Doom

Muerte Espiral – Invocación (2017)

Hinab werden wir gesogen, in die Dunkelheit und den Tod, umgeben von tief brummenden Saiten und erbarmungsloser Rhythmik. Es gibt kein Aufprall, es gibt keine Erlösung – hier sind wir im steten Fall gefangen und müssen Leid wie Druck ertragen. Aber wer diesen Zustand so packend ausformuliert wie das Trio Muerte Espiral, dem folgen wir gerne in die pechschwarze Unendlichkeit. „Invocación“ (Bitte an eine höhere Person) begegnet uns nämlich nicht nur mit einer zähnefletschenden Fledermaus, sondern brachialem Stoner- und Doom-Rock.

Anfang 2017 vom chilenischen Gitarristen Jurel Sónico und der Zeal & Ardor-Bassistin Mia Moustache aus Basel gegründet, ist Muerte Espiral nicht nur ein frisches Kind im Umfeld der harten Rock-Musik, sondern auch eine Ursuppe an Talent und Spielfreude. Mit ihrer eigens aufgenommenen EP darf man noch einen sehr rauen Augenblick im Banddasein erleben und findet zwischen kratzenden Tonspuren, tief gestimmten Saiten und rauschenden Soundwänden herrliche Lieder wie „Mantenlo Real“ oder „Mámba Negra“. Virtuose Gitarrensolos laden den Grunge in zerfetzten Klamotten ein, Geschrei und Wut den Metal.

Man spürt schnell, dass bei Muerte Espiral nicht nur eine weitere Kombo der wilden Musik entstanden ist, sondern ein Projekt voller Leidenschaft und Lust. Ob einzelne Riffs nun psychedelisch nachhallen oder der Gesang wie bei Alice In Chains geschichtet wird (siehe „Cráneo“), „Invocación“ macht immer viel Spass und schon jetzt grosse Vorfreude auf das kommende Album. Die Scheibe soll in wenigen Wochen beim Basler Label Czar Of Crickets erscheinen und bestimmt in mancher Wohnung für schepperndes Mobiliar sorgen.

Anspieltipps:
Mamba Negra, Mantenlo Real, Zahori

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Doom Side Of The Moon – Doom Side Of The Moon (2017)

Wie oft kann man ein Album anhören, sich neu erarbeiten oder gar neu aufnehmen? Beim weltweiten Klassiker „The Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd geht dies scheinbar unendlich und für alle Ewigkeit. So dachten sich die Musiker von The Sword einmal etwas angeheitert, dass Lieder wie „Time“ in schwerem Stoner-Rock zu spielen vielleicht ganz unterhaltsam wäre. Schneller gemacht als studiert, hier ist „Doom Side Of The Moon“ – gespielt von The Sword mit Sänger Alex Marrero, Saxophonist Jason Fray und Keyboarder Joe Cornetti. Und erstaunlicherweise sind die Musiker in ihrer Bearbeitung nie brachial.

Doom Side Of The Moon wissen um die wichtigen Merkmale dieser Platte bescheid und kastrieren weder das berühmte Riff von „Money“, noch lassen sie die wichtigen Orgelflächen weg. Klar, bei „The Great Gig In The Sky“ wird nicht gesungen sondern mit dem Saxophon betört und instrumentale Experimente wie „On The Run“ sind hier eher tief brummelnde Zwischenteile. Als Gesamtes ist diese Huldigung zum 50 jährigen Jubiläum der Platte aber vor allem eine Verneigung von Fans – mit teilweise wild tobenden Schlagzeugen und ausufernden Gitarrenstellen.

Was Doom Side Of The Moon hier beweisen ist der Umstand, dass das Vermächtnis von Pink Floyd zu Recht riesengross ist. Kompositionen wie „Us And Them“ oder „Eclipse“ sind tatsächlich auch 2017 nach dem 1000. Mal immer noch frisch und mitreissend anzuhören, die neu hinzugefügten Kilos machen das Album weder schwerfällig noch kollabiert ein Stück. Man spürt immer die Freude an dieser Ummünzung und wird somit schnell von der Lust der Musik mitgerissen. Und wem Pink Floyd bisher immer etwas zu schwach auf der Brust war, der erfährt hier sein Verzerrungswunder.

Anspieltipps:
Breathe (In The Air), Time, Us And Them

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Swans, Salzhaus Winterthur, 17-10-19

Swans
Support: Baby Dee
Donnerstag 19. Oktober 2017
Salzhaus, Winterthur

„One Sunny Judgement Day / I lost Track Of Time“, sang Baby Dee und traf den Kern dieses Abends bereits sehr früh mit wenigen Worten. Die Sängerin aus Amerika durfte mit mit ihrer Begleitung die Besucher darauf einstimmen, dass dieses Konzert alle Normen des Alltags sprengen würde. Ihre Lieder schwankten zwischen räuberischen Erzählungen und gruseligen Märchen, immer theatralisch dargeboten und so krumm, wie die Planken der alten Piratenschiffe. Mit Handorgel verstärkt, erstaunlich bissig und am Ende sogar politisch – diese Künstlerin bewegt sich in herrlichen Kreisen, war mehr Schauspielerin als Sängerin und verwandelte das Salzhaus in eine angenehme Geisterbahn.

Perfekt, dass die Urgewalt aus den amerikanischen Staaten, die lauteste Noise-Rock-Gruppe, die Legende des ehemaligen No Wave aus New York danach für den Rest des Abends einen erschütternden Exorzismus in Winterthur durchführten. Swans, das Kollektiv unter der Leitung des Saitenteufels Michael Gira, tourt noch ein letztes Mal in der aktuellen Form durch Europa, bevor sich die Band danach in eine ungewisse und neuartige Zukunft bewegen wird. Nicht wenige nutzten darum die Gelegenheit, sich dieses Live-Erlebnis zu gönnen. So fand man im endlich säulenlosen Saal Schamanen, die bereits nach wenigen Takten des eröffnenden Monsters „The Knot“ in anderen Sphären schwebten und Neulinge, die zuerst die wahnsinnige Lautstärke verdauen mussten.

Das Schild beim Eingang lügte nicht mit der Aussage „Swans Play Loud. Very Loud.“ – hier wurden Trommelfell, Extremitäten und Innereien zugleich bearbeitet. „The Knot“ baute sich während 50 Minuten kontinuierlich auf, Gira liess seine Mannen Wellen aus Gitarrenfeedback, Bassgewummer, Keyboard und Schlagzeug auf die Zuschauer losfeuern und füllte die leiseren Stellen mit seinen Mantragesängen. Eine Gruppe wie Swans live zu sehen bedeutet nicht, die feinfühlige Reproduktion von Studioaufnahmen zu betrachten. Hier ging es um die drastische Dekonstruktion von Konventionen, Formatzwängen und Wohlklang. Jaulende Riffs, tribalistische Rhythmen und schier endlose Repetitionen – ob „The Man Who Refused To Be Unhappy“ oder „Cloud Of Unknowing“, Stücke des aktuellen Albums „The Glowing Man“ und neue Kreationen wurden zu Lebenserfahrungen.

Schnell fühlte man sich in den unerbittlichen, sonischen Attacken befreit, liess Empfindungen von den Druckwellen leiten und fühlte, wie sich das Gehirn langsam auflöste. Ein Konzert von Swans zu beschreiben ist fast so unmöglich, wie das Wirken von Godspeed You! Black Emperor oder ähnlichen Urkräften in Worte zu fassen. Trotzdem ist es genau aus diesem Grund wichtig, dass man nie vergisst, wie heftig Musik einen Menschen treffen kann. Wer selber im Salzhaus nicht dabei war, der hat zwar diese eine Läuterung verpasst, darf aber auf eine neue Inkarnation dieses genialen Kollektivs hoffen. Die Welt wäre ohne die Swans zwar um einiges leiser, aber auch leerer und unausgewogen. Lang leben die Könige der extremen Gitarrenmusik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Echolot – Volva (2017)

Echolot – Volva
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Psychedelic, Stoner Rock, Doom

Mathematik umgibt und durchdringt alles, auch in der Musik. Doch es ist auch verständlich, dass man sich als Band nicht auf reine Zahlenspiele beschränken will. Somit heisst das erste Album von Echolot nicht „XIV“, sondern „Volva“. Das Basler Trio führt mit dieser Scheibe aber inhaltlich fort, was auf der ersten Veröffentlichung „I“ begann – und nummeriert auch gleich die Lieder brav mit römischen Ziffern. Dazu erhält man lange Tracks voller Heavy Rock und Einflüsse, die so manche bekannte Band zitieren.

Ob Stoner Rock, Psychedelic oder schwerer Doom, bei Echolot vermengt sich alles zu einem atmosphärischen Amalgam. Gitarre, Bass und Schlagzeug reichen aus, um das Gehirn mit Riffs und Sounds zu überschwemmen. Dabei wechseln die Musiker zwischen ausufernden Findungspassagen und direkten Ausführungen. Ob sich die Musik dabei tonnenschwer dahinpflügt wie bei Black Sabbath oder sich zwischen Komentenschweife von Pink Floyd schlängelt, alles treibt nach vorne.

Schade nur, dass Echolot bei all diesen Ideen und der Energie es leider nicht immer schaffen, zum Punkt zu kommen. Manchmal beschleicht einem das Gefühl, dass den Liedern auf „Volva“ eine Explosion besser getan hätte, anstatt das lange umherwabern. Sicherlich, diese Klänge sind nicht am Reissbrett aufgezogen sondern durch Bauch und Gefühl entstanden. Genau deshalb wird das Trio auch live alle Bühnen ebnen und die Leute auf ihre Seite ziehen. Für das Wohnzimmer fehlt aber noch etwas der letzte Kick. Doch dieser bringt bestimmt „VI“.

Anspieltipps:
II, IV, V

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Chelsea Wolfe – Hiss Spun (2017)

Chelsea Wolfe – Hiss Spun
Label: Sargent House, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Alternative Rock, Doom

Es scheint der Monat der düsteren Aussagen für Frauen zu sein, denn nachdem Zola Jesus sich mit „Okovi“ zurückmeldete, darf man nun auch mit Chelsea Wolfe in neue Abgründe steigen. Ihr sechstes Album ist dabei nicht nur eine Strickleiter in die Hölle, sondern auch gleich das Gesteinsmassiv, das sich um uns erhebt und die Sonne auslöscht. „Hiss Spun“ jongliert mit verrauschten und verzerrten Instrumenten, Rock der in den Doom abdriftet und Folk-Einflüsse, die wohl auch Charles Manson begeistert hätten. Dass hinter all dieser Dunkelheit und Wucht aber eine betörende Schönheit lauert ist schnell klar.

Chelsea Wolfe arbeitet zwar seit 2009 daran, das perfekte Rock-Album der Unterwelt zu erschaffen, verloren wirkt die Amerikanerin dabei aber nie. Mit ihrer reichen und vielseitigen Stimme wird jedes Ungetüm aus krachenden Gitarren und dröhnendem Bass zu einer Verlockung. Dank Beiträgen von Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age) und Aaron Turner (Isis) werden Gegenpunkte mit Testosteron gesetzt, Wolfe bleibt aber immer die Königin von „Hiss Spun“. Ob ihre Herrschaft nun brutal ausgeführt wird („Spun“ oder „Static Hum“) oder zwischen Hintergrundrauschen und Gitarre lauert („Two Spirit“), diese Scheibe packt alle.

Mit langen Highlights wie „Twin Fawn“ oder „The Culling“ umgarnt Chelsea Wolfe uns alle mit ihrem wallenden, schwarzen Kleid aus schwerer Rock-Musik und zeigt, dass Ausbruch und Verzweiflung zu sehr starker Musik führen können. „Hiss Spun“ ist eine Verarbeitung mit den immer schlimmeren Zustände auf der Welt und ein persönlicher Befreiungsschlag – voller Störfrequenzen und scharfer Zähne. Und solche Bisswunden lässt man sich jederzeit zufügen.

Anspieltipps:
Vex, Twin Fawn, Welt

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Phallus Dei – Black Dawn (2017)

Phallus Dei – Black Dawn
Label: Dark Vinyl Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Doom, Ambient

Wer sich nach 25 Jahren immer noch in der Dunkelheit versteckt, der muss diese lichtlose Umgebung eindeutig lieben. Phallus Dei, die Könige des unheimlichen Doom-Drone aus Deutschland, finden die Abgründe auch 2017 immer noch spannend. Und wenn man schon ein Vierteljahrhundert besteht, dann darf man sich selber auch etwas feiern. So findet man auf “Black Dawn” nicht nur fünf neue und gerne auch verstörende Kompositionen, sondern einige Gastauftritte, die tief unter den Haarwurzeln graben. Und auch wenn der Einstieg mit “Slewed” noch wunderbar konventionell passiert: Schnell ändert sich alles.

Denn Phallus Dei, welche sich damals nach einem Album von Amon Düül II benannt haben, mischen ihren industriellen Drone aus tief gestimmten Gitarren gerne mit minimalistischer Musik. Elektronische Elemente und Einsätze von Cello oder Blasintrumenten verleihen der Musik auf “Black Dawn” eine neue, apokalyptische Ebene und machen die Stücke noch hypnotischer. So nimmt sich “Starman” viel Zeit für den Aufbau, steigert sich aber mit jeder Minute zu einer immer grösseren Soundwand. Oder dann ist da “Zauberwald”, das sich mit Perkussion und Streichern zu einem Horror-Hörspiel entwickelt. Die Lieder bleiben immer interessant, sogar bei Laufzeiten von knapp 20 Minuten.

Je weiter man sich auf dieser Scheibe vorwagt, desto düsterer und gnadenloser erscheint einem die musikalische Umgebung – doch die erlösenden Akkorde des Ambient helfen. Merzbow nutzt diese Gelegenheit, um als Gast alles zu verzerren und die Musik noch epischer wirken zu lassen. Schönes Beispiel ist “Krieger” mit seinen Perkussions-Explosionen oder der Abschluss durch den Post-Punk-Drone “Stigmata”. Es ist somit also bewiesen, dass Phallus Dei weiterhin die dunklen Lords der bitterbösen Szene sind und wunderbar überraschen können.

Anspieltipps:
Starman, Zauberwald, Krieger

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Esben And The Witch, Bogen F Zürich, 17-02-15

Esben And The Witch_Bogen F_MBohli

Esben And The Witch
Support: Sum Of R
Mittwoch 15. Februar 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Noch selten war der Bogen F in Zürich-Hardbrücke so klein und so riesig zugleich – denn das Kulturlokal wurde noch vor Beginn der Konzerte mit Unmengen an Trockennebel gefüllt. Man fühlte sich somit in einer grossen Gruft gefangen, ohne die Grenzen wahrzunehmen. Und auch bei der alsbald erklingenden Musik war es schwer, klare Formen und Konturen zu erkennen. Sum Of R, ein dunkles Duo und Band von Reto Mäder, lässt die Schweiz seit 2008 ein Stück unbehaglicher werden. Ihre instrumentalen Ergüsse wabern zwischen Doom, Drone und Post-Metal. Auch an diesem Mittwoch liessen sie die Zuschauer in eine Welt voller sonischer Wände und Schattenzeichnungen eintauchen.

Allgemein war bei diesem und dem nachfolgenden Auftritt von Esben And The Witch gut zu sehen, wie stark eine Lichtuntermalung das Konzerterlebnis verstärken und verändern kann. Die ritualmässigen Kompositionen von Sum Of R wurden in heftiges Strobogewitter getaucht, die Musiker meist nur indirekt beleuchtet. Als Besucher tauchte man somit in eine Zwischenwelt ab, in der man ohne jeglichen Besitz oder Verlangen existierte. Und dieses Gefühl wurde auch bei dem diesjährig einzigen Schweizer Auftritt der Gruppe aus England beibehalten. Das Trio startete im Bogen F seine aktuelle Tour und liess die Besucher die neuste Platte „Older Terrors“ live erfassen.

Obwohl Esben And The Witch sich eigentlich nie greifbar machen, wirkten sich doch wie ein tonnenschwerer Fels, der auf deinen Kopf fiel – sich zugleich aber auch wie Nebel wieder verflüchtige. Ihre Lieder werden live zu langen und in sich verzahnende Urwesen, mit bedrohlichen Tieftönen und Explosionen. Egal ob die Gruppe nun bekanntere Stücke wie „Marching Song“, lange Albträume wie „The Jungle“ oder komplett neue Stücke präsentierte – hier vermischte sich alles zu einer Trance. Man wankt in der Dunkelheit umher, versucht sich am Gesang von Bassistin Rachel Davies festzuhalten und wird doch von Gitarrenmelodien zerfetzt. Irgendwo zwischen Gothic Rock, Post-Doom und Alternative setzte das Konzert auf den Boden auf. Musik als Erlebnis, hier zwischen Horror und herrlichstem Rausch.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sum Of R_Bogen F_MBohli

Fvnerals – Wounds (20016)

fvnerals-wounds

Fvnerals – Wounds
Label: Golden Antenna, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Doom, Ambient

Was wiegt mehr, eine Tonne schwarzer Federn oder eine Tonne Lavagestein? Die alte Fangfrage lässt sich hervorragend auf das zweite Album von Fvnerals übertragen. Die Doom-Band aus Glasgow spielt nämlich mit der scheinbaren Leichtigkeit von schweren Materialien – „Wounds“ ist ätherischer Doom, Musik für Waldspaziergänge in dunkelsten Nächten und in gottverlassenen Gegenden. Für Menschen voller Furcht, Depressionen oder Ängste also kein einfaches Unterfangen. Aber Sängerin Tiffany hilft uns allen.

„We’re Burning Slow“, ein bedeutungsschwangerer Satz, schon fast geisterhaft dargeboten im schleppenden Abschluss „Where“. Hier kumulieren sich Atmosphäre und Darbietung, welche Fvnerals über sechs Lieder erschaffen haben. Kraftvoll und dunkel wie schwarzes Wasser, das langsam und zäh über Moosflechten fliesst, ist auch die Musik auf „Wounds“. Was man von Gruppen wie Neurosis in extremer Gewalt kennt, wird auf diesem Werk in Schönheit und Schatten dargeboten. Die Musik ummantelt den Hörer, zwingt zu genauen Betrachtungen und begeistert mit Stimmungsdichte. Selten vernimmt man ein solch lautes Genre mit solcher Spannung und so vielen Emotionen.

Fvnerals verstecken sich gerne im tiefen Geäst und lassen sich von nichts hervorlocken – als Hörer muss man der Band vertrauensvoll folgen, auch wenn der Weg aus der Dunkelheit für immer verloren geht. Anmutig und elegant breitet sich der Doom vor uns aus, will erforscht und im Kopf ergänzt werden. „Shiver“ oder „Crown“ spielen mit fantastischen Melodien und geheimnisvollen Stimmen. Und mit jeder weiteren Minute beweisen die Musiker, dass Nachtmusik auch mit dahinvegetierendem Ambient kombinierbar ist. „Wounds“ tropft wie Harz auf unsere Seelen und verfärbt sie für immer.

Anspieltipps:
Shiver, Crown, Where

Interview mit Wolf Counsel – Eingeweide mit Emotionen

wolfcounselpicwebrgbMichael Bohli: Hei Ralf, besten Dank für die Interview-Möglichkeit. Zuerst möchte ich sagen, dass euer neustes Album „Ironclad“ echt toll geworden ist.
Ralf W. Garcia: Hallo auch. Vielen Dank, wir sind sehr überrascht, dass das Album offensichtlich so gut ankommt und interessierte Hörer erreicht. Das ist heutzutage bei der Flut an Veröffentlichungen absolut nicht selbstverständlich. Von daher: Merci vielmals.

Ralph / Ralf – nicht nur Namen von Bandmitgliedern, sondern im skandianvischen die Bedeutungsgeber von Wolf Counsel. Das kann ja kein Zufall sein oder?
Nein, das ist kein Zufall. Es ist aber erstaunlich, dass ihr die ersten seid, welche dieses Thema ansprechen. Bisher kam nie die Frage nach dem Bandname. Es ist ja bekanntlich relativ schwierig einen passenden Namen für eine Band zu finden, welcher noch nicht vergeben ist. Als wir einen Namen suchten war es naheliegend bei relativ persönlichen, simplen Dingen für Inspiration nachzuschauen. Ralf kommt u.A. vom altdeutschen Radulf, was „Rat des Wolfes“ bedeutet. Und somit hat sichdaraus Wolf Counsel ergeben. Die Tatsache, dass in dieser Band und den Songs sehr viel Herzblut liegt, macht den Namen zudem noch passender und persönlicher.

Gerade die nordischen Ländern bieten eine gute Heimat für düstere und krachende Bands. Ob es an der kalten Luft, den dunklen Tagen oder anderen Faktoren liegt sei dahingestellt. Wie lässt sich der oft oberflächliche Glanz in der Schweiz dazu anwenden, Doom zu spielen?
Alles im Leben und auf dieser Welt hat meiner Meinung nach zwei Seiten – ohne Licht kein Schatten und somit ist nichts reiner „Glanz“. Was die Band betrifft hat die Schweiz als solches aber keine Rolle gespielt. Die Inspiration und Ideen für die akustische und visuelle Umsetzung der kreativen Impulse kommen aus sehr alltäglichen Dingen und aus persönlichen Erfahrungen wie Krankheit, Schmerz, Verlust, Wandel oder Veränderung. Diese Dinge sind relativ unabhängig von einem Ort auf der Welt. Wie wir ja alle wissen ist ja auch die Schweiz, wie jedes Land, nicht nur schön – und wenn eher oberflächlich und oft nicht echt. Manchmal muss man sich die Mühe machen und genauer hinsehen, dann erkennt man das Verborgene. Das wiederum lässt sich dann auch für kreative Ideen brauchen.

Hat eine aktuelle politische und soziale Stimmung im Umfeld überhaupt Einfluss auf eine Stilrichtung wie Doom?
Ich kann nur für unsere Band sprechen und weiss nicht, wie dies bei anderen Doom-Bands ist. Stimmungen und Geschehnisse beeinflussen uns letztendlich alle auf eine Weise und nimmt somit bestimmt auch Einfluss auf die Musik. Doom ist für mich ein Ausdruck von Emotionen, von Erfahrungen jeglicher Art und von überhaupt menschlichen Themen – aber auch von Spirituellem, Okkultem und Dingen, welche nicht naturwissenschaftlich fassbar sind. Doom ist in dieser Hinsicht eine Konstante und sicherlich auch beeinflusst von politischen oder sozialen Veränderungen. Davon abgesehen gab es diese Veränderungen schon immer – auch schon damals vor 40 Jahren, als Black Sabbath ihre ersten Gehversuche unternahmen.

wolfcounsellogowhiteWolf Counsel existieren erst seit zwei Jahren, aber in der kurzen Zeit wart ihr extrem produktiv. Nach zwei Alben folgen nun vermehrt die Konzerte, 2017 ein weiteres Werk. Ist die Kreativität bei euch als Team immer sehr hoch, oder gibt es einzelne treibende Kräfte?
Ende 2013 war es für mich an der Zeit endlich den innigen Wunsch nach Doom in die Tat umzusetzen und so ergab sich das erste Album, welches im Januar 2014 erschien. Das neue Album „Ironclad“ entstand mehr oder weniger kurz danach. Ein kreativer Fluss von Ideen begleitet mich eigentlich ständig, wodurch einzelne Riffs, Textpassagen und anderes zusammenkommen. Sobald die instrumentalen Grundgerüste der Songs fertig sind, gebe ich dies dann Reto Crola (Schlagzeug) und er fügt seine Arrangements dazu. Dazu kommen Texte, Gesangslinien und Gitarrensoli – und oft steht ein Song dann bereits. Ab und zu feilen wir noch an einzelnen Details, aber im Grossen und Ganzen funktioniert es meistens so wie beschrieben mit Reto und mir als kreativer Kern.

Der Fokus bei euch hat sich von Projekt zu Hauptband gewandelt – wie schwierig ist es dabei, alle Mitglieder zusammen zu bringen und sich Zeit für Konzerte zu schaffen?
Die Organisation einer Band an und für sich ist eine Herausforderung. Letztendlich läuft es aus meiner Sicht immer darauf hinaus wie man seine Prioritäten setzt. Momentan planen wir Konzerte relativ weit voraus, von daher ist das etwas einfacher. Die Zukunft steht aber noch in den Sternen. Natürlich wäre es optimal, wenn wir möglichst viele Shows mit Wolf Counsel spielen könnten. Ich persönlich sehe da aktuell kein Problem, da wir uns laufend absprechen und regelmässig proben. Wolf Counsel hat ganz klar aktuell und bis auf weiteres Vorrang.

Ihr mischt in eurem Doom mehrere Spielarten des Metals, aber auch Genres wie Stoner-Rock bei. Gehe ich richtig in der Annahme, dass bei euch in der Freizeit nicht nur die dunklen Künste auf dem Plattenteller drehen?
So genau habe ich die Einflüsse selber noch gar nicht analysiert. Lieder bei Wolf Counsel kommen aus der Seele und den Eingeweiden – das ist nicht sehr rational geplant. Aber es ist schon richtig, dass wir alle zu Hause sehr unterschiedliche Musik hören und mögen – von klassischem Metal, hin zu Death/Grindcore, Punk, aber auch 70er Jahre Hardrock/Progrock und vieles mehr. Sehr vielfältig und breit. Natürlich auch sehr viel Doom in sämtlichen Formen und Stilen – alte Klassiker und sehr viele neue Bands.

Wie seht ihr die Zukunft als Metal-Band, ist es in ein paar Jahren überhaupt noch möglich mit solcher Musik das Leben zu bestreiten, oder wird sich der Schwerpunkt immer mehr in Richtung Aufopferung und Hobby verschieben?
Es gibt heute nur sehr wenige Musiker, welche hauptberuflich davon leben können. Im deutschsprachigen Raum und in Metalbands kann man diese vermutlich an wenigen Fingern abzählen. Selber kenne ein paar solche Künstler. Für mich ist es eine Lebenseinstellung, ein Lebensstil. Musiker sein und kreativ zu sein beginnt man irgendwann, sehr oft bleibt dies ein existentieller Bestandteil für das restliche Leben. Die Tatsache, dass man davon meistens seine Rechnungen nicht bezahlen kann ist natürlich schade. Aber wichtiger ist es aus meiner Sicht, das zu schätzen und zu zelebrieren was man erschaffen hat und versucht, sich ständig weiter zu entwickeln und nicht zu stagnieren. Das Leben kann man auf sehr viele unterschiedliche Arten bestreiten – und was zu Essen und ein Dach über dem Kopf wird es schon immer irgendwie geben.

Braucht es überhaupt noch Mitmusiker, oder wäre es nicht einfacher und schneller, neue Alben zu Hause aufzunehmen und via Internet zu verteilen?
Aus meiner Sicht benötigt es unbedingt mehrere Musiker und kreative Köpfe, zumindest im Kontext von Wolf Counsel. Musik ist etwas sehr menschliches. Natürlich könnte man auch alles alleine machen, aber die Wirkung live auf einer Bühne mit einer vollen Band zu spielen ist etwas, was man über das Internet nicht reproduzieren kann.

Was bedeutet für euch als Band denn der Kontakt zu den Fans und Konzertbesucher?
Das ist eine sehr wichtige Sache. Einerseits freut es uns natürlich, wenn jemand etwas schätzt was man erschaffen hat. Darüber hinaus ist es aber eine Ehre und Freude, wenn wir Leuten bei einem Konzert etwas mitgeben können. Musik und in unserem Fall Doom soll bewegen und berühren. Von daher ist der Kontakt zu Konzertbesuchern vor, während und nach einer Show absolut essentiell.

Gemeinsam mit vielen anderen harten Bands geniesst ihr die Heimat bei Czar Of Crickets (Unterlabel Czar Of Bullets). Das fühlt sich bestimmt etwas wie eine verrückte Patchwork-Familie an?
Ich kenne nicht alle Bands und Musiker persönliche bei unserem Label, aber es ist schon cool wenn man sich mit Anderen zufällig bei Konzerten trifft, sich austauscht oder feiert. Wir haben, was naheliegend ist, mit Zatokrev, Phased und Ashtar unregelmässig im Sinne des direkten Austausches zu tun. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass wir auch Konzerte zusammen spielen. Czar Of Crickets ist aber davon mal abgesehen für uns der perfekte Ort und das perfekte Zuhause für Wolf Counsel.

Gibt es bei einem solchen Label einen Austausch mit anderen Bands, oder bleibt die Zusammenarbeit auf das Übliche beschränkt? Wie kam es denn zu dem Signing?
Wie erwähnt, trifft man sich ab und zu mal zufällig bei Konzerten oder Festivals und tauscht sich aus. Manchmal gibt es auch gemeinsame Konzerte, aber ansonsten macht schon jeder sein Ding – der Kontakt ist durchwegs sehr kollegial. Bezüglich des Signing war es eigentlich so, dass Czar Of Crickets bzw. Fredy das erste Album gehört hatte und wir alle damals gerne bereits das Werk auf dem Label veröffentlicht hätte. Leider passte es zeitlich nicht, das neue Album wurde darum bereits 2015 vorbesprochen. Das hat uns natürlich sehr gefreut.

Besten Dank für das Interview.
Ebenfalls vielen Dank für die Fragen.

Dieses Interview erschien zuerst bei Artnoir.