Post-Punk

C.A.R. – Pinned (2018)

Schepperndes Bassspiel, zurückhaltender Gesang und polyphone Synthiekreationen – Chloé Raunet hat sich für ihr neustes Projekt ganz klar ein Nest aus Versatzstücken des Post-Punk und der dreckigen Electronica gebastelt. Als C.A.R. (Choosing Acronyms Randomly) lässt sie nun mit „Pinned“ eine erste Sammlung an Liedern auf uns los, die gleich stark mit Wave wie auch alternativem Pop spielt. Und wer sich erst an die etwas kühle Herangehensweise gewöhnt hat, der findet so manchen Tanzmoment.

Denn wer sich mit dem Untergrund schmückt, der macht sich nicht immer leicht zugänglich, bringt aber die Grenzen und Mauern zum Bröckeln. C.A.R. ist sich dessen bewusst und formt Melodien und Takte zu Liedern, die gleichauf umgarnen wie misstrauisch machen. Der Opener „Growing Pains“ schmückt sich mit klaren Harmonien, „VHS“ im Gegensatz ist unheimlich und ätherisch. „Better Hide Your Daughters“ singt die Künstlerin lakonisch und macht aus dem Synthie-Pop eine Falle.

Nicht alles auf „Pinned“ macht gleich viel Sinn, wenn C.A.R. aber die stampfenden Beats auspackt und mit Sprechgesang „Random Words“ zu einem Ruf voller Verlockungen macht, dann erinnert dies nicht nur an Yello, sondern ist einfach nur toll. Mit ihrem Album landet sie also in der Schnittmenge der dunklen Szene und Knöpfchendreher – mit Musik, die immer vielseitig und überraschend ist. Mit einer solchen Künstlerin macht sogar „Cholera“ Freude.

Anspieltipps:
Growing Pains, Random Words, VHS

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blood And Champagne – Wine In Space (2018)

Es braucht im Aargauer Städtchen Zofingen kein Sturm um kalte Winde durch die Gassen der Altstadt wehen zu lassen – dazu reicht auch ein kreativer Kopf aus. Und mit „Wine In Space“ wird nicht nur dem kalten Post-Punk gefröhnt, sondern in vier Liedern auch eine gewisse Dekadenz ins Spiel gebracht. Das macht aus der ersten EP von Blood & Champagne eine kurzweilige und beeindruckende Sache. Denn alles an diesen Songs wurde von einem Künstler gefertigt.

Mischa Horn hat sich viel Inspiration bei den kaputten Helden der Achtziger geholt und unter dem brandneuen Projektnamen Blood & Champagne eine Richtung eingeschlagen, die in Westeuropa immer mehr auf fruchtbaren Boden stösst. Ob man nun den eleganten Punk, den nihilistischen Cold Wave oder die stoische Herangehensweise an die Rhythmen mag, „Wine In Space“ bietet von all diesen Elementen eine reizvolle Portion. Genüsslich lässt man sich „The Cold Void“ auf der Zunge vergehen, spürt das vollmunde „I Just Want To See The World Burn“ und hält den Abgang mit dem Titelstück noch lange in Gedanken.

Mit viel Hall auf dem Gesang, griffigen Gitarrenriffs und einzelnen Keyboardflächen hat sich Blood & Champagne hier eine EP zusammengestellt, die nicht nur das Talent des Musikers unter beweis stellt, sondern aus dem Post-Punk noch neue Reizmomente holen kann. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese EP nicht die einzige Veröffentlichung bleiben wird – Zofingen verträgt eine solch kühle Untermalung schliesslich immer wieder.

Anspieltipps:
The Cold Void, I Just Want To See The World Burn, Wine In Space

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Antipole – Northern Flux (2017)

Antipole existiert seit 2013 und ist eigentlich nur ein Mann: Karl Morten Dahl, seine Instrumente und seine Vision. Tief in den Grundlagen des Wave und Post-Punk der Achtziger verankert, ist seine Musik eine Reanimation alter Tugenden und eine weitere Schicht an Fortführungstraditionen und Schliessung des Kreises. Mit dem ersten Album „Northern Flux“ erhält man nun eine 14 Lieder lange Möglichkeit, diese Ideen aufleben zu lassen.

Nach zwei digitalen EPs hat es Antipole nun geschafft, seine kreativen Ergüsse zu bündeln und auf eine CD zu packen. Auffällig ist dabei, dass seine Musik immer brav auf den Pfaden des Cold Wave und geglätteten Punk bleibt. Jedes Lied zieht den linearen Rhythmus weiter, immer stehen die hallende Gitarre und der pochende Bass im Vordergrund. Stimmen und Schlagzeug umgarnen diese Machtstellung, wollen aber gar nicht dagegen ankämpfen. Das lässt Lieder wie „Shadow Lover“ leicht in ihrer Melancholie und Dunkelheit erscheinen.

Kein Wunder also, wird „Northern Flux“ vom Joy Division Cover „Insight“ abgeschlossen – Antipole zielt mit seinen Stücken nämlich in die genau gleiche Richtung. Was hier aber klar wichtiger ist als Verzweiflung, das ist die Eleganz. Mit weiblichem Begleitgesang und lockeren Melodien ist dieser Wave nie endzeitlich und überlebt sogar stoische acht Minuten („Narcissus“) und gönnt sich herrliche Synthiemomente („Dans l’entrée“). Zeitmaschine an!

Anspieltipps:
Shadow Lover, Summer Never Ends, Narcissus

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Uncanny Valley – Chain Store (2017)

Bei der ersten EP von Uncanny Valley habe ich eigentlich Musik erwartet, die sich stärker auf die elektronische Seite legt und tiefer in den Club lockt. „Chain Store“ ist mit seinen drei Songs und zwei Remixes aber ein dreckiger und angeschlagener Geselle, der sich zwischen Post-Punk, Krautrock und Proto-Techno bewegt und dabei immer kurz vor der Stolperfalle anhält. Das Quartett aus London verneigt sich somit vor den Pionieren des Industrial und bleibt dabei immer attraktiv.

Ob beim Titelsong „Chain Store“ die Synthies fast unter dem Lärm und scheinbar ausgehenden Batterie untergehen, oder die Perkussion bei „Nowhere To Nowhere“ zwischen zwitschernden Keyboards und ungewöhnlichen umherwankt, die Musik von Uncanny Valley ist immer leicht angeschlagen aber präsent. Schnell wird man in diese Zwischenwelt gesogen und fühlt sich monochrom wohl. Fehlt eigentlich nur noch der rote Devo-Hut auf dem Kopf.

Mit zwei längeren und endgültig clubtauglichen Bearbeitungen von Manfredas und Frenchman Mondowski erhalten Uncanny Valley dann doch das Gewand, das ich zuerst erwartet hatte. Doch die wahre Versuchung liegt hier in der Kombination aus altem Erfindergeist und neuen Perspektiven. Kein Wunder also, erinnert „Popcorn“ also nicht nur mit dem Namen an den weltbekannten Track, treibt das Spiel aber mit polyphonen Klängen und stoisch pochenden Beats viel weiter.

Anspieltipps:
Chain Store, Nowhere To Nowhere, Popcorn

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Asbest – Interstates (2017)

Vier Lieder, drei Bandmitglieder, zwei Frauen, eine Wucht. Asbest aus Basel suchen seit Ende 2016 in ihrem Proberaum in Basel nach gesundheitsschädlichen Fasern und verwebend die geschickt zu Songs, die aus lautem Noise-Rock, pessimistischem Post-Punk und kratzendem Garage den Alltag umstülpen. Mit „Interstates“ gibt es nun zum ersten Mal eine Veröffentlichung, die Einblick in dieses Geschehen erlaubt. Und damit einen grossen Eindruck hinterlässt.

Bereits mit dem ersten Track „Projection“ wird klar: Dieses Trio schert sich weder um blaue Flecken noch deine ach so schlimmen Sorgen. Frontfrau Robyn Trachsel drückt mit rauen Aussprüchen und extrem verzerrter Gitarre tief in die Wunden und treibt Asbest von Albtraum zu Grotte. Wild rumpelnder Bass und druckvolles Schlagzeugspiel kokettieren mit Trash-Punk oder machen aus Liedern wie „Insanity“ extrem schleppende Monster. Wer ohne Sünde ist, solle den ersten Akkord spielen.

Zwischen eindrücklichen Tonspuren findet man auf „Interstates“ aber auch viele persönliche Verarbeitungen und Ansichten von Asbest. Die Basler positionieren sich somit an vorderster Front, wenn es darum geht, laut und klar eine Meinung zu positionieren – und gewinnen damit. Somit macht diese Musik nicht nur Laune, sie geht auch unter die Haut. Gespannt warte ich somit auf das kommende Album, bereits 2018 soll es soweit sein.

Anspieltipps:
Projection, Insanity, Interstates

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fotocrime – Always Night (2017)

Die Musik von Fotocrime ist eigentlich lange überholt, müssen Gitarre und Bass heute schliesslich nicht mehr übersteuert rumpeln und auch die Synthies dürfen weit mehr als polyphone Melodien von sich geben. Aber trotzdem wirken die Songs auf „Always Night“ zeitlos, frisch und immer reizvoll. Denn wie auch die dunklen Nachtstunden wird das Genre des Post-Punk nie aussterben. Oder ist es bereits untot?

Nach einer ersten Single Anfang des Jahres folgt mit dieser EP nun das lange Lebenszeichen der neuen Band um Frontmann Ryan Patterson. Zusammen mit zwei Freunden huldigt er seit einigen Monaten als Fotocrime dem Gothic-Wave und streut dank herrlichen Beats und Klängen aus dem Computer immer wieder das Flair des EBM ein. „In The Trance Of Love“ ist ein solches elektronisches Highlight, das mit schwarz unterlaufenen Augen und bösen Blick die Tanzfläche stürmt und dort mit wehendem Cape seine Runden dreht.

Aber auch ohne die digitalen Beisätze wissen Fotocrime zu überzeugen, bereits der herrlich tiefe Gesang von Patterson macht die Tore zu diesem musikalischen Streifzug durch überwachsene Ruinen weit auf. Da haben es zugkräftige Lieder wie „Always Hell“ ein Leichtes, den Hörer für immer zu packen. Lockere Gitarrenspuren, perfekt stoisch gespieltes Schlagzeug, krachende Bassspuren – so macht Verbrechen Spass.

Anspieltipps:
Duplicate Days, In The Trance Of Love, Always Hell

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Beatastic – 40 Moons Project (2017)

Doppelalben mit grossem Ambition und noch mehr Meinung und Sichtweise, wer wagt sich in der heutigen, sehr schnelllebigen Zeit noch an so etwas? Nicolas Pierre Wardell, der Musiker und das alleinige Mitglied von Beatastic zum Beispiel. Der Künstler aus Brighton hat sich nach diversen EPs und Veröffentlichungen dazu entschieden, seine Energie und musikalische Kraft zu bündeln und mit „40 Moons Project“ eine Platte zu kreieren, die den grossen Vorbildern wie My Bloody Valentine oder The Smashing Pumpkins in Nichts nachsteht. Wahnsinn oder Genialität?

Diese Frage stellt sich eigentlich gar nicht, denn wie in den meisten Kunstformen liegen auch in der Musik die beiden Extreme oft auf derselben Note. Und auch beim Album erhält man somit also klare Shoegaze-Rocker wie „The Quiet“ oder ausufernde Experimente mit World-Einfluss wie bei „Sun/Sky/Sea/Sand“. Beatastic hat aber in den letzten Jahren seine Form klar gefunden und liefert auch mit „40 Moons Project“ Lieder, die immer etwas melancholisch, düster und voller Gitarrenwände zwischen New Wave, Grunge und Psychedelic umherwandern. Klar, nicht alles geht gleich sauber auf bei 20 Songs, muss es aber auch nicht.

Beatastic scheitert weder an der misslichen Weltlage, der pessimistischen Zukunftsperspektive, noch an der Aufgabe, die Hörer während der gesamten Spielzeit zu unterhalten. „The World Is Crazy Now“ heisst es früh im Werk, doch mit Alben wie diesen wird alles machbarer. Denn wenn ein einzelner Musiker eine solche Platte stemmen kann, dann sollten wir gemeinsam auch die Welt verbessern können. Und im Hintergrund schwirren dazu Gitarrenwände umher, pochen hallende Drums und knurren die Bässe.

Anspieltipps:
The Quiet, Sun/Sky/Sea/Sand, Moona, Anger

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Granular, Schüür Luzern, 17-12-01

Granular
Support: Visions In Clouds
Freitag 01. Dezember 2017
Schüür, Luzern

Wenn es etwas zu feiern gibt, dann lädt man am besten seine Freunde ein. Und wenn diese auch gleich noch einen Grund zur Freude mitbringen, dann ist der Abend doch komplett. Dies dachte sich auch die Luzerner Band Granular, die am Freitagabend in der Schüür ihr erstes Album „XI“ taufte – und dazu Visions In Clouds mit auf die Bühne holte, die ebenfalls aus der Stadt mit dem Touristenüberfluss stammen und vor kurzen eine neue EP veröffentlicht haben. Kein Wunder also, standen bereits vor Showbeginn leere Champagnerflaschen im Saal.

Die Musik von Granular eignet sich sowieso perfekt, um von bitteren Stoffen zu auflockernden und bunt schmeckenden Getränken zu wechseln. Ihre Lieder hat die Band, welche früher unter dem Namen Augustine’s Suspenders die Leute zum Tanz animierte, nämlich im Bereich des modernen Pop angesiedelt. Ob bereit für die Radiowellen, soulig angehaucht oder dann doch lieber mit Indie-Gitarren versehen, eingängig ist die Musik der jungen Männer immer. Alsbald bewegten sich die Zuschauer dann auch zu „Something In Between“ oder „I Need You“ und genossen die Emotionalität zwischen farbigem Licht und bestrahlten Schlagzeugbecken.

Sicher, es fehlte vielleicht manchmal etwas die dunkle Seite des Klangs – doch vielseitigen Pop zu vernehmen, kann ja auch ganz gut ins Wochenende führen. Schön auch zu sehen, dass nicht nur viele Freunde von Granular anreisten, sondern die Band spielfreudig über den Leuten thronte und fleissig ihre Instrumente wechselte. Endlich wurde auch geklärt, wie man das Album nun aussprechen darf: Eleven. Das passt ja schlussendlich auch perfekt zum weltoffenen Klangbild dieser Scheibe.

Eher introvertiert und nachdenklich gaben sich die Lieder bei Visions In Clouds. Locker zwischen New Wave-Zitaten, Post-Punk-Gebrummel und Indie-Höhengefühl wechselnd, versanken nicht nur Musiker und Besucher in tiefen Schatten und blauem Licht. Die ganze Welt wurde für einen Moment kühler, polyphone Synthies und stringente Schlagzeugwirbel zur Familie. Und da die Luzerner seit neustem auf dem Pariser Label Manic Depression zuhause sind, nutzten sie diesen Anlass, um einen Song von Crying Vessel zu covern. Man ist in dieser kleinen Szene halt schnell eine Gemeinschaft.

Dieser beizutreten legten Visions In Clouds allen Anwesenden ans Herz und boten den besten Grund mit der kompletten Darbietung ihrer neusten EP „Levée En Masse„, deren Stücke sich zwischen schnell und treibend und melancholisch-verträumt bewegen. Musik für den Winteranfang, die zwar den Schnee nicht so schmelzen lässt wie bei Granular, aber die Hoffnung an Geborgenheit auch niemals aufgeben würde.

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Spleen XXX – Poems Of Charles Baudelaire (2017)

Da fand wieder einmal zusammen, was schon lange so gehörte: Stéphane G. und Isthmaël B. haben nach Tätigkeiten in diversen Bands und Projekten nun all ihre schwarzmagischen Künste zusammengetan und mit Spleen XXX ein neues und schon fast morbides Projekt gestartet. Komplett dem Gothic Wave und trostlosen Post-Punk gewidmet, bietet das erste Album „Poems Of Charles Baudelaire“ viele Takte lang Gründe, um die Welt halt doch ein bisschen länger zu hassen. Dagegen helfen auch die Gedichte nicht.

Denn als Hintergrund zu diesem ersten Album von Spleen XXX dienen die ins Englisch übersetzte Gedichte des wegweisenden Schriftstellers Charles Baudelaire, präsentiert in einer tiefen Gesangsstimme von Isthmaël B., der mit seiner Betonung die Lieder nicht selten in Richtung Type O Negative gleiten lässt. Und wie auch bei der amerikanischen Gruppe, vermag es das französische Duo alle Tugenden des Cold Waves mit Rock und einer bedrückenden Atmosphäre zu versehen. Ob nun schleppend („Beauty“) oder bipolar gefährlich („Carcass“), die Lieder auf diesem Album sind immer suizidaler als eine nächtliche Autofahrt ohne Licht. Und Strasse.

Wenn sich hallenden Gitarrenspuren mit herrlich federndem Bass und einem stoischen Schlagzeug zur gemeinsamen Herrschaft verbinden, dann wachsen Spleen XXX schnell aus den scheinbaren Angstzustände und Endzeiten heraus und locken in Liedern wie „Her Hair“ mit einer grossen Versuchung. Ob „Poems Of Charles Baudelaire“ nun das Pflaster auf der Seele oder deren sprengender Keil ist, das Leiden mit diesem Album macht immer viel Freude. Und am Ende schreitet man sogar elegant im Mondeschein zu „Harmonie du Soir“ davon.

Anspieltipps:
Spleen, Her Hair, Carcass

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Musigstöckli Eröffnung, Lützelflüh, 17-11-25

Musigstöckli Eröffnung
Bands: I Made You A Tape, Tomazobi, Das Reum
Samstag 25. November 2017
Musigstöckli, Lützelflüh

Neun Monate voller Planung, Baustaub, Kabelgewirr und Herausforderungen fanden im November 2017 endlich ein Ende – das Musigstöckli wurde geboren. Als langjähriger Traum schon lange als Skizze in den Köpfen von Nicole Imhof und Micha Loosli vorhanden, jetzt endlich Realität: Ein Ort, an dem sich Künstler und Techniker treffen, Tage und Nächte zusammen verbringen und neue Musik kreieren. Mit Musikraum, Ton- und Produktionsregie können alle Bedürfnisse abgedeckt und dazu gleich noch das schöne Emmental genossen werden. Logisch also, dass auch die Eröffnung und erste Feier im Stöckli ein voller Erfolg wurde.

Und wie würde sich ein solcher Ort der Liebe zur Musik besser taufen lassen, als mit Auftritten von befreundeten KünstlerInnen und Bands? Gleich drei Mal durfte man in dieser Samstagnacht somit in das untere Geschoss steigen und sich an grossen Talenten erfreuen. Der Anfang mit Das Reum aus Biel war aber vor allem eines: Anders. Langsam schälte die Künstlerin Rea Dubach aus einzeln geloopten und veränderten Geräuschen Konstrukte, die an organische Musik aus dem Wald erinnerten. Synthieklänge zirpten, ihre Gesänge wurden mit Flächen untermalt und je länger das Set dauerte, desto intensiver wurden die Kreationen.

Nicht selten erinnerte ihre Musik dabei an die Experimente von Björk und wähnte sich einer Welt zwischen klarer Ausformulierung und Schwebezustand. Ein spannender Beginn, der mit leisen Stellen und einzelnen Geräuschen die Feinheiten der Räumlichkeiten gleich austestete. Normal ging es allerdings auch danach nicht weiter, denn mit Tomazobi aus Bern nahm der multikulturelle Mundart-Affenkasten seinen Platz ein. Hier blieb kein Auge trocken und die Tanzbeine wurden mit raffinierten Songs angetrieben. Egal ob die Herren vorzeigten, wie einfach es ist, italienische Popmusik darzubieten oder ihre neue Farbentheorie erklärten, so viel Humor gibt es selten in der Schweizer Szene.

Der Abschluss mit dem bombastischen Queen-Cover „Böhmische Rapsfelder“ liess dann auch die Instrumente laut werden und das Konzert in einem riesigen Jubel enden. Gut, konnte man sich danach etwas an der kühlen Luft erfrischen und Kraft für den Live-Abschluss tanken. Denn I Made You A Tape, ebenfalls aus der Bundeshauptstadt, forderten noch einmal alles mit ihrer wuchtigen, nachdenklichen und immer treibenden Darbietung. Irgendwo zwischen alternativem Post-Punk, Keyboard-Überlegungen und Sturm und Drang präsentierte die Band ihr neustes Werk „Proud And Young“ und liess so manche Besucher mit geschlossenen Augen tanzen.

Und wie auch die Schweizer Szene hat das Musigstöckli mit dieser Eröffnung bewiesen, dass jede Art von Klang und Spiel in dieses Haus passt. Es ist somit zu hoffen, dass hier noch viele weitere fesselnde Anlässe passieren werden und sich das Haus zu einem Markenzeichen für gute Musik aus der Heimat positionieren kann. Wir wünschen den beiden Betreibern auf jeden Fall nur das Beste.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.