Prog

Leprous – Malina (2017)

Leprous – Malina
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Metal

Beim sechsten Album sollte man doch denken, dass die Produktions- und Aufnahmeweisen eigentlich wie gewohnt über die Bühne gehen. Weit gefehlt jedoch bei „Malina“, der neusten Scheibe der Progressive Metal Band aus Oslo. Die Norweger gingen zwar mit einem klaren Plan an das Songwriting heran, während dem Prozess entwickelte sich aber dynamisch etwas neues. Doch das Resultat zählt und dies ist ganz klar mehr als gelungen. In modernstem Klangbild, verschachtelt und voller Gefühle zeigen Leprous, welche seit 2001 die Prog-Szene aufmischen, erneut ihre Klasse.

Wobei der Start mit „Bonneville“ und „Stuck“ erstaunlich melodisch und eingängig geraten ist. Im Hintergrund dürfen die Synthies zwar gegen Gitarre und Gesang quer spielen, aber auch Streicher und angenehme Riffs sind willkommen. Doch Leprous haben nicht umsonst erstaunlich viele Tage im Studio verbracht, denn spätestens ab „From The Flame“ wird „Malina“ von vertrackter Rhythmik, epochalen Sounds und extremer Dynamik in Besitz genommen. Es gibt bei jedem Lied Neues zu entdecken und mit jedem Durchgang wächst die Platte an. Man denke nur an den elektronischen Bass bei „Mirage“, den Refrain bei „Illuminate“ oder die Stakkato-Melodien bei „Coma“.

Aber da es sich hier um Leprous handelt, versinkt die Musik nie in der seelenlosen Technikprotzerei, vielmehr wirken auch die verworrensten Passagen organisch und lebendig. Der Gesang von Einar Solberg verleiht „Malina“ die benötigte Verletzlichkeit und die Gitarrenarbeit erdet das bunte Spiel der Synthies. Somit ist diese Scheibe nicht nur ein Ausrufezeichen für modernste Produktionsweisen, sondern auch erneut eine Stunde, die neue und emotionale Energie in das Genre des Modern-Prog bringt.

Anspieltipps:
Captive, Illuminate, Mirage

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery (2017)

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Canterbury

Wenden wir uns doch wieder einmal einem sicheren Wert zu – die Progressive Rock Gruppe The Tangent aus England veröffentlicht nämlich erneut ein Album auf dem Inside Out Label. Diese Zusammenarbeit hat uns in der Vergangenheit die wunderbaren Alben „The Music That Died Alone“ oder zuletzte „A Spark in the Aether “ gebracht und war immer ein sicherer Wert für geschmacksvolle Musik zwischen klassischem Prog, Canterbury und Fusion. Und genau dies wird auch auf „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ in fünf langen bis sehr langen Liedern wieder geboten – durchmischt mit gewisser wilden Passagen und Elektronik.

Diese Frische zeigt sich auch im eigentlichen Thema der Musik – denn textlich werden The Tangent nun sehr politisch. Bekleidet von Zeichnungen des Marvel-Künstlers Mark Buckingham zeigen sich Andi Tilison und seine Mannen hier nämlich progressiv im Gedankengut. Binäre Entscheidungen, Schwarz-Weiss-Denken, Grenzen und egozentrisches Verhalten wird verurteilt – dazu singen die Gitarren und die Rhythmik gibt sich gerne wandelbar. „Slow Rust“ ist der grösste Brocken und gibt sich als zentraler Punkt kämpferisch und positioniert die Band klar. Gut so, denn Politik und Musik werden immer zusammengehören.

Wenn The Tangent am Ende mit „A Few Steps Down The Wrong Road“ klar in Richtung Brexit, Trump und ähnlich nationalistisch gehaltene Entwicklungen schiessen, dann tut dies nicht nur dem Hörer gut, es gibt auch der Musik neue Wucht. Oft war das Prog-Kollektiv nämlich etwas in seinen eigenen Bahnen gefangen, mit „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ wagt sich die Band aber wieder an neue Verschmelzungen von Jazz, Folk oder hartem Rock. Somit überschreitet die Platte die thematisierte Spaltung und lässt uns als Einheit weiterziehen.

Anspieltipps:
Two Rope Swings, Slow Rust, A Few Steps Down The Wrong Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Giant Sleep – Move A Mountain (2017)

Giant Sleep – Move A Mountain
Label: Eucalypdisc, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Prog, Stoner Rock, Post-Rock

Merkwürdig, die Alpen stehen doch gar nicht zwischen Südwest-Deutschland und der Nordwest-Schweiz, trotzdem erwartet einem bei der Musik von Giant Sleep eine wahre Kette an Bergen zum erklimmen. Die fünf Herren stellen uns aber nicht nur Steigeisen zur Verfügung, sie zeigen mit ihrem zweiten Album „Move A Mountain“ auch gleich, dass solche Felsen nicht nur beweglich sind, sondern man diese auch nach eigenem Gutdünken formen kann. Schliesslich geschieht dies hier auch mit den Stilrichtungen – und etwas völlig eigenes und fesselndes entsteht.

Bereits bei „12 Monkeys“ ist schnell klar, Giant Sleep sind keine übergrosse Eintagsfliege – viel mehr ist ihr innovatives Gebräu aus hartem Stoner Rock, den wechselnden Ideenbögen des Prog und den Ausschweifungen des Post-Rock auch auf „Move A Mountain“ fordern und extrem mitreissend. Dies ist dem grossartigen Songwriting zu verdanken, dass aus schweren Riffs, ungeraden Takten und dem leidenschaftlichen Gesang von Thomas Rosenmerkel ein extrem mitreissendes Album formt. Alles hält sich perfekt in Waage, Blues und Metal schleichen sich zwischen die Strophen.

Mit dem Epos „Forever Under Ground“ und dem leidensfähigen Highlight „Love Your Damnation“ zeigen Giant Sleep nicht nur, dass man die Rockmusik immer noch komplett neu gestalten kann, sondern dass Leidenschaft und Intensität immer am besten funktioniert, wenn Musik und Texte komplett ehrlich daherkommen. „Move A Mountain“ ist somit eine dieser Platten, die man zwar stilmässig nirgends richtig einordnen, dafür für alle ihre Facetten inbrünstig liebt. Dieser Heavy Rock wird unser aller neuer Gott.

Anspieltipps:
12 Monkeys, Forever Under Ground, Love Your Damnation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature (2017)

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
Label: Ataraxia, 2017
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock

Dass Isildurs Bane aus Schweden endlich wieder ein Album veröffentlicht haben, ist schon für sich eine kleine Sensation. Denn seit 2003 durfte man kein neues, vollwertiges Werk der wandelbaren Progressive Rock Band mehr entdecken – und jetzt ist die Gruppe, welche sich 1976 gegründet hatte, mit neuem Sänger zurück. Kein geringerer als Marillion-Frontmann Steve Hogarth hat sich für „Colours Not Found In Nature“ Texte ausgedacht und darf diese auch in seiner unvergleichlichen Art darbieten.

Das ist nicht nur ein Glücksfall für alle Fans von Marillion, sondern auch die perfekte Ergänzung der Musik von Isildurs Bane. Das Album pendelt zwischen modernem und vielschichtigem Art-Rock, Jazz-Passagen wie in den glorreichen Zeiten von Zappa und reduziertem Kammerspiel. Das Kollektiv jongliert mit Marimba, Streicher, Klarinette und der klassischen Rock-Besetzung – und zaubert damit emotionale Melodien, meisterhafte Arrangements und weite Kompositionen.

Herzstück ist der Longtrack „The Love And The Affair“, bei welchem die elegische Art von Steve Hogarth die Klangspiele zwischen düsteren Angriffen und versöhnlichen Öffnungen perfekt ergänzt. Seine Geschichten verleihen der Musik von Isildurs Bane eine neue Tiefe und etwas mehr Eingängigkeit. „Colours Not Found In Nature“ ist somit nicht nur für alte Begleiter der Schweden ein Muss, sondern auch eine der schönsten Prog-Scheiben in diesem Jahr.

Anspieltipps:
The Random Fires, The Love And The Affair, Incandescent

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art. (2017)

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art.
Verlag: Thames & Hudson, 2017
Autor: Aubrey Powell
Seiten: 320, Hardcover
ISBN: 978-0500519325
Link: Goodreads

Es gab wohl selten ein Designstudio, das sich innerhalb kürzester Zeit einen solch grossen Namen gemacht hat wie Hipgnosis aus England zwischen 1967 und 1984. Kaum eine bekannte Rockband aus dieser Zeit kann nicht mindestens ein Album- oder Single-Cover dieser Schmiede vorweisen – gewisse verdanken den grafischen Künstlern sogar einen Grossteil ihres Vermächtnisses. So wären die Platten von 10cc, Wishbone Ash oder natürlich Pink Floyd wohl nie so auffällig gewesen, wie sie es auch heute immer noch sind. Und mit „Vinyl. Album. Cover. Art.“ erhält man nun endlich die Gelegenheit, das komplette Schaffen von Hignosis in einem Band zu betrachten.

Zusammengestellt und kommentiert von Aubrey Powell, dem einzig überlebenden Gründer des Studios, darf man hier tief in das Schaffen der Meister eintauchen und auf 480 Abbildungen alle Kunstprojekte bestaunen. In schlichtem, aber funktionalem Layout werden nicht nur die Cover aufgelistet, sondern auch aufgeklappte Bilder von Gatefolds, Label der Schallplatten oder Inlays gezeigt. Neugierig und voller Heisshunger auf kunstvolle Gestaltung blättert man von einer Ikone zur anderen – man denke nur an das Prisma von „Dark Side Of The Moon“ oder das geschmolzene Gesicht von Peter Gabriel.

Dieser Musiker hat dem wunderbaren Bildband auch gleich ein Vorwort beigesteuert, verdankt er den Herren Powell, Storm Thorgerson und Peter Christopherson nicht nur einen visuellen Leitfaden in seinem Soloschaffen, sondern auch einen Gegenpol zur progressiven Musik. Denn Vorreiter in der Bildbearbeitung und der Komposition war Hipgnosis immer. Toll, dass man bei „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch noch einen Making-Of-Text und einen kurzen geschichtlichen Überblick erhält. Man blickt also nicht nur erneut auf die Äusserlichkeiten von Led Zeppelin, T. Rex oder Genesis, sondern taucht hinter die Schichten aus Fotografie und Malerei.

Das Buch ist somit nicht nur ein Muss für Sammler von Vinyl, sondern auch eine perfekte Ergänzung des Sachbuchregals und Kulturhistoriker. Und auch wenn das Studio Hipgnosis so heute nicht mehr existiert, ihre Erzeugnisse werden für alle Ewigkeit auf dem Olymp des guten Musik-Designs stehen. Und dank „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch endlich chronologisch und komplett.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bjørn Riis – Forever Comes To An End (2017)

Bjørn Riis – Forever Comes To An End
Label: Karisma Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock

Wenn es einen Mitarbeiterpreis für den am schwersten arbeitenden Gitarristen unter den Musikern gäbe, mit „Forever Comes To An End“ hätte sich Bjørn Riis diesen auf jeden Fall verdient. Und ein solches Diplom würde sich bestimmt neben all den Fanpostern an den Wänden im Studio gut machen – denn auch mit seinem zweiten Soloalbum zeigt der Gitarrist von Airbag, dass er aus lebenslangen Inspirationen wunderbare Art-Rock-Songs schneidern kann. Natürlich immer voller Saitenzauber und sphärischen Wirkungen.

Es wird schnell klar, dass in Stücken wie „The Waves“ oder dem Titellied eine grosse Anzahl von guten Geistern lauert. Bjørn Riis lässt harte Riffs erbeben wie bei Porcupine Tree oder Black Sabbath, gleitet dann aber auch auf wohlklingenden Wellen wie bei Pink Floyd oder Marillion über die schlafenden Landschaften. „Forever Comes To An End“ ist also nicht nur die träumerische Weiterführung bekannter Traditionen, sondern auch die Demonstration der technischen und künstlerischen Fähigkeiten des Musikers.

Wenn man zwischen Keyboardflächen und Akkordwechseln eintaucht, dann muss man sich nie Sorgen um Luftmangel machen. Die Kompositionen von Bjørn Riis haben viel Freiraum und erdrücken den Hörer nicht mit wichtigtuerischem Abgrasen von Griffbrettern. Viel mehr geben sich atmosphärische Höhenflüge und Stakkato-Angriffe zärtlich die Hand und freuen sich auch, wenn in Liedern wie „Where Are You Now“ Gesang erklingt. Das tut dem meist instrumental gehaltenen Album sehr gut und verleiht dem Auftritt eine tiefere Ebene. Somit ist das Werk bereits nach wenigen Durchgängen nicht nur für Gitarristen eine wundervolle Meditation.

Anspieltipps:
Forever Comes To An End, The Waves, Where Are You Now

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Roland Bühlmann – Bailenas (2017)

Roland Bühlmann – Bailenas
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: CD
Links: BandcampFacebook
Genre: Progressive Rock

Man sollte es ja langsam wissen, die Geschichte wiederholt sich in gewissen Abständen. Somit ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich eine Anekdote des Progressive Rock aus den Siebzigern nun erneut abspielt – wenn auch dieses Mal in der Schweiz. Roland Bühlmann wandelt mit seinem zweiten, eigens produzierten und veröffentlichten Album „Bailenas“ nämlich in den grossen Spuren von Mike Oldfield. Und dabei stellt sich der Herr mehr als gut an und zaubert auf diversen Instrumenten!

Stilgerecht auf der Innenseite des Digipak aufgelistet findet man hier aber keine Tubular Bells, sondern eine Emmentaler Halszither (Hanottere), das israelische Blasinstrument Shofar und sogar Steine aus der Emme. Roland Bühlmann fabriziert mit viel Fantasie und kompositorischer Finesse daraus im Verbund mit elektrischen Gitarren, Bässen und Drumcomputer lange und sich stark wandelnde Lieder. Ohne Gesang oder Samples gleitet „Bailenas“ dahin und schüttelt dabei immer wieder faszinierend sein Haupt.

Lieder wie „Rougeoyer“ oder das ruhig startende „Pange Chorda“ müssen dabei nie in super-komplexe Gefilde abdriften, sondern betören mit den vielschichtigen Melodien. Prog im Verbund mit Post-Rock und folkigen Einfällen – Roland Bühlmann beweist sich erneut als intelligenter Künstler. Nie klingt das Album nach nur einem Mann, nie enden die Lieder in der Bedeutungslosigkeit. Mit „Bailenas“ liegt endlich wieder einmal ein wunderbares und tiefer gestaltetes Rock-Album aus der Heimat vor.

Anspieltipps:
Bailenas, Rougeoyer, Pange Chorda

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A New Prog Metal Force

Interview mit: James Lascelles – Gitarrist bei Wheel.

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?
It definitely is; we are really happy with the recordings, especially as we tracked everything in only two days. We are looking forward to see how people react to our music.

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?
These tracks laid the framework for the stylistic direction we collectively wanted to go in and after significant reinvention, the songs have evolved into what we are releasing on 21.4. Releasing the three songs together on an EP felt like the right way to do it.

You have been playing live together since 2015. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?
Not at all; it is a different kind of battle than a gig though. We are extremely organised with recording and make sure that we know exactly what we want to play before we set foot in the studio. All of the writing / structuring etc happens in the practice room beforehand, allowing us to focus fully on getting the best possible takes in the time we have during the tracking phase.
There is something immensely satisfying about completing a recording and hearing the composition as a whole; I think this is a major drive for all of us and it definitely helps to keep us motivated and energised in the studio.

Finland is not best known for its prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?
All of us are long term fans of a range of different prog music and bands. I discovered Tool when I was 16 and a studio engineer gave me a director’s commentary of the Aenima album; it really opened my eyes to how creatively structure, poly-rhythms and dynamics can be used to the most dramatic effect in song writing – I have been hooked ever since.
There is a real sense of freedom when writing progressive music as many of the limitations that other styles can face are removed from the conversation. We can produce much longer and bigger songs than bands playing other styles of music, rather than having to keep things around the 3-4 minute length. Additionally, we are not trying to write music to dance to, so using abstract time signatures and other interesting writing elements is much more acceptable.
More than anything, we want to write the best and most interesting music we possibly can and continue refining the process indefinitely.

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?
They absolutely were. This first EP was written at a time where pretty much all I listened to was Tool, A Perfect Circle and Karnivool and I am sure listeners will pick up on these influences when they listen to the EP. These are still three of my favourite groups of all time and have definitely had a major impact on the music we produce.

Would you say the Finnish countryside had also influence into your work or are you more focused on live in urban areas?
Finland is a beautiful country with some amazing people in it; I have lived here for 7 years and can’t imagine living anywhere else. However, all four of us live in the Greater Helsinki area so truthfully, I don’t think the Finnish countryside has had any impact on our music so far!

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery or Leprous. Is it a new dawn and era, and will it last?
This is a great question. The prog scene has had a second-wind in the recent past and it is a truly vibrant scene to be part of; there are some great new bands out there doing some awesome stuff with the style we love; reassuringly, there is still a market for prog!
Speaking more broadly though, so much has changed within the music industry over the past fifteen years that it is very hard to see any of this change, (with new prog bands) as being permanent. Small-medium sized venues seem to be shutting down increasingly year after year which is removing a channel for new bands to enter the scene, record labels (in Finland at least) have the bulk of their resources tied up in reality television such as Idols, preventing them from having the capital to invest in more ‚artsy‘ music and in most countries, physical music sales are disappearing or have disappeared. This doesn’t mean that it is impossible for new bands and that there aren’t paths for them to follow if they want to make music professionally but it feels increasingly like there is no road map for young people to use if they want to do so.
On the positive side, there has been a flood of new channels and methods to distribute music over the past ten years and communicating directly with a band’s fan base has never been so easy. If bands can use these tools to their full potential, there are still ways to get people to hear new music and for a band’s fan base to grow.

Which partners in crime would be the best for a blasting prog tour through Europe?
There are a huge list of bands we would like to play with; off the top of my head, we would love to tour with Tool, A Perfect Circle, Karnivool, Meshuggah and Steven Wilson.

Is the wheel always turning?
The wheel never stops turning and we wheely hate bad puns.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir in deutscher Übersetzung.