Synthie-Pop

Tripnaha – 1A (2017)

Wenn sich ein Duo intensiv mit warmen und vollen Klängen aus den Synthies beschäftigt, dann entstehen schnell Lieder, die in ihrer Form irgendwo zwischen warmer Zuckerwatte und Daunendecke existieren. Tripnaha aus Göteborg sind mit ihrer ersten EP „1A“ aber keinesfalls in einen Topf voller klebriger Masse gefallen, sondern zaubern hier fünf Lieder hervor, die zwischen Dreampop, Electronica und Ambient landen.

Gleich „Apple Pie“ zeigt, dass sanfte Beats und der wundervoll umgarnende Gesang von Elin Johansson ausreichen, um verschlafene Stunden in wahre Träumereien zu verwandeln. Schnell gleitet man mit Tripnaha aus der harschen Realität und fühlt sich gut – was sich mit „If Life“ dann gleich doppelt bestätigt. Als sanfter Pop-Hit getarnt, ist dieses schon fast klassische Synthie-Kleinod perfekt, um zu fliegen und geniessen.

Dass Fredd Jakobsen und seine Partnerin mit ihrer Musik aber nicht in der Masse von gleichartigen Bands verschwinden, das liegt nicht nur am Aufnahmeort Berlin, sondern dem geschickten Umgang mit Field Recordings, elektronischen Grundgerüsten und einem perfekten Gespür für leicht sehnsüchtige, aber immer positive Melodien. Und obwohl man hier im eigentlichen Sinne nichts Neues erfährt, lässt man sich immer wieder gerne in die angenehme Welt von „1A“ entführen.

Anspieltipps:
Apple Pie, If Life, The Mood

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Minni – Dark Horse (2017)

„Dark Horse“ kommt zwar nur mit drei Liedern und einem zusätzlichen Remix um die Ecke, zeigt als EP aber gleich die volle Kraft, die ein solches Format in den richtigen Händen bieten kann. Minni, welche nach ihrer Kindheit in Kroatien nun in Berlin kreativ arbeitet, zeigt mit diesen neusten Songs nämlich, dass Synthie-Pop bei ihr zu einem wahren Wunderstil wird. Stimmlich und atmosphärisch nahe bei Sade zu verorten, damals als man noch nachdenklich zur Musik schmachten durfte, beginnt „Fool“ herrlich verträumt und gross. Fast vergisst man, dass die Musik aus Synthies und Drum Machines kommt.

Und mit den klanglichen Huldigungen geht es auch gleich weiter, „Dark Horse“ sucht das Glück in den Anfängen von Talk Talk, nutzt seine Melodie aber auch, um schwerelos über die Landschaften zu gleichen. Es ist grosses Kino, was Minni hier abliefert und knappe fünf Minuten Liedlänge sind immer zu wenig. Das gilt auch für „Give A Little Love“, das mit fantastischem Bass bei Bryan Ferry anklopft und dann romantisch in den toll gesungenen Refrain einsteigt. Dazu gesellt sich das zurückhaltende aber wirkungsvoll gespielte Saxophon von Otis Sandsjö und die filigrane Perkussion von Jason Cooper.

Im direkten vergleich zwischen „Dark Horse“ von Frau Perry und dieser EP sollte schnell klar sein, wo sich Minni positioniert. Mit nur drei neuen Stücken verzaubert uns die Musikerin und bringt endlich die wahre Sensualität zurück in den Pop. Da braucht es kein riesiges Budget, da benötigt man keine Effekthascherei – diese Klangwelten nehmen gefangen und wollen immer wieder genossen werden. Ein solches Pferd hätten die Trojaner auch lieber erhalten.

Anspieltipps:
Fool, Dark Horse, Give A Little Love

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Boytronic – Jewel (2017)

Band: Boytronic
Album: Jewel
Genre: Wave / Synthie Pop

Label/Vertrieb: Oblivion / SPV
VÖ: 3. November 2017
Webseite: website.com

Der dritte Mann – auf „Jewel“ ist dies keine nervenzerfetzende Jagd nach einem Verbrecher, sondern die Initialzündung zu einem neuen kreativen Kapitel. Boytronic, seit 1983 als Duo existent, haben mit ihren Liedern und Alben nicht wenige Leute inspiriert und den Synthie Pop ein paarmal umgekrempelt. Dank Sänger James Knights fanden die deutschen Musiker Hayo Lewerentz und Ingo Hauss vor zwei Jahren dann auch in sich selber wieder neue Energie und Antrieb. Der Wave ist um ein Juwel reicher.

Gerade Knights‘ wandelbare und angenehme Stimme macht aus Liedern wie „Share“ oder „Free To Love“ einen echten Genuss. Er verziert dabei die herrlich treibenden Keyboard-Melodien und Drumflächen von Boytronic mit Gesang, der irgendwo zwischen George Michael und Gary Numan anzusiedeln ist, lässt die Scheibe ab „Jewel“ aber auch extrem in die Richtung früher Depeche Mode kippen. Doch diese Musiker geben sich nicht mit einer solch naheliegenden Referenz zufrieden, sondern lassen viele weitere Richtungen zu.

Ob Boytronic nun wie die Pet Shop Boys über die Radiowellen hetzen und alle Tanzbeine in die Luft halten, oder dann wieder die Elektronik von Yello („Dark Passion“) in ihre Strophen eindringen lassen – „Jewel“ bietet einen mysteriösen Knaller nach dem anderen und man kann sich gar nicht zwischen den besten Liedern entscheiden. Was auf jeden Fall ganz sicher ist: Auch mit ihrem neunten Album und nach einer langjährigen Pause hat diese Band immer noch einen grossen Platz in der aktuellen Electro-Szene verdient.

Anspieltipps:
Share, Dark Pasion, Free To Love

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Amanda Mair – To The Moon (2017)

Gute Popmusik kommt aus dem Norden, dieser Leitsatz gilt bereit seit vielen Jahrzehnten. Auch Amanda Mair ist eine korrekte Fortsetzung dieser Serie, wenn auch das erste Lied „Stay You And I“ auf ihrer neusten EP „To The Moon“ etwas schematisch wirkt. Einfache Sätze, Wiederholungen eingängiger Stellen und moderne Produktionsmittel auf Stimme und Musik – so klingt der Mainstream. Aber die junge Musikerin weiss von diesen Fallen und greift darum im Verlauf dieser Veröffentlichung tiefer in die Trickkiste.

Bereits bei „Rush“ pochen die Beats, die Synthies werden dunkler und alles zieht in Richtung Betontanzfläche. Amanda Mair hat verstanden, wie wichtig eine Spannungskurve ist, dies konnte sie bereits vor einigen Jahren mit ihrem Debütalbum beweisen und legt darum mit diesen fünf neuen Tracks eine gefühlsvolle Fahrt durch Höhen und Tiefen vor. „Hopes“ gehört auch zu diesen Wilden, „Wednesday“ und das abschliessende „Empty Blockings“ lassen auch Feinde sich gegenseitig in die schützenden Arme fallen.

Viel Zeit ist seit den ersten Ideen zu „To The Moon“ vergangen, verstaubt wirken diese Stücke aber nie. Viel eher lässt man diese neuen Freunde von Amanda Mair – welche erst zarte 23 Jahre alt ist – gerne ins Haus und freut sich an den Facetten. In Zukunft wird man an dieser Veröffentlichung zwar keine Revolutionen aufbinden, in der Geschichte der Hässlichkeit wird es aber auch bei Weitem nicht verschwinden. Für das nächste Mal wünsche ich mir aber etwas mehr Wagemut.

Anspieltipps:
Rush, Wednesday, Empty Blockings

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Null + Void

Im Gespräch mit: Kurt Uenala von Null + Void

Seit vielen Jahren steht der Schweizer Musiker und Produzent Kurt Uenala mit bekannten Grössen und Namen in den Studios, um ihnen passende Songs auf den Leib und die Stimme zu schneidern, unter anderem bei Depeche Mode oder Moby. Mit „Cryosleep“ legt er nun aber ein Album vor, bei dem sich alles um ihn dreht – fast zumindest. Denn unter den Namen Null + Void präsentiert er uns nicht nur herrlich düstere und treibende Musik aus allen Ecken der Elektronik, sondern auch einige Gäste. Zeit nachzufragen, wie das Leben und Musizieren in New York so abläuft.

Michael: Ein Blick auf die Tracklist von „Cryosleep“ lässt einen stutzen, so viele bekannte Namen stehen darauf. Wer sich aber mit deiner Karriere beschäftigt, dem erscheint dies logisch. Herrschen hinter den Kulissen denn so freundschaftliche Stimmungen, wie man es sich bei einem solchen Album vorstellt?
Kurt: Ja, das ist echt so. Man teilt Mahlzeiten und reist zusammen, trinkt viel Kaffee und spielt einander Musik vor, die man mag. Da passiert es schon, dass man tiefere Freundschaften schliesst und in Kontakt bleibt, auch wenn das Projekt bereits abgeschlossen ist. Und wenn man einander Ideen vorspielt und diese gefallen, dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass man kollaboriert.

Wie ist es für dich als Künstler, seit Jahren mit grossen Namen tätig zu sein, selber aber eher unter dem Radar zu fliegen?
Das ist ganz klar getrennt. Wenn ich angefragt werde, für Geld mit jemandem ins Studio zu gehen, dann ist das natürlich eine komplett andere Herangehensweise, als wenn ich meine eigenen Sachen produziere. Ich bin dann hauptsächlich dafür verantwortlich, die Musik der Person so gut wie möglich zu formen, wie sie es gerne haben würde und/oder wie ich denke, dass es am besten für das Projekt ist. Am Ende steht ihr Name auf dem Cover und meiner ist ganz klein irgendwo angebracht. Aber das ist ganz gut so. Ich würde dies nicht anders wollen, wenn ich selber jemanden anstellen würde, um mit mir ins Studio zu kommen. Da muss man sein Ego schon zu Hause lassen. Aber wenn man sein eigenes Ding daneben dreht, dann funktioniert das ganz gut.



Für dein eigenes Album hast du den Namen Null + Void gewählt – doch die Musik ist gerade das Gegenteil von Leere. Wie kommt das?
Ha, ja, das ist schon so. Aber der Gegensatz von kalter Elektronik und hoffnungsvollen Akkordfolgen ist natürlich das Interessante für mich.

Der Albumtitel „Cryosleep“ bezieht sich auf die Kryonik, das Einfrieren und Konservieren von Menschen. Denkst du, du hast mit diesen Songs Musik erschaffen, die auch in vielen Jahrzehnten noch gehört wird?
Oh nein, nein – das wurde ich mir nie anmassen. Ich mache einfach die Musik, und der Rest ist ausserhalb meiner Kontrolle. Wer weiss, was damit passiert und ob es in einem Monat noch gehört wird? Aber ich hoffe natürlich sehr, dass es wenigstens in zwei Wochen noch irgendwo gespielt wird, haha.

Deine Musik bewegt sich zwischen vielen Stilrichtungen (IDM, Techno, Pop). Woher holst du dir deine Inspiration, hörst du privat vor allem elektronische Produzenten und Künstler?
Ich höre oft Musik, die ein bisschen am Rande der alltäglichen Wahrnehmung steht, da aber nicht nur Elektronisches. Das Schöne daran in New York zu leben ist, dass ich mir nichts Kommerzielles anhören muss, weil man ausserhalb der Reichweite hantiert. Vor allem, wenn man nicht viel einkaufen geht und auch keine Taxis fährt. Als Fahrradfahrer bin ich weit von den kalten Klauen der grossen Radiostationen und sonstigen kommerziellen Musikquellen entfernt.
Ich höre viele Künstler wie Ulfur Eldjarn, Ulrich Schnauss, Roedelius oder Delia Gonzalez zu Hause. Aber auch kalte Elektronik wie Alva Noto oder Gazelle Twin.

Wenn wir schon von digitaler Musik und wissenschaftlichen Geräten sprechen – wie wichtig ist für dich Technik und Fortschritt?
Das ist mir sehr wichtig und ich bin heiss interessiert. Ich habe mich oft mit Native Instruments ausgetauscht und bin ein grosser Fan von ihren Sachen, vor allem «Maschine». Das benutze ich tagtäglich und fast jeder Song wird darauf zusammengebastelt. Klänge zu verfremden und einen Songaufbau zu erstellen ist sehr einfach und intuitiv ausgelegt, was natürlich der Kreativität zugutekommt.

Bist du eine Person, die stundenlang nach einzelnen, neuen Klängen und Beats suchen und daran basteln kann? Oder vertraust du eher den ursprünglichen Möglichkeiten deiner Synthies?
Ja, es ist schlimm. Tagelang, nicht stundenlang! Kein Witz! Es ist eine meiner Schwächen, aber ich arbeite daran, schneller zu werden.



Wie ist es, als Schweizer in New York zu leben? Allein die Grössenverhältnisse der Umgebung und die Entfernungen sind ja kaum vergleichbar.
Ja, das ist schon anders, aber irgendwie auch wieder nicht. Man findet überall sein Umfeld und bewegt sich grösstenteils darin. Ich bin auch ziemlich Manhattan-orientiert, da ich Fahrradfahrer bin und dieser Stadtteil nicht so gross ist. Das Beste sind natürlich die Ladenöffnungszeiten und auch die vielen verschieden Kulturen (von russisch über jamaikanisch, lateinamerikanisch, irisch, chinesisch und mehr). Das ist auch für die Kulinarik sehr zuträglich.

Existiert in New York eine neue Musikszene im Untergrund, die man mit früherem Treiben vergleichen kann?
Nein, leider nicht mehr. Die Klubs sind bis auf zwei oder drei alle ziemlich langweilig und geldorientiert. Und ich meine damit nicht nur ein paar teure Drinks, sondern richtig dicker «Bottle Service», bei dem ein guter Kunde mal schnell 400 Dollar liegen lässt. Das zieht natürlich eine Klientel an, das keine experimentellen Sachen hören will. Dann muss es einfach Krach machen und zur Konsumation animieren.

Darf man auf ein weiteres Null + Void-Album in naher Zukunft hoffen?
Ja, das kommt schon! Ich habe schon paar Ideen ausgearbeitet, aber das dauert noch eine Weile. Ich bin halt ein bisschen “obsessiv”.

Besten Dank für das Interview.
Danke dir, Michael!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Coals – Tamagotchi (2017)

Als ob der Albumtitel und die Coverfotografie nicht schon genügend Hinweise in sich trügen, gestaltet sich auch die Trackliste von „Tamagotchi“ als purer Nostalgietrip in die Neunziger. Hier tummeln sich nebst dem titelgebenden, digitalen Haustier noch „MTV“, „Rave03“ oder „VHS Nightmare“. Das Duo Coals aus Polen macht auf ihrem Debüt eindeutig keinen Hehl daraus, dass sie mit ihrem melancholischen Elektro-Pop tief in der Retroparty gelandet sind, versinken dabei aber nicht im Sumpf der Reminiszenzen.

Katarzyna Kowalczyk und Łukasz Rozmysłowski haben sich, ganz zu ihrem Cold-Pop passend, nach der Kohlenwerk-Vergangenheit ihres Heimatlandes benannt und singen zu schleppenden Klängen: „Take Me To The Place Where Techno Resonates.“ Dabei wird die Musik von Coals nie zu einer stürmischer Eroberung, sondern schwebt mit monochromer Ausstrahlung irgendwo zwischen Daughter, Florence + The Machine und mit Beats untermaltem Post-Punk. Die Lieder wechseln sich dabei zwischen schwebenden Betrachtungen („Hoodie Blake“) und schon fast tanzbaren Popsongs ab („Witch Club“), wirklich wichtig ist aber die weiche Gesamtstimmung mit ihrer leichten Traurigkeit.

Dass es aber durchaus Spass macht, Coals bei ihren Streifzügen durch veränderte Erinnerungen und konstruierte Gegenwart zu begleiten, ist vor allem dem tollen Cold Wave artigen Klangbild und der hübschen Stimme von Kowalczyk zu verdanken. Das Album gerät mit der Zeit immer mehr zu einer schwebenden Fantasiewolke und versucht schon gar nicht mehr, einen höheren Druck aufzubauen. Gut so, denn alles endet mit „Lato2002“ schliesslich wunderbar nahe beim polnischen Folk.

Anspieltipps:
Rave03, S.I.T.C., Lato2002

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Like Elephants – Between Dreams And Truth (2017)

Band: Like Elephants
Album: Between Dreams And Truth 
Genre: Dreampop / New Wave

Label/Vertrieb: Las Vegas
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: Like Elephants auf FB

Was für ein Hochgefühl! Mit nur vier Songs erreichen Like Elephants auf ihrer neusten EP „Between Dreams And Truth“ eine positive Stimmung, die man noch lange nach dem Hörgenuss mit sich trägt. Kein Wunder, steht die Musik der 2014 gegründeten Gruppe doch für schwerelosen, verträumten und kunterbunten Dreampop – mit Zuckerwatte in der Hand, aber genügend Bodenhaftung. Und auch wenn es sich hier nur um eine Vorschau auf das kommende Album handelt, Spass macht es ungemein.

Mit „Holiday“ startet die Band aus Österreich zwar noch etwas zurückhaltend ins Rennen, lässt aber gleich die herrlichen Synth-Bässe und die Gitarre voller Hall antreten. Schon jetzt ist klar: Like Elephants nehmen sich die romantischsten Teile des New Wave der Achtziger, mischen alles mit Popmusik, die auch im Schlaraffenland bejubelt wird und präsentieren es mit einer Prise Geheimnis. Und wenn dann bei „Ghost“ die Geschwindigkeit vergrössert wird, dann drehen sich auch die Discokugeln. Dass „Between Dreams And Truth“ aber nie zu einer billigen Tanzfete ausartet, das ist dem Songwriting zu verdanken – hier wird Modernes geschickt eingeflochten.

Zwar machen Like Elephants nach wenigen Songs bereits wieder Schluss, aber der Hunger ist am Ende der EP mehr als geweckt. Und wenn sich sogar Indie-Geniesser nicht entscheiden können, welcher dieser Hits nun der beste sein soll, dann hat die Band eindeutig etwas richtig gemacht. Her also mit dem gesamten Album, her mit dem unbeschwerten Lebensgefühl.

Anspieltipps:
Ghost, These Pictures, Between Dreams And Truth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Diana – Familiar Touch (2017)

Band: Diana
Album: Familiar Touch
Genre: Synthie Pop / Indie

Label/Vertrieb: Tin Angel
VÖ: 18. August 2017
Webseite: Diana auf FB

Hach, was ist “Moment Of Silence” für ein perfekter Popsong mit dieser wunderschönen, leicht euphorischen Melancholie, dem wunderbaren Gesang, den Synthies der Achtziger und einem polyphonen Schlagzeug, das mehr Plastik als Realität zu sein scheint. Diana machen hier – und nicht nur an diesem Punkt – alles richtig, somit wird ihr zweites Album zu einem Siegeszug durch die Retropop-Welten. Die Gruppe aus Kanada hat sich nämlich der Musik verschrieben, die vor ein paar Jahrzehnten die Discos und Radiostationen beherrscht und die Menschen zu ausgelassenen Stunden animiert hatte.

Ob die Bässe bei “Helpless” an Twin Peaks erinnern, man bei “Confession” auf einem Surfbrett aus Schlagzeugmustern davongleitet oder “Slipping Away” uns alle in Madonnas Kinder verwandelt – diese Hommage und Weiterentwicklung des Synthiepop ist extrem packend und gelungen. Diana sind als Trio nicht nur auf der Jagd nach dem perfekten Sound, sondern auch begnadete Komponisten. Carmen Elle verzaubert mit ihrer angenehmen Stimme, Kieran Adams holt alles aus dem rhythmischen Gerüst und die Keyboards von Joseph Shabason zaubern immer wieder mitten auf und neben der Spur.

Nachdem ihr erstes Album “Perpetual Surrender” ein unerwarteter Erfolg wurde, musste schnell Nachschub bereit gestellt werden. Diana haben sich darum ein fast architektonisches Aufnahme-Prozedere erarbeitet, das diesen tanzfreudigen Indie-Pop einfacher zu konstruieren macht. Aber keine Angst, Lieder wie “Take It Over” oder “Miharu” klingen nie wie Laborergebnisse, sondern eher wie Optimisten, die endlich in freier Laufbahn umherrennen können. Somit ist “Familiar Touch” ein Album, das man einfach nur lieben kann.

Anspieltipps:
Confession, Slipping Away,

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Live: Crimer, Plaza Zürich, 17-10-11

Crimer
Mittwoch 11. Oktober 2017
Plaza Kosmos, Zürich

Ein gesamtes Jahrzehnt in eine komprimierte Kunstform zu pressen ist nicht einfach, besonders wenn das Resultat so authentisch wie möglich sein sollte. Was Bret Easton Ellis für die Achtziger mit seinem Roman „American Psycho“ gelungen war, stellte sich dann aber doch als gnadenlos, tiefschwarz und praktisch unlesbar heraus. In der Musik gibt es nun einen jungen Künstler, der dieses Kunststück auch zu vollbringen versucht, wenn auch eher auf der verklärten und romantischen Seite: Crimer steht seit wenigen Monaten für tanzbaren und mitreissenden Synthie-Pop, hochstilisiert. Beim ersten von zwei Auftritten im Plaza Club drehte sich der Mann der dunklen Seite zu. Aber ich greife vor.

Wer mit einer kurzen EP gleich die gesamte Schweizer Musikszene auf den Kopf stellen kann, der hat etwas richtig gemacht. Crimer, aus dem sankt-gallischen Balgach stammend, bewies im April mit „Preach„, dass Popmusik mit voluminösen Synthie-Beats immer noch aktuell sein kann. So bestimmten auch beim Auftritt in Zürich die programmierten Backtracks das Geschehen, der Künstler selber hantierte an der elektrischen Gitarre und dem Mikrofon – wenn er nicht gerade seinen Körper freihielt, um extrovertierte und wilde Tanzbewegungen zu vollführen. Schnell war klar, dieses Konzert lebt genauso stark von der Performance wie der Musik.

Kein Wunder also, bewegten sich auch die Zuschauer in diesem kleinen, aber zum Glück nicht brechend gefüllten Clubraum mit jedem Song etwas mehr. Die wunderbar krachenden Beats, die an The Cure erinnernden Riffs und die herrlich attraktiven Melodien liessen die Beine über den farbig blinkenden Boden hüpfen und die Hände in die Höhe reissen. Dank wahren Disco-Reissern wie „Brotherlove“ gibt es bei Crimer auch genügend Momente, um einen frenetischen Jubel entstehen zu lassen. Faszinierend aber auch, wie sicher und voluminös seine Gesangsstimme live ist – hier steckt viel Soul und Liebe drin.

Sicherlich ist solche Musik im eigentlichen Sinne weder innovativ noch wirklich neu, Crimer hat aber die goldene Ader der Wave-Wunder angezapft und lockt Grosswerk um Grosswerk heraus. Schön zu hören und bereits angekündigt war auch, dass seine Musik gerne die Tanzpfade verlässt und in die schweren und düsteren Gebiete des Wave abbiegt. Kein Wunder also, fand man im Publikum einige Leute, die nach dem Konzert noch an der „More Than Mode“-Party weitertanzen gingen. Und somit ist auch bestätigt, dass sich Crimer nicht nur auf die Sonnenseite legt, sondern auch bei seiner Jahrzehntbetrachtung die Schatten berücksichtigt. Dies machte sein Konzert auch gleich unvergesslich und ausbalanciert – eine grosse Zukunft folgt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ave Maria Overdrive & Skiba Shapiro – Photogenic Melodies (2017)

Band: Ave Maria Overdrive & Skiba Shapiro
Album: Photogenic Melodies
Genre: Electro / Pop

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 8. September 2017
Webseite: Ave Maria Overdrive auf FB

Wohin mit all diesen Einflüssen, Überflüssen und Einfällen? Caccia Schiacciatore und Captain Bitrage machen schon lange Versuchsreihen zusammen und gründeten 1994 ihre erste Band. Doch erst 2016 fanden sie mit der neuen Schöpfung Ave Maria Overdrive ein Wesen, das ihrer wechselhaften Art zwischen Aufmerksamkeitsdefizit und Grössenwahn gerecht wird. Egal ob Indie, Electronica, Snythie-Pop oder Funk, hier findet alles zusammen. Für die EP „Photogenic Melodies“ sperrten sie zusätzlich noch Sängerin Skiba Shapiro ins Labor, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten.

Und diese Zügel funktionieren bei den vier vorliegenden Songs wunderbar. Ob der schöne und eher zurückhaltende Einstieg „Shh“, das bereits auf allen Partys tanzende „Salome“ oder das extrem zappelige „Shiverance“ – die weibliche Stimme leitet den Hörer durch wilde Taktwechsel, Genre-Kollisionen und ausflippende Computer. Ave Maria Overdrive & Skiba Shapiro finden zwar immer wieder das Songformat mit einer Länge von drei Minuten, dazwischen entstehen aber ganze Universen an Musik und Sound. Was bei anderen Künstlern zu unhörbaren Suppen ausarten würde, wird hier zu einem vorzüglichen Mahl.

Auch wenn man zu Stücken wie „Shabba“ nicht wirklich tanzen kann, ohne einen Anfall vorzutäuschen, locken die Lieder auf „Photogenic Melodies“ doch mit extremem Pop-Appeal. Ave Maria Overdrive & Skiba Shapiro überziehen ihren Art-Electronica-Dance-Indie mit besten Gewürzen und einem edlen Glanz. Für die Künstler die beste Voraussetzung also, Welten und Menschen zusammen zu bringen und endlich den Kopf zu leeren.

Anspieltipps:
Shh, Salome, Shiverance

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.