Rock’n’Roll

The Dead Brothers – Angst (2018)

Seit 1998 ist das Kollektiv The Dead Brothers dran, die Schweiz von Genf aus in einen Friedhof zu verwandeln. Dazu benötigen sie aber keine Schaufeln und Leichen, sondern unzählige Instrumente, einen schauerlichen Umgang mit Folk und viele Tanzmelodien. Nun endlich gibt es mit „Angst“ das siebte Album der Gruppe und präsentiert ein solch breites Spektrum, dass fast jedes Lied für sich alleine beschrieben und gefeiert werden sollte. Von wildem Rock’n’Roll zu morbiden Traditionsbearbeitungen, deutschem, französischem oder englischem Gesang und sogar Jodel aus der Gruft – hier findet man alles.

Da The Dead Brothers ihre Lieder immer in einen handgemachten und traditionellen Kontext stellen, hat man nie das Gefühl, auf diesem Album passiere zu viel. Viel eher lauscht mal gespannt der Zither, Geigen, Banjos, Orgeln oder mysteriösen Chorgesänge. „Zeirli“ lockt wie auch „Es isch kei Soelige Stamme“ auf die abgestorbene Alp, „Pretty Polly“ lädt zum Tanze in einem verdreckten Keller ein, „Mean Spirit Blues“ holt die Sklaverei zurück. Man denkt am Künstler wie Nick Cave („Everything’s Dead“), Stephan Eicher oder einen analog reduzierten IAMX – doch immer bleibt diese Truppe in ihren Darbietungen und Arrangements eigen.

Wären Stilrichtungen wie Blues, Rock oder Folk untote Wesen am mitternächtlichen Umzug durch ein verlassenes Dorf, dann würden sie so klingen wie auf „Angst“ dargestellt. The Dead Brothers sind also immer noch die Band, die das schwarz gekleidete und horrormässige Gegenteil von Patent Ochsner darstellt und somit verführen und gruseln. Dass dabei der Humor nie fehlt, das sollte eigentlich selbstverständlich sein und macht aus „Angst“ eine wunderbar Runde Platte. „I Had A Dream Last Night That I Was Dead“ – was könnte es schöneres geben?

Anspieltipps:
Everything’s Dead, Zierli, Angela

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sexy und Miss Kryptonite, Oxil Zofingen, 17-12-30

Pippi Langstrumpfs Lieblingssause
Bands: Sexy, Miss Kryptonite
Samstag 30. Dezember 2017
Oxil, Zofingen

Zofingen – diese Stadt wusste schon immer, wie man feiert. Somit werden hier runde Geburtstage nicht im kleinen Rahmen mit Freunden genossen und dann müde lächelnd eine Kerze ausgeblasen – nein, hier werden laute Bands von der Leine gelassen und eine Nacht lang durchgetanzt. Getreu dem Namen „Pippi Langstrumpfs Lieblingssause“ wurde die letzte Konzertnacht des Jahres im Oxil zu einem rauschenden Fest des Rock. Natürlich mit Lokalhelden.

Miss Kryptonite bewiesen zu Beginn gleich, dass die Reaktivierung der ehemaligen Kriegsschlaufe ein genialer Schachzug war. Bern und Zofingen sind sich dadurch nicht nur näher gekommen, es entstehen auch frische und energetische Kombos in Proberäumen. Die Gruppe um Frontfrau Désirée Graber spielt erst seit einem halben Jahr Konzerte und zeigte auch an diesem Abend, dass ausufernder Rock, Grunge und Falsettgesang sehr wohl noch explosiv wirken. Mit dynamischen Songs, die sich besonders gerne in instrumentalen Teilen suhlten, steigerte sich der Auftritt mit jedem Takt und endete in sehr starken Kompositionen wie „Whoo“.

Das Geburtstagskind Flo Hugener liess sich die Chance dann auch nicht entgehen, zusammen mit der Band noch den Kracher „Cherry Bomb“ zu singen und die Besucher zum ersten Mal richtig ausflippen lassen. Auch Sexy boten der ehemaligen Sängerin von DustInEyes das Mikrofon in der Mitte ihres Auftrittes an und liessen somit die männliche Erotik für ein paar Minuten von Östrogen gesättigt werden. Aber sonst war es klar: Purer Rock’n’Roll mit blossem Oberkörper, krachenden Riffs und verschwitzten Haarsträhnen. Die Jungs spielten sich und den Saal zurück in die glorreiche Zeit der Gitarrenmusik und machten alles besser als ihre Vorbilder.

Ob klassisch direkt oder technisch verspielt, erneut wurde mit Bass, Schlagzeug und Gitarre die Welt ein Stück runder gemacht. Geburtstage sollen schliesslich weit zu hören sein und noch lange nachhallen. Sei es nun wegen der vielen Biere, die man irgendwo zwischen Kopf und Füssen verloren hat, oder wegen der starken Songs. Und wer nach den Darbietungen der heimischen Liedermacher noch nicht genug hatte, dem wurde durch DJ Rockette noch stundenlang beste Kost auf dem Plattenteller serviert. Ab jetzt jedes Jahr genau so, oder?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Devils – Iron Butt (2017)

Euch ist das Flötengedudel so etwas von verleidet? Euch nervt dieses brave Pullovertragen unter dem erleuchteten Baum? Dann gibt es eine kleine Ergänzung für euer Familienfest, das nicht nur den Grosseltern die Augen aus dem Kopf kullern lassen wird: „Iron Butt“, das neue Teufelskind aus Italien, ein Albumbastard zwischen blasphemischen Gedanken und gnadenlosem Garage Trash. The Devils packen sich jeden Engel von hinten und rasen danach mit ihrem zweiten Werk auf dem Motorrad durch die Backstube davon.

Bei klangvollen Liedernamen wie „Guts Is Enough“ oder dem alles klar machenden „Put Your Devil Into My A**“ werden erste Zweifel gleich mit Peitsche und Lederkluft klein geprügelt und The Devils füllen den Raum mit extrem übersteuertem Punk und Rock’n’Roll. In zwanzig Minuten prügelt sich das Duo mit Erica Toraldo am Schlagzeug und Gianni Pregadio an der Gitarre wie ein Wirbelwind durch schnelle und energetische Tracks. „Pray You Parrots“ macht jeden Pogo-Tänzer zum glücklich strahlenden Kind, anderes wie „White Collar Wolf“ macht mit extremer Fuzz-Gitarre aus jeder Freak-Show einen Weltuntergang.

Ob sich The Devils nun am Lo-Fi No Wave aus New York angleichen oder ganz Europa mit ihrem harten Garage Rock brennen lassen, „Iron Butt“ ist immerzu extrem laut, wild und lustvoll. Wer mit diesen Teufeln tanzt, der verspürt zwar eine extrem beglückende Lust, wird sich wohl aber auch die Seele verbrennen und sein Karma ans Kreuz nageln. „Don’t Tell Jesus“ singen die beiden Künstler, aber wieso sollte man auch, hier spielt das Leben und die ausgelassene Freude.

Anspieltipps:
Put Your Devil Into My Ass, Pray You Parrots, Don’t Tell Jesus

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Dirty Denims – Back With A Bang (2017)

Band: The Dirty Denims
Album: Back With A Bang
Genre: Rock

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: thedirtydenims.nl

Nein, “One Way Ticket (The Hell Outta Here)” ist kein vergessener Song von AC/DC, es ist der neue Hardrock-Knaller von The Dirty Denims. Dieses Zitateraten geht auf “Back With A Bang” mit jedem Song fröhlich weiter, die Band um Frontfrau Mirjam macht keinen Hehl um ihre Inspiration. Ob The Ramones, Joan Jett oder The Hellacopters – hier wird alles in den holländischen Mixer geworfen und als launiges und energiereiches Produkt wieder ausgespuckt. Schön, ist das Album nun endlich komplett vorhanden.

Die ersten sechs Lieder dieser knallenden Rückkehr gab es bereits im April zum Durchtanzen, jetzt erhält man die B-Seite und endlich auch das komplette Werk als schwarze Scheibe. Die wilde Rock’n’Roll-Party kann also losgehen, Lick-Monster wie “Loud Stuff” bieten den perfekten Grund. The Dirty Denims haben verstanden, dass es bei dieser kraftvollen Art des Gitarrenrocks vor allem darum geht, die Hörer zu befriedigen und die Leute zum Feiern zu animieren. Mit diesen zwölf Songs wird auch genau dies geboten – seien es die Luftgitarrenaufforderung “Don’t Waste My Time” oder der Pogo-Schwank bei “Gotta Run”, alles ist vorhanden.

Seit zehn Jahren machen The Dirty Denims die Welt mit ihrem gut gelaunten, druckvollen Hardrock, ihren eng sitzenden Hosen und ihren energetischen Konzerten zu einem besseren Platz. Dass sie mit dem Album “Back With A Bang” dabei weder die Musikrichtung noch das Instrumentenspiel neu erfinden, soll niemanden stören, schliesslich singen sie auf “We Want More” gleich selber: “We Don’t Care / You’ve Heard It All Before / Hey We Like It / We Want More”. Kann man ohne mit der Wimper zu zucken so unterschreiben.

Anspieltipps:
Don’t Waste My Time, Virtual Reality, Gotta Run

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

WolfWolf – The Cryptid Zoo (2017)

Band: WolfWolf
Album: The Cryptid Zoo
Genre: Rock’n’Roll / Garage / Trash

Label/Vertrieb: Lux Noise
VÖ: 8. September 2017
Webseite: wolfwolfband.com

Hereinspaziert, hereingekrochen, Freunde der unwohlen Unterhaltung und verschrobenen Gestalten. Was sich in diesen 14 Kammern – jawohl, unglaubliche 14 Räume voller Überraschungen und Unvergesslichkeiten – abspielt, das habt ihr so noch nie erlebt! Starke Gehirne und sichere Mägen vorausgesetzt, Entdeckergeist und überstürzter Mut als Beilage noch mitgeliefert, schon geht die Reise durch „The Cryptid Zoo“ los. Begleitet werdet ihr von zwei Herren, die nicht nur haarig heissen, sondern euch auch gleich ein Fell herbei- und vorbeizaubern werden. Tür und Tor auf, heisst mit mir zwei Gestalten willkommen, die zwischen Gedanke und Albtraum leben: WolfWolf!

Ja genau, diese zwei Menschen – wobei diese Bezeichnung ja schon fast irreführend ist – nehmen euch bei der Hand, ziehen an euren Ohren und lassen eure Glieder unkontrolliert zappeln. Denn Mister Wolf und Mister Wolf, zum ersten Mal 2011 im Grünenwald gesichtet, leben seit Jahrtausenden davon, dass sie mit ihren Instrumenten den Alltagsbann in euren Knochen zerbröckeln. Sie nutzen dazu die Zaubermittel vieler Generationen und mischen mit Gitarre, Banjo, Schlagzeug, Bläsern und Wünschelrute einen Wirbelsturm an Absurditäten. Gesammelt haben WolfWolf ihre Geschichten in verwunschenen Wäldern, in giftigen Sümpfen und an Jahrmarkten, die von echten Monstern betrieben werden.

Egal welche Kammer ihr zuerst betretet, ob die von „The Blind Butcher“, die des „Linzer Walzer“ oder die der „Creepy Things“ – haltet eure Monokel und Gehstöcke am besten mit beiden Händen fest. Wie die Tiere in den nahen Gebieten sind auch WolfWolf unzähmbar, wechselhaft und immer knurrend. Psychobilly, Rock’n’Roll, Garage Trash oder einfach nur Naturmusik für Unerschrockene, „The Cryptid Zoo“ bietet für alle Fetische das Heilmittel. Und wenn ihr ein Kind auf Stelzen oder ein Ausserirdischer mit Farbe im Gesicht seid, eure Lügen werden schmelzen!

Anspieltipps:
The Blind Butcher, Linzer Walzer, Creepy Things

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Wolfmother, Volkshaus Zürich, 16-05-09

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Wolfmother
Support: Electric Citizen
Montag 09. Mai 2016
Volkshaus, Zürich
Setlist

Wenn sich eine Band schon Mühe gibt und ihren Sound so klingen lässt wie damals, als der Rock noch Mädchen abschleppte und man die Haare wild wuchern liess – dann darf doch auch das Drumherum angepasst sein. Es braucht keine Lasershow und sich bewegende Bühnenteile, es braucht keinen topmodernen Saal und schon gar nicht eine Horde von Musikern und Begleitern. Wolfmother kamen zu dritt in kompakter Besetzung auf die Bühne des Volkshauses in Zürich und transportierten die Zuschauer riffmächtig in den Himmel des Heavy Rock.

Es war nicht immer einfach für die Band – oder besser gesagt deren Boss Andrew Stockdale. Der Australier beglückt die Welt seit 2000 mit seiner Musik, doch nach dem grandiosen Debüt-Album „Wolfmother“ zerbrachen Band und Musik schrittweise. Die Lieder erreichten nicht mehr die Hitverdächtigkeit ihrer Vorgänger, das Besetzungskarussell drehte sich. Glücklicherweise spürte man davon aber in Zürich nicht viel, denn Wolfmother zeigten sich voller Energie und Kampfgeist. Mit „Victorious“ und „New Moon Rising“ stieg die Gruppe wild in das Konzert ein und lockerte den Griff zu keiner Minute. In dem schönen Saal wirbelten alsbald Menschen und Bierbecher durcheinander und die Frühlingsluft wurde sommerlich heiss.

Dass der Jubel immer dann am lautesten war, wenn Lieder des Erstlings gespielt wurden, war klar. Stücke wie „Woman“, „Dimension“ oder „Apple Tree“ funktionieren immer noch perfekt und sind die Ausgeburt des treibenden Rock. Harte Riffs brechen auf das wirbelnde Schlagzeug ein, Bass und Orgelklänge planieren alles am Boden. Die Musiker verausgabten sich und jeder Song wurde mit hohem Tempo gespielt. Dass Schlagzeuger Alex Carapetis dabei nicht nur fast eine Sonnenbrille, sondern auch alle Energie verlor, war kein Wunder – solche Musik kennt keine Gnade. Das dachte sich wohl auch der Mischer und liess den Sound oft in einer Brühe versinken. Vielleicht eine Hommage an vergangene Tage? Wie auch immer – Wolfmother machten aus dem Wochenanfang die grösste Party der Rockmusik und besiegelten dies mit einem halsbrecherischen „Joker & The Thief“.

Gefährlich für den Körper waren bei der Vorband Electric Citizen nur die Bewegungen der schönen Frontfrau Laura Dolan. Sie krümmte ihre Figur zum Rock’n’Roll und hatte wohl vor dem Konzert die Standardposen aus dem Lehrbuch abgeschaut. Das passte aber ganz gut zu den Klängen, wagte sich die Band doch selten aus den Klischees des Retro-Rock heraus. Ihre Lieder klangen alle sehr ähnlich und waren meist leider nur dann packend, wenn Dolan nicht gesungen hat. Spannender zu beobachten war aber sowieso Drummer Nate Wagner. Der sah nicht nur aus wie The Animal von den Muppets, sondern bewegte sich auch so. Und nach dem Augenschmaus gab es von Wolfmother schliesslich genügend auf die Ohren.

Bild von Dietmar Grabs http://www.dietmar-grabs.de/

Bild von Dietmar Grabs
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Live: Würger, Provitreff Zürich, 16-02-12

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Würger
Bands: Machinegun Coxxs, DustInEyes, Koraktor, Veil Of Light
Freitag 12. Februar 2016
Provitreff, Zürich

Ein Pfeifen in den Ohren, die Sicht durch Nebel eingeschränkt und die Augen von Scheinwerfern geblendet. Zwischen schwarzen Mänteln und Jeansjacken findet man den Weg von der Sihl zu der Bar, aus dem Saal dröhnt der Dark Wave von Koraktor. Obwohl der Name vorgaukelt, die Besucher werden hier verzaubert und somit in die Irre geführt, weiss die Band aus Zürich genau, was reale Wucht ist. Bässe dröhnen, Beats schlagen Löcher in den Bühnenboden und die dunklen Seelen werden heraufbeschwört. Das Provitreff machte eine Nacht lang die Türen auf, um das musikalische Universum des Trios zu zelebrieren, die perfekte Gelegenheit um die Sau raus zu lassen.

Wobei, mein eigentlicher Besuchsgrund reiste als einzige Band aus Italien an. DustInEyes, eine Formation aus der Vergangenheit, eine Wirkung für die Zukunft. Die Gruppe existiert seit Jahren, fand in Flo aber endlich eine neue und passende Sängerin. Der dreckige Rock’nRoll wird durch ihre Stimme noch wilder, die Lieder durchgraben alle Tiefen und Möglichkeiten der Gitarrenmusik. Ohne Rücksicht und Kompromisse startete die Band in ihr Set und verzichtete sogar auf Pausen zwischen den Songs. Warum auch? Schliesslich kamen die Leute ins Provitreff um ihre Haare zu schwingen und nicht um zu Tee Diskussionen zu führen. Somit wurden die Ohren unbarmherzig beschallt, zwischen harten Riffs und heftigen Attacken des Schlagzeugs rüttelten die Bassspuren am Fundament.

Sex und Rock gehören schon seit eh und je zusammen, die Italiener mit Schweizer Gesangskraft bewiesen diesen Umstand einmal mehr. Da war der Einstieg mit Machinegun Coxxs etwas schwieriger. Das Trio aus Zunzgen bretterte auch wild los, verfing sich leider etwas in den Wechseln ihrer Songs. Ihr schwerer Rock mischte sich mit Augenzwinkern des Metal und Stoner, Motörhead wurden passend gehuldigt. Trotzdem konnte die Musik ihre versuchte Wirkung nicht einholen, vielleicht wären ein paar weitere Überlegungen nötig. Passend fügte sich aber alles im Provi zusammen, endlich wieder einmal ein Abend mit kleinen und ehrlichen Bands, voller Lust und Potential. Erstaunlich, wie sich hier Goth, Punk und Rock zusammen fand um zu feiern. So etwas macht Spass, besonders mit Freunden und wilden Körperbewegungen.

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The Wild Feathers – The Wild Feathers (2013)

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The Wild Feathers – The Wild Feathers
Label: Warner Bros. Records, 2013
Format: Vinyl mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Country-Rock, Americana

Hätte mir jemand gesagt, dass ich dieses Jahr meine Country-Rock Sammlung eröffnen werde, da hätte ich ihn wohl merkwürdig angeschaut und gelacht. Aber tatsächlich, mit „The Wild Feathers“ ist die erste Scheibe aus diesem Gebiet in meinem Regal gelandet – eine gute Freundin war dabei ganz und gar nicht unschuldig. Empfehlungen höre ich mir immer gerne an, und hier hat mich der Song „The Ceiling“ gleich beim ersten Durchgang total weggeblasen. Ein wunderschönes Lied zwischen Country, Rock und Americana, mit einer schönen Steigerung, einem grossartigen Refrain und dem wunderbaren „We Should Be Easy“-Ausklang. Die Band hat sich hier echt ins Zeug gelegt und perfekt komponiert – die wechselnden Sänger sind nur eines der überzeugenden Elemente.

Dabei startet das Album eher konventionell, „Backwoods Company“ ist ein straighter Rocker und gefällt mit seiner simplen Struktur. Bereits „American“ zeigt aber, wieso ich die Band sofort ins Herz geschlossen habe: Grosse Melodien und ein Refrain der euphorisch und wunderbar gesungen daherkommt. Bei solchen Liedern bin ich schnell und gerne begeistert. Diese Wirkung kann das Album zwar nicht auf voller Länge erzeugen, gefällt aber auch sonst sehr gut. Die Musik ist locker und schnell gespielt, typische Instrumente wie Countrygitarren und rumpelndes Schlagzeug erhalten viel Raum. Spannend ist, dass die Band aus fünf Typen besteht und gerne mehrstimmigen Gesang und haufenweise Gitarrenspuren auffährt. Das Klangvolumen ist somit nicht klein und reduziert wie in einer staubigen Whiskeybar, sondern gross wie im Stall der nächstgelegenen Ranch. Dabei sind alle aus der Stadt zum tanzen eingeladen und die Sonne scheint goldgelb durch die Ritzen in der Wand. Gute Laune verbreitet die Musik ab der ersten Minute und verfällt nie in ein melancholisches Klagen – auch nicht bei den Balladen.

Sicherlich, wer mit den USA und den damit verbundenen Eigenheiten der Musik nichts anfangen kann, wird auch hier eher die Nase rümpfen. Allen anderen lege ich aber ans Herz, einmal in diese Scheibe reinzuhören. Die frisch klingende Mischung aus Rock’n’roll, Blues und Country lässt sich immer wieder gut anhören und bringt auch Licht in graue Wintertage. Dass gewisse Lieder wie „Tall Boots“ etwas zu klischeebeladen daherkommen, verzeihe ich der Gruppe dabei gerne.

Anspieltipps:
American, The Ceiling, Hard Times

Das dazu passende Getränke:
Ein Bourbon, direkt aus dem Heartland.

The Black Submarines – München rollt

The Black Submarines aus München sind eine junge und frische Band bestehend aus 4 Jungs welche sich dem Blues und Rock’n’nRoll verschrieben haben. Dabei greifen sie nicht nur tief in die Kiste der Klassiker, sondern lassen auch neuzeitliche Einflüsse in ihre Musik und schreiben knackige und tolle Songs. Am Anfang ihrer Karriere stehend, sind sie momentan vor allem damit beschäftigt ihr erstes Album zu vollenden und Konzerte zu spielen. Durch eine glückliche Fügung kam ich in Berlin in Kontakt mit ihnen und darf hier nun ein ausführliches Interview präsentieren.

Ihre Musik findet ihr auf der Homepage oder auf Soundcloud.

Junge Münchner spielen Rock’n’Roll mit viel Einfluss der vergangenen Jahrzehnten, Harp und tollen Gitarrenriffs. Spontan, oder gesuchte Richtung mit klaren Vorbildern?
Wir denken, dass es allgemein wenig Sinn macht, sich die Musikrichtung gezielt zu suchen. Das impliziert gleichzeitig eine Verkopfung und Geplantheit, die es dann sehr schwer macht ehrliche Emotionen in die Musik zu legen. Bei uns war die Musikrichtung einfach logische Folge der musikalischen Einflüsse, die wir seit langem schon gehört hatten. Interessant ist, dass wir vier aus sehr unterschiedlichen Richtungen kommen. Da gibt es die Stonerrock- und Metal-Einflüsse, aktuellen Alternativrock, ursprünglichen Garagerock, so wie fast unvermeidliche Einflüsse der Rolling Stones, Beatles und Led Zeppelin genauso wie den Blues der 40er, 50er und 60er Jahre. Aber auch Folk und mitunter Hip-Hop usw. Strikte Grenzziehungen zwischen Musikrichtungen sind ja auch irgendwie unsinnig. Dennoch ist der Rock’n’Roll und noch viel mehr der Blues ja letztlich die historische Grundlage so ziemlich jeder Populärmusik. Für uns vier war es daher relativ einfach, sich hierauf zu einigen. Letztlich versuchen wir ja ein Mittel zu finden zwischen Beatblues und Athmosphärischen Elementen, das von Song zu Song variiert. Das gelingt natürlich mal so und mal so. Worauf wir aber relativ stolz sind ist, dass trotz der Unterschiedlichkeit der Songs ein Wiedererkennungswert definitiv vorhanden ist 🙂

Die Texte folgen meist auch dem klassischen Schema der Musik. Fliesst da persönliches ein oder erzählt ihr lieber Geschichten? Und wie ist die Arbeitsteilung in der Band?
Dass die Gesangsstruktur dann auch der Musikidee folgt ergibt sich ebenso aus unseren Einflüssen. Da wird ja meistens nicht viel nachgedacht, sondern einfach ausprobiert.
Meistens entsteht erst der Text, dann wird dieser vertont. Die Lyrics stammen dabei alle, zumindest in der Rohfassung, von Richy und werden dann weiterentwickelt. Inhaltlich geht es da viel um Emotionsaufarbeitung, auf die Frage bezogen also: Geschichten, die persönliches erzählen. Regelmäßig erscheinen dann irgendwelche Musen in Richys Kopf und knutschen ihn zu Tode. Das schreibt er dann schnell auf Papier, ohne viel nachzudenken. Klar wird dann noch am Reimschema oder ähnlichem gearbeitet, aber meistens bleiben sie in der Erstform bestehen – die entpuppt sich in der Regel als die Beste!
Dann wird der Song von der Erstfassung auf Bandfassung getrimmt, was heißt, dass zweite Gitarre, Schlagzeug und Bass ihren Beitrag ausloten, jammen, probieren, bis etwas neues entsteht. Manchmal entstehen dann auch intuitiv eine zweite und z.T. dritte Gesangsstimme.
Wichtig dabei ist einfach, dass in diesem Stadium innerhalb der Band dann ein sehr respektvoller und offener Umgang herrscht, man sich alles sagen und auch kritisieren kann. Denn gerade am Anfang war es natürlich schwer, sich vor Leute zu stellen und die Texte vorzulesen oder zu singen. Die Band ist da ja in gewisser Weise das erste Publikum…

Eine Karriere als erfolgreiche Band, immer noch ist dies eine romantische Karrierevorstellung vieler Menschen. Was versprecht ihr euch im heutigen Musikbusiness, gibt es diesen Weg noch oder bleibt es eher eine Nebenbeschäftigung?
Den Traum von der Musik leben zu können hat wahrscheinlich jeder junge Mensch, der Kunst macht. Aber wir machen die Musik ja primär aus Selbstzweck, sozusagen für uns selbst und das ist erst mal das Entscheidende. Man tut dies ja, weil einen das „sich künstlerisch Ausleben“ an sich in irgendeiner Form weiterbringt. Und die Romantik darf dabei nicht fehlen, das Träumen. Mit unserer Musik werden wir es zwar wahrscheinlich nie in irgendwelche Pop-Charts schaffen; was aber oft unterschätzt wird, ist der alternative Musikbereich. Wir befinden uns eben in einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der eine Nachfrage nach viel unterschiedlicher Musik besteht, was an sich eine tolle Entwicklung ist und durchaus seine eigenen Chancen bietet.
Wir für unseren Teil träumen ein bisschen und müssen gleichzeitig realistisch bleiben. Wir schauen einfach, was auf uns zu kommt. Letztlich können wir ja nur gewinnen: wir machen etwas, das uns unglaublich Spaß macht und nur weil wir davon nicht leben können, hört es ja nicht auf uns Spaß zu machen. Wir hatten wahnsinnig coole Erlebnisse mit der Band, Erfahrungen die wir sonst nie gemacht hätten. Dafür muss man dankbar sein, egal was dann letztlich noch passiert.

Wie gestaltet sich das Bandleben bei euch, trefft ihr euch regelmässig um zu proben oder ist es schwierig gemeinsame Termine zu finden?
Wir versuchen uns natürlich möglichst oft zu treffen. Einmal des Probens wegen und andererseits auch um einfach als vier Freunde n Bier zu trinken und sich zu unterhalten. Wie oft das passiert kommt auch immer darauf an was gerade ansteht. Vor Konzerten, Studioaufnahmen oder Theaterproben wird die Frequenz natürlich noch einmal erhöht.
Was das ganze ziemlich verkompliziert hat ist, dass unser Bassist (Charly) seit knapp einem Jahr in Berlin wohnt. Das muss man natürlich organisatorisch erst mal stemmen, da die anderen drei ja auch nicht immer Zeit haben. Aber letztlich ist es doch immer so: wenn man etwas wirklich machen will, dann findet man auch einen Weg. Wir proben z.B. auch viel zu dritt, nehmen die Proben auf und schicken diese dann nach Berlin. So ist auch schon ein Song komplett per whatsapp-Kommunikation entstanden 🙂 Wir arrangieren uns da, klar ist es nicht die perfekte Situation, aber wir kriegen das ganz gut hin.

Konzerte, Konzerte, Konzerte. Sicherlich in dieser Zeit der beste Weg um eure Musik zu verbreiten und bekannt zu machen. Doch eine Tournee ist aufwändig in Zeit und Geld. Was habt ihr da für Pläne?
Naja der Plan ist: Konzerte, Konzerte, Konzerte. Wir versuchen unsere Fühler da möglichst weit auszustrecken und glücklicherweise wird das ganze durch das Internet ziemlich vereinfacht. Letzten Monat haben wir so z.B. in Stuttgart spielen können. Aber solche Projekte gehen momentan leider noch zu viel auf die Privatbudgets der einzelnen Bandmitglieder… Man muss da ja den Transport des ganzen Equipments, Übernachtungen und alles Mögliche mit einplanen. Dazu kommt, dass wir alle in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen sind (Studium, Arbeit), was es ungesignten Bands wie uns, also Bands ohne Plattenvertrag in welcher Form auch immer, dann auch schwierig macht in einem Stück ein bis zwei Wochen unterwegs zu sein. Aber auch da bleibt zu sagen, dass wir Lust haben und einfach sehen müssen was die Zeit bringt. Vielleicht klappt ja demnächst eine kleine Italien-Tournee; ein paar Kontakte gibt es schon…
Zur Musikverbreitung ist jetzt vor allem auch erst mal die CD -Veröffentlichung wichtig. Wir sind da gerade noch am organisieren und auf der Suche nach dem passenden Label…

Eure Musik begleitete schon oft Film und Theater. Ist das eine Symbiose die auch in Zukunft statt finden wird? Könnt ihr euch auch vorstellen mal explizit für Filme Musik zu komponieren?
Ja, das hat uns natürlich sehr gefreut, dass unsere Musik auch dort Anklang und Verwendung findet. Auch, da das natürlich wieder eine Möglichkeit darstellt, neues Publikum zu erreichen. Es war in diesen Fällen auch immer so, dass die jeweiligen Filmemacher oder Theaterverantwortlichen auf uns zugekommen sind. Ein gutes Zeichen für uns, da wir sahen, dass wir nicht nur diesen Beatblues, dieses Tanzelement in der Musik haben, sondern eben auch gut Atmosphäre schaffen können. Was vor allem in der Theaterproduktion, bei der wir die Aufführungen live begleitet haben, spürbar war. In dem Fall war es dann auch so, dass wir explizit Musik für das Theater geschrieben haben. Mit Konzept, wiederkehrender Titelmelodie und so weiter. Das war dann natürlich ein ganz anderes Arbeiten, als wir es sonst gewohnt sind, aber eine tolle Erfahrung, die uns auch wirklich weitergebracht hat. Also zu beiden Fragen: Ja!

Da ihr in München zu Hause seid werdet ihr wohl auch dort momentan am häufigsten tätig sein. Bietet die Stadt viele Auftritts- und Kollaborationsmöglichkeiten? Gibt es auch Varianten um Föderungsgelder für Aufnahmen und Produktion zu erhalten?
Es gibt hier in München mittlerweile schon eine Live-Szene, die aber die Party-Szene keinesweg dominiert und letztlich wie die Stadt selbst ist: ein Millionendorf. Da gerät man am Ende immer wieder an dieselben Personen, was Vor- und Nachteile hat. Letztlich kennt man sich und hilft sich auch, das Verhältnis ist jetzt weniger vom Wettbewerb geprägt, was natürlich sehr schön ist. Am Ende sitzen ja alle im selben Boot und wollen Musik machen.
Natürlich gibt es auch Varianten Förderungsgelder zu erhalten. Aber das ist natürlich, wie alles in Deutschland, irgendwo im „Bürokratie-Dschungel“ versteckt. Wir sehen uns da gerade um.

Das Debut-Album ist im Kasten und weiteres Material am entstehen, da stellt sich die Frage wie die Lieder veröffentlicht werden sollen. Zu der Musik passend wäre Vinyl, gibt es da Pläne oder wird eher dem Zeitgeist entsprechend auf Digital und für haptische Käufer auf CD gesetzt?
Die Frage stellt sich bei uns noch gar nicht wirklich. Erst einmal geht es darum ob wir die Musik selbst veröffentlichen müssen oder ob wir es noch schaffen ein kleines Indielabel von uns zu überzeugen. Damit hätte man natürlich eine viel größere Reichweite als bei einer Eigenveröffentlichung. Mal sehen was da noch passiert.
Ansonsten klar: Vinyl wäre geil!

Zu guter Letzt: Wieso denn The Black Submarines?
Eigentlich wollte Richy ein Mädchen beeindrucken: „Es klang einfach irgendwie cool an dem Abend und wir waren gerade auf Namenssuche, da wir aus heiterem Himmel unser erstes Konzert drei Tage später bekommen hatten und da ja irgendwie angekündigt werden mussten . Damals war irgendwo in der Stadt ein Plakat auf dem Submarine stand. Das klang ganz gut, war aber irgendwie zu kurz und zu sehr Beatles behaftet, womit es ja eigentlich nichts zu tun hatte in unserem Fall. Da kam nur der Zusatz „Black“ in Frage, Vorbilder also Rock’n’Roll historisch quasi, auch um zu zeigen, was für Musik wir machen. Außerdem klang es irgendwie einfach gut.“
Der Bezug zu den Beatles ist wenn dann auch kein wirklich musikalischer, sondern eher noch ein konzeptioneller: Die Idee war von Anfang an, die Bandstruktur „flach“ zu halten; viele Songs sind zwei- und dreistimmig, bei manchen Liedern singt Benny die Lead-Vocals, auch die Gitarrensoli teilen sich Richy und Benny, etc… Jeder steht auf seine Art und Weise im Mittelpunkt und kann sich ausleben.
Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass der Song „Little Black Submarines“ von den Black Keys, auf den uns viele zurückführen, erst knapp ein Jahr später veröffentlicht wurde, da kam der Name also nicht her 🙂

Weiterführende Infos:
Homepage
Tourdaten