Avantgarde

-N – Suggestions (2018)

Viel weiss man nicht über -N: Sie sind ein Duo, sie fabrizieren elektronische Klänge und sind in Berlin beheimatet. Weitere Hinweise muss man sich schon direkt in der Musik suchen, wobei „Suggestions“ als EP nach der ersten Veröffentlichung „Hysteresis“ im Jahre 2016 auch nicht viele Anhaltspunkte bietet. Viel eher sind die drei Tracks merkwürdig, unfassbar und immer an der Grenze zum nicht mehr erträglichen Experiment.

Das beginnt bereits bei den Titeln, welche sich direkt vom Cover ableiten und eine misslungene Suchaktion im Internet darstellen. „Make sure that all words are spelled correctly“ macht mit Rückkopplungen, Störungen auf diversen Frequenzen und immer wieder übersteuernden Verbindungen gleich klar, dass -N weder tanzen noch geniessen möchten. Ihre Musik ist eine Wanderung zwischen formlosen Field Recordings, moduliertem Noise und Störgeräuschen.

Die drei Stücke haben keine definierte Form und gehen nahtlos ineinander über, „Try more general keywords“ gibt sich noch am ehesten die Mühe für eine Steigerung. -N erforschen mit „Suggestions“ also nicht nur die Möglichkeiten im simplen, elektronischen Lärm, sondern auch die Toleranz der Hörer. Denn diese EP will weder zu einem bestimmten Zeitpunk im Tag passen, noch klar als Musik angesehen werden. Die eigentliche Faszination von solchen Klängen liegt aber genau in dieser Fremdheit und Unmöglichkeit. Synapsenschmelzpunkt erreicht!

Anspieltipps:
Make sure that all words are spelled correctly., Try more general keywords.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monoglot – Wrong Turns and Dead Ends (2017)

Ihr sucht noch einen Weckton, ein Lied, das euch am Morgen garantiert aus den Träumen reisst? Dann würde sich der „Wake Up Song“ von Monoglot bestens anbieten, dürfen hier Saxophone und Gitarren in wunderbaren Sätzen die geraden Rhythmen für immer verknoten und alle Gehirnzellen in Alarmbereitschaft bringen. Mathrock mit einer grossen Prise Jazz, das zweite Album dieser multilateralen Band macht keine Gefangenen.

Wobei man bei Stücken wie „N192“ schon gefesselt dasteht und mit grossen Augen, Ohren und offenem Mund den Musikern aus Deutschland, Island und der Schweiz zuhört. Was früher bei King Crimson brutal und düster erspielt wurde, das darf hier mit Sonnenlicht und Schwung passieren. Monoglot haben für ihr zweites Album nicht nur extrem viel geübt, sondern auch unzählige Einfälle zu packenden Kompositionen zusammengewoben. Die Lieder auf „Wrong Turns And Dead Ends“ wirken dabei aber immer schlüssig und pendeln wunderbar zwischen Avantgarde, hochkomplexem Rock und eindringlichen Melodien.

Ohne Gesang, dafür mit gleich zwei Tenorsaxophonen positionieren sich Monoglot neben vielen anderen Bands und zeigen der verkappten Jazz-Gesellschaft, dass man alte Tugenden sehr wohl mit modernen und rockigen Zutaten erweitern kann. Das darf auch mal sanft schunkelnd erklingen („Swing“) oder in den Fusionhimmel aufsteigen („Mess“), experimentier- und entdeckerfreudig ist es immer. Alle, die beim Konsum also gerne gefordert werden und viel verdauen können, denen ist „Wrong Turns And Dead Ends“ stark ans Herz – oder den Magen – gelegt.

Anspieltipps:
N192, Swing, Suna Rosa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Antwood – Sponsored Content (2017)

Antwood – Sponsored Content
Label: Planet Mu, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: IDM, Avantgarde, Electronica

Es klingt wie ein hermetisch geschlossenes System, merkwürdig und etwas zu stark auf sich selber bezogen. Aber trotzdem macht diese elektronische Avantgarde auf positive Weise stutzig. Das zweite Album des kanadischen Künstlers Tristan Douglas, welches er unter dem Pseudonym Antwood veröffentlicht, gräbt sich tief in das Gebiet des subversiven Marketing und der Manipulation mit Klang und Bild. Keine Angst, gekauft ist auf „Sponsored Content“ keine Frequenz und keine Sollbruchstelle – viel mehr wird hier alles durchleuchtet und -gerüttelt.

Antwoods Rückkehr zu Planet Mu ist rastlos und immer nahe am Abgrund. Dröhnende Synthies breiten sich über lärmigen Effekten aus, Takte und Ideen werden immer wieder mittendrin abgewürgt – nur um dann doch eine Spur von Melodie und Zusammenhang erkennen zu lassen. „The New Industry“ landet mit dieser Form fast beim Gabber, anderen Tracks wird durch verfremdete Stimmen plötzlich der Boden weggerissen. Und immerzu klingt die Musik, als könnte sie gar nicht von einem Menschen stammen. Zu kalt und kantig sind die Schichten, zu ausserirdisch sphärische Momente wie „FIJI Water“.

Die Musik auf „Sponsored Content“ erhält immer wieder Raum zur Entfaltung, oft herrschen aber Geschwindigkeit und radioaktive Energie vor. Aber genau diese direkte Art braucht es, um uns vor Augen zu halten, dass die neuen Technologien und digitalen Umgebungen eben nicht so aufgebaut sind, dass sie uns helfen und weiterbringen. Der Konsum steht auch hier an erster Stelle, die Manipulation durch Grosskonzerne an der Tagesordnung. Da ist es eine richtige Wohltat, dass sich Antwood mit seiner Musik nicht nur klanglich, sondern auch inhaltlich dagegenstellt. Dieser Avantgarde-IDM ist genau das richtige für die nächtlichen Hacker-Streifzüge durch die Server der Regierung.

Anspieltipps:
The New Industry, Wait For Yengi, Commodity Fetish Mode

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blypken – 0102 (2017)

Blypken – 0102
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Electronica, Noise

Was passiert, wenn der Geist in der Maschine die Risse ausnutzt, sich mit den Steuerprogrammen verbindet und die Fabrikhalle gleich selber übernimmt? Nein, man erhält nicht ein Fantasiewesen wie Ultron, das mit englischem Akzent die Weltherrschaft anstrebt – sondern ein elektronisches Musikerzeugnis, das zwischen Glitchs und Beats die Avantgarde der Schaltkreise und Netzwerkkabel schon fast mehrdimensional neu definiert. Blypken aus Rumänien bietet genau dies und fordert auch geübte Hörer von krummer Electronica auf seiner ersten Veröffentlichung „0102“ immer wieder.

Produzent George D.Stanciulescu hat sich im Januar dieses Jahres nach diversen Projekten und Alben dazu entschieden, die Komplexität der technoiden Noise-Electronica alleine unter dem Namen Blypken zu ergründen und liefert auf dieser EP gleich zwei längere Tracks, die irgendwo zwischen verwirrtem Industrial und cholerisch ausbrechenden Ambient landen. Der Künstler selber nennt diese Musik Neurowave, was eigentlich ganz gut passt. Denn zwischen Störfrequenzen und abgehackten Geräuschen erklingen immer wieder Melodienansätze, welche zusammen die Synapsen im Gehirn auf scharfkantigen Wellen davonreiten lassen.

„Transcend“ ist als Erstkontakt auf dieser kurzen Veröffentlichung zuerst extrem forsch und kalt, lockt am Ende dann aber mit Stimmen und hellen Glockenklängen. Trotzdem, ganz wohl kann man sich mit dieser Musik nie fühlen – muss man aber auch nicht. „Transfigure“ bietet einen eher klaren Aufbau und wirkt gleitender, gemeinsam sind die Stücke aber eine faszinierende Reise in die unangenehme, elektronische Musik. Man darf auf weitere Erzeugnisse von Blypken gespannt sein.

Anspieltipps:
Transcend, Transfigure

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Atonalist feat. Gavin Friday – Atonalism (2017)

Atonalist feat. Gavin Friday – Atonalism
Label: Audiotrauma, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental, Industrial

Schwer hämmernde Maschinen, schrill pfeifende Hörner, aus dem Ruder laufende Handlungsketten – wäre „Atonalism“ eine Fabrik, dann könnten man für den nächsten Tag gleich einen Totalschaden und somit Konkurs anmelden. Hier sorgen sich nämlich weder Rhythmik, Melodie noch Harmonie um einen schönen Gleichklang oder klare Stukturen. Aber genau darum ist das erste Album von Multiinstrumentalisten Renaud-Gabriel Pion und Arnaud Fournier als Atonalist so wunderbar aufregend. Und damit nicht alles in den theoretischen Abgründe der Atonalität versinkt, sorgt der irische Sänger Gavin Friday für eine gewisse Wärme.

Eigentlich lässt „Different To Others“ als erstes Lied auf „Atonalism“ von diesem wunderbar fordernden Chaos gar nichts erahnen – denn mit leichtem Klavier, gemächlichem Aufbau und der attraktiv, tiefen Stimme Fridays glaubt man auf einem sicher wiegenden Meer zu sein. Atonalist lassen aber bereits hier am Ende die Gitarren laut werden um im folgenden Stück Saxophon und Beats gegeneinander ringen zu lassen. Doch erst mit „Spin 2.0“ wird die Scheibe vollends in den Wahnsinn geführt. Free Jazz, Industrial-Noise und kontemporäre E-Musik werden ins Feld geführt um immer wieder in langsamen Momenten der Electronica zu vergehen.

Atonalist feat. Gavin Friday lassen auf ihrem ersten Album nichts unversucht – und werden doch Meister über diese Flut an Ideen und Klangexperimenten. Dank geschickter Abfolge auf „Atonalism“ und viel Gespür für Notwendigkeit von einzelnen Klängen taucht man in Kunstwelten ab, die auch Bowie in seinen härtesten Zeiten und Peter Gabriel auf Kokain nicht gescheut hätten. Diese Platte ist somit auf keinen Fall einem unerfahrenen Musikhörer zu empfehlen – wer aber langsam von allem zu viel vernommen hat, der findet hier eine perfekt fordernde Neuheit.

Anspieltipps:
Spin 2.0, Gottesanbeterin, Realistic Answer

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Xiu Xiu – Forget (2017)

Xiu Xiu – Forget
Label: Polyvinyl Record Company, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Avantagarde, Noise-Rock

Liebe Leute in den Schatten, der Moment ist gekommen: Xiu Xiu haben ein Album aus den sumpfigen Gewässer gehoben, das zugänglich ist! „Wondering“ geht dabei als drittes Lied auf der Platte sogar soweit, dass die Gruppe mit Beats und eingängigem Refrain den Pop in die dreckigen Gassen lockt. Somit ist „Forget“ ein musikalisches Werk, dass auch endlich alle Zweifler in das Boot der tief depressiven und schrägen Rock-Abgründe lockt.

Wobei, Jamie Stewart hat auch hier nicht die Sonne gefressen – so bleibt sein Gesang weiterhin ein unangenehmer Zwitter zwischen Jammer und Todesleiden. Klanglich entfernen sich Xiu Xiu auf „Forget“ zwar etwas von den verzettelten Pfaden der Noise-Avantgarde, aber es gibt immer noch krumme Industrial-Verzerrungen, übersteuertes Elektro-Dum und Melodien, die das Messer in deinem Rücken genüsslich umdrehen. Doch dank Momenten wie „Jenny GoGo“ ist das Werk nicht nur Trauma, sondern lockere Begrüssung des kommenden Zerfalls.

Wenn Xiu Xiu mit „Faith, Torn Apart“ die Bühne in Goth-Klammotten verlassen, dann hat man auch hier wieder eine emotionale Talfahrt erlebt – aber immerhin hüpfend. Die Band hat es zum wiederholten mal geschaffen, ihr klanglicher Kosmos auszudehnen und weiterhin ihre mysteriöse Anziehung zu bewahren. Und dabei steht ihnen auch dieses zugängliche Getue einfach nur perfekt. Es gibt weiterhin keine bessere Gruppe für die erdrückenden Stunden im Keller.

Anspieltipps:
Wondering, Jenny GoGo, Forget

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Anna Von Hausswolff, Bad Bonn Düdingen, 17-04-25

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Anna Von Hausswolff
Dienstag 25. April 2017
Bad Bonn, Düdingen

Die Auftritte der zierlichen Schwedin sind für mich fast immer unerreichbar. Nachdem mein Körper kurz vor ihrem Support bei Swans aufgab und ich nur in Träumen das Konzert geniessen konnte, war diesen Dienstag die Entfernung schier ein Problem. Denn wie es Anna Von Hausswolff während dem Spielen gleich selber sagte, der Musikclub Bad Bonn liegt in der Mitte des Nirgendwo. Doch genau dies war mitunter ein grosser Grund, um aus dem Konzert einen wahren magischen Abend zu gestalten. Denn wer sich hierhin aufgemacht hatte, der war bereit, mit Körper und Seele in die Musik einzutauchen.

Anna Von Hausswolff setzt auch genau darauf, sind ihre Kompositionen doch mäandernde Brocken aus lauten Klangwellen und aufreibendem Gesang. Die Musik, die man in Düdingen hören durfte, ist genauso schwer zu umschreiben wie eine läuternde Erfahrung. Dystopisch-sakraler Doomsday-Noise, mit einer Prise Folk und der über allem thronenden Kirchenorgel. Was zuerst etwas verhalten begann und alle Besucher sich noch in der Sicherheit ihrer schwarzen Kleidung wähnen liess, wurde mit jedem Lied mehr zu einer ohrenbetäubenden Orgie der Dunkelheit. Die Gitarren rissen mit ihren Riffs Berge nieder, der Bass wurde mit einem Bogen gespielt und das Schlagzeug verbündete sich mit den Synthies zu einem Raubzug. Selten erlebt man eine solche Wucht in solch kleinem Raum.

Wenn die Musikerin ihre Band durch lange Stücke wie „Discovery“ führte, dann fiel sie genauso in Trance wie die Zuschauer. Dies wirkte so effektvoll wie eine gemeinsame Truppe aus Godspeed You! Black Emperor und der aktuellen, harten Phase von Sigur Rós, wurde hier dank der klassischen Ebene aber noch viel bedrückender. Kein Wunder torkelten die Besucher schier aus dem Club, als uns Anna Von Hausswolff aus ihrem Griff entliess. Es war einer dieser intimen Auftritte, der noch sehr lange in allen Köpfen herumgeistern wird und Musik wieder einmal neu erfunden hat. Und auch wenn es das allerletzte Konzert sein sollte, das ich erleben durfte, schönere Musik gibt es für die dunkle Seele nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lethe – The First Corpse On The Moon (2017)

Lethe – The First Corpse On The Moon
Label: My Kingdom Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Metal, Avantgarde

Metal, Experimental, Avantgarde, Electronica, Pop, Trip-Hop, Alternative Rock, Folk. Nein, dies ist keine Liste aller Stilrichtungen, die auf dieser Seite behandelt werden – es ist in kleiner Ausschnitt in die Bandbreite des neuen Albums von Lethe. Das Projekt von Anna Murphy (Ex-Eluveitie) und To-Helge Skei bietet mit „The First Corpse On The Moon“ nämlich zum wiederholten Mal eine schier wahnsinnige Mischung an Klangstilen und Musikformen. Man wird mit dieser Platte förmlich auf den Mond geschossen, dort aber auch seinem Schicksal überlassen.

Das ist eigentlich nicht schlecht, so ist doch immer die forderndste Musik am ergiebigsten. Doch was Lethe hier wagen, wird wohl so manchen Puristen extrem vor den Kopf stossen. „The First Corpse On The Moon“ ist aber auch keine Scheibe, die sich Menschen ins Regal stellen, die in ihrem Plattenladen immer nur in der gleichen Schublade grasen. Vielmehr wird hier aufgezeigt, was eigentlich im wunderbaren Gebiet des Metal so alles möglich wäre. Egal ob man sanft in Melodien gebettet wird und gleich wieder in Blasts versinkt – oder sich durch Beats in eine schier volkstümliche Richtung tragen lässt – dieses Genre erträgt vieles. Nur schade, knickt die Produktion oft etwas ein.

Avantgarde Metal schreit nach einem starken Volumen und einer Klangsubstanz – Lethe müssen hier leider immer mal wieder Abstriche machen. So klingen gewisse Momente etwas blasser als sie eigentlich wären, Monstersongs wie „Night“ oder das Titelstück hingegen kämpfen perfekt dagegen an. Und auch wenn diese Platte gerne mal Hirnknoten verursacht, der Lohn glättet alle Schmerzenswogen. Mit riesiger Anzahl an Gastmusikern und Genres ins Ziel – so etwas schafft selten ein Duo.

Anspieltipps:
Night, The First Corpse On The Moon, With You

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Gablé, Royal Baden, 17-01-06

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Surrealisten Nacht
Künstler: Gablé, Dadaglobal, The Micronaut, Pixelpunx
Freitag 06. Januar 2017
Royal, Baden

Ein Kopf der Giraffe, vor dir überhaupt existierend. Indianergeheul, irgendwie aus deinem Körper entweichend – das Oberhaupt des Stammes steht erhöht. Anzeichen der Befehle – missverstanden laut herausgeschrien, auffallend ist dies schon lange nicht mehr. Die Zukunft ist zwar nicht vorbestimmt, aber hier ganz klar ausgelegt. Egal was der Narr mit dem Tod macht, flach sind alle und niemand versteht ihre geheime Mimik-Sprache. Aber der Rauch, den spürt man schnell. Noch bevor ELP ihren glücklichen Mann fertig besungen haben, brennt der Kühlturm – Brüste sind anziehend gefährlich.

Dadaistisch dazwischen nach Symbolen von Alejandro Jodorowsky zu suchen, war nicht unsere Aufgabe – vielmehr waren wir die kahlköpfigen Detektive zwischen Wüstenstein und Skorpionenskelett. Das Dröhnen der Bässe, überlagert von handgemachten Melodien und Synthie-Akkorden, dahinter eine Wand aus weissen Kreuzen. Andächtig und ehrfürchtig auch die Königin auf den Stufen. Dadaglobal, lokal und Welten sprengend – aber im Mund doch immer noch der süsse Geschmack des Champagners, gewonnen von niemandem, der dich verbindet.

Vorbei die Gedankenströme, ein Land fällt in seiner Gesamtheit in den royalen Saal und verzaubert mit seinem scheuen Gehabe. Aber Stacheln sind immer dann giftig, wenn die Liebkosung gratis war. Gablé dringen in dein Auge, malen deine Iris regenbogenbunt mit Schwarz an und lassen weder Gitarre noch Schlagzeug unbeschadet zuschauen. Du willst dich in den Wiegungen der Gesangssprache ausruhen, Gabber kennt aber keine Pause. Wo vorhin die Weite das Ziel war, ist nun das Ziel immer weit. Jeder Handgriff bringt neue Überraschungen, immer grösser wird die Begeisterung. Plötzlich sieht man legendäre, pinke Punkte. Viel zu selten lassen sich unsere Synapsen von solcher Energie sprengen – viel zu oft sind die Berge doch zu hoch, um darüber zu hüpfen.

Aber wie auch, wenn man mikroskopisch klein zwischen Plattenteller und Knöpfchenapparatus sitzt. The Micronaut, immerhin wieder so sprechend, dass man keine Handstände machen muss, nistet sich im Dunkeln ein. Der Engel erhebt sich endlich aus dem Schatten und geht auf den Brettern umher. Was wohl alle Serienmörder besänftigt, man fasst sich schier an die Hände. Somit fallen nun auch die letzten Karten aus allen Ärmeln und jeder nimmt für die Schritte in der Kälte eine neue Rolle ein. Pfauenaugen streifen unsere Haare, spitze Hüte lauern in der Erinnerung. Surrealisten lachen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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öOoOoOoOoOo – Samen (2016)

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öOoOoOoOoOo – Samen
Label: Apathia Records, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Avantgarde, Experimental Rock

Vielleicht ist es der falsche Moment, „Samen“ als erstes am Montagmorgen zu hören. Das Gehirn hängt immer noch irgendwo im Wochenende und spätestens beim Lied „Meow Meow Frrrru“ glaubt man, seine Synapsen zwischen Katzenvideos auf 9Gag und gemeingefährlichen Kunstbildern auf Instagram verloren zu haben. Obwohl: Was öOoOoOoOoOo auf ihrem ersten Album abliefern, passt wohl genauso schlecht zu jedem anderen Moment – und somit genau so perfekt überall hin. Das Projekt zwischen Sängerin Asphodel und dem Multiinstrumentalisten Baptiste Bertrand ist ein brodelnder Topf voller Musik und Fragwürdigkeit.

Asphodel sprengt alleine mit ihren Stimmbändern alle Grenzen und singt sich opernhaft zwischen den Gitarren durch, nur um dann wie Tiere zu klingen, zu kreischen, zu grunzen und sich sanft schnurrend auf unseren Beinen einzurollen. „Samen“ vereint dabei so viele Ansätze, dass die einzelnen Liedern zwar wie Körperteile des Tausendfüsslers – wofür öOoOoOoOoOo sprachlich steht – wirken, aber sich nie komplett zusammenfügen. Zwischen Avantgarde Metal, experimentellem Rock, spielerischen Reimen im Pop-Gewand und instrumentalen Lawinen liegend, ist dieses Wesen ein gigantischer Berg an Ideen. So fühlt man sich bei „Bark City“ plötzlich mit Mäusen im Saloon, nur um gleich wieder mit Metal-Blasts den Colt weggeschossen zu kriegen.

Erstaunlich ist dabei, dass mutige Entdecker und musikalische Seiltänzer dieses Album sehr schnell ins Herz schliessen werden. Trotz aller Wechsel, Veränderungen und Saltos sind die Lieder von öOoOoOoOoOo eingängig und erfassbar. Man begibt sich zwar in Gebiete, die auf den Karten mit Monstern gekennzeichnet sind, findet aber Schönheit und wunderbare Arrangements – „Purple Tastes Like White“ klingt schier träumerisch. In „Samen“ muss man somit unbedingt reinhören, ausser man gibt sich jeden Tag mit demselben Alltag und Song zufrieden und hatte bei Die Antwoord schon Angst – wie langweilig.

Anspieltipps:
Rules Of The Show, No Guts = No Masters, Purple Tastes Like White

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.