Steven Wilson

Live: Steven Wilson, Halle 622 Zürich, 18-02-07

Steven Wilson
Support: Donna Zed
Mittwoch 07. Februar 2018
Halle 622, Zürich Oerlikon

Damit hatte ich nicht gerechnet, obwohl ich zu der Fraktion gehörte, die „To The Bone“ von der ersten Minute an geliebt und verteidigt haben. Dass der ehemalige Frontmann von Porcupine Tree und neuzeitliche Progressive-Rock-Retter in der Halle 622 in Oerlikon eines der besten Konzerte abliefern würde, das ich jemals von ihm gesehen habe, dieser Gedanke wäre mir niemals gekommen. Steven Wilson hat es aber geschafft, seinen kompletten musikalischen Kosmos grossartig in einen Auftritt von fast drei Stunden zu destillieren und dabei Eckpunkte zu verknüpfen, die man bisher nie so nahe beieinander sehen konnte.

Alleine der Umstand, dass er die Lieder seines neusten und extrem von Pop-Musik beeinflussten Werkes ohne Mühe mit älteren Songs seiner Karriere verband und diese mit einer passenden visuellen Untermalung zu einer kohärenten Geschichte knüpfte – dies war umwerfend. Wer hätte jemals gedacht, dass der von Abba beeinflusste Song „Permanating“ so gut auf den Longtrack und viel zu selten vernommenen Brecher „Arriving Somewhere But Not Here“ folgen kann? Nicht nur schuf Steven Wilson hier mit seiner neu entdeckten Freude als Showman eine perfekte Überleitung und erzählte witzige Anekdoten, nein sogar textlich fand man plötzlich gewisse Motive, die sich gegenseitig spiegeln und ergänzen.

Inhaltlich war der Künstler schon immer spannend, mit der gewonnen Lust am Konzeptalbum steigerte er sich seit „The Raven That Refused To Sing“ aber immer mehr. So machte es sehr viel Freude zu erfahren, wie „The Creator Has A Mastertape“ die Stimmung für „Refuge“ perfekt vorbereitete. Oder wie die Beklemmung von „Song Of I“ genial in der Melancholie von „Lazarus“ ihre Bestimmung fand – ohne die Emotionen aufgesetzt wirken zu lassen. Fast nur ungehörtes Material versprach Steven Wilson den vielen freudig erregten Zuschauern zu Beginn seines Sets, und hielt dieses versprechen. Denn wär hätte gedacht, noch einmal „Even Less“ in einer reduzierten Form mit nur einer Gitarre erleben zu können? Oder „Pariah“ endlich laut und wesensverändernd wahrnehmen zu dürfen?

Gerade dieses wunderschöne und ergreifende Stück mit Sängerin Ninet Tayeb wurde eines der frühen und intensivsten Highlights. Dank einer gut geplanten und immer geschmacksvollen Show mit Projektionen auf ein Netz, Videowänden und passender Lichtuntermalung erhielten nicht nur die Instrumente eine Verstärkung, auch die Tiefe der Musik konnte besser erfasst werden. So war es auch eine pure Lust, der perfekt aufspielenden Band (bestehend aus Nick Beggs, Adam Holzmann, Alex Hutchings und Craig Blundell) bei wirbelnden Instrumentalteilen von „Home Invasion“ oder „Vermillioncore“ zuzuhören und dann wieder in Bildern und Farben aufzugehen. Steven Wilson hat mit dieser Tour wahrlich eine neue Ebene erreicht.

Egal ob Pop, harter Progressive Rock oder psychedelischer Art-Rock – mit dem Konzert in Zürich verband der Meister all seine Stärken zu einem neuen, extrem vielseitigen Erlebnis. „The Same Asylum as Before“ liess Prince wach werden, „Sleep Together“ nahm die Zuschauer mit harten Bässen und grellem Licht gefangen, „The Raven That Refused to Sing“ machte den Konzertschluss extrem ergreifend und tieftraurig. Steven Wilson hat sich damit nicht nur allen Zweiflern bewiesen, sondern seine Musik noch einmal mehr etwas unsterblicher gemacht. Dieser Mann ist einfach unglaublich, und dieser Auftritt war extraklasse!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Rich Wilson – Time Flies: The Story Of Porcupine Tree (2017)

Als die Band endlich die edle Royal Albert Hall betreten durfte und vor ausverkauftem Saal ein fantastisches Konzert spielte, war es mit Porcupine Tree eigentlich bereits vorbei. Die wandlungsfähige und stets hart arbeitende Band um Meister Steven Wilson wollte immer den Durchbruch und die grössere Anerkennung, beendete ihren Lauf aber während dem steilen Aufstieg. Man hatte sich musikalisch zu fest verfahren, wiederholt und ausgelaugt. Dabei fing alles so anders an …

„Time Flies“ von Rich Wilson (nicht verwandt mit dem gewissen Steven) ist das erste Buch, welches die Geschichte der Art-Rock-Grösse aus England erzählt – wenn auch nicht autorisiert. Doch das tut dem Buch nicht weh, wurde hier schliesslich in aufwändiger Arbeit aus vielen Interviews und Berichten alles herausdestilliert, was den Weg von Porcupine Tree ausgemacht hatte: Angefangen bei den alleinigen Versuchen Wilsons im eigenen Schlafzimmer, die ersten Tapes mit erfundenen Biografien über die immerzu wechselnden Stilrichtungen bis hin zum fulminanten Abschluss als erstarkte Band im Bereich des modernen Progressive Rock.

Schnell wird trotz all den Widrigkeiten, welche Porcupine Tree in ihrer Karriere aushalten mussten, klar, dass es wohl selten eine klanglich interessantere, aber szenentechnisch langweiligere Band gab. Fern von allen Exzessen, Drogengeschichten, wilden Vorfällen oder misslungenen Konzerten erarbeiteten sich die Musiker mit jedem Album einen besseren Ruf und mehr Fans. Für „Time Flies“ bedeutet dies leider, dass sich grosse Teile des Buches wie ein konstanter Kreislauf lesen. Der Ablauf „Demo, Aufnahme, Veröffentlichung, Tour“ wird bei jedem Kapitel gleichförmig wiederholt, bei Zitaten aus Gesprächen und Presseberichten leider zu unsorgfältig gearbeitet.

Die Lektüre von Rich Wilson ist somit zwar leicht und wenig anstrengend, oft aber auch etwas zu wenig redigiert. Gewisse Fakten werden oft wiederholt, viele Absätze lesen sich holprig – hier wären grössere Eingriffe in das Quellenmaterial hilfreich gewesen. Somit ist das Buch vor allem für Anhänger von Steven Wilson und seinen Bands interessant, Neulinge werden wohl das Phänomen hinter Porcupine Tree nach „Time Flies“ nicht wirklich erfassen können. Schön war es aber trotzdem, für einmal die Geschichte als Ganzes zu erfahren – und vor allem bei jedem erwähnten Album wieder Lust auf ein Wiederhören zu haben.

Noch ein kleiner Hinweis: Das Buch beschränkt sich auf einen Fliesstext mit wenigen Bildern in der Mitte. Da weder Bandmitglieder noch beteiligte Labels an der Veröffentlichung mitgearbeitet haben, fehlten natürlich die Rechte, um visuelles Material in den Text einzubauen. Somit lockern weder Albumcover noch Backstagefotos „Time Flies“ auf – aber immerhin kann man aus vier passend psychedelischen Umschlägen auswählen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Best Of 2017 – Der Rückblick

Erstaunlich wie ein Musikjahr so viele extrem gute Scheiben in sich tragen kann, aber dann doch wenige Highlights, die alles überstrahlen. Oder bin ich einfach zu gesättigt? Wie auch immer, 2017 war nebst vielen toten Legenden und noch nicht ganz durchgebackenen Neulingen wieder zwölf Monate voller Ereignisse und Melodien.

Während sich die Menschen in vielen Teilen der Erde nicht nur auf die Köpfe hauen, sondern sich immer mehr grundlos hassen, habe ich als Schweizer mich im Wohlstand und grosser Sicherheit wähnen können. Somit war die Mitarbeit bei Artnoir dadurch geprägt, dass ich nicht nur immer tiefer in die Kulissen der Schweizer Szene eintauchen konnte, sondern viele neue Platten und Lieder entdecken durfte. Ob Ambient zwischen Leere und Frequenzstörungen, Rock mit Liebe oder schmutzigen Fingern, Metal mit Popkleid oder Pechbad, Electro mit Glitzerschuhen oder Schattenzeichnungen oder Pop mit arabischem Reiz oder grosser Retroaktivität – dabei war alles.

Schön auch zu sehen, dass die heimische Szene immer weiter erstarkt und dank gewissen Personen und Labels (Czar Of Cricket in Basel, Radicalis in Basel, Irascible in Zürich, AuGeil in Frauenfeld etc.) wahrlich aufblüht. Es macht schliesslich immer noch mehr Freude zu sehen, dass auch wenige Kilometer neben dem eigenen Wohnort fantastische Kompositionen erzaubert werden. Da vergisst man schnell, dass nicht weit von uns Flüchtlinge an geschlossenen Grenzen sterben, Länder sich selbst immer weiter in den Abgrund befördern und die Gerechtigkeit immer mehr am Reichtum zerbricht.

Vielleicht war es genau darum wichtig, dass uns Nick Cave mit seinem kolossalen Auftritt in Zürich im November wieder vor Augen hielt, wie klein, unwichtig und zerbrechlich wir Menschen alleine doch sind. Warum also sollten wir uns gegenseitig nichts gönnen, alles was wir nicht kennen gefährlich finden und Probleme nicht mehr lösen wollen? NO RACISM, NO HOMOPHOBIA, NO SEXISM, NO VIOLENCE, NO CLOSED MINDS, NO BAD VIBES, NO EXCUSES; SPEAK UP, STAND UP!

Und hier noch die Listen, für Leute, die nicht länger als einen Blick pro Abend Zeit finden.

Top 10 – Alben International
1. Blanck Mass – World Eater
Harter Techno, laute Tracks, zerstörende Ambientwelten – eine extreme Wucht!
2. Steven Wilson – To The Bone
Der Meister des Prog kann halt auch Art-Pop in Perfektion, dies zeigt sein neuster Streich.
3. The Hirsch Effekt – Eskapist
Dieses Trio aus Deutschland hat mich noch nie enttäuscht, das bleibt auch mit diesem Monster aus Math-Core-Metal-Wahnsinn so.
4. John Maus – Screen Memories
Endlich ist er wieder da und zelebriert den Barock-Pop auf beste Weise. Anders als alle.
5. Noga Erez – Off The Radar
Sie ist jung, mutig, frech und politisch – genau wie ihre Songs in mitreissendem Electronica-Dance-Pop.
6. Brand New – Science Fiction
Eine letzte Rückkehr der fantastischen Post-Hardcore-Recken, mit viel Emotion und Diversität.
7. Heat – Overnight
New Wave und Post-Punk aus Australien, diese Band erinnert an Midnight Oil und übertrumpft alle Vorbilder.
8. Melanie De Biasio – Lilies
Singer-Songwriter trifft auf Jazz, Stimmenkünstlerin auf geniale Kompositionen. Zum Träumen.
9. Perfume Genius – No Shape
So abwechslungsreich und tiefgründig ist selten ein Musiker, „No Shape“ für Perfume Genius aber sogar noch eine Steigerung.
10. Ulver – The Assassination Of Julius Caesar
Und wieder klingen sie komplett anders, jetzt mit viel Beats und treibenden Songs. Yeah!

Top 10 – Alben National
1. I Made You A Tape – Proud And Young
Bern ist immer wieder für Überraschungen gut, wie auch mit dieser Band und Platte. Emotional und intensiv.
2. Hermann – Hermann
Wer braucht schon Menschen, wenn er einen Computer haben kann? Obwohl, ohne Musiker würden die genialen Texten fehlen.
3. Egopusher – Blood Red
Geige und Schlagzeug, dazu eine Prise Techno und viel Erfindergeist. Egopusher brillieren mit ihrem ersten Album.
4. Autisti – Autisti
Lauter, härter, schneller! Die “Supergruppe” aus Emilie Zoé und Louis Jucker detoniert wie eine Bombe.
5. Neo Noire – Element
Der Grunge ist zurück und lebt nun in Basel, inklusive der alten Intensität und Spielfreude.
6. We Invented Paris – Catastrophe
Keine Katastrophe, sondern ein Kaleidoskop an Pop. Jeder Song ein Hit, jeder Refrain die pure Lust.
7. Null + Void – Cryosleep
Zuerst nach NYC auswandern, dann mit Grössen der Musikszene ein perfektes Wave / Techno-Album schreiben – hat geklappt.
8. Groombridge – Der Specht
Mal verkopft, mal laut, mal direkt und immer mit tausenden von Ideen. Dieser Specht darf gerne klopfen.
9. Mama Jefferson – Best Of 
Die erste EP gleich als „Best Of“ betiteln? Ja, diese energetische und junge Band darf das. Rock’n’geil!
10. When Icarus Falls – Resilience
Ihr Post-Rock bringt mit Metal-Einflüsse alle Köpfe zum Schmelzen – ob aus Wachs oder nicht.

Top 10 – Konzerte
1. Nick Cave & The Bad Seeds – Hallenstadion Zürich, 12.11.2017
Wir sterben alle alleine, doch mit Herrn Cave leiden wir zumindest wunderschön gemeinsam.
2. Underworld – Alexandra Palace London, 17.03.2017
Das legendäre Duo in seiner Heimat, mit gewaltiger Show und noch besserem Konzert.
3. Anna Von Hausswolff – Bad Bonn Düdingen, 25.04.2017
Eine kleine Frau mit einer extremen Soundwucht! Perfekt, um diese Erde zu verlassen.
4. The Flaming Lips – Volkshaus Zürich, 31.01.2017
Verrückter geht es kaum an einem “Rock”-Konzert – aber hinter Konfetti, Einhörnern und Glitzer steckt viel Seele.
5. Swans – Salzhaus Winterthur, 19.10.2017
Der grosse Abschluss einer grossen Band, mit extremer Lautstärke und brachialer Darbietung.
6. U2 – Arena Amsterdam, 30.07.2017

Die Geburtstagsfeier zu „The Joshua Tree“ wird dank Überraschungen und genialer Stimmung zu einer perfekten Party.
7. Max Richter / Nicolas Jaar – Montreux Jazz Festival, 30.06.2017
Wunderschön, leise und dann doch extrem treibend. Zwei Musiker, zwei Welten, eine grandiose Nacht.
8. Yasmine Hamdan – Moods Zürich, 13.10.2017
Ihr Arabic-Pop ist nicht nur modern und voller Erzählungen, sondern auch live betörend.
9. Xiu Xiu – Dachstock Bern, 09.05.2017
Egal wie fest du dich selbst hasst, nach diesem Konzert war die Welt doch wieder angenehmer. Wenn auch total kaputt.
10. Schnellertollermeier – Match & Fuse Zürich, 29.09.2017
Jazz auf harten Drogen? Dieses Trio spielte alle anderen Bands an diesem Festival an die Wand und liess mich nur staunen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Steven Wilson – To The Bone (2017)

Steven Wilson – To The Bone
Label: Caroline Distribution, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Pop, Rock

Wie, dass „Permanating“ extrem poppig ist und an Electric Light Orchestra erinnert soll ein Schock sein? Steven Wilson verrate hier seine Seele und gibt sich mit dem Wechsel zu einem Majorlabel auch musikalisch auf Ausverkauf? Wer seine Argumentation bei „To The Bone“, dem fünften Soloalbum des Musikers, so anführt, der hat wohl nicht aufgepasst. Ja, Herr Wilson wurde mit Porcupine Tree bekannt und gilt zu Recht als Grossmeister des Progressive Rock – dies bewies er mit seinen Alben wie „The Raven That Refused To Sing“. Doch schon immer war er auch grosser Liebhaber der elektronischen und eingängigen Musikgenres. Als Produzent und Remixer diverser Klassiker zeigte er dies in letzter Zeit immer öfter.

Es ist also nur schlüssig, dass mit dieser Platte seine persönliche Verneigung vor der Stilrichtung Art-Pop folgt – und Steven Wilson somit Künstlern wie Peter Gabriel, Talk Talk oder Prince eine extrem geschmacksvolle Hommage bietet. „To The Bone“ ist nämlich keineswegs ein kompletter Umkehrschluss, sondern eine fantastische Erweiterung des bekannten Klangkosmos. Man trifft alte Bekannte wie Sängerin Ninet Tayeb, welche in dem wunderschönen „Pariah“ zum Gänsehaut-Duett aufgefordert wird, man darf mit der Schweizerin Sophie Hunger in düstere Beat-Gerüste absteigen. Und wenn in „Detonation“ wieder die Gitarren und komplexeren Abläufe regieren, dann ist „Hand.Cannot.Erase“ nicht weit.

Seine wahre Faszination versprüht „To The Bone“ aber, wenn es tief in die Genetik des künstlerischen und intelligenten Pop eintaucht. Steven Wilson holt bei „Refuge“ nicht nur das Syrien-Thema zu sich, sondern lässt die Mundharmonika von Mark Feltham singen; „The Same Asylum As Before“ zelebriert die grosse Kunst des Refrains und wie schon Eingangs erwähnt – „Permanating“ scheut sich weder vor Sprechgesang noch lautem Keyboard. Und dass sich all dies perfekt zusammenfügt und immer genau richtig platziert ist, das ist bei Wilson Ehrensache.

„To The Bone“ ist somit eine weitere Evolutionsstufe in Richtung des Homo Wilsonis – ein Schritt, der zeigt, dass auch scheinbar simple Musik komplex und extrem tiefenreich gestaltet werden kann. Die Unterwelt wird etwas aufgebrochen und einzelne Strahlen helles Licht kommen herein – ohne das dies auch nur einen kurzen Moment stören würde. Vielmehr gibt es dazu plötzlich Emotionen und Ideen zu entdecken, die man zuvor niemals hier vermutet hätte. Bravo Steven Wilson, Platte des Jahres?

Anspieltipps:
Pariah, Refuge, Detonation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blackfield – V (2017)

 

Blackfield – V
Label: Kscope, 2017
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Pop

Es beginnt ja eigentlich ganz gut, denn nach dem instrumentalen Intro „A Drop In The Ocean“ rockt „Family Man“ gleich sehr gut los. Die elektronischen Gitarren dürfen ihre Riffe in den verhallten Raum werfen, der Gesang von Steven Wilson ist wunderbar melancholisch. Und im Refrain erhält man diese Öffnung des Klangs, die bei Aviv Geffen immer funktioniert. Blackfield scheinen mit ihrem fünften und mit „V“ logisch benannten Album wieder zu alten Stärken zurückzukehren. Auch der darauf folgende Track „How Was Your Ride“ überzeugt mit seiner schnulzigen Anziehung und der Klaviermelodie. Leider aber zerfällt danach alles ein wenig.

Blackfield war schon immer eine spezielle Band, handelt es sich doch um die Kollaboration des israelischen Popstars Aviv Geffen und dem neuen Prog-Gott Steven Wilson aus England. Zusammen stehen sie seit 2001 aber nicht für komplexe und schwere Musik, sondern emotionellen und oft tieftraurigen Art-Pop. Und mit den ersten beiden Alben gelangen ihnen auch Grosswerke für die Ewigkeit, was mit „Welcome To My DNA“ und „IV“ leider nicht mehr eingelöst werden konnte. „V“ kämpft nun erneut mit der fehlenden Relevanz, man vermisst besonders ab der Hälfte die Genialität und den Reiz der Songs. Stücke wie „Lonely Soul“ weisen interessante Einfälle auf, können aber trotz kurzen Laufzeiten nie wirklich packen.

Der bekannte Kniff, Solostücke von Aviv Geffen in neuem Gewand noch einmal zu präsentieren wird hier mit „October“ wieder aufgegriffen, aber auch diese Ballade von seinem ersten englischsprachigen Soloalbum rettet „V“ nicht. Dank der Produktion von Alan Parsons ist die Scheibe zwar auf den Punkt aufgenommen und klingt grossartig, das Songwriting ist aber zu soft und langweilig. Man findet sich somit im Dilemma wieder, dass man dieses Album ja so gerne lieben möchte – wie alles von Wilson – aber sich doch zu stark nervt oder langweilt. Mit der Hochphase von Blackfield scheint es endgültig vorbei zu sein.

Anspieltipps:
Family Man, October, From 44 To 48

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter ‎– st (2003)

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Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter ‎– st
Label: icr Distribution, 2016
Format: Doppel-CD
Links: Discogs, Bass Communion
Genre: Ambient, Drone

Ich stehe ja total auf diese ewig langen, konzentrationsfördernden und hypnotischen Ambient-Werke, die gerne eine CD komplett ausfüllen. Bass Communion, das Drone- und Ambient-Kleid von Steven Wilson, liefert einige solcher Tracks. Und darum musste ich auch gleich bei der Neuauflage von „Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter“ zugreifen – wird die zweite Scheibe doch mit einem 74 Minuten langen Stück geehrt. Wer sagt da noch, man kriegt meist nicht genug Gegenwert für den Preis?

Aber Länge ist ja nicht alles, wie wir bekanntlich wissen. Das Kollaborationswerk zwischen dem englischen Abstract Musik Künstler Jonathan Coleclough, Produzenten und Engineer Colin Potter und dem ehemaligen Frontmann von Porcupine Tree sprengt noch einige weiteren Grenzen. Die langen und mäandernden Tracks leben in einer kratzenden Zwischenwelt voller experimentellen Drones, kargen Ambient-Steppen und reduzierter Electronica. Gegenseitig haben die Künstler ihr Ursprungsmaterial bearbeitet, neu abgemischt und verändert. Die entstandenen Stücke lassen sich immer Zeit und kein Stimmungswechsel geschieht ohne Vorbereitung.

Was auf der ersten CD von „Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter“ noch fast wild und laut klingt, wird bei „Epidural“ dann endgültig zu einer schier unendlichen Klangreise, welche Gedanken und Fantasien erregt. Das Stück eignet sich perfekt für alle Beschäftigungen, Situationen und Stimmungen. Wer also schon immer auf die düsteren und befremdlichen Momente der stillen Musik stand, der kann auch bei diesem Werk ohne Zögern zuschlagen – und sich von Theo Travis am Saxophon grüssen lassen.

Anspieltipps:
Yossaria, Pethidine, Epidural

Steven Wilson – Happiness III (2016)

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Steven Wilson – Happiness III 
Label: Kscope, 2016
Format: 7inch Vinyl
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock

Warum kauft man sich eigentlich eine 7inch-Single? Dieses Format ist schliesslich etwa das unpraktischste, um Musik zu hören. Kaum hat man sich gemütlich auf dem Sofa niedergelassen, ist die Musik bereits zu Ende und das Vinyl will gedreht werden. Doch wenn auf der schwarzen Scheibe ein Lied enthalten ist, das man so sonst nicht geniessen kann, dann lohnt sich der Kauf. Steven Wilson hat nun mit „Happiness III“ seine Ehrung an David Bowie verewigt.

Ende Januar 2016 spielte der Prog-Gott im Hammersmith Apollo in London nämlich „Space Oddity“, wenige Woche nachdem David Bowie unsere Realitätsebene verlassen hatte. Unterstützt von Ninet Tayeb spielten Steven Wilson und seine Band eine ruhige und andächtige Version des Liedes, welche wunderschön und ätherisch klingt. Umso mehr wird einem erneut bewusst, was für ein riesiges Loch Bowie in der Musiklandschaft hinterlassen hat. Glücklicherweise tragen Menschen wie Herr Wilson seine Musik weiter.

Auf der A-Seite gibt es natürlich ein originales Lied des Künstlers – „Happiness III“ stammt von der diesjährigen EP „4 1/2“ und ist unwiderstehlicher Art-Pop mit absolut genial erdachtem Refrain. Im Gegensatz zu vielen anderen Stücken von Steven Wilson ist dieses beinahe simpel und lässt auch an Porcupine Tree denken. Ein Lied, das auf jeden Fall die Veröffentlichung als Single verdient hat. Und dank der B-Seite ist „Happiness III“ als Seveninch somit ein Sammlerstück mit Mehrwert. Wie gewohnt auch in geschmackvollem Design.

Anspieltipps:
Happiness III, Space Oddity

Live: Steven Wilson, Blue Balls Luzern, 16-07-25

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Steven Wilson
Support: Zola Jesus
Montag 25. Juli 2016
KKL Luzernersaal, Luzern

Wer hätte gedacht, dass an diesem Montagabend das verbindende Element am Blue Balls Festival in Luzern ein solch kleines sein würde. Es waren nicht der Musikstil oder die Showelemente – es waren nackte Füsse. Fast jedem ist bekannt, dass der Progmeister und gefeierte Musiker Steven Wilson seine Auftritte stets ohne Schuhe abliefert. Doch diese befreite Art des Spielens fand man bereits viel früher beim KKL vor – Pari San aus Berlin zeigten auf dem Vorplatz mehrere Male ihr Können und Parissa Eskandari tanzte mit nackten Sohlen neben Paul Brenning. Dazwischen fand eine spannende Mischung aus Beatbox, Electro und ausdrucksstarkem Gesang seinen Platz.

Ein geglückter Einstieg in den eigentlichen Konzertabend im Luzernersaal, der die Sonnenstrahlen schnell in Vergessenheit geraten liess. Mit Zola Jesus fand eine Gestalt ihren Platz auf der Bühne, bei der man sich ihrer Menschlichkeit nicht immer sicher war. Begleitet von zwei Herren an Synths, Posaune und Trommel erschuf die junge Sängerin eine Art Exorzisten-Pop – direkt am letzten Tag vor dem Weltuntergang gespielt. Düstere Klanglawinen voller geköpfter Beats, rostiger Melodien und über allem Zolas Gesang. Egal ob mit oder ohne Mikrofon, gross auf der Bühne oder erstaunlich klein mitten im eher spärlichen Publikum – ihre Stimme und die treibende Musik überraschten so manchen Prog-Fan.

Dass Zola Jesus barfuss umherkroch musste sein, schliesslich war für Herr Wilson der Teppich bereits ausgelegt. Und der benötigt weder Schuhe noch falsche Tricks, um seine eigene Neugeburt des zeitgenössischen Progs mit voller Bravour aufzuführen. Weiss die Musik des Künstlers seit Jahrzehnten zu begeistern, haben die Liveshows mit dem neusten Album „Hand.Cannot.Erase“ eine neue Ebene erreicht. Fantastische Videountermalung, spannende Lichtspielereien und eine Begleitband, die mit ihrem technischen Können alles in den Schatten stellt. Auch dank der bunten Mischung aus Stücken seiner Soloalben und alten Klassikern von Porcupine Tree erreicht Steven Wilson immer mehr den Zustand des perfekten Konzertes.

Depressive Härten bei „Sleep Together“ oder „Index“ wechselten sich mit melancholischer Schönheit bei „Lazarus“ und „Happy Returns“ ab. Ausufernde Instrumentalpassagen liessen die Besucher genau so platt zurück wie die traurigen Botschaften in Videos und Texten – das Konzert von Steven Wilson war in jedem Belang ein mit- und hinreissendes Erlebnis. Obwohl er sich als Zeremonienmeister und Ansagenkönig etwas zurückhalten und der Screen wegen dem Festival-Logo verkleinert werden musste – jeder Besucher verliess den Luzernersaal glücklich und begeistert. Wilson bewies erneut, dass er im Art-Rock und Prog zurecht einem Gott gleicht.

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Fovea Hex – The Salt Garden 1 (2016)

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Fovea Hex – The Salt Garden 1
Label: Headphone Dust, 2016
Format: 10inch Vinyl mit 2 CDs
Links: Discogs, Band
Genre: Folk, Art-Pop, Ambient

Wenn ein Gott plötzlich Personen in sein Reich lässt, diese grossherzig willkommen heisst und sie wohl behütet bleiben lässt, dann müssen diese Menschen etwas sehr besonderes sein. Fovea Hex mussten sich somit sofort mit grossen Erwartungshaltungen konfrontiert sehen, denn als erste Band wurden sie auf dem Label von Steven Wilson ins Portfolio aufgenommen. Doch geschickt umgeht die Band all diese Vorurteile und Gefahren und präsentiert mit „The Salt Garden 1“ eine EP, die musikalisch wohl niemand erwartet hatte. Feenstaub hallo!

Clodagh Simonds sammelt unter dem Namen Fovea Hex nicht nur sanfte Stimmungsbilder auf EPs, sondern auch hochkarätige Mitspieler. So unterstützten sie nicht nur Herr Wilson selber, sondern auch Brian Eno oder Roger Fripp. Diese Musiker formten für Simonds Stimme immer passende Lieder und gaben ihr ein verzauberndes Umfeld. „The Salt Garden 1“ ist nicht nur ein Neustart, sondern eine Fortführung bekannter Tugenden. Mit vier andächtigen Liedern voller sakraler Melodien und schönem Gesang versinkt die Künstlerin in einem Nebel aus Folk, Pop und Ambient. Sanfte Instrumentenspuren umfliessen ihre Knöchel, Chorgesang erhebt sich zwischen den Polen. Gemächlichkeit und bedachtes Handeln stehen an vorderster Stelle, so wird bei „The Golden Sun Rises Upon The World Again“ genau dieser Satz zu einem kompletten Lied ausgedehnt. Allgemein verlässt sich Fovea Hex eher auf Wirkung als auf Worte, bei „Solace“ werden diese nämlich komplett weggelassen. Durch diese Wendung erstarkt das Lied in seiner Form und ist das Highlight. Den Eindruck hatte wohl auch Steven Wilson, der aus den kurzen Minuten auf einer zusätzlichen CD ein über 20 Minuten langes Ambientschauspiel kreierte.

Ganz klar der irischen Heimat huldigend, gleichzeitig aber auch komplett eigenständig auftretend ist „The Salt Garden 1“ eine wunderschöne Begegnung mit Clodagh Simonds. Ohne sich an den typischen Klischees zu vergreifen, erschuf die Künstlerin einen schwelgerischen Auftakt zur neuen Trilogie. Wilsons Wahl, Fovea Hex als erste Labelkollegen zu präsentieren, ist erstaunlich frei und gelungen. Eine wundervolle EP für genussvolle Minuten.

Anspieltipps:
The Golden Sun Rises Upon The World Again, Solace

TesseracT – Polaris (2015)

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TesseracT – Polaris
Label: Kscope, 2015
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Metal

Schräge Takte, metallener Bassklang der unter die Kniescheibe zieht, harte Riffs und dann plötzlich: Wunderbare Keyboardflächen, mitreissender Gesang und emotionaler Abschluss. Das eröffnende Lied von „Polaris“ zieht gleich alle Register, um dann fliessend in „Hexes“ überzugehen und dabei an Muse oder den Prog-Künstler t zu erinnern.‎ TesseracT zeigen auf, wie Prog-Metal im Jahre 2016 klingen kann, ohne den Stil zu verleugnen oder in tief eingefahrene Furchen abzudriften. Intelligent, durchdacht und trotzdem organisch fliessend.

Wie es der Labelwechsel zu Kscope bereits andeutete, ist die neuste Platte der Engländer keine reine Übung in technischer Überlegenheit und Härtegrad. Das Genre wird von der Band geschickt mit Rock und dessen vielfältigen Zusätzen verwoben – besonders berauschend mit dem Art-Rock. Kein Song auf „Polaris“ will nur mit seinen Muskeln beeindrucken, sondern findet immer wieder einen Weg, um die Augen glänzen und die Gedanken schweifen zu lassen. Arrangiert sind die Lieder wahrlich grossartig, einzelne Liedteile greifen vor, nach oder ineinander. Mit Mut zur harmonischen Gewalt und der einschüchternden Harmonie verzaubern TesseracT Herz und Kopf zugleich. Dabei dürfen die Musiker schwelgen, alles leise entstehen lassen und Lieder ganz sanft streicheln – ohne die Gefahr zu laufen, „Polaris“ im Kitsch zu verschenken. Wie Steven Wilson erreicht die Band eine homogene Verbindung aller Stile. Im Gegensatz zum Prog-Gott wird hier der Wut auch viel Platz gelassen, der Metal drückt durch und knallt alles an die Wand. Die dabei entstandenen Flecken sind aber schöner als manches Gemälde.

Wer sich zwar gerne mit Prog-Metal beschäftigen würde, aber immer von dessen Wildheit und den Frickeleien abgeschreckt wurde – oder über den Pathos mancher Bands kotzen könnte – der findet bei TesseracT endlich wieder einen sicheren Hafen. „Polaris“ ist aufregend, gefühlvoll, wild an den richtigen Stellen und abwechslungsreich. Obwohl eigentlich nichts Neues oder Fortschrittliches versucht wird, erhält man hier Musik von höchster Güte. Somit auch endlich eine Band, die von den langweiligen und bekannten Pfaden abweicht. Und all dies mit einer grossartig druckvollen Produktion.

Anspieltipps:
Hexes, Utopia, Seven Names