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Tocotronic – Die Unendlichkeit (2018)

Wenn sich die Hamburger Jungs von Tocotronic daran machen, die Welt mit einem neuen Album zu beglücken, dann sollte eigentlich klar sein, dass man vor allem glückliche Gesichter sehen wird. Für ihr zwölftes Werk „Die Unendlichkeit“ hat sich am Grundgerüst schliesslich auch nichts geändert. Die Besetzung ist weiterhin ein Quartett, die Gitarren geben weiterhin den Ton an, Frontmann Dirk von Lowtzow dichtet immer noch wunderbare und gerne kryptische Texte in elegantem Deutsch. Was aber verändert wirkt: Der Sound ist luftig, weit und besonders beim Titelsong wahrlich ewig nachhallend.

War ihr letztes Album mit dem Liebeskonzept und den eher fokussierten Nummern eine Platte, die man auch Häppchenweise verstanden hatte, muss man sich bei „Die Unendlichkeit“ schon wieder etwas weiter und länger in der Musik treiben lassen. Es finden sich nämlich kleine und lockere Stücke neben laut aufbrausenden Aussagen, dann wieder wirken Tocotronic ätherisch und lassen Jugendsünden mit der Naivität von heute verschmelzen. „Electric Guitar“ ist eine Hymne auf die damalige Unbeholfenheit, „1993“ schaut eher politisch und mit Schmackes zurück. Zusammen mit „Hey Du“ ist dies eines der wenigen Stücken, die schon fast punkig poltern – der Rest wirkt meist zahmer als auch schon.

„Die Unendlichkeit“ ist deswegen nie schlecht, ein Meisterwerk im Katalog kann es aber auch nicht ganz werden. Zwar sind auch unscheinbare und positiv gefärbte Lieder wie „Bis uns das Licht vertreibt“ immer ein Genuss und machen Spass, der wirkliche Funken zur Grosstat springt aber nicht über. Kein Problem für Tocotronic, denn diese Gruppe ist so versiert und punktgenau, dass man hier zu gerne in der Klang- und Sprachkunst des Alternative Rock aufgeht. Mehrstimmige Figuren mit den Gitarren gezeichnet, angenehme Effekte und die nötige Verzerrung – es gefällt sehr.

Anspieltipps:
Electric Guitar, 1993, Alles was ich immer wollte war alles

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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St. Vincent – Masseduction (2017)

„Masseduction“ würde sich wohl dann am besten erklären lassen, wenn man jedes einzelne Lied auf dieser Scheibe getrennt besprechen würde – es passiert einfach so extrem viel auf dem fünften Album der amerikanischen Künstlerin St. Vincent. Kein Wunder, ist das Werk schliesslich die Kulmination aus langjähriger Arbeit, Textentwürfe und musikalischen Skizzen, wirkt aber trotzdem nicht verzettelt. Viel eher ist es ein heller Stern des futuristischen Pop und Dance.

Wenn St. Vincent mit ihrer angenehmen Stimme den Textreigen auf Pillen bei „Pills“ anstimmt, die Musik dabei zwischen hüpfenden und trockenen Beats und flirrenden Synthieflächen wechselt, die verzerrte Gitarre das Lied kapern lässt und am Ende den Alternative Rock im Rückspiegel stehen lässt, dann erkennt man die Vielfalt von „Masseduction“. Ohne Berührungsangst und Konventionen werden hier Synthie-Pop, Dreampop, New Wave und Rock zu einem Koloss zusammengeführt, der weder Übergewicht noch ADHS aufweist. Denn eigentlich ist alles eine sehr persönliche Betrachtung.

St. Vincent, welche seit 2003 die Welt mit ihrer andersartigen Musik bunter gestaltet, hat sich für „Masseduction“ nämlich nicht nur die Haare schwarz färben und strecken lassen, sondern die Narration wie ein Spiegelbild benutzt. Hier geht es nicht um stilistierte Figuren sondern die Wahrheit, verpackt in laute Riffs und pochende Beats. Schön ist dabei, dass jedes Lied wie eine eigene Identität besitzt und damit gewinnt. „Sugarboy“ könnte von Goldfrapp stammen, „Fear The Future“ von einer EMA aus Zucker – aber im Herzen sind alles knuffige Kinder von Annie Clark.

Anspieltipps:
Pills, Los Ageless, Fear The Future

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Torres – Three Futures (2017)

Mit Torres ist es immer das Gleiche: Ihre Musik zeigt sich zuerst sperrig und schier unüberwindbar fremd, doch mit jeder vergangenen Minute wird die Faszination grösser und man entdeckt die Genialität hinter den Kompositionen. So geschah es bei mir auch mit ihrem dritten Studiowerk „Three Futures“ – der Anfang  war etwas holprig, nun aber steh ich vor einem Berg neuer Lieder, die mich berühren und faszinieren. Mackenzie Scott hat es erneut geschafft und ein düsteres Werk, irgendwo zwischen Industrial, Folk und depressivem Rock geschrieben.

Ganz so genial wie der Vorgänger „Sprinter“ ist die neue Scheibe der Engländerin zwar nicht, kratzt aber mit Songs wie „Skim“ erneut an der Erträglichkeit der lärmigen Liederkunst. Torres führt uns mit „Three Futures“ in eine Welt, in der viele Hoffnungen im Kern erstickt wurden und fesselt die Hörer mit extremer Dynamik, meisterlichem Umgang mit Verzerrung und schleppender Faszination. Lieder wie „Righteous Woman“ sind kleine Meisterwerke, wachsen schier unstoppbar in den Himmel und entziehen sich den meisten Vergleichen.

Es ist aber nicht alles der Verzweiflung nahe, Torres spielt neu auch mit dem Electro-Pop und streut ein paar Prisen Gothic in ihre Musik. Momente wie der Titelsong oder „Helen In The Woods“ sind somit wunderschön und schweissen sogar verbitterte Feinde wieder zusammen. Immerzu emotional, vereinnehmend und herrlich anders – „Three Futures“ ist erneut ein Tauchgang mit gewissem Risiko, belohnt aber alle Mutigen. Aber Vorsicht: Nicht immer bleiben die Songs zurückhaltend, Frau Scott weiss sich auch mit schneidenden Gitarrenriffs zu wehren.

Anspieltipps:
Skim, Righteous Woman, Helen In The Woods

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Wanda – Niente (2017)

„Weiter, weiter“ eröffnet das dritte Album der Wiener Schlager-Schmuddel-Popper – und versucht damit den Elan der bisherigen Veröffentlichungen mitzureissen. Das ist eigentlich gar nicht so schwierig, haben Wanda in den letzten Jahren schliesslich zu Recht riesige Erfolge gefeiert und ihre leichtfüssigen Lieder mit schwermütigen Texten durch halb Europa getragen. Nun soll also der Hattrick komplettiert werden, doch irgendwie ist auf „Niente“ etwas der Wurm drin. Oder klingt bloss langsam der Rausch ab?

An der Grundformel hat die junge Band um Sänger Michael Marco Fitzthum (der auch hier wieder lasziv, leidend und augenzwinkernd seine Worte in unsere Ohren legt) nichts gross geändert. Gitarre und Orgel kreieren lockere Melodien, die Rhythmussektion festigt alles mit geradlinigen aber doch tanzbaren Takten, dazu ein paar Streicher. Wanda haben ihre Nische gefunden und graben darin weiterhin nach Diamanten – wie „0043“ oder „Schottenring“. Was aber „Niente“ anders macht: Es legt sich nicht mehr mit dir in der dunklen Gasse an.

Während auf „Amore“ und „Bussi“ noch der Dreck regierte, die dunklen aber erotischen Sprüche, dann sind hier die Versöhnung und die Umarmung vorrangig. Wanda zelebrieren plötzlich die angenehmen Erinnerungen und vergessen in ihren Songs die reizvollen Schönheitsflecken. Somit ist „Niente“ zwar weiterhin ein Lausbub, der genau weiss, mit was für Hooks er uns packen kann, wird aber immer im Schatten seiner älteren Bruder stehen.

Anspieltipps:
0043, Schottenring, Ich sterbe

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Brand New – Science Fiction (2017)

Acht Jahre ist es her, seit wir mit „Daisy“ nicht nur erwachsener, sondern das Musikleben noch einmal packender und fesselnder wurde. Und jetzt endlich, nach langer Zeit voller Zweifel, Warten und enttäuschter Hoffnungen ist es da, das fünfte Studioalbum der Amerikanischen Post-Hardcore Band Brand New – und ist in jedem Takt und zu jeder Sekunde wieder ein extrem mitreissendes und faszinierendes Werk geworden. Immerzu wandelnd und sich nie vor Experimenten scheuend, von Alternative Rock zu Emo zu Hardcore. „Science Fiction“ ist einer der hellsten Sterne am diesjährigen Himmel.

Wie es auch nicht anders von Brand New zu erwarten war, beweisen sie mit abwechslungsreichen und extrem detailliert ausgearbeiteten Songs wie „In The Water“ erneut, dass man sehr wohl schwerwiegende Überlegungen mit immerzu packender Musik verbinden kann. Die Musiker wagen sich erneut an Fragen zu Moral, Ehrlichkeit und den Umgang mit psychologischen Problemen. Verpackt in sanften Gitarrenklängen und zerbrechlichem Gesang („Could Never Be Heaven“) oder brutal ausbrechenden Riffs und eindringlichem Geschrei („Same Logic/Teeth“), die Musik auf „Science Fiction“ wechselt immer im richtigen Moment ihre Form und Gefühle.

Sehr bitter ist nur, dass „Science Fiction“ das wohl letzte Album von Brand New bleiben wird, die Band hat angekündigt sich Ende 2018 aufzulösen. Das stimmt auf der einen Seite sehr traurig, lässt uns diese zwölf neuen Songs aber umso mehr geniessen. Denn die Reise mit treibender Kraft und wahrlich fantastischen Harmonien („Out Of Mana“) übertrifft alle Erwartungen, lässt uns zu Tränen gerührt zurück, bietet uns allen einen vertrauenswürdigen Freund und gibt uns Hoffnung, dass wir auf dieser Welt doch einen angenehmen Weg finden werden. Danke für alles, Brand New.

Anspieltipps:
Same Logic/Teeth, Out Of Mana, Batter Up

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zero Zero Baden – Tag der offenen Tür mit Jack Slamer

Tag der offenen Tür
Bands: Jack Slamer, Izamanya
Samstag 09. Dezember 2017
Zero Zero, Baden

Es ist immer wieder ein paradiesisches Gefühl, wenn man über die Schwelle in den grossen Verkaufsraum von Zero Zero in Baden tritt. Regale um Regale voller Vinyl, von brandneu bis alt und rar, als Boxsets, Singles oder schwere Pressungen auf bunten Scheiben – man muss weit reisen, um ein Geschäft zu finden, das mehr bietet. Aber wie auch in den meisten anderen Record Stores läuft es hier im Dachgeschoss des Merker-Areals nicht mehr so rund wie früher. Grund genug, mit einem Tag der offenen Tür alte Freunde, Stammkunden und neugierige Erstbesucher in die heiligen Hallen des gepressten Erdöls zu locken.

Pedro und Emma haben dazu nicht nur die neusten Veröffentlichungen ausgepackt, sondern boten gleich zwei Schweizer Bands zu einem Showcase auf. Und Izamanya nutzten dies gleich, um ihr erstes Album „Second Life“ vorzustellen. Zusammengesetzt aus Iza Loosli (Bluesaholics), Many Maurer (Ex-Krokus) und Chasper Wanner (Poltergeist) spielten die drei ein akustisches Set mit neuen Songs, die zwischen kernigem Rock und doppelten Gitarrenläufen die Leute zum Mitwippen animierten. Hier spürte man, dass diese Musiker viele Erfahrungen mitbringen und sich im Gebiet der langen Haare und kratzenden Stimmen gut auskennen.

Richtig laut und wild wurde es danach mit einem exklusiven kleinen Konzert von Jack Slamer. Die Band aus Winterthur steht sonst meist auf grossen Bühnen und vor vielen Menschen, hier im Zero Zero waren sie aber für einmal wieder auf dem Teppich und auf Augenhöhe mit den begeisterten Zuhörern. Ihr treibender und von den Siebzigern geprägter Rock durchdrang die Dachbalken und liess die Platten von Vorbildern wie Led Zeppelin freudig wackeln. Mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Stücken von beiden Alben „Noise From The Neighbourhood“ und „Jack Slamer“ wurden sie ihrem guten Ruf mehr als gerecht und bewiesen, dass der alte Rock auch heute frisch klingen kann.

Mit Häppchen, Getränken, lockeren Unterhaltungen und einer tollen Musikbeschallung durch den DJ genoss man nach den Auftritten noch den restlichen Nachmittag in fröhlicher Stimmung im Zero Zero. Und wieder einmal zeigte sich dabei, dass die Gemeinschaft eines Plattenladens einzigartig und unerreicht ist. Vergesst das digitale Shopping, fallt nicht auf die falschen Versprechen der Social Media rein – das wahre Leben und die echte Leidenschaft zum Vinyl findet man nur beim Händler des Vertrauens. Und Baden ist dafür die erste Adresse.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Noel Gallagher’s High Flying Birds – Who Built The Moon (2017)

Das farblich stark veränderte Cover und etwas mystische Motiv deuten es bereits an: Der ehemalige Oasis-Gründer und Britrock-Gott Noel Gallagher hat für sein drittes Album mit seinen High Flying Birds die Tore zur Psychedelica aufgestossen. Aber natürlich versinkt „Who Built The Moon“ nicht in einem Sumpf aus Sitarklängen und LSD-Fetzen, sondern lässt sich weiterhin von Gitarren und grossen Gesten leiten. Lieder wie „Holy Mountain“ hätten aber weder auf die Vorgänger gepasst, noch hatte man diese so erwartet.

Denn mit den zwei bisherigen Studiowerken zeigten sich Noel Gallagher’s High Flying Birds als wahre Erben des egomanischen und immerzu arschcoolen Rock aus England. Mit Bläser und Chorgesängen versehen wurden die Lieder schnell zu neuen Hymnen. „Who Built The Moon“ bricht nun etwas damit und offenbart seine Stadionqualitäten erst auf den zweiten Blick. Denn Songs wie „She Taught Me How To Fly“ oder „If Love Is The Law“ geben sich zwar viel Mühe um auf der Party die Wichtigsten zu sein, stolpern aber etwas im Bereich des Songwriting über die eigenen Absätze. Herrlich hingegen, wie über der gesamten Scheibe eine etwas verruchte und neblige Produktion liegt.

Das macht aus Liedern wie dem treibenden „Keep On Reaching“ oder dem wunderbar erzählerischen „The Man Who Built The Moon“ Momente vergessener Zeiten und verleitet zum lauten Aufdrehen. Noel Gallagher’s High Flying Birds haben etwas Neues gewagt und damit den ausgetretenen Pfad verlassen. Schade nur, ging Noel manchmal beim Schreiben etwas die Puste aus. Für Lieder wie „It’s A Beautiful World“ lieben wir den Mann aber auch dieses Jahr wieder innig und freut sich sehr darauf, die Textzeilen bald in die tiefe Nacht zu singen.

Anspieltipps:
Holy Mountain, It’s A Beautiful World, The Man Who Built The Moon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

U2 – Songs Of Experience (2017)

Bei gewissen Bands ist die Veröffentlichung eines neuen Albums wie ein Beben – bei U2 ist es eher wie ein lange angekündigtes Gewitter, dass anhaltende Spuren in der Landschaft hinterlässt. Leider handelt es sich bei ihrem 14. Studioalbum „Songs Of Experience“ dabei aber nicht um viele erfreuliche Änderungen, sondern eher Umstände, die zum Grübeln verleiten. Die grösste Stadion-Rock Band der Welt hat nämlich nicht nur das Geschwister zu „Songs Of Innocence“ aus dem Jahre 2014 verspätet abgeliefert, sondern eigentlich persönliche Songs zu Betrachtungen des aktuellen politischen Geschehens umgebaut – und stolpert dabei über ihre eigentlichen Stärken.

Mal jetzt die üblichen Vorwürfe betreffend Frontmann Bonos weltverbessernden Aktivität vorausgelassen (über die Panama Papers regen wir uns besser nicht jeden Tag auf), waren U2 immer eine Band, die sich nicht für direkte Aussagen zu Politik und Wirtschaft schämten – das kumulierte in Lieder wie „Sunday Bloody Sunday“ oder „Bullet The Blue Sky“. Doch mit neuen Stücken wie „American Soul“ verliert sich dieser Anspruch in verwässerten Ausdrücken und Bisslosigkeit. Es ist direkt zu spüren, dass viele Lieder auf dieser Platte zu oft überdacht wurden und sogar das Gitarrenspiel von The Edge versandet zwischen der glatten Produktion.

Zwar werden mit Liedern wie „Love Is All We Haft Left“ Vocoder und Elektronik zugelassen, diese Neugier wird durch blutleere Stücke wie „Red Flag Day“ oder „Landlady“ schnell wieder entkräftet. U2 schaffen es praktisch nie, einen Moment auf „Songs Of Experience“ zu erschaffen, der dem Albumtitel gerecht werden würde und im Gedächtnis bleibt. „The Blackout“ holt mit rumpelnden Bass und tollem Tempo zwar einiges raus und „13 (There Is A Light)“ schliesst den Kreis zum Vorgänger – am Ende steht man aber vor zu viel Bemühung und zu wenig Lust.

Somit haben U2 hier ein Werk erschaffen, dass seinem Vorgänger zwar in Nichts nachsteht, aber mit dieser Platte als Doppel die Sperspitze von egaler Musik bildet. Gewisse Songs werden im Stadion auf jeden Fall wieder für Jubel sorgen („The Little Things That Give You Away“), am Ende bleiben aber nur Klänge, die vor allem für Leute da sind, die sich nicht für Musik interessieren. Und so stehe ich nun hier und denke wehmütig an die Zeit zurück, in der von den Iren Platten wie „Achtung Baby“ oder „Zooropa“ erschienen, und will es fast nicht wahrhaben, dass hierfür die gleichen Mannen verantwortlich sind.

Anspieltipps:
Lights Of Home, American Soul, The Blackout

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monophona – Girls On Bikes Boys Who Sing (2017)

Band: Monophona
Album: Girls On Bikes Boys Who Sing
Genre: Trip Hop / Alternative Rock

Label/Vertrieb: Kapitän Platte
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: monophona.com

Nein, der Titel steht hier nicht für verklärte Popmusik aus den Achtzigern, er steht für Empörung und Protest. Als Zeile im Song “Hospitals For Freedom” ist er, zusammen mit den restlichen Sätzen, eine erstaunlich direkte und zielgerichtete Aussage gegen den Krieg in Syrien. Wovor sich andere Bands wohl eher fürchten würden und die Wut in Metaphern verallgemeinern, dient beim Luxemburger Trio Monophona für Musikverstärkung und politische Neupositionierung. Zurück mit dem dritten Album “Girls On Bikes, Boys Who Sing” ist die Band nämlich düsterer und wütender als je zuvor.

Sängerin Claudine Muno bringt bei vielen Songs ihre Stimme an die Grenzen, schreit und verliert sich in der Verständnislosigkeit. Monophona weiten auf ihrem dritten Studioalbum den Klangkosmos zwar nicht direkt aus, stellen sich aber aktuellen politischen und humanitären Fragen und verlegen ihre Melodien noch weiter in die Dunkelheit. Schwere Beats, tiefe Bässe und einzelne Westerngitarren findet man immer noch zuhauf, auch legt das Trio seinen gewichtigen Trip Hop bei Stücken wie dem herzlichen “Lada” beiseite. Trotzdem, die grosse Wucht erfährt man bei Krachern wie “Tick Of A Clock” oder dem tanzbaren “I Will Be Wrong”. Und dieser starke Ausdruck steht der Band extrem gut.

Ob sich Monophona mit “Folsom Prison Blues” bei Johnny Cash bedienen und auch damit in den Untergrund steigen oder bei “Hospitals For Freedom”, wie eingangs erwähnt, die Brutalität der aktuellen Kriege verurteilen – eindringlich und treffend sind ihre Melodien und Hooks immer. Da tut es fast mehr als gut, wurde der letzte Song mit “We’ll Be Alright” betitelt, ist die Musik auf  “Girls On Bikes, Boys Who Sing” nämlich gerne tonnenschwer, aber nie ohne Schönheit. Zusammen mit solch talentierten und toleranten Künstlern gehen wir gerne weiter, auch wenn die Zeiten teilweise etwas ausweglos erscheinen.

Anspieltipps:
Tick Of A Clock, Lada, Hospitals For Freedom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

LCD Soundsystem – American Dream (2017)

Band: LCD Soundsystem
Album: American Dream
Genre: Indie / Electro / Rock

Label/Vertrieb: DFA / Columbia
VÖ: 1. September 2017
Webseite: lcdsoundsystem.com

Ja, es ist verdammt noch mal ein Traum, dass LCD Soundsystem wieder Musik veröffentlichen! Nachdem sich die Truppe um James Murphy 2011 nach drei Studioalben und frenetisch gefeierten Tourneen auflöste, war die Welt nicht mehr dieselbe. Es fehlte dieser energetische Indie-Dance, diese Lieder, die so lange zappelten, bis sie entweder von der Polizei abgeführt oder zum besten Song aller Zeiten erklärt wurden. Und jetzt endlich darf man wieder zu neuen Kompositionen die Tanzfläche besteigen. Vorhang auf für die Neuerfindung des „American Dream“.

Und es braucht nur wenige Takte, bis man wieder im alten Gefühl drin ist. Erneut dreht sich bei LCD Soundsystem nämlich alles um die langsame Verführung, die unmerkliche Steigerung der Emotionen bis zur explodierenden Dichte – und die trotzdem hochgehaltene Lakonie. Murphy lässt seine Mitmusiker Instrumente und Melodien schichtweise in die Höhe treiben, Stücke wie „How Do You Sleep?“ machen erst nach einigen Minuten wirklich Sinn (andere wie „Tonite“ sind dafür von Beginn an Hits). Aber genau ab diesem entscheidenden Takt werden sie zu genialen Kunstwerken, zu den besten Gründen für eine schlaflose Nacht.

Ob sich auf „American Dream“ nun Indie-Krautrock, Disco-Pop oder IDM-Funk mit Kuhglocke treffen, LCD Soundsystem waren schon immer ein Kollektiv, das sich ein eigenes Genre erschaffen hatte. Diese Tradition der ureigenen, aber immer etwas anderen Tracks wird auch mit dem vierten Album grossartig weitergeführt. 15 Jahre nach der ursprünglichen Gründung ist die Band also immer noch relevant, wegweisend und wichtig für den seelischen Zustand der USA und ja, auch der gesamten Welt.

Anspieltipps:
Change Yr Mind, Call The Police, Emotional Haircut

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.