Prog

The Pineapple Thief – Where We Stood (2017)

The Pineapple Thief – Where We Stood
Label: Kscope, 2017
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Prog

Der Dieb hat einen Lauf – seit Jahren schon, und je länger dieser andauert, desto besser wird das Diebesgut. Das Schöne an Bruce Soord ist ja, dass er uns alle an diesem Reichtum teilhaben lässt. Und nach den wundervollen Studioalben „All The Wars“, „Magnolia“ und „Your Wilderness“ gibt es nun das herrliche Destillat dieses Dreiecks als Livealbum. The Pineapple Thief präsentieren mit „Where We Stood“ nicht nur eine Momentaufnahme ihrer immer noch andauernden Tour, sondern auch die erste Konzert-Konserve aus Bild und Ton ihrer Karriere. Ein guter Grund, das Wohnzimmer in einen Saal zu verwandeln und klatschend die Lieder zu begrüssen.

Momente zum Feiern liefern uns die Mannen mit Perlen wie „Reaching Out“, „The Final Thing On My Mind“ oder „In Exile“ schliesslich zur Genüge. The Pineapple Thief präsentieren sich hier als versierte und gut eingespielte Liveband, wechseln geschickt zwischen knackig-kurzen Tracks und längeren Songs mit instrumental fordernden Parts. Dank Schlagzeuger Gavin Harrison erhalten viele Stellen eine weitere Tiefe, sein Spiel passt perfekt zu dieser Musik. Kein Wunder, erinnert „Where We Stood“ darum nicht nur mit dem Bandnamen auf dem Cover an Porcupine Tree.

Eine Prise harte Gitarren, wundervolle Melodien und ein Wechselspiel zwischen Saiten und Tasten – The Pineapple Thief haben ihre eigene Mischung aus schönem Art-Rock und Modern Prog perfektioniert und sich hier auf einem Höhepunkt festgehalten. Da stört es auch nicht, dass Bruce Soord manchmal an seine stimmlichen Grenzen stösst. Denn zu jeder Sekunde ist die Lust und Freude hinter der Musik und dem Auftritt zu spüren und die Platte (oder die DVD) reiht sich gelungen in die Sammlung.

Anspieltipps:
No Man’s Land, In Exile, Snowdrops

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: The Pineapple Thief, Dynamo Zürich, 17-09-11

The Pineapple Thief
Support: Godsticks
Montag 11. September 2017
Dynamo, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Dass an diesem Montag plötzlich in ganz Zürich scheinbar keine Ananas mehr zu finden war tun wir jetzt einfach als Gerücht ab – wie auch das Getuschel um plötzlich auftauchende Früchtchen im Backstage des Kulturhauses Dynamo. Was wir aber mit grosser Sicherheit vermelden können: Der Auftritt der Englischen Progressive Rock-Gruppe The Pineapple Thief war ein voller Erfolg. Und dies war auch nötig, war es schliesslich der erste Besuch in Zürich von Bruce Soord und seinen Mannen und ein heiss erwartetes Konzert. Besonders nach dem 2016 veröffentlichten Album „Your Wilderness“ ist die Band nämlich in die höchsten Sphären des modernen Art-Rock vorgedrungen und begeistert Leute auf aller Welt.

Somit gab es auch im Dynamo vor allem Lieder von der neusten Scheibe zu hören, druckvoll und energetisch dargeboten. Ob das elegische „In Exile“, welches auch für mich das Konzertvergnügen nach einem etwas zaghaften Beginn so richtig startete, oder das beschwörerische „Take Your Shot“ – die Atmosphäre der Scheibe konnte perfekt in den Saal übertragen werden. Womit auch gleich widerlegt wurde, dass The Pineapple Thief live nicht so überzeugen wie auf Platte. Aber mit Schlagzeuger Gavin Harrison (Ex-Porcupine Tree) als rhythmischer Zauberer, Jon Sykes als bewegungsfreudiger Bassist, Steve Kitch als ruhiger Keyboard-Pol und Darran Charles als wandelbaren und verschmitzen Gitarristen konnte nichts mehr schief gehen.

Charles zeigte auch gleich mit seiner eigenen Band Godsticks als Support, dass er den Prog in- und auswendig kennt. Die, seit 2006 aus Wales aktive Truppe, besticht in ihren Liedern weniger mit emotionalen Melodien, sondern mit komplizierten Songstrukturen und einem harten Klang. Hier gibt es verzerrte Gitarrenspuren, maschinell wirkende Drums und immer wieder dem Jazz angelehnte Harmonien. Während Darran Charles als Sänger zwar limitiert ist, tat diese Abwechslung in die dunklen Maschinenräume des Progressive Rock ganz gut. King Crimson war nicht der einzige Name, der einem während dem Auftritt durch den Kopf schwirrte. Und wenn die Herren bei „Exit Stage Right“ gleich alle Sicherheiten über Bord warfen, dann war dies ein wirklich aufregender Einstieg in den Abend.

The Pineapple Thief hatten keine Probleme, diese Energie weiterzutragen, was auch an dem wunderbar aufgelegten Publikum war. Die Zuschauer bejubelten nicht nur neue Tracks wie „The Final Thing On My Mind“, sondern auch selten vernommene Stücke wie „3000 Days“ oder „Shoot First“ und die herausragenden Einzelgänge der Musiker. Somit gab es gegen Ende des Abends immer mehr Interaktionen zwischen Bühne und Publikum und zufriedene Gesicht in jeder Ecke. Toll, dass sich die Diebe mit ihrer doch eigenen Art des Modern Prog auch in der grösseren Masse langsam etablieren. Konzerte wie dieses helfen dabei natürlich extrem.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Leprous – Malina (2017)

Leprous – Malina
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Metal

Beim sechsten Album sollte man doch denken, dass die Produktions- und Aufnahmeweisen eigentlich wie gewohnt über die Bühne gehen. Weit gefehlt jedoch bei „Malina“, der neusten Scheibe der Progressive Metal Band aus Oslo. Die Norweger gingen zwar mit einem klaren Plan an das Songwriting heran, während dem Prozess entwickelte sich aber dynamisch etwas neues. Doch das Resultat zählt und dies ist ganz klar mehr als gelungen. In modernstem Klangbild, verschachtelt und voller Gefühle zeigen Leprous, welche seit 2001 die Prog-Szene aufmischen, erneut ihre Klasse.

Wobei der Start mit „Bonneville“ und „Stuck“ erstaunlich melodisch und eingängig geraten ist. Im Hintergrund dürfen die Synthies zwar gegen Gitarre und Gesang quer spielen, aber auch Streicher und angenehme Riffs sind willkommen. Doch Leprous haben nicht umsonst erstaunlich viele Tage im Studio verbracht, denn spätestens ab „From The Flame“ wird „Malina“ von vertrackter Rhythmik, epochalen Sounds und extremer Dynamik in Besitz genommen. Es gibt bei jedem Lied Neues zu entdecken und mit jedem Durchgang wächst die Platte an. Man denke nur an den elektronischen Bass bei „Mirage“, den Refrain bei „Illuminate“ oder die Stakkato-Melodien bei „Coma“.

Aber da es sich hier um Leprous handelt, versinkt die Musik nie in der seelenlosen Technikprotzerei, vielmehr wirken auch die verworrensten Passagen organisch und lebendig. Der Gesang von Einar Solberg verleiht „Malina“ die benötigte Verletzlichkeit und die Gitarrenarbeit erdet das bunte Spiel der Synthies. Somit ist diese Scheibe nicht nur ein Ausrufezeichen für modernste Produktionsweisen, sondern auch erneut eine Stunde, die neue und emotionale Energie in das Genre des Modern-Prog bringt.

Anspieltipps:
Captive, Illuminate, Mirage

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery (2017)

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Canterbury

Wenden wir uns doch wieder einmal einem sicheren Wert zu – die Progressive Rock Gruppe The Tangent aus England veröffentlicht nämlich erneut ein Album auf dem Inside Out Label. Diese Zusammenarbeit hat uns in der Vergangenheit die wunderbaren Alben „The Music That Died Alone“ oder zuletzte „A Spark in the Aether “ gebracht und war immer ein sicherer Wert für geschmacksvolle Musik zwischen klassischem Prog, Canterbury und Fusion. Und genau dies wird auch auf „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ in fünf langen bis sehr langen Liedern wieder geboten – durchmischt mit gewisser wilden Passagen und Elektronik.

Diese Frische zeigt sich auch im eigentlichen Thema der Musik – denn textlich werden The Tangent nun sehr politisch. Bekleidet von Zeichnungen des Marvel-Künstlers Mark Buckingham zeigen sich Andi Tilison und seine Mannen hier nämlich progressiv im Gedankengut. Binäre Entscheidungen, Schwarz-Weiss-Denken, Grenzen und egozentrisches Verhalten wird verurteilt – dazu singen die Gitarren und die Rhythmik gibt sich gerne wandelbar. „Slow Rust“ ist der grösste Brocken und gibt sich als zentraler Punkt kämpferisch und positioniert die Band klar. Gut so, denn Politik und Musik werden immer zusammengehören.

Wenn The Tangent am Ende mit „A Few Steps Down The Wrong Road“ klar in Richtung Brexit, Trump und ähnlich nationalistisch gehaltene Entwicklungen schiessen, dann tut dies nicht nur dem Hörer gut, es gibt auch der Musik neue Wucht. Oft war das Prog-Kollektiv nämlich etwas in seinen eigenen Bahnen gefangen, mit „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ wagt sich die Band aber wieder an neue Verschmelzungen von Jazz, Folk oder hartem Rock. Somit überschreitet die Platte die thematisierte Spaltung und lässt uns als Einheit weiterziehen.

Anspieltipps:
Two Rope Swings, Slow Rust, A Few Steps Down The Wrong Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Giant Sleep – Move A Mountain (2017)

Giant Sleep – Move A Mountain
Label: Eucalypdisc, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Prog, Stoner Rock, Post-Rock

Merkwürdig, die Alpen stehen doch gar nicht zwischen Südwest-Deutschland und der Nordwest-Schweiz, trotzdem erwartet einem bei der Musik von Giant Sleep eine wahre Kette an Bergen zum erklimmen. Die fünf Herren stellen uns aber nicht nur Steigeisen zur Verfügung, sie zeigen mit ihrem zweiten Album „Move A Mountain“ auch gleich, dass solche Felsen nicht nur beweglich sind, sondern man diese auch nach eigenem Gutdünken formen kann. Schliesslich geschieht dies hier auch mit den Stilrichtungen – und etwas völlig eigenes und fesselndes entsteht.

Bereits bei „12 Monkeys“ ist schnell klar, Giant Sleep sind keine übergrosse Eintagsfliege – viel mehr ist ihr innovatives Gebräu aus hartem Stoner Rock, den wechselnden Ideenbögen des Prog und den Ausschweifungen des Post-Rock auch auf „Move A Mountain“ fordern und extrem mitreissend. Dies ist dem grossartigen Songwriting zu verdanken, dass aus schweren Riffs, ungeraden Takten und dem leidenschaftlichen Gesang von Thomas Rosenmerkel ein extrem mitreissendes Album formt. Alles hält sich perfekt in Waage, Blues und Metal schleichen sich zwischen die Strophen.

Mit dem Epos „Forever Under Ground“ und dem leidensfähigen Highlight „Love Your Damnation“ zeigen Giant Sleep nicht nur, dass man die Rockmusik immer noch komplett neu gestalten kann, sondern dass Leidenschaft und Intensität immer am besten funktioniert, wenn Musik und Texte komplett ehrlich daherkommen. „Move A Mountain“ ist somit eine dieser Platten, die man zwar stilmässig nirgends richtig einordnen, dafür für alle ihre Facetten inbrünstig liebt. Dieser Heavy Rock wird unser aller neuer Gott.

Anspieltipps:
12 Monkeys, Forever Under Ground, Love Your Damnation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature (2017)

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
Label: Ataraxia, 2017
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock

Dass Isildurs Bane aus Schweden endlich wieder ein Album veröffentlicht haben, ist schon für sich eine kleine Sensation. Denn seit 2003 durfte man kein neues, vollwertiges Werk der wandelbaren Progressive Rock Band mehr entdecken – und jetzt ist die Gruppe, welche sich 1976 gegründet hatte, mit neuem Sänger zurück. Kein geringerer als Marillion-Frontmann Steve Hogarth hat sich für „Colours Not Found In Nature“ Texte ausgedacht und darf diese auch in seiner unvergleichlichen Art darbieten.

Das ist nicht nur ein Glücksfall für alle Fans von Marillion, sondern auch die perfekte Ergänzung der Musik von Isildurs Bane. Das Album pendelt zwischen modernem und vielschichtigem Art-Rock, Jazz-Passagen wie in den glorreichen Zeiten von Zappa und reduziertem Kammerspiel. Das Kollektiv jongliert mit Marimba, Streicher, Klarinette und der klassischen Rock-Besetzung – und zaubert damit emotionale Melodien, meisterhafte Arrangements und weite Kompositionen.

Herzstück ist der Longtrack „The Love And The Affair“, bei welchem die elegische Art von Steve Hogarth die Klangspiele zwischen düsteren Angriffen und versöhnlichen Öffnungen perfekt ergänzt. Seine Geschichten verleihen der Musik von Isildurs Bane eine neue Tiefe und etwas mehr Eingängigkeit. „Colours Not Found In Nature“ ist somit nicht nur für alte Begleiter der Schweden ein Muss, sondern auch eine der schönsten Prog-Scheiben in diesem Jahr.

Anspieltipps:
The Random Fires, The Love And The Affair, Incandescent

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art. (2017)

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art.
Verlag: Thames & Hudson, 2017
Autor: Aubrey Powell
Seiten: 320, Hardcover
ISBN: 978-0500519325
Link: Goodreads

Es gab wohl selten ein Designstudio, das sich innerhalb kürzester Zeit einen solch grossen Namen gemacht hat wie Hipgnosis aus England zwischen 1967 und 1984. Kaum eine bekannte Rockband aus dieser Zeit kann nicht mindestens ein Album- oder Single-Cover dieser Schmiede vorweisen – gewisse verdanken den grafischen Künstlern sogar einen Grossteil ihres Vermächtnisses. So wären die Platten von 10cc, Wishbone Ash oder natürlich Pink Floyd wohl nie so auffällig gewesen, wie sie es auch heute immer noch sind. Und mit „Vinyl. Album. Cover. Art.“ erhält man nun endlich die Gelegenheit, das komplette Schaffen von Hignosis in einem Band zu betrachten.

Zusammengestellt und kommentiert von Aubrey Powell, dem einzig überlebenden Gründer des Studios, darf man hier tief in das Schaffen der Meister eintauchen und auf 480 Abbildungen alle Kunstprojekte bestaunen. In schlichtem, aber funktionalem Layout werden nicht nur die Cover aufgelistet, sondern auch aufgeklappte Bilder von Gatefolds, Label der Schallplatten oder Inlays gezeigt. Neugierig und voller Heisshunger auf kunstvolle Gestaltung blättert man von einer Ikone zur anderen – man denke nur an das Prisma von „Dark Side Of The Moon“ oder das geschmolzene Gesicht von Peter Gabriel.

Dieser Musiker hat dem wunderbaren Bildband auch gleich ein Vorwort beigesteuert, verdankt er den Herren Powell, Storm Thorgerson und Peter Christopherson nicht nur einen visuellen Leitfaden in seinem Soloschaffen, sondern auch einen Gegenpol zur progressiven Musik. Denn Vorreiter in der Bildbearbeitung und der Komposition war Hipgnosis immer. Toll, dass man bei „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch noch einen Making-Of-Text und einen kurzen geschichtlichen Überblick erhält. Man blickt also nicht nur erneut auf die Äusserlichkeiten von Led Zeppelin, T. Rex oder Genesis, sondern taucht hinter die Schichten aus Fotografie und Malerei.

Das Buch ist somit nicht nur ein Muss für Sammler von Vinyl, sondern auch eine perfekte Ergänzung des Sachbuchregals und Kulturhistoriker. Und auch wenn das Studio Hipgnosis so heute nicht mehr existiert, ihre Erzeugnisse werden für alle Ewigkeit auf dem Olymp des guten Musik-Designs stehen. Und dank „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch endlich chronologisch und komplett.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bjørn Riis – Forever Comes To An End (2017)

Bjørn Riis – Forever Comes To An End
Label: Karisma Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock

Wenn es einen Mitarbeiterpreis für den am schwersten arbeitenden Gitarristen unter den Musikern gäbe, mit „Forever Comes To An End“ hätte sich Bjørn Riis diesen auf jeden Fall verdient. Und ein solches Diplom würde sich bestimmt neben all den Fanpostern an den Wänden im Studio gut machen – denn auch mit seinem zweiten Soloalbum zeigt der Gitarrist von Airbag, dass er aus lebenslangen Inspirationen wunderbare Art-Rock-Songs schneidern kann. Natürlich immer voller Saitenzauber und sphärischen Wirkungen.

Es wird schnell klar, dass in Stücken wie „The Waves“ oder dem Titellied eine grosse Anzahl von guten Geistern lauert. Bjørn Riis lässt harte Riffs erbeben wie bei Porcupine Tree oder Black Sabbath, gleitet dann aber auch auf wohlklingenden Wellen wie bei Pink Floyd oder Marillion über die schlafenden Landschaften. „Forever Comes To An End“ ist also nicht nur die träumerische Weiterführung bekannter Traditionen, sondern auch die Demonstration der technischen und künstlerischen Fähigkeiten des Musikers.

Wenn man zwischen Keyboardflächen und Akkordwechseln eintaucht, dann muss man sich nie Sorgen um Luftmangel machen. Die Kompositionen von Bjørn Riis haben viel Freiraum und erdrücken den Hörer nicht mit wichtigtuerischem Abgrasen von Griffbrettern. Viel mehr geben sich atmosphärische Höhenflüge und Stakkato-Angriffe zärtlich die Hand und freuen sich auch, wenn in Liedern wie „Where Are You Now“ Gesang erklingt. Das tut dem meist instrumental gehaltenen Album sehr gut und verleiht dem Auftritt eine tiefere Ebene. Somit ist das Werk bereits nach wenigen Durchgängen nicht nur für Gitarristen eine wundervolle Meditation.

Anspieltipps:
Forever Comes To An End, The Waves, Where Are You Now

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.