Grunge

Muerte Espiral – Invocación (2017)

Hinab werden wir gesogen, in die Dunkelheit und den Tod, umgeben von tief brummenden Saiten und erbarmungsloser Rhythmik. Es gibt kein Aufprall, es gibt keine Erlösung – hier sind wir im steten Fall gefangen und müssen Leid wie Druck ertragen. Aber wer diesen Zustand so packend ausformuliert wie das Trio Muerte Espiral, dem folgen wir gerne in die pechschwarze Unendlichkeit. „Invocación“ (Bitte an eine höhere Person) begegnet uns nämlich nicht nur mit einer zähnefletschenden Fledermaus, sondern brachialem Stoner- und Doom-Rock.

Anfang 2017 vom chilenischen Gitarristen Jurel Sónico und der Zeal & Ardor-Bassistin Mia Moustache aus Basel gegründet, ist Muerte Espiral nicht nur ein frisches Kind im Umfeld der harten Rock-Musik, sondern auch eine Ursuppe an Talent und Spielfreude. Mit ihrer eigens aufgenommenen EP darf man noch einen sehr rauen Augenblick im Banddasein erleben und findet zwischen kratzenden Tonspuren, tief gestimmten Saiten und rauschenden Soundwänden herrliche Lieder wie „Mantenlo Real“ oder „Mámba Negra“. Virtuose Gitarrensolos laden den Grunge in zerfetzten Klamotten ein, Geschrei und Wut den Metal.

Man spürt schnell, dass bei Muerte Espiral nicht nur eine weitere Kombo der wilden Musik entstanden ist, sondern ein Projekt voller Leidenschaft und Lust. Ob einzelne Riffs nun psychedelisch nachhallen oder der Gesang wie bei Alice In Chains geschichtet wird (siehe „Cráneo“), „Invocación“ macht immer viel Spass und schon jetzt grosse Vorfreude auf das kommende Album. Die Scheibe soll in wenigen Wochen beim Basler Label Czar Of Crickets erscheinen und bestimmt in mancher Wohnung für schepperndes Mobiliar sorgen.

Anspieltipps:
Mamba Negra, Mantenlo Real, Zahori

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Turn Me On Dead Man, Coq d’Or Olten, 18-02-15

Turn Me On Dead Man
Support: Living Shape, Muerte Espiral
Donnerstag 15. Februar 2018
Coq d’Or, Olten

Alles immer in Nebel gehüllt und blau – wer nach diesem Donnerstagabend seine Erinnerungen sammelte, der musste teilweise wohl etwas genauer hinschauen. Denn die gitarrenmächtige und immerzu auch laute Nacht im Coq d’Or in Olten war vor allem eines: Hypnotisch fesselnd. Drei Bands haben gezeigt, dass wuchtiger Rock immer noch eine packende Wirkung in sich trägt – und sogar neue Leute buchstäblich mit jedem neuen Takt anlockt. Denn obwohl Turn Me On Dead Man aus San Francisco am Schluss unter grossem Jubel im gut besuchtem Kellerraum als Helden von der Bühne gelassen wurden, hätte es auch anders kommen können.

Muerte Espiral betraten die Bühne nämlich, als nur eine handvoll Neugierige den Weg nach unten gewagt hatten. Doch kein Problem für das Trio um den Chilenen Jurel Sónico an der Gitarre, mit ihrem energetischen und geradezu waghalsigen Stoner-Doom drängten sie die Luft und alle Zweifel aus dem Raum und füllten die Umgebung mit harten Riffs, extrem mitreissendem Drumming und wahrlich packenden Bassläufe. Diese Gruppe gibt es zwar noch nicht lange, aber bereits hier wurde klar, dass ihnen einen grossen Teil des Grunge-Psych-Kuchens gehört. Kontinenten überspannend und multilingual, ohne Zögern oder Pause.

Für Living Shape aus Zürich war es darum nicht ganz einfach, auf diesen Einstieg zu folgen. Ihr psychedelischer Rock spielte aber mit anderen Karten und setzte weniger auf die wuchtige Härte, sondern mehr auf das filigrane Spiel zwischen Fläche und Melodie. Immer wieder liessen sich die drei Mannen zu ausufernden Instrumentalteilen hinreissen, bevor sie ihre Songs dann doch in die dunkle Gruften stürzten. Nur schade, stolperte die Band teilweise etwas über ihre Kompositionen, aber der erst begonnene Werdegang wird bestimmt noch einige Überraschungen in sich tragen.

Turn Me On Dead Man gehören da schon zu den alten Hasen, die Truppe aus Amerika musizieren schliesslich bereits seit 2000 miteinander und haben ihren Hard Rock mit viel Stoner versehen. Das ging nicht nur letztes Jahr mit ihrem neusten Album „Heavy Metal Mothership“ vorzüglich auf, sondern zeigte sich auch in Olten als vorzügliche Stampfer. Zwei Gitarren und ein Keyboard liessen die Besucher durch Vorhänge aus Sounds gleiten und nahmen uns alle mit in eine Reise durch das All. Zwar gab es weniger psychedelische Bewusstseinsveränderungen, dafür immer wieder Jubelmomente und eine satte Rock-Ladung. Gerne nahm man im Nebel, zwischen den blau leuchtenden Figuren Platz und ritt mit den Künstlern von dannen. Dieses Kraftpaket an Bands war eine wahre Wonne.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mudhoney – LiE (2018)

Grün ist Fluss schon lange nicht mehr, denn seit 1988 sorgen Mudhoney dafür, dass Grunge nie zu glatt wird und sich auch immer gerne im Dreck wälzt. Die Band um Frontmann Mark Arm feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum und beginnt die Feierlichkeiten mit einem Live-Album, das Aufnahmen diverser Europakonzerte der Tour von 2016 präsentiert. „LiE“, also „Live in Europe“, bietet elf laute Songs, die nicht nur durch die gesamte Geschichte der Gruppe reisen, sondern die Welt auch auf das neue Studioalbum vorbereiten sollen. Und mit dem Roxy Music Cover „Editions Of You“ wird auch die Romantik nicht ganz vergessen.

Denn im eigentlichen Sound von Mudhoney sind es vor allem der rohe Gitarrenklang, der Lärm und der Punk, welche das Bild bestimmen und Lieder wie „Get Into Yours“ oder „Poisoned Water“ so rumpelig angehen, dass die Musik immer wieder schier auseinander zu fallen scheint. Das passt aber zur direkten und reduzierten Art, mit der die Amerikaner ihre Lieder angehen – die Nähe zu Bands wie Ramones oder The Stooges lässt sich dabei nicht leugnen. Mit energetischen Momenten wie „I’m Now“ erhält das Album aber immer wieder etwas Luft zu atmen, bevor die Band sich komplett in den Noise stürzt („Judgement Rage Retribution and Thyme“).

Dass Mudhoney an ihren Songs und Konzerten immer noch Spass haben, das spürt man auf „LiE“. Die Mannen geben sich nicht mit einer Sparflamme zufrieden, sondern prügeln aus dem alternativen Rock die harten Seiten heraus. Schön also, ist diese Scheibe nicht nur ein neues Lebenszeichen, sondern auch gleich das erste, reguläre Livealbum dieser Legende. Es wird Zeit, die Haare wieder wachsen zu lassen und sie wild zu schwingen.

Anspieltipps:
Poisoned Water, Judgement Rage Retribution and Thyme, Broken Hands

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sooma – Sooma (2017)

Wenn hier jemand Flanellhemden trägt, dann nur welche mit Flecken und grossen Löchern. Denn zur Musik von Sooma kann man sich nicht bewegen ohne Verletzungen davonzutragen und so bleibt vom gemütlichen Grunge nicht mehr viel übrig. Das Trio aus Zürich macht sich viel lieber im lauten Rock, kräftigen Noise und dystopischen Weltbild breit. Und genau so hemmungslos und dreckig klingt „Sooma“ auch.

2014 gegründet, wurde nach einigen Demos und aufgenommenen Songs da Projekt konkreter und Sooma eine richtige Band. Zu Yannick Consaël und Fidel Aeberli gesellte sich Bassist Stefan Jocic, brachte noch mehr Lust und Energie in die Truppe und half mit, die Wucht der Liveshows auf das erste Album zu übertragen. Dies gelingt der Band perfekt, rauscht es einem im Kopf doch bereits nach dem Einstieg mit „Uncle“. Die Mannen holen aus der brachialen Musik den lockenden Rock’n’Roll heraus und wirken immer ansteckend.

Lieder wie „Kneel“ oder „Karoshi“ sind oft herrlich kurz und leben von übersteuerten Gitarrenriffs, kratzen an den Membranen in den Lautsprechern und verarbeiten die Plattenspielernadel langsam zu Staub. Sooma mischen diese reissende und wilde Mixtur mit Texten über schmerzende Probleme und Zweifel – und die Verbindung zu den Neunzigern ist somit auf allen Ebenen hergestellt. Wobei, zurückgeschaut wird auf „Sooma“ eigentlich nie, lieber stürzen sich Songs und Band gleich aus dem geschlossenen Fenster und schocken die Nachbarschaft.

Anspieltipps:
Kneel, Misli Teku, Karoshi

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Useless – Neglect (2017)

Ist diese Band nicht etwas zu jung, um sich dem Sound der Neunziger hinzugeben und den Grunge mit ganzen Körpern zu erforschen? Ach, was für eine beschränkte Aussage! Denn solange sich immer wieder Jungspunde daran machen, die glorreichen Zeiten des Rocks neu aufzuarbeiten, dürfen auch die dreckigen und schmerzenden Momente der aktuelleren Alternative Rock Geschichte erneut im Rampenlicht stehen. Besonders, wenn es so packend und vielschichtig klingt wie bei der Winterthurer Truppe useless. Von der Schweizer Stadt her kämpfen eine Frau und drei Mannen gegen das musikalische Unrecht und den Körperhorror.

„Neglect“ ist nicht nur der Namen der zweiten EP von useless, sondern auch eine Aufmerksamkeitsstörung. Der Titel gibt also gleich vor, dass in den fünf neuen und düsteren Liedern die Nachdenklichkeit und Probleme von unsicheren Menschen niemals vergessen werden. Ganz in der Tradition von Bands, die damals schon verlorene Teenager eine Stütze waren, wird auch hier dröhnende Gitarrenmusik mit Einflüssen des Punk, Stoner oder Hardcore gemischt und sehr eindringlich präsentiert. „Cerebral Coma“ lässt die Nirvana-Fratze aufblitzen, „Dreamer“ wälzt sich während sechs Minuten durch Riffs und Perkussionswirbel.

useless sind aber nie reine Zitatenschwinger, sondern nehmen ihre eigenen Ängste, Ideen und Wünsche auf und vermengen diese mit drohendem Gesang und energievoller Musik. Da darf es auch gerne unfertig und wild rumpeln wie bei „GFY“, die grossen Gesten und weiten Sounds folgen alsbald wieder. Mit nur fünf Stücken ist „Neglect“ zwar kurz, bietet aber viel um mitzufühlen, zu schreien und sich aus dem Dunkeln wagen. Schliesslich gibt es auch heute, ohne einengendes Zimmer in der Familienwohnung, noch genügend Gründe um sich den Kopf über die Welt zu zerbrechen. Hier findet man Verbündete.

Anspieltipps:
Madcap, Cerebral Coma, „Jesse“ She Said

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Slothrust – Everyone Else (2017)

Band: Slothrust 
Album: Everyone Else
Genre: Grunge / Alternative Rock

Label/Vertrieb: Dangerbird
VÖ: 6. Oktober 2017
Webseite: slothrust.com

Mit einem gnadenlosen Blues-Rock-Stampfer namens „Surf Goth“ steigt das Album gleich in die Vollen und sagt dir unerbittlich: Wenn du das nicht aushältst, dann musst du gar nicht erst mit uns weiterreisen. Denn obwohl sich Slothrust danach auf sanftere Songs mit weiblichem Gesang und diversen Einflüssen beschränken, bleibt der Ausdruck immer direkt und wild verspielt. Das Trio aus Amerika bieten auch mit seinem dritten Album „Everyone Else“ einen wahren Strauss an Rockarten und Tanzmethoden.

Denn mit jedem Song schlängeln sich weitere Ideen in das Gefüge: Dreckige Grunge-Riffs gesellen sich neben Indie-Gedanken, Jazz-Schwingungen bringen den Alternative Rock in neue Sphären – und all dies, ohne die Hooks zu vergessen. Lieder wie „Horseshoe Crab“ gehen leicht ins Ohr und wollen mitgesungen werden, andere wie „Like A Child Hiding Behind Your Tombstone“ bringen auch die reserviertesten Besucher zum Springen auf dem Sofa. Damit positionieren Slothrust ihre Musik geschickt zwischen Popformat und Epos, ohne mit extremen Laufzeiten aufwarten zu müssen.

„Everyone Else“ ist somit trotz der Vielfalt schnell erfasst und immer perfekt in der Balance zwischen experimenteller Rockmischung und klassischen Brettern. Dank der kernigen Produktion und grossen Wucht der Musiker um Frontfrau Leah Wellbaum klingen Slothrust auch bei gemächlichen Songs wie „The Last Time I Saw My Horse“ immer druckvoll und grösser als ein Trio, schütteln die Haare und halten ihre Instrumente in die Höhe. Und was machen wir? Wir feiern gerne mit.

Anspieltipps:
Like A Child Hiding Behind Your Tombstone, Horseshoe Crab, Trial & Error

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Afghan Whigs, Mascotte Zürich, 17-08-06

The Afghan Whigs
Support: Ed Harcourt
Sonntag 06. August 2017
Mascotte, Zürich

Es war nicht nur der Nähe zu der Bühne zu verschulden, dass man die Musik mit dem gesamten Körper spüren konnte – der Auftritt der legendären Alternative Rock Truppe aus Amerika war von der ersten bis zur letzten Sekunde eine extreme Wucht. Kein Wunder, standen The Afghan Whigs teilweise mit gleich fünf Gitarren auf einmal im Scheinwerferlicht des Mascotte Clubs in Zürich und drehten die Lautstärke voll auf. Doch die Songs der Band müssen durch Mark und Bein gehen, ihre elegante aber düstere Mischung aus Rock, Grunge und Blues verlangt danach. Im Gegenzug waren die Besucher des Auftrittes am Sonntagabend bereit, voller Inbrust mitzumachen.

Schon beim Konzertbeginn mit neuen Klangperlen des aktuellen Albums „In Spades“ sah man glückliche Gesichter, wogende Körper und erhörte laute Jubelschreie. Dies brachte die Band nicht davon ab, gleich einen langen Songreigen ohne Pause auf die Leute loszulassen – Luft holen ist für Anfänger. „Arabian Heights“ übernahm von „Birdlands“, welches Frontmann Greg Dulli noch alleine präsentierte – danach wurde aber aus allen Instrumenten gnadenlos gefeuert. Geschickt verwoben The Afghan Whigs Neues und bekannte Hits, „Let Me Lie to You“ sorgte für erste Freudentränen, gegen Ende des Abends brachten Songs wie „John the Baptist“ auch die letzten Zögerer nahe an den euphorischen Zusammenbruch.

Aber genau diese emotionale Tiefe und das bedrückende Gefühl haben die Musik von The Afghan Whigs schon immer so unwiderstehlich gemacht. Als sich die Band 2001 auflöste war es ein Grund zur Trauer, die Rückkehr geriet 2012 umso fulminanter. Dies zeigte sich auch wieder in Zürich – die Band ist heute noch eine grosse Kraft, welche sich nicht stoppen lässt. Dass nun vor wenigen Wochen Gitarrist Dave Rosser an Krebs verstorben ist, ist sehr traurig – doch die Reise geht weiter. Mit kräftiger Unterstützung von Ed Harcourt wurde dem Musiker nicht nur gedacht, sondern der schwarz gekleidete Rock auch erneut ein wenig transformiert.

Passenderweise fielen während des Konzertes immer wieder einzelne Goldkonfetti einer vergangenen Party auf die Musiker, Erhabenheit wo sie hingehört. Dies zeigte sich schon beim Support von Ed Harcourt, der alleine auf der Bühne mit Gitarre, Trommeln, Klavier und Loop-Geräte intensive Lieder aufbaute. Ein vielseitiges Talent, geerdet und extrem sympathisch. Seine Musik landete irgendwo zwischen düsterer Bar, Crooner und herzzerreissenden Gitarren – und eröffnete einen Abend voller ehrlicher und berührender Musik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Neo Noire – Grunge 2.0

Wie eine helle Sternschnuppe zogen Neo Noire an Basel vorbei über die gesamte Schweiz und haben mit ihrem ersten Album „Element“ die Szene des Alternative Rock gehörig aufgemischt. Kein Wunder, verbinden die gestandenen Künstler auf der Platte doch harte Riffs mit gefühlvollen Melodien – und vergessen die Ohrwürmer dabei nicht. Dies brachte ihnen auch bereits einige Auftritte im nahen Ausland ein, und für uns die Gelegenheit für ein Interview.

Michael: Eine ganz frische Alternative Rock Band aus der Schweiz begleitet eine gestandene Hardcore-Legende aus den USA. Wie kam es denn zu diesen zwei Konzerten mit Suicidal Tendencies in Deutschland?
Thomas: Über unseren deutschen Booker kam der Kontakt mit dem Management von Sucidal Tendencies zustande. Von da an ging eigentlich alles recht schnell; nachdem sich die Band unser Material angehört hatte, bekamen wir grünes Licht aus den USA für die Shows in Deutschland.

Ein Gig ist bereits überstanden, einer steht noch bevor. Wie sind nun die Erfahrungen nach diesem Auftritt? Wurdet ihr gut empfangen?
Wir haben mit unseren diversen Bands in der Vergangenheit ja schon zahlreiche Erfahrungen mit solchen Support-Slots sammeln können, kennen die Regeln und wissen daher, was zu tun und was zu unterlassen ist. Die erste Show lief für uns fantastisch! Band und Crew von Sucidal Tendencies haben uns äusserst nett behandelt und wir erhielten von ihrer Seite her keinerlei Restriktionen in Bezug auf unseren Auftritt – was absolut nicht der Normalfall ist bei Bands mit solchem Kultstatus.

Sind Supporting Gigs im Allgemeinen lukrativ, oder erhält man dadurch bei etwas komischen Paarungen doch zu wenig Rückmeldung?
Finanziell sind solche Gigs natürlich nicht lukrativ. In Bezug auf die Wirkung, die dabei erzielt werden kann, jedoch sehr! Bei Bands wie den legendären Suicidal Tendencies sind auch immer viele Medienvertreter und natürlich auch viel Publikum anwesend. Wir bekamen sehr gute Reaktionen auf unseren Auftritt, was keineswegs selbstverständlich ist, denn die Fans von Suicidal sind wirkliche Die-Hard-Fans. Aber wir haben uns den Arsch abgespielt und konnten damit offensichtlich überzeugen.

Ist es als „neue“ Band im Allgemeinen einfacher im Business zu sein und sich niemandem beugen zu müssen, als wenn man noch viele Erwartungen erfüllen muss?
Als Musiker ist es meiner Meinung nach am wichtigsten, immer zuerst die eigenen Erwartungen erfüllen zu können, ansonsten läuft man in eine Sackgasse. Bei Neo Noire sind wir alle zu erfahren, als dass wir uns dreinreden lassen würden – dafür haben wir bereits zu viele Jahre im Musikbusiness auf dem Buckel. Innerhalb der Band ist die Situation bei uns generell speziell: Fredy Rotter (Git/Vox) ist gleichzeitig auch unser Labelboss (Czar of Crickets), David Burger (Drums) ist unser Manager (Inhaber von Radicalis) und ich habe das Album produziert. Somit haben wir eine sehr gute und funktionierende Infrastruktur innerhalb der Band und können Entscheidungen selber fällen, was natürlich auch die Verantwortung steigert.

In der Schweiz – oder zumindest in gewissen Szenen – hat euer erstes Album „Element“ eingeschlagen wie eure Riffs einfahren, nämlich heftig. Für euch war dies bestimmt nicht verwunderlich, oder?
Die fantastischen Reaktionen aus aller Welt auf unser Debüt „Element“ sind auch für uns überraschend und natürlich sehr cool. Wir sind als Band sehr entspannt an das Songwriting und die Produktion herangegangen und haben uns keine grossen Gedanken darüber gemacht, wem die Songs gefallen könnten. Wir haben lange und sehr hart daran gearbeitet, bis wir als Band komplett hinter dem Album stehen konnten. Offensichtlich haben wir aber glücklicherweise damit bei vielen schlussendlich einen Nerv getroffen – was uns natürlich sehr freut.

Man kann den Erfolg nie planen und der Grunge ist eigentlich nicht mehr hoch im Kurs – jetzt ist auch noch Chris Cornell gestorben. Ist es da sinnvoll, mit dieser Stilrichtung das Glück zu suchen?
Wir sehen uns eigentlich in keiner Weise als Vertreter einer Grunge-Szene. Grunge war für mich immer eine Erfindung der Medien und ich selber assoziiere am ehesten Bands wie Mudhoney, Nirvana und die Melvins mit „Grunge“. Unsere Musik, die wir ja selber Hybrid Rock nennen, ist ganz einfach die Schnittmenge der persönlichen musikalischen Vorlieben von uns vier in der Band. In den vielen sehr guten Album-Reviews wurden wir sehr oft mit Bands der 90er wie Janes Addiction, Tool oder den Smashing Pumpkins verglichen, was für uns natürlich ein Kompliment ist. Trotzdem wurde auch immer herausgehoben, dass wir diesem Sound ein gehöriges Upgrade verpasst haben. Wir haben innerhalb der Band (und auch aufgrund des grossen Altersunterschieds) zu viele verschiedene musikalische Vorlieben, als dass wir ein einzelnes Genre bedienen wollen würden. Das würde uns als Musiker viel zu sehr limitieren.

Soundgarden waren aber bestimmt auch einen Einfluss auf eure Musik. Was hatte sonst auch noch etwas zu sagen, wenn auch nur unterbewusst?
Mir persönlich gefielen Soundgarden von den vielen Bands zu dieser Zeit fast am besten. Die Band zeigte sehr viele verschiedene musikalische Facetten und schrieb zeitlose Songs. Für mich waren Soundgarden allerdings mit ihren nicht überhörbaren Black Sabbath- und Led Zeppelin-Einflüssen immer mehr dem Classic Rock-Genre zuzurechnen, und ich habe den diesbezüglichen „Grunge-Stempel“ eigentlich nie begriffen. Wir verfolgen mit Neo Noire ein ähnliches Verständnis: Die letzten 50 Jahre haben in der Rockmusik fantastische Bands und Genres hervorgebracht. Wenn man sich keine Grenzen auferlegt, ist dies ein herrliches Tummelfeld, um sich auszutoben. Ich glaube gerade auch deshalb ist noch mit einigen Überraschungen von uns zu rechnen.

An der Plattentaufe in der Kaserne in Basel habt ihr gezeigt, dass eure Musik auch live ein Kracher ist. Was gefällt dir selber mehr, auf der Bühne zu stehen oder im Studio neue Songs zu finden?
Danke, schwierig zu sagen. Für mich ist der Entstehungsprozess eines Songs immer mit sehr viel Magie verbunden. Am spannendsten finde ich als Musiker und Produzent aber immer noch die Umsetzung im Studio. Du kannst vieles richtig oder falsch machen – und mit dem Ergebnis musst du ein Leben lang klar kommen. Aber auch live zu spielen finde ich nach wie vor sehr geil.

Dauert die Arbeit im Studio mit Neo Noire denn lange?
Oh ja. Da wir das Album in Eigenregie aufgenommen und produziert haben, hat dieser Prozess sehr viel Zeit in Anspruch genommen – insgesamt ein Jahr. Wir sind zu sehr Perfektionisten, als dass wir uns schnell zufrieden geben würden und wir lieben es, sehr viele verschiedene Dinge auszuprobieren. Dies alles kostet Zeit und Energie. Aber auf das Ergebnis sind wir mehr als stolz.

Was wird uns denn die Zukunft von Neo Noire bringen? Bald einen Studio-Nachschlag?
Wir werden sicherlich noch einige Zeit mit dem aktuellen Album touren, und so schnell ist nicht mit einem neuen Album zu rechnen. Im Herbst geht es auf eine Tour nach Spanien, danach folgt eine Tour durch die Schweiz, Deutschland und vielleicht auch Skandinavien. Trotzdem sind wir aber bereits daran, neue Ideen auszuprobieren. Doch dieser Prozess dauert bei uns eben immer etwas länger.

Neo Noire und Artnoir(e) – eigentlich die perfekte Kombination für die Musikszene?
Genau und exakt auf den Punkt gebracht! Ich hoffe, wir werden noch oft miteinander zu tun haben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.