2015

Cowards – Rise To Infamy (2015)

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Cowards – Rise To Infamy
Label: Throatruiner Records, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Sludge, Hardcore

Es ist kein Ton mehr, es ist Lärm – immer wenn sich die Gitarren aufbäumen und mit einer langen Nadel das Trommelfell zerstechen. Doch Cowards zielen mit ihrem Album „Rise To Infamy“ auch nicht auf angenehme Momente ab, sondern wollen eine Stunde in deinem Leben mit verdammt nochmal harter Musik an der Schmerzgrenze füllen! Die Band aus Paris nimmt dazu alle angestaute Wut aus den Vororten und ihrem eigenen Leben und baut darauf ein Album zwischen Metal und Hardcore.

Lieder wie „Frustration (Is My Girl)“ hauen in wenigen Minuten so viele Ausbrüche und Angriffe raus, dass man sich fast duckt. Immer wird geschrien, die Gitarren sind konstant weit aufgedreht und stark verzerrt, Schlagzeug und Bass ziehen mit Baseballschlägern durch die Gassen. „Rise To Infamy“ muss laut gehört werden, auch wenn deine Ohren deswegen sehr bald zu bluten beginnen. In nassen, dunklen und halb zerstörten Strassen benötigt man aber solche Ausraster um sich hörbar zu machen. Cowards drücken somit Sludge und Crust in die Löcher und zeichnen eine kalte und gnadenlose Atmosphäre. Von Anfang bis Ende gibt es kein Zurück – was dem Album aber nicht immer gut tut.

Denn mit all dieser Hau-Drauf-Mentalität verlieren die Stücke etwas ihre Wirkung, Cowards versinken im Chaos ihres eigens kreierten Wirbelsturms. „Rise To Infamy“ hebt sie nicht wirklich von anderen Platten aus diesem Gebiet ab, und das ist etwas schade. Denn gerade der Titeltrack beweist, dass die Band auf jeden Fall fähig wäre, grosse Songs zu schreiben. Hier schleppen sich die Parts von Ekstase zu Depression und verbinden alle Genres zu einem wunderbaren Bastard. Warum also nicht immer so?

Anspieltipps:
Frustration (Is My Girl), Birth Of The Sadistic Son, Wish For Infamy

Anna Von Hausswolff – The Miraculous (2015)

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Anna Von Hausswolff – The Miraculous
Label: City Slang, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Art-Rock, Neo-Klassik

Vor einem Jahr erblicke ein Wesen die Welt, das nicht nur sein direktes Umfeld in eine beunruhigende Dunkelheit stürzte – und bis heute ist die Wirkung dieses Monstrums nicht abgeschwächt. Was die junge und zierliche Schwedin Anna Von Hausswolff im November 2015 mit ihrem dritten Studioalbum auf die Hörer losliess, ist ein Monolith zwischen kontemporärer Klassik, Drone-Rock und Ambient-Lärm. Die Musikerin scherte sich dabei weder in Komposition noch Ausführung um Konventionen und erreichte somit Grosses.

„The Miraculous“ nimmt bereits ab der ersten, unheimlichen Sekunde gefangen. Die Kirchenorgel thront über allen Liedern wie ein dunkler Lord und Anna Von Hausswolff zieht mit schleppenden Gesten über die kohlenschwarzen Felder. Stücke wie das eröffnende „Discovery“ oder der Mehrteiler „Come Wander With Me“ verschlingen in ihrem Aufbau viele Minuten und blättern erst spät durch alle klanglichen Aspekte. Kratzende Gitarrenriffs schleifen über die Gesänge, elektronische Bässe erdrücken einzelne Melodien – hier bewegt sich alles in einer geisterhaften Zwischenwelt.

„The Miraculous“ holt seine Energie dabei nicht nur aus fremden Schattenwelten, sondern lässt sich von der Klassik genauso inspirieren wie vom Art-Rock. Es ist dem unglaublichen Talent von Anna Von Hausswolff zu verdanken, dass ein solches Album sofort fesselt und immerzu aufgeht. Egal wie lange sich die Lieder hinziehen, egal wie lange man in der schwarzen Stille ausharren muss – immer wieder bäumt sich das Werk überlebensgross auf und bietet Gänsehautmomente. Für alle Hörer, die sich gerne abseits des Alltags bewegen, ist diese Platte immer noch ein Muss.

Anspieltipps:
Discovery, Come Wander With Me, The Miraculous

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Meat Wave – Delusion Moon (2015)

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Meat Wave – Delusion Moon
Label: Side One Dummy, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Garage Rock, Punk

Auch wenn man 40 Minuten Zeit hat, gibt es keinen Grund, auch nur eine Sekunde davon zu vergeuden. Somit schnallen sich Meat Wave die Instrumente um und fallen vor Energie fast von der Bühne. „Delusion Moon“ startet mit seinem gleichnamigen Titeltrack wie ein Pferd am wichtigsten Rennen des Jahres und erholt sich während vier Liedern in keinem Moment. Die Gruppe aus Chicago zeigt auf ihrem zweiten Album somit, dass Garage Rock und Punk sehr wohl vital geblieben sind.

Nebst diesem hohen Tempo überzeugen Meat Wave aber auch damit, dass ihre Musik konstant die perfekte Balance zwischen atonalem Gitarrenschrammen und funktionierenden Melodien findet. Was zuerst klingt, als verliere die Gruppe die Kontrolle, ist ein perfekt durcharrangiertes Werk, welches vor jeden Stil den Power-Zusatz setzt. Die Genres nehmen den Indie in die Mangel, fallen zusammen in den Staub und drücken sich gegenseitig runter. „Delusion Moon“ verteilt dabei Stromschläge und ist wunderbar zappelig und energetisch. Man will mitraufen, mitzappeln und fühlt das Momentum. Ab „Sunlight“ wissen dann auch die Musiker, dass ihre Lieder immer noch funktionieren, wenn sie dem Aufbau etwas Zeit lassen.

Meat Wave gewinnen ab diesem Moment noch mehr Stärken und erinnern interessanterweise an die Indie-Schule der 2000er-Jahre. Da steckt wohl immer noch ein Stück der englischen Vergangenheit in den Saiten. „Delusion Moon“ macht somit immer Spass, bleibt wunderbar dreckig und ist eine wahre Überraschung. Mit perfekt treffenden Riffs, der tollen Stimme von Chris Sutter und dem Zickzack-Kurs macht das Album sofort süchtig. Wer gerne auf lärmende und tobende Songs steht, der findet hier einen neuen heiligen Gral.

Anspieltipps:
Sunlight, Witchcraft, Sinkhole

Parzivals Eye – Defragments (2015)

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Parzivals Eye – Defragments
Label: Gentle Art Of Music, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Art-Rock

Es ist etwas fies, denn immer wenn ein Moment der Schönheit oder Güte erreicht wird, kippt alles zu stark in die Schräglage und verfehlt die korrekten Stimmungen. Liegt es daran, dass Gesang und Melodie nahe dem Kitsch liegen? Dass die Musik nie ausbricht und härtere Saiten anschlägt? Oder sind die Kompositionen einfach nicht gelungen genug? Wie auch immer, „Defragments“ hat für jeden schönen auch einen frustrierenden Moment. Schade, denn mit seinem Soloprojekt Parzivals Eye wollte sich Chris Postl eigentlich von der Hauptband RPWL emanzipieren.

„Defragments“ macht während der gesamten Laufzeit klar, dass es niemandem weh tun möchte. Alle Lieder liegen im warmen Bett des Wohlklangs und tanzen mit dir über die Parkettböden. Es gibt keine bösen Riffs und Breaks die durch das Fenster hereinstürmen, keine extremen Takt- und Rhythmuswechsel, die zwischen den Balken ihre Zähne fletschen. Gitarre und Keyboards schwingen mit dem Gesang gleich, alle sitzen an der grossen Tafel und geniessen das Abendessen. Parzivals Eye funktionieren dann gut, wenn sie diese Stimmungen mit Neoprog oder modernem Art-Rock verbinden. Lange Lieder und schwelgerische Kompositionen wie „Reach The Sky“ können sich vollends entfalten und bieten viele Momente für Gefühlsausbrüche.

Grossartig dank Sängerin Christina Booth ist auch das lieblich dargebotene „Long Distance“, ein Cover des bekannten Yes-Songs „Long Distance Runaround“. Alle anderen kurzgefassten Lieder versinken jedoch im Meer des billigen Pop. Postls Gesang verfehlt die korrekten Lagen, die Harmonien sind zu süsslich. Das ist leider kein interessanter und gefälliger Prog mehr, sondern ein zäher Versuch, Pop und hochmelodische Arrangements zusammenzufügen. Ein Album, das wohl nur im Hintergrund plätschern wird.

Anspieltipps:
Reach The Sky, Long Distance, Walls In My Mind

Ra – Scandinavia (2015)

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Ra – Scandinavia
Label: Adrian Recordings, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Punk

Haut einfach gleich ab, wenn ihr Schönklang sucht, denn dafür müsst ihr nicht nach Malmö in Schweden reisen. Sicherlich, die Natur und die Menschen da sind wunderbar, doch RA zeigen mit ihrem Debüt-Album „Scandinavia“ auch die Schattenseiten der Umgebung. Die Gitarrensaiten schneiden durch Finger und Ohren, der Bass ist aus Stacheldraht und das Schlagzeug zerbricht in tausend Scherben – lärmender als hier hat man Post-Punk selten gehört.

Perfekt dazu passt auch der kaputte Gesang von Simon Minó. Mal stürzt er sich in die vordersten Reihen der Pogotänzer und klingt wie ein waschechter Punk aus England, dann wieder lässt er beschwörerisch die Dämonen des Doom auferstehen. Gemeinsam wirbeln RA durch zehn kurze Abenteuer und klauen dabei alten Leuten das Kleingeld aus der Tasche. Mit viel Feedback und Dreck steigen die Musiker in unheimliche Kellerräume und suchen nach dem Genuss von „Scandinavia“ wohl so manchen im Traum heim. Schön, dass die Gruppe dabei sehr eigen klingen kann und sich genüsslich von allem Hübschen abhebt.

Doch um mit ihrem Erstwerk alle Preise zusammenzustibitzen, fehlt ihnen der Ideenreichtum. Gewisse Stücke schleppen sich halb betrunken umher, finden aber den Weg ins Licht nicht mehr. Man hört sich zu schnell an den Wendungen satt und erwartet etwas mehr von RA. Vielleicht wäre eine Auflockerung im Klangkleid doch die bessere Lösung gewesen. Aber trotzdem, „Scandinavia“ ist eine gelungene Platte für dunkle Abende in der Gruft. Hier färben sich automatisch alle Kleidungsstücke schwarz und alle kleinen und rauschenden Verstärker schreien vor Vergnügen auf.

Anspieltipps:
These Days, Be My Lover, Broken Bottles

Toto – XIV (2015)

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Toto – XIV 
Label: Frontiers Records, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: AOR, Classic Rock

Toto – wer nach der Erwähnung dieses Namens noch weiter liest, muss ihre Musik und Art der Präsentation auf eine Weise mögen. Denn die Classic Rock-Gruppe aus den USA steht seit den 70er-Jahren für Musik, welche dem Kitsch und Brimborium nicht abgeneigt ist. Doch für jede Heldentat wie „Hold The Line“ gab es schlimme und nervige Lieder. Mit der neusten Platte „XIV“ macht die Gruppe aber vieles richtig.

Toto starten gleich mit zwei sehr starken und eingängigen Liedern, welche den Grundton klar machen. „XIV“ ist eine Platte, die aus allen Rohren feuert und Instrumente und Gesänge tausendfach stapelt. Dabei werden nicht nur extrem wohlklingende Melodien und Harmonien verwendet, sondern mit Keyboard und Saxophon alle Gitarren umkleidet. Das kann schnell zu viel werden. Man muss diese gesunde Melancholie voller Glitzer mögen, man muss gerne herumhüpfen und sich wie ein Kind freuen wollen. Bei „Holy War“ werden dann zwar ernste Töne angeschlagen und damit ein Highlight erreicht, danach flacht das Album leider etwas ab. Die bekannte Formel von Toto wird nicht verändert, die Lieder dauern immer etwas lange – ein Gefühl der Sättigung stellt sich ein.

Das Album erscheint oft zu poliert, der sanfte Prog-Anteil verschwindet und trotz des vollen Volumens und regelmässiger Taktwechsel vermisst man eine gewisse Komplexität. Lieder wie „Little Things“ erscheinen wie billige Lebensweisheiten vor Sonnenuntergängen – und mit Bläsern, Orgel, mehrstimmigen Gesängen und akustischen Einspielungen wird alles etwas überladen. Trotzdem, wer Toto mag, der wird auch hier seinen Gefallen finden. Für alle anderen bietet „XIV“ gute Momente, aber doch zu viel von allem. Da schmelzen ja die Regenbögen.

Anspieltipps:
Running Out Of Time, Holy War, Chinatown

Moby – Hotel : Ambient (2015)

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Moby – Hotel : Ambient
Label: Little Idiot, 2015
Format: 2 CDs im Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Ambient, Electronica

Ein Hotelzimmer ist immer eine merkwürdige Parallelwelt, ein schier steriler Ort, an dem alle Ruhe suchen, aber oft nur aufreibende Minuten erfahren. Moby erlebte als reisender Musiker zwischen Konzerten und Partys die Wirkung dieser Zimmer auch selber immer wieder und liess diese Inspiration zu einem ganzen Album heranwachsen. „Hotel“ vermengte die Attitüde des Punk, fantastische Melodien, einfühlsame Texte und spielerische Electronica. Nur die Ruhe kehrte selten ein, darum fand man damals bei der Deluxe Edition noch eine zweite CD mit Ambient-Stücken beiliegend.

Jahre später erhalten alle mit „Hotel : Ambient“ noch einmal die Gelegenheit, diese schönen Klangreisen genauer zu erforschen. Jetzt stellt Moby gleich zwei CDs voller Lieder zur Verfügung, die mit nur wenigen Synth-Spuren Tiefen erschaffen, die oft in anderer Musik fehlen. Wunderbare Momente wie „Homeward Angel“ oder „Live Forever“ gibt es endlich in der erweiterten Version zu hören, für kurze Stopps im gemieteten Zimmer gibt es Aufblitzer wie „Snowball“. Dabei lässt Moby die Musik zwischen meditativen Übungen und melodienverzierten Songgerüsten pendeln.

Er geht mit diesem Album noch nicht so weit wie mit späteren Tonkonstruktionen, die schon fast bei Eno oder Glass stehen, trotzdem beweist der ehemalige Stern des wilden Techno hier viel Gefühl für Stimmung und Atmosphäre. „Hotel : Ambient“ ist mehr als nur schön, sondern eine wichtige Ergänzung im Schaffen von Moby und der Beweis, dass digital kreierte Musik keineswegs kühl daherkommen muss. Zum Träumen vor Fenstern, die fremde Menschen und Städte zeigen.

Anspieltipps:
Homeward Angel, Overlands, Live Forever

Vennart – The Demon Joke (2015)

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Vennart – The Demon Joke
Label: Superball Music, 2016
Format: Vinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock, Prog

Verdammt, schon wieder hat man zu früh die Lautstärke an der Stereoanlage hochgedreht. Jetzt dröhnt die Musik wieder ohrenbetäubend durch das Wohnzimmer, man kämpft sich durch die Schallwellen. Dabei wäre alles beabsichtigt, denn „The Demon Joke“ spielt nicht nur mit Genres, sondern auch mit der Produktion und Präsentation. So wurden gewisse Stellen in den Liedern extra leise aufgenommen, nur um im richtigen Moment wie ein Orkan über den Hörer hereinzubrechen. Dazu gesellen sich technische Spielereien und Effekte, das Chaos ist perfekt. Doch Mike Vennart lässt uns mit seinem ersten Album nach dem Zusammenbrechen von Oceansize in der Verwirrung nicht alleine.

Unter dem neuen Künstlernamen Vennart vollbringt er mit „The Demon Joke“ die vollendete Gymnastikübung, eingängigen Pop-Rock mit technischem Prog zu verbinden. Was Oceansize damals schon im Augenwinkel hatten, wird jetzt perfekt zu Ende gedacht. In seiner Modernität an Freunde wie Frost* erinnernd zeigt Mike Vennart, wie man im 21. Jahrhundert Musik machen kann, die nicht in einem Dachstock voller Staubfäden zuhause sein muss. Egal ob schmissig die komplexen Takte hingeworfen werden, Keyboards und Gitarren zu Breitseiten auffahren und dann doch wieder die Melodie durch den Garten tanzt – alles vermengt sich frisch und glänzend. Vennart erinnert bei „Don’t Forget The Joker“ sogar an Chris Cornell, griffige Zeilen wirbeln sich um Gitarrenskulpturen.

„The Demon Joke“ ist ein sehr starkes Werk, welches nach einem holprigen Vorstellungsgespräch immer grösser wird und wächst. Mike Vennart vergisst dabei weder seine Wurzeln im Post-Rock, noch scheut er die Angleichung an hochmelodiöse Stimmungen. Seine Angriffe aus dem Schatten sind zwar überraschend, aber nie unfair, seine Emanzipation komplett geglückt. Und wenn sich wie in „Operate“ alles in jeder Zelle zusammenfügt, ineinander verschmilzt und fasziniert, dann hat die Welt nur gewonnen.

Anspieltipps:
Two Five Five, Don’t Forget The Joker, Operate

Kai Reznik – Scary Sleep Paralysis (2015)

Kai Reznik - Scary Sleep Paralysis

Kai Reznik – Scary Sleep Paralysis
Label: Atypeek Music, 2015
Format: Download
Links: Bandcamp, Künstler
Genre: Electronica, Experimental

Wer seit den 80er-Jahren in Frankreich als Musiker bekannt ist, der sich in Stilen wie New Wave oder Grunge austobt, von dem erwartet man als erste Soloveröffentlichung bestimmt keine elektronische Spiessrutenläufe. Trotzdem, Kai Reznik zeigt auf „Scary Sleep Paralysis“, dass er mehr kann als wilde Gitarrenriffs und lärmende Rocksongs. Zusammen mit Sasha Andrès, Sängerin der Band Heliogabale, bietet seine erste EP während fünf Songs Ausflüge in die digitalen Experimente und Klangschöpfungen voller Nullen und Einsen.

Eröffnet wird „Scary Sleep Paralysis“ mit fremden und wilden Synthsequenzen, die gleichzeitig die Zukunft darstellen, aber aus einer vergangenen Sicht. „Blade Runner“ auf Acid, Jean Michel Jarre im LSD-Wahn – in jeder Ecke piepst und flackert etwas, Beats holpern zwischen die Melodien. Plötzlich driftet alles in Richtung 8-Bit ab, verwirrt die Ohren und dreht mit hohen BPM-Zahlen durch. Der Zugang zur Musik von Kai Reznik wird alles andere als einfach gestaltet – wer sich nicht gerne konzentriert mit elektronischen Stücken auseinandersetzt, der wird hier schnell vor den Kopf gestossen. „The Recognizer“ dreht einem einen schrillen Bohrer in die Backen, gleitet dann auf dem Light Bike aus „Tron“ über weite Steppen. Die Musik kann sich dabei nicht immer entscheiden, ob sie nun lieber im Ambient oder der abstrakten Electronica zu Hause sein will. Die Songs wechseln ihre Gesichter schneller, als man es nachvollziehen kann und verweigern sich somit der Eingängigkeit. Ich mag solche komplexen Werke sehr, allerdings gerät Kai Reznik auch schnell wieder in Vergessenheit – es will nichts wirklich hängen bleiben. Auch Frau Andrès kann da nicht viel ausrichten, sondern lässt die Musik eher noch verstörender erscheinen.

Kai Reznik wagt vieles und probiert noch mehr aus – ein Umstand der löblich ist und in der Musik oft zu wenig versucht wird. Trotzdem stolpert „Scary Sleep Paralysis“ über sich selber und findet keinen wirklichen Zusammenhang. Die EP funktioniert an einzelnen Stellen grossartig und überrascht immer wieder, lässt aber nie Euphorie ausbrechen. Ob die Musik nun Schlafstörungen auslöst oder behandeln soll, für angenehme Stunden bietet sie sich leider nicht an. Zu verfahren und verwirrt wirken die Kompositionen – hier wäre eine Reduktion aufregender gewesen.

Anspieltipps:
The Recognizer, Monster5, Nails & Crosses

Kim Gordon – Girl In A Band (2015)

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Kim Gordon – Girl In A Band
Verlag: Dey Street Books, 2015
Autor: Kim Gordon
Seiten: 273, Hardcover
ISBN: 9780062295897
Link: Goodreads

“The only really good performance is the one where you make yourself vulnerable, while pushing beyond your familiar comfort zone.”

Tja, eigentlich hat Kim Gordon damit ja sehr wohl Recht – doch leider nahm sie sich die Worte für ihre Biografie zu wenig zu Herzen. Denn „Girl In A Band“ ist kein „Just Kids“ oder „Porcelain“, sondern eher eine etwas wirre Kette aus einzelnen Situationen und Gedanken. Die ehemalige Bassistin von Sonic Youth nimmt mit diesem Buch die Gelegenheit wahr, ihre Geschichte und ihre Sicht der Dinge in der Band, als Frau von Thurston Moore und Künstlerin in Amerika aufzuzeigen. Zu Beginn gelingt dies ganz gut, doch leider verliert das Buch immer mehr die Kohärenz und somit die Berechtigung.

Denn obwohl Kim Gordon viele Worte über ihre Kindheit, ihr Umfeld und ihre ersten Versuche als Musikerin verliert, weiss sie der späteren Phasen in ihrem Leben um so weniger beizufügen. Sicherlich wurde schon mehr als genug Papier mit Texten über die Noise-Rocker Sonic Youth bedruckt, doch eine direkte Einsicht ist immer spannender als der Blick von aussen. Kim beschränkt sich aber darauf, einzelne Lieder und Momente anzuschneiden. Was dabei etwas sauer aufstösst, sind die konstanten Angriffe und Hiebe gegen Kolleginnen und Kollegen, ihren Ex-Mann und alle Personen, die ihr vor das Gesicht laufen. Wenn ich missmutige Sprüche über andere Menschen hören will, dann lästere ich selber. So etwas brauche ich nicht in einem Buch.

Dieser Umstand wirft leider etwas viel Schatten auf die Seiten von „Girl In A Band“, somit legt man das Buch am Ende mit stark gemischten Gefühlen zur Seite. Irgendwie wäre die Lust da, noch mehr zu dieser vielseitigen und talentierten Person zu erfahren – leider hegt man nun aber auch eine gewisse Abneigung gegen Kim Gordon. Immerhin ist die Frau ehrlich und verstellt sich nicht, doch eine runde Biografie ist dies auf keinen Fall geworden. Das Ende ist zu schnell da, die Lücken zwischen den Kapiteln zu gross. Man lässt hier besser die Musik sprechen, und davon gibt es ja genügend unter der Mitwirkung von Frau Gordon.

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