Singer-Songwriter

Live: Tales From A Sonic Darkness, Parterre One Basel, 18-01-25

 

Tales From A Sonic Darkness
Bands: Scott Kelly & John Rudkins / Sarah-Maria Bürgin / Louis Jucker / The Leaving / Marlon McNeill / Anna Erhard
Donnerstag 25. Januar 2018
Parterre One, Basel

Die Bösen trifft man nicht nur im Sägemehl an, auch auf den Bühnen der Welt begegnet man immer wieder lauten und wilden Künstlern. Doch für eine Nacht gab es nun die Möglichkeit, Musikerinnen und Musiker intim und zurückhaltend zu geniessen. Das Basler Label Czar Of Crickets lud zu Stunden voller Tales From A Sonic Darkness – zu Reisen in introvertierte Momente und dunkle Melodien. Im hübschen Parterre One nahm man auf den Stühlen Platz und genoss das Dargebotene mit einem passenden Bier. Schon bald wurde aus dem normalen Donnerstagabend eine neue Erfahrung voller Intensität.

Bereits mit Anna Erhard gab es eine andere Form von Auftritt zu erleben, spielt die Musiker doch sonst mit der Gruppe Serafyn hübsche Songs – nun zeigte sich die Schweizerin alleine mit akustischer Gitarre und sanftem Singer-Songwriter. Ein angenehm langsamer und in sich gekehrter Start, der mit Komponist und Labelführer Marlon McNeill zwar etwas verschrobener wurde, aber immer noch auf einzelnen Gitarrentönen und sanften Aussprachen beruhte. Hier sogar als Huldigung für den kürzlich verstorbenen Mark E. Smith, mit parallel abgespielter Schallplatte.

Meditativ und langsam, so wollte sich der Chef des Abends nicht immer geben. Als The Leaving betrat er die Bühne mit einer elektrischen Gitarre und untermalte seinen feinen Gesang mit lauten und kratzenden Gitarrenriffs. Stärker hätte der Kontrast zwischen Mensch und Instrument nicht sein können, als Resultat funktionierte dies aber perfekt und leicht psychedelisch. Und die sieben Saiten verliehen dem Zar die nötige Gravitas – etwas, mit dem sich Louis Jucker (Coilguns, Autisti) nicht lange abgibt. Von seinem Architekturstudium ist die Liebe zum Entwurf übrig geblieben, den Rest bestimmt nun aber Punk und Noise. Mit eigens gebautem Verstärker wurden die rohen Stücke noch gewaltiger, Geschrei und wildes Klopfen auf den Saiten taten den Rest.

Wie eine Sirene der Nacht sorgte Sarah-Maria Bürgin von Scratches im Anschluss dafür, dass nicht nur das Testosteron wieder von der Bühne gefegt wurde, sondern dass nun endlich auch ein Keyboard die Rhythmik übernahm. Mit wundervoller Stimme, Melodien wie Samtkleider und einer grossen Ausstrahlung verzauberte sie die Anwesenden innert kürzester Zeit. Schade, durften hier alle nur kurz spielen, hier hätte ich gerne weitergeträumt. Als Abschluss kam aber ein richtiger Weltstar: Scott Kelly, mit grossem Bart und akustischer Klampfe, begleitet von John Rudkins an der Slide-Guitar.

Die Amerikaner zückten hier nicht das zerstörerische Schwert von Neurosis, sondern erzählten zerbrechliche Geschichten voller Emotion und Nachdenklichkeit. Passend zum Schluss, zusammenfassend und für den Abend stehend – Tales From A Sonic Darkness war ein wunderschöner Blick in die Seelen und Herzen von Künstlerinnen und Künstler, ein Eintauchen in verwunschene Klangwelten und ein mitreissender Ausgleich zu den sonst lauten und wilden Konzerten. So etwas dürfte es gerne öfters geben.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nathan Gray – Feral Hymns (2017)

Vom Post-Hardcore zur alleinigen Darbietung mit der Gitarre – ein Weg, den bereits viele bekannte Musiker gemacht haben, und nun folgt ihnen Nathan Gray. Der charismatische Sänger von Boysetsfire, der letztes Jahr mit seinem Nathan Gray Collective für stampfende Dark-Wave-Stücke sorgte, kehrt nun mit seiner ersten Soloplatte „Feral Hymns“ zurück. Was darauf fehlt, sind Bandmitglieder und laute Klangwände; dafür hat sich der Künstler die Intensität und persönlichen Einblicke weiterhin beibehalten.

Was man Nathan Gray auf keinen Fall absprechen kann, sind seine packende Stimme und das Gespür für mitreissende Melodien. So gibt es auch auf „Feral Hymns“ mit Songs wie „Echoes“ oder „Alone“ wieder Momente, die man mit offenem Herzen geniesst. Textlich bleibt sich der Amerikaner treu und behandelt intime und bewegende Gedanken, immer gerne etwas hedonistisch und oft auch überzeichnet. Das passt zu seiner Person und Musik, reicht hier aber nicht für einen kompletten Sieg. Mit Neuaufnahmen von Songs von Boysetsfire und Casting Out schaut er zwar zurück, kommt aber nicht viel weiter.

Singer-Songwriter müssen mit ihrer Gitarre und Stimme die ganze Last der Musik tragen, Nathan Gray macht dies mit verstärkten Akkorden, Pathos und einigen kleinen Hilfestellungen von Freunden. Dies reicht leider nicht über die gesamte Spielzeit aus, um immer fesselnd zu bleiben. Die Essenz scheint oft nicht angetastet zu werden, mit der Zeit fühlt man sich in einer Schlaufe gefangen. Auf jeden Fall findet man hier tolle Lieder wie „Wayward Ghosts“, zur wirklichen Begeisterung fehlt aber dann doch das Volumen. So etwas nennt man wohl ein „Fan-Album“.

Anspieltipps:
Echoes, Wayward Ghosts, Alone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

David Howald – The Double (2017)

„Melody Shaker“ – hört euch dieses Lied an und sagt mir danach, wieso diese Platte nicht schon lange in eurem Besitz ist! Was der gebürtige Basler Künstler David Howald auf seinem zweiten Soloalbum „The Double“ abliefert, ist nämlich beeindruckende, düstere und seelenstarke Musik. Egal ob er dabei Recoil kanalisiert oder sich wie ein junger Leonard Cohen durch seine Kompositionen schwingt, er ziert sich wunderbar mit der Dunkelheit und findet in jedem Schwarzton eine angenehme Theatralik und deren Reiz.

So pendelt er geschickt zwischen einer tief schürfenden Ein-Mann-Show mit Einblick in die persönlichen Gedanken, und einer avantgardistischen Version des Kammer-Pop mit Streicher und aufbrausendem Drum. Was früher bei Nick Cave zum guten Ton gehörte, das ist auch bei David Howald ein Zeichen für Qualität. Kleine Klaviermomente wie „7black0“ treffen auf Schunkler im Gebiete des Swing, der in Welten zuhause ist, die nur aus Nachtclubs bestehen.

Dank der tatkräftigen Unterstützung von befreundeten Musikern und jahrelanger Arbeit in Studios in Berlin, Basel und Wien ist aus „The Double“ ein wundervolles Album entstanden, das mit mit einer starken Intensität und Geschmackssicherheit überzeugt. David Howald scheint damit am Ende der Bar zu stehen und trinkt gedankenverloren seinen Drink, um ihn kreisen die Grössen der alternativen Musik. Und so poetisch wie diese ist er selbst schon lange.

Anspieltipps:
7black0, Melody Shaker, The Ghost And The Missing Dime

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Noga Erez, Papiersaal Zürich, 17-12-04

Noga Erez
Support: Pamela Mendez
Montag 04. Dezember 2017
Papiersaal, Zürich

Beruhigend – das ist es, wenn junge Künstlerinnen und Künstler live auf der Bühne genauso packend und gut sind, wie auf ihrem Album. So wurden meinen kleinen Zweifel, ob den Noga Erez ihre packenden Tanzsongs von ihrem Debüt „Off The Radar“ auch live so mitreissend darbieten kann, bereits nach wenigen Sekunden weggefegt. Denn die Frau aus Israel wirbelte nicht nur wie ein revolutionärer Umsturz über die Bühne, sie zeigte sich geschmacks- und stimmsicher und holte das Maximum aus ihren Songs heraus. Montags im Papiersaal, so wird eine Woche gestartet.

Der Einstieg war aber noch weit weg von ausgeflippten Partys zwischen Betonruinen und Aufstände mit Beats – die Berner Singer-Singwriterin Pamela Mèndez liess das Publikum ihrer Stimme, Gitarre und neuen Songs von der EP „World Of Nothing“ lauschen. Kleinode, zerbrechlich aber erstarkt dargeboten, passend zum Inhalt über die Gedankengänge des Seins in unserer Welt. Und natürlich ein weiterer unumstösslicher Beweis, dass die Frauen unsere Welt schon bald zu etwas Besserem führen werden. Dies zog sich als Thema durch den gesamten Konzertabend in Zürich.

Bei Noga Erez hat dies noch viel härtere und schmerzvollere Hintergründe, stammt die Musikerin doch aus Tel Aviv und kennt Krieg und Unterdrückung nicht nur aus den Abendnachrichten. Doch anstelle daran zu zerbrechen, hat sie ihre Gedanken, Wut und Energie dazu gebraucht, um der Welt treibende und moderne Popmusik zu schenken. Schön zu sehen, dass Songs wie „Balkada“ oder „Noisy“ weltweit auf Gegenliebe stossen und Erez eine erfolgreiche Konzerttour feiern kann. Und so war auch die Darbietung im Papiersaal nach „Radarmix“, dem instrumentalen Intro ihrer sehr talentierten Begleiter, schnell eine ausgelassene Feier voller Tanzschritte und Lichtblitzen.

Irgendwo zwischen Trap, Dance-Pop und rhythmisch vertrackter Electronica angesiedelt, waren Lieder wie „Toy“ oder das bisher unbekannte „Sunshine“ Gewehrkugeln, die in die Geister und Glieder der Besucher eindrangen, und ihnen einen lauten Spiegel vorhielten. Noga Erez sang, sprach und schrie dazu beeindruckend und trieb sich und ihre zwei Mitmusiker an den elektronischen Drums und Synthies zu Höchstleistungen an. Mit Krachern wie „Off The Radar“ und natürlich „Dance While You Shoot“ wurden grosse Probleme plötzlich greifbar, die Zukunft bekam eine neue Perspektive. Und wer Noga dabei beobachten konnte, wie glücklich und begeistert sie auf der Bühne umhertanzte, der hatte sich gleich ein doppelt so langes Set gewünscht. 1, 2, 3 – I’m Peaking!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel

Gisbert zu Knyphausen – Das Licht dieser Welt (2017)

Band: Gisbert zu Knyphausen
Album: Das Licht dieser Welt
Genre: Indie / Singer-Songwriter

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: gisbertzuknyphausen.de

Worauf wartet die Welt heutzutage wirklich noch, wenn überall dieser ohnmächtige Überfluss lauert? Ganz klar, auf das neue Album des deutschen Musikers Gisbert zu Knyphausen. Der Herr mit dem wunderbar andersartigen Namen und den entspannt treffenden Texten hat sich nach sieben Jahren wieder erbarmt, uns ein Album voller Melodie, Text und Liedermacherkunst zu schenken. “Das Licht der Welt” ist genau das Werk, welches man für diesen endgültig etwas trostlosen Herbst benötigt.

Gisbert zu Knyphausen war schliesslich noch nie einer, der die Zustände einfach so hinnehmen und bleiben lassen konnte – auch seine Lieder machen immer wieder die herrlich unerwarteten Ausschweifungen. Dass man hier aber nach Kollaborationen bei Kid Kopphausen und Husten endlich die Reinheit des Musikers frisch erfährt, ist wundervoll. Man wird in Geschichten eingeladen, in denen der Singer-Songwriter mit Synthie, Trompete und viel Gitarre aufgemischt wird, die etwas verlorene Existenzen beobachten und aber sogar im Tod die Schönheit finden.

Somit ist sein drittes Soloalbum keine melancholische Alltagsaufnahme, sondern eine beschwingte und immer offene Erzählung über unsere moderne Zeit – mit allen wichtigen Aspekten. “Das Licht der Welt”, es scheint aus jedem der zwölf Stücke, egal ob mit englischen oder deutschen Texten, ob nahe bei Element Of Crime oder doch wieder beim einzelnen Troubadour. Gisbert zu Knyphausen lädt uns alle ein, Musik aus Deutschland neu zu entdecken und lieben zu lernen. Schliesslich heisst es nicht umsonst: “Etwas Besseres als den Tod finden wir überall”.

Anspieltipps:
Sonnige Grüße aus Khao Lak Thailand, Cigarettes & Citylights, Etwas Besseres Als Den Tod Finden Wir Überall

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Hanreti – Deep Sea Dream (2017)

Band: Hanreti
Album: Deep Sea Dream
Genre: Indie / Folk / Singer-Songwriter

Label/Vertrieb: Little Jig
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: Hanreti auf FB

Den Aufenthalt tief unter der Wasseroberfläche stelle ich mir bei Weitem nicht so entspannt und locker vor, wie es mir die Musik auf “Deep Sea Dream” glauben machen will. Hier lasten nicht Abertonnen von Gewicht über unseren Köpfen, sondern leichte Kompositionen und hübsch verschlafene Begegnungen. Mit dem dritten Album hat sich die Luzerner Band Hanreti vollends zu einer Gruppe gemausert, die aus diversen Stilrichtungen ihr herrlich entspanntes und etwas slackerartiges Ding bastelt. Kalifornien, wir kommen.

Lieder wie “Marie” oder “Songbird” würden perfekt in die TV-Serie “Flaked” passen, in der man das mehr oder weniger einfache Leben einer Gemeinschaft in Venice beobachten darf. Und wie auch die Figuren und Episoden dieses Produktes zeigen sich Hanreti auf ihrem Album immer zurückgelehnt, von der Sonne bestrahlt, aber nicht ohne Kanten. Dank vielen Einflüssen, von Indie über Country bis hin zu Folk oder Funk, dürfen Songs wie “The Paper Age” oder “Poncho” mit ihrer Eingängigkeit locken und dann die Eigenheiten auspacken. Ob sich die Musiker nun eher an Wilco orientieren oder in der Strandrunde von Jack Johnson landen, es darf sich auch mal um schwere Momente und negative Gefühle drehen.

“Deep Sea Dream” ist dabei aber nie bemüht oder zu lasch, viel eher kann man sich die Melodien so umbauen, dass sie zu den eigenen Träumen passen. Aus dem Kopf des Künstlers und Multiinstrumentalisten Timo Keller entstanden, sind Hanreti nun aber soweit geformt, dass sie als Band und Formation zielsicher die typische Herangehensweise an solche Indie-Musik umgekrempelt und geschickt neue Wege der Komposition gefunden haben. Und auch wenn sich der Anfang dieser Scheibe zum Teil etwas zieht, die zweite Hälfte entschädigt für alles.

Anspieltipps:
Green In Green, Poncho, The Paper Age

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Melanie De Biasio – Lilies (2017)

Melanie De Biasio – Lilies
Label: PIAS, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Singer-Songwriter, Jazz

Wenn sich eine Person freiwillig in eine unangenehme und dunkle Kammer sperrt, dann hat diese entweder mit der Welt abgeschlossen oder sucht sich selber. Bei der belgischen Künstlerin Melanie De Biasio war es die eine lange erhoffte Möglichkeit, sich weg von der Opulenz hin zum eigenen Schaffen zu bewegen. Denn nach Ensemble-Aufträgen und Platten mit vielen Musikern stellt „Lilies“ ein Album dar, das von den Fähigkeiten der Multiinstrumentalistin und ihrer Stimme lebt. Ganz im Stile der Singer-Songwriter gibt es hier Jazz-Kleinode zu erlauschen.

Bereits „Your Freedom Is The End Of Me“ oder die Single „Gold Junkies“ zeigen den Plan auf. Präsent werden die Texte von Melanie De Biasio vorgetragen, die Musik dahinter beschränkt sich auf verstärkende Melodien, mit Pro-Tools ergänzte Rhythmen und immer etwas rauschende Wirkung. Ob Lieder wie „Let Me Love You“ nun keck mit Takt und Einsatz spielen oder „All My Worlds“ wunderbar ergreifend die Emotionen ausbreitet – dieses Album holt sich die Kraft aus dem sanften Gewand. Man spürt, dass De Biasio ihre innersten Wünsche erfüllen konnte.

„Lilies“ ist somit als drittes Studioalbum der wunderbaren Sängerin keine Scheibe, die unkonventionelle Wege beschreitet – dafür wie ein hübscher Diamant im Mondschein funkelt. Melanie De Biasio lädt zum Schunkeln ein, lockt mit ihrem Gesang und erzielt ein zeitloses Gefühl. Zu keiner Sekunde hat man das Gefühl, hier fehle das Volumen, vielmehr pendelt sich das Album perfekt zwischen Lo-Fi und vertrauter Zweisamkeit ein. Seit knapp 30 Jahren ist die Dame musikalisch aktiv, ihren Zenit hat sie glücklicherweise noch lange nicht erreicht.

Anspieltipps:
Gold Junkies, Lilies, All My Worlds

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Steven Eli, Oxil Zofingen, 17-09-01

Steven Eli
Freitag 01. September 2017
Oxil, Zofingen

Wer hat behauptet, während der Sommerpause darf in einem Kulturlokal nichts stattfinden? Schliesslich findet man sich auch ausserhalb der eigentlichen Saison gerne im Oxil ein und trinkt zusammen ein Bier, diskutiert über die immer kleiner werdende Kulturförderung und lauscht tollen Musikern. Da an diesem Freitag das Wetter den Abend zwar gemütlich, aber auch nass gestaltet hatte, wurde der letzte Anlass der Sommerbar in Zofingen in den Saal verlegt – auch kein Problem.

In kleiner Runde, gemütlich am Tisch sitzend und von alten Ständerlampen illuminiert schaute man etwas verträumt und doch gebannt auf die Bühne, denn dort entfaltete sich der uralte, aber nie langweilige Zauber des Singer-Songwriters. Ein Mann, eine Gitarre – Steven Eli brachte die weite Welt des Folk-Pop in den Aargau. Der junge Künstler aus Irland wohnt zur Zeit in Zürich und feilt dort an seinem ersten Album, im Oxil liess er die Besucher an seiner grossen Leidenschaft teilhaben. Denn für Eli gibt es nichts schöneres auf der Welt, als Lieder zu schreiben und diese zu spielen.

Er führte mit seiner Fender Stratocaster durch toll gezupfte Melodien, präzise angeschlagene Akkorde und mitreissende Texte. Ob schon fast schmachtend schön bei „Lady Lay“, druckvoll bei „Run Mary Jane“, weltenbummlerisch bei „Goodbye California“ oder herzlich plaudernd zwischen den Stücken – Steven Eli wickelte alle um seine fähigen Finger. Mit diesem Auftritt näherte man sich mit dem Künstler dem eigentlichen Kern der Musik und wurde wieder einmal überzeugt, dass die besten Momente kein Brimborium brauchen. Wenn sein Album dann auch nur halb so gut wird wie dieser Auftritt, steht uns eine echte Perle bevor.

Sich wieder einmal ohne Vorwissen über den angekündigten Künstler in den regionalen Kulturbetrieb treiben zu lassen, war die beste Entscheidung. Schade nur, wagen genau das immer weniger Leute – dabei verpasst man so viel Schönheit. Mein Appell: Vergesst all die modernen Mittel wie Streaming und Youtube, nehmt die paar Franken in die Hand für einen Konzertabend im Schuppen eures Wohnortes und wagt euch einfach an den nächsten Anlass. Wer weiss, vielleicht entdeckt ihr eure nächste Lieblingsband oder findet neue Freunde fürs Leben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Dave Hause & The Mermaid, Dynamo Zürich, 17-03-08

Dave Hause & The Mermaid
Support: Dead Heavens, Robyn G. Shiels
Mittwoch 08. März 2017
Dynamo, Zürich

Stimmt, jetzt wo du es erwähnst kommt es mir auch wieder in den Sinn. Das letzt Mal als wir uns sahen war damals auf der Revival Tour im Abart mit Chuck Ragan und all seinen Freunden – lange ist es her. Seit dem sind nicht nur einige Jahre vergangen und der Club existiert nicht mehr, nein auch in deiner Band hat sich einiges gewandelt und die Welt ist nicht unbedingt ein besserer Platz geworden. Aber es gibt immer noch genügend Gründe und Momente für wunderbar ehrlichen Folk-Punk-Rock. Darum: Schön bist du wieder einmal in der Schweiz, Dave Hause.

Mit dem neuen Album „Bury Me In Philly“ im Gepäck und mit der Verstärkung von The Mermaid zeigte der Amerikaner, dass die emotionale und ehrliche Mischung aus Punk-Rock und Folk immer noch wunderbar schön anzuhören ist. Seit Beginn seiner Solokarriere beweist Dave Hause, dass man druckvolle Songs mit direkten Botschaften wunderbar handgemacht spielen kann. Egal ob er alleine mit akustischer Gitarre in der Mitte der Bühne steht oder sich von vier Musikerinnen und Musiker verstärken lässt – hier erhält man den Glauben an die Kraft der Musik zurück. Und sogar an die Menschheit, fühlte man sich hier verstanden und unterstützt.

Die Mischung aus neuen Liedern wie „Wild Love“ oder „Dirty F*cker“ mit alten Hits wie Zuschauerwunsch „Bricks“ oder Zugabe „C’mon Kid“ funktionierte prächtig und die Gitarren dröhnten. Da fiel es gar nicht weiter auf, dass einige Momente doch ziemlich platt und einfach gestrickt waren. Da versuchten sich die vorangegangenen Dead Heavens eher noch kann merkwürdigen Kompositionen und kaputten Liedern. Im Gegensatz zu den Streichern auf der Titanic spielte diese Truppe im freien Fall weiter, nachdem sie durch Eigenverschulden die Hängebrücke zu Einsturz brachten. Doch die hing eh nur noch an einem Faden, den man mit Grunge-Slacker-Alternative-Rock zersägte.

Robyn G. Shiels war also praktisch der einzige an diesem Abend, der sich mit irischem Charme und depressiven Gitarrenstücken etwas zurückhielt und die gezupften Melodien für sich sprechen liess. Doch genau dies war ein wunderbar umgarnender Einstieg in einen Abend voller kerniger Musik. Das Dreierpaket ergänzte sich und jeder Auftritt sorgte für gute Laune. Und genau so sollte ein Konzert an einem Mittwochabend auch aussehen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.