Festival

Live: Sounds From The Heart Festival, Werk21 Zürich, 17-12-16

Sounds From The Heart Festival
Bands: Hanté, Salvation AMP, Sons Of Sounds, Patricia Scheurer
Samstag 16. Dezember 2017
Werk21, Zürich

Gegensätze, Abwechslung, Erbe – das erste Sounds From The Heart Festival bot für eine Nacht im Werk21 in Zürich einen interessanten Querschnitt durch die dunkle Szene. Mit direkt gegenübergestellten Vergleichen und einem intensiven Verbund aus Vergangenheit und Moderne wurde der kalte Samstag im Dezember zu einem eleganten Treffen für Freunde und Neugierige. Und dieses Spiel mit den Zeiten war bereits in der Dekoration sichtbar, wurde der Kellerraum des Dynamos doch von elektrischen Kerzen erhellt und Fledermäusen bewohnt, denen nicht nur Ozzy den Kopf abbeisst – waren sie schliesslich leckere Kekse.

Patricia Scheurer, Autorin aus Zürich und seit langem ein bekanntes Gesicht in der Szene, spannte mit der Lesung aus ihrem Roman „Schwarzes Erbe“ den Bogen dann auch gleich vom heutigen Zürich in das tiefe Mittelalter. Ihr Buch handelt von Sinnsuche, Themen des Gothik-Stils, Musik und viel Romantik. Eine Kombination, die für mich selber eher schwierig ist, in der heutigen Zeit aber gut funktioniert und unter den anwesenden Besuchern viel Anklang fand.

Umso interessanter war es, dass als erste Band dann Sons Of Sound aus Karlsruhe das Banner des Heavy Metal hochhielten und auf diese Burg-Fantasien pfiffen. Die drei Brüder liessen sich von der ungewöhnlich tiefen, weil gesundheitlich angeschlagenen Stimme des Bassisten und Sängers Roman Beselt nicht beirren und lotsten ihre Musik geschickt durch harte Instrumentalpassagen und melodische Refrains. Für diesen Abend näher bei Type O Negative als üblich, dafür weiterhin eine packende Mischung aus Achtziger-Anleihen, Art-Rock und komplexen Rhythmuswechseln. Schade, wollte das Publikum die Energie des Trios nicht ganz willentlich aufnehmen.

Salvation AMP aus Detmold hatten mit ihrem Gothic Rock etwas mehr Glück, forderten ihre Wave-Gitarren, tiefen Gesänge und schweren Takte doch förmlich zum Ausdruckstanz auf. Seit 2010 wiedererstarkt, war dieses, in der Szene schon seit den Neunzigern bekannte Trio eine kraftvolle Aussprache für die Vielfältigkeit an solchen Anlässen. Gerne elegisch, immerzu mysteriös und doch durchdringend liess ihre Musik das Publikum zu einem geschlossenen Ganzen werden. Da störte es auch nicht, dass die Scheinwerfer frech bunte Lichtschwaden über die dunklen Klänge ergossen.

Hélène de Thoury umging diese Beleuchtung zum Teil, liess sie ihre Lieder schliesslich von passenden Projektionen begleiten. Die französische Künstlerin nutzte des Festival für ihren ersten Auftritt in der Deutschschweiz unter dem Namen Hanté und beendete diesen Konzertreigen mit ihren pochenden Beats und synthetischen Tanzbefehlen des Cold Wave. Alleine vor einer schieren Armada aus Geräten und Knöpfen behauptete sie sich mit ihrer Stimme gegen eine Armee aus dröhnenden Tönen, tiefen Bässen und düster gefärbten Emotionen.

Wem das Sounds From The Heart Festival bisher zu analog war, der kam hier endgültig auf seine Snythie-Kosten und liess Kleid und Haar durch die Luft gleiten. Und auch mit der After-Party setzten die Verantwortlichen dieses kleinen Fests ein weiteres Ausrufezeichen hinter die Vielfältigkeit und Offenheit der Geister. Ob Gothic, Wave, Metal oder einfach nur romantisch verklärt, das schwarze Vermächtnis hat viele Formen und Körper – der Verbund machte diese Vielseitigkeit noch schöner.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-30

Match & Fuse Festival
Bands: Farvel / The True Harry Nulz / Colin Vallon Trio / Øyunn / KALI / Lucia Cadotsch
Diverse Orte – Zürich
Samstag 30. September 2017
Website: matchandfuse.ch

Zusammenbringen, austauschen, leihen und ergänzen – das Match & Fuse Festival steht für neue Entwicklungen in der Musik und das Verbinden von diversen Künstlern zu neuen Formationen. Und wenn sich am Freitagabend in Zürich die Damen und Herren vor allem dafür einsetzten, den Jazz auf moderne Weise mit elektronischen Stilarten zu verbinden, dann stand der Samstag ganz im Zeichen von Gruppierungsexperimenten und Bühnenbesuchen. So lauschten die Besucher im Moods und Exil zwar eher klassischen Darbietungen des Jazz, waren aber Zeugen einiger Premieren.

Bereits die erste Band schickte neuste Songs durch den Raum des Exil und verzauberte die Anwesenden mit ihrem organisch verwunschenen Liedergut. Farvel aus Schweden kombinierten Piano, schier animalische Gesänge und verspieltes Drumming mit der ersten Performance von Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö – noch diverse weitere folgten an diesem Abend. Jetzt hiess es aber abtauchen in eine Waldwelt voller leise erzählten Geschichten und lauten Ausbrüchen.

Da fiel der Wechsel zu The True Harry Nulz etwas schwer, vermischten sich im Moods nämlich nicht nur zwei Bands aus Österreich (Edi Nulz) und der Schweiz (The Great Harry Hillman), sondern auch komponierte Stücke mit langen Inspirationen und Improvisationen. Als ob man die Bühne in der Mitte gespiegelt hätte, gaben sich zwei Schlagzeuger, zwei Gitarristen und zwei Bassklarinetten Zeichen und Akzente. Beim Colin Vallon Trio lief es wieder einiges geregelter, auch wenn die elektrische Besetzung mit Rhodes und Julian Sartorius am Schlagzeug in dieser Form eine Premiere war. Mit der Unterstützung eines gewissen Herrn Sandsjö lieferten die Mannen ein beeindruckendes Set.

Was hier an Wucht und Geschwindigkeit zu Höchstleistungen führte, war bei der folgenden Darbietung der norwegischen Künstlerin Øyunn dann vor allem die Abkehr ebendieser Eigenschaften. Die blonde Dame streichelte ihr Schlagzeug und sang sanfte Melodien, Bass und Piano untermalten ihre angenehmen Lieder, die auch gerne etwas im Pop landeten. Diese Stücke waren klar das Licht zu dem lauernden Schatten, der sich unter der Leitung von KALI im Exil ausbreitete. Das Schweizer Trio bewegte sich mit seinen unvorhersehbaren Werken zwischen den jazzigen Phasen von Robert Fripp und der Bosheit von The Shining. Kammerleichte Spielereien wechselten sich mit extremen Verzerrungen der Gitarre ab und endeten in wahrem Donnergrollen. Diese Formation muss man sich merken, ihr erstes Album erscheint in wenigen Monaten.

Vom Match & Fuse Ensemble wird man hingegen wohl nicht so schnell etwas käuflich erwerben können, gaben sich hier doch fünf Musiker aus diversen Ländern zu neuen Versuchen hin und liessen Musik, welche zuvor in Irland erdacht wurde, auf den Schweizer Boden treffen. Womit die Bühne für eine weitere Rückkehr frei gemacht wurde: Sängerin Lucia Cadotsch verliess für einmal ihre Wahlheimat Berlin und trat mit ihrem neuen Speak Low Trio auf. Otis Sandsjö und Petter Eldh wehrten sich gegen streikende Instrumente und zu klare Songstrukturen, Lucia wandelte durch Chansons und Erzählungen.

Und während sich diese Lieder im Scheinwerferlicht sonnten, wurde die Bühne von immer mehr Musikern bevölkert und man wurde Zeuge von einem erneuten Umdenken der bekannten Lieder mit der Band Speak Low Renditions. Eine perfekte Verkörperung des Festival-Geistes und der bisher erlebten Konzerte – und ein weiteres Ausrufezeichen für Match & Fuse. Denn die erste Schweizer Ausgabe war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern ein wahrer Fundus an neuen Klangquellen, Talenten und Visionen. Die Welt des Jazz atmet auf viele Weisen, die wohl besten durfte man an diesen Tagen erleben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-29

Match & Fuse Festival
Bands: Tobias Preisig / Schnellertollermeier / Soccer96 / In Girum / IOKOI & ARIA
Freitag 29. September 2017
Diverse Orte, Zürich
Website: matchandfuse.ch

Ein einzelner Funke reicht aus, um Welten zu verschmelzen, die man danach nie mehr trennen möchte. Ob man dazu mit Streichhölzern agiert oder Sicherungen durchbrennen lässt, beim Festival Match & Fuse ist alles möglich und vieles erlaubt. Seit fünf Jahren steht die Vereinigung dafür ein, in Europa eklektische Bands und Künstler zusammenzuführen und die experimentelle Kreativität zu zelebrieren. Jetzt endlich hat es das Fest auch nach Zürich geschafft. Gleich an drei Abenden werden Gesprächsrunden, Konzerte und Jamsessions angeboten, immer mit einem Fuss im gesunden Wahnsinn.

Wenn es an etwas am Freitagabend im Moods und der Laborbar nicht mangelte, dann waren es gespielte Noten. Woraus andere Bands wohl Jahrzehnte an Alben schöpfen würden, reichte bei den hier spielenden Formationen für kurzweilige Stunden an den Instrumenten. Tobias Preisig, Lokalmatador und eine der beiden Hälften des Duos Egopusher, eröffnete die Nacht mit einer Solodarbietung an der Geige. Verändert, erweitert und verzaubert mit Gerätschaften und Basspedalen klang seine Musik mal bedrohlich wie der Chorgesang des Monolithen in „2001“, dann wieder wie eine ferne Stimme in der arabischen Wüste.

Feinste Berührungen an den Saiten wurden brummend durch das Moods getragen, mal wild dann wieder hypnotisch – das Streichinstrument wurde zu einem wundersamen Klangkörper. Diese Art der entrückten Verzauberung nutzten auch die zwei Frauen von IOKOI & ARIA, welche mit Videoprojektionen, Synthies und Gesang Lieder aufbauten, die eine düstere Björk auf die psychedelischen Flüsse von The Legendary Pink Dots treffen liess. Zwischen Performance, Installation und Auftritt parkiert wanderte das Duo zwischen Pop und Absturz und machte die Besucher zu einem wichtigen Bestandteil des Auftrittes.

Wer mit dieser Rolle etwas überfordert war, der fand bei den Schweizern Schnellertollermeier eine Darbietung, die vor allem zum Zucken und Staunen einlud. Das Trio musizierte sich mit extremer Präzision, unendlicher Energie und grosser Spielfreude durch instrumentale Lieder, die sogar Frank Zappas Schnauz gezwirbelt hätten. Mit Gitarreneffekten wie bei Battles, einem göttlichen Bassspiel und unermüdlichem Schlagzeuger wurden lange Lieder perfekt auf- und abgebaut. Schwarzer Jazz mit feinen Strukturen, ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Da war es fast entspannend, dass mit Soccer96 aus England und In Girum aus Frankreich dann zwei Duos folgten, die sich auf Synthie und Schlagzeug beschränkten. Wobei am Match & Fuse ja einzelne Instrumente ausreichen, um alle Konventionen zu sprengen: So galt es hier die Fahne der Polyrhythmik hochzuhalten, gleichzeitig aber die Realität mit langen Liedern und flächigen Melodien zu verwischen. Soccer96 tummelten sich mit ihren Songs näher am Club, scheuten weder vor Vocoder noch bunten Farben zurück. Dies führte zu langen Gedankenflügen und einem Trancezustand beim Tanzen.

In Girum lauerten danach auf der dunklen Seite der Gasse und mischten vor allem Direktheit und kühlen Druck in die Musik. Auch wenn eine solche Masse an Musik etwas überfordern konnte, mitreissend und fesselnd war auch dieser im Halbdunkel gespielte Auftritt. Was perfekt passte, halten sich doch alle Künstler und auch die Initianten dieses Festivals gerne in Zwischenwelten auf und suchen in den Mischmengen die Erlösung. Als Besucher fand man diese am Freitag mindestens einmal pro Stunde und Konzert – und musste vor Genialität der Musik immer wieder glücklich lachen. One down, one to go.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Fantoche 2017 – Tag 6: Abschluss

Sonntag 10. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der letzte Tag des Fantoche-Festivals ist angebrochen – und will noch voll ausgekostet werden. Neben weiteren Kurzfilm-Zusammenstellungen und Langfilmen wird zum Abschluss auch ein Best Of der Schweizer und internationalen Wettbewerbe gezeigt, bei dem verschiedene Preise verliehen werden und das immer mit Spannung erwartet wird.

Ebenso darf das Rahmenprogramm ein letztes Mal erlebt werden. Ob man in der Galerie DoK die Kurzfilm-Bibliothek durchstöbern und eine Augmented Reality-Geschichte ausprobieren will oder Susanne Hofers Installation „Archipel“ im Kunstraum Baden bestaunt – man findet immer etwas Spannendes, mit dem die Zeit zwischen den Filmen gefüllt werden kann. Und natürlich wird noch einmal jedes Kino abgegrast, um ja kein Highlight zu verpassen.


Cartoon d’Or
5 preisgekrönte Kurzfilme aus diversen Ländern

Die Vergabe des Cartoon d’Or findet seit 1991 statt und prämiert die besten europäischen Animationskurzfilme. Teilnehmen können nur die meistausgezeichneten Filme. Das Fantoche zeigt fünf Nominationen des letzten Jahres in einem Kurzfilmblock.

Peripheria“ von David Coquard-Dassault zeigt die bedrückende Stimmung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in der nur noch einige vergessene Bewohner ihr Unwesen treiben. „Machine“ von Sunit Parekh und „Under Your Fingers“ von Marie-Christine Courtès suchen beide einen Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Stimmungshebend wird es mit der 3D-Animation „Alike“ von Daniel Martinez Lara und Rafa Cano Méndez, die den Wert von Kunst und Freigeist in einem tristen Leistungsalltag aufzeigt. Und mit „Yùl Et Le Serpent“ darf auch die Phantastik noch in den Wettbewerb einfliessen.



Carte Blanche: Peter Lord (Aardman)
12 Kurzfilme aus Grossbritannien

Was hat die Filmszene in Grossbritannien nicht alles den Aardman Studios zu verdanken. Das kreative Wunderkind Peter Lord hat schon im jungen Alter mit seiner Knetfigur „Morph“ für Begeisterung gesorgt und damit den Grundstein für Erfolge wie „Creature Comforts“ oder „Wallace & Gromit“ gelegt. Der Künstler ist also der perfekte Kandidat für die Carte Blanche im Brexit-Block. Denn dank seiner geschickten Auswahl kommt man nicht nur in den Genuss von alten und fast vergessenen Aardman-Clips (wie das als Interview aufgezeichnete „War Story„), sondern auch von drei Werken von weiteren Künstlern. Besonders diese schaffen es, trotz ihres Alters, in der heutigen Zeit eine perfekt bissige Perspektive auf England zu bieten.

Britannia“ zeigt die „glorreiche“ Geschichte des Staates mit einer Bulldoge im Fokus, „Deadsy“ lässt auf verstörende Weise ein Skelett zur Schönheitskönigin werden. Da tut es gut, sind Lords Filme oft etwas leichter im Ton, wenn auch nicht ohne Gedankenanstoss. Es ist aber immer herrlich, diese wunderbaren Knet- oder Puppen-Animationen zu betrachten – wie das hübsche „Wat’s Pig“ oder das bedrückende „Down And Out„.


Hors Concours 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Das Hors Concours-Programm ist eine Ergänzung zu den Wettbewerben, das dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt wird. Hier sind ebenfalls europäische Einreichungen stark vertreten, aber es gibt auch einige Perlen aus ganz anderen Kulturkreisen zu sehen.

So spielt die Knetanimation „The Basket“ in Indien, wo ein Mädchen aus Versehen die Uhr seines Vaters kaputtmacht und sie unbedingt wieder reparieren möchte. „If I Am Not I Cannot Be“ ist ein berührender Stop Motion-Film, der im Rahmen eines Workshops mit Kindern in einem griechischen Flüchtlingslager entstand. Auch der Humor kommt in dieser Zusammenstellung nicht zu kurz: In „Jubilee“ verliert die Queen von England ihren Hut und in „Full House“ ist eine Kleinstadt plötzlich wie leergefegt, da alle Bewohner in den neuen, stetig weiterwachsenden Wolkenkratzer gezogen sind.

Der Hors Concours besticht somit – wie auch die Wettbewerbe – mit hoher Qualität. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnenswert.



Louise en Hiver
Land / Jahr: Frankreich, Kanada / 2016
Regie: Jean-François Laguionie
Musik: Pierre Kellner, Pascal Le Pennec
Website: jplfilms.com

Was würde sich besser für den letzten Langfilmgenuss eignen als diese ruhig erzählte und emotional berührende Geschichte um Louise, die durch eine kaputte Uhr den letzten Zug aus einem Sommerferienort verpasst? Alleine zurückgelassen muss sie sich nicht nur mit dem Alltag herumschlagen, sondern auch mit ihrem Alter, der Einsamkeit und ihren Erinnerungen. In wunderschön gezeichnete Bildern gebettet, ist „Louise en Hiver“ schon fast eine Meditationsübung und wagt sich an einen Film mit nur einer Person – in den meisten Szenen zumindest.

Mit viel Herz und einigen interessanten Ideen ist diese Produktion aus Frankreich nicht nur für alle Altersschichten geeignet, sondern lässt die Zuschauer auch über wichtige Fragen nachdenken. Vielleicht sollten wir alle das Leben doch etwas langsamer, dafür intensiver angehen.



Best of Fantoche 2017
Auswahl der Gewinner des Festivals

Hier sind sie also, die grossen Gewinner der diesjährigen Preise des Fantoche-Festivals – eine kleine Auswahl zumindest. Besonders schön ist es natürlich, die Schweizer Preisträger „Living Like Heta“ und „Airport“ noch einmal auf der grossen Leinwand erleben zu können. Doch auch bei den internationalen Preisen gibt es nichts zu meckern: „The Burden“ zeigt in wunderschöner Puppen-Animation die sinnlosen Tätigkeiten der eher „einfachen“ Jobs, „Negative Space“ wagt sich an schwierige Familienbeziehungen.

Aber auch durchgeknallte Filme wie „Ugly“ von Nikita Diakur oder der genial gemachte „In a Nutshell“ von Kilian Vilim (welcher von Samen zu Krieg, von Hunger zur Apokalypse führt) stiessen am Festival auf grosse Begeisterung. Kein Wunder, werden in diesen Werken doch Innovation und progressives Denken gleichsam gefördert. Und genau darum geht es am Fantoche schliesslich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 5: Politik und Zombies

Samstag 09. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Am Fantoche gibt es selten eine Vorstellung, welche die Besucher vor Angst zitternd aus dem Saal entlässt. Wer aber für einmal richtig schaurige Unterhaltung erleben möchte, für den ist der „Caravan Of Horror“ genau das Richtige. Ein unscheinbarer, aber etwas dreckiger Wohnwagen steht nämlich seit Samstagnachmittag neben dem Festivalzentrum beim Merker-Areal und lädt furchtlose Besucher dazu ein, für eine Viertelstunde einem nervenzerfetzenden Puppentheater beizuwohnen. Präsentiert von der Compagnie Bakélite und mit Unterstützung des Figura Theaterfestivals gibt es hier grossartige Einfälle und tolle Schockmomente.

Und natürlich ist das Rahmenprogramm auch sonst weiterhin vielfältig und voller Entdeckungsreisen. Wir nutzten das eher triste Wetter am Samstag aber vor allem dazu, möglichst viele Wunder in den Kinosälen zu erleben.



Der wahre Oktober
Land / Jahr: Deutschland / 2016
Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Website: 1917-derfilm.de

Die deutsche Regisseurin Katrin Rothe versetzt uns mit „Der wahre Oktober“ hundert Jahre in die Vergangenheit zurück, und zwar in das heutige St. Petersburg. Die Geschehnisse zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution werden durch die Augen von fünf Künstlern betrachtet: Die Lyrikerin Sinaida Hippius versteht sich als Chronistin der Ereignisse und sieht von ihrem Wohnungsfenster aus direkt auf das Gebäude der Duma. Alexander Benois ist Maler und Kunstkritiker; er und der Schriftsteller Maxim Gorki fürchten um den Fortbestand der Kunst. Kasimir Malewitsch, Begründer der Suprematismus, veröffentlicht diesbezügliche Manifeste und der junge Dichter Wladimir Majakowski stürzt sich immer mitten ins revolutionäre Geschehen.

Die fünf Kunstschaffenden bewegen sich als Legetrickfiguren durch Petrograd, wobei alle von ihnen ein wenig anders animiert sind. Die Darstellungen werden laufend durch Archivmaterial ergänzt. Aufnahmen aus dem Schaffungsprozess, die nahtlos in die Handlung einfliessen, geben dem Film ausserdem eine weitere Ebene, die wunderbar spannend zu beobachten ist. Auch wenn wohl nie ganz klar sein wird, wo nun die Wahrheit genau liegt – „Der wahre Oktober“ bietet einen frischen Blick auf eine Zeit voller Wirrungen.



Coming Soon „The Tower“
Land / Jahr: Norwegen, Frankreich / 2018
Regie: Mats Grorud
Website: tenk.tv

Toll an diesem spezifischen Festival ist ja die Tatsache, dass man nicht nur einen oberflächlichen Blick auf die Welt des Animationskinos wirft, sondern auch als Laie tief hineintauchen kann. So zum Beispiel in die Produktion des Filmes „The Tower„, eine Geschichte über wahre Begebenheiten in den Palästinenser-Siedlungen um Israel. Regisseur Mats Grorud stellte im Kino Sterk seine Produktion vor und führte die Besucher hinter die Kulissen der Mischung aus Puppenanimation und 2D-Zeichnungstechniken.

The Tower“ porträtiert die Geschichte von mehreren Personen eines Siedlungsturmes, erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens. Während sich die Gegenwart in detaillierten Sets mit Stop-Motion abspielt, führen gezeichnete und reduzierte Sequenzen durch die Erinnerungen der Figuren. Die beiden Handlungsebenen wurden zunächst sogar in zwei verschiedenen Ländern – Polen und Frankreich – produziert. Dieser Umstand machte es aber dem Team extrem schwer, alle Elemente stimmig zu designen. Durch die komplette, fördergelderbestimmte Verlegung nach Frankreich konnten aber schnell Verbindungspunkte wie beispielsweise die speziellen Augenformen gefunden werden und der Prozess wurde einiges leichter.

Der Film verspricht somit nicht nur visuell einige Überraschungen, sondern eine immer wieder leichte Geschichte voller Herz. 2018 darf man sich dann vom Endprodukt überzeugen.



Zombillenium
Land / Jahr: Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Arthur de Pins, Alexis Ducord
Musik: Eric Neveux, Mat Bastard
Website: zombillenium.com

Was für ein Spass! „Zombillenium“ ist meine wohl grösste Überraschung am diesjährigen Fantoche. Denn obwohl der Film mit 3D-Computertechnik gemacht wurde und die Geschichte eher den gängigen Klischees folgt, macht es einfach nur Laune, den Horror-Gestalten zuzuschauen. Entstanden als Animations-Traummärchen (ein einzelnes Cover-Bild generierte den Auftrag zur Comic-Serie, und diese wiederum generierte den Auftrag zum Kinofilm) erzählt der Film aus Frankreich die Geschichte eines Vergnügungsparks, in dem echte Vampire und Zombies arbeiten. Doch leider ist Satan mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden und stellt die Kreaturen vor ein Ultimatum.

Mit perfektem Charakterdesign (man denke nur an die zum Verlieben coole Hexe Gretchen mit ihrem Skateboard-Besen und Nine Inch Nails-Shirt), packender Musik (beste Filmszene: das Konzert im Park) und perfekt passender optischer Gestaltung ist „Zombillenium“ ein grossartiges Vergnügen für alle ab dem Teenager-Alter. Und danach fühlt man sich einfach nur beschwingt.


Animal Farm
Land / Jahr: GB, USA / 1954
Regie: John Halas und Joy Batchelor
Musik: Mátyás Seiber

Fast jeder hat ihn gelesen: Den Klassiker „Animal Farm“ von George Orwell. Auf einer amerikanischen Farm fühlen sich die Tiere von ihrem Bauern, der allabendlich sturzbetrunken aus dem Wirtshaus heimkehrt, benachteiligt. Unter Aufsicht der klugen Schweine starten sie eine Revolution, vertreiben den alten Jones und führen den Hof fortan selbst. Die Zeichentrickadaption von Joy Batchelor und John Halas aus dem Jahr 1954 wurde von der CIA als antikommunistischer Propagandafilm finanziert. Die Handlung hält sich weitgehend an die Buchvorlage, allerdings unterscheidet sich das Ende deutlich – beziehungsweise geht über das von Orwell angedachte Ende hinaus.

Vor dem Film wird, wie damals in Schweizer Kinos üblich, ein kurzer Nachrichtenüberblick – die sogenannte „Wochenschau“ – aus dem Erscheinungsjahr gezeigt. Thema war unter anderem eine Abstimmung in Basel, bei der sich die Frauen für oder gegen das Frauenstimmrecht aussprechen durften (wobei das natürlich nur als Empfehlung zu verstehen war – wirklich abstimmen durften darüber nur die Männer). Ein amüsantes Zeitdokument.



Revengeance
Land / Jahr: USA / 2016
Regie: Bill Plympton, Jim Lujan
Musik: Jim Lujan
Website: revengeancemovie.blogspot.com

Regisseure wie Quentin Tarantino und Robert Rodriguez haben bis heute einen grossen Einfluss in das Genre des brutalen und dreckigen Action-Films – auch im Bereich der Animation. So ist „Revengeance“ nicht nur das, schier im Alleingang von Bill Plympton und Jim Lujan hergestellte bitterböse Vergnügen, sondern auch eine Verbeugung vor den Grindhouse- und B-Movies. Gezeichnet in 2D und als Hommage an die amerikanischen Underground-Comics verfolgt man hier skurrile Figuren durch eine noch merkwürdigere Geschichte.

Wenn Kopfgeldjäger auf eine Bikergang, einen Senator der Ex-Wrestler ist und eine durchgeknallte Sekte in der Wüste treffen, dann kann dies nur eines heissen: Hier kommt praktisch niemand lebend heraus. Da passt es perfekt, ist die Musik genau so treffend wie die abgefeuerten Schüsse und Gitarrenriffs begleiten wilde Verfolgungsjagden. Der Film ist somit nicht alltäglich, aber ein perfekter Begleiter zu Bier und langer Filmnacht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 3: Anders artig

Donnerstag 07. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der dritte Fantoche-Tag wartete nicht nur mit vielen weiteren Wettbewerben, Kurz- und Langfilmen auf, sondern ach diversen Attraktionen, bei denen man selber Hand anlegen konnte.

Wer einen Schritt in den dunklen Container am Theaterplatz wagt, wird mit dem Projection Mapping-Spiel „Space Game: Demonz“ belohnt. Hier versuchen kleine Figuren, nicht von den Bällen der Besucher getroffen zu werden. Doch bewerfen kann man auch alles andere auf dieser Wand – und damit Gewitter auslösen, Mäuse aus ihrem Versteck jagen und Scheiben zum Zerspringen bringen. Hier fühlt sich jeder wieder wie ein Kind.

Alternative Realitäten bietet dieses Mal auch wieder die Stanzerei: Wo vor wenigen Jahren noch Computerspiele vorherrschend waren, halten mittlerweile vor allem spannende und wunderbar gestaltete VR-Spiele Einzug. Ob man in der Luft Kunstwerke malen will oder durch einen luftleeren Raum ohne Boden schweben – ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.



Haarig
Land / Jahr: Schweiz / 2017
Regie: Anka Schmid
Musik: Feed the Monkey, Roman Lerch, Thomi Christ, Dominik Blumer
Website: ankaschmid.ch

Auch das gibt es am Fantoche, Filme die inszenierte Aufnahmen mit Dokumentationsmaterial und Animation mischen. So bei der Weltpremiere von „Haarig„, dem neusten Werk von Anka Schmid. Die Schweizer Regisseurin realisiert schon seit über 30 Jahren verschiedenste Filme; vergangenes Jahr spielten unter anderem Sophie Taeuber-Arps Marionetten aus „König Hirsch“ eine Hauptrolle. Für ihren neusten, eigenen Streifen, hat sich die Künstlerin aber nicht nur am allgemeinen Thema Haare orientiert, sondern gleich drei Ebenen verbunden. Anhand erzählter Erinnerungen und Fotografien wird die private Geschichte erzählt und mit 41 Animationssequenzen an die biologische Geschichte des Menschen und sozialpolitische Rückschau der letzten Jahrzehnte geknüpft.

Dabei zeigt Schmid auf, dass sich Haare (egal wo am Körper) schon immer extrem in unsere Wahrnehmung eingeschlichen haben und nicht nur in der Hippie-Zeit als zentrales Motiv fungierten. „Haarig“ spielt frech und neugierig mit der Wechselwirkung zwischen Haarwuchs und Bedeutung und lässt im Zuschauer einige Fragen wachsen. Somit ist das beste an dieser eigenwilligen Dokumentation der Umstand, dass aus einer sehr persönlichen Geschichte so schnell etwas Universales werden kann – und vielleicht auch sollte.



Animated Musicvideo Darlings
21 Musikvideos aus aller Welt

Einen besonderen Ausklang des Abends bietet auch jedes Jahr die Sammlung „Animated Musicvideo Darlings„. Hier gibt mehr als 80 Minuten Musik aus allen Sparten – mit den schönsten, aufwendigsten und abgefahrensten Clips. Zusammengestellt wurden diese Kurzfilme vom Team des Fantoche-Festivals selber und zeigen wunderbar auf, dass sich abseits der millionenschweren Mainstream-Szene nicht nur klanglich, sondern auch optisch extrem spannendes in der Musikwelt abspielt. Vergesst also die Hochglanz-Clips der Superstars, hier gibt es Witziges und Verstörendes – mit wunderbar aufregender Musik.

Ob man nun durch das unheimlich anschwillende und mit knuffigen Holzfiguren animierte „Burn The Witch“ von Radiohead gleitet, bei „Flight Attendant“ von XXX langsam im Wahnsinn der Computergrafik versinkt oder dank One Sentence. Supervisor und ihrem treibenden „Scope Explosion (Shifting Baseline)“ dem Stil von Moebius huldigt – alles ist möglich. Es wird politisch korrekt bei Sookee („Queere Tiere“) und wavig vertraut bei Grauzone („Eisbär“), aber eines ganz sicher nie: Langweilig. Und vielleicht entdeckt man ja hier noch seine neue Lieblingsband.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 2: Wettbewerbe

Mittwoch 06. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der zweite Fantoche-Tag stand für ARTNOIR ganz im Zeichen der animierten Kurzfilme. Gleich zwei Schweizer und zwei internationale Wettbewerbe füllten den Abend; insgesamt machte das nicht weniger als 40 wunderschöne, verstörende, einfühlsame und aufwühlende Geschichten. Dabei zeigte sich, dass derzeit das Handgemachte stark auf dem Vormarsch ist. Typische CGI-Erzeugnisse sah man praktisch keine, dafür wieder vermehrt Filme in Stop-Motion.

Ebenso sind diese Wettbewerbe der perfekte Tummelplatz, um bei den Inhalten und den Präsentationsformen Grenzen zu sprengen. Hier können sich Produzenten aktueller Kino- und TV-Erzeugnisse noch viele Scheiben von diesen jungen Künstlern abschneiden.



International Competition 1
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Wer sich international mit einem Kurzfilm behaupten will, der setzt vor allem auf Geschichten, die ohne Sprache erzählt werden können. Bei Animationsfilmen sind Sounddesign und Musik extrem wichtig, um Stimmungen zu erschaffen. Perfekt gelingt dies „Sore Eyes For Infinity“ – hier wandelt sich der Score von experimentellem Electro zu Techno und lärmigem Ambient. Da darf sich auch die echte Welt plötzlich in einen Film schleichen, wie bei dem wundervoll mit Malerei und Stop-Motion kombinierten „The Full Story„. 3D-Animation sieht man nur einmal („Ugly„), dafür eine wunderschöne und mysteriöse Puppengeschichte („Nachtstück„), oder eine kritische Aussage gegen den Landraub an der Natur („Lupus„) mit tollen Modellen.

International Competition 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Der Internationale Wettbewerb 2 wartet unter anderem mit dem längsten der ausgewählten Kurzfilme auf: „Toutes Les Poupées Ne Pleurent Pas“ ist ein Puppenanimationsfilm über die Schaffung eines Puppenanimationsfilms. Eindringlich wird es mit „Vilaine Fille„, der eine patriarchalische Welt durch native Kinderaugen betrachtet. Doch auch der Humor darf nicht fehlen: „La Table“ und sein widerspenstiger Holzspan, der sich partout nicht entfernen lassen will, ist genauso unterhaltsam wie der knackige, auf einer Schreibmaschine (jawohl, richtig gelesen) produzierte Film „G-AAAH„.



Swiss Competition 1
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Der Schweizer Wettbewerb 1 zeigt vor allem Handgemachtes. Da gibt es ein Beziehungsdrama im Gemäldestil („A L’Horizon„) oder den wahnsinnig aufwendig gemachten Stop-Motion-Film „Transient„, der von einer herzerwärmenden Begegnung mit kühlem Ende erzählt. Auf der gesellschaftskritischen Seite bewegen wir uns mit einer fast unaushaltbar schnellen Assoziationskette aus Alltagsdingen („In A Nutshell„). Und mit „Die Teufelsbrücke von Uri“ findet sogar eine alte Schweizer Sage vom Pakt mit dem Teufel den Weg auf die Leinwand.

Swiss Competition 2
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Ob kritische Beiträge gegen gesellschaftliche Zwänge, verwunderlich angewandte Animationstechniken oder unterschiedlichste Präsentationsformen – der zweite Wettbewerb der Schweizer Kurzfilme bietet eine grosse Vielfalt. Mit „Scottish Muslim Voices“ wird der versteckte Rassismus in kurzer Dokuform angeprangert, „Féroce“ transportiert die Zuschauer für 15 Minuten in einen blutigen Thriller oder man schaut dem Treiben auf dem Flughafen bei „Airport“ zu, gezeichnet auf Glas. Auch wenn nicht alles immer gleich gut funktioniert, Collagen-Satire gegen idiotischen Tourismus („Swiss Made„) oder Vergangenheitsbewältigung des Jobs als Liftboy („Ooze„) lässt staunen und strahlen. Wahnsinn, diese Vielfalt in unserem Land.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit New Model Army

Im Gespräch mit Justin Sullivan, Sänger und Gitarrist von New Model Army.

Wenn die legendäre Wave / Rock / Punk Gruppe New Model Army aus England durch Europa reist, dass ist dies für sehr viele Leute ein Grund zu grosser Freude. Umso schöner, dass die Band diesen Sommer auch wieder in der Schweiz Halt gemacht hat – und zwar am Open Air Gränichen. Wir nutzten die Gelegenheit um mit dem charismatischen Frontmann Justin Sullivan vor dem Auftritt über ein paar Dinge zu sprechen.

Michael: Willkommen zurück in der Schweiz. Ihr habt hier schon oft gespielt, gibt es denn eine besondere Verbindung zum Land?
Justin: Justin: Gerade heute haben wir darüber gesprochen, dass wir uns überall in Europa sehr wohl fühlen und jedes Land mögen. Wir haben den Kontinent schon so oft bereist, und wie überall gibt es auch in der Schweiz Dinge, die man lieben kann – und andere, die man weniger gut findet.

Heute spielt ihr am Open Air Gränichen, einem Festival. Das ist immer etwas anderes als ein Club-Konzert. Was funktioniert bei New Model Army besser?
Das spielt keine Rolle. Ich mag es beispielsweise, bei Festivals zu spielen, wenn wir ganz spontan angekündigt wurden und keiner wegen uns da ist. Es ist schliesslich einfach, vor einem Publikum aus Fans aufzutreten, die alle auf ihren Lieblingssong waren. Dabei kann es sogar toll sein, gehasst zu werden! Wir spielten zum Beispiel einmal als Support für eine grosse Band, deren Fans es als illoyal ansahen, bei uns zu viel Begeisterung zu zeigen. Das ist eine Herausforderung, und das ist auch gut so.

Ist es bei einem Clubkonzert nicht einfacher, die Botschaft der Musik an die Leute zu bringen – schliesslich hören da die Leute eher zu?
Das suggeriert, dass es eine Botschaft gibt. Bei uns gibt es aber keine konkrete Botschaft, eher einen gewissen Geist. Wir haben jetzt über das Publikum als Einheit gesprochen, aber ich denke nicht so darüber. Von der Bühne aus sieht man unterschiedliche Menschen, welche Unterschiedliches in der Musik suchen. Manche wollen tanzen, manche klatschen, andere wieder nur still sein und zuhören. Dieses Mitmach-Ding haben wir nie gemacht. Jeder im Publikum tickt anders, und es entspricht uns nicht.

Immer, wenn ich New Model Army höre, habe ich das Gefühl, ihr versucht die Welt mit eurer Musik ein wenig zu verändern. Stimmt das?
Ich denke eher nicht. Sogar in den Anfängen, als unsere Songs noch etwas polemischer waren, habe ich nie geglaubt, dass man mit Musik das Denken der Leute ändern kann. Wenn du ein Nazi bist, wirst du nach unserem Gig nicht denken: „Oh, ich hatte Unrecht.“ Das ist einfach nicht realistisch. Daher verstehe ich uns nicht als politische Band. Manchmal singen wir auch Lieder aus anderen Perspektiven – „One Of The Chosen“ handelt zum Beispiel von einem religiösen Fundamentalisten, „My People“ von der Betrachtungsweise des Jugoslawien-Krieges aus den Augen eines Nationalisten. „Start With Vengeance“ wurde kurz nach dem Schauen einer Dokumentation über Klaus Barbie (Deutscher NS-Kriegsverbrecher) geschrieben. Es ist keine Kritik, sondern mehr das Hineinversetzen in einen Zustand. Stimme ich diesen Leuten zu? Nein. Will ich sie verstehen? Ja.
Es hat aber durchaus mit einer gewissen Gesinnung, einer Einstellung zu tun. Mit der Zunahme von rechten Bewegungen in Europa brauchen wir wieder einen stärkeren Gemeinschaftssinn. Ein Konzert ist wie eine Teilnahme an einer Demonstration, es gibt dieses Einheitsgefühl.

Was ja auch in anderen Kunstformen geschieht, wie beim Schauspielen. Sich in andere hineinversetzen – das geschieht ja auch bei anderen Kunstformen, beispielsweise beim Schauspielen.
Oder wenn man ein Buch schreibt, dann muss man alle unterschiedlichen Charaktere verstehen. Wenn du nur über dich selber schreibst, dann wird es ziemlich schnell langweilig. Menschen sind interessant – und ist es nicht verwunderlich, dass man immer und überall dieselben Konstellationen an Charakteren finden kann? Es hat immer einen, der sich beklagt; einen Optimisten; einen, der immer krank ist, und so weiter. Wir finden uns irgendwie.

Sozusagen das Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.
Genau, und in dieser Vielfältigkeit ist die Botschaft. Besonders in diesen Zeiten.

Du hast Bücher erwähnt. Zum Album „Winter“ habt ihr eine Graphic Novel veröffentlicht. Wie kam dies zustande?
Gewisse Texte sind sehr narrativ und ich dachte, es wäre interessant zu sehen, was ein Comic-Künstler daraus machen würde. Wir haben Matt Huyhn online gefunden und mochten seinen Sumi-e-Stil sehr – diese Art von energetisch wirkenden Kalligrafie-Zeichnungen. Seine Geschichte „The Boat“ handelt von Flüchtlingen, was in seine persönliche Lebensgeschichte reinspielt. Seine Eltern waren Vietnamesen und leben nun in Australien. Ich habe Matt gefragt, ob er diese Thematik noch angeht, da ich ihm „Die Trying“ vorgelegt habe. Er hatte nichts dagegen. Also hat er drei Lieder zu einem Comic zusammengefügt.

Du arbeitest auch bei euren Videos gerne mit unterschiedlichen, visuellen Aspekten. Entspricht euch dies mehr als die typischen „Band spielt Musik“-Videos?
Ich bin kein sehr visueller Mensch, aber ich habe viele Ideen. In den alten Zeiten mit MTV haben wir auch diese typischen Rock-Videos gemacht, und die meisten davon waren wirklich schrecklich. Dean (White, Keyboard und Gitarre) ist extrem gut mit Video und Schnitt und wir haben angefangen, mit Material von Youtube Clips zu erstellen. Bei „Devil“ haben wir Ausschnitte aus dem Faust-Film von 1929 genommen. Für „Winter“ habe ich Dean an einem verschneiten Morgen angerufen und wir haben ganz schnell ein Video gedreht. Und bei „Sunrise“ haben wir das Material von einem Typen genommen, der einen wunderschönen Sonnenaufgang während einer Autofahrt durch England gefilmt hatte. Wir geben für die Videos nicht viel Geld aus, das passt mir so.

Euer Artwork stammt fast immer von Joolz Denby. Sie hat sogar das Cover von „Winter“ mit ihrem Album „Crow“ thematisch verbunden. Passierte eine solche Verbindung auch bei der Musik?
Nun, alles startete mit der Nacht, als ich Joolz kennen gelernt habe. Wir waren uns schnell sehr nahe, und ein grosser Teil von New Model Army ist zu gleichen Teilen ihre wie auch meine Vision. Ihre Bilder haben dieselbe Aussage und Energie. Zusätzlich ist sie sehr experimentierfreudig und ist offen für neue Herangehensweisen. Als Henning Nugel, ein deutscher Komponist, ihre Gedichte vertonen wollte, ist „Crow“ entstanden. Ich habe Teile davon gehört und musste Nugel einfach als Arrangeur für die Streicher auf „Winter“ haben.

Zwischen den Künstler herrscht also ein reger Austausch.
Ja, dies ist der Schluss zu New Model Army – auch wenn wir manchmal unsere Differenzen haben.

Die Band wurde 1980 gegründet, vor vielen Jahren. Ist es denn immer noch einfach, neue Lieder zu schreiben, die in den gleichen Kosmos passen?
Musikalisch ist es sehr einfach, wir haben immer viele neue Einfälle. Die Texte sind aber eher etwas schwieriger, da ich über praktisch jedes Thema schon einen Song geschrieben habe. Ich muss also immer nach neuen Orten und Perspektiven suchen. In den letzten Jahren haben wir um die 32 Lieder veröffentlicht, wohl vor allem dank Ceri (Monger, Bass und Perkussion). Als er vor fünf Jahren zu uns gestossen ist, hat das das Bandgefüge verändert und die alten, eingerosteten Gewohnheiten aufgebrochen – genau gleich wie auch vor zirka zehn Jahren, als Marshall (Gill, Gitarre) dazu kam. Ceri hat einen Metal-Background, was uns eine neue Stimmung brachte. Diese Wechsel sind wichtig für unsere Band, und ich denke, die aktuelle Version von New Model Army ist die beste. Wir haben immer noch Streit und Diskussionen, aber es gibt keine bestimmte Politik. Ebenso müssen wir uns gegenseitig von unseren Ideen überzeugen.
Oft gewinne aber nicht ich, denn ich kann bei meinen Einfällen nicht zwischen den guten und den schlechten unterscheiden. Ich arbeite nicht so gut alleine.

Du hast es aber auch schon versucht.
Ja, aber auch bei meinem Soloalbum, was ich immer noch sehr mag, habe ich eng mit einem Produzenten zusammengearbeitet. Sonst wäre es wohl nie fertig geworden. In einem Team kann immer einer sagen: Jetzt ist genug.

Du wirst mit Dean im September am Bradford Musicians Against Homelessness, einem Benefiz-Konzert, auftreten. Machst du oft solche Auftritte?
All ein oder zwei Jahre spielen wir ein solches Konzert – und werden dies auch weiterhin tun. Dieses Mal ist es eine kleine Sache mit lokalen Bands und etwa 400 Leuten. Und da die Maschinerie New Model Army sehr viele Leute beinhaltet und schwerfällig ist, werden nur Dean und ich auftreten.

Wirst du dir auch heute am Gränichen Open Air noch andere Bands anschauen?
Ja, aber ich kenne keine davon. Cellar Darling, welche direkt vor uns auf der Hauptbühne spielen werden, haben auch „unsere“ Violinistin Shir-Ran Yinon mit dabei – sie spielt also in zwei Bands heute. Shir-Ran ist brillant, und im Gegensatz zu anderen Solisten kann sie sich zurückhalten. Wir haben sie durch einen glücklichen Zufall kennengelernt, als Tobias Unterberg, ein Cellospieler, mit uns musizierte.

Zuletzt: Wie gefällt dir das Schweizer Publikum? Viele sagen ja, es sei etwas zu zurückhaltend.
Dieses Gefühl habe ich nicht, aber es gibt einen Unterschied zwischen der deutschsprachigen und französischen Schweiz. Hier sind die Leute etwas reservierter, was witzig ist. Denn eigentlich sind wir in Deutschland viel bekannter als in Frankreich, in der Schweiz scheint es aber genau umgekehrt zu sein. Mir gefällt es überall, und die Reaktionen des Publikums hängen von vielen Faktoren ab. Aber ich mache mir keine Sorgen. Wenn jemand nicht reagiert, bedeutet es nicht, dass er uns nicht zuhört.

Vielen Dank für deine Zeit und das Interview.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Open Air Gränichen, Moortal Gränichen, 17-08-25

Open Air Gränichen
Bands: New Model Army, Phil Campbell & The Bastard Sons, Cellar Darling, Crystal Ball, XII Gallon Overdose, Pascal Geiser, Bob Spring & The Calling Sirens
Freitag 25. August 2017
Moortal, Gränichen
Website: openairgraenichen.ch

Wer sich in das Moortal nach Gränichen verirrt, der wird sich bestimmt über das jährlich stattfindende Festival wundern. Wieso sollten solch bekannte Künstler und Bands die Reise in dieses abgelegene Dorf antreten? Die Antwort ist, wie meist bei musikalischen Veranstaltungen, eine ganz einfache: Weil sich hier viele Leute freiwillig zusammenschliessen, um ein liebevoll gestaltetes und immer angenehmes Fest der härteren Musik auf die Beine zu stellen – und dies zum bereits 23. Mal!

So haben es die Veranstalter auch 2017 wieder geschafft, auf gleich bleibendem Gelände ein noch abwechslungsreicheres Programm zu zusammenzustellen, dem es weder an Kulinarik, Attraktionen noch Klangereignissen mangelt. Kein Wunder, durfte man am Eröffnungsabend bereits Namen wie Cellar Darling, Phil Campbell und natürlich New Model Army auf den Bühnen bejubeln. Die legendäre Gruppe aus England war denn auch der klare Headliner.

Unter der Leitung von Justin Sullivan stürzte sich die Band in ein Set voller grossartiger Hymnen des Punk-Rock-Wave und bewies erneut ihre magisch fesselnde Qualität. Egal ob neue oder alte Songs, harte Gitarren oder sanfte Passagen mit Violinistin Shir-Ran Yinon – hier kamen nicht nur Fans von New Model Army auf ihre Kosten. Yinon durfte an diesem Abend sogar gleich zwei Mal auf der Hauptbühne ihr Talent beweisen, war sie schliesslich auch Teil der neuen Band von Anna Murphy.

Das Ex-Mitglied von Eluveitie hat mit Cellar Darling 2016 eine neue Formation gegründet, die auf erzählerische Weise Metal mit Einflüssen des Folk und Gothic packend verbindet. Da funktionierte sogar ein Song auf Mundart, und auch die Wespen hatten keine Chance gegen diesen Druck. Wilder war eigentlich nur noch der ehemalige Motörhead-Gitarrist Phil Campbell, der mit seinen Bastard Sons viele Festivalbesucher mit spezifischen Shirts glücklich machte. Hier gab es den grössten Rock und die meisten Riffs, wenn auch vielleicht nicht ganz so laut wie früher.

Aber auch andere Stilrichtungen und Geschmäcker wurden an diesem Freitag bedient. Egal ob man nun düsteren Country mit Eingängigkeit bei Bob Spring & The Calling Sirens, mitreissenden Blues-Rock mit Musikergastspiel in den Besucherrängen bei Pascal Geiser oder klassischen Hard-Rock mit Spandexschick mit Crystal Ball erleben wollte – das Open Air Gränichen hielt für alle die passenden Bands aus der Schweiz bereit.

Kein Wunder, wurde anschliessend bei XII Gallon Overdose noch einmal richtig gefeiert – denn nicht nur ihr alkoholgetränkter Gitarrenrock liess die Körper wackeln, sondern auch die Vorfreude auf den zweiten Festivaltag. Denn auch der Samstag wird wieder vor Musik bersten und mit Bands wie Anti-Flag, Terror oder Turbonegro das Moortal euphorisch erzittern lassen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.