Pratteln

Live: Anathema, Z7 Pratteln, 17-10-18

Anathema
Support: Alcest
Mittwoch 18. Oktober 2017
Z7, Pratteln

Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark sich die Musik von Anathema verändert hat – nicht nur im Vergleich zu ihren ersten Doom Metal-Alben, sondern auch in den letzten Jahren. Das Konzert in Pratteln, welches die Band im Rahmen ihrer Tour zum neusten Werk „The Optimist“ gab, zeigte dies auf spannende Weise. Denn die Engländer, welche seit 1990 die Prog-Welt mit ihrem unverkennbaren Klangbild aufmischen, zeigten ein gutes Händchen bei der Songwahl und liessen das zweistündige Konzert zu einer kleinen Reise in die Vergangenheit mutieren. Immer präsent war aber die erhabene, romantische und berührende Stimmung, welche ihre Musik auszeichnet.

Perfekt passend war in diesem Gesichtspunkt auch der Support mit den Franzosen von Alcest. Die Gruppe aus Avignon ist Stéphane „Neige“ Pauts kreatives Kind und wird live zu einer Band, welche die Welten des Shoegaze und Black Metal zu gewaltigen und emotionalen Klangwänden zusammenführt. Mit ihrer neusten Platte „Kodama“ im Gepäck liessen sie das Z7 in tiefe Gitarrenflächen, verträumte Melodien und immer wieder aufbrausendes Schlagzeugspiel eintauchen. Ob ihre Musik nun wie extrem langsam gespielter Heavy Metal oder die süsse Version von teuflischem Material klingt, ihre Songs konnten immer überzeugen. Und dank Darbietungen von älteren Songs wie „Autre Temps“ kamen auch langjährige Fans auf ihre Kosten, die am Ende dieses Auftrittes gleich strahlten wie Novizen.

Anathema konnten sich nach einem solchen Start nicht zurücklehnen, viel eher mussten die Herren und die Dame zeigen, dass ihre wirkungsvolle Mischung aus Art-Rock, Prog und Dreampop auch live gelingen kann. Der Einstieg mit „Untouchable Pt. 1+2“ war geschickt gewählt, bietet dieses Doppel mit Stakkato-Keyboard, ausführlichen Gitarrenpassagen und dreistimmigem Gesang doch alle Zutaten, die diesen Kuchen so herrlich schmecken lassen. Zwar wirkte einiges etwas verzettelt – besonders „The Lost Song Pt. 3“ ging nicht ganz auf – und die intensive Wirkung der Alben wollte sich zuerst nicht einstellen, doch spätestens mit dem „A Fine Day To Exit“-Doppelpack „Barriers“ und „Pressure“ nahm die Darbietung Fahrt auf.

Dank geschickter Kombination der Albenkonzepte und einem Sound, der sich seit „We’re Here Because We’re Here“ stärker auf positive und gefühlvolle Aussagen konzentriert, versank man vollends in träumerischen Liedern, wunderbaren Gitarrenwänden und verliebte sich zum unzähligsten Mal in Lee Douglas. Die Sängerin setzte mit ihrer Stimme wichtige Akzente und Anathema spielten sich als Kollektiv in höchste Sphären. Schön, dass man mit „Closer“ und „Fragile Dreams“ die alten Tage wiederbelebte und die Flugformationen von neuen Kompositionen wie „Dreaming Light“ oder „Lightning Song“ erdete. Zu Recht wird diese Band also nicht nur in Szenenkreisen bejubelt und mit Lob überschüttet – intensivere Erfahrungen als bei Anathema gibt es selten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Riverside, Z7 Pratteln, 17-05-10

Riverside
Mittwoch 10. Mai 2017
Z7, Pratteln

Wiedergeburten, oder eher Neuanfänge, sind schwierig – zu vieles erinnert an die vergangenen Zeiten, zu schwer lasten die Gefühle auf dem Herzen. Für die polnische Progressive Rock Band Riverside war es gar noch schwerer, ihre aktuelle Tour in Angriff zu nehmen – verstarb doch im Februar 2016 ihr Gitarrist Piotr Grudziński. Lange war unsicher, wie die Zukunft der Gruppe aussehen würde. Nun können wir alle kollektiv aufatmen, denn die Reise geht weiter. Für ihre aktuelle Konzertreihe hat sich das Trio Maciej Meller für die Saitenzauberei ins Boot geholt und besuchte somit in neuer Formation und mit radikal geänderter Setlist das Z7.

Dies war auch nötig, denn nicht nur zwischen den Musikern herrschen nun andere Emotionen, auch das Publikum in Pratteln war sich bewusst, dass dieser Auftritt von einer gewissen Trauer begleitet werden würde. Egal wie oft man Riverside schon zugejubelt hatte, es tat weh Mariusz Duda, Piotr Kozieradzki und Michał Łapaj mit diesem Wissen entgegenzutreten. Sich dessen bewusst, wandte sich die Band gleich zu Beginn an die Leute und erklärte sich und ihre Hoffnungen und den Abend – welche sich dann auch alsbald bewahrheiteten. Man wurde Zeuge eines selbstbewussten, gefühlvollen und energiegeladenen Auftrittes. Wie es bereits Heraklit sagte: „Alles fliesst.“ Und so wirkte auch die Musik an diesem Abend.

Umrahmt von dem wunderschönen „Coda“ tauchten Riverside in ein Set voller langer, ausdrucksstarker und progressiver Liedern ein. Gleich zu Beginn führten uns lange Tracks wie „Second Life Syndrome“ oder „Caterpillar and the Barbed Wire“ vor Augen, dass die Polen zu Recht als eine der besten Bands im Bereich des modernen Art-Rock gelten. Was diese Herren zu viert auf die Beine stellen, ist extrem berührend und umwerfend. Fantastische Songstrukturen, grossartige Harmonien und wild ausufernde Instrumentalstellen – gepaart mit dem bezaubernden Gesang von Duda. Egal ob sich stetig steigernd wie bei „Escalator Shrine“ oder sofort pochend wie bei „02 Panic Room“, mit jeder Minute stieg die Stimmung in der Konzertfabrik.

Alsbald wurde aus Zweifel und Schmerz ein neues Gefühl des Aufbruchs, der Hoffnung und der Liebe. „Towards the blue horizon / We could open minds / Let me tell you a story / About you and me in those days / We just lived our lives“ – Riverside fanden die perfekte Mischung aus Rückschau, Gegenwartsfestigung und Herantasten an die kommenden Jahre. Und egal was noch passieren wird, solche wundervolle Konzerte wie dieses wird uns nie mehr jemand nehmen können. Es stimmt halt schon, was Duda am Ende noch anmerkte – zwischen dieser Band und den Fans ist keine Freundschaft, es ist eine Familie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Pain Of Salvation, Z7 Pratteln, 17-04-05

Pain Of Salvation
Support: Port Noir
Mittwoch 05. April 2017
Z7, Pratteln

Man hörte und sah es nicht nur, man spürte es auch – Daniel Gildenlöw ist sehr glücklich darüber, endlich wieder mit Pain Of Salvation auf Tour zu sein. Mit ihrem neusten Werk “In The Passing Light Of Day” kehrte die Legende des nordischen Progressive Metal nämlich nicht nur zu ihren musikalischen Anfängen zurück, für den Frontmann war es auch das Aufatmen und Weitermachen nach langer Krankheit. Mit seinem gestählten Körper, dem charismatischen Auftreten und wildem Gitarrenspiel unterstrich er diese neugewonnene Form – und beflügelte somit seine gesamte Band.

Denn Pain Of Salvation zeigten sich im Z7 in Pratteln nicht nur perfekt eingespielt, sondern bereit, nebst neusten Glanzmomenten wie „Reasons“ oder dem Epos „In The Passing Light Of Day“ – hier als krachende Zugabe – auch in der Vergangenheit zu graben. Mit „Linoleum“ ging es auf die salzige Strasse zurück, „Remedy Lane“ wurde gleich mit einem Dreierblock gewürdigt. Passend zu den Feierlichkeiten wurde die Scheibe doch vor Kurzem neu auf den Markt gebracht. Schön aber, dass sich diese Zeitebenen am Mittwochabend perfekt zusammenfügten. Die Band setzte auf ihre harte Schönheit und liess selten viel Zeit zwischen den Brocken verstreichen.

Ausser Daniel setzte zu einer längeren Ansprache an, welche meist in einem Witz oder einer Mitmach-Aktion für die Zuschauer endete. Zusammen schreien, Schweden und die Schweiz vergleichen oder einfach nur etwas plaudern – Pain Of Salvation gaben sich nahe und ergänzten ihre komplexen Lieder somit durch Herzwärme. Was natürlich auch während der Vorstellung zu spüren war, setzt die Gruppe doch sehr gerne harmonische Gesänge und eingängige Melodien ein. „Ashes“ liess somit nicht wenige die Augen schliessen und aufseufzen – besonders im Verbund mit der grossartigen Lichtshow. Extrem durchkomponiert aber auch effektreich – das Geschehen auf der Bühne wurde in fantastische Szenenbilder eingerahmt.

Port Noir buken als Support natürlich etwas kleinere Brötchen, zeigten aber, dass man auch in Schweden den modernen Prog-Metal einverleibt hat. Als Trio stellte sich die Band breitbeinig und druckvoll vor die Besucher und zögerte auch nicht vor technischen Kapriolen. Dank unterstützenden Synth- und Bass-Spuren war der Klang extrem voluminös und schnell wickelte die Gruppe alle Anwesenden um den Finger. Nur schade, dass der Gesang manchmal etwas zu gleichförmig erschien. Aber nicht jede Truppe kann es mit der Virtuosität von Pain Of Salvation aufnehmen, besonders wenn die Herren so kompakt daherkommen. Gegenseitig haben sich die beiden Bands aber perfekt ergänzt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: The Neal Morse Band, Z7 Pratteln, 17-03-24

The Neal Morse Band
Freitag 24. März 2017
Z7, Pratteln

Die alte Leier, wie immer bei dieser Band? Was sich schon seit längerem als kleiner Witz in der Ecke des Progressive Rock eingeschlichen hat, stellt sich auch immer wieder als Fünkchen Wahrheit heraus. Aber trotzdem, der Auftritt von The Neal Morse Band im Z7 in Pratteln war anders, in gewisser Weise. Der amerikanische Meister der melodischen und komplexen Kompositionen sagte dieses Mal nämlich Ja zur kompletten Darbietung seines neusten Albums und Nein zu einer Vorband. Aber wer braucht schon einen Support, wenn die Herren der Schöpfung über zwei Stunden spielen?

Etwas schade war natürlich der Umstand, dass man nebst allen Songs von „The Similitude Of A Dream“ auf alle Hits des gewaltigen Katalogs verzichten musste. Hier gab es keine Ausflüge in das Auge des Wirbelsturms, hier wuchs keinem Vulkanier ein Bart – hier führte Frontmann Morse seine treuen Gefährten durch neue Kracher wie „City Of Destruction“, „Draw The Line“ oder Hymnen wie „Slave To Your Mind“. Und wie immer gab es rasante Taktwechsel, kitschige Keyboardmelodien, mehrstimmigen Gesang und einen gewissen Mike Portnoy am Schlagzeug. Doch ausnahmsweise waren die Musiker eher zurückhaltend mit Ansagen.

Die Darbietung der gesamten Platte bot nicht viele Gelegenheiten, um das Publikum anzuheizen oder witzige Anekdoten zu erzählen. Viel mehr tauchte The Neal Morse Band tief in die Musik ein und lud die Besucher auf eine lange Reise ein. Es war wunderbar zu sehen, wie Eric Gillette viele Stellen an sich riss, wie Randy George seinen Bass liebevoll spielte und Bill Hubauer immer wieder für tolle Harmonien sorgte. Musikalisch auf hohem Niveau gab es somit viel neues Material zu verarbeiten, dafür etwas weniger Kapriolen.

Mit „Agenda“ und „The Call“ als Zugabe fühlte man sich wieder auf bekanntem Boden und wurde glücklich in die Nacht entlassen. Schön zu sehen, dass Neal Morse mit seinem Output immer noch gewisse Variationen aufgreift und auch live somit wohl nie langweilig werden wird. Und in Zukunft vielleicht auch etwas düsterer – oder habe ich die Untermalung der Intermission mit „Laura Palmer’s Theme“ von „Twin Peaks“ etwa falsch gedeutet?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Katatonia, Z7 Pratteln, 16-10-09

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Katatonia
Support: Agent Fresco, Vola
Sonntag 9. Oktober 2016
MiniZ7, Pratteln

Irgendwo zwischen all den unterschiedlichen Arten von Schwarz, dem Nebel und den Gitarrenwänden befanden sich Musiker. Schwach bewegend und immerzu leidend – aber doch auf unvergleichliche Art faszinierend. Katatonia, die wohl traurigste Band im Bereich des Dark Metal, liess den Sonntagabend in Pratteln zu einer Zusammenkunft verkommen, die viel Einfühlungsvermögen, aber auch Ausdauer benötigte. Aber was an Härte und Schwermut ein Ende fand, begann mit viel Technik und Ausgelassenheit – denn die schwedische Gruppe brachte ein paar Freunde mit ins MiniZ7.

Wie wählt man Supportacts für solch eigenständige Musiker wie Jonas Renkse aus, ohne die Fans zur verärgern? In den man vielfach komplett andere Wege geht. So durften Vola aus Kopenhagen den Leuten zu Beginn die Wochenendmüdigkeit aus den Knochen prügeln. Ihr technischer und absolut kompromisslos gespielter Modern Prog war erfrischend und absolut genau gespielt. Kein Wunder, dass eine Band mit nur einem veröffentlichten Album bereits jetzt so viel Lob und Anerkennung abholen kann – das gezeigte war extrem stark. Manchmal überraschend nahe am Djent, legten ihre Lieder immer wieder durch Blasts und Riffs an Energie zu, nur um dann in genialen Taktversuchen zu glänzen.

Schon fast kam da die Befürchtung auf, die herzensguten Isländer von Agent Fresco kämen gegen eine solche Wucht nicht an. Doch falsch gedacht, denn die genreüberspannende Gruppe kombinierte wie wahnsinnige Wissenschaftler Prog, Pop, Experimental und Post-Rock. Geleitet vom charismatischen Sänger Arnór Dan Arnarson führte die Band alle Besucher durch wandelnde Welten aus melodischem Gesang, heftigen Klangattacken und unvorhersehbaren Entscheidungen. Selten waren schmachtende Harmonien so nahe an brutal geschrienen Zusammenbrüchen. Was für ein Auftritt, was für eine Wucht.

Kein Wunder, hatten viele Besucher nach diesen soundmässig bunten Konzerten etwas Mühe, sich in die schleppenden Lieder von Katatonia einzufinden. Auch für mich war der Einstieg in das Konzert holprig. Sicherlich, Katatonia sind wahre Meister und zu Recht weltbekannt bei Liebhabern der tragischen und harten Musik. Doch wenn alles im Dunkeln verschwindet, die Lieder sich stark ähneln und man sich am liebsten selbst verletzten würde, dann braucht es seine Zeit. Dank der ausgewogenen Setliste – welche zwischen alten Klassikern der Band wie „Teargas“ und „Saw You Drown“ und neuen Brechern wie „Dead Letters“ oder „Serein“ pendelte – erhielt jeder Schaffensabschnitt seine Würdigung. Mit jedem Lied versank man tiefer in die traurige Welt der Doom- und Dark Metal-Schichten und wurde am Ende schier überwältigt von Emotionen. Dagegen erschien der Montagmorgen wie ein Feiertag.

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Live: Crippled Black Phoenix , Z7 Pratteln, 15-12-08

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Crippled Black Phoenix
Support: Groombridge
Dienstag 08.12.2015
MiniZ7, Pratteln

Laut, stürmisch, wie dunkle Gewitterwolken voller Blitz und Donner – als sich Crippled Black Phoenix auf der Bühne formierten, krachte es nur so im MiniZ7 in Pratteln. Der Saal wird für dieses Unterlabel verkleinert, die Musiker stehen praktisch in den Zuschauern drin. Das garantiert ein intimeres Konzerterlebnis, weniger Abstand und weniger Einschränkung. Die wenigen Zentimeter die noch zwischen Fans und Musiker standen, wurden bereits beim ersten Song mit Klänge und Notenbergen gefüllt. Die Künstler aus Bristol gaben alles und liessen ihre Musik wie Urwesen aufleben.

Den Zuhörer und Körperschwenker wuchs farbiger Blumenkohl aus den Ohren, die Halle wankte und Stücke wurden zu fühlbaren Ereignissen. Ob man nun am Rand eines Höllenschlundes oder inmitten eines Tornados stand, die Welt ging unter und die Menschen jubelten. Dabei wäre diese Tour von Crippled Black Phoenix fast nicht passiert. Geld war Mangelware und bereits die neue EP „New Dark Age“ kam nur dank vieler Unterstützung zustande – eine Schande. Denn die epische Mischung aus Rock, Prog, Post und Experimental offenbart ihr wahres Gesicht nur auf der Bühne. Die Mitglieder des verkrüppelten Vogels sind ein bunter Haufen aus Bartgesichter, Kuttenträger und Hotpants. Daisy Chapman zeigte sich modisch, Justin Greaves verhüllt – Gastsängerin Belinda Kordic kam im Pullover. Weiter von einer durchdachten Banduniform kann man mit sieben Mitglieder nicht sein. Doch genau dieses Bild passte wunderbar zur emotionsgeladenen Weltuntergangsmusik der Band.

Der Mischer nahm sich diese Beschreibung wohl etwas zu sehr zu herzen und die Musik knallte total laut durch die Lokalität. Ohne Gehörschutz hielt man es nicht aus, mit verlor das Konzert die körperliche Wucht. Dies war sehr schade, denn Lieder wie „No!“, „Black Light Generator“ oder das neue „New Dark Age“ sind wahre Kracher. „This is the way the world ends, not with a whimper but with a bang“. 

So schlimm stand es um den Planeten bei Groombridge nicht, die interessante Band aus Burgdorf in der Schweiz liess auch Fröhlichkeit durchscheinen. Zwischen Hinweise auf Incubus oder elektronischen Eruptionen zeigte sich die Truppe experimentierfreudig. Gitarren wurden bis ins Absurde verzerrt, Gesänge geloopt und alles mit intensivem Knistern und Pochen unterlegt. Endlich wieder einmal eine einheimische Band, die sich weder im Stil noch in der Stimmung festmachen lässt. Schade, dass sich die Leute sehr brav zeigten und sich die Ausraster an diesem Abend sparten. Denn beide Bands hätten mehr Bewegung und Wahnsinn verdient gehabt.

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Live: Steven Wilson, Z7 Pratteln, 15-03-29

Bilder von den Konzerten in England.

Steven Wilson
Sonntag 29.03.2015
Z7, Pratteln
Setlist

Zuerst gleich mal: Steven Wilson will als Künstler, dass der Zuschauer die Musik und Show geniesst, ohne sich von seinem multimedialen Gerät ablenken zu lassen. Darum bat er darum, dass das Publikum keine Bilder und Videos während des Konzertes macht. Ich hielt mich daran und darum findet ihr hier oben nur den Link zu den offiziellen Bildern, keine eigenen. Aber diese zeigen dafür umso besser, wie gewaltig die Inszenierung war.

Wilson entschied sich, sein konzeptuelles Album komplett im Z7 darzubieten. Eine gute Wahl, denn „Hand. Cannot. Erase.“ entfaltet seine komplette Wirkung nur dann, wenn man alle Aspekte mitempfinden kann. Gegenüber der Platte hatte das Konzert aber entscheidende Vorteile: Die Wucht der Musik trifft viel stärker und intensiver in einer lauten und spielfreudigen Livedarbietung. Wie auf seinen vorherigen Touren hatte sich Steven auch hier die besten Musiker um sich gescharrt und zog sich gerne im Bandgefüge zurück. Er brillierte als Sänger und Tonangeber, überliess die Soli und wuchtigen Instrumental-Stellen gerne seinen Mitmusikern wie Marco Minnemann oder Guthrie Govan. Erfrischend aufgeweckt und zugänglich zeigte er sich bei den Ansagen und plauderte munter mit dem Publikum. Scheinbar tut ihm nicht nur die Solokarriere gut, sondern er findet sich auch auf der Bühne immer mehr zurecht. Spielfreude und Spass überwiegen der korrekten Darbietung, gleichzeitig schafft er es aber auch, die Musik perfekt zu transportieren. Denn die gefühlvollen Stellen traffen mitten im Herz, die brutalen Ausbrüche tobten durch den Saal.

Was auch zu den Pluspunkten zählte, war die Untermalung der Lieder durch Bild und Licht. Auf dem grossen Screen hinter den Musikern liefen zu den meisten Liedern wunderschön gefilmte Videos ab. Im Verbund erzählten sie die grobe Geschichte des neuen Albums, wurde von verstörenden Bildern zu „Index“ oder „Lazarus“ ergänzt. Dabei brillierte wieder einmal die Gestaltungsform von Lasse Hoile, der mit seinen schrägen und wuchtigen Bildkompositionen für immer zu der Musik von Steven Wilson gehört. Auch die Lightshow war geschmacksvoll und kam vor allem bei den wilden Instrumentalpassagen zum Einsatz. Und wenn bei „Sleep Together“ die Fripp’schen Klangkonstrukte in blaues Licht getaucht werden, fühlte man sich in die grosse Ära von Porcupine Tree rückversetzt. Toll, dass er die Setlist mit älteren Liedern gemischt hatte und somit das strenge Konzept aufbrach. Als weitere Zugaben erstrahlte „The Watchmaker“ in voller Pracht (wenn auch ohne Theo Travis), und der Rabe machte den emotionalen Abschluss. Somit kamen alle auf ihre Kosten und das Konzert war ein umwerfendes Erlebnis in allen Bereichen. Steven Wilson bleibt der Fixpunkt der aktuellen Progressive Rock Szene und macht alles richtig. Phänomenal.

Live: The Neal Morse Band, Z7 Pratteln, 15-03-05

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The Neal Morse Band
Support: Beardfish
Donnerstag 05.03.2015
Z7, Pratteln CH

Derselbe Segen, der Neal Morse in den 90er Jahren für den Progressive Rock war, dieser Fluch war er in den Nullerjahren. Mit der Band Spock’s Beard hat er in den USA die Stilrichtung aus der Versenkung geholt, und mit seiner melodischen Musik auf der gesamten Welt Fans gefunden. Danach aber kam die Abkehr vom Prog, die Sinnsuche im Christentum und die damit verbundene inflationäre Behandlung der Musik. Seit einiger Zeit vergeht kein Jahr, ohne dass Herr Morse nicht mindestens ein neues Studio- und Livealbum veröffentlicht. Dass sich die Alben teilweise nicht wirklich unterscheiden, ist jedem Fan mittlerweile aufgefallen. Seine Konzerte aber bleiben toll, denn Live strahlt er ein unglaubliches Charisma aus und weiss immer grossartige Musiker um sich zu scharen. Meine Vorfreude war deswegen gross, doch leider erlebte ich das unglaubliche: Ein belangloser Auftritt von Neal Morse.

Sein neues Album wird unter dem Titel der Neal Morse Band vertrieben, eine Aussage zum gemeinsamen Schaffen. Mike Portnoy, Randy George und Eric Gillette begleiteten ihn darum auch ins Z7 nach Pratteln. Zu fünft drückten sie von Anfang an voll auf die Tube und spielten jeden Song wie ein Hard-Rock Stück. Dies kam leider nie authentisch und immer sehr bemüht rüber. Die Klangqualität war auch schlecht, denn alle Instrumente waren viel zu laut und dröhnten oft. Der Brei stopfte den Zuschauern die Ohren voll und das Prediger-Mikrofon von Neal vermochte seinen Stimmumfang nicht zu übertragen. Von der üblich guten und ausgelassenen Stimmung in der Band war wenig zu spüren. Neal fummelte oft am Mikrofon, die Mitmusiker blieben blass. Sogar Portnoy, den sonst nichts bremsen kann, sass eher verhalten hinter dem Drum. Da half auch nicht, dass die Band „Harm’s Way / Go The Way You Go“ von den Bärten spielten, und bei „Alive Again“ vom neuen Album fleissig die Instrumente tauschten. Der Funke sprang bei mir nie über und ich empfand die gebotene Leistung für Herrn Morse schwach.

Ein besseres Bild boten da Beardfish, denn sie machten aus ihren kurzen 50 Minuten Spielzeit ein Fest für Progheads und Retrorocker. Ihre Musik ist eine wunderbare Mischung aus Genesis, Gentle Giant, King Crimson und was weiss ich alles, und bietet in der neusten Auflage immer mehr Anteile in Richtung Metal. Gitarrenlastige Songs wechselten sich mit epischen Longtracks, viel Melodie, Taktwechsel und Talent. Auch wenn die Truppe zu keiner Zeit innovativ ist, ihre Musik und ihr Auftritt haben Spass gemacht. Und hier war die Lautstärke und Abmischung noch super. Schade Z7, das war doch bis anhin auch immer gut?

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