The Knife – Shaking The Habitual (2013)

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The Knife – Shaking The Habitual
Label: Brille Records, 2013
Format: 3 x Vinyl im Gatefold, 2 CDs und 2 Poster
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Ambient, Noise

Musik in Anti-Haltung. Eigentlich würden diese knappen Worte ausreichen, um das Doppelalbum „Shaking The Habitual“ von The Knife aus Schweden zu umschreiben. Das Duo gibt sich nicht nur in der echten Welt unantastbar und mysteriös, auch ihre Musik ist schwierig zu erfassen und verarbeiten. Seit 2001 begeistern sie damit eine eingeschworene Fangemeinde, erschliessen sich aber mit jeder Tour ein größeres Publikum. Konzerte werden zu wilden Partys, zugleich die Alben immer sperriger.

„Shaking The Habitual“ fordert schon in der Menge an Klang und Lieder. Auf drei Platten und zwei CDs breitet sich das Album wie Pilzwuchs aus, wuchert dabei in Songlängen von bis zu zwanzig Minuten. Dazu gesellen sich zwei Poster mit den Credits und einem antikapitalistischen Comic. Verpackt in grellbunten Farben ist das Album eine Abwehrhaltung aus Erdöl und Papier, ein Gegenpol zum einfachen Konsum. Mit diesem Werk greift die Gruppe nicht nur die Synapsen und Hirnleistungen der Hörer an, sie fordern ein Umdenken in unserer Handlungsweise und Kaufverhalten. The Knife wollen nicht gefallen, sie wollen anecken und verstören. Liebliche Electro-Songs überlassen sie den anderen, ihre Musik ist ein krankes Wesen ohne definierten Schluss oder Beginn. Viele Tracks wabern ohne Ziel minutenlang umher, bestehen nur aus grotesk veränderten Klangbausteinen und verweigern sich gar komplett Melodien oder Handlungen. Eine Mischung aus Dark-Noise und schmerzendem Ambient, weniger Musik als Lärm der gesellschaftlichen Kehrseite. Das stösst vor den Kopf, denn verspricht das Album zuerst doch tanzbare, elektronische Musik. Man weiss zwar nie richtig mit was für Instrumenten hier musiziert wird, oder ob das wirklich Klänge sind und nicht Schreie, aber das herumhüpfen mit den angeknacksten Beats und den schön-schrägen Stimmen macht Freude. Doch dann tun sich bald die Abgründe auf und alles fällt in den strudelförmigen Wahnsinn. Diese Musik dient nicht dazu den Menschen glücklich zu machen, oder ihn zu unterhalten. „Shaking The Habitual“ ist ein Brocken mit dem man sich stark auseinandersetzen muss, der schockiert und verwirrt, aber am Ende mit all seinen verwunderlichen Einfällen auch belohnt. Wie der korrekte Umgang mit dem Umfeld, der Erde und dem System auch.

The Knife beweisen nicht nur viel Mut, sondern auch ein sehr starkes Songwriting, das auch in den langen und dahinschleichenden Stücken nie aus den Augen verloren geht. Ihre Musik, die Darbietung und Darstellung davon ist ein Gesamtkunstwerk mit dem man stunden verbringen kann, und auch muss. Das Album ist kein Rückzug in eine heile Welt, sondern ein wichtiger Moment der Konzentrationsübung.

Anspieltipps:
Full Of Fire, Raging Lung, Stay Out Here

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