Record Store Day

U2 – Red Hill Mining Town 2017 Mix (2017)

U2 – Red Hill Mining Town 2017 Mix
Label: Island, 2017
Format: 12inch Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Rock

Ein wenig verwundert war ich schon, als U2 zum diesjährigen Record Store Day angekündigt haben, „Red Hill Mining Town“ mit neuem Mix als Picture-Disc zu veröffentlichen. Dieses Lied wurde von der Band jahrzehntelang eher missachtet, viel mehr wurden auf die klassischen Hits von „The Joshua Tree“ gesetzt. Im Zeichen der 30-jährigen Jubiläumstournee wurde dem Album aber eine Frischzellenkur verpasst und auch „Red Hill Mining Town“ in die Gegenwart transportiert.

Und nachdem die „The Joshua Tree Tour“ nun in Europa beendet ist, erscheint auch diese Neuaufnahme in neuem Licht. Denn um dieses Stück live zu spielen, haben U2 nicht nur die Arrangements verändert, Bono hat seinen Gesang auch etwas angepasst. Die hohen Lagen waren nicht mehr ganz einfach zu erreichen – doch diese geerdete Stimmung tut dem Stück gut. Die neuen Bläser bieten die nötige Breite und im Refrain brechen alle Dämme.

Natürlich muss man hier noch anmerken, dass – wie für den RSD typisch – diese Veröffentlichung etwas zu teuer ist. Auf dem Vinyl ist nur zweimal derselbe Song enthalten, die Bilder auf der Platte gewinnen keinen Schönheitswettbewerb. Trotzdem, als Erweiterung zur Album-Neuauflage und auch als Erinnerungsstück an die Tour funktioniert die Scheibe bei uns Fans natürlich perfekt.

Anspieltipps:
Red Hill Mining Town 2017 Mix

ABAY – Conversions Vol. 1 (2017)

ABAY – Conversions Vol. 1
Label: Unter Schafen, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Cover

Die Kunst der Cover-Versionen wird ja gerne darin gesucht, dass sich ein Musiker fremde Ware zu Eigen macht und aus einem bereits tollen Song einen noch besseren oder gleichwertig guten Track bastelt. Die wahre Kunst liegt aber in der Fähigkeit, Unvergleichliches zur Einheit zu verpacken und dabei den Humor nicht zu vergessen. Und ABAY haben dies mit ihrer EP „Conversions Vol. 1“ zum diesjährigen Record Store Day eindeutig geschafft! Schliesslich tummeln sich hier The XX und Massive Attack neben ABBA und Scooter – ohne sich zu verunglimpfen.

Dabei mögen es gar nicht alle bei ABAY, zu covern und die Songs kamen aus unterschiedlichsten Richtungen auf die Musiker zugeflogen. Ob Auftrag, Geschenk oder persönlicher Wunsch, die neue Band des ehemaligen Blackmail-Sängers Aydo Abay vermengt hier alles. Und dabei ist schön zu sehen, dass die Gruppe ihren eigenen Klang beibehalten kann. Alternativer Rock, der schon auf dem Album „Everything’s Amazing And Nobody Is Happy“ gerne mit dem unrasierten Pop tanzte. Und auch hier bei „Conversions Vol. 1“ wird aus dem Electronica-Traum „Paradise Circus“ von Massive Attack ein treibender Rock-Song, genauso wie „Angels“ von The XX nun eher aufweckt als schläfrig macht.

Die Highlights auf der limitierten Pressung für den diesjährigen Record Store Day gelingen ABAY aber mit „All The World Is Mad“ von Thrice und dem Scooter-Medley „Always Hardcore“. Ersteres steht für knirschende Intensität, zweites für folkig hüpfenden Spass ohne Geballer. Und da es die Band geschafft hat, aus beiden eine feinfühlige Neuinterpretation zu schälen, kann ich nur meinen Hut ziehen. „Conversions Vol.1“ ist also nicht nur für Cover-Liebhaber ein gefundenes Fressen, sondern eine Talentschau der beteiligten Musiker. Bitte mehr davon.

Anspieltipps:
Paradise Circus, All The World Is Mad, Always Hardcore

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Record Store Day 2017 – Die 10-jährige Ernüchterung?

Zehn Jahre Record Store Day, zehn Jahre die Liebe zum Vinyl und zum Plattenladen neu aufleben lassen – und die Luft ist schon draussen? Ein weiteres Mal habe ich mich an diesem ehrenwerten Samstag im April aufgemacht, meine Liebe zum schwarzen Gold und den Personen dahinter aufflammen zu lassen. Denn wie schon neun Jahre vorher gilt es an diesem Tag zu beweisen, dass Musik nicht nur eine Schallwelle ist, die auf die Ohren auftrifft. Viel mehr stehen dahinter nicht nur Musiker, Künstler und Labels, sondern vor allem Menschen mit Herzblut und einer grossen Liebe. Und das will der RSD zelebrieren – mit Aktionen, Sonderpressungen und der Bewusstseinsverstärkung.

Natürlich könnte man hier die gleichen Diskussionen anzetteln wie schon immer zuvor, wie dieser Tag verkommen ist, wie alles missbraucht wird und wie die aktuelle Generation Schallplatten sowieso falsch benutzt. Aber das wird langsam etwas müde, oder? So gab es für mich auch zu wenige Argumente, die gegen den Besuch von wunderbaren Plattenläden gesprochen hätten. Schliesslich geht es genau darum, bei seinen bekannten Händlern aufzukreuzen, über krude Themen zu fachsimpeln und dabei zu zeigen, doch: Ich kaufe lokal. Wunderbar auch, dass sich die Besitzer der Geschäfte dazu natürlich etwas einfallen lassen.

So durfte man im Dezibelle in Aarau seine liebsten Songs gleich vom DJ im Schaufenster spielen lassen – egal, was alle anderen Besucher dazu dachten – oder im Zero Zero leckeren Kuchen in der Sitzecke verspeisen. Immer wieder aber wurde der Blick von den Fächern oder gleich Regalen angezogen, in denen die Platten mit dem glänzenden Logo des Record Store Day lauerten. Denn darin fand man auch dieses Jahr wieder Neuauflagen in schicker Aufmachungen, Neupressungen oder gar gehobene Schätze. Bei mir Zuhause fanden zwar nur die neue 12inch von „Red Hill Mining Town“ von U2 sowie die EP „No Plan“ von David Bowie ein neues Heim, gerade aber Freunde altbekannter Gruppen und Künstler wähnten sich im Himmel.

Egal ob Prince, Leonard Cohen oder skurrile Acts aus irgendwelchen Szenen, die heute keiner mehr in Erinnerung hat, farbig und frisch aus dem Presswerk wollte alles angefasst werden. Klar, es ist schon etwas fragwürdig, wie wenig neue Musik und unabhängige Künstler an diesem Tag wirklich eine Plattform erhalten. Ebenso ist die Streuung der Veröffentlichungen immer noch komplett undurchschaubar – aber Vinyl zu kaufen ist einfach etwas Wunderbares. Und wenn dank diesem Tag jedes Jahr wieder neue und auch junge Menschen auf diesen Zug aufspringen, dann funktioniert das Ganze ja doch ziemlich gut.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blanck Mass – The Great Confuso EP (2016)

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Blanck Mass – The Great Confuso EP
Label: Sacred Bones, 2016
Format: RSD Vinyl
Links: Discogs, Künstler
Genre: Techno, Electronica, Minimal

Der Kauf einer Veröffentlichung von Blanck Mass bietet immer wieder Überraschungen. So war sein Debütalbum wunderschöner Ambient, der Nachfolger dann verstörender und gerne auch sehr harter Techno. Dazwischen erblickte mit „The Great Confuso“ eine EP das Licht der Welt, die beide Pole etwas näher zusammenführte. 2016 erhielt man dank dem Record Store Day nun die Gelegenheit, die Musik auf orangem Vinyl zu kaufen, farblich passend zum Cover.

Wie es der Name schon sagt, dreht sich hier alles um das 18 Minuten lange Stück „The Great Confuso“. Unterteilt in drei Abschnitte bietet der klangliche Erguss nicht nur die harten und queren Beats, ausgefallenen Sprachsamples und düsteren Melodien, sondern aus Frequenzüberlastungen und wunderbare Melodien. Blanck Mass zieht hier alle Register seines Könnens und formt die Musik zu einem immer stärker werdenden Strom, zu einer Reise, zu einem Ritt. Nie werden Ideen zu oft repetiert, immer fliessen alle Gegensätze als neue Farbkreation gemeinsam über den Rand des Malkastens. Aber Achtung: Hinter den lustigen Tönen lauern aggressive Sequencer.

Auf der B-Seite erhält man mit „The Great Confuso“ noch drei Remixe zu „Dead Format“, „No Lite“ und „Detritus“ – die Sammlung und Familie um Blanck Mass wächst also in bester Verfassung weiter. Und somit macht man auch mit dieser Scheibe nichts falsch, denn hier erwarten einen viele Minuten voller hartem Techno, träumerischem Electronica und sogar Ambient-Ausschweifungen. So genial wie bei Blanck Mass fügen sich diese farbigen Vögel selten zusammen.

Anspieltipps:
The Great Confuso (Parts I, II, and III), No Lite (Genesis Breyer P-Orridge Dreamachine Remix)

La Dispute – Tiny Dots (2016)

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La Dispute – Tiny Dots
Label: Big Scary Monsters, 2016
Format: Vinyl mit Download, RSD
Links: Discogs, Band
Genre: Soundtrack, Post-Hardcore, Folk

Was zuvor laut und bestürzend war, wird nun nachdenklich und leise – La Dispute vollziehen mit ihrem Dokumentarfilm „Tiny Dots“ einen weiteren Schritt in ihrer Verwandlung zu einer sanften Band. Vom schreienden Post-Hardcore spürt man auf dem Soundtrack zum Film nicht mehr viel, die Intensität blieb aber gleich. Dank dem Record Store Day erhielt man die Möglichkeit, alle neuen Facetten auf Vinyl zu erleben.

„Tiny Dots“ ist ein Versuch, ein Schritt in das Unbekannte. Man erlebt La Dispute hier verletzlich, ohne Mauer und Verstärkung. Die A-Seite widmet sich dabei wie ein Soundtrack den reduzierten Klangwelten und Ambient-Varianten von Liedern aus dem Kosmos der Post-Hardcore Band. Jordan Dreyer spricht darüber frühe Versionen von seinen Texten, welche hier wie schmerzhafte Erinnerungen an sein Leben klingen. Dahinter kratzen Finger über Gitarrenseiten, Klaviertöne erklingen und unter allem brodeln Synthflächen. La Dispute auf diese Stimmungswirkung zu reduzieren funktioniert prächtig, auch ohne bewegte Bilder.

Auf der B-Seite wird man in eine Konzertaufnahme befördert, in der sich die Band von neuen Richtungen an ihre Songs heranwagt. Aus wilden Breaks wird sanfter Folk-Rock, aus Geschrei wird betrübter Sprechgesang. Grossartige Stücke wie „Woman (In Mirror)“ oder „Objects In Space“ werden zu Betrachtungen, man vergisst beinahe das Atmen. Mit diesen Aufnahmen beweisen La Dispute einmal mehr, dass hinter ihren Stücken geniales Songwriting und viel Emotion steckt. Auch in reduzierten und zärtlichen Versionen, oder gar auf Klanggebilde begrenzt, leuchtet die Musik und nimmt mit. „Tiny Dots“ ist faszinierend und ergreifend.

Anspieltipps:
A, For Mayor In Splitsville, Objects In Space

Record Store Day 2016 – Berlin

Alle Jahre wieder, beschert uns der Record Store Day die Möglichkeit, viele limitierte Platten zu jagen und kaufen, Vinyl-Shops zu besuchen und neue Freunde zu finden. Meine Wenigkeit befand sich an diesem Tag ausnahmsweise nicht in der Schweiz, sondern nutzte einen Kurztrip nach Berlin um das Treiben im Dodo Beach zu betrachten.

Dodo Beach ist nicht nur ein besonders hübscher und grosser Plattenladen in der deutschen Hauptstadt, sondern auch einer der beliebtesten. Das liegt – nebst der grossartigen Auswahl und angenehmen Präsentation der Scheiben – vor allem am freundlichen Personal und der tolle Atmosphäre im Geschäft. Natürlich verstärkte sich dies am Record Store Day um ein vielfaches und zwischen den Regalen bewegten sich Scharen von Menschen. Immer wieder fand man Gelegenheit, mit anderen Besuchern zu sprechen und die eigene Leidenschaft zu Vinyl zu teilen.

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Matthias aus Bremen beispielsweise, nutzte seinen Kurztrip nach Berlin um durch die Plattenläden zu streifen. Da im Dodo Beach den gesamten Tag auch Livekonzerte veranstaltet wurden, war dieses Geschäft seine erste Anlaufstelle. Matthias informierte sich zwar etwas im Voraus online über die Veröffentlichungen, kauft aber auch nicht jede Scheibe. Wie auch in meinen Augen, sind für ihn viele RSD-Editionen überteuert und in der Sammlung nicht nötig. Besonders bei den Singles macht keinen Aufstand, und sein Plattenregal ist schon fast übervoll. Doch wer denkt bei Vinyl schon in vernünftigen Mengen?

Für die Geschäftsleiter ist dieses irrationale Verhalten natürlich ein Segen, und gerade an einem Tag wie dem Record Store Day steigen die Verkaufszahlen. Wobei die Leute bei Dodo Beach auch wissen, wie man sicher selber und das schwarze Gold feiert. Auf der Gasse befindet sich die Bühne und eine Bar, im Geschäft ein separates Regal mit RSD-Vinyl. So macht das suchen und kaufen gleich noch mehr Spass. Und wer Glück hatte, der wurde entweder vom RBB oder Musikexpress interviewt. Wie auch unser Autor.

Franzi, eine gebürtige Berlinerin und gute Freundin von mir, besuchte noch drei weitere Plattenläden und stellt uns hier ein paar Impressionen zur Verfügung. Glücklich endete ihre Jagd nach dem „Doctor Who Soundtrack“ übrigens im Dodo Beach. Besten Dank!

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Media Monday #251

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Hoffen wir jetzt bereits auf die 500? Wie auch immer, nach den Festlichkeiten geht es beim Medienjournal gewohnt weiter. Von meiner Seite mit kleiner Verspätung, weilte ich doch für ein paar Tage in Berlin.

1. Enttäuschung drückt nicht annähernd aus, was ich empfand, als ich in Berlin im Lego Store stand und all diese wunderschönen „Star Wars“-Sets betrachtete – und dann doch mit leeren Händen den Laden verliess. Was man nicht alles für die Vernunft macht.

2. Wenn andere so über Vinyl reden, dann höre ich meist gespannt zu. Auch bei diesem netten Kurzbericht über den Record Store Day von RBB sieht man liebe Menschen und das freudige Glänzen in den Augen. Man sieht mich übrigens ganz kurz beim furchtlosen Suchen nach Schätzen.

3. Manchmal fragt man sich ja, was die Verantwortlichen sich bei der Auswahl der Filmtitel denken, wie etwa bei „Miss You Already“, der in Deutschland wunderschön und prägnant mit „Im Himmel trägt man hohe Schuhe“ übersetzt wurde. Ja klar, weil ein Film der eher weibliches Publikum anspricht, muss ja mit Mode in Verbindung gebracht werden. Auch wenn dies dem eigentlich Inhalt komplett vorbei zielt und nun nach einem doofen Groschenroman klingt.

4. Bei historischen Stoffen werde ich meist nicht sehr aufgeregt. Doch zu erfahren, was die Muster und Farben auf den handgeknüpften Teppichen des Berber-Volkes in Marokko bedeuten, das war schon sehr spannend. Der Museumsführer machte daraus dann auch gleich ein kleines Quiz, meine Freundin und ich schlugen uns nicht einmal so schlecht.

5. Vom Set-Design her sind die klassischen James Bond Filme ja immer noch grossartig und wegweisend. Ken Adam war ein Visionär und schuf architektonische Meisterleistungen.

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6. Eines der wohl meistbemühten Klischees ist es ja wohl, dass man als Tourist immer nur den bekannten Markenketten und Fast Food Restaurants hinterher rennt. So war es ein wunderbar schlimmes Bild, am Alexanderplatz Leute mit Primark-Taschen aus dem Vapiano kommen zu sehen. Da gehe ich lieber in kleine Geschäfte und tolle Restaurants in Nebenstrassen.

7. Zuletzt habe ich vor der Reise nach Berlin „Snowpiercer“ geschaut und das war genau so wie ich es mir erhofft hatte, weil der Film sich nicht nur neben den Genrekonventionen bewegt, sondern aufzeigt, dass Comicverfilmungen anders aussehen können. Und gewisse Schauspielerinnen laufen echt zu Höchstform auf.

Mint – Magazin für Vinylkultur 16/01

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Eigentlich ist es naheliegend, aber trotzdem irgendwie lustig: Dialog GmbH veröffentlicht ein neues Magazin über Vinyl – also ein Loblied über ein fast ausgestorbenes Medium, via immer unwichtiger werdendem Gefäss. Print ist rückläufig, die Schallplatten sind nur noch ein kleiner Punkt am Marktanteil. Aber trotzdem scheint dieser Schritt genau richtig zu sein, wird doch in allen Kanälen von der grossen Rückkehr der schwarzen Scheiben geschrieben und alle hippen, jungen Menschen haben sich im Wohnzimmer wieder ein Spieler aufgebaut. Schnell wird aber klar, dass es sich bei diesem Heft um ein wahres Erzeugnis für Menschen mit einem kleinen Knacks handelt.

Schon alleine der Name MINT zeugt von tieferer Behandlung der Vinylkultur, als nur das oberflächliche Geschwafel diverser Blogs und Zeitungen. Der Titel bezieht sich nämlich nicht auf die wunderbar schmeckende Pflanze, sondern die Zustandsbeschreibung von Vinyl. Eine Platte mit dem Prädikat Mint ist perfekt, neu und unverbraucht. Und genau so nerdig geht es dann auch beim Inhalt weiter. In dieser ersten Ausgabe finden sich Reportagen über die Plattenbörse in Utrecht, über den analogen Mastering-Meister John Cremer, den Vinylraum des 25 Hour Hotel in Hamburg oder And Vinyly – das Angebot, die Asche eines Verstorbenen in Vinyl zu pressen. Soweit so verrückt, als Leser und Geniesser dieses Hefts habe ich mich aber immer wieder ertappt, die Berichte mit einem zufriedenen Lächeln zu geniessen.

Einerseits ist es doch wunderschön, sich in einem gleich gesinnten Kreis zu fühlen und die Leidenschaft zu teilen. Schliesslich nimmt Vinyl auch bei mir zu Hause im Wohnzimmer eine halbe Wand ein. Andererseits ist es auch beruhigend immer wieder zu erfahren, dass es noch viel wahnsinnigere und „schlimmere“ Sammler und Süchtige des schwarzen Goldes gibt. Denn MINT bietet nicht nur Einblicke in fremde Sammlungen, sondern auch Tipps zur Regalstatik, Rezis zu vielen Pressungen und eine grosse Menge an Händler- und Shopadressen. Schön, dass hier Geschäfte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine Plattform erhalten. Somit kann man auch in seiner eigenen Region vielleicht noch neues entdecken und weitere Liebhaber kennen lernen.

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Highlight dieser ersten Ausgabe war für mich das Streitgespräch zum Thema „Vinyl auf dem Peak“. Darin werden die Themen Hype, Verkaufszahlen, Record Store Day, Presswerke und Preispolitik interessant und aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Lustig ist dabei die eigentliche Schlussfolgerung, dass Vinyl eher unter diesem Moderummel leidet, ein solches Magazin dies aber weiter unterstützt. Trotzdem, ist es schön zu sehen, dass dieses unsterbliche Medium weniger belächelt wird.

MINT kann ich somit allen ans Herz legen, die sich ernsthaft mit Vinyl und der Kultur darum beschäftigen. Das Magazin ist toll gemacht, erscheint in hübschem Layout und die Texte lesen sich fliessend. Mit einem Preis von 4.90 Euro ist es zudem erschwinglich und beweist einen nicht ganz ernsten Umgang mit gewissen Themen. Wunderbar erfrischen fand ich die ehrlichen Plattenbesprechungen. Die neue Coldplay ist „ein Gute-Laune-Album, das unglaublich nervt“, Mumford & Sons haben eine tolle Vinylpressung, musikalisch sind sie aber nur langweilig. Bissige Kommentare, die ich so leider oft bei dem Mutterheft Visions vermisse.

The Flaming Lips – Zaireeka (1997)

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The Flaming Lips – Zaireeka
Label: Warner Bros. Records, 1997 / Record Store Day Neuauflage 2010
Format: 4-fach Vinyl im Schuber, mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Psychedelic Rock, Experimental, Noise

Diese Kritik wird eine der wenigen bleiben, in denen ich ein Album bespreche, ohne es korrekt gehört zu haben. 1997 hat unsere liebste und am meisten durchgeknallte Band The Flaming Lips ein Experiment veröffentlicht. Das Album „Zaireeka“ wurde auf vier CDs veröffentlicht, die alle gleichzeitig abgespielt werden müssen. Nur dann erhält man den korrekten Eindruck der Musik, hört alle Frequenzen und kann in eine quadrophonische Klangeruption eintauchen. 2010 wurde dieses verrückte Album für den Record Store Day als edle Vinyl-Box neu aufgelegt und fand nun endlich den Weg zu mir in die Sammlung. Was mir nun aber fehlt, sind drei Plattenspieler und Anlagen.

Dank dem weiten Internet gibt es aber eine Lösung zum kneifen: Wer nicht drei Freunde dazu zwingen kann, ihre Hi-Fi Schätze zu sich ins Wohnzimmer zu transportieren, der findet als MP3 einen Downmix mit allen Schichten übereinander. Sicherlich, das Album kann auch als normale LP gehört werden (schliesslich befindet sich auf allen vier Scheiben dieselbe Musik), doch der Klangeindruck wird dann etwas geschmälert. Und gerade bei der durchgeknallten Musik von The Flaming Lips war es schon immer wichtig, diese nervenden Töne, dieses laute Rauschen, diese überlagernde Rückkopplungen zu hören und im Gesamtbild einzufügen. Auch „Zaireeka“ bildet da keine Ausnahme, stammt das Album noch aus der fröhlichen und psychedelischen Phase der Truppe. Jedes Lied lebt von der verspielten Herangehensweise an den experimentellen Indie-Rock und versucht eine Million Ideen und Melodien in die wenigen Minuten zu drücken. Wayne Coyne singt mit seiner brüchigen und schiefen Stimme quer an der Band vorbei, die Instrumente stolpern und schubsen sich gegenseitig aus der Bahn. Wie damals bei den Beatles zwängt sich ein halbes Orchester zwischen die Leerräume und alle Schleusen öffnen sich. Genau so merkwürdig wie die Songnamen klingen die Stücke auch. Effekte und Samples vermischen sich mit verzerrten Spuren, Frequenzen werden bis zur Schmerzgrenze ausgelotet. Da fällt es schon fast nicht mehr auf, dass die Lieder eigentlich sehr simpel und einfach wären. „Zaireeka“ ist kein Album voller Hits oder komplex gestalteter Lieder, sondern auch in seinen einzelnen Teilen mehr Experiment als Album. Die Band wollte sich hier austoben, unterstellte alles der Doktrin des Versuches und legte den grössten Reiz auf die revolutionäre Form der Veröffentlichung. Soweit ist dies aber nicht schlimm, weiss die Musik doch immer zu unterhalten und die Platte bietet sich als kurzer Happen zwischen den Meisterwerken der Gruppe an.

The Flaming Lips wollten schon immer Grenzen ausloten und haben es mit dieser Veröffentlichung klar geschafft. „Zaireeka“ einmal korrekt zu hören und komplett in den wilden und bunten Songs zu verschwinden, das hat einen grossen Reiz. Dank der wunderbaren Neuauflage auf Vinyl kann man dies nun sogar mit Plattenspieler versuchen, dazu mit dem informativen Booklet die Albumgeschichte nachlesen. Für Fans der Band ein kurioses Sammlerstück, für „normale“ Musikhörer wohl unverständlich.

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Anspietipps:
Riding To Work In The Year 2025 (Your Invisible Now), A Machine In India, March Of The Rotten Vegetables

Amon Tobin – Dark Jovian (2015)

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Amon Tobin – Dark Jovian
Label: Ninja Tune, 2015
Format: 2 x 12inch Vinyl in Gummischeibe, Plastikgehäuse
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Avantgarde

Der Ausnahmekünstler Amon Tobin liess lange nichts von sich hören. Seit der Veröffentlichung von „ISAM“ im Jahre 2011 wartet man auf neues Material. Nun aber hat dieses Ausharren endlich ein Ende, pünktlich zum Record Store Day kam die EP „Dark Jovian“ in die Läden. Und übertraf alleine mit ihrer Verpackung alle Erwartungen, um dann mit der Musik alle Versprechen einzulösen.

Die Musik versteckt sich auf zwei weissen 12inch Vinylscheiben, je einseitig bespielt. Auf der A-, respektive D-Seite findet man ein kunstvolles Etching, dass zugleich die Funktion des Covers übernimmt. Denn beide Platten bilden zusammen mit einer Scheibe aus Gummi ein Kunstobjekt, verpackt in einem Plastikgehäuse. Der Musiker kann nun also auch im Kunsthaus betrachtet werden, oder sollte es zumindest. Musikalisch gesehen macht er es dem Konsumenten schliesslich genau so schwierig, wie Kunst zumeist funktioniert. „Dark Jovian“ ist eine düstere und oftmals bedrückende Reise in die fernen Bereiche unserer Galaxis. Wie Filmmusik aus einem Horror-Sci-Fi Film anmutend, reitet man auf Synths durch kosmische Nebelfelder, wird von Gravitationszentren zerdrückt und landet im Herzen einer Sonne. Mit grandiosem Programming und extremen Einfallsreichtum verzückt und verstört Amon Tobin gleichzeitig. Die kurzen und prägnanten Tracks haben eine Dichte, die man selten im Bereich der elektronischen Musik wahrnimmt. Dass sich der Künstler dabei etwas von seinen abgehackten und stotternden Lieder entfernt, soll mir recht sein. Die Musik lässt sich so ohne Einschränkungen geniessen und auf sich wirken. Reisst der Anfang in einen pochenden Strudel, wiegt die Mitte in warmen Wellen, um am Ende komplett extraterrestrisch die Insektenzangen ins Ohr zu bohren.

Als Zugabe erhält man gleich noch vier Remixe von einzelnen Songs. Dass diese dabei eher der Struktur dienlich und stärker an das Format gebunden sind, stört nicht. Denn so abstrakt und von allen guten Geistern verlassen schreibt und produziert halt nur einer. „Dark Jovian“ ist eine meisterliche Mischung aus Klaustrophobie, HR Giger, Jean Michel Jarre, Frequenzstörungen und Experimentierfreude. Egal wie lange man auf diese Scheiben warten musste, jede Sekunde hat sich gelohnt.

Anspieltipps:
Dark Jovian, Encounter On IO

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