Pink Floyd

Doom Side Of The Moon – Doom Side Of The Moon (2017)

Wie oft kann man ein Album anhören, sich neu erarbeiten oder gar neu aufnehmen? Beim weltweiten Klassiker „The Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd geht dies scheinbar unendlich und für alle Ewigkeit. So dachten sich die Musiker von The Sword einmal etwas angeheitert, dass Lieder wie „Time“ in schwerem Stoner-Rock zu spielen vielleicht ganz unterhaltsam wäre. Schneller gemacht als studiert, hier ist „Doom Side Of The Moon“ – gespielt von The Sword mit Sänger Alex Marrero, Saxophonist Jason Fray und Keyboarder Joe Cornetti. Und erstaunlicherweise sind die Musiker in ihrer Bearbeitung nie brachial.

Doom Side Of The Moon wissen um die wichtigen Merkmale dieser Platte bescheid und kastrieren weder das berühmte Riff von „Money“, noch lassen sie die wichtigen Orgelflächen weg. Klar, bei „The Great Gig In The Sky“ wird nicht gesungen sondern mit dem Saxophon betört und instrumentale Experimente wie „On The Run“ sind hier eher tief brummelnde Zwischenteile. Als Gesamtes ist diese Huldigung zum 50 jährigen Jubiläum der Platte aber vor allem eine Verneigung von Fans – mit teilweise wild tobenden Schlagzeugen und ausufernden Gitarrenstellen.

Was Doom Side Of The Moon hier beweisen ist der Umstand, dass das Vermächtnis von Pink Floyd zu Recht riesengross ist. Kompositionen wie „Us And Them“ oder „Eclipse“ sind tatsächlich auch 2017 nach dem 1000. Mal immer noch frisch und mitreissend anzuhören, die neu hinzugefügten Kilos machen das Album weder schwerfällig noch kollabiert ein Stück. Man spürt immer die Freude an dieser Ummünzung und wird somit schnell von der Lust der Musik mitgerissen. Und wem Pink Floyd bisher immer etwas zu schwach auf der Brust war, der erfährt hier sein Verzerrungswunder.

Anspieltipps:
Breathe (In The Air), Time, Us And Them

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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David Gilmour – Live At Pompeii (2017)

Band: David Gilmour
Album: Live At Pompeii 
Genre: Art Rock / Rock

Label/Vertrieb: Columbia
VÖ: 29. September 2017
Webseite: davidgilmour.com

Eigentlich verläuft alles seit vielen Jahren immer gleich. Ein ehemaliges Mitglied von Pink Floyd veröffentlicht ein neues Soloalbum, tourt spektakulär um die Welt und filmt die Konzerte. Aus diesem Material wird ein Film geschnitten, für einen Tag in den Kinos gezeigt und dann als Livealbum veröffentlicht. Live, play, repeat. Dass sich „Live At Pompeii“ von Gitarrist und Sänger David Gilmour aber doch abhebt, ist vor allem dem Ort der Aufnahme geschuldet. 45 Jahre nach dem grossartigen Konzertfilm der Art-Rocker kehrte der Künstler 2016 in das Amphitheater zurück und zelebrierte die Platte „Rattle That Lock“ und bekannte Klassiker von Pink Floyd.

Natürlich ist es etwas fragwürdig, wie oft man sich Songs wie „Comfortably Numb“, „Money“ oder „Time / Breathe“ noch in neuen Aufnahmen anhören und ins Regal stellen will. Die Auftritte von David Gilmour müssen dies für die Konzertbesucher natürlich beinhalten – trotzdem wäre es doch die perfekte Gelegenheit gewesen, in Pompeii wieder die alten und psychedelischen Floyd-Momente aufzugreifen. Nebst „One Of These Days“ gibt es aber vor allem die zugänglichen Tracks. Was dann wiederum gut zur Auswahl des Solomaterials passt, liegt das Augenmerk natürlich auf „Rattle That Lock“ und „On A Island“. Gemächlich schunkelt man zu leichtem Rock, die visuelle Show strahlt in den dunklen Himmel.

Nebst dem bekannten Rund-Screen gab es Laser, Pyrothechnik und hell erleuchtete Gesichter – alles wunderbar auf der Bluray nachzuverfolgen. Dass David Gilmour keine halben Sachen mehr macht, sollte jedem bekannt sein. Trotzdem schafften es der Musiker und seine perfekt aufspielende Band auch bei „Live At Pompeii“ wieder, den Abend intim wirken zu lassen. Somit ist dieses Livealbum sicher nicht überflüssig und gerade als tolle Deluxe-Version eine nette Sammlungsergänzung. Am besten funktioniert die Scheibe aber als Einstieg in die weite Welt von Pink Floyd – hoffentlich erreicht Gilmour hiermit die neue Generation.

Anspieltipps:
Rattle That Lock, What Do You Want From Me, Sorrow

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Crazy Diamond, Nordportal Baden, 16-11-12

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Crazy Diamond
Samstag 12. November 2016
Nordportal, Baden

Was zuerst eher ein typisches Programm ohne grosse Überraschungen war, legte in der zweiten Hälfte plötzlich einen Gang zu und wurde zu dem grossartigen Konzertabend, den man sich erhofft hatte. Wobei, schlecht und unnötig war kein gespielter Ton und keine Sekunde des Konzertes vom Crazy Diamond im Nordportal in Baden. Die Schweizer Pink Floyd Tribute-Band ist seit sage und schreibe 150 Konzerten der schillernde Diamant am Firmament des legendären Art-Rock. Was früher noch eine ehrfürchtige Huldigung darstellte, ist in diesem Jahrzehnt zu einer fantastisch aufspielenden Gruppe geworden.

Bereits mit dem eröffnenden „Speak To Me / Breathe“ wurde allen Anwesenden und auch den grössten Fans von David Gilmour und Roger Waters klar: Hier erlebt man ein Konzert voller magischer Momente. Crazy Diamond wissen mit sechs Musikern und einer Sängerin die Lieder von Pink Floyd modern und druckvoll darzubieten. Gerne wagen es die Künstler, gewisse Stücke etwas schneller zu spielen, dem Schlagzeug mehr Raum zu verleihen und die Synth-Effekte ein wenig zu variieren. Das tat Liedern wie „Dogs“, „In The Flesh“ oder „Shine On You Crazy Diamond“ mehr als gut.

Das Leben als Cover-Band ist schliesslich eine stete Gratwanderung. Werden die Lieder punktgenau kopiert, hört man als Zuschauer jede noch so kleine Abweichung und nervt sich darüber – ändert eine Gruppe die Songs aber zu stark ab, verliert man die erhoffte Wirkung. Umso schöner ist es, dass Crazy Diamond den perfekten Mittelweg gefunden haben. Und da man sich an diesem Abend auch an ganz alte Lieder wie „Arnold Lane“ oder „Set The Controls For The Heart Of The Sun“ wagte, wurde die Darbietung zu einem extrem atmosphärischen Erlebnis. „On The Turning Away“ traf auf „One Of These Days“, die Discokugel tauchte alle in verzaubernde Lichtspiele während „Comfortably Numb“.

Schön ist es zu wissen, dass die Legende und der Geist von Pink Floyd auch im Jahre 2016 immer noch geschmacksvoll und fesselnd weitergeführt werden. Dank grossartigen Musikanten, einer passenden Lichtshow und einem sehr sympathischen Auftreten bewiesen Crazy Diamond erneut, dass auch tausend Mal vernommene Songs und Lieder immer hochspannend bleiben können. Wer braucht da noch die Gigantomanie der Vorbilder? Hier findet man alle Phasen in frischer Energie neu verpackt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Airbag – Disconnected (2016)

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Airbag – Disconnected
Label: Karisma Records, 2016
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Art-Rock

Je mehr wir uns in virtuelle Realitäten und Geräte einloggen, desto stärker verlieren wir unsere Verbindung zur echten Welt. Ein Thema, das Autoren und Künstler schon lange beschäftigt und nun auch von der norwegischen Art-Rock Band Airbag angegangen wird. Für ihr neustes Album gelangen der Gruppe somit angenehme Parallelitäten von Konzept und Musik, fühlte man sich bei den sphärischen Songs doch schon immer komplett losgelöst von Sorgen und Schwerkraft. Diese Stimmung erlebt man auch auf „Disconnected“ – schön ist aber, dass sich die Band nun mehr öffnet.

„Killer“ zeigt gleich am Anfang auf, dass Airbag ihr strenges Kostüm etwas gelockert haben und nun vermehrt mit anderen Stilrichtungen experimentieren. Der schwelgerische und gitarrenbetonte Aufbau der Stücke bleibt zwar erhalten, man entfernte sich aber etwas von den grossen Vorbildern. Sicherlich, die Vergleiche zu Pink Floyd drängen sich immer noch auf – neu könnte man aber auch Porcupine Tree oder U2 zitieren. Etwas strengere Takte, härter angeschlagene Gitarren und eine wildere Stimmung kommen auf. Airbag haben den alternativen Rock angekratzt und „Disconnected“ somit songdienlicher gestaltet. Über allem thronen aber weiterhin die gefühlvollen Melodien, Keyboardflächen und ganz viel Echo.

Jedes Lied auf dem Album zeigt eine andere Figur mit seinen Schwierigkeiten im Leben auf. Dass dabei keine fröhliche Musik entstehen kann ist klar, doch diese hübsche Melancholie stand der Band schon immer gut. Airbag holen den Hörer direkt im Herzen ab und berühren mit Liedern wie „Sleepwalker“ schnell. Das Album ist in seiner Form zuerst unscheinbar und langsam, der Band gelingt es aber mit diesen Mitteln Musik zu erschaffen, die alle Ebenen anspricht. Emotionell und intellektuell – geschmackvoll und angenehm.

Anspieltipps:
Killer, Sleepwalker, Disconnected

Live: Gonzo, Oxil Zofingen, 16-05-13

 

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Gonzo
Freitag 13. Mai 2016
Oxil, Zofingen

Wenn man nach einer langen Reise die Augen verträumt wieder öffnet, die Farben stehen bleiben und eine Stimme meint, wir sollen doch alle sicher nach Hause kommen und keine Risiken eingehen, fühlt man sich plötzlich etwas überrumpelt. Bisher war doch alles so wuchtig und intensiv – diese Zuneigung und Herzlichkeit sprengt in diesem Moment fast das Herz. Gonzo berührten bei einem ihrer seltenen Auftritte das Publikum und zeigten, dass auch laute und alternative Rockmusik hoch emotional sein kann.

Die Mannen aus der Region Zofingen spielen mit ihrer beeindrucken ausgeklügelten Mischung aus Rock, Kunstmusik und Flächenzauberei in der Meisterklasse. Wenn sich Gonzo somit selber am Ende ihres Auftrittes vor den Meistern Pink Floyd verneigen und „Wish You Were Here“ covern, geschieht dies natürlich und perfekt. Niemand brauchte verlegen zu werden. Denn die Gruppe ist meisterhaft im Konstruieren von Harmonien und Melodien, Gitarren, Fender Rhodes und Moog. Dabei setzt die Band immer ganz klar auf den Klang und will sich selber gar nicht zu den rhythmischen Schaustellern und Akrobaten gesellen. Denn obwohl Lieder bei Gonzo gerne mal die zehn Minuten knacken und auch immer lauter werden, alles geschieht mit so viel Emotion und Empathie, dass man auch die Wechsel und Attacken wie Umarmungen annimmt.

Im Oxil verzauberten sie mit ihrer Melancholie, berauschten mit ihren Riffs und Orgelklängen und bezirzten mit ihren wunderbar gesungenen Texten. Und als es eigentlich nicht mehr besser werden konnte, präsentierten Gonzo mit „Funeral“ einen neuen und wahrlich grossartigen Song. Wie ein Bergmassiv thronte er über den Zuschauern und zeigte, dass man die beste Musik oft auch bei Nebenprojekten und Bands ohne Weltruhm findet. Aber genau solche Lieder und Momente will man auch gar nicht mit zehntausenden von anderen Leuten teilen. Lieber im kleinen Rahmen mit Menschen, die man liebt und in einer Umgebung, in der man sich fallen lassen kann. Gonzo fangen dich auf, immer.

Setliste
1. Not As Big As It Seems
2. Deeds
3. This Is A Start
4. Daisy
5. Sleep
6. Funeral
7. Grief
8. Bear Attack
9. Nothing Makes You Fall
Zugabe
10. Tears
11. Wish You Were Here

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Crazy Diamond – Live At Augusta Raurica (2016)

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Crazy Diamond – Live At Augusta Raurica
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: 2 CDs, DVD in Digipak
Links: Band, Facebook
Genre: Art-Rock

Es gibt Lieder und Alben, die niemals ihren Reiz und Wirkung verlieren werden. Neue Generationen werden es lieben lernen, alte Hasen es für immer würdigen. Kein Wunder also, dass es bei diesen Musikern immer Coverbands geben wird, die ganze Werke praktisch Eins zu Eins zelebrieren. Bei Pink Floyd findet man auf der gesamten Welt Huldigungen, auch in der kleinen Schweiz strahlt man zu den Hits und Klassikern – gespielt von Crazy Diamond. Und nun endlich kann man sich die Musik der Band auch zu Hause anhören.

2014 spielte die Band im alten römischen Theater in Augusta Raurica und erschuf eine Atmosphäre, die Pink Floyd damals in Pompeji erreichten. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen zu einer neuen Form von Wahrnehmung, Musik der letzten Jahrzehnte wird zu einem zeitlosen Auftritt. Natürlich versuchen Crazy Diamond dem Original möglichst nahe zu kommen, schaffen es aber trotzdem, die Lieder frisch und moderner erscheinen zu lassen. Mit einem wunderbaren Querschnitt durch das ganze Schaffen von Pink Floyd erhält man nicht nur „Astronomy Domine“ zum Einstieg, sondern auch „Pigs“, „Echoes“ oder „On The Turning Away“. Daneben stellen sich die besten Lieder von „The Wall“ und der dunklen Mondseite auf, über zwei Stunden erliegt man erneut der Magie des Art-Rock. Die Schweizer Gruppe vermag es perfekt, die vielfältigen Welten zu erzeugen und verfügt sogar über Platz, um auch weitere Lieder wie das Soloschaffen von Roger Waters einzubeziehen. Diese Grösse und Weitsicht zeigt sich auch bei der Lichtshow und Präsentation, alles dient der Musik in bester Weise.

Sicherlich fragt man sich manchmal, wie oft man Stücke wie „Another Brick In The Wall“ oder „Wish You Were Here“ noch anhören kann, ohne zu schreien. Doch solange es Gruppen wie Crazy Diamond gibt, die sich nicht in alten Wiederholungen verlieren, sondern die Musik für eine neue Generation wiederbeleben, fügt man seiner Sammlung gerne ein Album wie „Live At Augusta Raurica“ hinzu. Is there anybody out there?

Anspieltipps:
One Of These Days, Pigs, Echoes

 

Roger Waters – The Wall (2015)

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Roger Waters – The Wall
Label: Columbia, 2015
Format: Doppel-CD in Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock, Bombast

Es ist schon erstaunlich, egal wie oft die wohl bekannteste Mauer auf der Welt niedergerissen wird, man findet immer wieder einen Weg, sie neu aufzubauen. Ob dieser Ansporn von den Managern, dem Label oder doch von dem Mann hinter der Musik kommt weiss ich nicht – Roger Waters erinnert uns aber trotzdem regelmässig daran, dass er mit „The Wall“ ein Rockopus sondergleichen erschaffen hat. 2015 hat der Künstler die Geschichte im Kino neu aufleben lassen, jetzt gibt es den Konzertfilm auch für das heimische Wohnzimmer. Lohnt sich diese Neuauflage als Album, oder geht es hier nur die Geldmacherei?

Zuerst muss sicherlich klargestellt werden, dass „The Wall“ eine zeitlose und bis heute wichtige Platte ist. Das Doppelalbum hat den Status der intelligenten Rocker von Pink Floyd bestärkt und zeigte die Band ein letztes Mal in ihrer Blüte. Begleitet vom grossartigen Spielfilm, einer Dimensionen sprengenden Tour und einem Livealbum wurde es schnell zu einem Kult. Bis zum heutigen Tag fungiert das Werk als Pfeiler in der Karriere von Roger Waters, auch da er mit diesem Konzept seine eigene Jugend verarbeitete. Doch will man diese Geschichte wirklich erneut ins Regal stellen? Spannend an „Roger Waters The Wall“ ist natürlich die Aufarbeitung im technologischen Fortschritt.

Konzerte sind nun multimediale Spektakel, ohrenbetäubende Klanggewitter und überlebensgross. Die abgebildete Stadiontour führte diesen Bombast in das Extrem, Show und Musik wurden grösser als je zuvor. Waters und seine Meuten von Helfern und Musikern übertreiben es oft, können aber die Lieder nicht zerstören. Diese sind immer noch grossartig und strahlen hell. Die Aussagen und Emotionen der Geschichte treffen weiterhin mitten ins Herz. Was dieser reinen Audio-Ausgabe fehlt, ist die optische Brillanz der Filmversion. Man hört zwar viele Geräusche, Effekte und Zuschauerreaktionen, gewisse Abstriche muss man aber machen. Denn gerade die aufgenommenen Shows lebten stark von ihrer visuellen Aufarbeitung.

Herr Waters weiss um die Qualität seines Werkes, wollte aber teilweise zu viel. „Bring The Boys Back Home“ wird zu einer Kakophonie aus Rockband, Orchester, Chor und Effekten – mehr ist nicht immer Qualität. Ebenso hoffe ich, dass diese Neuauflage von „The Wall“ nun die letzte sein wird. Denn wie oft will man das Schwein noch melken? Für Fans ist auch diese Variante eine tolle Erweiterung ihrer Sammlung, stellt sich als reine Audioversion aber nicht als zwingend heraus. Vielleicht greift man hier doch besser zur Bluray. Novizen werden aber ehrfürchtig erstarren, wie Kenner damals, vor vielen Jahren.

Anspieltipps:
Mother, Young Lust, Bring The Boys Back Home, Run Like Hell

David Gilmour – Rattle That Lock (2015)

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David Gilmour – Rattle That Lock
Label: Columbia, 2015
Format: Vinyl im Gatefold, mit Booklet und Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Folk Rock, Gitarren-Musik

Er will es also noch einmal wissen, der Mann mit der Gitarre, der für immer als ehemaliges Mitglied von Pink Floyd angekündigt werden wird. Neun Jahre nach dem wunderbar ruhigen und erfrischenden Album „On An Island“ erscheint endlich neues Material. David Gilmour zeigt sich auf der neusten Scheibe wieder genau so entspannt, wie seine letzten Veröffentlichungen klangen. Da wird nichts durchgerüttelt, eher denkt man gerne an den endlosen Fluss, der vor knapp einem Jahr das Kapitel Pink Floyd für immer beendet hat. Doch wird „Rattle That Lock“ die Musikgemeinde genau so spalten wie „The Endless River“?

Bereits jetzt liest man im weltweiten Netz Jubelstürme und vernichtenden Meinungen dicht aneinander. Die Wahrheit liegt, für mich zumindest, wieder einmal in der Mitte. Sicherlich, wer von Gilmour in seinem 69. Lebensjahr noch Erden erschütternde Lieder und krachenden Rock erwartet, der hat sich nicht nur zu wenig mit dessen Schaffen beschäftigt, sondern wohl die letzten Jahrzehnte in einem Bunker verbracht. Die Musik des Gitarristen stellt schon lange eine Übung in kreativer Ruhe dar. Wieso sollte man sich im Lebensherbst noch aufregen oder Dinge tun, die einem nicht liegen? So erwartet den Hörer mit „5 A.M.“ zum Einstieg ein typisches Instrumental, dass langgezogene Gitarrenrufe und Licks in sich trägt, die Erinnerungen an die Psychedelic Rock-Götter wach werden lassen. Sanft wird man in einer Krippe aus Noten gewiegt, bei dem Titelsong steigt man aber wieder aus dem Bettchen und tanzt etwas verhalten durch das Zimmer. Mit tollem Gesang und einer freudig aufspielenden Band werden die Songs zu einem Gewinn. Auch wenn sich Gilmour zu keiner Zeit neu erfindet und manchmal doch etwas arg an einer Selbstkopie vorbei schrammt, macht „Rattle That Lock“ nach kurzer Zeit Freude. Zu der geliebten Gitarre gesellen sich Orgel, gemächliche Rhythmen und sogar Bläser. Die Stimmung des Jahrmarktes wird aufgegriffen, bei anderen Songs wähnt man sich einem alten Ballsaal oder am Meeresufer. Mit wenigen Kniffen erzeugt Gilmour somit Bilder und Wirkungen, bleibt dabei aber immer auf dem Boden der Tatsachen.

Sicherlich ist „Rattle That Lock“ ein Album, das niemanden aus den Socken haut oder den Status des Musikers auf den Kopf stellt. Doch die zehn neuen Stücke sind eine genussvolle Erweiterung des gilmourschen Repertoires, eine direkte Fortsetzung seiner letzten Auftritte als Musiker und Balsam für die Seele. Da auch er einer dieser Personen ist, bei denen man sich jedes Album als letztes vorstellt, kann man bei „Rattle That Lock“ aufatmen. Es wäre keinesfalls ein schlechter Schlusspunkt, sondern ein fokussierter und selbstsicherer.

Anspieltipps:
Rattle That Lock, In Any Tongue, And Then…

Roger Waters The Wall (Film, 2015)

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Roger Waters The Wall
Film, 2015
Regie: Roger Waters, Sean Evans

Manche Werke in der Musikgeschichte sind zeitlos und werden für jede Generation neu erfunden. Die erzählte Geschichte verliert keine Aktualität und bleibt auch in der Zukunft wertvoll. „The Wall„, das opulente Doppelalbum von Pink Floyd fällt in diese Kategorie. Nach der ursprünglichen Veröffentlichung als Vinyl, erschien das Konzeptwerk neu interpretiert in den Kinos. Bob Geldof verkörperte Pink in seiner unnachahmlichen Weise und die Regie von Alan Parker formte ein, in seiner Aussage immer wechselndes Stück, Musik und Bild. 2010 brachte das Genie Roger Waters die Show wieder auf die Bühne und füllte die Stadien der ganzen Welt. Fünf Jahre später gibt es nun den Film zu diesen Konzerten, natürlich nicht ohne die Geschichte noch einmal in der Perspektive zu verändern.

Gefilmt wurden die Livesequenzen an mehreren Orten, und zeigen die gesamte Opulenz und den Grössenwahn in seiner voller Ausprägung. Eine unglaublich grosse Mauer wurde teilerbaut, welche als Projektionsfläche für die Videos und Botschaften dient, eine grossartige Band zusammengestellt und die Welt im Sturm erobert. Obschon die eigentliche Geschichte hinter „The Wall“ eine sehr persönliche ist, und gleichzeitig auch den Kampf gegen die eigenen Dämonen darstellt, funktioniert es auch als Gefäss für jeden Zuschauer und dessen Gedanken. Man fühlt sich angesprochen und verstanden, kann seine Wut gegen die Intoleranz und Ungerechtigkeit ablassen und merkt, es gibt Menschen die denken gleich und verstehen mich. „The Wall“ ist eine künstlerische Erschaffung, die bis heute relevant und wichtig ist. Sicherlich wird einigen die Gigantomanie von Waters aktueller Inszenierung sauer aufstossen, doch das wahre Genie steckt hinter dem Blendwerk. Egal wie viele monströse Puppen über die Bühne stapfen, welche Schweinsballone durch das Stadion schwirren und Feuerwerkskörper gezündet werden, in der Tiefe treffen Musik und Texte das Herz. Und dank der veränderten Präsentation bleibt die Botschaft aktuell und wichtig.

Sogar im eher sterilen Kinosaal konnte mich die Geschichte wieder total berühren. Gänsehaut, Tränen und Lacher: Man fühlt, leidet und denkt mit. Obwohl ich zu Beginn Bedenken hatte, stellte sich die Darstellung auf einer Leinwand als passend heraus und war zwar entfernt von den Live-Shows, und trotzdem dasselbe. Auch die Integration von Waters persönlichem Abschied und Reise zu dem Todesort seines Vaters und Grossvaters ergänzte den Film wunderbar. „The Wall“ wurde somit wieder persönlich und als neue Filmversion den perfekten Abschluss des Themas für seinen Erschaffer. Für alle welche Pink Floyd lieben, „The Wall“ live, als Kinofilm oder auf Platte vergöttern, für die ist diese gefilmte Liveperformance eine werksgetreue Fortsetzung der immer wandelnden Betrachtung eines unbeschreiblichen Stück Musik. Nach dem Film fühlte ich mich aufgewühlt aber gut, und würde mehr als gerne die Show noch einmal in echt erleben.

Top 10 Soundtracks

Na da habe ich den Salat. Sobald man stärker in den Blogkreisen verkehrt, wird man nominiert und genötigt, Listen zu erstellen. Danke hierbei an FriedlvonGrimm, ich werde mich noch revanchieren. Zuerst aber musste erschreckend feststellen, dass ich sehr selten und eher ungern Filmmusik höre. Klar, ich liebe Kino und die Symbiose von Musik und Bild. Aber eben, ohne Bilder empfinde ich den Soundtrack dann oft als zu fad oder wirkungslos. Trotzdem finden sich in meiner Sammlung einige Alben, die ich auch ohne dazugehörige Filmrolle nicht mehr missen möchte.

Was hierbei sicherlich auffällt, es tummeln sich wenig Klassiker darunter. Denn gerade die sinfonische Orchestermusik mag ich ohne die Bilder weniger. Bietet aber ein Film aufregende Elemente in der Musik (sei dies elektronische Einflüsse, tolle Lieder oder ähnliches), dann steht er bei mir meist hoch im Kurs. Gern gehört werden bei mir auch Songsammlungen mit viel Stil, aber lest selber. Viel Spass beim wundern und kopfschütteln.

Top Ten Soundtracks_MBohli

11. Passengers – Original Soundtracks Vol. 1
Eigentlich ein Kandidat für den ersten Platz, disqualifiziert sich das Album von den Passengers aber gleich selber. Denn die Musik wurde zu imaginären Filmen geschrieben, die sich die Musiker während den Sessions ausmalten. Die dabei entstandenen Songs sprühen förmlich vor Kreativität und Abenteuerlust. Klänge werden bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, Gesang experimentell eingesetzt. Synths und Keyboards erhalten viel Gewicht und unterstützen den grandiosen Aufbau der drei ersten Songs. Und dann wird klar: Hinter all dieser Musik verbergen sich U2 und Brian Eno! Wagen die Iren heute leider keine solchen Ausflüge in die Kunst mehr, erlebte immerhin „Your Blue Room“ eine wunderschöne Wiedergeburt auf der letzten Tour.

10. V.A. – Jackie Brown
Eigentlich könnte hier jeder Film von Tarantino in der Liste stehen, jedenfalls alle klassischen. Aber nur Jackie Brown hat es geschafft, mich für eine neue Musikrichtung zu begeistern. Wenn ein OST mit „Across 110th Street“ von Bobby Womack beginnt, kann er nur perfekt sein. Denn gibt es ein besseres Lied im Bereich Soul? Meiner Meinung nach nicht, und auch „Didn’t I (Blow Your Mind This Time)“ und „Street Life“ machen einfach Laune. Eingebettet zwischen Dialogzeilen und Raritäten aus den 70ern, bietet die Musik zum unterbewerteten Jackie Brown vor allem eines: Klasse.

9. Pink Floyd – The Wall
Ist das nun ein Soundtrack oder ist der Film ein Begleitwerk zur Musik; oder beides zusammen und doch anders? Wie auch immer, Pink Floyd haben mit „The Wall“ eine verstörende Geschichte vorgelegt, die als Album und Film funktioniert. Wirklich erst gezündet hat alles aber damals, als ich Roger Water’s The Wall live bestaunen durfte. Plötzlich machte es klick und die Lieder ergaben mehr Sinn und Tiefe. Sicherlich, den Film kannte ich auch schon zuvor, aber seit diesen Konzerten bin ich erst von „The Wall“ (die Musik) überzeugt.

8. Rick Smith & V.A. – Trance
Egal was es ist, sobald einer der beiden Herren von Underworld etwas Neues veröffentlicht, kaufe ich es blind. Soweit geht meine Liebe zu diesem Elektro-Duo aus England, und dabei mache ich auch vor Filmmusik nicht Halt – besonders, wenn der Soundtrack zu einem Film von Danny Boyle gehört, einer meiner liebsten Regisseure. Rick Smith hat für „Trance“ ein flirrendes, stampfendes und immerzu vorwärts treibendes Gefährt erschaffen, dass nicht nur den Mindfuck aushaltbar macht, sondern das Gehör beglückt. Und in der Mitte brechen plötzlich UNKLE durch den Boden und geben der Musik noch die Goldbeschichtung, wenn man nicht schon dank Emeli Sandé im Himmel schwebt.

7. Cliff Martinez & V.A. – Drive
„Drive“ von Nicolas Winding Refn ist ein Meisterwerk in Sachen Stil und Wirkung, immer unterkühlt und gnadenlos in seiner Inszenierung. Musikalisch bedient sich der Film in der Retro-80er Bewegung und lässt vor allem eines erklingen: Synths und Drums mit viel Hall. Das passt wie die Faust aufs Auge und gibt dem Film die letzte Coolness. Cliff Martinez ergänzt die Lieder mit pochender Elektronik und entspanntem Ambient.

6. V.A. – Sucker Punch
Ich gebe es zu, dieser Film führt meist zu Kopfschütteln und Unverständnis, aber ich finde Sucker Punch mit all seinen sexy Darstellerinnen, abgedrehten Welten und visuellen Ergüssen toll. Und wenn ein solcher Streifen schon wie ein Musikvideo beginnt – und dazu die Hauptdarstellerin Emily Browning eine grossartig düstere Coverversion von „Sweet Dreams (Are Made Of These)“ anstimmt – dann bin ich im Boot. Ein Remix von Björks „Army Of Me“, Emiliana Torrini singt ein Jefferson Airplane Cover von „White Rabbit“ und Emily bezirzt weiter mit „Where Is My Mind“. Hammergeil, Revue-Nummer am Schluss inklusive.

5. V.A. – The Boat That Rocked
Mein liebster Gute-Laune-Film spielt in den Sechzigern und handelt von den Piraten-Radiostationen. Woraus der Soundtrack besteht, sollte ja eigentlich auf der Hand liegen: Unzählige, perfekte und bis heute gern gehörte Klassiker aus Pop und Rock. „Elenore“, „Judy In Diguise“, „Crimson And Clover“, „My Generation“, „A Whiter Shade Of Pale“, „Let’s Dance“ und und und.

4. V.A. – I’m Not There
Bob Dylan ist eine faszinierende Persönlichkeit – dies spiegelt sich auch in der Unfassbarkeit seiner Musik wieder. Filmisch versuchte man ihm schon mehrmals auf die Schliche zu kommen, aber nur „I’m Not There“ aus dem Jahre 2007 hat dies aus meiner Sicht geschafft. Genau damit, dass Dylan nie vorkommt und er nie klar definiert wird. Seine Musik wird von einer ewig langen Liste wunderbarer Musiker und Bands interpretiert und neu erschaffen. Man muss es gehört haben, um es zu glauben.

3. Trent Reznor & Atticus Ross – The Social Network
Trent, NIN, Oscar, Ambient, Sternstunde. So einfach lässt sich die Musik zum Facebookfilm von David Fincher zusammenfassen. Trent Reznor, der Frontmann von Nine Inch Nails, und der Produzent Atticus Ross haben hier eine prämierte Zusammenarbeit veröffentlicht, die Ambient, Electronica und düstere Klangwelten mischt. Das passt nicht nur super zu den distanzierten Bildern, sondern legte auch den Grundstein für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Seither haben die beiden Herren die Filmmusik zu „The Girl With The Dragon Tattoo“ und „Gone Girl“ geschrieben und dabei das Niveau konstant hoch gehalten. So gut wie hier wurden sie aber nicht mehr.

2. Underworld & John Murphy – Sunshine
Wie oben schon geschrieben, sind Underworld für mich eine der besten Bands auf dieser Erde. Ihre Kollaboration mit John Murphy führte zu einer kompositorischen Meisterleistung. Die Musik für „Sunshine“ von Danny Boyle versteht es nicht nur, kongenial die Bilder zu verstärken und zu untermalen, sondern funktioniert als komplett eigene Ebene und Erzählweise. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Gefühl und Liebe in den kurzen Stücken steckt. Und wenn dann Merkur zu den verzerrt gezupften Gitarrenklänge auftaucht, dann liebe ich denn Film noch tausend Mal mehr.

1. Peter Gabriel – Passion (Music for The Last Temptation of Christ)
Etwas absurd, aber der erste Platz belegt bei mir eine Filmmusik, deren dazugehörigen Streifen ich nie gesehen habe. Aber als Fan von Peter Gabriel musste ich mir alles in seiner Diskografie zulegen, darunter auch diesen Soundtrack zum kontroversen Film von Martin Scorsese. Und an der Musik ist einfach alles wunderbar: Die druckvolle Perkussion, der östliche Einfluss der Musik, die Duduk, die typischen gabrielesken Lautgesänge, das Gefühl durch Sand zu gehen, und die Bedrohlichkeit, die sich gegen Ende in Hoffnung und Liebe auflöst. Ein Meisterwerk seiner Karriere, ganz ohne Gesang. Spannend, dass ich nun so viele Dinge mit dieser Musik verbinde, dass ich fast Angst habe, denn Film anzuschauen. Zerstört es mir diese Erinnerungen?

Weitere Soundtracks von Peter Gabriel: Birdy, OVO, Long Walk Home

Was war der erste Soundtrack, der dich vollends begeistert hat?
Als junger Knabe war ich ein totaler Star Wars Fan, alles über die alte Trilogie habe ich verschlungen. Somit war auch die Filmmusik – besonders von Episode 6 – eine Reise in eine neue Welt. Dank der Doppel-CD zur Special Edition lerne ich auch Kuriositäten wie „Jedi Rocks“ oder die doch sehr kitschige Endzermonie lieben. John Williams war damals allgemein hoch im Kurs bei mir, auch dank einer Compilation mit vielen Theme Songs. Heute höre ich diese Musik interessanterweise gar nicht mehr.

Mit welchem Soundtrack bist du im Nachhinein auf die Nase gefallen, weil er doch nicht mehr so toll wirkte, wie noch im Film?
Hier gibt es viele Kandidaten, eine grosse Enttäuschung war aber „Tron: Legacy“ von Daft Punk. Im Film funktioniert die Mischung aus Orchester und Techno sehr gut, gerade weil die Musik es versteht, die grossartigen Bildern episch zu untermalen. Wenn man zu „The Grid“ durch die Stadt gleitet, oder zu „End Of Line“ den futuristischen Club betritt, ist das geil. Ohne Bilder aber irgendwie fahl und lasch. Die Musik plätschert vor sich hin und man fragt sich, wieso Daft Punk nicht mehr gewagt haben. Schade, denn das kurz danach erschienene Remix-Album macht vieles besser, mit wenig Mehraufwand.

Welchen Soundtrack hast du dir als letztes angehört/durchgehört?
Faszinierend fand ich die Musik in Birdman. Der komplette Soundtrack besteht nur aus einem virtuos gespielten Jazz-Schlagzeug und verbindet die endlosen Kamerafahrten mit wilder Musik und Polyrhythmik. Wenn dann plötzlich der Schlagzeuger sogar selber im Film auftaucht und die handelnden Figuren mit ihm interagieren, fügt sich dies dank der Meta-Ebene wunderbar in das verspielte Drehbuch ein. Grossartig anders, künstlerisch gewagt.
Zuletzt gekauft habe ich mir Gone Girl und Interstellar, dazu sind hier auf dem Blog die Kritiken zu finden. Beide empfand ich auf ihre eigene Art und Weise bewegend und mitreissend.

Weitermachen darf:
Autopict, Call Me Appetite, andiau