Basel

The RK – Resonate (2017)

Viel hat das Projekt The RK nicht mehr mit dem eigentlich Namensgeber Richard Kingston zu tun. Denn im Gegensatz zum leicht durchgeknallten Brite will Jasmin Albash mit ihrer neusten EP „Resonate“ nicht sich selber retten, sondern die Welt mit ihrem elektronischen Soul wieder mehr zusammenschweissen. Ausgestattet mit Loops, leicht trippigen Beats und einer umgarnenden Stimme könnte dies mit den fünf neuen Stücken auch gelingen.

Hier wird nämlich Pop, Electronica und Regelfreiheit mit ausdruckstarker Musik verbunden, die Albash mit Unterstützung von Simon Wunderlin in Kleinarbeit perfekt formt. „Battle“ stützt sich dabei auf Bässe und klare Rhythmen, der Titelsong sucht seine Freiheit in Flächen und viel Hall – ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Und mit „Soul On Buttons“ beweisen The RK auch, dass weder direkte Kompositionen noch Hitpotential Fremdwörter darstellen. Viel eher wird hier mit allen Elementen gespielt und auch Experimentelles zugelassen.

Sicher bewegt sich „Resonate“ immer in der Nähe zur allgemein zugänglichen Musik und The RK stossen mit dieser neuen EP bestimmt niemanden vor den Kopf. Schön ist es aber zu hören, dass in der Schweiz immer mehr starke Künstlerinnen an die Oberfläche stossen und ohne Bedenken ihr Herzensprojekt voranbringen. Wer sich also von eingängigen Melodien und elektronischen Klängen gerne bezirzen lässt, der wird seine Seele gerne in diese Lieder betten.

Anspieltipps:
Free Myself, Soul On Buttons, Battle

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Tales From A Sonic Darkness, Parterre One Basel, 18-01-25

 

Tales From A Sonic Darkness
Bands: Scott Kelly & John Rudkins / Sarah-Maria Bürgin / Louis Jucker / The Leaving / Marlon McNeill / Anna Erhard
Donnerstag 25. Januar 2018
Parterre One, Basel

Die Bösen trifft man nicht nur im Sägemehl an, auch auf den Bühnen der Welt begegnet man immer wieder lauten und wilden Künstlern. Doch für eine Nacht gab es nun die Möglichkeit, Musikerinnen und Musiker intim und zurückhaltend zu geniessen. Das Basler Label Czar Of Crickets lud zu Stunden voller Tales From A Sonic Darkness – zu Reisen in introvertierte Momente und dunkle Melodien. Im hübschen Parterre One nahm man auf den Stühlen Platz und genoss das Dargebotene mit einem passenden Bier. Schon bald wurde aus dem normalen Donnerstagabend eine neue Erfahrung voller Intensität.

Bereits mit Anna Erhard gab es eine andere Form von Auftritt zu erleben, spielt die Musiker doch sonst mit der Gruppe Serafyn hübsche Songs – nun zeigte sich die Schweizerin alleine mit akustischer Gitarre und sanftem Singer-Songwriter. Ein angenehm langsamer und in sich gekehrter Start, der mit Komponist und Labelführer Marlon McNeill zwar etwas verschrobener wurde, aber immer noch auf einzelnen Gitarrentönen und sanften Aussprachen beruhte. Hier sogar als Huldigung für den kürzlich verstorbenen Mark E. Smith, mit parallel abgespielter Schallplatte.

Meditativ und langsam, so wollte sich der Chef des Abends nicht immer geben. Als The Leaving betrat er die Bühne mit einer elektrischen Gitarre und untermalte seinen feinen Gesang mit lauten und kratzenden Gitarrenriffs. Stärker hätte der Kontrast zwischen Mensch und Instrument nicht sein können, als Resultat funktionierte dies aber perfekt und leicht psychedelisch. Und die sieben Saiten verliehen dem Zar die nötige Gravitas – etwas, mit dem sich Louis Jucker (Coilguns, Autisti) nicht lange abgibt. Von seinem Architekturstudium ist die Liebe zum Entwurf übrig geblieben, den Rest bestimmt nun aber Punk und Noise. Mit eigens gebautem Verstärker wurden die rohen Stücke noch gewaltiger, Geschrei und wildes Klopfen auf den Saiten taten den Rest.

Wie eine Sirene der Nacht sorgte Sarah-Maria Bürgin von Scratches im Anschluss dafür, dass nicht nur das Testosteron wieder von der Bühne gefegt wurde, sondern dass nun endlich auch ein Keyboard die Rhythmik übernahm. Mit wundervoller Stimme, Melodien wie Samtkleider und einer grossen Ausstrahlung verzauberte sie die Anwesenden innert kürzester Zeit. Schade, durften hier alle nur kurz spielen, hier hätte ich gerne weitergeträumt. Als Abschluss kam aber ein richtiger Weltstar: Scott Kelly, mit grossem Bart und akustischer Klampfe, begleitet von John Rudkins an der Slide-Guitar.

Die Amerikaner zückten hier nicht das zerstörerische Schwert von Neurosis, sondern erzählten zerbrechliche Geschichten voller Emotion und Nachdenklichkeit. Passend zum Schluss, zusammenfassend und für den Abend stehend – Tales From A Sonic Darkness war ein wunderschöner Blick in die Seelen und Herzen von Künstlerinnen und Künstler, ein Eintauchen in verwunschene Klangwelten und ein mitreissender Ausgleich zu den sonst lauten und wilden Konzerten. So etwas dürfte es gerne öfters geben.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Aemera – Arcturius (2017)

Nicht immer muss es Jahre dauern, bis eine Band ihr erstes Album auf die Beine gestellt hat. Aemera haben sich zu Beginn des Jahres 2017 gegründet und legen nun, wenige Monate später, bereits ihre erste Scheibe vor. Wenn es passt, dann funktioniert es halt. Wobei auf „Arcturius“ keinesfalls Neulinge zugange gehen – besteht die Truppe doch aus Musikern, die zuvor bei Buried Undead aus Mulhouse und Reding Street aus Basel spielten. Und mit geballter Kraft wird hier nun der Djent neu akzentuiert.

Vom ersten Takt an legen Aemera mit Wucht und kanalisierter Energie los, pendeln zwischen hartem Shredding, brutalen Riffs und elegischen Flächen. „Nova“ zeigt dies instrumental und mit vielen Breakdowns, „Lvthn“ holt sich Rap dazu und „Waves“ zelebriert den melodiösen Gesang vor wilden Gitarrenwellen. Es ist wunderbar anzuhören, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band hier aufspielt und sich somit vor Grössen wie Tesseract nicht verstecken muss.

Spannend finde ich an „Arcturius“ vor allem, dass die hochkomplexe Technik schlussendlich gar nicht die Hauptrolle tragen muss. Aemera gönnen sich eingängige Passagen, Farbtupfer wie die Sitar („Foresight“) und harte Blasts und Wechsel, die eher beim Metalcore als Progressive Rock gängig sind. Das Album ist somit eine freudige Angelegenheit für viele Freunde der härteren Gangart und bevorzugt weder Mathematiker noch extreme Querdenker – auch dank der wunderbar gelungenen Produktion.

Anspieltipps:
Nostromo, Waves, Foresight

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Various Artists – Hout Couture (2017)

Wenn man sich schon ein eigenes Kleid schneidert, dann darf dieses auch etwas extravagant sein. Das dachten sich auch diverse Musikerinnen und Musiker in den Städten Berlin und Basel, als sie zusammen mit Radicalis im Jahr 2017 das Sublabel Hout Records gründeten. Ein völlig neues und freies Spielfeld für experimentelle und andersartige Musik, immer leicht im Jazz fischend, aber sich nie unterordnend. Und mit „Hout Couture“ werden alle zur ersten Vorstellung eingeladen.

Mit neun Tracks erhält man nicht nur einen wunderbaren Überblick über die Bandbreite und Möglichkeiten von Hout, sondern auch ebensoviele Bands mit insgesamt 28 Künstlern. Kein Wunder also, klingen die Resultate sehr unterschiedlich, vom schwebenden Einstieg mit „ed lik mil“ über böse Gesichter in dunklen Bars („59 to 1“) bis hin zu Kompositionsherausforderungen am Ende. Man trifft alte Bekannte wie Monoglot oder freut sich über neue Entdeckungen wie Fleeb – ein Duo, das im elektronischen Pop nahe Julia Holter startet, dann aber doch am Claraplatz landet.

Und wenn „Hout Couture“ vorerst ein Ende findet, dann geht die Suche nach mehr Material und genaueren Infos zu den Künstlern erst richtig los. Ja, die hiesige Szene ist am erstarken, nicht nur in den dunklen und harten Gebieten – und mit Hout Records haben alle Freunde des Leftfield und der Avantgarde ein neues Zuhause gefunden. Da benötigt auch ein alter Mann keinen Weckruf mehr.

Anspieltipps:
Fleeb – kamikaze, onhaufen Deluxe – 59 to 1, Monoglot – Wake Up Song

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Asbest – Interstates (2017)

Vier Lieder, drei Bandmitglieder, zwei Frauen, eine Wucht. Asbest aus Basel suchen seit Ende 2016 in ihrem Proberaum in Basel nach gesundheitsschädlichen Fasern und verwebend die geschickt zu Songs, die aus lautem Noise-Rock, pessimistischem Post-Punk und kratzendem Garage den Alltag umstülpen. Mit „Interstates“ gibt es nun zum ersten Mal eine Veröffentlichung, die Einblick in dieses Geschehen erlaubt. Und damit einen grossen Eindruck hinterlässt.

Bereits mit dem ersten Track „Projection“ wird klar: Dieses Trio schert sich weder um blaue Flecken noch deine ach so schlimmen Sorgen. Frontfrau Robyn Trachsel drückt mit rauen Aussprüchen und extrem verzerrter Gitarre tief in die Wunden und treibt Asbest von Albtraum zu Grotte. Wild rumpelnder Bass und druckvolles Schlagzeugspiel kokettieren mit Trash-Punk oder machen aus Liedern wie „Insanity“ extrem schleppende Monster. Wer ohne Sünde ist, solle den ersten Akkord spielen.

Zwischen eindrücklichen Tonspuren findet man auf „Interstates“ aber auch viele persönliche Verarbeitungen und Ansichten von Asbest. Die Basler positionieren sich somit an vorderster Front, wenn es darum geht, laut und klar eine Meinung zu positionieren – und gewinnen damit. Somit macht diese Musik nicht nur Laune, sie geht auch unter die Haut. Gespannt warte ich somit auf das kommende Album, bereits 2018 soll es soweit sein.

Anspieltipps:
Projection, Insanity, Interstates

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: We Invented Paris, Sommercasino Basel, 17-11-03

We Invented Paris
Support: Sandhofer
Freitag 03. November 2017
Sommercasino, Basel

Eine Heimkehr ist immer schön, besonders wenn man ein Geschenk mitbringen kann. So landeten We Invented Paris nach einer kleinen Tour durch Deutschland nicht nur endlich wieder in ihrer Heimatstadt Basel, sondern wagten sich auch daran, ihr neustes Werk „Catastrophe“ endlich zu taufen. Seit Ende August ist die Scheibe erhältlich und hat nicht nur den Bandsound komplett umgekrempelt, auch die Bühnenshow zeigte sich wieder einmal in radikal neuem Glanz. Schön zu sehen, dass sich das Kollektiv um den Frontmann Flavian Graber immer wieder neu erfinden kann.

So wurden die Musiker für diese Feier im Sommercasino nicht nur in bunte Lichter getaucht, sondern nahmen ihren Platz zwischen übergrossen Fernsehern und unzähligen Glühbirnen ein. In Kombination mit wild rotierenden Scheinwerfern zeigten sich neue Lieder wie „Fuss“ und alte Hits wie „Zeppelin“ somit in einem leuchtenden Umfeld, nicht weit von einem herrlich einladenden Jahrmarkt entfernt. Im Gegensatz zur gleichzeitig stattfindenden Herbstmesse gab es bei diesem Auftritt aber keine leeren Worthülsen und überteuerte Ballons, sondern packende Grooves und fetzige Riffs auf der Keytar.

Songbeherrschend haben We Invented Paris dieses  – immer noch merkwürdige – Instrument nämlich für die Komposition auserkoren und Stücken wie „Looking Back“, „Catastrophe“ oder „Spiderman“ eine neue Frische einverleibt. Weg vom Singer-Songwriter, hin zum retroaktiven Pop. Das sorgte an dieser Plattentaufe für mitreissende Tanzmomente und geniale Einfälle der Band, die zum Beispiel während der Zugabe plötzlich die Titelmusik von „Knight Rider“ in die Songs webte. Der Kreis schloss sich, wurde man schliesslich schon beim Einlass von passenden Achtziger-Hits im Saal begrüsst.

We Invented Paris sind aber nicht in der Vergangenheit hängen geblieben, sondern zementieren mit Stücken wie „Touriste“ oder „Air Raid Shelter“ die Befürchtungen und Ängste unserer Generation – bieten aber auch gleich einen Ausweg. Die Pause zwischen den Alben hat der Band also mehr als gut getan, die Plattentaufe war ein fröhlicher Befreiungsschlag und ein weiterer Beweis, dass diese Kreativzelle in der Basler Szene gebraucht wird.

Kein Wunder, liess es sich auch Sandhofer nicht nehmen, für die letzten Lieder wieder auf der Bühne zu erscheinen. Begeisterte er bereits als Support mit eigenen und wortgymnastischen Momenten, illuminierte er nun die letzten Minuten mit TV-Kopfschmuck und erneut seinem knallgelben Overall. So geht Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Mogwai, Kaserne Basel, 17-10-26

Mogwai
Support: Sacred Paws
Donnerstag 26. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Heilige Pfoten und Dämonen mit Fell – was nach einem flauschigen Abend im verzauberten Zoo klingt, war der normale Rock-Wahnsinn am Donnerstagabend in der Kaserne in Basel. Glasgow besuchte die Schweiz und zeigte, dass die lokale Musikszene Schottlands mit extrem unterschiedlichen Bands aufwarten kann. Kein Wunder also, war die Halle stark mit Neugierigen befüllt und schon fast mit tropischem Klima ausgestattet. Doch bevor die Helden des Abends, die Post-Rock-Grösse Mogwai, die Bühne für sich behaupten konnten, gab es einige Überraschungen zu erleben.

Das Duo, zeitweise Trio, Sacred Paws aus Glasgow und London gibt nicht nur in ihrer Biografie an, sich immer mit viel Inbrunst zu bemühen – sie zeigten diesen Willen auch live. Der Stilkontrast zwischen Vorband und Hauptact hätte zwar nicht grösser sein können, die Frauen stürzten sich aber mit so viel Spielfreude und Ausgelassenheit in ihren Jangle Pop, dass man nach wenigen Takten automatisch mit Kopf und Körper wackelte. Schon fast hyperaktive Schlagzeugrhythmen und Gitarrenfiguren wurden von quierligem Gesang begleitet und zeigten, dass nicht alles aus dem Norden instrumental und schwer sein muss.

Aber auch Mogwai selber haben nicht zuletzt mit ihrem neusten Album „Every Country’s Sun“ bewiesen, dass Humor immer einen grossen Platz in ihrer Musik einnehmen wird. Was früher in merkwürdigen Album- und Songnamen ausgelebt, dann von Synthies und Sprachsamples weitergeführt wurde, darf jetzt in „Disco-Stücken“ münden. „Party In The Dark“ wurde auch gleich als zweites Lied in der Kaserne dargeboten und liess den Post-Rock mit lautem Shoegaze und Gesang in neue Gebiete eintreten. Für Puristen wohl ein Moment der Überwindung, in der Bandgeschichte aber eine logische Weiterentwicklung.

Denn wenn Lieder wie „Remurderd“ mit Synthiespuren das Basler Publikum erquicken können und sich das knackige Songformat bei Mogwai bereits seit Jahren bewährt hat, dann liegen die Intuitionen der Musiker bestimmt nicht falsch. Auch wenn ich mir teilweise ein längeres Ausharren auf gewissen Riffs oder Melodien gewünscht hätte, diese konzentrierte Form ihrer Lieder machte viel vom Reiz aus. Wirklich gross wurde dies natürlich mit den sehr lauten, von bis zu drei Gitarren dargebotenen Stücken wie „2 Rights Make 1 Wrong“ oder die Zugabe „We’re No Here“. Ob nun die Erde bebte oder der Gleichgewichtssinn von den Schallwellen verwirrt wurde, die Schotten strahlten nicht nur dank ihrer eindrucksvollen Lichtshow.

Mit zwei neuen Tourmitgliedern Cat Myers (Schlagzeug) und Alex Mackay (Gitarre), vielen frischen Songs wie dem dunklen „Old Posions“ und einer grossen Spielfreude, bewegten sich die Mitglieder von Mogwai zwischen Scheinwerfern, Strobo und raumfüllenden Lichtinstallationen und zeigten, dass sie live zu einer unglaublichen Wucht aufspielen – und dies nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte! Post-Rock klang selten so lebendig und liess die Leute zu einigen Tanzbewegungen hinreissen. Da sollte auch das Füttern nach Mitternacht kein Problem darstellen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: GusGus, Kaserne Basel, 17-10-14

 

GusGus
Support: Timnah Sommerfeldt, Cephei
Samstag 14. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Ach, die Freuden der späten Nachstunden, wenn sich die Zeit ausdehnt und alle Aspekte des Alltages hinter Nebel und einzelnen Scheinwerfern verschwinden. Es macht auf jeden Fall Sinn, eine Gruppe, welche den düsteren Techno zelebriert, in näherer Umgebung der Geisterstunde auftreten zu lassen. Schade nur, dass manche deswegen nicht das komplette Konzert geniessen konnten – die Züge halten sich noch nicht an die Partylaunen. Trotzdem, das Konzert der Isländer GusGus in der Kaserne Basel war eine prächtige Feier.

Die Gruppe, welche seit Mitte Neunziger dafür steht, dunkle Beats und schwere Basslinien mit mitreissenden Melodien und tollem Gesang zu verbinden, stand bereits zum vierten Mal im Kasernenareal im Mittelpunkt. Zu zweit bestiegen sie nach der zurückhaltenden aber eindrücklichen Einstimmung von Timnah Sommerfeldt und Cephei die Bühne und wischten den Dark Ambient mit ihren Liedern schnell beiseite. GusGus liessen es sich nicht nehmen, den gross bejubelten und betanzten Auftritt mit ihrer neuen Single „Featherlight“ zu starten – ein Vorbote des kommenden Albums und herrliche Mischung aus empathischem Pop und Clubeuphorie.

Allgemein wissen die Herren genau, wie man die Musik für dunkle Räume in unscheinbaren Gebäude mit dem Glitzer und der Epik von modernem Pop verbinden kann. So blieben die Synthiespuren selten alleine, Samples und mehrstimmiger Gesang mischte sich dazwischen und liess nicht nur die Hände der Besucher in die Höhe steigen. Das machte zwar manche harte Momente etwas zu weich, ist aber auch dafür verantwortlich, dass sich ihre Songs abheben und in viele Gefässe passen. Dank perfekt konstruierter Lichtshow wurde man schnell auf eine neue Ebene transportiert und vergass die Hitze in der Halle.

GusGus stehen als auch viele Jahre nach ihrer Gründung zu Recht für treibende und wunderbare Musik, die so manche Nächte verkürzen können. Und man darf sehr gespannt sein, ob das nächste Werk „Lies Are More Flexible“ diese Erfolgsgeschichte fortsetzen kann – der Auftritt in Basel lässt aber nichts anderes vermuten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Interview mit We Invented Paris – Kollektivkunst aus Basel

5. September 2017
Im Gespräch mit: Flavian Graber, Sänger und Gitarrist von We Invented Paris

Mit ihrem neusten Werk „Catastrophe“ hat das Kollektiv um We Invented Paris nicht nur ein wunderbares Album voller Synthie Pop vorgelegt, sondern spricht in den Hymnen auch wichtige und aktuelle Themen an. Dabei wird ihre Musik weit über die Stadtgrenzen von Basel hinaus getragen und sorgt für viele tanzende Füsse. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um mit dem Frontmann der Band zu sprechen.

Michael: „Catastrophe“, so heisst das neue Album von We Invented Paris, ist aber das Gegenteil. Warum wurde genau dieser Songtitel als Name für das Album gewählt? „Kaleidoscope“ träfe den vielfältigen Stil doch eher.
Flavian: „Catastrophe“ trifft inhaltlich die Kernbotschaft des Albums für uns am besten. Wir sind alle Teil der momentanen Katastrophe und doch spielt jeder in seinem Leben eine zentrale Rolle – und hat somit auch die Möglichkeit etwas zu bewegen.

Hinter den neuen und packenden Synthie-Pop-Songs stecken grosse Botschaften. Ist die Welt mit Musik noch zu retten (oder zumindest zum Nachdenken zu bringen), oder ist dies eher der persönliche Hilfeschrei?
Ich glaube nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Aber ich glaube, dass Musik Menschen zum Nachdenken und Fragen stellen bewegen kann, welche dann die Welt, oder zumindest ihre direkte Umwelt verändern.

Hast du denn einen Geheimtipp, wie man solch grossartige Hits wie „Fuss“ schreiben kann? Dir scheint dies ja sehr einfach zu fallen.
Danke fürs Kompliment! Wir hatten über 70 Songs geschrieben für dieses Album, so viel wie noch nie zuvor. Und es hat da einige darunter, die du nicht hören willst. Gleichzeitig hatten wir so viel Spass wie noch nie zuvor beim Schreiben und im Studio, was sich für mich in solchen Songs wie „Fuss“ auch wiederspiegelt.

Das Album ist nicht nur nachdenklich und düster, sondern auch treibend und eingängig. Woher holst du dir die Inspiration für solch unterschiedliche Songs?
Nichts finde ich langweiliger, als wenn man nach drei Songs das ganze Album gehört hat. Ich mag die Abwechslung und suche diese immer wieder bewusst. Oft versetze ich mich auch in Situationen oder Erlebnisse von Freunden oder beobachte meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.

Apropos Stilmix: „Looking Back“ erinnert stark an Retrowave. Liegt die Zukunft des elektronischen Pop in der Vergangenheit?
Ich glaube, wenn man sich musikalisch weiterentwickeln will, holt man automatisch etwas aus der Vergangenheit und der Musikgeschichte und macht es sich zu eigen. Damit versucht man, etwas Neues zu kreieren. Oft sind diese Instrumente oder Stilmittel auch solche, welche in der kürzeren Vergangenheit völlige Tabus waren. Genau das ist das Aufregende, Herausfordernde und somit Frische an diesen Elementen.

Ist es etwas Einfaches, die vielschichtig produzierte Musik auf die simplere Ebene von Konzerten herunterzubrechen?
Wir versuchen die Songs live so zu reduzieren, dass wir sie wirklich spielen können, der Charakter des Songs aber trotzdem voll rüberkommt. Live erleben wir Musik oft anders als ab Konserve, aber genau das macht ein Livekonzert schliesslich zum einmaligen Erlebnis: Wenn die Lieder nicht exakt gleich klingen wie die Aufnahmen.

Gitarre oder Synthie – wer hat mehr Macht?
Jeder hat seine Zeit und seinen Moment. Momentan ist die Keytar an der Macht.

Nicht nur im Video zu „Kaleidoscope“, sondern auch bei den Live-Auftritten dient ein alter Röhrenfernseher als Kopfbedeckung. Welche Bedeutung trägt dieser Gegenstand bei euch?
Einerseits symbolisiert er den Retro-Sound und andererseits steht er auch für die Katastrophe. Oder eben dafür, wie wir Katastrophen durch die Medien erleben, ihnen begegnen und dabei immer die Distanz des – unmöglich neutralen – Beobachters innerhalten.

Andere Kunst-Kollektive oder Bands treten live gerne in Uniformen auf – von Devo bis hin zu Archive. Wäre das auch etwas für euch, als Ergänzung zum Kopfschmuck?
Bis jetzt mochten wir es eigentlich, die Vielfalt und Individualität im Kollektiv zu zeigen, in dem jeder seinen eigenen Stil trägt.

Wenn wir schon von Konzerten sprechen: Am Open Air Basel hattet ihr ein zusätzliches Bandmitglied am Start, den Barkeeper. Sind solche Gimmicks bald nötig, um die Menschen überhaupt noch dazu zu bringen, für Live-Musik Geld auszugeben?
Nein, die Cocktail-Bar war einfach Teil der Show und des Disko-Bling Blings. Aber ich denke schon, dass viele Menschen die Qualität von Live-Musik gar nicht mehr kennen und schätzen. Viele gehen zum Beispiel auf Open Airs, um Party zu machen, nicht um wirklich Bands zu hören.

Basel liegt am Dreiländereck, hilft euch das? Ein Kunstkollektiv wie We Invented Paris braucht ja eher viel Platz.
Ich mag die für Schweizer Verhältnisse relative grosse Weltoffenheit in Basel. Auch, dass Leute wie Ernst Beyeler sich getraut hatten, in Basel zu bleiben und etwas von internationaler Bedeutung aufzubauen.

Hast du schon Pläne, wie du die Zeit nach der WIP Catastrophe-Disco-Bar-Box-Tour verbringen wirst?
Jetzt kommt erstmal die „Tour de Catastrophe“. Wieder ein komplizierter, Name ich weiss. Diese startet im Oktober und wir werden mit der gesamten Band touren. Und dann werde ich schauen, wohin die Reise geht, was sich aufregend anfühlt.

Dann viel Erfolg und besten Dank für deine Zeit.
Danke dir!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 17-08-10 bis 12

Open Air Basel
Bands: Archive, Chinese Man, Bilderbuch, Bombino, Allah-Las, Mammut, Fai Baba, Denner Clan
Donnerstag 10. bis Samstag 12. August 2017
Kaserne, Basel

Es muss nicht immer riesig und eng sein, es reichen kleine Momente der Freude und eine liebevolle Gestaltung. Genau darum ist das Open Air Basel auch weiterhin ein Geheimtipp für Freunde der guten Livemusik. Und obwohl das Festival vor der Kaserne dieses Jahr bereits drei Tage andauerte, war von Grössenwahn nie etwas zu spüren. Mit maximal drei Bands pro Abend auf der grossen Bühne gab es keine Hast, und die Musiker konnten ihre Sets etwas ausdehnen. Ebenso war das Drumherum perfekt auf die Feier abgestimmt und man konnte sich lecker verpflegen, Kleider kaufen oder tauschen und für sinnvolle Organisationen spenden.

Wenn auf der Bühne dann mal keine Künstler sich verausgabten und die Lichter aus blieben, dann fand man plötzlich mitten auf dem Kasernenplatz eine Band, die zwischen Ständerlampe und Vogelkäfig ein paar akustische Songs zum Besten gab. Oder hinter der grossen Bar erklang plötzlich Synthie-Pop, wunderbar frech vorgetragen von We Invented Paris – sogar mit einem Cocktail-Mischer. Da war es manchmal schon fast einerlei, aus welchem Grund man eigentlich an diese Freiluftkonzerte gereist war – das Rahmenprogramm rechtfertigte jede Sekunde. Aber natürlich waren auch die Hauptacts mehr als zufriedenstellend.

Allen voran natürlich die abschliessenden Archive aus England, welche das Open Air samstagnachts mit ihrer dröhnenden Show beendeten. Zwar ohne Holly Martin, dafür mit einer fesselnden Mischung aus alten und neuen Songs auf der Bühne, verflog die Show innert kürzester Zeit. Was mit „Driving In Nails“ begann, baute Berge aus „F*ck U“, „Distorted Angels“ und „Bullets“, um dann mit „Controlling Crowds“ und „Numb“ noch wuchtiger zu enden. Ein perfekt gesetzter Schlusspunkt also, wobei auch Chinese Man diese Aufgabe am Freitag mit Bravour übernahmen. Ihre Mischung aus Hip-Hop, World und modernster, elektronischer Musik war ein Multimedia-Spektakel und Basswunder.

Da hielt es Bombino aus Nigeria am Donnerstag noch etwas einfacher und liess seine grossartige Mischung aus Tuareg-Gitarren und Blues-Rock für sich sprechen. Mit ungewohnten Melodien und packenden Rhythmen tanzte man quer über den Platz. Auch Bilderbuch waren alles andere als normal, alleine dank dem Vorhang aus tanzenden Sneakers. Dazu der extrovertierte Indie-Art-Punk, die frechen Texte und perfekt platzierten Ansagen – Österreich hat eine neue Superguppe. In diese Sphären vorzudringen versuchten auch die Allah-Las aus Kalifornien, ihr eher zurückhaltender Blues-Folk vermochte aber leider nicht so zu packen.

Da hielt die Schweizer Fraktion mit Fai Baba und Denner Clan schon wilder dagegen und zeigte bereits in den hellen Stunden am Donnerstag, dass Surf-Rock oder ausufernder Indie immer noch an ein heutiges Festival gehören. Wie auch der Ecken schlagende Rock der Isländer Mammút, die nicht nur Erinnerungen an Björk wach werden liessen, sondern mit tollem Gesang und guten Einfällen mehr als glücklich machten. Wie auch das gesamte Open Air, was erneut bewies, dass Basel einfach stilvoll ist und bei der Musik mehr als guten Geschmack beweist. Das nächste Jahr sind wir auf jeden Fall wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.