Baden

Live: Stahlberger, Royal Baden, 17-12-22

Stahlberger
Support: Lord Kesseli & The Drums / Bit-Tuner
Freitag 22. Dezember 2017
Royal, Baden

Lord Stahlberger And The Drums, Lord Kesseli And The Guitar, Stahlberger And The Bass, Bit-Tuner And The Guitars, Stahlberger And The Cover-Band – was wie ein irrwitziger Versuch klingt, einen neuen Bandnamen zu finden, war der normale Wahnsinn eines Freitagabends in Baden. Die St. Galler High Society nahm das Royal in Beschlag und machte aus den vorweihnachtlichen Bandproben einen Konzertreigen, der nicht nur für urkomische Momente, sondern auch Liebeserklärungen an die Musik sorgte.

Stahlberger und seine Freunde fanden sich im Aargau ein, um dem Konzertlokal einen gebührenden Schlusspunkt zu bieten – doch „leider“ muss dieses nun gar nicht schliessen. Die Künstler aus der Ostschweiz nutzten die Nacht aber trotzdem für eine Darbietung, die alle Rahmen sprengte. Mundart-Dichter und lakonischer Songpoet Stahlberger startete alleine mit bissigen Texten und akustischer Gitarre und zeigte dem Aargau, dass Humor, Kritik und Wortspielerei sehr wohl zusammen in ein Lied passen.

Und als sich alle in diesem klanglichen Bett eingenistet hatten, wurde bereits zum ersten Mal alles anders. Stahlberger setzte sich hinter das Schlagzeug, proklamierte den Aufstand gegen die Wirtschaft und holte danach seine Mitmusiker auf die Bühne, welche sonst unter dem Banner Lord Kesseli And The Drums für Tanznächte sorgen. Auch in Baden boten ihre Gitarrenriffs, Schlagzeugdonner und Lichtkaskaden nun ein Abdriften in psychedelische Songs, die The Flaming Lips grüssten und stärker wirkten als gewisse Substanzen.

Erstaunlich, dass dieses Sonderprogramm nur innert weniger Tage erdacht worden war und im Zusammenschluss mit Bit-Tuner nicht nur für exzentrische Bassläufe, sondern auch düstere Techno-Beats stand. Bekannte und brandneue Lieder wurden umgebaut, erweitert, seziert und zu einem immerzu überraschenden Ereignis moduliert. Die Zeit verging wie im Flug und das prall gefüllte Royal feierte seine Gäste und die Musik. Kein Wunder also, wurde die abschliessende Party mit lauten Bässen und verführerischen Synthies plötzlich wieder von Stahlberger gekapert, um noch einmal mit kompletter Band Lieder anzustimmen.

Somit versank man endgültig in der Genialität des Schweizer Rock-Pop-Dance und wanderte mit Körper und Geist durch die Nebelschwaden im Kulturlokal. Viel zu selten darf man solche spontane und abwechslungsreiche Abende erleben, in denen sich Künstler an offene Experimente wagen und damit brillieren. Danke Stahlberger für dieses wunderbare Weihnachtsgeschenk, besser kann es nicht mehr werden.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zero Zero Baden – Tag der offenen Tür mit Jack Slamer

Tag der offenen Tür
Bands: Jack Slamer, Izamanya
Samstag 09. Dezember 2017
Zero Zero, Baden

Es ist immer wieder ein paradiesisches Gefühl, wenn man über die Schwelle in den grossen Verkaufsraum von Zero Zero in Baden tritt. Regale um Regale voller Vinyl, von brandneu bis alt und rar, als Boxsets, Singles oder schwere Pressungen auf bunten Scheiben – man muss weit reisen, um ein Geschäft zu finden, das mehr bietet. Aber wie auch in den meisten anderen Record Stores läuft es hier im Dachgeschoss des Merker-Areals nicht mehr so rund wie früher. Grund genug, mit einem Tag der offenen Tür alte Freunde, Stammkunden und neugierige Erstbesucher in die heiligen Hallen des gepressten Erdöls zu locken.

Pedro und Emma haben dazu nicht nur die neusten Veröffentlichungen ausgepackt, sondern boten gleich zwei Schweizer Bands zu einem Showcase auf. Und Izamanya nutzten dies gleich, um ihr erstes Album „Second Life“ vorzustellen. Zusammengesetzt aus Iza Loosli (Bluesaholics), Many Maurer (Ex-Krokus) und Chasper Wanner (Poltergeist) spielten die drei ein akustisches Set mit neuen Songs, die zwischen kernigem Rock und doppelten Gitarrenläufen die Leute zum Mitwippen animierten. Hier spürte man, dass diese Musiker viele Erfahrungen mitbringen und sich im Gebiet der langen Haare und kratzenden Stimmen gut auskennen.

Richtig laut und wild wurde es danach mit einem exklusiven kleinen Konzert von Jack Slamer. Die Band aus Winterthur steht sonst meist auf grossen Bühnen und vor vielen Menschen, hier im Zero Zero waren sie aber für einmal wieder auf dem Teppich und auf Augenhöhe mit den begeisterten Zuhörern. Ihr treibender und von den Siebzigern geprägter Rock durchdrang die Dachbalken und liess die Platten von Vorbildern wie Led Zeppelin freudig wackeln. Mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Stücken von beiden Alben „Noise From The Neighbourhood“ und „Jack Slamer“ wurden sie ihrem guten Ruf mehr als gerecht und bewiesen, dass der alte Rock auch heute frisch klingen kann.

Mit Häppchen, Getränken, lockeren Unterhaltungen und einer tollen Musikbeschallung durch den DJ genoss man nach den Auftritten noch den restlichen Nachmittag in fröhlicher Stimmung im Zero Zero. Und wieder einmal zeigte sich dabei, dass die Gemeinschaft eines Plattenladens einzigartig und unerreicht ist. Vergesst das digitale Shopping, fallt nicht auf die falschen Versprechen der Social Media rein – das wahre Leben und die echte Leidenschaft zum Vinyl findet man nur beim Händler des Vertrauens. Und Baden ist dafür die erste Adresse.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sun Kil Moon, Royal Baden, 17-11-17

Sun Kil Moon
Freitag 17. November 2017
Royal, Baden

„The World According To … Mark Kozelek.“ Er ist ein Unikum, ein Künstler, bei dem man nie so genau weiss, ob man seine Worte jetzt ernst nehmen und vernichtend finden oder die Satire dahinter lachend lieben soll. Klar ist aber auf jeden Fall, dass seine Musik unter dem Namen Sun Kil Moon Grenzen zu einem Gewirr zusammenknüllt und damit sich selbst und seine Zuschauer fordert. Aber genau diesen Umstand haben aus dem Auftritt im Royal einen Abend gemacht, den man so schnell nicht vergessen wird.

Ursprünglich als Red House Painters unterwegs, stehen Kozelek und seine immer wieder wechselnden Musiker seit 2002 dafür, alternative Rockmusik mit langen Erzählungen und gesprochenen Texten zu verbinden. Im Zentrum stehen dabei immer die Worte des Frontmanns, der auf seine ureigene Weise absurde wie auch mitreissende Szenerien erschafft. Auch in Baden wandelte er in den Liedern zwischen komödiantischen Inhalten (Perspektive einer Hauskatze, „House Cat“) und harten Meinungsbekundungen zur Weltlage und menschlichem Verhalten. Mit langen Wiederholungen, brutalen Aussprachen und lamentierenden Passagen wirkten einzelne Worte extrem.

Da Sun Kil Moon dabei oft angriffig und schwierig erschienen, schrie dies nach einem musikalischen Gleichgewicht – und das war eindeutig vorhanden. Während über zwei Stunden verausgabten sich die Herren an Bass, Gitarre, Schlagzeug und Rhodes und verzierten Kozelek und seine Vorträge mit einer grossartig gespielten Mischung aus Indie, Folk und Wüstenblues. Mit wenigen Gesten dirigiert, wechselten Stücke zwischen lauten Kaskaden und stillen Sinnsuchungen, um am Ende Momente purer Schönheit auf das fast volle Royal einwirken zu lassen – irgendwo zwischen Wilco, Bob Dylan und Untergrund.

Es war somit kein Konzert, mit dem man ausgelassen in das Wochenende steigt, sondern viel eher eine Erarbeitung von gegenseitigem Respekt und Konzentrationsforderung. Alleine mit den oft langen und direkten Ansprachen Kozeleks wurde der Rahmen gesprengt. Denn welcher andere Musiker dürfte Schweizer Ortsnamen mit Magenkrankheiten vergleichen und dem Publikum direkt ins Gesicht sagen, dass es „ok, aber nicht das beste“ war? Sun Kil Moon haben eine Ausnahmestellung inne, und sie leben diese voll aus. Dank wunderschönen Perlen wie „God Bless Ohio“ oder „The Possum“ verzieh man sogar die unvermeidliche Tirade gegen The War On Drugs und entschwebte für kurze Zeit in eine andere, merkwürdig-schöne Welt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 6: Abschluss

Sonntag 10. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der letzte Tag des Fantoche-Festivals ist angebrochen – und will noch voll ausgekostet werden. Neben weiteren Kurzfilm-Zusammenstellungen und Langfilmen wird zum Abschluss auch ein Best Of der Schweizer und internationalen Wettbewerbe gezeigt, bei dem verschiedene Preise verliehen werden und das immer mit Spannung erwartet wird.

Ebenso darf das Rahmenprogramm ein letztes Mal erlebt werden. Ob man in der Galerie DoK die Kurzfilm-Bibliothek durchstöbern und eine Augmented Reality-Geschichte ausprobieren will oder Susanne Hofers Installation „Archipel“ im Kunstraum Baden bestaunt – man findet immer etwas Spannendes, mit dem die Zeit zwischen den Filmen gefüllt werden kann. Und natürlich wird noch einmal jedes Kino abgegrast, um ja kein Highlight zu verpassen.


Cartoon d’Or
5 preisgekrönte Kurzfilme aus diversen Ländern

Die Vergabe des Cartoon d’Or findet seit 1991 statt und prämiert die besten europäischen Animationskurzfilme. Teilnehmen können nur die meistausgezeichneten Filme. Das Fantoche zeigt fünf Nominationen des letzten Jahres in einem Kurzfilmblock.

Peripheria“ von David Coquard-Dassault zeigt die bedrückende Stimmung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in der nur noch einige vergessene Bewohner ihr Unwesen treiben. „Machine“ von Sunit Parekh und „Under Your Fingers“ von Marie-Christine Courtès suchen beide einen Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Stimmungshebend wird es mit der 3D-Animation „Alike“ von Daniel Martinez Lara und Rafa Cano Méndez, die den Wert von Kunst und Freigeist in einem tristen Leistungsalltag aufzeigt. Und mit „Yùl Et Le Serpent“ darf auch die Phantastik noch in den Wettbewerb einfliessen.



Carte Blanche: Peter Lord (Aardman)
12 Kurzfilme aus Grossbritannien

Was hat die Filmszene in Grossbritannien nicht alles den Aardman Studios zu verdanken. Das kreative Wunderkind Peter Lord hat schon im jungen Alter mit seiner Knetfigur „Morph“ für Begeisterung gesorgt und damit den Grundstein für Erfolge wie „Creature Comforts“ oder „Wallace & Gromit“ gelegt. Der Künstler ist also der perfekte Kandidat für die Carte Blanche im Brexit-Block. Denn dank seiner geschickten Auswahl kommt man nicht nur in den Genuss von alten und fast vergessenen Aardman-Clips (wie das als Interview aufgezeichnete „War Story„), sondern auch von drei Werken von weiteren Künstlern. Besonders diese schaffen es, trotz ihres Alters, in der heutigen Zeit eine perfekt bissige Perspektive auf England zu bieten.

Britannia“ zeigt die „glorreiche“ Geschichte des Staates mit einer Bulldoge im Fokus, „Deadsy“ lässt auf verstörende Weise ein Skelett zur Schönheitskönigin werden. Da tut es gut, sind Lords Filme oft etwas leichter im Ton, wenn auch nicht ohne Gedankenanstoss. Es ist aber immer herrlich, diese wunderbaren Knet- oder Puppen-Animationen zu betrachten – wie das hübsche „Wat’s Pig“ oder das bedrückende „Down And Out„.


Hors Concours 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Das Hors Concours-Programm ist eine Ergänzung zu den Wettbewerben, das dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt wird. Hier sind ebenfalls europäische Einreichungen stark vertreten, aber es gibt auch einige Perlen aus ganz anderen Kulturkreisen zu sehen.

So spielt die Knetanimation „The Basket“ in Indien, wo ein Mädchen aus Versehen die Uhr seines Vaters kaputtmacht und sie unbedingt wieder reparieren möchte. „If I Am Not I Cannot Be“ ist ein berührender Stop Motion-Film, der im Rahmen eines Workshops mit Kindern in einem griechischen Flüchtlingslager entstand. Auch der Humor kommt in dieser Zusammenstellung nicht zu kurz: In „Jubilee“ verliert die Queen von England ihren Hut und in „Full House“ ist eine Kleinstadt plötzlich wie leergefegt, da alle Bewohner in den neuen, stetig weiterwachsenden Wolkenkratzer gezogen sind.

Der Hors Concours besticht somit – wie auch die Wettbewerbe – mit hoher Qualität. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnenswert.



Louise en Hiver
Land / Jahr: Frankreich, Kanada / 2016
Regie: Jean-François Laguionie
Musik: Pierre Kellner, Pascal Le Pennec
Website: jplfilms.com

Was würde sich besser für den letzten Langfilmgenuss eignen als diese ruhig erzählte und emotional berührende Geschichte um Louise, die durch eine kaputte Uhr den letzten Zug aus einem Sommerferienort verpasst? Alleine zurückgelassen muss sie sich nicht nur mit dem Alltag herumschlagen, sondern auch mit ihrem Alter, der Einsamkeit und ihren Erinnerungen. In wunderschön gezeichnete Bildern gebettet, ist „Louise en Hiver“ schon fast eine Meditationsübung und wagt sich an einen Film mit nur einer Person – in den meisten Szenen zumindest.

Mit viel Herz und einigen interessanten Ideen ist diese Produktion aus Frankreich nicht nur für alle Altersschichten geeignet, sondern lässt die Zuschauer auch über wichtige Fragen nachdenken. Vielleicht sollten wir alle das Leben doch etwas langsamer, dafür intensiver angehen.



Best of Fantoche 2017
Auswahl der Gewinner des Festivals

Hier sind sie also, die grossen Gewinner der diesjährigen Preise des Fantoche-Festivals – eine kleine Auswahl zumindest. Besonders schön ist es natürlich, die Schweizer Preisträger „Living Like Heta“ und „Airport“ noch einmal auf der grossen Leinwand erleben zu können. Doch auch bei den internationalen Preisen gibt es nichts zu meckern: „The Burden“ zeigt in wunderschöner Puppen-Animation die sinnlosen Tätigkeiten der eher „einfachen“ Jobs, „Negative Space“ wagt sich an schwierige Familienbeziehungen.

Aber auch durchgeknallte Filme wie „Ugly“ von Nikita Diakur oder der genial gemachte „In a Nutshell“ von Kilian Vilim (welcher von Samen zu Krieg, von Hunger zur Apokalypse führt) stiessen am Festival auf grosse Begeisterung. Kein Wunder, werden in diesen Werken doch Innovation und progressives Denken gleichsam gefördert. Und genau darum geht es am Fantoche schliesslich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 5: Politik und Zombies

Samstag 09. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Am Fantoche gibt es selten eine Vorstellung, welche die Besucher vor Angst zitternd aus dem Saal entlässt. Wer aber für einmal richtig schaurige Unterhaltung erleben möchte, für den ist der „Caravan Of Horror“ genau das Richtige. Ein unscheinbarer, aber etwas dreckiger Wohnwagen steht nämlich seit Samstagnachmittag neben dem Festivalzentrum beim Merker-Areal und lädt furchtlose Besucher dazu ein, für eine Viertelstunde einem nervenzerfetzenden Puppentheater beizuwohnen. Präsentiert von der Compagnie Bakélite und mit Unterstützung des Figura Theaterfestivals gibt es hier grossartige Einfälle und tolle Schockmomente.

Und natürlich ist das Rahmenprogramm auch sonst weiterhin vielfältig und voller Entdeckungsreisen. Wir nutzten das eher triste Wetter am Samstag aber vor allem dazu, möglichst viele Wunder in den Kinosälen zu erleben.



Der wahre Oktober
Land / Jahr: Deutschland / 2016
Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Website: 1917-derfilm.de

Die deutsche Regisseurin Katrin Rothe versetzt uns mit „Der wahre Oktober“ hundert Jahre in die Vergangenheit zurück, und zwar in das heutige St. Petersburg. Die Geschehnisse zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution werden durch die Augen von fünf Künstlern betrachtet: Die Lyrikerin Sinaida Hippius versteht sich als Chronistin der Ereignisse und sieht von ihrem Wohnungsfenster aus direkt auf das Gebäude der Duma. Alexander Benois ist Maler und Kunstkritiker; er und der Schriftsteller Maxim Gorki fürchten um den Fortbestand der Kunst. Kasimir Malewitsch, Begründer der Suprematismus, veröffentlicht diesbezügliche Manifeste und der junge Dichter Wladimir Majakowski stürzt sich immer mitten ins revolutionäre Geschehen.

Die fünf Kunstschaffenden bewegen sich als Legetrickfiguren durch Petrograd, wobei alle von ihnen ein wenig anders animiert sind. Die Darstellungen werden laufend durch Archivmaterial ergänzt. Aufnahmen aus dem Schaffungsprozess, die nahtlos in die Handlung einfliessen, geben dem Film ausserdem eine weitere Ebene, die wunderbar spannend zu beobachten ist. Auch wenn wohl nie ganz klar sein wird, wo nun die Wahrheit genau liegt – „Der wahre Oktober“ bietet einen frischen Blick auf eine Zeit voller Wirrungen.



Coming Soon „The Tower“
Land / Jahr: Norwegen, Frankreich / 2018
Regie: Mats Grorud
Website: tenk.tv

Toll an diesem spezifischen Festival ist ja die Tatsache, dass man nicht nur einen oberflächlichen Blick auf die Welt des Animationskinos wirft, sondern auch als Laie tief hineintauchen kann. So zum Beispiel in die Produktion des Filmes „The Tower„, eine Geschichte über wahre Begebenheiten in den Palästinenser-Siedlungen um Israel. Regisseur Mats Grorud stellte im Kino Sterk seine Produktion vor und führte die Besucher hinter die Kulissen der Mischung aus Puppenanimation und 2D-Zeichnungstechniken.

The Tower“ porträtiert die Geschichte von mehreren Personen eines Siedlungsturmes, erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens. Während sich die Gegenwart in detaillierten Sets mit Stop-Motion abspielt, führen gezeichnete und reduzierte Sequenzen durch die Erinnerungen der Figuren. Die beiden Handlungsebenen wurden zunächst sogar in zwei verschiedenen Ländern – Polen und Frankreich – produziert. Dieser Umstand machte es aber dem Team extrem schwer, alle Elemente stimmig zu designen. Durch die komplette, fördergelderbestimmte Verlegung nach Frankreich konnten aber schnell Verbindungspunkte wie beispielsweise die speziellen Augenformen gefunden werden und der Prozess wurde einiges leichter.

Der Film verspricht somit nicht nur visuell einige Überraschungen, sondern eine immer wieder leichte Geschichte voller Herz. 2018 darf man sich dann vom Endprodukt überzeugen.



Zombillenium
Land / Jahr: Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Arthur de Pins, Alexis Ducord
Musik: Eric Neveux, Mat Bastard
Website: zombillenium.com

Was für ein Spass! „Zombillenium“ ist meine wohl grösste Überraschung am diesjährigen Fantoche. Denn obwohl der Film mit 3D-Computertechnik gemacht wurde und die Geschichte eher den gängigen Klischees folgt, macht es einfach nur Laune, den Horror-Gestalten zuzuschauen. Entstanden als Animations-Traummärchen (ein einzelnes Cover-Bild generierte den Auftrag zur Comic-Serie, und diese wiederum generierte den Auftrag zum Kinofilm) erzählt der Film aus Frankreich die Geschichte eines Vergnügungsparks, in dem echte Vampire und Zombies arbeiten. Doch leider ist Satan mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden und stellt die Kreaturen vor ein Ultimatum.

Mit perfektem Charakterdesign (man denke nur an die zum Verlieben coole Hexe Gretchen mit ihrem Skateboard-Besen und Nine Inch Nails-Shirt), packender Musik (beste Filmszene: das Konzert im Park) und perfekt passender optischer Gestaltung ist „Zombillenium“ ein grossartiges Vergnügen für alle ab dem Teenager-Alter. Und danach fühlt man sich einfach nur beschwingt.


Animal Farm
Land / Jahr: GB, USA / 1954
Regie: John Halas und Joy Batchelor
Musik: Mátyás Seiber

Fast jeder hat ihn gelesen: Den Klassiker „Animal Farm“ von George Orwell. Auf einer amerikanischen Farm fühlen sich die Tiere von ihrem Bauern, der allabendlich sturzbetrunken aus dem Wirtshaus heimkehrt, benachteiligt. Unter Aufsicht der klugen Schweine starten sie eine Revolution, vertreiben den alten Jones und führen den Hof fortan selbst. Die Zeichentrickadaption von Joy Batchelor und John Halas aus dem Jahr 1954 wurde von der CIA als antikommunistischer Propagandafilm finanziert. Die Handlung hält sich weitgehend an die Buchvorlage, allerdings unterscheidet sich das Ende deutlich – beziehungsweise geht über das von Orwell angedachte Ende hinaus.

Vor dem Film wird, wie damals in Schweizer Kinos üblich, ein kurzer Nachrichtenüberblick – die sogenannte „Wochenschau“ – aus dem Erscheinungsjahr gezeigt. Thema war unter anderem eine Abstimmung in Basel, bei der sich die Frauen für oder gegen das Frauenstimmrecht aussprechen durften (wobei das natürlich nur als Empfehlung zu verstehen war – wirklich abstimmen durften darüber nur die Männer). Ein amüsantes Zeitdokument.



Revengeance
Land / Jahr: USA / 2016
Regie: Bill Plympton, Jim Lujan
Musik: Jim Lujan
Website: revengeancemovie.blogspot.com

Regisseure wie Quentin Tarantino und Robert Rodriguez haben bis heute einen grossen Einfluss in das Genre des brutalen und dreckigen Action-Films – auch im Bereich der Animation. So ist „Revengeance“ nicht nur das, schier im Alleingang von Bill Plympton und Jim Lujan hergestellte bitterböse Vergnügen, sondern auch eine Verbeugung vor den Grindhouse- und B-Movies. Gezeichnet in 2D und als Hommage an die amerikanischen Underground-Comics verfolgt man hier skurrile Figuren durch eine noch merkwürdigere Geschichte.

Wenn Kopfgeldjäger auf eine Bikergang, einen Senator der Ex-Wrestler ist und eine durchgeknallte Sekte in der Wüste treffen, dann kann dies nur eines heissen: Hier kommt praktisch niemand lebend heraus. Da passt es perfekt, ist die Musik genau so treffend wie die abgefeuerten Schüsse und Gitarrenriffs begleiten wilde Verfolgungsjagden. Der Film ist somit nicht alltäglich, aber ein perfekter Begleiter zu Bier und langer Filmnacht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 4: Global

Freitag 08. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Wer während des gesamten Tages von einem Kinosaal zum andern wandert, für den kommt die Nacht schnell. Das Fantoche-Festival hält aber auch für späte Forscher und Leute ohne Sättigungsgefühl viele Möglichkeiten bereit. Besonders der Kulturraum Royal lockt mit seinen „Royal Fish„-Partys, und der Freitagabend lohnte sich hier besonders. Die „F*ck Up Night“ bot Einblicke in die schlimmsten Missgeschicke von Filmprojekten und liess die Macher gleich selbst zu Wort kommen. Danach gab es denkwürdige Musikvideos mit Clips, die wohl auf Drogen noch besser funktionieren. Ein wahres Vergnügen nach all der ernsten Unterhaltung.

Das Gesicht wurde einem dann bei dem Auftritt von Heidi Hörsturz aber gleich wieder weggeschmolzen, denn die Mischung aus Noise-Electro, extremen Visuals und Body-Art sucht ihresgleichen. Hier war jedem verziehen, der sich einem etwas stärkeren Drink zuwandte. Doch der Ausklang des Abends folgte angenehmer mit dem Konzert von KnoR und einem weiteren DJ-Set.



Making-Of „Nothing Happens (Trial Run)“
Land / Jahr: Dänemark / 2016
Regie: Michelle und Uri Kranot
Website: nothinghappens.tindrum.dk

Wer kennt es nicht: Das Verlangen, einem Ereignis beizuwohnen und einfach zuzuschauen. Überall trifft man die Gaffer, doch wie sieht es mit der persönlichen Verantwortung in einer solchen Situation und passiven Rolle aus? Der Kurzfilm „Nothing Happens“ aus Dänemark spielt mit genau diesen Fragen und dem Wechselspiel aus Sehen und Gesehen werden. Übermalte Filmaufnahmen bieten hierbei einen gewissen Realismus, wirklich in die Tiefe geht es aber beim VR-Projekt. Da wechselt die Perspektive und man ist plötzlich der Beobachete. Selber kann man dies in der Stanzerei erleben.

Michelle und Uri Kranot haben hierfür ein Kunstwerk geschaffen, dass mit Film, VR und Ausstellung gleich drei Ebenen bietet, um die Animation einen Schritt weiter vom starren Medium weg zu bringen. Beim Making-of im Kino Sterk gab es dazu Einblicke in die Produktion, die Gedanken der Macher und Aufnahmen des Prozesses. Dabei war klar: Virtual Reality hat in der Animation grosse Zukunft, doch das Handwerk muss hierfür komplett neu gelernt werden. Man darf gespannt sein, was alles kommt.



Unique Animation Techniques
19 Kurzfilme aus aller Welt

Um alle Grenzen zu sprengen und für einmal extreme Experimente und narrative Wagnisse zu kombinieren, bietet das Fantoche die Kurzfilm-Sammlung „Unique Animation Techniques“. Wie es der Name schon sagt, wird hier nicht das Augenmerk auf Inhalt oder Aussage gelegt, sondern auf merkwürdige Arbeitstechniken. Es trifft alt auf ganz modern, wild auf ruhig und superkurz auf lang – und im Kopf fügt sich alles zu einer wahren Explosion zusammen.

Filme wie „Ora“ (Wärmebild-Aufnahme) oder „Métronome“ (Gravur auf Klebepapier) haben Tanz und Musik im Fokus, „Rippled (All India Radio)“ ist mit seinen Lichtmalereien wie ein Musikvideo. Es gibt Bewegungstests zum Film „Ugly„, ein Wiedersehen mit den Regisseuren Kranot („Black Tape„) oder Kreidezeichnungen auf einer Wandtafel („Animation Hotline„). Es schwirrt einem der Kopf danach, doch ein besseres Beispiel für die unendliche Vielfalt des Animationsfilmes gibt es sonst nirgends.


Brexit: True Brit
10 Kurzfilme aus Grossbritanien

Very british – das Fantoche wagt sich an die aktuelle politische Lage. Wobei Animationsfilm ja dies schon immer war, aktuell und direkt – manchmal auch erst Jahrzehnte später passend. Und genau darum gibt es mit dem „True Brit“-Programm zehn Kurzfilme, die zwar schon etwas älter sind, aber das britische Gefühl perfekt ausstrahlen. Ob der böse und schwarze Humor nun etwas doofe Piraten bei „Jolly Roger“ in den Untergang führt oder eine bissige Sozialkritik zu den Unterschichten in Liverpool darstellt („Dad’s Dead“) – Erfolg und Understatement sind immer nahe beisammen.

Wegen der unterschiedlichen Materialien und Zustände der Filme sagt das Programm zugleich auch noch etwas über die Förderpolitik aus, viele Filmemacher haben nämlich zu wenig Geld, um ihre Werke für die Zukunft sicherzustellen. So ist „Next“ zwar ein geniales Shakespeare-Medley mit Puppen, aber leider bildtechnisch im Zerfall. Die Mischtechnik bei „Little Things“ sieht da schon besser aus und führt durch ein Feuerwerk an Gags und skurrilen Momente. Und wenn der Brexit dann so sorgfältig verarbeitet wird wie die Materialen bei „The Eagleman Stag“, dann bietet er vielleicht doch eine Chance. Vielleicht.



Have A Nice Day (Hao ji le)
Land / Jahr: China / 2017
Regie: Liu Jian
Musik: The Shanghai Restoration Project Presents
Website: Berlinale.de

Eine meditative Gangsterkomödie, eine Kritik an den zubetonierten Vororten Chinas, ein detailverliebter Alleingang des Regisseurs Liu Jian – „Have A Nice Day“ ist als chinesischer Indie-Movie vieles. In oft statischen Bildern wird hier eine Geschichte erzählt, die sich nicht nur an viele bekannte Filme aus dem Westen anlehnt, sondern eine Hommage an die Achtziger ist. Ein wahres Highlight für das Fantoche und immer noch ein grosses Politikum im Herkunftsland – dieser Film zeigt perfekt auf, dass gezeichnete Bilder eben sehr wohl für Erwachsene sind. Denn hier gibt es Blut, böse Witze und wenig Dialog. Und dank verrückten Zufällen verlässt man das Kino doch beschwingt – ein Tipp!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 3: Anders artig

Donnerstag 07. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der dritte Fantoche-Tag wartete nicht nur mit vielen weiteren Wettbewerben, Kurz- und Langfilmen auf, sondern ach diversen Attraktionen, bei denen man selber Hand anlegen konnte.

Wer einen Schritt in den dunklen Container am Theaterplatz wagt, wird mit dem Projection Mapping-Spiel „Space Game: Demonz“ belohnt. Hier versuchen kleine Figuren, nicht von den Bällen der Besucher getroffen zu werden. Doch bewerfen kann man auch alles andere auf dieser Wand – und damit Gewitter auslösen, Mäuse aus ihrem Versteck jagen und Scheiben zum Zerspringen bringen. Hier fühlt sich jeder wieder wie ein Kind.

Alternative Realitäten bietet dieses Mal auch wieder die Stanzerei: Wo vor wenigen Jahren noch Computerspiele vorherrschend waren, halten mittlerweile vor allem spannende und wunderbar gestaltete VR-Spiele Einzug. Ob man in der Luft Kunstwerke malen will oder durch einen luftleeren Raum ohne Boden schweben – ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.



Haarig
Land / Jahr: Schweiz / 2017
Regie: Anka Schmid
Musik: Feed the Monkey, Roman Lerch, Thomi Christ, Dominik Blumer
Website: ankaschmid.ch

Auch das gibt es am Fantoche, Filme die inszenierte Aufnahmen mit Dokumentationsmaterial und Animation mischen. So bei der Weltpremiere von „Haarig„, dem neusten Werk von Anka Schmid. Die Schweizer Regisseurin realisiert schon seit über 30 Jahren verschiedenste Filme; vergangenes Jahr spielten unter anderem Sophie Taeuber-Arps Marionetten aus „König Hirsch“ eine Hauptrolle. Für ihren neusten, eigenen Streifen, hat sich die Künstlerin aber nicht nur am allgemeinen Thema Haare orientiert, sondern gleich drei Ebenen verbunden. Anhand erzählter Erinnerungen und Fotografien wird die private Geschichte erzählt und mit 41 Animationssequenzen an die biologische Geschichte des Menschen und sozialpolitische Rückschau der letzten Jahrzehnte geknüpft.

Dabei zeigt Schmid auf, dass sich Haare (egal wo am Körper) schon immer extrem in unsere Wahrnehmung eingeschlichen haben und nicht nur in der Hippie-Zeit als zentrales Motiv fungierten. „Haarig“ spielt frech und neugierig mit der Wechselwirkung zwischen Haarwuchs und Bedeutung und lässt im Zuschauer einige Fragen wachsen. Somit ist das beste an dieser eigenwilligen Dokumentation der Umstand, dass aus einer sehr persönlichen Geschichte so schnell etwas Universales werden kann – und vielleicht auch sollte.



Animated Musicvideo Darlings
21 Musikvideos aus aller Welt

Einen besonderen Ausklang des Abends bietet auch jedes Jahr die Sammlung „Animated Musicvideo Darlings„. Hier gibt mehr als 80 Minuten Musik aus allen Sparten – mit den schönsten, aufwendigsten und abgefahrensten Clips. Zusammengestellt wurden diese Kurzfilme vom Team des Fantoche-Festivals selber und zeigen wunderbar auf, dass sich abseits der millionenschweren Mainstream-Szene nicht nur klanglich, sondern auch optisch extrem spannendes in der Musikwelt abspielt. Vergesst also die Hochglanz-Clips der Superstars, hier gibt es Witziges und Verstörendes – mit wunderbar aufregender Musik.

Ob man nun durch das unheimlich anschwillende und mit knuffigen Holzfiguren animierte „Burn The Witch“ von Radiohead gleitet, bei „Flight Attendant“ von XXX langsam im Wahnsinn der Computergrafik versinkt oder dank One Sentence. Supervisor und ihrem treibenden „Scope Explosion (Shifting Baseline)“ dem Stil von Moebius huldigt – alles ist möglich. Es wird politisch korrekt bei Sookee („Queere Tiere“) und wavig vertraut bei Grauzone („Eisbär“), aber eines ganz sicher nie: Langweilig. Und vielleicht entdeckt man ja hier noch seine neue Lieblingsband.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 2: Wettbewerbe

Mittwoch 06. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der zweite Fantoche-Tag stand für ARTNOIR ganz im Zeichen der animierten Kurzfilme. Gleich zwei Schweizer und zwei internationale Wettbewerbe füllten den Abend; insgesamt machte das nicht weniger als 40 wunderschöne, verstörende, einfühlsame und aufwühlende Geschichten. Dabei zeigte sich, dass derzeit das Handgemachte stark auf dem Vormarsch ist. Typische CGI-Erzeugnisse sah man praktisch keine, dafür wieder vermehrt Filme in Stop-Motion.

Ebenso sind diese Wettbewerbe der perfekte Tummelplatz, um bei den Inhalten und den Präsentationsformen Grenzen zu sprengen. Hier können sich Produzenten aktueller Kino- und TV-Erzeugnisse noch viele Scheiben von diesen jungen Künstlern abschneiden.



International Competition 1
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Wer sich international mit einem Kurzfilm behaupten will, der setzt vor allem auf Geschichten, die ohne Sprache erzählt werden können. Bei Animationsfilmen sind Sounddesign und Musik extrem wichtig, um Stimmungen zu erschaffen. Perfekt gelingt dies „Sore Eyes For Infinity“ – hier wandelt sich der Score von experimentellem Electro zu Techno und lärmigem Ambient. Da darf sich auch die echte Welt plötzlich in einen Film schleichen, wie bei dem wundervoll mit Malerei und Stop-Motion kombinierten „The Full Story„. 3D-Animation sieht man nur einmal („Ugly„), dafür eine wunderschöne und mysteriöse Puppengeschichte („Nachtstück„), oder eine kritische Aussage gegen den Landraub an der Natur („Lupus„) mit tollen Modellen.

International Competition 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Der Internationale Wettbewerb 2 wartet unter anderem mit dem längsten der ausgewählten Kurzfilme auf: „Toutes Les Poupées Ne Pleurent Pas“ ist ein Puppenanimationsfilm über die Schaffung eines Puppenanimationsfilms. Eindringlich wird es mit „Vilaine Fille„, der eine patriarchalische Welt durch native Kinderaugen betrachtet. Doch auch der Humor darf nicht fehlen: „La Table“ und sein widerspenstiger Holzspan, der sich partout nicht entfernen lassen will, ist genauso unterhaltsam wie der knackige, auf einer Schreibmaschine (jawohl, richtig gelesen) produzierte Film „G-AAAH„.



Swiss Competition 1
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Der Schweizer Wettbewerb 1 zeigt vor allem Handgemachtes. Da gibt es ein Beziehungsdrama im Gemäldestil („A L’Horizon„) oder den wahnsinnig aufwendig gemachten Stop-Motion-Film „Transient„, der von einer herzerwärmenden Begegnung mit kühlem Ende erzählt. Auf der gesellschaftskritischen Seite bewegen wir uns mit einer fast unaushaltbar schnellen Assoziationskette aus Alltagsdingen („In A Nutshell„). Und mit „Die Teufelsbrücke von Uri“ findet sogar eine alte Schweizer Sage vom Pakt mit dem Teufel den Weg auf die Leinwand.

Swiss Competition 2
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Ob kritische Beiträge gegen gesellschaftliche Zwänge, verwunderlich angewandte Animationstechniken oder unterschiedlichste Präsentationsformen – der zweite Wettbewerb der Schweizer Kurzfilme bietet eine grosse Vielfalt. Mit „Scottish Muslim Voices“ wird der versteckte Rassismus in kurzer Dokuform angeprangert, „Féroce“ transportiert die Zuschauer für 15 Minuten in einen blutigen Thriller oder man schaut dem Treiben auf dem Flughafen bei „Airport“ zu, gezeichnet auf Glas. Auch wenn nicht alles immer gleich gut funktioniert, Collagen-Satire gegen idiotischen Tourismus („Swiss Made„) oder Vergangenheitsbewältigung des Jobs als Liftboy („Ooze„) lässt staunen und strahlen. Wahnsinn, diese Vielfalt in unserem Land.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 1: Loving Vincent

Dienstag 05. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Jedes Jahr im September verwandelt sich die Kleinstadt Baden an der Limmat für sechs Tage in das Mekka der Animationsfilm-Interessierten – und auch dieses Jahr öffnete das Fantoche wieder seine Tore. Was am Dienstag noch eher ruhig und überschaubar vonstatten ging, wird die restlichen Tage der Woche nicht nur die Kinosäle, sondern auch Kunstorte, Kulturzentren und die halbe Innenstadt in seinen Bann ziehen.

Nebst den jährlich stattfindenden Wettbewerben für Kurzfilme gibt es auch dieses Jahr Langfilm-Premieren, interessante Themenblöcke (unter anderem zum Thema Brexit), Ausstellungen, Workshops, Dikussionsrunden und Partys. Ob man sich nun das Bier spätabends mit GIFs bunter gestaltet, am Morgen zwischen Kaffee und Gipfeli den Künstlern zuhört oder den gesamten Nachmittag von Saal zu Saal hetzt, um die besten Plätze im Kino zu ergattern – langweilig wird es auch bei der 15. Ausgabe des Fantoche nie. Und genau darum werden wir versuchen, jeden Tag über neue Aspekte zu berichten – denn Animation heisst bei Weitem nicht nur Film und Zeichnung.


Die Ehre der Festivaleröffnung hatte dieses Jahr eine ganz besondere Produktion:

Loving Vincent
Land / Jahr: England, Polen / 2017
Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman
Musik: Clint Mansell
Website: lovingvincent.com

Die 15. Ausgabe des Fantoche-Festivals wurde mit dem Film „Loving Vincent“ eröffnet. Die britisch-polnische Co-Produktion erweckt verschiedenste Werke Vincent van Goghs zum Leben, farbrauschende Szenen und schwarz-weiss gehaltene Rückblenden beleuchten ein tragisches Künstlerleben und insbesondere die Wochen kurz vor seinem Tod.

Bemerkenswert ist vor allem die Technik, mit der „Loving Vincent“ geschaffen wurde. Die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman entwickelten aus van Goghs Kunstwerken 377 Referenzbilder für die Handlung, alle in seinem typischen Stil gehalten. Auf diesen Bildern basierend wurde der Film zunächst mit Schauspielern aufgenommen – darunter auch einige bekannte Namen wie Saoirse Ronan (Brooklyn), Aidan Turner (The Hobbit) oder Jerome Flynn (Game of Thrones). Schliesslich malten über 120 Künstler aus ganz Europa die Aufnahmen mittels eines Rotoskopie-Verfahrens in Ölfarbe nach und digitalisierten jedes der rund 65’000 so entstandenen Einzelbilder. Dieser wahnsinnig aufwendige Prozess hat sich gelohnt: „Loving Vincent“ sieht nicht nur fantastisch aus, sondern ist auch durchweg spannend, einfühlsam und berührend.

„Loving Vincent“ läuft in der Deutschschweiz im Dezember an. Für interessierte Fantoche-Besucher wird am Donnerstag, 7. September 2017, in Anwesenheit von Hugh Welchman ein Making-of dieses aussergewöhnlichen Films gezeigt.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Mister Milano, Badenfahrt Baden, 17-08-27

Badenfahrt 2017
Bands: Mister Milano
Sonntag 27. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Das war es jetzt also, der letzte Nachmittag vor der alternativen Bühne Polygon an der Badenfahrt 2017. Was zuerst wie ein unendliches Fest wirkte, ist nun nach zehn ereignisreichen und immer wieder überraschenden Tagen doch vorbei – aber die Erinnerungen werden noch lange in den Köpfen und Herzen der Besucher weiter schwingen. Und damit der Abschied nicht ganz so schwer ausfiel, durfte man zusammen mit der Künstlerin Patti Basler die gesamte Feier noch einmal Revue passieren lassen.

In einem wirklich perfekt ausgedichteten Vers nahm Basler noch einmal die Festgebiete, die Beizen, die Besucher und die Eigenheiten dieses Anlasses unter die komödiantische Lupe. Nicht selten erkannte man sich selber in diesen spitzen Bemerkungen. Was darauf musikalisch folgte war zwar nicht ganz so frech, aber auch nicht alltäglich. Denn die Band Mister Milano gibt sich zwar durch und durch italienisch, stammt aber aus Zürich. Max Usata und Igor Stepniewski von Puts Marie haben sich mit Schlagzeuger Lou Caramella zusammengetan um den Disco-Schmalz mal gehört umzukrempeln.

Denn ihr Musik klingt so, als wäre der Krautrock damals in einer italienischen Dorfdisco in den Achtzigern erdacht worden. Dies klingt weiterhin so, nur braucht man jetzt Mister Milano. Lange Songs treffen auf verzerrte Orgel, mischen sich mit kitschigen Keyboards und einem lasziv gespielten Schlagzeug. Dank Frontmann Usata und seinen in italienisch gesprochenen Texten schwingt der Musik eine zusätzliche Apathie bei, ganz als Gegenpol zu der immer düsteren Klanglandschaft. Beats und Orgel-Wände türmen sich auf, von den eigentlichen Liedern fallen mit jeder Minute weitere Teile der Maske ab.

So bleibt auch vom Franco Battiato Cover „Bandiera bianca“ nicht mehr viel luftige Leichtigkeit übrig, hier wird es basslastig und ernsthaft mysteriös. Ob dies nun immer ganz ernst gemeint ist spielt keine Rolle, die Musik von Mister Milano ist frisch, anders und immer glamourös – und eine dieser Entdeckungen, für die sich der Besuch bei der Polygon immerzu lohnte. Wie auch der nächtliche Gang zum Stadtturm, gab es doch zum Abschluss der Feierlichkeiten noch eine wunderbare Videoprojekt von Künstler Andi Hofmann. Der Mann kann nicht nur Bands visuell ergänzen, auch ganze Häuser wurden unter seiner Feder zu einem Naturschauspiel. Bis in zehn Jahren?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.