night Siren“ veröffentlicht einer der wichtigsten Gitarristen und Songschreiber im Gebiet des progressiven Rock sein bereits 25. Studioalbum. Und noch schöner ist der Umstand, dass Steve Hackett auch mit dieser Platte das hohe Niveau der letzten Jahre nicht verlässt. Kenner der genüsslich ausgearbeiteten Gitarrenmusik erhalten nämlich erneut elf Beispiele, wie weltoffen und vielseitig Musik erklingen kann.

Steve Hackett bringt auf „The Night Siren“ nicht nur seine alten Tugenden wie wunderbare Gitarrenläufe, marschierende Rhythmen oder elegisch-romantische Stücke zusammen, sondern schöpft aus dem Klangspektrum der gesamten Welt. Mit Studiohelfern aus über 20 Ländern fliessen in Stücke wie „Martian Sea“, „El Nino“ oder „West To East“ vielfältige Eigenschaften und Stimmungen ein. Und weil Hackett seine Lieder ohne klaren Zeitanker mit Psychedelic Rock, Folk und romantischer Klassik mischt, wirkt vieles altbekannt und zugleich zeitlos. Was mich ebenso immer überrascht, ist die Gabe von Steve Hackett, nach all den Jahren immer noch Ohrwürmer zu schreiben.

Viele Lieder auf „The Night Siren“ sind trotz ihrer Masse leichtfüssig und wollen sofort mitgepfiffen werden. „Fifty Miles From The North Pole“ gelingt dies trotz Härte, „Anything But Love“ tröstet auch hoffnungslose Herzensbrecher. Somit reiht sich diese Platte nicht nur als weitere Kopie in das Oeuvre ein, sondern als starkes und ausdrucksreiches Werk. Und wieder einmal ist man überrascht, wie unterschiedlich sechs Saiten doch klingen können – ohne Gazillionen von technischen Spielereien einzusetzen. Bei Hackett ging es eben schon immer um Menschlichkeit.

Anspieltipps:
Fifty Miles From The North Pole, Anything But Love, In Another Life

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Universe By Ear – The Universe By Ear (2017)

The Universe By Ear – The Universe By Ear
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Rock

Wer den Versuch wagt, die Grundstrukturen des Universums in Musik zu verwandeln, der gerät beim Aufzeigen der Bausteine ziemlich schnell in Schwierigkeiten. Eine Variante ist es, sich dem Ganzen via Field-Recordings anzunähern, doch dies kratzt in der Ambientform oft nur an der Oberfläche. Wieso also die Forschung nicht im Stil des Progressive Rock neu starten? The Universe By Ear aus Basel wagen mit ihrem Debütalbum genau dies und lösen dabei nicht nur den Rhein in seine Moleküle auf.

Im Gegensatz zu anderen grossen Unterfangen in der Prog-Welt artet „The Universe By Ear“ aber nie in mühseligen Grössenwahn aus. Die drei Musiker, welche seit 2016 zusammen Welten erschaffen, setzen vielmehr auf filigrane Strukturen, eine reduzierte Präsentation und gerne auch Lo-Fi-ähnliche Aufnahmen. Hier erhält jedes Instrument genügend Raum zur Entfaltung, hier benötigt es keine Kitschglasuren – viel eher werden die glorreichen Zeiten des Heavy Rock wieder aufgelebt. Der Beginn von „Seven Pounds“ könnte von verkopften Led Zeppelin stammen, anderes wiederum wäre bei King Crimson gut aufgehoben gewesen. The Universe By Ear erreichen mit leisen Klangforschungen zwischen den Riffs geniale Spannungsmomente und schreiten dann mit Folkhut weiter.

Bei diesem Debüt hat man oft das Gefühl, alle Zeitachsen krümmten sich zu einem Punkt zusammen und präsentierten hier eine neue Supergroup aus jungen Musikern von Gentle Giant, Steven Wilson und ELP. Und trotz all dieser Verweise wirken The Universe By Ear in ihrem Schaffen nie angestaubt oder bieder – viel mehr erreichen sie eine wunderbar weite Perspektive und erfassen unsere Umgebung als Gesamtheit. Es wird sogar hymnisch wie in „Dead End Town“, verfrickelt wie im Dreiteiler „Ocean / Clouds / Prism“ – und bleibt immer grossartig. Wer hätte gedacht, dass eines der kernigsten und besten Prog-Alben 2017 aus Basel stammen würde?

Anspieltipps:
Seven Pounds, Dead End Town, Ocean / Clouds / Prism

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.