Porcupine Tree

Rich Wilson – Time Flies: The Story Of Porcupine Tree (2017)

Als die Band endlich die edle Royal Albert Hall betreten durfte und vor ausverkauftem Saal ein fantastisches Konzert spielte, war es mit Porcupine Tree eigentlich bereits vorbei. Die wandlungsfähige und stets hart arbeitende Band um Meister Steven Wilson wollte immer den Durchbruch und die grössere Anerkennung, beendete ihren Lauf aber während dem steilen Aufstieg. Man hatte sich musikalisch zu fest verfahren, wiederholt und ausgelaugt. Dabei fing alles so anders an …

„Time Flies“ von Rich Wilson (nicht verwandt mit dem gewissen Steven) ist das erste Buch, welches die Geschichte der Art-Rock-Grösse aus England erzählt – wenn auch nicht autorisiert. Doch das tut dem Buch nicht weh, wurde hier schliesslich in aufwändiger Arbeit aus vielen Interviews und Berichten alles herausdestilliert, was den Weg von Porcupine Tree ausgemacht hatte: Angefangen bei den alleinigen Versuchen Wilsons im eigenen Schlafzimmer, die ersten Tapes mit erfundenen Biografien über die immerzu wechselnden Stilrichtungen bis hin zum fulminanten Abschluss als erstarkte Band im Bereich des modernen Progressive Rock.

Schnell wird trotz all den Widrigkeiten, welche Porcupine Tree in ihrer Karriere aushalten mussten, klar, dass es wohl selten eine klanglich interessantere, aber szenentechnisch langweiligere Band gab. Fern von allen Exzessen, Drogengeschichten, wilden Vorfällen oder misslungenen Konzerten erarbeiteten sich die Musiker mit jedem Album einen besseren Ruf und mehr Fans. Für „Time Flies“ bedeutet dies leider, dass sich grosse Teile des Buches wie ein konstanter Kreislauf lesen. Der Ablauf „Demo, Aufnahme, Veröffentlichung, Tour“ wird bei jedem Kapitel gleichförmig wiederholt, bei Zitaten aus Gesprächen und Presseberichten leider zu unsorgfältig gearbeitet.

Die Lektüre von Rich Wilson ist somit zwar leicht und wenig anstrengend, oft aber auch etwas zu wenig redigiert. Gewisse Fakten werden oft wiederholt, viele Absätze lesen sich holprig – hier wären grössere Eingriffe in das Quellenmaterial hilfreich gewesen. Somit ist das Buch vor allem für Anhänger von Steven Wilson und seinen Bands interessant, Neulinge werden wohl das Phänomen hinter Porcupine Tree nach „Time Flies“ nicht wirklich erfassen können. Schön war es aber trotzdem, für einmal die Geschichte als Ganzes zu erfahren – und vor allem bei jedem erwähnten Album wieder Lust auf ein Wiederhören zu haben.

Noch ein kleiner Hinweis: Das Buch beschränkt sich auf einen Fliesstext mit wenigen Bildern in der Mitte. Da weder Bandmitglieder noch beteiligte Labels an der Veröffentlichung mitgearbeitet haben, fehlten natürlich die Rechte, um visuelles Material in den Text einzubauen. Somit lockern weder Albumcover noch Backstagefotos „Time Flies“ auf – aber immerhin kann man aus vier passend psychedelischen Umschlägen auswählen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: ORK, Royal Baden, 16-02-19

ORK_2_Royal_MBohli

ORK
Support: Komara
Freitag 19. Februar 2016
Royal, Baden

Zu welchem Zeitpunkt greift der Begriff Supergroup? Müssen nur ein paar bekannte Musiker zusammen eine Band gründen und schon frisst ihnen die gesamte Welt aus der Hand? Doch wer definiert dies eigentlich? Denn was sich an diesem Freitagabend im Royal in Baden abgespielt hat, war nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch eine Geburt völlig neuer Gruppierungen. Dabei steht das alternative Kulturlokal sonst nicht im Stern der Progressive Rock. Aber wenn ein extrem sympathischer Schlagzeuger für ein Konzert auffordert, dann sagt so schnell niemand nein.

Pat Mastelotto ist seines Zeichen nicht nur Mitglied der Urformation King Crimson, sondern auch ein lebens- und experimentierfreudiger Musiker, der das Schlagzeug neu definiert. Und wenn er nun mit seiner neuen Band ORK durch Europa tourt und auch kleinere Orte beehrt, dann gibt es kein Halten mehr. Obwohl, das Fixieren seiner Outputs ist ein schwieriges Unterfangen. Sein Geist und sein Schaffen durchkreuzen genau so viel Genres, wie sie auch an Technik und Gefühlen mitwirbeln lassen. Somit war der Auftritt von Komara ein Einlullen in fremde Welten. Klanglich schwierig festzuhalten, griffen die Musiker nicht nur den Geist des Art-Rock, sondern auch des Jazz und der freien Improvisation auf. Muster und Harmonien geisterten durch den alten Kinosaal und formten sich plötzlich zu heftigen Abstürzen mit verzerrten Schreien und wilden Gitarrenriffs. Eher eine Übung in Meditation der musikalischen Form, als klares Konzert. Die Besucher suchten jedoch genau diese Herausforderung, somit war ein früher Jubel und tiefe Begeisterung sofort vorhanden.

Wobei die Meditation leider nach etwas mehr als einer Stunde ihr Ende fand. Was in der Zeit für Welten und Täler durchschritten wurden, lässt sich ein Tag danach nicht mehr in Worte fassen. Adam Jones hatte schon den richtigen Riecher, als er seine Hauptband Tool hinterging, um Komara grafisch zu unterstützen. ORK als Hauptband fanden diese malerische Gestaltung in ihren Liedern mit Klängen. Im Gegensatz zu der sehr sphärisch schwelgerischen Vorband suchte die aus vier Ländern abstammende Gruppierung eine neue Art der Musik zu formen. Krasse Anfälle des Math-Rock kreuzten sich mit viel Electronica, nur um sich dann in den melodiösen Art-Rock mit heftig groovenden Rhythmen zu verlieren. Colin Edwin brachte den Geist von Porcupine Tree zum König, Lorenzo Esposito Fornasari sang Italien in den Saal und Gitarrist Carmelo Pipitone tobte sich mehrmals nah am Bühnenrand aus.

All diese Einflüsse vermengten sich zu einer eindringlichen und mitreissenden Version von zeitgenössischer und ideenreicher Musik. Egal ob man sich lieber auf Melodien, Effekte oder Takte stützt, diese Inkarnation aus mehreren bekannten Gruppierungen weiss der Musikwelt frischen Wind einzuhauchen. Dabei verwunderte nicht nur das Können der einzelnen Musiker, sondern auch ihre Spielfreude und die Offenheit. Ein reizvoller Abend für alle offenen Geister.

ORK_1_Royal_MBohli  Komara_1_Royal_MBohli

Index – The art of Steven Wilson’s music by Lasse Hoile & Carl Glover (2015)

Index_Buch_MBohli_1

Index – The art of Steven Wilson’s music by Lasse Hoile & Carl Glover
Verlag: Flood Gallery Publishing
Autor: Lasse Hoile, Carl Glover, Steven Wilson
Umfang: 240 Seiten, Hardcover
Link: Steven Wilson, Lasse Hoile, Carl Glover, Shop

Klang und Bild, eine oft extrem starke Symbiose – ein Gesamtwerk, das voneinander losgelöst nicht immer die komplette Wirkung entfalten kann. Wahrlich interessant wird es dann, wenn ein Medium die Ausstrahlung von seinem Gegenstück kapert, wenn Musik plötzlich eine Farbe erhält, wenn eine Fotografie plötzlich Klänge erzeugt. Die Kunst wird somit auf eine neue Ebene transportiert und wächst im Kopf des Geniessers schier unendlich weiter. Beim nimmermüden Musikgenie Steven Wilson erhielten Verpackung und Präsentation schon immer die gleiche Gewichtung, wie die Lieder selber. Somit ist „Index“ eine logische Schlussfolgerung – wenn auch ohne laut zu werden.

Seit Jahrzehnten lässt sich der Künstler von Lasse Hoile und Carl Glover begleiten und erschuf mit ihnen zusammen eine unverkennbare und doch extrem abwechslungsreiche Gestaltungsform. Die Herren versuchten dabei nicht nur Alben und Songs mit Farbe und Form umzusetzen, sondern kreierten ein eigenes Universum. Ob kalte und vergessene Bauten aus Stahl und Beton, morbid drapierte Puppen oder kunstvoll verspielte Schatten und Scheinwerfer – alles fügt sich nahtlos im Index ein. Das edel verarbeitete Buch lädt zum Eintauchen und Verlieren ein, zum Erforschen und Erfahren. Nicht nur hält man einen erweiterten Einblick in das Design zu Alben von Porcupine Tree, No-Man, Bass Communion und den neusten Scheiben von Wilsons Solokarriere, man taucht in die Köpfe der kreativen Personen ein und lässt ihre Welt überschwappen.

Auch die Form des Bildbandes reiht sich perfekt in die musikalische Welt ein, dasselbe Format wie bei den Deluxe Editionen der Alben wurde verwendet. Natürlich beschränkt sich der Inhalt auf Bilderreihen, neue Abschnitte werden aber immer mit kurzen Kommentaren und Hinweisen eingeleitet. Diese Informationen genügen, um sich mit den Serien auseinander zu setzen und lenken nie von der gestalterischen Wucht ab. Sicherlich muss man die Handschrift von Hoile mögen – seine Sicht der Welt ist düster und oft scheinbar hoffnungslos, in ihrer Ausarbeitung aber unvergleichlich und faszinierend. Wer Musik nicht nur als Massenware benutzt, der findet hier die perfekte Ergänzung zu den Platten von Steven Wilson. Am besten, man hört sich dazu gleich durch dessen Diskografie.

Index_Buch_MBohli_3  Index_Buch_MBohli_5  Index_Buch_MBohli_2  Index_Buch_MBohli_4

Steven Wilson – 4½ (2016)

Steven Wilson_41/2_MBohli

Steven Wilson – 4½
Label: Kscope, 2016
Format: Vinyl mit Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Prog, Rock, Art-Rock

Ich kriege nicht genug von diesem wunderbaren langhaarigen, barfüssigen und brillentragenden Musikgenie. Egal wie oft ich neue Alben von ihm höre, Konzerte besuche und über Lieder schreibe, es ist immer zu wenig. Passend dazu ist natürlich der Umstand, dass Steven Wilson unermüdlich an seinem Erbe arbeitet und Meisterwerk um Meisterwerk raushaut. Wobei „4½“ im eigentlichen Sinne kein Album darstellt. Wilson vermengt auf dieser neuen Platte unbenutzte Lieder von „Hand.Cannot.Erase.“, ein Schatten vom Raben und eine Neuaufnahme eines bekannten Freundes.

„My Book Of Regrets“ eröffnet den Zwitter aus EP und LP und spielt auf jeder Position. Das Lied nimmt die wilden Tanzschritte des Prog an, schwelgt in der emotionalen Verteidigung des Art-Rock und tangiert während den zwölf Minuten alle Bereiche des Wilson-Kosmos. Erstaunlich ist hierbei, dass es mit seiner Wucht und Kühnheit nicht den Ton des Albums angibt, sondern für sich alleine steht. Die folgenden Stücke bleiben eher zahm und geniessen Schönheit in ihrer Form. Wegen seiner intensiven Form und Geschlossenheit bot der Vorgänger keinen Platz für die instrumental gehaltenen Zwischenspiele wie „Year Of The Plague“, hier erhalten sie aber endlich die verdiente Plattform. Denn qualitativ steht „4½“ weder im Schatten der grossen Alben, noch will es eine Resteverwertung darstellen. Schliesslich würde kein Künstler einen solch göttlichen Refrain wie bei „Happiness III“ freiwillig zurückhalten und als Nebensache abtun – oder die grossartigen Breaks und Wechsel bei „Vermillioncore“ in der Hütte verstecken. Und dank der traumhaften Stimme von Ninet Tayeb fügt sich auch „Don’t Hate Me“ perfekt ein. Weg mit Porcupine Tree und Vergangenheit, her mit Zukunft und Eigenständigkeit.

Steven Wilson bleibt sich seiner Kunst und Darstellung auch bei „4½“ treu, man findet sich schnell ein und schmiegt sich an die Instrumente und Gesänge. Obwohl alle Lieder wunderschön sind, wünscht man sich am Ende doch, die Platte wäre doppelt so lang und weniger auf Kurzstücken basierend. Konzeptuell wird man hier schliesslich nicht so stark verwöhnt wie bei der Hand. Trotzdem, ein Muss für alle Fans, Freunde und Geniesser des modernen Art-Rock.

Anspieltipps:
My Book Of Regrets, Happiness III, Vermillioncore

Steve Jansen & Richard Barbieri – Stone To Flesh (1995)

Steve Jansen_Richard Barbieri_Stone To Flesh_MBohli

Steve Jansen & Richard Barbieri – Stone To Flesh
Label: Medium Productions Limited, 1995 / Remaster Kscope, 2015
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Jansen, Barbieri
Genre: Art-Rock, Ambient, Jazz

Das Kscope-Label ist nicht nur die Heimat vieler interessanter und visionärer Künstler, sondern sorgt auch gerne dafür, dass diese Menschen zusammenfinden und ihre Ideen gemeinsam neu formen können. Und obwohl die Zusammenarbeit von Steve Jansen und Richard Barbieri in den 90ern woanders veröffentlicht wurde, blüht sie nun neu gemastert und erweitert wieder auf. „Stone To Flesh“ erforscht den Art-Rock aus allen Perspektiven und bleibt dabei immer ruhig und gesittet. Ein wunderbares Album für Klangsammler und Schatzsucher.

Steve Jansen wurde mit der Band Japan bekannt, in der auch sein Bruder David Sylvian mitspielte. Nicht viel später fand er mit Richard Barbieri (bestens bekannt als Keyboarder von Porcupine Tree) einen Bruder im Geiste und spielte mit diesem mehrere Alben ein. „Stone To Flesh“ war die dritte Kollaboration der nachdenklichen Musiker und gefällt mit seinen langen und sanft entfaltenden Songs. Die Struktur in den Liedern ist nicht immer gleich ersichtlich, bereits der Opener „Mother London“ verlangt Aufmerksamkeit und ein gutes Gedächtnis – denn alles bricht nach sechs Minuten in sich zusammen, um wieder frisch gestartet zu werden. Dieses Mittel setzt die Musik gerne ein, schichtet Lieder um und bricht die Strukturen auf. Oft prallen synthetische Momente auf analoge und verbinden sich zu einer grossen Welle, man reitet darauf oder geht unter. „Sleeper’s Awake“ setzt dabei auf einen grossen perkussiven Anteil und verzerrt die Rhythmen merkwürdig elektronisch. Nicht selten denkt man bei diesen Klängen an den Art-Rock-Meister Peter Gabriel, gewisse Tracks würden sich auch auf seinen Platten gut machen. Das zeigt sich auch bei den Stimmungen die hier entstehen, die Musik erzählt eine Geschichte und man fühlt sie, als würde man in einem kleinen Boot auf dem Meer treiben. Akzente setzen Gäste wie Steven Wilson oder h, die Harmonika darf einspringen. Der Gesang bleibt meist Nebensache und eher ein Flüstern, dies tut der Musik aber gut. Es gibt schliesslich viel zu entdecken und zu entwirren.

Mit dem Remaster darf „Stone To Flesh“ nun endlich so glänzen, wie es damals wollte. Jansen und Barbieris Ideen reizen und funktionieren immer noch, auch der neu aufgenommene Song „Map Of Falling“ fügt sich gut in das Werk ein. Somit ist diese Wiederentdeckung eine sehr spannende Kombination aus experimenteller Electronica, Ambient, Jazz und Art-Rock. Was halt kluge Köpfe alles so mit sich bringen, wenn sie gemeinsam hinter den Instrumenten stehen.

Anspieltipps:
Mother London, Sleeper’s Awake, Closer Than „I“

Steven Wilson – Transience (2015)

Steven Wilson_Transience_MBohli

Steven Wilson – Transience
Label: Kscope, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock, New-Prog

Wer hätte dies jemals gedacht, dass 2015 ein nerdiger Progmusiker plötzlich zu einem Star werden kann und sein Genie auf der gesamten Welt anerkannt wird? War der progressive Rock nicht einmal die Spielfläche für Aussenstehende und technische Bastler? Und jetzt dies: Ausverkaufte Konzerte in der ganzen Welt, hohe Verkaufszahlen und ein Publikum, das nicht nur aus alten und langhaarigen Typen besteht. Herr Wilson hat seinen Traum wahr gemacht und die Erde mit qualitativ hochstehender Musik erobert. Nimm dies, Retortenpop!

Somit verwundert es eigentlich nicht, dass Kscope als Label diese Begeisterungswelle mitreiten will und noch im Veröffentlichungsjahr des neusten Studioalbums „Hand. Cannot. Erase.“, eine Zusammenstellung von Wilsons zugänglichem Material heraushaut. Bevor man nun aber die Hände in den Himmel wirft und „Ausverkauf!“ schreit sei bedacht, dass „Transience“ einige Mehrwerte zur Schau stellt. So wird die Compilation nur als Vinylausgabe veröffentlicht, hübsch verarbeitet im Gatefold und mit Download. Dann finden sich auf der Platte zwar nur bekannte Stücke, aber manche in neuen Versionen und sogar eine komplette Neuaufnahme des wunderbaren Porcupine Tree-Lieds „Lazarus“. Wer das Lied seit „Deadwing“ kennt und liebt, wird einige Unterschiede bemerken und auch bei dieser Variante wieder vom Song verzaubert werden. Ebenso ist es doch wahrlich interessant, einzelne Stücke aus Wilsons Soloschaffen in neuer Zusammenstellung zu erleben. Wer bisher dachte, die Lieder funktionieren am besten in ihrer gedachten Umgebung und als Konzept, der wird überrascht werden. Hinter der Musik des Proggottes lauert unglaublich viel Hitpotential und eine Weisheit, die der meisten modernen Musik vermisst wird. Steven Wilson hat nicht nur die Mechanismen des Pop durchschaut, sondern sich diese zu eigen gemacht. Er führt mit leichter Hand vor, wie wenig doch nötig wäre, um Musik interessant, komplex und ergiebig zu gestalten. All dies ohne den Hörer anzubiedern. Lieder wie „Hand Cannot Erase“, „Postcard“ oder „Insurgentes“ verführen mit Melodien, Abwechslung und Einfall. Die traditionelle Struktur von Radiosongs wird dabei nie verleugnet, sie wird geschickt ergänzt. Dass dabei auffällt, dass die Musik aus Wilsons Schaffen immer einer ähnlichen Klangfarbe folgt, und oft auch dieselben Mittel wie Laut-Leise Wechsel anwendet, ist kein negativer Punkt. Dieser Umstand offenbart auf „Transience“ eher eine Konstanz, die von dem Genie des Mannes zeugt und sich über alle vier Soloalben zieht.

Wer sich bisher nicht an die Konzeptwerke und Scheiben von Steven getraut hat, der findet mit „Transience“ eine wunderbare Möglichkeit des Einstiegs. Die Musik zeigt sich von ihrer besten Seite, ist eingängig und doch vielfältig. Auch Fans und Liebhaber erhalten eine neue Betrachtungsweise ihres Idols. Somit lohnt sich die Platte eigentlich für alle, die sich ernsthaft mit aktueller Musik auseinandersetzen. Einen besseren und talentierteren Künstler findet man so schnell nicht. Besonders einer, der nichts falsch machen kann. So gelingt auch das Cover von Alanis Morisettes „Thank You“.

Anspieltipps:
Harmoni Korine, Insurgentes, Hand Cannot Erase

Live: Steven Wilson, Komplex 457 Zürich, 15-09-20

StevenWilson_Komplex_MBohli
(Es herrschte wieder einmal absolutes Fotoverbot, zum Glück.)

Steven Wilson
Sonntag 20.09.2015
Komplex 457, Zürich

Interessanter Zufall: Auf dem Fussweg vom Bahnhof Zürich Altstetten zum Komplex 457 viel mir ein Plakat für eine Weihnachtsshow auf, viel zu früh für meinen Geschmack. Doch wer konnte schon ahnen, dass Steven Wilson mit seinem Auftritt einen Abend abliefert, der wie Weihnachten und Geburtstag zusammen war? Da war ich im Nachhinein doppelt so glücklich, die Tour zum neusten Album „Hand. Cannot. Erase“ ein zweites Mal besucht zu haben. Anfängliche Bedenken, die gleiche Show noch ein zweites Mal zu sehen, wurden gleich mit dem Konzerteinstieg weggeblasen.

Steven Wilson und seine hypertalentierten Musiker starteten den Abend mit einem kräftig gespielten „No Twilight In The Court Of The Sun“. Somit war es klar, die konzeptuelle Inszenierung der neusten Platte wird heute nicht befolgt, alles ist möglich. Wilson selber zeigte sich sehr gesprächig und offen. Es wurde gewitzelt, erklärt und erzählt – vom scheuen und zurückhaltenden Tüftler, der sich hinter seinen langen Haaren versteckt, ist praktisch nichts mehr übrig. Wie ein Zeremonienmeister führt er Musiker und Publikum durch die Lieder, unterstreicht seinen Gesang mit exzentrischen Gesten und harten Gitarrenriffs. Die Solokarriere hat den Mann ganz klar beflügelt und nicht nur seine Musik auf ein neues Niveau gehoben. Ton, Licht und Bild waren wie immer in perfekter Harmonie, die künstlerisch anspruchsvollen Videos untermalten die Lieder perfekt. Songs wie „Hand. Cannot. Erase.“, „Routine“ oder „Index“ erhielten somit mehr Kraft und die Texte waren verständlicher. Gerade „Index“ in seiner neuen, noch beklemmenderen Version ist immer wieder ein Erlebnis und die gruseligen Bilder von Lasse Hoile faszinieren mit ihrem unheimlichen Grundton.

Dass Zürich ein spezielles Vergnügen bevorstehe, erklärte Wilson gleich mit der Ankündigung, den Auftritt als inoffizielle Probe für die angekündigten Konzerte in der Royal Albert Hall zu missbrauchen. Da in London karriereübergreifend Lieder gespielt werden nutzte die Band den Sonntag, um alte Klassiker und unveröffentlichtes Material vorzustellen. Wer hätte es in den kühnsten Träumen für möglich gehalten, an diesem Abend „Don’t Hate Me“ und „Shesmovedon“ von Porcupine Tree zu vernehmen? Lieder, die seit Ewigkeiten nicht mehr live gespielt wurden und viele Besucher wohl noch nie an einem Konzert geniessen konnten. Ein magischer Moment, Gänsehaut und Freudetränen inklusive. Um die Überraschung perfekt zu machen, stimmte der Prog-Gott danach „My Book Of Regrets“ an, ein Lied, das bisher auf keinem Album zu finden ist. Ein langer und komplexer Song, voller Breaks und krummer Rhythmen, New-Prog vom Feinsten. Das Stück wird wohl im Januar auf einer neuen EP zu erwerben sein, genaueres wurde aber nicht verraten.

Natürlich gab es auch viele Lieder, die auf der Tour dazugehören – „Ancestral“, „Home Invasion“ und „Regret 9“. Die neuste Platte, welche Art-Rock, Prog und elektronische Spielereien vorzüglich kombiniert, muss schliesslich gehuldigt werden. Aber wirklich gross wurde es dann mit den Zugaben. Auf „Secretarian“ folgte mit „Sleep Together“ ein weiterer Kracher von Procupine Tree. Und was Wilson zuvor schon kurz angesprochen hatte, wurde Realität: Ein Lied vom Klassiker „In Absentia“ schallte durch das Komplex. „Sound Of Muzak“ verzückte alle und liess den Applaus noch einmal lauter werden. Um die Leute wieder auf den Boden zu holen, wurde der Auftritt mit „The Raven That Refused To Sing“ beendet, ein melancholisches und mitreissendes Lied mit vielen Streichern und wildem Mittelteil. Danach hiess es für die Band: den verdienten Jubel einsammeln und sich endgültig verabschieden. Wer dachte, Steven Wilson sei mit seinen Konzerten an der Spitze angekommen, der wurde hier eines Besseren belehrt. Es geht immer noch mehr!

Media Monday #221

media-monday-221

Immer diese Lücken, welche zu füllen sind. Aber man verbringt ja genügend Zeit mit diversen Medien, um die Fragen des Medienjournal zu beantworten.

1. Als ich am Samstag den Flohmarkt in Zofingen besuchte, war ich doch sehr negativ über die angebotene Waren überrascht. Viele Leute haben ihre halbkaputten Restbestände eines Kellerlochs verkaufen wollen und dabei auch die Preise viel zu hoch angesetzt. Immerhin fand ich eine supergünstige CD von Jovanotti und ein Album von Neurosis. War also doch nicht vergebens.

2. Sollte es jemals eine länderübergreifende Toleranz ohne Rassismus geben, werde ich nie mehr jammern oder Leute verfluchen. Aber ja, wird leider so schnell nicht passieren.

3. Bei Steven Wilson bleibt zumindest alles beim Alten, schließlich konnte er am gestrigen Konzert in Zürich wieder mal nur eines: Begeistern. Der Mann ist ein Genie und hat sogar vier Lieder von Porcupine Tree gespielt. Wilson ist ein Garant für Qualität, seit Jahrzehnten.

4. Die Dokumentation „Cowspiracy“ war eine unglaubliche Erfahrung, einfach weil der Film endlich einen Aspekt unserer Ernährung und aktuellen Lage auf der Erde anspricht, der praktisch immer verschwiegen wird. Da ich eine aktive Greenpeace-Vergangenheit habe, war es für mich doppelt spannend. Gerade weil auch bei Greenpeace Schweiz der Fleischkonsum und die Auswirkungen auf die Umwelt fast nie ein Thema waren.

5. Obwohl viele über Lady Gaga fluchen, bin ich ja der Meinung, dass ihre Musik super toll ist und die Dame über viel künstlerisches Talent verfügt. Besonders wer sie einmal live erlebt hat, weiss wie gut Gaga singen und auftreten kann. Schade nur, werden viele ihrer Songs über mit einer fetten Produktion zugestopft. Seit dem dritten Album „Art Pop“ wäre sie meiner Meinung nach aber von dem Erfolgsdruck befreit, da diese Platte die Erwartungen der Vertriebe nicht erfüllen konnte. Wieso also nicht den Weg von Miley Cyrus einschlagen und als viertes Werk etwas völlig anderes Versuchen?

20100731_zaf_x12_007

6. Alles in allem war das Bordun- und Folkmusikfestival in Zofingen ein toller Nachmittag, denn immerhin traf man dort viele Bekannte und Freunde, die Sonne zeigte sich und wärmte uns alle, und von der Bühne schalte wunderbare Musik. Bands aus der Schweiz wechselten sich mit Gruppierungen aus Schottland ab. Besonders Jim Hunter gefiel mir sehr, die Dudelsackspieler aber weniger.

7. Zuletzt habe ich meine allererste Folge von „Doctor Who“ geschaut und das war zu gleichen Teilen wunderbar wie mühsam, weil ich mich noch an diese englische Art der Sci-Fi gewöhnen muss. Die Figuren und Handlungen sind ja sehr überzeichnet und theatralisch, aber auch erfrischend anders. Die Folge „Vincent und der Doctor“ aus der fünften Staffel stellte aber eine nette Einführung in den Kosmos dar, und Karen Gillan ist ja wohl zum träumen.

Porcupine Tree – Anesthetize (2015)

Porcupine-Tree_Anesthetize_MBohli

Porcupine Tree – Anesthetize
Label: Kscope, 2010 / Neuauflage 2015
Format: Doppel-CD mit DVD in Mediabook
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Art-Rock, Metal

Ein Konzert aus 2008 wurde 2010 auf DVD und Bluray veröffentlicht, 2011 als LP-Box auf den Markt gebracht und nun nochmals vier Jahre später erfährt es die Auswertung auf CD. Geschieht nun mit Porcupine Tree dasselbe, was allen anderen Bands widerfährt, die sich auflösen? Plünderungen des Archivs, Neuauflagen und Remaster-Pressungen? Denn auf neues Material müssen wir leider noch lange bis ewig warten, Steven Wilson hat sich als Solokünstler platziert und keine Pläne für die New-Art-Rock Band. Wie gut diese Formation aber war, lässt sich hier auf zwei CDs und dem dazugehörigen Filmmaterial nochmals überprüfen.

Das Konzert stammt aus der damaligen Tour zum „Fear Of A Blank Planet“-Album und wurde im niederländischen Tilburg aufgezeichnet. Dabei wurden zwei Konzertabende zu einem zusammengeschnitten, um ein umfassendes Bild der Tournee abgeben zu können. Im Mittelpunkt steht natürlich die Präsentation des blauen Albums, es wird zum Auftakt gleich komplett dargeboten. Wie von der Gruppe gewohnt, erkennt man an den Aufnahmen wenige Unterschiede zur Studioplatte. Die Musiker agieren extrem genau und professionell, dank Samples und Keyboards werden viele Soundspuren im Hintergrund eingespielt. Auch die droneartigen Gitarren und Effekte finden ihren Platz, was besonders „Way Out Of Here“ veredelt. Andere Pfade wählen Wilson und Konsorten aber dann beim Gesang, denn in „My Ashes“ singt der Tourgitarrist John Wesley den Refrain und zeichnet mit seiner feinen Stimme ein wunderbares, neues Bild des Songs. Damit wird das Lied auch gleich das Highlight der ersten Konzerthälfte, nebst dem wuchtigen „Anesthetize“ mit einer Laufzeit von über einer Viertelstunde. Die wahren Perlen verbergen sich aber im zweiten Teil. Porcupine Tree spielen sich hier durch eine gelungene Auswahl aus Klassikern und vergessenen Liedern ihrer Geschichte. Die wunderschönen B-Seiten „Drown With Me“ und „Half-Light“ werden dargeboten, drei Beiträge von „In Absentia“ finden den Weg zurück auf die Bühne und der Abschluss gestaltet ein neu arrangiertes „Halo“. Gerade diese instrumentalen Lieder und der Abschluss sind ein Feuerwerk an Musik und Schreibkunst, es zeigt die Band auf ihrem scheinbar unaufhaltbaren Weg nach oben. Dass diese Strasse bald an ihr Ende kommen wird, konnte man damals noch nicht erahnen. Und dank diesem Dokument die Leichtigkeit des Progressive Rock noch einmal erleben.

„Anesthetize“ noch einmal als CD / DVD Paket zu veröffentlichen macht Sinn, da dieses Format nur einer limitierten Auflage beilag. Wer das Konzert aus Tilburg aber schon vor fünf, respektive vier Jahren gekauft hat, der benötigt diese Neuauflage nicht. Für alle anderen ist es ein hübsches Trostpflaster auf die Wunde, die Porcupine Tree mit ihrer Pause hinterlassen haben. Hier noch mit reduziertem Show-Anteil, Licht und ein paar Projektionen müssen reichen. Tun sie auch.

Anspieltipps:
My Ashes, Drown With Me, Halo

Porcupine Tree ‎– Stars Die: The Delerium Years 1991 – 1997 (2002)

Porcupine-Tree_Stars Die_MBohli

Porcupine Tree ‎– Stars Die: The Delerium Years 1991 – 1997
Label: Snapper, 2002 / Remaster Kscope 2007
Format: Doppel-CD
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Psychedelic, Space Rock

Es begann als erfundene Psychedelic-Space-Band im Kopf eines jungen Mannes, wurde ein Nebenprojekt mit Plattenvertrag und endete als eine der wichtigsten modernen New-Prog / Art-Rock-Bands in den 2000er Jahren. Die Geschichte hinter Porcupine Tree ist genau so interessant wie der musikalische Output. Steven Wilson hat sich mit der Band einen der ersten Grundpfeiler seiner Unsterblichkeit geschaffen, und diesen vor einigen Jahren zugunsten seiner Soloprojekte stillgelegt. Zeit, wieder einmal zurückzuschauen, auf die Anfänge der Gruppe und deren kuriose erste Veröffentlichungen.

2002 legte das Label Snapper eine Best Of vor, auf der das Frühwerk der Band in gesammelter Version zugänglich gemacht wurde. Dabei überspannt „Stars Die“ die Zeit vom ersten Album „On The Sunday Of Life“ bis „Signify“, und umklammert somit die psychedelische erste Phase. 1998 wurde dann mit „Stupid Dream“ zum ersten Mal alles anders, aber dies ist eine Geschichte für eine spätere Zeit. Zuerst stand die Band, oder besser gesagt das Projekt von Steven Wilson, für fröhlichen und rauschhaften Psychedelic. Der junge Musiker versuchte sich an Klangspielereien und eiferte Leuten wie Syd Barrett nach. Schon früh aber liess er diverse Einflüsse bei seiner Musik zu, es entstand eine aufregende Mischung in Richtung Art-Rock. Das ganz alte „Radioactive Toy“ steht hier als bestes Beispiel, verbindet es doch bereits die ausufernde Art späterer Longtracks mit einem harten Gitarrenriff und der Experimentierfreudigkeit. Da Wilson zu dieser Zeit die meiste Musik selber schrieb und aufnahm, klingen die Songs oft etwas flach oder künstlich, dieses Klangbild passt aber sehr gut zum Inhalt und der Art. Wer die Augen schliesst und sich der Musik hingibt, schwebt alsbald davon, am besten nachvollziehbar mit „Voyage 34“, einem in Musikform dargebotenen LSD-Trip.

Je weiter man sich durch die Jahre nach vorne arbeitet, desto mehr wird aus Porcupine Tree eine vollwertige Band. Die Mitmusiker werden wichtiger, das Volumen voller. Mit dem frühen Meisterwerk „The Sky Moves Sideways“ erschuf Wilson sein persönliches „Shine On You Crazy Diamond“. Nun sollte wohl auch dem Letzten klar sein, wie wichtig Pink Floyd und Konsorten für seine musikalische Entwicklung waren. Ab diesem Album mischt sich immer mehr Düsterheit und Melancholie in den Kontext, die Konzepte hinter der Musik werden beissender und Wilson bringt seine Gedanken über die Missstande der Welt mit lauten Gitarren und Taktwechsel aufs Blatt. Gerade „Signify“ macht es damit dem Hörer nicht immer einfach, sprüht aber nur so vor Ideen.

Die Compilation „Stars Die“ ist eine sehr gut zusammengefasste Werkschau der ersten Phase von Porcupine Tree. Es eignet sich nicht nur für Neueinsteiger, die sich bisher nicht an das Delirium des Anfangs gewagt haben, sondern auch für langjährige Liebhaber der Band. Auf den beiden CDs finden sich doch einige unveröffentlichte Versionen von bekannten, oder aber gänzlich unbekannte Songs. Bleibt nur zu hoffen, dass Steven diese Gruppe in naher Zukunft reaktivieren wird.

Anspieltipps:
Radiactive Toy, And The Swallows Dance Above The Sun, Up The Downstair, Stars Die, The Sky Moves Sideways – Phase One