post hardcore

Deaf Autumn – The Shape (2018)

Irgendwie erinnert die Musik an etwas bestimmtes, und spätestens als der Refrain von „Getting Worse“ seinen Platz einnimmt ist klar: Hier drücken immer wieder Thursday durch. Melodisch melancholischer Gesang, harte Riffs vor nachdenklichen Melodien und eine stete und dynamische Wand voller Klang – Deaf Autumn machen auf ihrem zweiten Album vieles gleich wie die Amerikaner. Der Post-Hardcore auf „The Shape“ erlaubt sich aber genügend Eigenheiten, um nicht als billige Kopie dazustehen.

Seit 2013 musizieren die drei Italiener als Deaf Autumn und brachten 2015 ihr Debüt raus. Seither hat sich an der Mischung zwar nicht viel geändert, weiterhin wird der Hardcore mit viel Rock und etwas Metal aufgepeppt, aber die Band klingt nun noch selbstbewusster. „Till The End“ erlaubt sich elektronisches Drumming und feinen Gesang, „Love Pretender“ vergisst alle Brutalität und geniesst eingängige, akustische Gitarren – und all dies funktioniert wunderbar neben Krachern wie „A Thousand Broken Hearts“.

Deaf Autumn legen grossen Wert darauf, dass ihre Lieder nie zu einer blossen Kraftschau werden, viel mehr sind die Emotionen immer die wichtigsten Bestandteile von „The Shape“. Da kann die Double-Bass noch so wild poltern, man fühlt sich immer verstanden und gut aufgehoben auf diesem Album. Wunderbare Gitarrenspuren verzieren die Takte wie eine hübsche Malerei, abwechselnd gesungene und geschriene Zeilen bieten eine grosse Bandbreite. Für alle Freunde des zugänglichen Post-Hardcore lohnt sich das Reinhören also auf jeden Fall.

Anspieltipps:
A Thousand Broken Hearts, Love Pretender

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Oregon Trail – h/aven (2018)

Verzweiflung entsteht oft im Schatten, kein Wunder also, klingen Oregon Trail auf ihrem zweiten Album nach Schmerz, Wut und Trostlosigkeit. Das Album wurde schliesslich im Nirgendwo von Le Locle geschrieben und und aufgenommen, immer schön von der menschenleeren und schier depressiven Landschaft beeinflusst. „h/aven“ tut also gut darin, sich das H gleich von der Oase abzutrennen und die Kanten messerscharf zu lassen – dieser Post-Hardcore ist roh und direkt. Erlösung und Luft nach Oben findet man somit erst am Ende der Platte, zuvor sind die Schweizer immer brutal.

Es tut dem Post-Hardcore aber sehr gut, dass er wieder einmal ohne Gnade angegangen wird. Oregon Trail aus Neuchâtel scheren sich nämlich nicht um eine reine Produktion, sondern lassen ihre Gitarren verrauscht davonziehen. „Aven“ steigert sich so von einer melodischen Überlegung zu einem wahren Wirbelsturm an Geschrei, Riffs und wildem Drumming. Die Band suhlt sich hier im Lärm und lässt den Hardcore in den flächigen Noise übergehen. Da braucht es für den Hörer einen kurzen Moment, die wirkliche Schönheit der Lieder zu erfassen. Wem dies aber gelungen ist, der kann sich der Faszination von „h/aven“ nicht mehr entziehen.

Ob die Texte nun naturalistische Themen aufgreifen oder Oregon Trail mit einer extremen Dynamik im Sound spielen („Aimless At Last“), diese Platte zeigt sich nie mit aufgestelltem Federkranz, sondern schlüpft von Schatten zu Schatten. Charles-A. Bernhard schreit sich die Seele aus dem Leib und das musikalische Gerüst hilft ihm aus der Verzweiflung. Bis „Marble Grounds“ zumindest, denn dort entfliegen wir zusammen mit den Musikerin in einem klanglichen Schauspiel, das den Post-Rock mitnimmt und die Sonne wieder aufgehen lässt. Es ist eben doch eine Zuflucht.

Anspieltipps:
Aimless At Last, Aven, Marble Grounds

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Being As An Ocean – Waiting For Morning To Come (2017)

Wer in den letzten Monaten das Gefühl hatte, in den Gebieten des Post-Hardcore und Metal werde einfach zu wenig gewagt und zu vieles immer wiederholt, der sollte sich mal genauer mit „Waiting For Morning To Come“ von Being As An Ocean beschäftigen. Die Gruppe aus Kalifornien, welche seit 2011 den Post-Hardcore mit melodischen Teilen und atmosphärischen Kompositionen aufmischt, wagt auf ihrem vierten Album extrem viel – was zuerst etwas verwirrt.

Denn obwohl mit „Black & Blue“ gleich ein herrliches Stück Musik voller Emotion und lauernder Aggressivität zu Beginn auf den Hörer wartet, Being As An Ocean wechseln während den folgenden Stücken die Stimmung und Präsentationsart schier schwindelerregend oft. Zu den bekannten Elementen wie gesprochenen Texten und voluminösen Liedern kommen auch noch effekttechnische Experimente („Eb taht srewop eht“ läuft beispielsweise komplett rückwärts) oder grosse Portionen von sanftem Alternative Rock dazu. Inklusive starker Dynamik und technischer Perfektion.

Wer aber genau hinhört, für den spannen die einzelnen Fäden immer mehr zusammen und ein dichtes Netz an Musik, Ausdruck und Möglichkeit entsteht. Being As An Ocean wagen es, ihre harte Musik komplett neu zu konstruieren und haben dabei grossartige Lieder wie „OK“ oder „Thorns“ erschaffen. Persönliche Inhalte und der neue Gitarrist/Sänger Michael McGough haben „Waiting For Morning To Come“ mehr als gut getan und aus einer harten Gangweise eine Erlebnisreise geschaffen. Es muss ja nicht immer alles bluten.

Anspieltipps:
Black & Blue, OK, Thorns

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Autisti, Oxil Zofingen, 18-02-09

Autisti
Support: Twoonacouch
Freitag 9. Februar 2018
Oxil, Zofingen

Sei der Lärm auch noch so extrem, irgendwann verklingt er und zwischen sonischen Ergüssen und krachenden Membranen kehrt wieder Stille ein. Und obwohl sich das Projekt von Emilie Zoé und Louis Jucker erst 2016 gegründet hat, ist bereits jetzt wieder Moment gekommen, in dem es heisst: Adieu Autisti, c’était un moment merveilleux! Die Monate mit euch vergingen wie im Flug und waren immer eines: Unberechenbar, wild und herzensgut.

Es war darum eine grosse Ehre, das zweitletzte Konzert für eine lange Zeit, oder vielleicht für immer, im Oxil in Zofingen erleben zu dürfen. Autisti wiederholten dabei nicht nur, was sie im Bogen F noch ganz frisch, im Royal zum Saisonschluss, an der Badenfahrt mit zwei Schlagzeugern oder in Bulle gnadenlos zelebriert hatten – nein, sie holten erneut frische Experimente aus ihren Liedern heraus und feilten bis zuletzt am Wahnsinn. Denn ihr Lo-Fi-Noise-Rock ist nicht nur sehr entschlackt und beschränkt sich meist auf zwei Gitarren und das Schlagzeug, sondern besitzt genügend Leerstellen, um live immer wieder anders zu klingen.

Louis Jucker verwandelte seine Texte in schamanische Gesänge, legte sich mit dem Mikrofon vor die Bühne oder schrie einzelne Laute voller Inbrust in den Raum. Emilie Zoé dagegen zeigte keine Gnade mit ihren Gerätschaften und versuchte mit Tasten und Saiten im Rauschen des Kosmos neue Erlösungen zu finden – was immerzu treffend und wuchtig von Schlagzeuger Steven Doutaz unterstützt wurde. Ob „Peaches For Planes“ oder „The Dower“, hier wurde voller Verzerrung und Lautstärke die Gitarrenmusik neu erfunden.

Und wie immer waren Autisti auch ein Paradebeispiel dafür, wie wenig man die Musik mit dem eigenen Geltungsdrang und der Suche nach Perfektion verbinden muss. Diese entschlackte und experimentelle Form von Rock will niemanden bezirzen, sie kommt direkt aus dem Innern der Künstler und ist ein roher Ausdruck an Emotion und Lust. Und genau darum waren die Auftritte dieses Trios immer faszinierend und fesselnd, und genau darum tut es weh, sich vorerst davon zu trennen. Aber immerhin durfte Zofingen dies noch erleben.

Dass nicht jeder Lärm gleich toll ist, das wissen auch Twoonacouch aus Luzern. Wahrscheinlich froh, dem Getümmel der Fasnacht entfliehen zu können, gaben die jungen Mannen an diesem Freitag ihr erstes Konzert ausserhalb ihres Heimatkantons. Mit ihrem frischen Debütalbum „And I Left“ unter den Armen zeigten sie, dass Emo und Post-Hardcore auch in der Innerschweiz zu packenden Songs führen können. Lars führte mit seinem Bass und zwischen Gesang und urplötzlichem Geschrei das Trio durch intensive Songs, Nicolas versank hinter seinem Schlagzeug tief in den Rhythmen. Und wenn Lauro an seiner Gitarre dazu zauberte war schnell klar, hier steckt viel Talent und Potential drin! Das eine endet, etwas Neues beginnt – so dreht sich die Musikwelt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

sittingthesummerout – Brick and Mortar (2017)

Diese zweite EP zu gebären war keine einfach Aufgabe für die italienische Post-Hardcore-Band sittingthesummerout – viel eher ist es ein Mahnmal der widrigen Umstände und Blockaden im Musikgeschäft. Aber nach zwei Jahren voller Zaudern und Pausen ist es nun soweit: „Brick And Mortar“ erblickt das Licht der Welt, verzieht sich aber sehr schnell in den Schatten. Denn nicht nur Frontmann Samir Batista hat seine Probleme mit der warmen Jahreszeit, auch diese fünf Songs lieben Düsteres.

Gemäss den Merkmalen neueren Bands des emotionalen und sanften Hardcore mischen sittingthesummerout Sprechgesang, leise Passagen und melancholische Melodien mit Geschrei, harten Riffs und wuchtigen Wechsel. Lieder wie „Permanence“ erinnern darum gerne und oft an La Dispute, erreichen aber deren Genialität nicht ganz. Die Italiener machen eigentlich nichts falsch auf „Brick And Mortar“, finden aber das zwingende und wirklich emotional treffende Element zu selten.

Mit Texten über schwierige Freundschaften, Probleme mit der eigenen Position im Leben und Zukunftsängste singen sittingthesummerout wohl einigen aus der Seele, finden in ihren Kompositionen aber zu wenig Katharsis oder Absolution. Trotzdem, diese Band zeigt sich immer interessant und könnte in Zukunft noch einige Überraschungen für uns alle bereit halten. Atmosphärisch und treibend sind ihre Lieder nämlich jetzt schon sehr.

Anspieltipps:
Nothing Changes In Baltimore, Permanence, To Those Concerned

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Brand New – Science Fiction (2017)

Acht Jahre ist es her, seit wir mit „Daisy“ nicht nur erwachsener, sondern das Musikleben noch einmal packender und fesselnder wurde. Und jetzt endlich, nach langer Zeit voller Zweifel, Warten und enttäuschter Hoffnungen ist es da, das fünfte Studioalbum der Amerikanischen Post-Hardcore Band Brand New – und ist in jedem Takt und zu jeder Sekunde wieder ein extrem mitreissendes und faszinierendes Werk geworden. Immerzu wandelnd und sich nie vor Experimenten scheuend, von Alternative Rock zu Emo zu Hardcore. „Science Fiction“ ist einer der hellsten Sterne am diesjährigen Himmel.

Wie es auch nicht anders von Brand New zu erwarten war, beweisen sie mit abwechslungsreichen und extrem detailliert ausgearbeiteten Songs wie „In The Water“ erneut, dass man sehr wohl schwerwiegende Überlegungen mit immerzu packender Musik verbinden kann. Die Musiker wagen sich erneut an Fragen zu Moral, Ehrlichkeit und den Umgang mit psychologischen Problemen. Verpackt in sanften Gitarrenklängen und zerbrechlichem Gesang („Could Never Be Heaven“) oder brutal ausbrechenden Riffs und eindringlichem Geschrei („Same Logic/Teeth“), die Musik auf „Science Fiction“ wechselt immer im richtigen Moment ihre Form und Gefühle.

Sehr bitter ist nur, dass „Science Fiction“ das wohl letzte Album von Brand New bleiben wird, die Band hat angekündigt sich Ende 2018 aufzulösen. Das stimmt auf der einen Seite sehr traurig, lässt uns diese zwölf neuen Songs aber umso mehr geniessen. Denn die Reise mit treibender Kraft und wahrlich fantastischen Harmonien („Out Of Mana“) übertrifft alle Erwartungen, lässt uns zu Tränen gerührt zurück, bietet uns allen einen vertrauenswürdigen Freund und gibt uns Hoffnung, dass wir auf dieser Welt doch einen angenehmen Weg finden werden. Danke für alles, Brand New.

Anspieltipps:
Same Logic/Teeth, Out Of Mana, Batter Up

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Thousand Below – The Love You Let Too Close (2017)

Band: Thousand Below
Album: The Love You Let Too Close
Genre: Post-Hardcore / Emo

Label/Vertrieb: Rise
VÖ: 6. Oktober 2017
Webseite: Thousand Below auf FB

Manchmal muss es einfach raus, ungefiltert und mit voller Wucht. Und genau so klingt das Debütalbum von Thousand Below, einer frischen Band aus San Diego, die sich dem melodischen Post-Hardcore verschrieben hat. Nach einem Jahr voller Arbeit sind die Mannen bereit, ihre Lieder auf die Welt loszulassen und bereits nach wenigen Minuten von „The Love You Let Too Close“ ist klar: Hier hat sich jede Mühe gelohnt.

James Deberg macht einem den Einstieg auch leicht. Mit seinem ausdrucksstarken Gesang, den verzweifelten Schreien und emotionalen Ausbrüchen wird man sofort mit Haut und Haar in die Lieder gezogen. Geschickt werden somit zwischen treibenden Passagen voller dynamischem Alternative Rock (so erinnert „Vein“ gar an die frühen Muse) und den harten Standpunkten des Punk und Hardcore gewechselt. Thousand Below schämen sich nicht vor leichten Passagen mit Keyboard wie Thursday damals, lassen aber auch komplette Welten kollabieren wie im Titelsong.

Inhaltlich werden keine kleinen Brötchen gebacken, Thousand Below lassen auf „The Love You Let Too Close“ ihren Frust ab und behandeln Themen wie Depression, Suizidgedanken und daraus resultierende Beziehungsbrüche. Somit ist dieses Album extrem abwechslungsreich, immer ins Herz treffend und sowohl für den Tag wie auch die Nacht perfekt geeignet. Eine Platte, die sich als passenden Begleiter für die schweren Tage herausstellt und so manche dunklen Gedankengänge wieder zerstäuben kann.

Anspieltipps:
Tradition, The Love You Let Too Close, Vein

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Movements – Feel Something (2017)

Band: Movements
Album: Feel Something
Genre: Post-Hardcore / Emo

Label/Vertrieb: Spinefarm / Fearless
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: movementsofficial.com

Ja, du bist nicht alleine – wir leiden alle mit dir. Und seit wenigen Jahren gibt es wieder grosse musikalische Unterstützung von Seiten des härteren Indie-Rocks: Der Emo (Emotional Rock, nicht der Kajal-Tagebuch-Schick) schwappt wie Wellen zu jeder Jahreszeit über uns hinweg. Mit Movements erweitert sich das Feld nun um eine Band aus Kalifornien, die seit 2015 unseren Alltag zwar melancholisch, aber auch wunderbar mitreissend gestaltet. “Feel Something” heisst ihr zweites Album und bringt damit den Inhalt auf den Punkt, ohne jemals aufbrausend oder zu verloren zu wirken.

Klar, die Texte von Movements konzentrieren sich in Liedern wie “Colorblind” oder “Noodle” immer wieder treffend um diese Sätze, die sich tief in dein Herz schrauben und dort, trotz Schmerz, lange Zeit bleiben. Im Gegensatz zu Alben von Piano Becomes The Teeth oder La Dispute kippt man mit den Kaliforniern aber nie über den Klippenrand, sondern findet immer noch ein Ast oder ein altes Seil, um sich festzuhalten. Darum ist es auch gut, lässt die Band um Sänger Patrick Miranda die Musik nie zu laut und zu brutal werden. Es gibt kein Geschrei, es gibt keine extremen Breakdowns, dieser Post-Hardcore nimmt sich die stärkste Wirkung aus den leichtesten Gitarren.

Wenn bei “Fever Dream” die akustischen Gitarren angeschlagen werden und der Gesang fast verschwindet, dann fühlt man sich umgarnt und an der Schulter gehalten. Und wie auch Brand New schaffen es Movements dann, mit leichten Lautstärken- und Kompositionsverschiebungen eine extreme Wucht aufzubauen. Die Spiritualität wird am Leben gehalten. Und wenn die Band herrlich emotionalen Gesang mit toll brummelndem Bass verbindet wie bei “Deep Red”, dann kann man sich nur gut fühlen. Zusammensein, zusammen leiden, zusammen leben.

Anspieltipps:
Colorblind, Noodle, Deep Red

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

At The Drive In – Diamanté (2017)

Band: At The Drive In
Album: Diamanté
Genre: Post-Hardcore / Alternative

Label/Vertrieb: Rise
VÖ: 24. November 2017
Webseite: atthedriveinmusic.com

Es wurde wahrlich zu einer triumphalen Rückkehr der alten Post-Hardcore-Recken aus den vereinigten Staaten, denn mit ihrem neusten Album „In•ter a•li•a“ besuchten sie die halbe Welt und wüteten wie ein Berserker durch die Länder. Auch in Lausanne wurde das Konzert zu einem wilden Fest bekannter Hymnen und neuen Hits. Kein Wunder also, legen At The Drive In pünktlich zum Black Friday nun nach und präsentieren mit „Diamanté“ eine EP mit drei neuen Songs – Vinyl only, versteht sich.

Denn nebst dem normalen Record Store Day hat sich auch die Teilnahme am kaufwütigen und ultrakapitalistischen Black Friday (Tag nach Thanksgiving und Start der Weihnachtsverkäufe) seit einigen Jahren etabliert und lädt viele Labels und Bands dazu ein, an diesem Tag Sonderpressungen zu veröffentlichen. Losgelöst von dem eher fragwürdigen Hintergrund der Scheibe gibt es von At The Drive In zehn Minuten neue Musik, die sich perfekt in ihr bekanntes Wirken einfügt. „Amid Ethics“ startet mit kratzendem Bass, rumpelnden Gitarren und dem hyperaktiven Gesang Cedric Bixler-Zavalas – explosive Endentladung garantiert.

Auch „Despondent At High Noon“ gibt sich zu keiner Sekunde zaghaft und rückt den unfrisierten Alternative Rock mit Punk-Jacke in den Fokus. At The Drive In geniessen ihre lärmenden Gitarren und lassen erst mit dem abschliessenden „Point Of Demarkation“ Groove und schleppende Rhythmen zu. Somit ist „Diamanté“ zwar eine kurze, aber repräsentative EP, für welche man allerdings viel Jadg- und Kaufglück in den heimischen Plattenläden benötigt. 

Anspieltipps:
Amid Ethics, Despondent at High Noon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fjørt – Couleur (2017)

Band: Fjørt
Album: Couleur
Genre: Post-Hardcore

Label/Vertrieb: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 17. November 2017
Webseite: fjort.de

„Couleur“, „Raison“ oder „Magnifique“ – Fjørt sind ja für ihre Veränderungen zwischen den Alben berüchtigt oder beliebt, je nach Standpunkt. Aber keine Bange, die Sprache auf ihrem dritten Album ist weiterhin das direkte Deutsch. Zwar werden Songs und die Platte selber gleich mit schmucken Wörtern auf Französisch betitelt, Chris Hell und David Frings singen, schreien und leiden aber in ihrer Muttersprache. Mit dem Bilingualismus wird geschickt der Bogen zu den internationalen Problemen und Reibungspunkten gespannt, den die Musik der deutschen Post-Hardcore Truppe gewichtig aufnimmt. So geht es hier nicht nur um Blasts und sprengende Riffs, sondern Kommunikation und Zusammenleben.

Egal wie laut und brutal Fjørt mit Songs wie „Eden“ oder „Südwärts“ auch werden, das Schöne an dieser weitergeführten Art von Hardcore ist ja, dass weder Gefühl noch die Möglichkeit zur Empathie fehlen. Und dieses Trio steht auch seit der Gründung 2012 für den Mut, immer wieder neue Ideen und Einflüsse in ihrer Musik zuzulassen. Ob sich Stücke nun elegisch in die Flächen lehnen und dabei den Post-Rock hereinbrechen lassen oder die Melodien mit Synthies auflockern: Alles dient dem eindrücklichen Resultat. Dieser explosive Cocktail passiert auch in den Lyrics, die Politik, Ungerechtigkeit und persönliche Probleme zu einem berührenden Tiegel verschmelzen.

Mit dieser Grösse und der Bereitschaft, in Gebiete vorzudringen, die nicht allen passen könnten, bleiben Fjørt auch mit „Couleur“ immer packend und fordernd. Stücke wie „Bastion“ lassen uns leiden und nachdenken, greifen mit ihren Gitarren tief in unsere Wunden, bieten aber auch gleich den Ausweg und Hinweise zur Besserung. Ob die Band dabei an The Hirsch Effekt oder Envy erinnert, am Ende trägt man eine grosse Befriedigung davon und ist froh, gibt es noch solche Geister und Gesichter in der Musikszene.

Anspieltipps:
Couleur, Raison, Bastion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.