We Invented Paris

Live: We Invented Paris, Sommercasino Basel, 17-11-03

We Invented Paris
Support: Sandhofer
Freitag 03. November 2017
Sommercasino, Basel

Eine Heimkehr ist immer schön, besonders wenn man ein Geschenk mitbringen kann. So landeten We Invented Paris nach einer kleinen Tour durch Deutschland nicht nur endlich wieder in ihrer Heimatstadt Basel, sondern wagten sich auch daran, ihr neustes Werk „Catastrophe“ endlich zu taufen. Seit Ende August ist die Scheibe erhältlich und hat nicht nur den Bandsound komplett umgekrempelt, auch die Bühnenshow zeigte sich wieder einmal in radikal neuem Glanz. Schön zu sehen, dass sich das Kollektiv um den Frontmann Flavian Graber immer wieder neu erfinden kann.

So wurden die Musiker für diese Feier im Sommercasino nicht nur in bunte Lichter getaucht, sondern nahmen ihren Platz zwischen übergrossen Fernsehern und unzähligen Glühbirnen ein. In Kombination mit wild rotierenden Scheinwerfern zeigten sich neue Lieder wie „Fuss“ und alte Hits wie „Zeppelin“ somit in einem leuchtenden Umfeld, nicht weit von einem herrlich einladenden Jahrmarkt entfernt. Im Gegensatz zur gleichzeitig stattfindenden Herbstmesse gab es bei diesem Auftritt aber keine leeren Worthülsen und überteuerte Ballons, sondern packende Grooves und fetzige Riffs auf der Keytar.

Songbeherrschend haben We Invented Paris dieses  – immer noch merkwürdige – Instrument nämlich für die Komposition auserkoren und Stücken wie „Looking Back“, „Catastrophe“ oder „Spiderman“ eine neue Frische einverleibt. Weg vom Singer-Songwriter, hin zum retroaktiven Pop. Das sorgte an dieser Plattentaufe für mitreissende Tanzmomente und geniale Einfälle der Band, die zum Beispiel während der Zugabe plötzlich die Titelmusik von „Knight Rider“ in die Songs webte. Der Kreis schloss sich, wurde man schliesslich schon beim Einlass von passenden Achtziger-Hits im Saal begrüsst.

We Invented Paris sind aber nicht in der Vergangenheit hängen geblieben, sondern zementieren mit Stücken wie „Touriste“ oder „Air Raid Shelter“ die Befürchtungen und Ängste unserer Generation – bieten aber auch gleich einen Ausweg. Die Pause zwischen den Alben hat der Band also mehr als gut getan, die Plattentaufe war ein fröhlicher Befreiungsschlag und ein weiterer Beweis, dass diese Kreativzelle in der Basler Szene gebraucht wird.

Kein Wunder, liess es sich auch Sandhofer nicht nehmen, für die letzten Lieder wieder auf der Bühne zu erscheinen. Begeisterte er bereits als Support mit eigenen und wortgymnastischen Momenten, illuminierte er nun die letzten Minuten mit TV-Kopfschmuck und erneut seinem knallgelben Overall. So geht Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

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Interview mit We Invented Paris – Kollektivkunst aus Basel

5. September 2017
Im Gespräch mit: Flavian Graber, Sänger und Gitarrist von We Invented Paris

Mit ihrem neusten Werk „Catastrophe“ hat das Kollektiv um We Invented Paris nicht nur ein wunderbares Album voller Synthie Pop vorgelegt, sondern spricht in den Hymnen auch wichtige und aktuelle Themen an. Dabei wird ihre Musik weit über die Stadtgrenzen von Basel hinaus getragen und sorgt für viele tanzende Füsse. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um mit dem Frontmann der Band zu sprechen.

Michael: „Catastrophe“, so heisst das neue Album von We Invented Paris, ist aber das Gegenteil. Warum wurde genau dieser Songtitel als Name für das Album gewählt? „Kaleidoscope“ träfe den vielfältigen Stil doch eher.
Flavian: „Catastrophe“ trifft inhaltlich die Kernbotschaft des Albums für uns am besten. Wir sind alle Teil der momentanen Katastrophe und doch spielt jeder in seinem Leben eine zentrale Rolle – und hat somit auch die Möglichkeit etwas zu bewegen.

Hinter den neuen und packenden Synthie-Pop-Songs stecken grosse Botschaften. Ist die Welt mit Musik noch zu retten (oder zumindest zum Nachdenken zu bringen), oder ist dies eher der persönliche Hilfeschrei?
Ich glaube nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Aber ich glaube, dass Musik Menschen zum Nachdenken und Fragen stellen bewegen kann, welche dann die Welt, oder zumindest ihre direkte Umwelt verändern.

Hast du denn einen Geheimtipp, wie man solch grossartige Hits wie „Fuss“ schreiben kann? Dir scheint dies ja sehr einfach zu fallen.
Danke fürs Kompliment! Wir hatten über 70 Songs geschrieben für dieses Album, so viel wie noch nie zuvor. Und es hat da einige darunter, die du nicht hören willst. Gleichzeitig hatten wir so viel Spass wie noch nie zuvor beim Schreiben und im Studio, was sich für mich in solchen Songs wie „Fuss“ auch wiederspiegelt.

Das Album ist nicht nur nachdenklich und düster, sondern auch treibend und eingängig. Woher holst du dir die Inspiration für solch unterschiedliche Songs?
Nichts finde ich langweiliger, als wenn man nach drei Songs das ganze Album gehört hat. Ich mag die Abwechslung und suche diese immer wieder bewusst. Oft versetze ich mich auch in Situationen oder Erlebnisse von Freunden oder beobachte meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.

Apropos Stilmix: „Looking Back“ erinnert stark an Retrowave. Liegt die Zukunft des elektronischen Pop in der Vergangenheit?
Ich glaube, wenn man sich musikalisch weiterentwickeln will, holt man automatisch etwas aus der Vergangenheit und der Musikgeschichte und macht es sich zu eigen. Damit versucht man, etwas Neues zu kreieren. Oft sind diese Instrumente oder Stilmittel auch solche, welche in der kürzeren Vergangenheit völlige Tabus waren. Genau das ist das Aufregende, Herausfordernde und somit Frische an diesen Elementen.

Ist es etwas Einfaches, die vielschichtig produzierte Musik auf die simplere Ebene von Konzerten herunterzubrechen?
Wir versuchen die Songs live so zu reduzieren, dass wir sie wirklich spielen können, der Charakter des Songs aber trotzdem voll rüberkommt. Live erleben wir Musik oft anders als ab Konserve, aber genau das macht ein Livekonzert schliesslich zum einmaligen Erlebnis: Wenn die Lieder nicht exakt gleich klingen wie die Aufnahmen.

Gitarre oder Synthie – wer hat mehr Macht?
Jeder hat seine Zeit und seinen Moment. Momentan ist die Keytar an der Macht.

Nicht nur im Video zu „Kaleidoscope“, sondern auch bei den Live-Auftritten dient ein alter Röhrenfernseher als Kopfbedeckung. Welche Bedeutung trägt dieser Gegenstand bei euch?
Einerseits symbolisiert er den Retro-Sound und andererseits steht er auch für die Katastrophe. Oder eben dafür, wie wir Katastrophen durch die Medien erleben, ihnen begegnen und dabei immer die Distanz des – unmöglich neutralen – Beobachters innerhalten.

Andere Kunst-Kollektive oder Bands treten live gerne in Uniformen auf – von Devo bis hin zu Archive. Wäre das auch etwas für euch, als Ergänzung zum Kopfschmuck?
Bis jetzt mochten wir es eigentlich, die Vielfalt und Individualität im Kollektiv zu zeigen, in dem jeder seinen eigenen Stil trägt.

Wenn wir schon von Konzerten sprechen: Am Open Air Basel hattet ihr ein zusätzliches Bandmitglied am Start, den Barkeeper. Sind solche Gimmicks bald nötig, um die Menschen überhaupt noch dazu zu bringen, für Live-Musik Geld auszugeben?
Nein, die Cocktail-Bar war einfach Teil der Show und des Disko-Bling Blings. Aber ich denke schon, dass viele Menschen die Qualität von Live-Musik gar nicht mehr kennen und schätzen. Viele gehen zum Beispiel auf Open Airs, um Party zu machen, nicht um wirklich Bands zu hören.

Basel liegt am Dreiländereck, hilft euch das? Ein Kunstkollektiv wie We Invented Paris braucht ja eher viel Platz.
Ich mag die für Schweizer Verhältnisse relative grosse Weltoffenheit in Basel. Auch, dass Leute wie Ernst Beyeler sich getraut hatten, in Basel zu bleiben und etwas von internationaler Bedeutung aufzubauen.

Hast du schon Pläne, wie du die Zeit nach der WIP Catastrophe-Disco-Bar-Box-Tour verbringen wirst?
Jetzt kommt erstmal die „Tour de Catastrophe“. Wieder ein komplizierter, Name ich weiss. Diese startet im Oktober und wir werden mit der gesamten Band touren. Und dann werde ich schauen, wohin die Reise geht, was sich aufregend anfühlt.

Dann viel Erfolg und besten Dank für deine Zeit.
Danke dir!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

We Invented Paris – Catastrophe (2017)

We Invented Paris – Catastrophe
Label: Spectacular Spectacular, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synthie-Pop

Wer hat es erfunden? Scheinbar Flavian Graber, denn der Musiker aus Basel gestaltet seit 2009 die Schweizer Kunstszene nicht nur tanzbarer, sondern auch facetten- und abwechslungsreicher. Denn We Invented Paris ist nicht nur eine Band, die den elektronisch verzierten Pop stärkt, sondern ein Künstlerkollektiv, in dem sich visuell und klanglich Schaffende gleichsam verwirklichen. Mit „Catastrophe“ gibt es 2017 aber nun vor allem wieder eines: Hymnen und Material für die Ohren.

Ob der grossartige Hall-Refrain bei „Kaleidoscope“, dieser packende Basslauf bei „Fuss“ oder die verdammte Eingängigkeit von „Spiderman“ – We Invented Paris packen auf ihre neuste Platte schier perfekten Synthie-Pop mit viel Indie-Gezwinker. Dank klarer Produktion und einer grösseren Bandbreite als bei deinem Internetanschluss ist das Album eine schillernde Reise durch die erwähnten Genres. Man legt sich die glitzernden Tanzschuhe an, findet hymnische Bergbesteigungen oder kramt auch mal die Luftgitarre aus dem Mottenschrank. Nachdenklichkeit wie bei „Air Raid Shelter“ gehört hierhin wie die Wandel-Propaganda von „Touriste“.

Was eigentlich fast zu vielseitig sein könnte, wird hier zu einer Platte, die vor Hits schier platzt. We Invented Paris haben es geschafft Songs aufzunehmen, die alle um den Platz im Herzen und neue Lieblingssongs kämpfen. Dabei verspürt man ein wunderbares Glücksgefühl, das sich bei nächtlichen Hördurchgängen zu einem fast teenager-artigen Höheflug kumuliert. Da dürfen sich auf die Synthies türmen („Storm“) oder alles komplett reduziert aufwachen („A Lake In The Morning“) – dieses Album ist ein grosser Gewinn mit Botschaft für alle.

Anspieltipps:
Fuss, Storm, Touriste

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.