Royal

Live: Stahlberger, Royal Baden, 17-12-22

Stahlberger
Support: Lord Kesseli & The Drums / Bit-Tuner
Freitag 22. Dezember 2017
Royal, Baden

Lord Stahlberger And The Drums, Lord Kesseli And The Guitar, Stahlberger And The Bass, Bit-Tuner And The Guitars, Stahlberger And The Cover-Band – was wie ein irrwitziger Versuch klingt, einen neuen Bandnamen zu finden, war der normale Wahnsinn eines Freitagabends in Baden. Die St. Galler High Society nahm das Royal in Beschlag und machte aus den vorweihnachtlichen Bandproben einen Konzertreigen, der nicht nur für urkomische Momente, sondern auch Liebeserklärungen an die Musik sorgte.

Stahlberger und seine Freunde fanden sich im Aargau ein, um dem Konzertlokal einen gebührenden Schlusspunkt zu bieten – doch „leider“ muss dieses nun gar nicht schliessen. Die Künstler aus der Ostschweiz nutzten die Nacht aber trotzdem für eine Darbietung, die alle Rahmen sprengte. Mundart-Dichter und lakonischer Songpoet Stahlberger startete alleine mit bissigen Texten und akustischer Gitarre und zeigte dem Aargau, dass Humor, Kritik und Wortspielerei sehr wohl zusammen in ein Lied passen.

Und als sich alle in diesem klanglichen Bett eingenistet hatten, wurde bereits zum ersten Mal alles anders. Stahlberger setzte sich hinter das Schlagzeug, proklamierte den Aufstand gegen die Wirtschaft und holte danach seine Mitmusiker auf die Bühne, welche sonst unter dem Banner Lord Kesseli And The Drums für Tanznächte sorgen. Auch in Baden boten ihre Gitarrenriffs, Schlagzeugdonner und Lichtkaskaden nun ein Abdriften in psychedelische Songs, die The Flaming Lips grüssten und stärker wirkten als gewisse Substanzen.

Erstaunlich, dass dieses Sonderprogramm nur innert weniger Tage erdacht worden war und im Zusammenschluss mit Bit-Tuner nicht nur für exzentrische Bassläufe, sondern auch düstere Techno-Beats stand. Bekannte und brandneue Lieder wurden umgebaut, erweitert, seziert und zu einem immerzu überraschenden Ereignis moduliert. Die Zeit verging wie im Flug und das prall gefüllte Royal feierte seine Gäste und die Musik. Kein Wunder also, wurde die abschliessende Party mit lauten Bässen und verführerischen Synthies plötzlich wieder von Stahlberger gekapert, um noch einmal mit kompletter Band Lieder anzustimmen.

Somit versank man endgültig in der Genialität des Schweizer Rock-Pop-Dance und wanderte mit Körper und Geist durch die Nebelschwaden im Kulturlokal. Viel zu selten darf man solche spontane und abwechslungsreiche Abende erleben, in denen sich Künstler an offene Experimente wagen und damit brillieren. Danke Stahlberger für dieses wunderbare Weihnachtsgeschenk, besser kann es nicht mehr werden.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sun Kil Moon, Royal Baden, 17-11-17

Sun Kil Moon
Freitag 17. November 2017
Royal, Baden

„The World According To … Mark Kozelek.“ Er ist ein Unikum, ein Künstler, bei dem man nie so genau weiss, ob man seine Worte jetzt ernst nehmen und vernichtend finden oder die Satire dahinter lachend lieben soll. Klar ist aber auf jeden Fall, dass seine Musik unter dem Namen Sun Kil Moon Grenzen zu einem Gewirr zusammenknüllt und damit sich selbst und seine Zuschauer fordert. Aber genau diesen Umstand haben aus dem Auftritt im Royal einen Abend gemacht, den man so schnell nicht vergessen wird.

Ursprünglich als Red House Painters unterwegs, stehen Kozelek und seine immer wieder wechselnden Musiker seit 2002 dafür, alternative Rockmusik mit langen Erzählungen und gesprochenen Texten zu verbinden. Im Zentrum stehen dabei immer die Worte des Frontmanns, der auf seine ureigene Weise absurde wie auch mitreissende Szenerien erschafft. Auch in Baden wandelte er in den Liedern zwischen komödiantischen Inhalten (Perspektive einer Hauskatze, „House Cat“) und harten Meinungsbekundungen zur Weltlage und menschlichem Verhalten. Mit langen Wiederholungen, brutalen Aussprachen und lamentierenden Passagen wirkten einzelne Worte extrem.

Da Sun Kil Moon dabei oft angriffig und schwierig erschienen, schrie dies nach einem musikalischen Gleichgewicht – und das war eindeutig vorhanden. Während über zwei Stunden verausgabten sich die Herren an Bass, Gitarre, Schlagzeug und Rhodes und verzierten Kozelek und seine Vorträge mit einer grossartig gespielten Mischung aus Indie, Folk und Wüstenblues. Mit wenigen Gesten dirigiert, wechselten Stücke zwischen lauten Kaskaden und stillen Sinnsuchungen, um am Ende Momente purer Schönheit auf das fast volle Royal einwirken zu lassen – irgendwo zwischen Wilco, Bob Dylan und Untergrund.

Es war somit kein Konzert, mit dem man ausgelassen in das Wochenende steigt, sondern viel eher eine Erarbeitung von gegenseitigem Respekt und Konzentrationsforderung. Alleine mit den oft langen und direkten Ansprachen Kozeleks wurde der Rahmen gesprengt. Denn welcher andere Musiker dürfte Schweizer Ortsnamen mit Magenkrankheiten vergleichen und dem Publikum direkt ins Gesicht sagen, dass es „ok, aber nicht das beste“ war? Sun Kil Moon haben eine Ausnahmestellung inne, und sie leben diese voll aus. Dank wunderschönen Perlen wie „God Bless Ohio“ oder „The Possum“ verzieh man sogar die unvermeidliche Tirade gegen The War On Drugs und entschwebte für kurze Zeit in eine andere, merkwürdig-schöne Welt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 6: Abschluss

Sonntag 10. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der letzte Tag des Fantoche-Festivals ist angebrochen – und will noch voll ausgekostet werden. Neben weiteren Kurzfilm-Zusammenstellungen und Langfilmen wird zum Abschluss auch ein Best Of der Schweizer und internationalen Wettbewerbe gezeigt, bei dem verschiedene Preise verliehen werden und das immer mit Spannung erwartet wird.

Ebenso darf das Rahmenprogramm ein letztes Mal erlebt werden. Ob man in der Galerie DoK die Kurzfilm-Bibliothek durchstöbern und eine Augmented Reality-Geschichte ausprobieren will oder Susanne Hofers Installation „Archipel“ im Kunstraum Baden bestaunt – man findet immer etwas Spannendes, mit dem die Zeit zwischen den Filmen gefüllt werden kann. Und natürlich wird noch einmal jedes Kino abgegrast, um ja kein Highlight zu verpassen.


Cartoon d’Or
5 preisgekrönte Kurzfilme aus diversen Ländern

Die Vergabe des Cartoon d’Or findet seit 1991 statt und prämiert die besten europäischen Animationskurzfilme. Teilnehmen können nur die meistausgezeichneten Filme. Das Fantoche zeigt fünf Nominationen des letzten Jahres in einem Kurzfilmblock.

Peripheria“ von David Coquard-Dassault zeigt die bedrückende Stimmung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in der nur noch einige vergessene Bewohner ihr Unwesen treiben. „Machine“ von Sunit Parekh und „Under Your Fingers“ von Marie-Christine Courtès suchen beide einen Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Stimmungshebend wird es mit der 3D-Animation „Alike“ von Daniel Martinez Lara und Rafa Cano Méndez, die den Wert von Kunst und Freigeist in einem tristen Leistungsalltag aufzeigt. Und mit „Yùl Et Le Serpent“ darf auch die Phantastik noch in den Wettbewerb einfliessen.



Carte Blanche: Peter Lord (Aardman)
12 Kurzfilme aus Grossbritannien

Was hat die Filmszene in Grossbritannien nicht alles den Aardman Studios zu verdanken. Das kreative Wunderkind Peter Lord hat schon im jungen Alter mit seiner Knetfigur „Morph“ für Begeisterung gesorgt und damit den Grundstein für Erfolge wie „Creature Comforts“ oder „Wallace & Gromit“ gelegt. Der Künstler ist also der perfekte Kandidat für die Carte Blanche im Brexit-Block. Denn dank seiner geschickten Auswahl kommt man nicht nur in den Genuss von alten und fast vergessenen Aardman-Clips (wie das als Interview aufgezeichnete „War Story„), sondern auch von drei Werken von weiteren Künstlern. Besonders diese schaffen es, trotz ihres Alters, in der heutigen Zeit eine perfekt bissige Perspektive auf England zu bieten.

Britannia“ zeigt die „glorreiche“ Geschichte des Staates mit einer Bulldoge im Fokus, „Deadsy“ lässt auf verstörende Weise ein Skelett zur Schönheitskönigin werden. Da tut es gut, sind Lords Filme oft etwas leichter im Ton, wenn auch nicht ohne Gedankenanstoss. Es ist aber immer herrlich, diese wunderbaren Knet- oder Puppen-Animationen zu betrachten – wie das hübsche „Wat’s Pig“ oder das bedrückende „Down And Out„.


Hors Concours 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Das Hors Concours-Programm ist eine Ergänzung zu den Wettbewerben, das dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt wird. Hier sind ebenfalls europäische Einreichungen stark vertreten, aber es gibt auch einige Perlen aus ganz anderen Kulturkreisen zu sehen.

So spielt die Knetanimation „The Basket“ in Indien, wo ein Mädchen aus Versehen die Uhr seines Vaters kaputtmacht und sie unbedingt wieder reparieren möchte. „If I Am Not I Cannot Be“ ist ein berührender Stop Motion-Film, der im Rahmen eines Workshops mit Kindern in einem griechischen Flüchtlingslager entstand. Auch der Humor kommt in dieser Zusammenstellung nicht zu kurz: In „Jubilee“ verliert die Queen von England ihren Hut und in „Full House“ ist eine Kleinstadt plötzlich wie leergefegt, da alle Bewohner in den neuen, stetig weiterwachsenden Wolkenkratzer gezogen sind.

Der Hors Concours besticht somit – wie auch die Wettbewerbe – mit hoher Qualität. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnenswert.



Louise en Hiver
Land / Jahr: Frankreich, Kanada / 2016
Regie: Jean-François Laguionie
Musik: Pierre Kellner, Pascal Le Pennec
Website: jplfilms.com

Was würde sich besser für den letzten Langfilmgenuss eignen als diese ruhig erzählte und emotional berührende Geschichte um Louise, die durch eine kaputte Uhr den letzten Zug aus einem Sommerferienort verpasst? Alleine zurückgelassen muss sie sich nicht nur mit dem Alltag herumschlagen, sondern auch mit ihrem Alter, der Einsamkeit und ihren Erinnerungen. In wunderschön gezeichnete Bildern gebettet, ist „Louise en Hiver“ schon fast eine Meditationsübung und wagt sich an einen Film mit nur einer Person – in den meisten Szenen zumindest.

Mit viel Herz und einigen interessanten Ideen ist diese Produktion aus Frankreich nicht nur für alle Altersschichten geeignet, sondern lässt die Zuschauer auch über wichtige Fragen nachdenken. Vielleicht sollten wir alle das Leben doch etwas langsamer, dafür intensiver angehen.



Best of Fantoche 2017
Auswahl der Gewinner des Festivals

Hier sind sie also, die grossen Gewinner der diesjährigen Preise des Fantoche-Festivals – eine kleine Auswahl zumindest. Besonders schön ist es natürlich, die Schweizer Preisträger „Living Like Heta“ und „Airport“ noch einmal auf der grossen Leinwand erleben zu können. Doch auch bei den internationalen Preisen gibt es nichts zu meckern: „The Burden“ zeigt in wunderschöner Puppen-Animation die sinnlosen Tätigkeiten der eher „einfachen“ Jobs, „Negative Space“ wagt sich an schwierige Familienbeziehungen.

Aber auch durchgeknallte Filme wie „Ugly“ von Nikita Diakur oder der genial gemachte „In a Nutshell“ von Kilian Vilim (welcher von Samen zu Krieg, von Hunger zur Apokalypse führt) stiessen am Festival auf grosse Begeisterung. Kein Wunder, werden in diesen Werken doch Innovation und progressives Denken gleichsam gefördert. Und genau darum geht es am Fantoche schliesslich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 4: Global

Freitag 08. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Wer während des gesamten Tages von einem Kinosaal zum andern wandert, für den kommt die Nacht schnell. Das Fantoche-Festival hält aber auch für späte Forscher und Leute ohne Sättigungsgefühl viele Möglichkeiten bereit. Besonders der Kulturraum Royal lockt mit seinen „Royal Fish„-Partys, und der Freitagabend lohnte sich hier besonders. Die „F*ck Up Night“ bot Einblicke in die schlimmsten Missgeschicke von Filmprojekten und liess die Macher gleich selbst zu Wort kommen. Danach gab es denkwürdige Musikvideos mit Clips, die wohl auf Drogen noch besser funktionieren. Ein wahres Vergnügen nach all der ernsten Unterhaltung.

Das Gesicht wurde einem dann bei dem Auftritt von Heidi Hörsturz aber gleich wieder weggeschmolzen, denn die Mischung aus Noise-Electro, extremen Visuals und Body-Art sucht ihresgleichen. Hier war jedem verziehen, der sich einem etwas stärkeren Drink zuwandte. Doch der Ausklang des Abends folgte angenehmer mit dem Konzert von KnoR und einem weiteren DJ-Set.



Making-Of „Nothing Happens (Trial Run)“
Land / Jahr: Dänemark / 2016
Regie: Michelle und Uri Kranot
Website: nothinghappens.tindrum.dk

Wer kennt es nicht: Das Verlangen, einem Ereignis beizuwohnen und einfach zuzuschauen. Überall trifft man die Gaffer, doch wie sieht es mit der persönlichen Verantwortung in einer solchen Situation und passiven Rolle aus? Der Kurzfilm „Nothing Happens“ aus Dänemark spielt mit genau diesen Fragen und dem Wechselspiel aus Sehen und Gesehen werden. Übermalte Filmaufnahmen bieten hierbei einen gewissen Realismus, wirklich in die Tiefe geht es aber beim VR-Projekt. Da wechselt die Perspektive und man ist plötzlich der Beobachete. Selber kann man dies in der Stanzerei erleben.

Michelle und Uri Kranot haben hierfür ein Kunstwerk geschaffen, dass mit Film, VR und Ausstellung gleich drei Ebenen bietet, um die Animation einen Schritt weiter vom starren Medium weg zu bringen. Beim Making-of im Kino Sterk gab es dazu Einblicke in die Produktion, die Gedanken der Macher und Aufnahmen des Prozesses. Dabei war klar: Virtual Reality hat in der Animation grosse Zukunft, doch das Handwerk muss hierfür komplett neu gelernt werden. Man darf gespannt sein, was alles kommt.



Unique Animation Techniques
19 Kurzfilme aus aller Welt

Um alle Grenzen zu sprengen und für einmal extreme Experimente und narrative Wagnisse zu kombinieren, bietet das Fantoche die Kurzfilm-Sammlung „Unique Animation Techniques“. Wie es der Name schon sagt, wird hier nicht das Augenmerk auf Inhalt oder Aussage gelegt, sondern auf merkwürdige Arbeitstechniken. Es trifft alt auf ganz modern, wild auf ruhig und superkurz auf lang – und im Kopf fügt sich alles zu einer wahren Explosion zusammen.

Filme wie „Ora“ (Wärmebild-Aufnahme) oder „Métronome“ (Gravur auf Klebepapier) haben Tanz und Musik im Fokus, „Rippled (All India Radio)“ ist mit seinen Lichtmalereien wie ein Musikvideo. Es gibt Bewegungstests zum Film „Ugly„, ein Wiedersehen mit den Regisseuren Kranot („Black Tape„) oder Kreidezeichnungen auf einer Wandtafel („Animation Hotline„). Es schwirrt einem der Kopf danach, doch ein besseres Beispiel für die unendliche Vielfalt des Animationsfilmes gibt es sonst nirgends.


Brexit: True Brit
10 Kurzfilme aus Grossbritanien

Very british – das Fantoche wagt sich an die aktuelle politische Lage. Wobei Animationsfilm ja dies schon immer war, aktuell und direkt – manchmal auch erst Jahrzehnte später passend. Und genau darum gibt es mit dem „True Brit“-Programm zehn Kurzfilme, die zwar schon etwas älter sind, aber das britische Gefühl perfekt ausstrahlen. Ob der böse und schwarze Humor nun etwas doofe Piraten bei „Jolly Roger“ in den Untergang führt oder eine bissige Sozialkritik zu den Unterschichten in Liverpool darstellt („Dad’s Dead“) – Erfolg und Understatement sind immer nahe beisammen.

Wegen der unterschiedlichen Materialien und Zustände der Filme sagt das Programm zugleich auch noch etwas über die Förderpolitik aus, viele Filmemacher haben nämlich zu wenig Geld, um ihre Werke für die Zukunft sicherzustellen. So ist „Next“ zwar ein geniales Shakespeare-Medley mit Puppen, aber leider bildtechnisch im Zerfall. Die Mischtechnik bei „Little Things“ sieht da schon besser aus und führt durch ein Feuerwerk an Gags und skurrilen Momente. Und wenn der Brexit dann so sorgfältig verarbeitet wird wie die Materialen bei „The Eagleman Stag“, dann bietet er vielleicht doch eine Chance. Vielleicht.



Have A Nice Day (Hao ji le)
Land / Jahr: China / 2017
Regie: Liu Jian
Musik: The Shanghai Restoration Project Presents
Website: Berlinale.de

Eine meditative Gangsterkomödie, eine Kritik an den zubetonierten Vororten Chinas, ein detailverliebter Alleingang des Regisseurs Liu Jian – „Have A Nice Day“ ist als chinesischer Indie-Movie vieles. In oft statischen Bildern wird hier eine Geschichte erzählt, die sich nicht nur an viele bekannte Filme aus dem Westen anlehnt, sondern eine Hommage an die Achtziger ist. Ein wahres Highlight für das Fantoche und immer noch ein grosses Politikum im Herkunftsland – dieser Film zeigt perfekt auf, dass gezeichnete Bilder eben sehr wohl für Erwachsene sind. Denn hier gibt es Blut, böse Witze und wenig Dialog. Und dank verrückten Zufällen verlässt man das Kino doch beschwingt – ein Tipp!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Fête Royal, Royal Baden, 17-05-26

Fête Royal
Bands: Egopusher, Faber, Autisti
Freitag 26. Mai 2017
Royal, Baden

Welch Wonne dieser Anblick, ein altes Kino voller freudiger Menschen, eine Bühne voller talentierter Künstler und ein Zusammensein für alle Altersklassen – und dieser wunderbare Kulturort soll Ende Jahr zum Baubüro umgenutzt werden? Politik und Wirtschaft geben sich manchmal schon der puren Idiotie hin, nur um die Kontozahlen hoch zu halten. Umso wichtiger war es, dass der diesjährige Saisonabschluss im Royal in Baden richtig kräftig gefeiert wurde. Dank einem grossartigen Programm und ausverkauftem Haus war dies am ersten Abend auch überhaupt kein Problem.

Denn schon früh füllten sich die Ränge und Tanzflächen im ehrwürdigen Gebäude, und vor dem Haus wurde angestanden und fröhlich geplaudert. Hoffentlich nicht zu lange, denn wer die erste Band verpasst hat, der wird nie wissen, wie sich ein Wirbelsturm anfühlt. Autisti aus der Westschweiz sind nicht nur die neue Gruppe von Louis Jucker und Emilie Zoé, sondern auch eine Neutronenbombe des kaputten und unnachgiebigen Lo-Fi-Rock. Schweiss, Verzerrungen und umgeworfenes Schlagzeug – wenn dieses Trio spielt, dann gibt es nur die Vorwärtsbewegung. Ein solches Durchdrehen kann nur gesund sein.

Kein Wunder fühlte sich die Luft im Saal danach wie in einer Sauna an – und die Stimmung heizte sich nur noch weiter auf, betrat schliesslich Faber als nächster die Bühne. Mit etwas umstrukturierter Band und auch neuen Songs zeigte der Zürcher Musiker, dass man kernig gesungene Texte und hart angeschlagene Saiten perfekt mit Balkan-Beats und Klavierzaubereien verbinden kann. Schnell war auch klar, dass viele Besucher vor allem für diesen Auftritt nach Baden pilgerten, denn nun platzte der Kulturort wahrlich aus allen Nähten.

Glücklicherweise konnte man sich immer wieder draussen an der frischen Luft abkühlen und somit genügend Energie für den Abschluss mit Egopusher aufsparen. Das Duo, bestehend aus Violinist Tobias Preisig und Schlagzeuger Alessandro Giannelli, zeigte in langen, eskalierenden und immer perfekt tanzbaren Songs, dass Kammermusik und lauter Techno sehr wohl zusammengehören. Gleichzeitig bewiesen sie, dass ihre Musik live einfach viel wuchtiger daherkommen darf als ab Platte, und auch der neuste Track „Patrol“ wuchs zu einem kolossalen Wesen heran.

Dank perfekt passender Untermalung mit Visuals auf der Leinwand und vielen bewegungsfreudigen Gästen fand der erste Abend des zweitägigen Fête Royal somit ein schönes und durchnässtes Ende. Und jetzt soll mir noch einmal jemand sagen, Kultur sei unwichtig und dieser Raum könne für sinnvollere Zwecke genutzt werden! Diese Krone bleibt, wo sie ist.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Emilie Zoé, OOAM Festival Baden, 17-02-09

Emilie Zoe - OOAM - 2017_MBohli

One Of A Million Festival
Bands: Bleu Roi, Super Besse, Emilie Zoé, Isolation Berlin
Mittwoch 08. Februar 2017
Diverse Orte, Baden

Jeder Abend ist anders, jeder Tag bringt neue Überraschungen – und genau darum sind kleinere Festivals wie das One Of A Million so reizvoll. Auch wenn man meist nur die Hälfte der auftretenden Künstler kennt, der Spass ist immer gross und garantiert. Somit nahm ich am Mittwoch gerne erneut den Weg nach Baden auf, um in diversen Lokalen in der Stadt talentierten Menschen zuzuschauen. Und im Gegensatz zum Sonntag waren nun die Frauen aus der Schweiz an der Reihe.17

Der Abend startete im Club Joy mit der Basler Band Bleu Roi. Mit ihrem ruhige Indie-Album „Of Inner Cities“ konnten sie mich 2016 doch um den Finger winkeln – und auch live bezauberten mit die Damen und Herren mit ihrem Aussehen und stilvollen Klangbild. Doch leider durften die Songs nie über ihre zahme Form herauswachsen und vieles plätscherte etwas vor sich hin. Stücke wie “Crown Heights“ sind von der Grundidee nämlich wunderbar, doch der Druck durfte sich nie entladen.

Eher dreckig, immer nahe an der Wahnsinnsgrenze und vor allem direkt aus den Achtzigern kommend waren danach Super Besse aus Minsk. Jawohl, Weissrussland beehrte die Stanzerei für einen unglaublich mitreissenden und spassigen Auftritt. Die zwei Herren traten zwar ohne Schlagzeuger auf, genau darum war aber der Effekt perfekt. Drumcomputer mit dröhnend gespieltem Bass, dazu eine wild angeschlagene Gitarre und lustvoller Gesang – so lebendig brächte nicht einmal ein Nekromant New Wave in die Neuzeit. Scheiss auf New Order – hier gilt wildes Getue.

Um dieses berauschende Erlebnis noch zu steigern, setzte Emilie Zoé in der Druckerei auf mäandernde Steigerungen, die aus Lo-Fi-Kleinode lauthalsige Lärmattacken machte. Nur in Begleitung ihres Schlagzeugers wusste die Dame aus Lausanne, wie man ein Indie-Fest entert und kratzende Riffs unwiderstehlich vor die Schnäuze wirft. Die Lieder von ihrem ersten Album „Dead-End Tapes“ waren somit zwar oft etwas schwer zu erkennen, ihr Talent strahlte aber umso stärker. Selten sah man einen hypnotischeren Vulkanausbruch.

Der Schluss war dafür umso lakonischer – Isolation Berlin zeigten im Royal ihren schmutzigen Indie-Rock. Mit Deutschen Texten, Orgel und einer sehnsüchtigen und gerne auch wütenden Einstellung machten sie dort weiter, wo Wande und Konsorten vorgelegt haben. Hier geht es nicht um die Technik, hier gewinnt das Gemüt und die Egalität. Eigentlich eine gute und spannende Band, für mich fehlte nach den vorhergehenden zwei Krachern aber etwas. Trotzdem, der Abend in Baden war erneut voller Glitzer, Nebel und Freude. Das nächste Jahr bin ich auf jeden Fall wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bleu Roi - OOAM - 2017_MBohli Super Besse - OOAM - 2017_MBohli Isolation Berlin - OOAM - 2017_MBohli

Live: Blondage, OOAM Festival Baden, 17-02-05

Blondage - OOAM 2017_MBohli

One Of A Million Festival
Bands: Elio Ricca, The Fire Harvest, Die Heiterkeit, Blondage
Sonntag 05. Februar 2017
Diverse Orte, Baden

Jedes Jahr im wettertechnisch wechselhaften Februar öffnen sich die Türen zu vielen Kulturlokalen und Bars in Baden, um gemeinsam die Musik zu zelebrieren. Seit 2011 steht das One Of A Million Festival für Einblicke in die Indie-Szene und deren Bands, die man so vielleicht noch nicht kennt oder wahrgenommen hat. Natürlich tummeln sich an diesen Tagen vor allem Hipster in der aargauischen Stadt, aber auch Geniesser der etwas anderen Musikarten kommen auf ihre Kosten. Am schönsten eignen sich für einen Besuch natürlich die Tage an den Wochenenden, gibt es hier schliesslich den gesamten Nachmittag hindurch gratis Auftritte, bevor man sich am Abend dann in die Clubs und zu den grösseren Namen begibt.

Erste Anlaufstelle am Sonntag war das Prima Vista, hier zeigte sich das Duo Elio Ricca aus St.Gallen mit seinem rohen Rock. Etwas skurril, diese zwei Herren vor Kaffeetrinkern an Tischchen laut werden zu hören, doch davon liessen sich die Musiker nicht ablenken. Nicht nur ihr Look schien direkt aus den Neunzigern gefallen zu sein, auch ihre Musik war wunderbar ungekämmt und voller Schienbeintreter. Fugazi hätten dieser Mischung aus dissonanten Liebeswehen und dreckigem Alternative Rock zugejubelt, auch das Publikum in Baden war angetan. Und wieder einmal reichten ein Schlagzeug und eine mit vielen Effekten belegte Gitarre aus, um wunderbare Songs zu erschaffen.

The Fire Harvest besuchten die Stanzerei zu viert, wagten aber trotzdem eine sehr ruhige Herangehensweise an die Musik. Was bei bekannteren Formationen wie Low unter dem Banner des Slowcore verkauft wird, war auch hier eine extreme Wucht aus einzelnen Tönen. Starker Ausdruck von grossartigen Musikern, da müssen auch keine Tonleitern dazu abgegrast werden. Die Lieder waren oft auf einzelne Melodien und Instrumente beschränkt, nur um dann plötzlich mit voller Lautstärke auszubrechen. Nicht selten dachte ich wegen dem Sänger an die mysteriösen Momente von Sivert Hoyem – hier war aber Holland am Werk.

Hamburg versuchte den Anschluss dann auf völlig andere und eigene Weise zu finden – Die Heiterkeit schüttelte die schräge Pop-Musik aus der Mottenkiste und brachte endlich Musikerinnen auf die Bühne. Im Untergeschoss der Druckerei wurde man nun von einem Konzept empfangen, das sich mir nicht immer ganz erschloss. Diese völlige Abkehr der modernen Musik und die wunderbar geisterhaften Texte erinnerte mich an eine Jahrzehnte alte Variante von Tocotronic – knapp neben dem Cabaret. Immer mal was Neues, oder?

Bekannt und von mir geliebt war der Abschluss mit Blondage im Royal. Das Duo aus Kopenhagen hat sich seit der Verwandlung etwas vom düsteren Rangleklods-Techno entfernt und umgarnt nun den elektronischen Synthie-Pop. Weiterhin gibt es aber die unvorhersehbaren Takte, lauten Keyboardklänge und viele Effekte aus dem Chaos-Pad. Live liessen Esben und Pernille brandneue Songs auf alte Kracher treffen, „Lucky Black Skirt“ verzahnte sich in „Clouds“. Der dröhnende Bass liess alle Knie zittern und der Sonntag endete in einem Rausch. Was für ein perfekter Auftritt, was für sympathische Menschen – und darum wunderbar zum OOAM passend.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Elio Ricca - OOAM 2017_MBohli The Fire Harvest - OOAM 2017_MBohli Die Heiterkeit - OOAM 2017_MBohli

Live: Gablé, Royal Baden, 17-01-06

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Surrealisten Nacht
Künstler: Gablé, Dadaglobal, The Micronaut, Pixelpunx
Freitag 06. Januar 2017
Royal, Baden

Ein Kopf der Giraffe, vor dir überhaupt existierend. Indianergeheul, irgendwie aus deinem Körper entweichend – das Oberhaupt des Stammes steht erhöht. Anzeichen der Befehle – missverstanden laut herausgeschrien, auffallend ist dies schon lange nicht mehr. Die Zukunft ist zwar nicht vorbestimmt, aber hier ganz klar ausgelegt. Egal was der Narr mit dem Tod macht, flach sind alle und niemand versteht ihre geheime Mimik-Sprache. Aber der Rauch, den spürt man schnell. Noch bevor ELP ihren glücklichen Mann fertig besungen haben, brennt der Kühlturm – Brüste sind anziehend gefährlich.

Dadaistisch dazwischen nach Symbolen von Alejandro Jodorowsky zu suchen, war nicht unsere Aufgabe – vielmehr waren wir die kahlköpfigen Detektive zwischen Wüstenstein und Skorpionenskelett. Das Dröhnen der Bässe, überlagert von handgemachten Melodien und Synthie-Akkorden, dahinter eine Wand aus weissen Kreuzen. Andächtig und ehrfürchtig auch die Königin auf den Stufen. Dadaglobal, lokal und Welten sprengend – aber im Mund doch immer noch der süsse Geschmack des Champagners, gewonnen von niemandem, der dich verbindet.

Vorbei die Gedankenströme, ein Land fällt in seiner Gesamtheit in den royalen Saal und verzaubert mit seinem scheuen Gehabe. Aber Stacheln sind immer dann giftig, wenn die Liebkosung gratis war. Gablé dringen in dein Auge, malen deine Iris regenbogenbunt mit Schwarz an und lassen weder Gitarre noch Schlagzeug unbeschadet zuschauen. Du willst dich in den Wiegungen der Gesangssprache ausruhen, Gabber kennt aber keine Pause. Wo vorhin die Weite das Ziel war, ist nun das Ziel immer weit. Jeder Handgriff bringt neue Überraschungen, immer grösser wird die Begeisterung. Plötzlich sieht man legendäre, pinke Punkte. Viel zu selten lassen sich unsere Synapsen von solcher Energie sprengen – viel zu oft sind die Berge doch zu hoch, um darüber zu hüpfen.

Aber wie auch, wenn man mikroskopisch klein zwischen Plattenteller und Knöpfchenapparatus sitzt. The Micronaut, immerhin wieder so sprechend, dass man keine Handstände machen muss, nistet sich im Dunkeln ein. Der Engel erhebt sich endlich aus dem Schatten und geht auf den Brettern umher. Was wohl alle Serienmörder besänftigt, man fasst sich schier an die Hände. Somit fallen nun auch die letzten Karten aus allen Ärmeln und jeder nimmt für die Schritte in der Kälte eine neue Rolle ein. Pfauenaugen streifen unsere Haare, spitze Hüte lauern in der Erinnerung. Surrealisten lachen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Grande Finale, Royal Baden, 16-05-28

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Grande Finale
Mit: Verena Von Horsten, Reverend Beat Man, Dwarfish, Pink Spider, Francisco Nogal, Black Smoke Medicine Show
Samstag 28. Mai 2016
Royal, Baden

Das Royal in Baden war immer kultureller Sammelplatz einer Zwischenwelt. Im Gegensatz zu anderen Lokalitäten im Aargau fand hier Ausgefallenes, Absurdes und wunderschön Verrücktes seinen verdienten Platz. Doch nicht immer war dies selbstverständlich oder einfach, denn der Kulturverein kämpfte gegen Umbauprojekte und für sein Bestehen. Nach mehreren erfolgreichen Jahren sagte das Team nun Adieu und das Royal wurde für zwei Tage zu einem grossen Festplatz. Grande Finale – für alle Gestalten und Figuren.

Unter der lachenden Sonne fand man nicht nur Musiker und Notenverdreher unter dem Festzelt, sondern auch Artisten und Künstler. Das Hochseil wurde im Casinopark aufgespannt, die Kinder durch die Gruppe Lampenfieber unterhalten, man konnte sich im Kino die Zukunft zeigen lassen und die Fassaden wurden von Pixelpunx bestrahlt. Zusammengehalten wurde das bunte und wilde Programm von der Black Smoke Medicine Show, bei denen man nicht nur sich selber mit vielen interessanten Getränken verbessern konnte. Wohin man auch schaute, alles war voller glücklicher Menschen und liebevoll gestalteten Ständen. Und immer wieder vernahm man abenteuerliche Klänge von der Bühne – das musikalische Programm zeigte die Vielfalt des Royals noch einmal in komprimierter Form.

Argentinien schickte Francisco Nogal mit seinen schönen Singer-Songwriter-Stücken, Pink Spider erwischte den perfekten Moment im Regen und sang sich durch ergreifende Lieder mit vielen Emotionen. Extra für diesen Anlass haben sich die psychedelischen Rocker Dwarfish nach 18 Jahren wieder zusammengetan und alles im Nebel versinken lassen, Reverend Beat Man spielte seinen furiosen Blues Trash in dunkler Kutte und erfand gleich alle Songs neu. Spät in der Nacht liess Verena Von Horsten den ehemaligen Kinosaal mit ihrem Synth-Rock erbeben und draussen wurden mit Blutmond neue Realitäten in einer Glaskugel erschaffen. Umwerfend und wie in einem Märchenbuch, zwischen süssen Waffeln und würzigen Würsten wurde das Fest zu einem Triumphzug und Abschied, der jede Träne in Lebensmut verwandelte.

Das Royal ist tot, lange lebe das Royal! Denn im September geht der Spass weiter, unter neuer Führung und mit neuen Ideen. Baden lohnt sich also weiterhin für kulturell interessierte Tanzbären und Ideenschrauber.

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Live: ORK, Royal Baden, 16-02-19

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ORK
Support: Komara
Freitag 19. Februar 2016
Royal, Baden

Zu welchem Zeitpunkt greift der Begriff Supergroup? Müssen nur ein paar bekannte Musiker zusammen eine Band gründen und schon frisst ihnen die gesamte Welt aus der Hand? Doch wer definiert dies eigentlich? Denn was sich an diesem Freitagabend im Royal in Baden abgespielt hat, war nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch eine Geburt völlig neuer Gruppierungen. Dabei steht das alternative Kulturlokal sonst nicht im Stern der Progressive Rock. Aber wenn ein extrem sympathischer Schlagzeuger für ein Konzert auffordert, dann sagt so schnell niemand nein.

Pat Mastelotto ist seines Zeichen nicht nur Mitglied der Urformation King Crimson, sondern auch ein lebens- und experimentierfreudiger Musiker, der das Schlagzeug neu definiert. Und wenn er nun mit seiner neuen Band ORK durch Europa tourt und auch kleinere Orte beehrt, dann gibt es kein Halten mehr. Obwohl, das Fixieren seiner Outputs ist ein schwieriges Unterfangen. Sein Geist und sein Schaffen durchkreuzen genau so viel Genres, wie sie auch an Technik und Gefühlen mitwirbeln lassen. Somit war der Auftritt von Komara ein Einlullen in fremde Welten. Klanglich schwierig festzuhalten, griffen die Musiker nicht nur den Geist des Art-Rock, sondern auch des Jazz und der freien Improvisation auf. Muster und Harmonien geisterten durch den alten Kinosaal und formten sich plötzlich zu heftigen Abstürzen mit verzerrten Schreien und wilden Gitarrenriffs. Eher eine Übung in Meditation der musikalischen Form, als klares Konzert. Die Besucher suchten jedoch genau diese Herausforderung, somit war ein früher Jubel und tiefe Begeisterung sofort vorhanden.

Wobei die Meditation leider nach etwas mehr als einer Stunde ihr Ende fand. Was in der Zeit für Welten und Täler durchschritten wurden, lässt sich ein Tag danach nicht mehr in Worte fassen. Adam Jones hatte schon den richtigen Riecher, als er seine Hauptband Tool hinterging, um Komara grafisch zu unterstützen. ORK als Hauptband fanden diese malerische Gestaltung in ihren Liedern mit Klängen. Im Gegensatz zu der sehr sphärisch schwelgerischen Vorband suchte die aus vier Ländern abstammende Gruppierung eine neue Art der Musik zu formen. Krasse Anfälle des Math-Rock kreuzten sich mit viel Electronica, nur um sich dann in den melodiösen Art-Rock mit heftig groovenden Rhythmen zu verlieren. Colin Edwin brachte den Geist von Porcupine Tree zum König, Lorenzo Esposito Fornasari sang Italien in den Saal und Gitarrist Carmelo Pipitone tobte sich mehrmals nah am Bühnenrand aus.

All diese Einflüsse vermengten sich zu einer eindringlichen und mitreissenden Version von zeitgenössischer und ideenreicher Musik. Egal ob man sich lieber auf Melodien, Effekte oder Takte stützt, diese Inkarnation aus mehreren bekannten Gruppierungen weiss der Musikwelt frischen Wind einzuhauchen. Dabei verwunderte nicht nur das Können der einzelnen Musiker, sondern auch ihre Spielfreude und die Offenheit. Ein reizvoller Abend für alle offenen Geister.

ORK_1_Royal_MBohli  Komara_1_Royal_MBohli