Progressive

Live: Steven Wilson, Halle 622 Zürich, 18-02-07

Steven Wilson
Support: Donna Zed
Mittwoch 07. Februar 2018
Halle 622, Zürich Oerlikon

Damit hatte ich nicht gerechnet, obwohl ich zu der Fraktion gehörte, die „To The Bone“ von der ersten Minute an geliebt und verteidigt haben. Dass der ehemalige Frontmann von Porcupine Tree und neuzeitliche Progressive-Rock-Retter in der Halle 622 in Oerlikon eines der besten Konzerte abliefern würde, das ich jemals von ihm gesehen habe, dieser Gedanke wäre mir niemals gekommen. Steven Wilson hat es aber geschafft, seinen kompletten musikalischen Kosmos grossartig in einen Auftritt von fast drei Stunden zu destillieren und dabei Eckpunkte zu verknüpfen, die man bisher nie so nahe beieinander sehen konnte.

Alleine der Umstand, dass er die Lieder seines neusten und extrem von Pop-Musik beeinflussten Werkes ohne Mühe mit älteren Songs seiner Karriere verband und diese mit einer passenden visuellen Untermalung zu einer kohärenten Geschichte knüpfte – dies war umwerfend. Wer hätte jemals gedacht, dass der von Abba beeinflusste Song „Permanating“ so gut auf den Longtrack und viel zu selten vernommenen Brecher „Arriving Somewhere But Not Here“ folgen kann? Nicht nur schuf Steven Wilson hier mit seiner neu entdeckten Freude als Showman eine perfekte Überleitung und erzählte witzige Anekdoten, nein sogar textlich fand man plötzlich gewisse Motive, die sich gegenseitig spiegeln und ergänzen.

Inhaltlich war der Künstler schon immer spannend, mit der gewonnen Lust am Konzeptalbum steigerte er sich seit „The Raven That Refused To Sing“ aber immer mehr. So machte es sehr viel Freude zu erfahren, wie „The Creator Has A Mastertape“ die Stimmung für „Refuge“ perfekt vorbereitete. Oder wie die Beklemmung von „Song Of I“ genial in der Melancholie von „Lazarus“ ihre Bestimmung fand – ohne die Emotionen aufgesetzt wirken zu lassen. Fast nur ungehörtes Material versprach Steven Wilson den vielen freudig erregten Zuschauern zu Beginn seines Sets, und hielt dieses versprechen. Denn wär hätte gedacht, noch einmal „Even Less“ in einer reduzierten Form mit nur einer Gitarre erleben zu können? Oder „Pariah“ endlich laut und wesensverändernd wahrnehmen zu dürfen?

Gerade dieses wunderschöne und ergreifende Stück mit Sängerin Ninet Tayeb wurde eines der frühen und intensivsten Highlights. Dank einer gut geplanten und immer geschmacksvollen Show mit Projektionen auf ein Netz, Videowänden und passender Lichtuntermalung erhielten nicht nur die Instrumente eine Verstärkung, auch die Tiefe der Musik konnte besser erfasst werden. So war es auch eine pure Lust, der perfekt aufspielenden Band (bestehend aus Nick Beggs, Adam Holzmann, Alex Hutchings und Craig Blundell) bei wirbelnden Instrumentalteilen von „Home Invasion“ oder „Vermillioncore“ zuzuhören und dann wieder in Bildern und Farben aufzugehen. Steven Wilson hat mit dieser Tour wahrlich eine neue Ebene erreicht.

Egal ob Pop, harter Progressive Rock oder psychedelischer Art-Rock – mit dem Konzert in Zürich verband der Meister all seine Stärken zu einem neuen, extrem vielseitigen Erlebnis. „The Same Asylum as Before“ liess Prince wach werden, „Sleep Together“ nahm die Zuschauer mit harten Bässen und grellem Licht gefangen, „The Raven That Refused to Sing“ machte den Konzertschluss extrem ergreifend und tieftraurig. Steven Wilson hat sich damit nicht nur allen Zweiflern bewiesen, sondern seine Musik noch einmal mehr etwas unsterblicher gemacht. Dieser Mann ist einfach unglaublich, und dieser Auftritt war extraklasse!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Steve Hackett – Wuthering Nights: Live in Birmingham (2018)

Gut aufgepasst: Dieses neue Livealbum bietet auf CD, DVD oder Bluray zwar viele klassische Genesis-Songs und ist somit ein Teil des gefeierten Genesis Revisited Projektes, in erster Linie wird mit „Wuthering Nights: Live in Birmingham“ aber das letzte Album der Prog-Grösse mit Steve Hackett gefeiert. Der grossartige Gitarrist taucht hier 40 Jahre in die Vergangenheit ein und zelebriert die Melodien von „Wind & Wuthering“ – nicht ohne seine eigenen Hits und neuste Klänge zu vergessen. So gibt es doch einige markante Unterschiede zum Livealbum aus dem Jahre 2016 und erstaunliche wenige Überlappungen bei der Setlist.

Denn obwohl Steve Hackett und seine (wie immer) famos spielende Band Lieder wie „The Musical Box“ oder „Firth Of Fifth“ kredenzen, die erste Hälfte des Konzertes wird klar dem neuen Album „The Night Siren“ gewidmet. „In The Skeleton Gallery“ lässt Fans von virtuosem Spiel jubeln, „Behind The Smoke“ begeistert mit kräftigem Takt und lauten Riffs, „El Niño“ macht aus Instrumenten Naturgewalten. Das wunderschöne und mehrstimmig gesungene „Serpentine Song“ öffnet danach die Tore zur Vergangenheit und lädt alle dazu ein, in fast vergessenen Zeiten zu schwelgen. Spätestens hier beweisen die Musiker, dass sie unglaublich filigran und präzise agieren können. Die Aufnahmen sind klar, differenziert und auch die Bilder passend ruhig.

Mit „In That Quiet Earth“ oder „Dance On A Volcano“ darf es dann auch etwas hitziger zu und her gehen, meist gilt auf „Wuthering Nights: Live in Birmingham“ aber die Devise: Geniessen und lange daran Laben. Steve Hackett mutet seinen Fans somit nicht nur eine weitere Live-Platte zu, er bietet Blicke auf neue Perspektiven und länger nicht mehr vernommene Kompositionen. Überflüssig ist dieses Paket somit auf keinen Fall, viel eher erweitert es die Konzert-Bibliothek des Prog-Giganten um tolle neue Momente. Und dies wird bestimmt noch lange nicht „Los Endos“ sein.

Anspieltipps:
The Steppes, Serpentine Song, Blood Ond The Rooftops, Firth Of Fifth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Perfect Beings – Vier (2018)

Die alten Helden sind bereits so verstaub und langweilig, dass man ihre neuen Platten lieber als Untersetzer für die fliegende Teekanne benutzt? Die einst geliebten Namen sind nur noch ein Schatten ihrer selbst und würde sogar auf Tour besser schweigen? Kein Problem, denn die Musikwelt bietet mit jedem Jahr bessere Alternativen zum bekannten Programm – so auch Perfect Beings aus Los Angeles. Die Band steht seit 2012 dafür, den klassischen Klang des Progressive Rock perfekt zu inszenieren und zu wissen, auf was es bei Komposition und Emotion ankommt. Mit ihrer neusten Scheibe „Vier“ greifen sie gar nach den Sternen.

Aufgeteilt in vier lange Tracks – daher auch der Albumtitel – bietet das Werk eine fantastische Dynamik, ausgeklügelte Instrumentalpassagen und sogar mehrstimmigen Satzgesang. Ob sich Mannen nun in Richtung The Flower Kings bewegen und mit Flöten und Keyboards die Romantik des Canterbury antasten, oder dann wieder verkopft und moderner leicht am Fusion schnuppern – Perfect Beings vereinen alle Elemente in fesselnden Stücken. „Guedra“ gleitet so von treibenden Abschnitten zu elegischen Harmonien, „Anunnaki“ bringt Effekte und Elektronik in den Vordergrund.

Über ein Jahr haben Perfect Beings benötigt, um diese langen Werke auf „Vier“ aufzunehmen und zum Ziel zu kommen. Schön ist, dass ihnen dabei weder die Einfälle noch die Energie ausgegangen sind und sich alles auf diesem Album spannend und packend anhört. Mit „Vibrational“ wird zwar für eine Viertelstunde etwas entspannter musiziert, aber auch hier findet man viele Gründe diese Band zu mögen. Wunderbar also, haben die Künstler ihre Besetzungswechsel erstarkt überstanden und mit der dritten Platte ihren Klang vergrössert. Sag also Yes zu den Amerikanern und wage dich an dieses felsenfeste Doppelalbum.

Anspieltipps:
Guedra, The Golden Arc, Anunnaki

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Rich Wilson – Time Flies: The Story Of Porcupine Tree (2017)

Als die Band endlich die edle Royal Albert Hall betreten durfte und vor ausverkauftem Saal ein fantastisches Konzert spielte, war es mit Porcupine Tree eigentlich bereits vorbei. Die wandlungsfähige und stets hart arbeitende Band um Meister Steven Wilson wollte immer den Durchbruch und die grössere Anerkennung, beendete ihren Lauf aber während dem steilen Aufstieg. Man hatte sich musikalisch zu fest verfahren, wiederholt und ausgelaugt. Dabei fing alles so anders an …

„Time Flies“ von Rich Wilson (nicht verwandt mit dem gewissen Steven) ist das erste Buch, welches die Geschichte der Art-Rock-Grösse aus England erzählt – wenn auch nicht autorisiert. Doch das tut dem Buch nicht weh, wurde hier schliesslich in aufwändiger Arbeit aus vielen Interviews und Berichten alles herausdestilliert, was den Weg von Porcupine Tree ausgemacht hatte: Angefangen bei den alleinigen Versuchen Wilsons im eigenen Schlafzimmer, die ersten Tapes mit erfundenen Biografien über die immerzu wechselnden Stilrichtungen bis hin zum fulminanten Abschluss als erstarkte Band im Bereich des modernen Progressive Rock.

Schnell wird trotz all den Widrigkeiten, welche Porcupine Tree in ihrer Karriere aushalten mussten, klar, dass es wohl selten eine klanglich interessantere, aber szenentechnisch langweiligere Band gab. Fern von allen Exzessen, Drogengeschichten, wilden Vorfällen oder misslungenen Konzerten erarbeiteten sich die Musiker mit jedem Album einen besseren Ruf und mehr Fans. Für „Time Flies“ bedeutet dies leider, dass sich grosse Teile des Buches wie ein konstanter Kreislauf lesen. Der Ablauf „Demo, Aufnahme, Veröffentlichung, Tour“ wird bei jedem Kapitel gleichförmig wiederholt, bei Zitaten aus Gesprächen und Presseberichten leider zu unsorgfältig gearbeitet.

Die Lektüre von Rich Wilson ist somit zwar leicht und wenig anstrengend, oft aber auch etwas zu wenig redigiert. Gewisse Fakten werden oft wiederholt, viele Absätze lesen sich holprig – hier wären grössere Eingriffe in das Quellenmaterial hilfreich gewesen. Somit ist das Buch vor allem für Anhänger von Steven Wilson und seinen Bands interessant, Neulinge werden wohl das Phänomen hinter Porcupine Tree nach „Time Flies“ nicht wirklich erfassen können. Schön war es aber trotzdem, für einmal die Geschichte als Ganzes zu erfahren – und vor allem bei jedem erwähnten Album wieder Lust auf ein Wiederhören zu haben.

Noch ein kleiner Hinweis: Das Buch beschränkt sich auf einen Fliesstext mit wenigen Bildern in der Mitte. Da weder Bandmitglieder noch beteiligte Labels an der Veröffentlichung mitgearbeitet haben, fehlten natürlich die Rechte, um visuelles Material in den Text einzubauen. Somit lockern weder Albumcover noch Backstagefotos „Time Flies“ auf – aber immerhin kann man aus vier passend psychedelischen Umschlägen auswählen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Aemera – Arcturius (2017)

Nicht immer muss es Jahre dauern, bis eine Band ihr erstes Album auf die Beine gestellt hat. Aemera haben sich zu Beginn des Jahres 2017 gegründet und legen nun, wenige Monate später, bereits ihre erste Scheibe vor. Wenn es passt, dann funktioniert es halt. Wobei auf „Arcturius“ keinesfalls Neulinge zugange gehen – besteht die Truppe doch aus Musikern, die zuvor bei Buried Undead aus Mulhouse und Reding Street aus Basel spielten. Und mit geballter Kraft wird hier nun der Djent neu akzentuiert.

Vom ersten Takt an legen Aemera mit Wucht und kanalisierter Energie los, pendeln zwischen hartem Shredding, brutalen Riffs und elegischen Flächen. „Nova“ zeigt dies instrumental und mit vielen Breakdowns, „Lvthn“ holt sich Rap dazu und „Waves“ zelebriert den melodiösen Gesang vor wilden Gitarrenwellen. Es ist wunderbar anzuhören, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band hier aufspielt und sich somit vor Grössen wie Tesseract nicht verstecken muss.

Spannend finde ich an „Arcturius“ vor allem, dass die hochkomplexe Technik schlussendlich gar nicht die Hauptrolle tragen muss. Aemera gönnen sich eingängige Passagen, Farbtupfer wie die Sitar („Foresight“) und harte Blasts und Wechsel, die eher beim Metalcore als Progressive Rock gängig sind. Das Album ist somit eine freudige Angelegenheit für viele Freunde der härteren Gangart und bevorzugt weder Mathematiker noch extreme Querdenker – auch dank der wunderbar gelungenen Produktion.

Anspieltipps:
Nostromo, Waves, Foresight

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Papir – V (2017)

Es waren drei Freunde, die einen Weltallflug machten – hoch zu den Sternen, hinab den Kometen nach. Der Schlagzeuger sitzt hinten und liefert Schub um Schub, die Steuermänner und Tonangeber sitzen vorne. Und es rattert und brummt um sie herum der Motor, die kosmische Strahlung, die Ewigkeit. Was sich Mani Matter damals wohl nicht einmal erlaubte zu träumen, das ist bei Papir der Alltag: Instrumentaler Rock, der alle Grenzen und Hemisphären sprengt, zwischen psychedelischen Passagen und druckvollen Post-Rock-Momenten pendelt. Willkommen bei „V“.

Sich etwas mit der Geschichte des Prog- und Krautrock auszukennen, kann nie falsch sein, besonders wenn man mit der eigenen Musik all diese Quellen anzapft. Papir, welche mit „V“ ihr erstes und gleich über 90 Minuten langes Album vorlegen, wissen dies nur zu gut. So lebt ihre Musik nicht nur von immerzu wechselnden und sich gegenseitig aufgreifenden Klangmustern, sondern verneigt sich auch gleich vor alten Legenden der bewusstseinserweiternden Spielart. Schön ist aber, dass jedes der sieben bis zu 25 Minuten  langen Stücke auf diesem Album wunderbar entspannt daherkommt.

Sicherlich, die Gitarren werden mal forscher und legen ihre Argumente wunderbar dröhnend dar, Papir halten aber nicht viel von andauerndem Krach. Viel lieber lassen sie ihre Kompositionen herrlich in die Gebiete des Jam, des analogen Ambient und der entspannten Fusion eintreten. Immer mit freundlicher Wirkung, nettem Lächeln und fesselnden Arrangements ist „V“ also bester Stoff für eine lange Reise aus dem eigenen Kontinuum. Dänemark ist plötzlich nur noch wenige Meter entfernt und das Glück liegt zwischen emotionalen Melodien und zugkräftigen Takten.

Anspieltipps:
V.I, V.IV, V.VII

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Prologue Of A New Generation – Mindtrip (2017)

Band: Prologue Of A New Generation
Album: Mindtrip
Genre: Progressive Metal / Djent

Label/Vertrieb: Antigony
VÖ: 23. Juni 2017
Webseite: Prologue Of A New Generation auf FB

Modeströmungen, man findet sie auch immer in der Musik. Kein Wunder also, setzt sich plötzlich ein neues Untergenre durch und lässt Bands an jeder Ecke spriessen. In der brutalen Welt des modernen und progressiven Metal wird die kalte und kompromisslose Komplexität seit einigen Jahren in Form des Djent von vielen Musikern zelebriert, neu wollen auch Prologue Of A New Generation ihren Senf dazugeben. Doch leider fehlt den Italienern das zwingende Element.

Mit etwas mehr als 30 Minuten ist ihr Debütalbum „Mindtrip“ nicht nur in der Laufzeit knackig, sondern lässt Gitarre und Bass so manche Knochen und Hoffnungen brechen. Die fünf Musiker sind versiert und haben keine Angst vor extremen Taktwechseln und mathematischen Überlegungen zwischen den einzelnen Songteilen. So sind Lieder wie „Karmic Law“ oder „Black Hands“ eine furiose Mischung aus Hardcore, Metal und Bruchrechnen mit Keyboard. Prologue Of A New Generation haben sich den Djent also genau angeschaut und verinnerlicht, schauen aber zu sehr auf ihre Vorbilder.

Was bei Gruppen wie Periphery oder Meshuggah für Begeisterungsstürme gesorgt hatte, das wirkt bei Prologue Of A New Generation leider etwas ermüdend. Die Band findet zwar das Gleichgewicht zwischen brutalem Geschrei, extremen Klangattacken und melodiengetragenen Zwischenteilen, viele Lieder auf „Mindtrip“ wirken aber zu austauschbar. Somit werden sich Liebhaber und Komplettisten der Stilrichtung diese Scheibe sicher in die Sammlung stellen, wirkliche Erkenntnisse und Überraschungen bleiben beim Genuss aber leider aus.

Anspieltipps:
Black Hands, Karmic Law, Neverbloom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Leprous, Salzhaus Winterthur, 17-11-15

Leprous
Support: Agent Fresco, Alithia, Astrosaur
Mittwoch 15. November 2017
Salzhaus, Winterthur

Irgendwie erinnerte mich dieser Abend an vergangene Zeiten, in denen unregelmässig ein Wanderzirkus im Dorf Halt machte und für einen Abend die Bewohner mit Artisten und Wundern verzauberte. Da die Jahre aber nicht ohne Veränderung vonstatten gingen und sich einiges modernisiert hat, musste man an diesem Mittwochabend aber nicht in einem Stoffzelt frieren, sondern durfte im Salzhaus schwitzen. Und anstelle glatzköpfiger Gewichtheber und verstörenden Clowns gab es auf der Bühne eine Vielzahl an talentierten und von weit her angereisten Musikern zu bestaunen. Leprous, die neue Progressive Metal-Sensation aus Norwegen, lud zu einer Nacht voller Klang und Spass.

Denn wer schon auf eine auslaugende Tour geht, der kann auch ein paar Freunde mitreisen lassen. Gleich vier Bands durften darum in Winterthur bejubelt werden und machten aus einem normalen Wochentag ein kleines Festival-Erlebnis – und gaben nur eine Konstante vor: Ausufern mit Freunden. Denn egal ob Heavy-Stoner-Riffs oder elegische Keyboard-Parts, bei jedem Auftritt galt es, die Konventionen zu sprengen und den modernen Metal neu zu erfinden. Astrosaur aus Norwegen bildeten mit ihrem geerdeten und tonnenschweren Sound zu Beginn Gelegenheit, sich mental und körperlich auf diese Klangreise vorzubereiten. Irgendwo zwischen Heavy-Prog-Stoner, Post-Metal und dreckigem Rock landeten ihre Songs mit lautem Knall im Saal.

Alithia aus Australien versuchten einen komplett anderen Ansatz und stürmten zu siebt und mit Gastsängerin Marjana Semkina von iamthemorning die neu stützenlose Bühne. Genauso wild wie die Bewegungen und Sprünge der Musiker waren auch die Lieder. Ob Heavy Metal mit sehr emotionalem Gesang oder wildeste Perkussionsgewitter und Powerriffing – diese Band will weder ihre Songs noch ihre Auftritte auf einen bestimmten Stil festnageln. Das kam unerwartet, stiess manche etwas vor den Kopf, war aber umso lockerer und witzig. Erstaunlich, wie viel Bewegung in solchen Konzerten Platz finden kann.

Das muss man Sänger Arnór Dan Arnarson von Agent Fresco schon lange nicht mehr erzählen, schreitete der Frontmann doch während dem Konzert rastlos über die Bühne, bediente den Synthie und spazierte kurzerhand mitten in den Besuchern herum. All dies, während er seine Gesangmelodien voller Inbrunst präsentierte und sich immer wieder von den zwei weiteren Musikern abhob. Erstaunlich wie hochkomplex und mathematisch die Songs der Isländer sind, aber trotzdem so locker gespielt werden können und mitreissen. Ausnahmsweise mit Nicolai Mogensen von Vola am Bass, präsentierten die Herren nicht nur Stücke von den Alben, sondern auch komplett neues Material und hinterliessen bei den Besuchern wahre Begeisterungsstürme.

Da war es für die Leithammel und Hauptband Leprous natürlich ein leichtes, den Abschluss mit ihrem Progressive Metal zu einem Feuerwerk zu gestalten. Unterwegs mit ihrem neusten Album „Malina“ und dem Cellisten Raphael Weinroth-Browne, der alle Streicherarrangements live und beeindruckend einspielte, liess die Bands Kracher wie „The Flood“, „Rewind“ oder „Illuminate“ vom Stapel. Mit toller Lichtshow und begleitenden Videos wurde aus dem Konzert schnell eine Reise in die verzweigten Höhlen des modernen Prog, angereichert mit der ergreifenden Stimme Einar Solbergs und immer wieder brachialen Riffs. Da war es nur recht, kehrten die Mannen nach „From The Flame“ noch einmal auf die Bühne zurück und liessen diesen abenteuerlichen Abend mit „The Valley“ ausklingen. Wer vermisste da noch Trapezkünstler und Tiger?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Spock’s Beard – Snow Live (2017)

Band: Spock’s Beard
Album: Snow Live
Genre: Progressive Rock

Label/Vertrieb: Radiant / Metalblade
VÖ: 10. November 2017
Webseite: spocksbeard.com

Es geschehen tatsächlich noch Wunder – wobei diese Aussage in einem Text zu Neal Morse ja vorsichtig einzusetzen ist. Dass allerdings das komplette „Snow“-Album von Spock’s Beard einmal in seiner schillernden Gänze aufgeführt würde, und das erst noch mit allen originalen Mitgliedern und neuen Musikern zusammen, das war lange nur ein kleiner Hoffnungsschimmer am Proghorizont. 2016 war es dann aber wirklich soweit, am jährlichen Morsefest in Nashville wurden Träume erfüllt und ein riesiges Geschenk an die Fans der amerikanischen Progressive Rock-Truppe verteilt: „Snow Live“, ungekürzt, sieben Mannen, eine Geschichte.

Die Geschichte um den begabten Albino, Aufstieg und Fall, dessen Werdegang und die religiösen Anleihen machen das Werk auch 15 Jahre nach seinem Erscheinen interessant und immer wieder hörbar. Musikalisch wandten sich Spock’s Beard mit diesem Doppelalbum zwar etwas weg vom komplexen Melodic Prog und hin zum Hard Rock, erschufen aber auch extrem mitreissende Passagen, wunderschöne Melodienbögen und zeitlose Songs. Dass Bandgründer und Frontmann Neal Morse nach dieser Platte die Truppe verliess und nun damit die kurze Versöhnung fand, passt zur inhaltlichen Tragweite und verleiht „Snow Live“ eine weitere Prise Magie.

Erstaunlich ist an dieser Aufnahme aber noch etwas weiteres: Spock’s Beard klingen immer noch genau so frisch und spielfreudig wie in ihren ersten Jahren. Das Zusammentreffen der ehemaligen Mitglieder und neuen Recken wie Jimmy Keegan und Ted Leonard lässt ein Funkenflug an Freude und Talent entstehen, sodass aus Stücken wie „Devil’s Got My Throat“, „Carie“ oder „All Is Vanity“ pure Lebensfreude entsteht. Satte Riffs, ausufernde Keyboardstellen und die ergreifenden, mehrstimmigen Gesänge – die Künstler holen das Beste aus dem Material und geben mit den Zugaben „June“ und „Falling For Forever“ noch das Sahnehäubchen (inklusive Schlagzeugduell) obendrauf.

Wie es sich für neue Veröffentlichungen von Neal Morse und Konsorten gehört, gibt es auch „Snow Live“ in diversen Ausführungen. Ob Vinyl oder CD, mit visueller Begleitung und Dokumentation auf DVD oder Bluray: Hier findet jeder sein passendes Paket. Und schlussendlich ist es doch egal, mit welchem Medium man hier der grössten Version von Spock’s Beard entgegentritt – was zählt, ist das wirklich wunderschöne, fesselnde und berauschende Resultat. Da liebt man sogar den Kitsch von „Wind At My Back“ inbrünstig!

Anspieltipps:
Long Time Suffering, Carie, All Is Vanity, June

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blind Ego – Liquid Live (2017)

Band: Blind Ego
Album: Liquid Live
Genre: Progressive Rock

Label/Vertrieb: Gentle Art Of Music
VÖ: 10. November 2017
Webseite: blind-ego.com

Und plötzlich wird aus einem etwas unsicheren Nebenprojekt eines einzelnen Künstlers eine gefestigte Band! Seit der Veröffentlichung des Studioalbums „Liquid“ hat sich bei Blind Ego nicht nur die Besetzung finalisiert, Kalle Wallner fand mit seinen Mitstreitern auch Kämpfer für die weitere Zukunft und zeigte auf der Tour 2017 gleich, dass sich diese Truppe nun wuchtig, druckvoll und unaufhaltsam gibt. Mit „Liquid Live“ erhält man einen passenden Einblick in diese neue Identität des teutonischen Prog-Rocks, inklusive bewegter Bilder.

Neben der CD-Aufnahme vom Night Of The Prog Festival auf der Loreley, bei dem weder starker Regen noch die kurze Spielzeit der Stimmung Abbruch taten bei dieser wahrlich energetisch aufspielenden Band, gibt es mit der beiliegenden DVD die visuelle Ergänzung des ausverkauften Blind Ego-Konzerts in Hamburg. Auf beiden Silberlingen kriegt man somit die volle Packung modern angehauchter und stark im harten Rock verankerten Prog. Mit Gitarrensolos, zweistimmig gesungenen Passagen und immer wieder voluminös voranschreitenden Riffs werden Lieder wie „Obsession“ grösser als jemals gedacht.

Es tut den hier gespielten Songs echt gut, dass die Band um Gitarrenvirtuose Wallner nie kürzer treten wollte und keine Sekunde der Erholung benötigte – vielmehr wurde während dem gesamten Konzert jedes Stück voller Inbrunst präsentiert und sofort findet man bei „Liquid Live“ den Zugang. Frühere Zweifel, dass Blind Ego immer ein Nebenprojekt im Schatten von RPWL bleiben würde, werden hier ohne zu zögern weggewischt und mit einer Sicherheit ersetzt, die Doublebass und emotionale Melodien mit sich bringt. „Blackened“ und „Death“ täuschen uns nicht, diese Band hat sich ihren „A Place Under The Sun“ nun definitiv verdient.

Anspieltipps:
Obsession, Never Escape The Storm, Blackened

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.