Minimal

Levon Vincent – For Paris (2018)

Wer ist besser als Reiseführer durch Deutschland geeignet, als der New Yorker Soundbastler Levon Vincent? Mit seinem Album „For Paris“ wandert er nämlich nicht nur durch alle Bundesländer, sondern auch Gesinnungen und Zeiten. Ob Schulbesuche in Düsseldorf oder Berlin, seine elektronischen Tracks atmen jeden Geist. Passend zum Konzept, sein zweites Album dem Frieden zu widmen und die Menschen wieder stärker zur Vernunft zu bringen.

Natürlich, diese Intention ist nebst dem Cover und den Songnamen wie „Hope for new Global Peace“ oder „If We Choose War“ nicht direkt erfassbar, man merkt Levon Vincent aber schon an, dass er sein zweites Album eher den freundlichen Synthiespuren gewidmet hat. Beats und tiefe Bässen tauchen auf und begleiten die Melodien, viel mehr geht es aber um hypnotische Wirkungen von House und Techno. „For Paris“ zieht immer wieder auf die Tanzfläche, spielen mit Minimal und Funk, sind reflektiert und doch offenherzig.

Zwei Jahre musste man auf die neue Scheibe von Levon Vincent warten, der in Berlin lebende Künstler hat mit seiner Intention aber ein Stück Musik geschaffen, dass mitreisst, berührt und sich hinter den grossen Legenden der elektronischen Welten nicht verstecken muss. Und mit Momenten wie „Dancing With Machiavelli“ fliegt man sogar leichtfüssig durch den Ballsaal. So vielseitig kann das Leben sein, halten wir doch zusammen.

Anspieltipps:
Kissing, Hope for new Global Peace, Dancing With Machiavelli

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Golden Filter – End Of Times (2017)

Band: The Golden Filter
Album: End Of Times
Genre: Techno / Minimal

Label/Vertrieb: Optimo
VÖ: 10. November 2017
Webseite: thegoldenfilter.com

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„End Of Times“ ist ein Paradebeispiel für Musik, die nachts und in etwas beeinflusstem Zustand am besten funktioniert. Ohne Hemmungen dreht man die Lautstärke an der Stereoanlage auf, die Beats und Melodien füllen die Räumlichkeiten aus. Denn was am Nachmittag noch eher unscheinbar wirkt, das hat in den dunklen Stunden plötzlich eine extreme Wirkung und lädt dazu ein, die Musik zu geniessen und sich darin zu verlieren. Somit haben The Golden Filter, ein seit 2008 aktives Duo aus New York, auch mit ihrer neusten EP alles richtig gemacht.

Denn nur wer sich traut, ohne Ablenkung in die Tracks einzutauchen, der findet plötzlich die Verlockungen und Feinheiten in der Musik. Mit nur vier neuen Tracks ist die Scheibe zwar kurz, hinterlässt aber einen spürbaren Eindruck. The Golden Filter begeben sich hier in eine Zwischenwelt des kühlen Technos und des verspielten Synthie-Pop, wagen aber inhaltlich eine fast spirituelle Neuausrichtung. Mit den ersten beiden Stücken „End Of Times“ und „Serenity“ werden die harten Bässe und direkten Keyboardlinien hochgehalten, welche einen aus dem Umfeld abheben und die Weltsicht klären.

Mit dem Drehen der Platte kehren aber die psychedelischen Elemente in die Musik zurück. Gerade „Heart Control“ lässt mit seinem langsamen Aufbau und dem verträumten Gesang alle Möglichkeiten zum meditativen Flug offen und wird erst mit dem abschliessenden und sehr schwarzen „Darkness Falls“ wieder gebremst. Es ist somit ein Ausflug in alle möglichen Gemütszustände, den The Golden Filter uns hier vorlegt, und der sogar vor der Direktheit eines Plastikman nicht Halt macht.

Anspieltipps:
Serenity, Heart Control, Darkness Falls

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sgrow – Circumstance (2017)

Wirklich spannend wird es immer dann, wenn man etwas wagt, wenn man Lieder schreiben kann, die sowohl faszinierend wie auch fordern. Gerade in der elektronischen Szenen ist dies nicht immer einfach, entweder fällt man mit seiner Musik in die Gräben der Avantgarde und schreckt den normalen Konsumenten ab, oder man lässt zu viel Unkonventionelles weg und erhält langweiligen Pop. Sgrow aus Norwegen hingegen haben den perfekten Mittelweg gefunden und zeigen auf ihrer neusten EP „Circumstance“ nicht nur fesselnde Tracks, sondern ach immer andersartige Klänge.

Die Herausforderung besteht ja darin, seine im Grunde simplen Ideen so verrückt zu verzieren, dass Lieder wie „Is Anyone Where They Want to Be?“ nicht nur für träumende Teenager oder Autofahrer im Pendelverkehr gemacht sind, sondern auch die Clubs und Tüftler aufhorchen lassen. Und genau das gelingt Vilde Nupen und Kristoffer Lislegaard einfach hervorragend. Sanfter Gesang trifft auf scheppernde Beats, kratzende Bassläufe nehmen die Synthies auseinander, alles scheint zu zerfallen. Sgrow haben keine Berührungsängste zu IDM oder Dum’n’Bass, werfen aber auch sphärische Klangbilder herein.

Ob es nun eher tanzbar bleibt wie bei „Kismet“ oder dann doch etwas weiter experimentell umherzaubert wie bei „Waves“, Sgrow halten die Fahne der Abenteuerlust immer hoch und zeigen auf „Circumstance“ eine beeindruckende Reichweite und viel Talent. Man darf in wenigen Songs diverse Stimmungen und Gefühle durchleben, fühlt sich an Amon Tobin oder Nicolas Jaar erinnert, schwebt über stachelige Plantagen und glatte Quecksilbermeere. Und wenn man am Ende wieder auf dem harten Boden landet, dann lacht man, weil schon bald weitere Mini-Alben folgen sollen.

Anspieltipps:
Feel Something, Daeve, Waves

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Helena Hauff – Have You Been There Have You Seen It (2017)

Band: Helena Hauff
Album: Have You Been There Have You Seen It
Genre: Techno / Minimal

Label/Vertrieb: Ninja Tune
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: helena-hauff.com

Freitag ist der Tag für die treibende Tanzmusik, für den Techno. Gut also, gibt es mit „Have You Been There Have You Seen It“ eine neue EP von Helena Hauff, der Produzentin und DJane aus Hamburg. Und wie man es von ihr gewohnt ist, bleiben auch diese vier neuen Tracks wunderbar schlank und reduziert. Da hilft natürlich auch, dass Hauff gerne mit analogen Geräten arbeitet und ihre Musik somit immer geerdet wirkt und in dieser leichten Imperfektion lebt – wie eben eine Nacht im Club sein sollte.

Ganz einfach gerät der Einstieg mit „Nothing Is What I Know“ aber nicht, die einzelnen Melodien stellen sich sperrig für die Claps und das Lied vermindert die eigene Beschleunigung immer wieder selber. Helena Hauff zeigt somit auch hier wieder, dass ihre Electronica mit Einflüssen aus Acid House und EBM selten die geahnten Wege beschreitet und immer nach Ecken und Kanten sucht. Mit Beats und tief wummernenden Synthies dringen die nachfolgenden Tracks aber immer weiter in die Nacht hinein und locken die dunklen Gestalten.

Wenn sich Helena Hauff bei „Continuez Mon Enfant Vous Serez Traité En Consequence“ schon fast auf minimale Frequenzveränderungen und tief brummelnde Tonspuren beschränkt, dann erhält die Musik eine Schlagseite, die an die DJ-Vergangenheit im Club „Goldener Pudel“ erinnert und endlich die wahre Anziehung dieser Songs zeigt. Es geht um Zwischenwelten, um scharfkantige Reduktion und um minimale Eingriffe – all dies gelingt ihr auf dieser neuen EP, auch wenn nicht jeder Song gleich gut gefällt.

Anspieltipps:
Do You Really Think Like That?, Continuez Mon Enfant Vous Serez Traite En Consequence

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Egopusher, Moods Zürich, 17-10-20

Egopusher
Support: Chico Cream
Freitag 20. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es war zu erwarten gewesen – dass die Musiker und Besucher dann aber in solch intensives, blutrotes Licht getaucht wurden, war doch mehr als überraschend. Die Plattentaufe zum ersten Album von Egopusher wurde nämlich nicht nur von vielen Leuten begleitet, sondern mit einer gelungenen und wirkungsvollen Lichtshow untermalt. Das Duo und ihr erstes, vollwertiges Baby hatten aber auch gar nicht weniger verdient, ist „Blood Red“ doch ein Album, das lange Zeit begeistert. Obwohl bereits seit einer Woche erhältlich, war es an diesem Freitag dann soweit, offiziell die Geburt zu feiern – im edlen Lokal Moods in Zürich.

Weil Schlagzeuger Alessandro Giannelli und sein Bandkumpel und Violinist Tobias Preisig gerne über dem Horizont schweben und wirken, war bereits die Einstimmung mit Support Chico Cream ein Genuss. Mario Scarton sass hinter einer halben Burg aus Klavier, Synthies und Effektgeräten, beugte sich wie ein verrückter Forscher über die Tasten und entlockte ihnen Klänge, die zwischen abstürzend verzerrt und hallend klar pendelten. Der von der Berliner Szene beeinflusste Künstler liess aus Ambientfiguren tanzbare Technobeats wachsen, krümmte Harmonien um die Basspedale und fabrizierte Musik, die fast das Magazin De:Bug wiederbelebte.

In diesen nährhaften Boden pflanzten Egopusher dann ihre Samen und schafften es zum wiederholten Mal, mit ihrer faszinierenden Mischung aus perkussiver Wucht, avantgardistischer Streichmusik und Club-Electronica die Leute zum Tanzen und Feiern zu bringen. Pulsierende Stücke wie „Jennifer (William Part II)“ wechselten sich mit experimentellen Steigerungen ab, bejubelte Singles („Patrol“) liessen die Endorphine nur so fliessen. Doch wie leider oft zu beobachten in der etwas jungen und hippen Szene, verkrampften sich zu viele Leute lieber an ihren Smartphones, als den Moment zu geniessen.

Dies kann man der Band nicht vorwerfen, gaben Egopusher schliesslich alles und verliessen die Bühne schweissnass und glücklich, wenn leider auch ohne eine Zugabe zu spielen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, diese Herren auch schon in stärker packender Form live erlebt zu haben. Gewisse Momente wirkten etwas verzettelt, was die Genialität hinter ihren Liedern aber auf keinen Fall schmälerte. Preisig und Giannelli haben mit ihrer andersartigen Musik eine Quelle angezapft, die hoffentlich noch lange nicht versiegen wird und herrlich frischen Wind in die Welt der handgemachten Electronica bringt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The XX, St. Jakobshalle Basel, 17-02-18

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The XX
Support: Kelela
Samstag 18. Februar 2017
St. Jakobshalle, Basel

„Last night I came to a realization. And I hope you can take it.“ Wie ein Gebot schwebt diese Textzeile heute über meinem Kopf – und die richtigen Worte zu finden, ist nicht einfach. Manchmal ist es halt doch nicht so grossartig, wie es die Masse zu sagen pflegt. Sicher, man fühlt es und immer schwingt mit dem Bass alles mit – aber dann steht man doch alleine da. Die St. Jakobshalle in Basel war beim Auftritt von The XX zwar fast komplett gefüllt, doch die Musik wollte mich nicht erreichen.

Seit ihrem Debütalbum, welches 2009 erschien, ist das Trio aus London in aller Munde. Mit ihrer sehr minimalistischen und verhallten Version des modernen Indie-Dream Pop konnten sie die Massen begeistern und gehören in jede gute Plattensammlung. Mit dem Erscheinen ihres dritten Albums „I See You“ gab es nach längerer Pause nun endlich wieder die Gelegenheit, Jamie XX, Romy Croft und Oliver Sim live zu erleben. Ihr Halt in der Schweiz fand leider in der klanglich eher schwachen St. Jakobshalle statt, doch die Musik überlebte die Umgebung.

Allen voran begeisterte natürlich Klangtüftler und Knöpfchendreher Jamie XX, der mit seinem tausend Gerätschaften über allem thronte und dank dem Spiegeldesign der Bühne auch genau beim Musizieren beobachtet werden konnte. Typisch für The XX lebt ihre Musik von diesen einzelnen Gitarren- und Bassspuren, die mit Elektronik und Beats untermalt werden. In Basel wurde das Set aber oft von den langsamen und sanften Songs beherrscht, die Ausflüge in den Techno fehlten fast gänzlich. Und somit war auch „Loud Places“ der wuchtige Stern gegen Ende des Konzertes.

Trotz diesem Umstand war das Publikum begeistert und viele wurden mitgerissen – was ich auch nachvollziehen kann. Aber diese minimalistische Weise, Gefühle zu zeigen, berührt mich persönlich zu wenig. The XX sind bei weitem keine schlechte Band – aber mir fehlt bei ihnen der Druck, die Wucht, die Intensität. Ich will Echtheit und nicht diese gekünstelt wirkende Zurückhaltung, hinter der sich die heutige Generation versteckt und dadurch keine Konfrontation mehr zulässt. Sonst bleiben wir alle so flach wie die schummrigen Bilder auf den Instagram-Accounts.

Kelela als Support traf mit ihrer tollen Stimme und dem R&B schon eher die Wahrheit, überzeugte mich die Sängerin aus den USA mit ihrem kurzen Auftritt. Zwar nur von einem DJ begleitet, fühlte man sich doch freundlich begrüsst und aufgenommen – was die Zuschauer auch gleich mit einem grossen Applaus retournierten. Ein euphorischer Start in einen etwas zu nüchternen Abend.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: A-Synth Fest, Grabenhalle St.Gallen, 16-10-01

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A-Synth Fest
Bands: Pye Corner Audio, Blanck Mass, Group A, Ventil
Samstag 01. Oktober 2016
Grabenhalle, St. Gallen

Über Umwege zum Ziel: Eigentlich kein Problem, da man das Resultat für sich sprechen lässt. So ist bei mir ein Kurztrip nach München Schuld, dass ich an diesem Samstag in St. Gallen die Grabenhalle und das A-Synth Fest besucht habe. Denn endlich bot sich die Gelegenheit, den Künstler Blanck Mass in der Schweiz zu bestaunen. In Deutschland verzauberte er mich mit seinen Ambientwelten, in der Ostschweiz drückte er die Gehirnmasse mit seinem harten Techno aus dem Kopf. Dies leider vor einem fast leeren Raum – aber als weiterer Glanzpunkt eines höchst interessanten Abends voller Exkursionen in die Scheibenwelten der elektronischen Musik.

Das jährlich stattfindende, 2-tägige Fest widmet sich einer bunten Mischung aus kuriosen und abgedrifteten Gewächsen der digitalen und analogen Synth-Musik. Am zweiten Abend in der Halle für nonprofitable Kunst kam man somit in den Genuss einer Fragerunde mit Bruno von Mittageisen (Schweizer Dark Wave-Pioniere), diversen DJ-Auftritten und Livekonzerten, die sich wohl bei nicht wenigen für immer in der Erinnerung festgebrannt haben. Die Musik war nie einfach, der Anspruch teilweise sehr hoch, aber genau dies machte aus den Stunden eine lohnenswerte Erfahrung. Denn wer liess sich zuletzt die Hirnrinde von zwei japanischen Frauen an Knöpfchen und Geigenbogen verschieben? Mit einer industriellen Mischung aus elektronischem Noise und grummelnden Beats bestätigten sie das Klischee der verrückten Asiaten.

Da waren Ventil aus Österreich fast geradlinig – ihre Musik liess sich aber während vielen Minuten zu hypnotischen Steigerungen aus vielfältigen Schlagzeugmustern, Gitarrenschreien und Keyboardspritzern heranwachsen. Das war Musik der grossen Schule, untermalt mit stilvollen Visuals. Wer sich zuvor beim DJ-Set von Ghost Box noch etwas Sorgen um die Dramatik der Klänge gemacht hatte, fand hier eine wahrlich geniale Erleichterung. Pulsierend bot die Gruppe eine Spannung wie im Krimi. Benjamin John Power alias die eine Hälfte von Fuck Buttons alias Blanck Mass spielte viel eher mit der Kreissäge. Er ebnete mit seinen Tracks zwischen Techno aus den Stahlöfen und Ambient der Wasserplaneten für Pye Corner Audio den Weg. Geschickt mixte er seine beiden Alben zu einem Set voller atmosphärischer Höhepunkte.

Klar war man danach etwas erschlagen, doch bot der letzte Act mit seinen cineastischen Techno- und House-Schichten für Entspannung auf tanzbare Weise. Nur leider passierte als dies vor viel zu wenigen Leuten, und in den späten Stunden war die Grabenhalle schier leer. Ein Missstand, den man sich nach diesen Erlebnissen nicht wirklich erklären kann. Denn das A-Synth Fest war 2016 eine fulminante Feier der andersartigen Kunst in der Musik – ein Denkmal für den Untergrund und die offenen Geister. Nächstes Jahr kommt ihr einfach alle mit.

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Four Tet – Randoms (2016)

Four Tet - Randoms

Four Tet – Randoms
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Techno

Zufällig, willkürlich und überhaupt nicht zusammen angedacht – Four Tet veröffentlicht via Bandcamp nicht nur weitere Musik, sondern eine Sammlung von Stücken aus all seinen Schaffensperioden. „Randoms“ bringt einzelne Songs wieder zusammen, die zuvor etwas verloren auf anderen Alben und Zusammenstellungen gelandet waren. Gemeinsam klingt es sich aber am schönsten und jubeln können auch wir Hörer, denn diese digitale Scheibe ist komplett kostenlos. Das erstaunlichste an der Sammlung ist aber, wie perfekt die Lieder dann doch zusammenpassen und -gehören.

Four Tet greift für dieses Kunststück tief in seine musikalische Wunderkiste und befördert mit „Field“ nicht nur einen Track aus dem Jahre 1996 ans Tageslicht, sondern liegt hier noch stärker in der instrumental gespielten Musik als in den elektronischen Himmelfahrten. Eine Ausnahme zwar, aber auch ein gern vernommener Unterschied zu den restlichen Beiträgen. Wobei „Randoms“ nie in den Gebieten der langweiligen Auftragsarbeiten und stinkenden Restverwertungen landet. Four Tet mischt Minimal, Techno und Electronica geschickt zu immer neu wirkenden Fontänen aus hell klingenden Melodien und tief schürfenden Bässen.

Diese Compilation birgt in sich zwar nichts komplett neues, die meisten Lieder wird man aber noch nicht kennen – oder sie zumindest nie in einem solchen künstlerisch homogenen Umfeld vernommen haben. „Randoms“ wirkt dabei oft sogar wie ein Album, an dem lange gearbeitet wurde und das schier unzählige Einflüsse zulässt. Die Musik von Four Tet ist und war nie gradlinig, sondern zeichnet auch hier immer wieder mit Kreide verwirrende Botschaften auf den Boden. Es macht aber viel Spass, zu den Beats zu tanzen und wie bei Ambient die Wellen zu spüren. Somit nicht nur für Fans ein Fall zum sofortigen Download.

Anspieltipps:
Moma, Pockets, Field

Blanck Mass – The Great Confuso EP (2016)

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Blanck Mass – The Great Confuso EP
Label: Sacred Bones, 2016
Format: RSD Vinyl
Links: Discogs, Künstler
Genre: Techno, Electronica, Minimal

Der Kauf einer Veröffentlichung von Blanck Mass bietet immer wieder Überraschungen. So war sein Debütalbum wunderschöner Ambient, der Nachfolger dann verstörender und gerne auch sehr harter Techno. Dazwischen erblickte mit „The Great Confuso“ eine EP das Licht der Welt, die beide Pole etwas näher zusammenführte. 2016 erhielt man dank dem Record Store Day nun die Gelegenheit, die Musik auf orangem Vinyl zu kaufen, farblich passend zum Cover.

Wie es der Name schon sagt, dreht sich hier alles um das 18 Minuten lange Stück „The Great Confuso“. Unterteilt in drei Abschnitte bietet der klangliche Erguss nicht nur die harten und queren Beats, ausgefallenen Sprachsamples und düsteren Melodien, sondern aus Frequenzüberlastungen und wunderbare Melodien. Blanck Mass zieht hier alle Register seines Könnens und formt die Musik zu einem immer stärker werdenden Strom, zu einer Reise, zu einem Ritt. Nie werden Ideen zu oft repetiert, immer fliessen alle Gegensätze als neue Farbkreation gemeinsam über den Rand des Malkastens. Aber Achtung: Hinter den lustigen Tönen lauern aggressive Sequencer.

Auf der B-Seite erhält man mit „The Great Confuso“ noch drei Remixe zu „Dead Format“, „No Lite“ und „Detritus“ – die Sammlung und Familie um Blanck Mass wächst also in bester Verfassung weiter. Und somit macht man auch mit dieser Scheibe nichts falsch, denn hier erwarten einen viele Minuten voller hartem Techno, träumerischem Electronica und sogar Ambient-Ausschweifungen. So genial wie bei Blanck Mass fügen sich diese farbigen Vögel selten zusammen.

Anspieltipps:
The Great Confuso (Parts I, II, and III), No Lite (Genesis Breyer P-Orridge Dreamachine Remix)

Heidemann – Detectives (2016)

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Heidemann – Detectives
Label: Fabrique Records, 2016
Format: CD
Links: Bandcamp, Facebook
Genre: Electronica

Monika Heidemann hatte es mir letzten Sommer in Luzern persönlich gesagt, die neue EP sei in Arbeit und werde bald erscheinen. Es musste leider doch April 2016 werden um neue Musik von der Künstlerin zu vernehmen, doch die Wartezeit hat sich gelohnt. Wie schon bei ihrer ersten Veröffentlichung darf man sich bei „Detectives“ wieder auf fünf tanzbare und effektreiche Lieder zwischen Retro-Synth und Electronica-Pop freuen.

Wahrlich toll an den neuen Liedern – und dem alten Bekannten „Well Well“, der hier erneuet auftreten darf – ist die ungezwungene Art. Heidemann schreibt, spielt und produziert ihre Musik nicht nur selber, sie lässt sich auch von nichts beirren. Egal wie altbacken gewissen Sequenzer klingen, egal wie unecht das Drummuster nun klingt – „Detectives“ gehört zu dieser interessanten Parallelwelt in der die Vergangenheit dann morgen erst die Gegenwart wird. Mit Nancy Whang findet man auf dem abwechslungsreichen „I’m So In Love“ einen Gast, „Last Chance“ erhält man noch als Remix obendrauf. Ob man New York City nun aus der Musik heraushört ist nicht klar zu sagen, der frische Mix aus Minimal, Pop und Electro klingt aber nach wenig Schlaf und vielen Perspektiven aus aller Welt.

Mit „Detectives“ durfte Monika Heidemann ihre Musik endlich über ein offizielles Label verbreiten und wählte dazu hitverdächtige Songs aus. „My Pet“ zertrümmert den süssen Gesang mit krummen Beats, „Well Well“ überholt sogar das Lightcycle aus Tron. Egal ob man in Jeans und T-Shirt im Club landet oder mit Glitzer und Neonfarben verziert: Hier findet man wunderbar unterhaltsam Musik aus analogen Geräten. Nur live ist die Dame noch besser.

Anspieltipps:
Last Chance, Well Well, My Pet