Dynamo

Live: Highly Suspect, Dynamo Zürich, 18-02-23

Highly Suspect
Support: Welles
Freitag 23. Februar 2018
Dynamo, Zürich

Gross war die Vorfreude, denn endlich zeigte sich das amerikanische Trio Highly Suspect auf einer Bühne in der Schweiz. Dass dafür gleich das Dynamo bis zur hintersten Ecke mit neugierigen Leuten gefüllt war, überraschte nicht, denn diese Rock-Gruppe sorgt seit wenigen Jahren auf der ganzen Welt für Furore. Spätestens mit ihrem zweiten Album „The Boy Who Died Wolf“, welches 2016 erschien und eine Grammy-Nomitation einsteckte, war klar: Die Gitarrenmusik ist auch für jüngere Fans wieder interessanter geworden. Leider aber wurde die Premiere in Zürich eine grosse Panne.

Mit Ankündigung und Einlaufmusik nahmen Highly Suspect ihre Plätze hinter den Instrumenten ein und stürzten sich auch gleich mit viel Eifer und Energie in ihre Songs. Gitarre und Bass kreuzten ihre Riff-Klingen, das Schlagzeug überrollte die bereits jetzt ausgiebig tobende Masse. Doch schnell war klar: Frontmann Johnny Stevens klang nicht, wie er sollte – und schnell kam auch die Klärung: Es plage ihn eine Grippe, aber er versuche trotzdem, das Konzert durchzustehen. Immerhin begründete dies seine knallige Mütze und den dicken Pullover.

Dick war auch die Ausgelassenheit, die sich im Saal des Dynamo breit machte. Fliegende Biere, ausgestreckte Fäuste und frenetischer Jubel: Die Zuschauer waren froh, Highly Suspect endlich in echt begegnen zu können. Kein Wunder, sind die drei Mannen doch wirklich starke Musiker, welche mit ihren Songs den perfekten Mittelweg zwischen eingängigem Rock der Nullerjahre und wuchtigen Einflüssen aus Punk und Heavy Rock finden. Im eigentlichen Sinne ist dies zwar nichts Neues und musste nicht jeden abholen, zauberte aber auch an diesem Freitag in viele Gesichter ein grosses Lachen.

Doch dann nach wenigen Songs der Schock: Johnny Stevens kann nicht mehr singen, die Band gibt nach ein paar schnell dazwischen gepackten Hits auf. Verständlicherweise machte sich sehr schnell Unmut im Saal breit und viele Anwesende konnten nicht glauben, dass das Vergnügen so abrupt ein Ende fand. Wieso hat die Band den Gig nicht abgesagt? Wieso mussten alle den vollen Preis für ein paar kümmerliche Minuten Musik zahlen? So sollte man nicht mit seinen Fans umgehen. Andererseits ist es auch verständlich, wollte das Trio in der Schweiz trotzdem das Bestmögliche bieten.

Welles mit seinen Musikern hatte da mehr Glück. Als Vorband konnten sie bereits viel Applaus und Freudenschreie einheimsen. Grunge funktioniert eben auch heute noch, und die lakonische Art, über Probleme und die Welt zu singen, klappte auch im Dynamo perfekt. Der Amerikaner führte durch dissonante Gitarren, leichten Rock’n’Roll und etwas schleppende Balladen – immer mit gewisser Freche und genügend Druck. Dass dieser schon bald ins Minus fallen würde, das konnte man da zum Glück noch nicht wissen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sounds From The Heart Festival, Werk21 Zürich, 17-12-16

Sounds From The Heart Festival
Bands: Hanté, Salvation AMP, Sons Of Sounds, Patricia Scheurer
Samstag 16. Dezember 2017
Werk21, Zürich

Gegensätze, Abwechslung, Erbe – das erste Sounds From The Heart Festival bot für eine Nacht im Werk21 in Zürich einen interessanten Querschnitt durch die dunkle Szene. Mit direkt gegenübergestellten Vergleichen und einem intensiven Verbund aus Vergangenheit und Moderne wurde der kalte Samstag im Dezember zu einem eleganten Treffen für Freunde und Neugierige. Und dieses Spiel mit den Zeiten war bereits in der Dekoration sichtbar, wurde der Kellerraum des Dynamos doch von elektrischen Kerzen erhellt und Fledermäusen bewohnt, denen nicht nur Ozzy den Kopf abbeisst – waren sie schliesslich leckere Kekse.

Patricia Scheurer, Autorin aus Zürich und seit langem ein bekanntes Gesicht in der Szene, spannte mit der Lesung aus ihrem Roman „Schwarzes Erbe“ den Bogen dann auch gleich vom heutigen Zürich in das tiefe Mittelalter. Ihr Buch handelt von Sinnsuche, Themen des Gothik-Stils, Musik und viel Romantik. Eine Kombination, die für mich selber eher schwierig ist, in der heutigen Zeit aber gut funktioniert und unter den anwesenden Besuchern viel Anklang fand.

Umso interessanter war es, dass als erste Band dann Sons Of Sound aus Karlsruhe das Banner des Heavy Metal hochhielten und auf diese Burg-Fantasien pfiffen. Die drei Brüder liessen sich von der ungewöhnlich tiefen, weil gesundheitlich angeschlagenen Stimme des Bassisten und Sängers Roman Beselt nicht beirren und lotsten ihre Musik geschickt durch harte Instrumentalpassagen und melodische Refrains. Für diesen Abend näher bei Type O Negative als üblich, dafür weiterhin eine packende Mischung aus Achtziger-Anleihen, Art-Rock und komplexen Rhythmuswechseln. Schade, wollte das Publikum die Energie des Trios nicht ganz willentlich aufnehmen.

Salvation AMP aus Detmold hatten mit ihrem Gothic Rock etwas mehr Glück, forderten ihre Wave-Gitarren, tiefen Gesänge und schweren Takte doch förmlich zum Ausdruckstanz auf. Seit 2010 wiedererstarkt, war dieses, in der Szene schon seit den Neunzigern bekannte Trio eine kraftvolle Aussprache für die Vielfältigkeit an solchen Anlässen. Gerne elegisch, immerzu mysteriös und doch durchdringend liess ihre Musik das Publikum zu einem geschlossenen Ganzen werden. Da störte es auch nicht, dass die Scheinwerfer frech bunte Lichtschwaden über die dunklen Klänge ergossen.

Hélène de Thoury umging diese Beleuchtung zum Teil, liess sie ihre Lieder schliesslich von passenden Projektionen begleiten. Die französische Künstlerin nutzte des Festival für ihren ersten Auftritt in der Deutschschweiz unter dem Namen Hanté und beendete diesen Konzertreigen mit ihren pochenden Beats und synthetischen Tanzbefehlen des Cold Wave. Alleine vor einer schieren Armada aus Geräten und Knöpfen behauptete sie sich mit ihrer Stimme gegen eine Armee aus dröhnenden Tönen, tiefen Bässen und düster gefärbten Emotionen.

Wem das Sounds From The Heart Festival bisher zu analog war, der kam hier endgültig auf seine Snythie-Kosten und liess Kleid und Haar durch die Luft gleiten. Und auch mit der After-Party setzten die Verantwortlichen dieses kleinen Fests ein weiteres Ausrufezeichen hinter die Vielfältigkeit und Offenheit der Geister. Ob Gothic, Wave, Metal oder einfach nur romantisch verklärt, das schwarze Vermächtnis hat viele Formen und Körper – der Verbund machte diese Vielseitigkeit noch schöner.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Pineapple Thief, Dynamo Zürich, 17-09-11

The Pineapple Thief
Support: Godsticks
Montag 11. September 2017
Dynamo, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Dass an diesem Montag plötzlich in ganz Zürich scheinbar keine Ananas mehr zu finden war tun wir jetzt einfach als Gerücht ab – wie auch das Getuschel um plötzlich auftauchende Früchtchen im Backstage des Kulturhauses Dynamo. Was wir aber mit grosser Sicherheit vermelden können: Der Auftritt der Englischen Progressive Rock-Gruppe The Pineapple Thief war ein voller Erfolg. Und dies war auch nötig, war es schliesslich der erste Besuch in Zürich von Bruce Soord und seinen Mannen und ein heiss erwartetes Konzert. Besonders nach dem 2016 veröffentlichten Album „Your Wilderness“ ist die Band nämlich in die höchsten Sphären des modernen Art-Rock vorgedrungen und begeistert Leute auf aller Welt.

Somit gab es auch im Dynamo vor allem Lieder von der neusten Scheibe zu hören, druckvoll und energetisch dargeboten. Ob das elegische „In Exile“, welches auch für mich das Konzertvergnügen nach einem etwas zaghaften Beginn so richtig startete, oder das beschwörerische „Take Your Shot“ – die Atmosphäre der Scheibe konnte perfekt in den Saal übertragen werden. Womit auch gleich widerlegt wurde, dass The Pineapple Thief live nicht so überzeugen wie auf Platte. Aber mit Schlagzeuger Gavin Harrison (Ex-Porcupine Tree) als rhythmischer Zauberer, Jon Sykes als bewegungsfreudiger Bassist, Steve Kitch als ruhiger Keyboard-Pol und Darran Charles als wandelbaren und verschmitzen Gitarristen konnte nichts mehr schief gehen.

Charles zeigte auch gleich mit seiner eigenen Band Godsticks als Support, dass er den Prog in- und auswendig kennt. Die, seit 2006 aus Wales aktive Truppe, besticht in ihren Liedern weniger mit emotionalen Melodien, sondern mit komplizierten Songstrukturen und einem harten Klang. Hier gibt es verzerrte Gitarrenspuren, maschinell wirkende Drums und immer wieder dem Jazz angelehnte Harmonien. Während Darran Charles als Sänger zwar limitiert ist, tat diese Abwechslung in die dunklen Maschinenräume des Progressive Rock ganz gut. King Crimson war nicht der einzige Name, der einem während dem Auftritt durch den Kopf schwirrte. Und wenn die Herren bei „Exit Stage Right“ gleich alle Sicherheiten über Bord warfen, dann war dies ein wirklich aufregender Einstieg in den Abend.

The Pineapple Thief hatten keine Probleme, diese Energie weiterzutragen, was auch an dem wunderbar aufgelegten Publikum war. Die Zuschauer bejubelten nicht nur neue Tracks wie „The Final Thing On My Mind“, sondern auch selten vernommene Stücke wie „3000 Days“ oder „Shoot First“ und die herausragenden Einzelgänge der Musiker. Somit gab es gegen Ende des Abends immer mehr Interaktionen zwischen Bühne und Publikum und zufriedene Gesicht in jeder Ecke. Toll, dass sich die Diebe mit ihrer doch eigenen Art des Modern Prog auch in der grösseren Masse langsam etablieren. Konzerte wie dieses helfen dabei natürlich extrem.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: British Sea Power, Werk 21 Zürich, 17-05-23

British Sea Power
Support: Pictish Trail
Dienstag 23. Mai 2017
Werk 21, Zürich

Lasst die Tänzer das Fest übernehmen – und kaum war dieser Ausspruch ein paar Mal proklamiert worden, musste man sich den kleinen Konzertraum des Werk21 plötzlich mit riesigen, tanzenden Bären teilen. Willkommen im Zauberwald der Englischen Rockmusik, willkommen auf der aktuellen Tour von British Sea Power. Nebst der waldlich dekorierten Bühne, inklusive skeptisch dreinschauender Eule, gab es an diesem Auftritt in Zürich auch Rock-Songs zwischen Romantik und Gesellschaftskritik.

Um ihr neustes Album vorzustellen, begab sich die Gruppe aus Brighton wieder auf die Reise und spielte beim hiesigen Stopp ein Set, das sich schwer auf „Let the Dancers Inherit the Party“ stützte. Gleich neun Songs gab es von diesem roten Album zu hören, was nicht immer gleich gut klappte. Denn obwohl Stücke wie „Bad Bohemian“ oder natürlich das grossartig fröhliche und besonders im deutschsprachigen Raum perfekt funktionierende „Keep On Trying (Sechs Freunde)“ angenehm dahinflossen und die Leute auch zum Tanzen brachten, fehlte während des Konzertes manchmal etwas die Energie.

British Sea Power sind immer dann am besten, wenn sie ihre interessante  und irgendwie nicht fassbare Mischung aus Indie, Post-Punk und alternativem Rock ausufern lassen. „No Lucifer“ oder „Remember Me“ brachten da schon mehr Schmiss in die Party und die Gitarren durften sich auch mal frech auftürmen, um zuoberst auf dem Klanggipfel mit Bass und Geige zu ringen. Aber es ist natürlich auch schwierig, ein Set zusammenzustellen, das die gesamte Zeit seit 2000 glücklich zusammenfasst. Und bei British Sea Power ging es schon immer mehr um das Gefühl.

Die Emotionen stimmten an diesem Dienstagabend auf jeden Fall, war der Auftritt doch herrlich entspannt und voller Glücksmomente. Da fiel es manchmal gar nicht auf, dass einem die Band geradezu frech noch etwas Gesellschaftskritik vor den Latz knallte. Und auch bei Pictish Trail gab es viele heitere Gesichter zu sehen, wussten der schottische Musiker Johnny Lynch und seine Begleitung doch mit wenigen elektronischen Folksongs die Besucher aufzumuntern. Und wer schaffte es schliesslich zuletzt, an einem Abend thematisch von Superman II über Fargo zum Eurovision Song Contest zu gelangen?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Dave Hause & The Mermaid, Dynamo Zürich, 17-03-08

Dave Hause & The Mermaid
Support: Dead Heavens, Robyn G. Shiels
Mittwoch 08. März 2017
Dynamo, Zürich

Stimmt, jetzt wo du es erwähnst kommt es mir auch wieder in den Sinn. Das letzt Mal als wir uns sahen war damals auf der Revival Tour im Abart mit Chuck Ragan und all seinen Freunden – lange ist es her. Seit dem sind nicht nur einige Jahre vergangen und der Club existiert nicht mehr, nein auch in deiner Band hat sich einiges gewandelt und die Welt ist nicht unbedingt ein besserer Platz geworden. Aber es gibt immer noch genügend Gründe und Momente für wunderbar ehrlichen Folk-Punk-Rock. Darum: Schön bist du wieder einmal in der Schweiz, Dave Hause.

Mit dem neuen Album „Bury Me In Philly“ im Gepäck und mit der Verstärkung von The Mermaid zeigte der Amerikaner, dass die emotionale und ehrliche Mischung aus Punk-Rock und Folk immer noch wunderbar schön anzuhören ist. Seit Beginn seiner Solokarriere beweist Dave Hause, dass man druckvolle Songs mit direkten Botschaften wunderbar handgemacht spielen kann. Egal ob er alleine mit akustischer Gitarre in der Mitte der Bühne steht oder sich von vier Musikerinnen und Musiker verstärken lässt – hier erhält man den Glauben an die Kraft der Musik zurück. Und sogar an die Menschheit, fühlte man sich hier verstanden und unterstützt.

Die Mischung aus neuen Liedern wie „Wild Love“ oder „Dirty F*cker“ mit alten Hits wie Zuschauerwunsch „Bricks“ oder Zugabe „C’mon Kid“ funktionierte prächtig und die Gitarren dröhnten. Da fiel es gar nicht weiter auf, dass einige Momente doch ziemlich platt und einfach gestrickt waren. Da versuchten sich die vorangegangenen Dead Heavens eher noch kann merkwürdigen Kompositionen und kaputten Liedern. Im Gegensatz zu den Streichern auf der Titanic spielte diese Truppe im freien Fall weiter, nachdem sie durch Eigenverschulden die Hängebrücke zu Einsturz brachten. Doch die hing eh nur noch an einem Faden, den man mit Grunge-Slacker-Alternative-Rock zersägte.

Robyn G. Shiels war also praktisch der einzige an diesem Abend, der sich mit irischem Charme und depressiven Gitarrenstücken etwas zurückhielt und die gezupften Melodien für sich sprechen liess. Doch genau dies war ein wunderbar umgarnender Einstieg in einen Abend voller kerniger Musik. Das Dreierpaket ergänzte sich und jeder Auftritt sorgte für gute Laune. Und genau so sollte ein Konzert an einem Mittwochabend auch aussehen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Touché Amoré, Dynamo Zürich, 17-02-11

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Touché Amoré
Support: Angel Du$t, Swain
Samstag 11. Februar 2017
Dynamo / Werk21, Zürich

„You often find yourself putting off everyone while finding comfort in other songs / To distract the fact that you’re actually disappearing“ – Sänger Jeremy Bolm trifft mit seinen lauten und knappen Sätzen die Hörer und Besucher mitten im Herz. Die restlichen Musiker von Touché Amoré treffen mit ihren Instrumenten alle anderen Körperteile – ihre Mischung aus Screamo und Post-Hardcore ist brutal und direkt. Und somit war auch das Konzert im Werk21 in Zürich eine heisse, kontaktfreudige und vor allem grossartige Angelegenheit. Selten erlebt man wohl einen Anlass mit einer solch intensiven Kombination aus Glück und Trauer.

Mit ihrem vierten Album „Stage Four“ im Gepäck machte sich die Band aus den USA ein erneutes Mal daran, Europa mit ihren emotionalen und oft herzzerreissenden Songs zu erobern. Touché Amoré geben sich nämlich nicht damit zufrieden, harte und schnelle Musik zu spielen. Seit ihrem Debütalbum „… To the Beat of a Dead Horse“, welches 2009 erschien, kombinieren sie kurze Stücke voller Wut und musikalischen Fausthieben – geschmückt und vollendet mit nachdenklichen und oft zu realen Texten über Verluste, soziale Ungerechtigkeit und Daseinszweifel. Auch im Kellerraum des Dynamo brachen schon nach wenigen Sekunden alle Dämme und das Publikum moshte, schrie und nahm die energetische Band in jubelnden Empfang.

„If actions speak louder than words / I’m the most deafening noise you’ve heard / I’ll be that ringing in your ears / That will stick around for years“ – und der Eindruck, den Touché Amoré an diesem Samstag in mir hinterlassen haben, wird wohl für immer bleiben. Denn auch live zeigte sich das Talent der Band, in ihre heftigen Ausbrüche immer wieder wunderschöne Melodien einzuweben und dabei humanistisch und tolerant zu sein. Sogar die „sanften“ Stellen wie „Benediction“ fügten sich perfekt in das Geschehen ein, Frauen und Männer schnappten sich das Publikum von Bolm oder liessen sich auf Händen durch den Raum tragen.

Voran gingen zwei weitere Gruppen aus den amerikanischen Staaten, welche genau so sympathisch und weltoffen die Bühne betraten. Angel Du$t mischten den Hardcore mit viel Punk, auch hier schrie das Publikum selber viele Zeilen in die Mikrofone und sprang zwischen den Musikern von der Bühne. Noch roher und direkter als Touché Amoré, aber nicht weniger lockend und fesselnd. Swain hingegen gaben sich als zahmste Truppe von diesem Dreiergespann, zeigten sich aber von ihrer besten Seite und liessen ihren alternativen Hardcore-Rock schmutzig, unperfekt und wild tanzend den Abend anfeuern. Ausverkauft zu gutem Recht, hier erhielt man drei Mal aktuelle und wichtige Musik aus dem harten Sektor.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Angel Dust, Dynamo 17 MBohli

Live: The Hotelier, Dynamo Zürich, 17-02-06

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The Hotelier
Support: Crying
Montag 06. Februar 2017
Werk 21 / Dynamo, Zürich

„Hi, we are Crying.“ Mit einem solchen Satz ein Emo-Konzert zu beginnen ist zugleich die beste Wortwahl, wie auch die grösste Klischeefalle aller Zeiten. Denn viel zu oft wird diese Unterart des Alternative Rock immer noch mit der schlimmen Modeentwicklung der 2000er verwechselt – wo trauriges Dichten und betrübtes Herumsitzen zum Alltag gehörte. Am Montagabend im Werk21 des Dynamo in Zürich gab es aber keine Gründe, seine Adern und Venen aufplatzen zu lassen – sondern viel mehr sich gut zu fühlen und oft nebst dem Tanzen auch zu lachen. Wer hätte gedacht, dass The Hotelier eine solch tolle und unterhaltsame Live-Band sind?

Hierzulande noch eher unbekannt, erhielten sie 2016 mit ihrem dritten Album „Goodness“ doch eine grössere Medienpräsenz und breitere Fanbasis. Zu Recht, ist die Scheibe doch ein wundervoll mitreissendes Werk voller melancholischer Lieder mit wilden Ausbrüchen und Gesängen zum Verlieben. Und genau diese Stärken spürte man auch bei diesem Auftritt von Beginn an. The Hotelier stürzten sich voller Spielfreude in ein Set aus alten Lieblingen wie „An Introduction to the Album“ und neuen Sonnenstrahlen wie „Piano Player“. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang aus bis zu drei Kehlen – der selbsternannte Anti-Pop führte das Publikum durch sanfte, amerikanische Kompositionen, frechen Auswüchsen des College-Punk bis zu Höhepunkten, die auch im Post-Hardcore passen würden.

Sänger und Bassist Christian Holden überzeugte nicht nur mit emotionalem Gesang und Geschrei, sondern auch mit lockeren Ansagen und netten Anekdoten. Dies liess die Musiker untereinander Schabernack treiben und in der vordersten Reihe der Besucher wurde laut mitgesungen und das Bier geteilt. Die gute Stimmung, welche zwischen The Hotelier und Crying auf dieser Tour herrscht, übertrug sich sofort auf alle Anwesenden – und bei der Diskussion über Käse brachte die Band das gesamte Werk21 zum Lachen. Da hielt man auch die Trauer von Stücken wie „Your Deep Rest“ mit Freiheitsgefühl aus.

Einen Zustand, den auch Crying als Support in gewisser Weise erschufen. Das Trio, ebenfalls aus den USA stammend, setzte sich mit seiner Musik zwar etwas zwischen die Stühle, war aber nie ohne Reiz. Irgendwo zwischen Power-Pop, technischen Gitarrenmomenten des Metal und Chiptune zuhause, landete man in einer Emo-Welt von Walt Disney. Technisch stark und kompositorisch überraschend, im Gesang leider etwas verwirrend – doch vielleicht lag dies auch nur an der Erkältung, mit der die Sängerin und auch die Schlagzeugerin zu kämpfen hatten. Aber wie auch immer, Emotionen sind und bleiben wichtig – besonders auch in der Musik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Bergmal Festival, Dynamo Zürich, 16-10-22

Photo von Angela Michel

Photo von Angela Michel

Bermal Festival
Bands: 65daysofstatic, EF, Leech, Glaston, Besides, Jardin De La Croix, Arms And Sleepers, Rome In Reverse, Cataya, Flieder, Shriduna, Dirty Purple Turtle, Death Of A Cheerleader
Samstag 22. Oktober 2016
Dynamo, Zürich

Es war eine tierische Angelegenheit, diese Erstausgabe des Bergmal Festivals im Dynamo in Zürich. Komplett dem Post-Rock und seinen experimentellen Auswüchsen verschrieben, liessen die Veranstalter nicht nur viele Musiker auffahren, sondern verteilten Wale um das Gebäude und dessen Fassade, begrüssten Schildkröten als Tanzdompteure und bescherten wohl so manchem Besucher am darauffolgenden Tag einen Besuch des Katers. Und wer nicht flink wie ein Gepard zwischen den Bühnen und Stockwerken wechselte, der verpasste wohl einige Blutegel und Highlights.

Mit 13 Acts war das Bergmal schliesslich nicht zurückhaltend und deckte alle Geschmäcker von Metal über Electronica bis hin zu experimentellem Instrumental-Rock ab. Erstaunlich war dabei, dass der klassische Post-Rock mit seinen gitarrenbeladenen Laut-Leise-Liedern eher selten anzutreffen war. Neben der schwedischen Gruppe EF, welche mit grossen Posen und vielen klanglichen Steigerungen den Abend beendeten, waren vor allem Besides eine Band, welche die Konventionen selten brach. Wenn zuoberst auf dem Line-up aber 65daysofstatic stand, dann wusste man sehr früh: Hier werden Grenzen gesprengt.

Bevor aber die Engländer mit ihren wuchtigen, krachenden und frequenzverzerrenden Liedern das Fest für die Roof Stage schlossen, schwärmten die Leute wild umher. Jardin de la Croix eröffneten den wunderbaren Abend mit technisch wilden Songs, laut und kompromisslos auf der Cellar Stage. Meterhoch über ihnen sassen Shriduna auf ihren Stühlen und erzählten Geschichten mit langen Gitarrenmelodien auf der wunderbar ausgeleuchteten Bühne. Wer dann auch mal Knöpfchen und Tasten sehen wollte, der war bei Flieder wunderbar aufgehoben. Loops, Glockenspiel und hübsche Synthies – zurückhaltender als Dirty Purple Turtle, denn die brachten mit ihren Effektgeräten die vorhandene Anlage stark an ihre Grenzen.

Laut und wild – zwei Adjektive, die sich auf die meisten Auftritte am Bergmal Festival anwenden lassen. Cataya waren ein Höhepunkt mit ihrer cineastischen Soundwand, welche alles vor sich plattwalzte und vor Drone keine Angst zeigte. Belesen und mit Gesang tummelten sich auch Death Of A Cheerleader in Gebieten mit heftigen Ausbrüchen und nahe an Bands wie Crippled Black Phoenix. Rome In Reverse und Arms And Sleepers hielten sich mit Wutmomenten am DJ-Pult zurück und liessen die Beats und Hooks aus den Chaospads hofieren. Sehr sympathisch, und bei letzterem mit vielen netten Sprüchen inmitten der tanzenden Besucher. Schön, nebst all diesem Headbangen auch mal die Beine zappeln zu lassen.

Harte Riffs, geniale Strukturen und Akzente aus der Orgel brachten bei Leech schliesslich alle Köpfe in Bewegung. Die Gruppe aus Zofingen bewies erneut, mit ihrer Musik ganz klar auf internationalem Höchstniveau zu spielen. Zwar gab es einige Schnitzer, Songs wie „The Man With The Hammer“ sind live aber immer eine orgiastische Wucht. Auch Glaston meisterten ihr Heimspiel perfekt – erstaunlich, welche Leistungen ein Mensch erbringen kann. Denn in der Gruppe spielte ein Organisator selber mit und holte sich somit wenige Minuten der Entspannung. Mit viel Klavier und tollem Schlagzeugspiel geriet auch so mancher Zuhörer ins Träumen.

Und dann eben die Explosion bei 65daysofstatic – ein Erlebnis zwischen Musik, Licht, Körper und Technik. Die Band präsentierte am Bergmal nicht nur ihr neustes Album, sie liess auch in die Vergangenheit blicken. Mit vielen Liedern von „Wild Light “ und „The Fall Of Math“ war man im Himmel der Off-Beat-Rhythmen, Math-Rock Attacken und elektronischen Schwerthieben. Ein perfekter Auftritt an einem genialen Abend – das Bergmal Festival sorgte für viele Stunden voller Glück und Freude. Liebevoll veranstaltet, perfekt durchgeplant und herzensgut, ein strahlendes Licht für Freunde des Post-Rock und all seinen hübschen Verwandten. Als Besucher (und bestimmt auch als Musiker) kann man den Organisatoren nur danken und hoffen, dass es 2017 eine weitere Auflage geben wird. Die Meere der experimentierfreudigen Rockmusik sind schliesslich tief, und mit Walen schwimmt man immer wieder gerne.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Photo von Angela Michel.

Photo von Angela Michel.