Bern

Taro – Am I Right Here? (2017)

Viele geben sich den Karten hin und suchen in den Bildern eine Bestimmung und Bedeutung, die Berner Band Taro verzichtet aber auf diesen eher abergläubischen Aspekt und lässt bei ihrem Namen gleich das T weg. Das positioniert die Mannen nicht nur in der Natur, sondern in einer gewissen Standhaftigkeit. Mit ihrem ersten Album „Am I Right Here?“, welches Lieder beinhaltet, die bereits vor vier Jahre ihren Ursprung fanden, zirkeln sie somit nicht nur um den Rock, sondern streuen auch etwas Post-Rock und Pop dazu – mit Gedanken zu Beziehungen und Verluste.

Da passt es perfekt, lastet auf Liedern wie „Rise“ oder „You & Me“ eine gewisse Schwere, verstärkt durch die flächigen Gitarren welche sich gerne vom Synthie begleiten lassen. Taro schwelgen gerne und lassen einzelne Aussagen somit lange nachwirken, nicht selten nähern sie sich dabei an Bands wie Gonzo oder Elbow an. Dank dem tiefen Gesang von Giuliano Cagnazzo fühlt man sich auch in melancholischen Zeiten wie geborgen und schmiegt sich in die Kompositionen. Mit „White Wall“ zeigt die Band, dass man sich auch nicht vor eingängigen Stücken fürchtet, „Meglio Da Solo“ bringt uns Italien etwas näher.

„Am I Right Here?“ trägt zwar im Inhalt und Namen eine gewisse Unsicherheit, Taro positionieren sich mit ihrem ersten Werk aber standfest und überzeugt in der Musikszene der Schweiz. Immer mit einer Lust nach Grösse und Ausdruck, dank gewissen Klängen und instrumentalen Momenten sogar der Wirkung von Leech nahe – und am Ende dann in den Gitarrenhimmel aufsteigend. Zwar fehlt manchmal etwas Druck im Gesang und der Präsentation, die tollen Lieder lassen dies aber verschmerzen. Hier sind Taro, und bleiben uns hoffentlich lange erhalten.

Anspieltipps:
White Wall, Your Plans Are Wild, You & Me

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zirka – Wir sterben leise (2017)

Der edle Herr mit Anzug und Hut ist weiterhin im Logo von ZiRKA klar positioniert, doch die restlichen Anteile der Ska-Musik sind praktisch komplett aus „Wir sterben leise“ verschwunden. Nach über zwölf Jahren Bestand hat sich die Berner Truppe nämlich dazu entschieden, ein reines Punk-Album aufzunehmen. Weg mit Streichern und karierten Hemden, nur noch wenige Male lässt es sich gemütlich zur Musik schaukeln und hüpfen wie beim abschliessenden „Genau das wollen wir“. Ansonsten hält der Dreck Einzug.

Aber das tut auch gut, nehmen sich die Herren von ZiRKA mit Liedern wie „Freiheit minus Sicherheit“ oder „Wir schauen zu“ aktuelle und politische Themen zur Brust. Wie gehen wir mit unseren Mitmenschen um und wie zeigen wir uns in Krisen? Schnell lassen uns solche Fragen wütend werden und verzweifelnd umherschauen, da ist es nötig, dass die Musik ehrlich und ohne Schmuck daherkommt. Die Instrumente scheppern, die Aufnahmen scheinen in Bochum in einem Keller entstanden zu sein – aber alles wirkt schmissig und treibt nach vorne.

Ein Stil wie Punk war schon immer direkt und einfach, ZiRKA verlieren sich aber trotzdem nicht in hirnlosen Repetitionen bereits bekannter Stilmittel. Natürlich, die Riffs sind knackig und ohne Schnörkel, das Schlagzeug zielt konstant in den Magen und die Gesänge verleiten zu einem Mitgröhlchor. „Wir sterben leise“ lässt die Hörer aber spüren, dass es sich hier um eine Herzensangelegenheit handelt und Bern wieder mal aus der Lethargie holt. Vielleicht sterben wir leise, mit diesem Album leben wir zumindest kurz laut.

Anspieltipps:
Helden, Wir schauen zu, Wir sterben leise

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Leech, ISC Bern, 16-10-27

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Leech
Support: Egopusher
Donnerstag 27. Oktober 2016
ISC Club, Bern

Es ist ein Zeichen grosser Qualität, wenn eine Band, welche nur instrumentale und oft sehr lange Lieder spielt, das Publikum mit wenigen Klängen und Andeutungen einer Melodie in Aufruhr versetzen kann. Leech waren in ihrer Musik noch nie um eingängige Momente und Läufe verlegen, live lässt sich dies natürlich wunderbar ausnutzen. So wurde auch am ausverkauften Konzert im ISC Club in Bern vor den Songs immer gerne ein wichtiger Bestandteil angetönt – nur um auch gerne zuerst in Soundkulissen zu verschwinden. Es zeigte sich ebenso, dass die Gruppe aus Zofingen als Konzert immer einen Besuch wert ist, egal wie oft man sie bereits gehört hat.

Wunderbar auch, dass sie sich mit Egopusher zwei Brüder im Geiste als Support voranstellten. Denn das Duo aus Zürich weiss nicht nur, wie man mit komplexen Themen in der Komposition umgehen muss, sie beherrschen auch ihre Instrumente perfekt. Nur mit Schlagzeug, Geige und Synthies zauberten Giannelli und Preisig Lieder hervor, die den einengenden Ansatz einer Zwei-Mann-Band nicht einmal aus den Augenwinkeln betrachteten. Über wabernde Basstöne, fein und exakt gespielte Trommeln und kratzende Violin-Saiten ergossen sich Einfälle und schier ausserirdische Momente. Immer Instrumental gehalten vermögen Egopusher mit ihren Konstruktionen der Musik zu fesseln und immer wieder zu überraschen.

Eine Gabe, die auch Leech während ihrer Karriere nie verloren haben. Ihr Sound hat sich zwar über die Jahre etwas verändert und weiss nun auch die leisen Stellen vermehrt zu schätzen, auf einer Bühne ist die Truppe aber immer noch eine schlagkräftige Wucht. Unvergessliche Gitarrenläufe wie bei „The Man With The Hammer“ oder „Inspiral“ lassen die Leute immer noch ausrasten und jubeln, der kleine Konzertraum im ISC war schnell brechend gefüllt und ein freundlicher Pogo entstand. Da störte es auch nicht, dass die Lautstärke von Leech in diesem Raum fast etwas zu gross war.

Aber dieser Krach stand den Jungs ganz gut, es gefällt mir, dass sie ihre Lieder nun teilweise etwas abänderten und gewisse Stellen ungeschminkter präsentierten. Wobei natürlich weiterhin Orgel, Keyboard und Glockenspiel für diese typischen Leech-Melodien sorgten – bevor alles wieder unter der wilden Wucht dreier Gitarren versank. „Hands Full Of Hearts, Heart Full Of Head“ passte nicht nur als Einstieg in den Abend, sondern auch als Motto zum Schaffen der Band. Selten gab es eine instrumentale Post Rock-Gruppe in der Schweiz, die so eigenständig funktionierte – und dies über Jahrzehnte.

Dieser Bericht erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: No Borders No Nations, Reitschule Bern, 16-07-30

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No Borders No Nations
Mit: Atari Teenage Riot, Swiss & Die Andern, Terrorgruppe, Nasty Rumours, The Shit, RedSka, Sergent Papou
Samstag 30. Juli 2016
Reitschule, Bern

Du schaust aus dem Zug und siehst ein Meer aus Lichtern, Rauch, Feuerwerk und sich bewegenden Körpern. Vielleicht wunderst du dich, vielleicht ärgerst du dich – aber sehr wahrscheinlich möchtest du dabei sein und diese positive Energie spüren. Du schaust zum Zug der oberhalb vieler Leute durchfährt und winkst wild mit deinen Armen. Vielleicht versuchst du dir vorzustellen wie die Leute darin reagieren. Erstaunt, verärgert oder freudig erregt? Wie auch immer, in dem Moment existiert nur noch die physikalische Grenze und jede Person ist ein Freund und gleichberechtigt. Fight For Your Reit – die Reitschule in Bern lädt erneut zum Sommerfestival.

Nach all den Widrigkeiten rund um den Betrieb ist es ein schönes Gefühl, seine Füsse auf der Vorplatz des Kulturzentrums in der Hauptstadt zu setzen und sich zwischen Punks, Hippies, düster gekleideten oder zufällig anwesenden Menschen zu feiern. No Borders No Nations ist nicht ein Festival wie jedes andere, sondern setzt vor allem auf eines: Solidarität. Ob zwischen den Besuchern, den Künstlern, den politisch Verbissenen oder theoretischen Konstrukten wie Landesgrenzen – man versucht hier das Bewusstsein der Masse wieder wachzurütteln und Vorurteile abzubauen. Mit Lesungen, Vorträgen, Führungen, Infoständen und natürlich vielen Konzerten wird Information und Meinung verbreitet.

Musikalisch wurde am Samstag der simple Akkord und die wilden Gesten gross geschrieben. Aber welche Musikrichtung verbreitet politische Botschaften schliesslich direkter und ungeschminkter als Punk? So ging es bei der Terrorgruppe aus Berlin nicht nur um den Alkohol, sondern auch Architektur oder das Niederreissen der Grenzen. Sympathisch und erfahren bespielte de Gruppe den Platz und übernahm das Szepter von Nasty Rumours aus Bern – welche genau so wild waren. Aber auch Ska mit den italienischen Band Redska aus dem antifaschistischen Umfeld oder Crossover von Sergent Papou aus Genf.

Swiss & Die Andern riss die letzten Grenzen dann mit der Verbindung aus Rap, Punkgitarre und Indie-Gefühl komplett nieder und brachte die linke Szene aus Hamburg in die Schweiz. Mit direkten und teils gewagten Texten gab es am Ende des Konzertes keine Fragen mehr und alles war bereit um komplett in Grund und Boden gefeiert zu werden. Atari Teenage Riot packten ihre alte Technik und moderne Weltsicht aus und gaben dem Reitschule-Fest den Ritterschlag. Elektronische Musik für den Aufstand, ein pefekter Ausklang für diese schöne Sommerfeier für alles Leben, die menschlichen Grundrechte und Toleranz. Wieder einmal zeigte sich, dass Institutionen wie die Reitschule unbedingt bestehen müssen und gebraucht werden. Versucht doch mal eure inneren Grenzen zu sprengen.

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Ausstellung: Oh Yeah! Popmusik in der Schweiz, Bern

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Oh Yeah! Wer kennt diesen Ausspruch aus der Popmusik nicht, und wer hat nicht schon mal selber diese Äusserung getätigt. Ein passender Titel also für eine Ausstellung über die Musikgeschichte in der Schweiz. Im Museum für Kommunikation in Bern ist genau dies noch bis Ende August zu bewundern und erforschen. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und stülpte mir die Kopfhörer über.

Dieses Utensil ist in der modernen Welt nicht nur unglaublich bedeutsam für den Musikkonsum, sondern stellt auch das wichtigste Mittel dar, in der Ausstellung die Inhalte zu vermitteln. Schliesslich ist es wichtig, erklärte Gegebenheiten und Lieder auch gleich mithören zu können. Dank unzähligen Anschlussbuchsen durfte jeder Besucher nicht nur Einführungen in die Jahrzehnte, Tonspuren der Zeitdokumente und Musikvideos geniessen, sondern auf einer langen und bequemen Lounge die wichtigsten und einflussreichsten Lieder der Schweizer Musikszene geniessen. Ob man in den 60ern verweilen wollte und die luftigen Gitarren um sich schwirren oder in den 80ern die Keyboards über sich tropfen liess – gerne tauchte man vollends in die Musik ein und vergass die Aussenwelt. Wir waren aber nicht gekommen, um nur alte Lieder anzuhören. So wurde auch jede Wand vorbildlich betrachtet und alle Texte gelesen. Wobei, wie schon erwähnt, die Informationen von „Oh Yeah!“ eher visuell und klangbildlich übertragen wurden. Kurze Abschnitte und Einschübe an Worten dienten mehr zur allgemeinen Einordnung im Zeitstrahl.

Dies ist aber keinesfalls ein Manko, macht es doch sehr viel Spass all diese alten Plattencover, Magazine, Konzertplakate und Memorabilia zu betrachten. Nebst selbst gebastelten Instrumenten, Goldenen Schallplatten und Kleidungsstücken der Halbstarken und damaligen Polizisten befand sich in der Ausstellung auch noch eine funktionierende Jukebox, von John Lennon unterzeichnete Restaurant-Menüs und weitere Kuriositäten. All dies zusammen ergab mit der Zeit ein mehr oder weniger schlüssiges Kaleidoskop aus Geschichte und Musik, bunt und leuchtend. Sicherlich fehlten manche Musiker, Ereignisse oder Zusammenhänge, aber ein solch grosses Thema auf wenige Quadratmeter zu komprimieren ist eine Herkulesaufgabe.

Mit „Oh Yeah!“ gibt es endlich eine ansehnlich gestaltete und moderne Ausstellung zum spannenden Thema Pop in der Schweiz. Wer sich auch nur am Rande für die Musikszene interessiert und die Hintergründe, wieso wir eigentlich das hören, was heute läuft, der kommt um einen Besuch nicht herum. Schliesslich darf man im letzten Raum dann auch noch stundenlang Youtube spielen und viele Musikvideos aktueller Schweizer Künstler geniessen und mit eigener Reihenfolge aufnehmen. Sogar Jeans For Jesus sind mit dabei, cool!

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Live: Selah Sue, Bierhübeli Bern, 15-03-24

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Selah Sue
Support: Gabriel Rios
Dienstag 24.03.2015
Bierhübeli, Bern

Dieser Gastbeitrag stammt von Mischa Castiglioni, inklusive der Bilder.

Nachdem mal Jemand von Selah Sue geschwärmt hatte, hörte ich in die Top-15 der Künstlerin auf Youtube rein, blieb dann jedoch bei anderen Vorschlägen des „Big Brother“ hängen. Der Name Selah Sue geriet somit zugleich wieder etwas in Vergessenheit. Als mir die belgische Musikerin dann via Newsletter wieder begegnete, dachte ich mir: „Ok, hast ja nichts anderes vor, gehst mal hin.“ Aus Ermangelung einer Platte, habe ich dann auf der Zugfahrt nach Bern nochmals in einzelne Lieder reingehört, mein Empfinden der wenigen Stücke war aber etwas zu soulig, oder zu stark im Raggae verankert.

Wie auch immer, ich wollte mich nicht zu sehr vor einnehmen lassen und liess die Überraschung auf mich zukommen. Hier muss ich als Zwischenbemerkung noch anbringen, dass das Lokal Bierhübeli in Bern und vor allem die Türsteher ein grosses Lob verdient haben. Die Jungs waren superfreundlich, der Rucksackcheck ging ohne Probleme vonstatten und man konnte samt Bier hinaus eine Zigi rauchen gehen. Von meinem Ausgang in Zürich bin ich mir einen anderen Umgang gewohnt. Somit wurde die Stimmung durch nichts getrübt, es konnte los gehen. Als Vorband spielte der Puerto-Ricaner Gabriel Rios ganz alleine auf der Bühne: Gitarre und Gesang, sehr feine Musik und sehr leise Stücke, melancholisch aber schön. Leider schätzte das Publikum das Ganze nicht wirklich, denn der Lärmpegel im Saal übertönte oft fast die Musik – unangenehm und störend.

Danach kam die grosse Überraschung: Eine zierliche Frau mit einer unheimlich grossen akustischen Gitarre (wahrscheinlich war das Instrument gar nicht so gross, aber die Dame klein) betrat die Bühne und spielte alleine einen Song, der mir sogleich unter die Haut ging. Die Präsenz, die Selah Sue ausstrahlte war unglaublich. Mit dem zweiten Stück kam dann die Band auf die Bühne, wahrscheinlich Studiomusiker. Aber alle spielten mit viel Freude und Elan, das Zusammenspiel funktionierte zu jedem Moment blendend. Es war der Hammer.

Wie vermutet waren einige Songs etwas gar soulig für meinen Geschmack, mit meiner momentanen Begeisterung für elektronisch angehauchte Musik haben mich aber Lieder wie „Daddy“, „Together“ und „Feel“ komplett abgeholt und aus den Socken gehauen. Selah Sues Stimme war für meine Ohren etwas piepsig, trotzdem: Was da während den gesamten 1.5 Stunden auf der Bühne, in meinen Ohren und in meinem Kopf abging, hat mich begeistert. Selah Sue zeigt eine enorme musikalische Vielfalt, der Einsatz von Effekten beim Schlagzeug war grandios (und das sage ich als Purist), die Live-Gesang-Loops von Selah Sue waren grosses Kino und liessen mich staunen!

Fazit: Selah Sues aktuelles Album „Reason“ ist bestellt und an ihrem Konzert am 17.10. im x-tra (uiuiui, Zürich wieder) werde ich mit ziemlicher Sicherheit wieder anzutreffen sein! Ganz schicke Sache, ich bin begeistert wie schon lange nicht mehr.

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Jeans For Jesus – Remix / Mixtape (2015)

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Jeans For Jesus – Remix / Mixtape
Label: Iracible, 2015
Format: Kassette, Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Pop, Indie, Elecotronica, Mix

Die Mundartüberraschung des letzten Jahres legt nach: Jeans For Jesus haben vor dem diesjährigen Tourstart eine Kassette auf den Markt geworfen. Ihr habt richtig gelesen, eine altertümliche MC, wie cool! Da wohl wenige dieses Format noch abspielen können, dient der Klangträger mehr als Sammlerobjekt. Denn mit jeder Bestellung wird ein Download-Code ausgeliefert, mit dem man das Mixtape und die Sammlung der einzelnen Mixe runterladen kann. Somit sind alle zufrieden und tanzen im Wohnzimmer.

Wobei man sich den Weg zur Tanzfläche auch zuerst erkämpfen muss, denn die schiere Masse an Musik erschlägt einem fast. Nebst dem Mixtape mit je 30 Minuten Vergnügen, bietet der Download sage und schreibe 42(!) Interpretationen und Versionen. Dies macht es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Doppelalben brauchen Zeit, und ich gehöre nicht zu den Menschen, die innerhalb kurzer Zeit unzählige Versionen vom gleichen Lied hören können oder wollen. Aufteilen auf mehrere Tage und bereitlegen für Homepartys, das ist der bessere Umgang mit dieser Masse. Interessant ist dabei, dass die Jeans in den letzten Monaten viele Bekanntschaften geschlossen haben. Ihre Konzertreise führte nicht nur zu vielen Anhängern, sondern auch zu neuen Freunden in den Musiker- und Künstlerkreisen. Somit haben sich mit der Zeit Kollaborationen, Verfremdungen und Erweiterungen ihrer Musik angesammelt, die nun gebündelt präsentiert werden. Um diese stilistische Vielfalt in den Griff zu kriegen, wandten sich die Berner an den brasilianischen DJ Fernando Costa, der – ohne ein Wort Mundart zu verstehen – all diese Puzzlestücke zu einem Mixtape zusammensetzte. Auch Live-Aufnahmen, Samples oder Spracheinspielungen kommen dabei zum Einsatz.

Die „Euro“-Seite des Tapes ist dabei mehr auf Baller und Prolo angelegt, „Dollar“ bietet dagegen eher den beruhigten Mix. Für meine Hörgewohnheiten stellt der Mix aber oft eine etwas wirre Angelegenheit dar, denn vieles wird kurz angeschnitten und fallen gelassen. Überlaute Einspielungen und Erwähnungen des DJs überlagern die Musik. Das Tape wird somit wohl weniger in der gemütlichen Stube, sondern am Strand und mit Alkoholbegleitung laufen. Trotzdem ist all dies eine spannende Rückschau auf ein turbulentes Jahr und den imposant aufsteigenden Stern von Jeans For Jesus. Ich bin gespannt, was die innovative Gruppe 2015 bietet.

Anspieltipps:
L.A. (Stephan Eicher), Matrix (Pamela Méndez & Luzius Schuler), Estavayeah (Scarlett Johanson), L.A. (Kalabrese)

Jeans For Jesus – Jeans For Jesus (2013)

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Jeans For Jesus – Jeans For Jesus
Label: Jeans For Jesus, 2013
Format: Vinyl mit Downloadcode, Booklet
Links: Band
Genre: Mundart, Electronica-Avantgarde-Core Pop

Die Schweiz ist halt doch wie die Berner Zeitung, die Prominenz und das Boulevard doch nicht unterhaltsam. Jeder hat sein Platz, jeder Stein am richtigen Ort und wehe wenn dies Jemand ändern oder mit seinen Ideen verunstalten will. Denn das wahre Glück kann man sich schliesslich kaufen, das kurbelt die Wirtschaft an und sichert die eigene Anstellung. Ob dabei noch Platz für die Liebe bleibt? Teilweise, denn schlussendlich ist dies doch auch nur ein Mittel zum Zweck und Hollywood sprach schon davon bevor jemand anderes das Wort in den Mund nahm.

Aber wisst ihr was? Packen wir doch unsere Rucksäcke und verschwinden nach Estavayer, dort gibt es den lauschen Zeltplatz am See. Sonne, Wasser, Bier und Musik. Warum nicht Schweizer Klänge von Jeans For Jesus? Die sprechen doch all die oben erwähnten Punkte an und vermischen in ihrer Musik nicht nur Aspekte von Hip-Hop, Avantgarde, Electronica und Pop sondern Woah, was war das? Der Gesang ist ja Mundart! Berndeutsch! Psst, hört mal genauer hin: „niemert steit am morge’n uuf / niemert steut dr Wecker ufe buuch / snooze / niemert secklet us’m huus“

Nicht nur macht dies die Musik interessanter, nein es stellt etwas völlig neues dar. So eine Band gab es bis jetzt wohl noch nie, diese Kombination aus schleppenden Wörtern und brandaktuellen Klangspielereien. Dabei sind die Texte immer frisch gehalten, weisen experimentierungsfreudige Strukturen auf und werden in verschlafener Sprache rezitiert. Weibliche Unterstützung bring bunte Farbspritzer auf die Leinwand, die Musik pendelt zwischen Pop, The XX, moderner Electronica und Dubstep. Wie grandios all dies funktioniert beweist auch der Züri West Cover Song „Toucher“, ein bereits saustarkes Lied wird noch besser und beweist: Man kann gute Musik auch frisch aufbereiten und einem neuen Publikum zugänglich machen. Die Band hat sich somit innert kürzester Zeit mit ihren Eigenheiten ein Platz im grossen Spielfeld der nationalen Lieder erkämpft und gibt diesen nicht mehr her. Und obwohl manchmal auch Erinnerungen an Bands wie Deichkind an die Oberfläche kriechen ist dies nie ein negativer Punkt. Die Originalität siegt dabei immer und wenn Sätze wie „Au dy huere apps hei mr ds warte verlehrt“ erkllingen ist die Band nicht nur extrem nahe am Zeitgeist, nein sie weiss auch genau wie aktuelle Themen und Probleme anzusprechen sind und wie man den Hörer wachrüttelt und bei Stange hält. Jeans For Jesus sind der erste Teil der faszinierenden Zukunft in der Schweizer Musikszene!

Und schluss endlich ist es doch so:
„lüt rede über lüt, lüt rede über nüt, nüt rede über nüt“.

Anspieltipps:
Estavayeah, L.A., Kapitalismus Kolleg