DVD

Spock’s Beard – Snow Live (2017)

Band: Spock’s Beard
Album: Snow Live
Genre: Progressive Rock

Label/Vertrieb: Radiant / Metalblade
VÖ: 10. November 2017
Webseite: spocksbeard.com

Es geschehen tatsächlich noch Wunder – wobei diese Aussage in einem Text zu Neal Morse ja vorsichtig einzusetzen ist. Dass allerdings das komplette „Snow“-Album von Spock’s Beard einmal in seiner schillernden Gänze aufgeführt würde, und das erst noch mit allen originalen Mitgliedern und neuen Musikern zusammen, das war lange nur ein kleiner Hoffnungsschimmer am Proghorizont. 2016 war es dann aber wirklich soweit, am jährlichen Morsefest in Nashville wurden Träume erfüllt und ein riesiges Geschenk an die Fans der amerikanischen Progressive Rock-Truppe verteilt: „Snow Live“, ungekürzt, sieben Mannen, eine Geschichte.

Die Geschichte um den begabten Albino, Aufstieg und Fall, dessen Werdegang und die religiösen Anleihen machen das Werk auch 15 Jahre nach seinem Erscheinen interessant und immer wieder hörbar. Musikalisch wandten sich Spock’s Beard mit diesem Doppelalbum zwar etwas weg vom komplexen Melodic Prog und hin zum Hard Rock, erschufen aber auch extrem mitreissende Passagen, wunderschöne Melodienbögen und zeitlose Songs. Dass Bandgründer und Frontmann Neal Morse nach dieser Platte die Truppe verliess und nun damit die kurze Versöhnung fand, passt zur inhaltlichen Tragweite und verleiht „Snow Live“ eine weitere Prise Magie.

Erstaunlich ist an dieser Aufnahme aber noch etwas weiteres: Spock’s Beard klingen immer noch genau so frisch und spielfreudig wie in ihren ersten Jahren. Das Zusammentreffen der ehemaligen Mitglieder und neuen Recken wie Jimmy Keegan und Ted Leonard lässt ein Funkenflug an Freude und Talent entstehen, sodass aus Stücken wie „Devil’s Got My Throat“, „Carie“ oder „All Is Vanity“ pure Lebensfreude entsteht. Satte Riffs, ausufernde Keyboardstellen und die ergreifenden, mehrstimmigen Gesänge – die Künstler holen das Beste aus dem Material und geben mit den Zugaben „June“ und „Falling For Forever“ noch das Sahnehäubchen (inklusive Schlagzeugduell) obendrauf.

Wie es sich für neue Veröffentlichungen von Neal Morse und Konsorten gehört, gibt es auch „Snow Live“ in diversen Ausführungen. Ob Vinyl oder CD, mit visueller Begleitung und Dokumentation auf DVD oder Bluray: Hier findet jeder sein passendes Paket. Und schlussendlich ist es doch egal, mit welchem Medium man hier der grössten Version von Spock’s Beard entgegentritt – was zählt, ist das wirklich wunderschöne, fesselnde und berauschende Resultat. Da liebt man sogar den Kitsch von „Wind At My Back“ inbrünstig!

Anspieltipps:
Long Time Suffering, Carie, All Is Vanity, June

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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The Pineapple Thief – Your Wilderness (2016)

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The Pineapple Thief – Your Wilderness
Label: Kscope, 2016
Format: 2 CDs + DVD in Mediabook
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, New Prog

Willkommen zurück – denn auch wenn ihr unersättlichen Diebe aller schönen Ananasfrüchte nie ganz weg wart, mit diesem Werk erreicht ihr wieder die Spitze und bietet Vergessenes wie auch Neues. Natürlich bleibt ihr dabei unscheinbar und gebt euch auch von aussen in bekannten Gewändern – denn das bereits elfte Studioalbum wurde mit Bildern von Carl Glover geschmückt. Und damit ist man bei Kscope nie alleine; mit grossartiger Musik im Umfeld des New Prog und Art-Rock aber auch nicht. The Pineapple Thief spielen mit „Your Wilderness“ wieder ganz weit oben mit.

Gleich mit „In Exile“ steigt man in die Vollen. Das wunderschöne und melancholische Stück bietet den wandelbaren Gesang von Bruce Soord, harte Riffs und fliegende Synthflächen. Dahinter lauert neu das treibende Schlagzeugspiel von Gavin Harrison – und genau dies bringt den progressiven Rock wieder zurück zu The Pineapple Thief. Wie damals bei Porcupine Tree trommelt der Mann mit seinen spannenden Mustern und Techniken in einer anderen Welt. Dies stachelte nicht nur Soord an, seine Musik noch einfallsreicher zu gestalten, sondern verleiht dem Album eine neue Ebene voller Druck und Kraft. Dagegen stellen sich gefühlvolle und perfekt ausgearbeitete Spielereien der Elektronik, eine fantastische Produktion und die neu lieben gelernte Sanftheit. Bereits auf seinem Soloalbum fand Bruce Soord die Ruhe und Nachdenklichkeit, dies fliesst nun direkt in „Your Wilderness“ ein.

Ob sich The Pineapple Thief nun also in Eskapaden wie „The Final Thing On My Mind“ stürzen oder sanft sinnieren wie bei „No Man’s Land“ – alles fügt sich zu einem schier unfassbar ergiebigen und fesselnden Werk zusammen. Die Musiker sind auf der Höhe ihres Schaffens, die Lieder sind kurze Reisen und Geschichten, die mit jedem Kontakt noch vielfältiger werden. Hier findet man kein Lieblingslied, hier kann man sich nicht entscheiden. „Your Wilderness“ ist wie eine Reise mit seinen besten Freunden, wie frisch Verliebtsein, wie ein emotional mitreissender Film – es ist ein perfektes Art-Rock-Album für das 21. Jahrhundert. Und mit der Buch-Edition erhält man sogar noch 40 weitere Minuten Musik zwischen Rock und Ambient!

Anspieltipps:
In Exile, That Shore, The Final Thing On My Mind

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U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris (2016)

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U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris
Label: Universal, 2016
Format: Box mit Bluray, DVD, USB-Stick, Buch
Links: Discogs, Band
Genre: Stadion-Rock, Pop

Die Welt ist gespalten, die Meinungen gehen auseinander und die irische Band – welche schon immer polarisierte – teilte auf ihrer letzten Tour sogar eigenmächtig das Publikum und ihre Show. U2 nahmen vielen negativen Stimmen mit ihrer „iNNOCENCE + eXPERIENCE“-Weltreise bald die Worte aus dem Mund und liessen so manchen staunen: Denn was die vier Iren in Paris ablieferten war grosse Klasse und versetzte die Kunst der Arena-Shows in eine neue Dimension. Wie gewohnt mit starkem Bezug zum Weltgeschehen und vielen Hits, neu aber auch mit Konzept und rotem Faden, welche die Songs verbindet. Dank der kernigen Regie von Hamish Hamilton lässt sich der Abend nun immer wieder durchleben.

Fast wäre es nicht zu diesem Konzert in Frankreich gekommen, denn am eigentlichen Datum wurden in Paris mehrere Terroranschläge verübt und die Krisen, welche Europa auseinanderzureissen scheinen, waren nicht mehr nur ein Gedanke hinter Projektionen und Liedern. Doch U2 hielten ihr versprechen und brachten den Zirkus, die Hoffnung und die musikalische Liebe in die Stadt zurück. Topmodern, filigran und doch effektiver als jemals zuvor – mit einem riesigen, begehbaren Screen in der Hallenmitte, zwei verbundenen Bühnen und einer Show, die zuerst die Vergangenheit beschwor und somit die Zukunft gestaltete. Obwohl die Musik von ihrem neusten Album gegenüber den alten Hits viel an Qualität missen lässt, als Aufarbeitung von U2s Herkunft erhielten „Cedarwood Road“ oder „Raised By Wolves“ neue Energie.

Verknüpft mit Klassikern wie „Until The End Of The World“, „Bullet The Blues Sky“, „Pride“ oder „I Will Follow“ erschufen U2 eine Erzählung, welche politische Kritik, Rückbesinnung auf die eigene Herkunft, die Widersprüche des Rockstarlebens und zwischenmenschliche Liebe als Gesamtheit in der Rockmusik platziert. Bono versuchte nicht den Zuschauern seine Ideologie aufzuzwingen sondern zeigt, wie schön es hier auf der Welt doch sein könnte – wie wir alle zusammenhalten und uns gegen die inneren und äusseren Zwänge stellen müssen. „Love Over Fear“,  besonders in schwierigen Zeiten wie diesen.

Natürlich ist es einfacher, grosse Gedanken mit grosser Technik in die Welt zu tragen. Doch egal wie oft die Band durch den gewaltigen Bildschirm läuft, Lieder via Smartphone direkt in die ganze Welt übertragen werden oder Lichter die Halle und die Menschen in Farben und Schatten tauchen – die Begeisterung der Besucher, die Zugänglichkeit von U2, die emotionalen Bezüge zur aktuellen Weltlage machten aus „iNNOCENCE + eXPERIENCE“ mehr als nur eine Konzertreihe – es ist der Beweis, dass U2 weiterhin die Könige des Stadion-Rock sind. Schneidende Gitarren und kunstvolle Zitate, wunderschöne Animationen und drückende Bässe – Hoffnung, Geborgenheit, Euphorie. Und dann waren plötzlich noch die Eagles Of Death Metal da und trotzten der Gewalt und dem Hass, gemeinsam als Musiker, gemeinsam als Menschen. Wir alle.

Anspieltipps:
Cedarwood Road, Until The End Of The World, Bullet The Blue Sky, Zooropa

Manic Street Preachers – Everything Must Go (1996)

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Manic Street Preachers – Everything Must Go
Label: Epic, 1996 / 20th Anniversary Edition Sony, 2016
Format: 2 CDs und DVD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Es waren die besten Zeiten, es waren die schlimmsten Zeiten – und nun ist dies bereits wieder 20 Jahre her. Wir haben fast alle überlebt, die Welt ist immer noch voller Graustufen. Sie spielen immer noch, doch am stärksten glänzen die Momente von damals. Sie versetzen uns in nachdenkliche Stimmung und lösen wieder die Emotionen aus, die wir vermissten. Und auch 2016 ist die Geschichte hinter „Everything Must Go“ bewegend – das vierte Album der Manic Street Preachers hat immer noch viel zu erzählen und wird darum neu aufgelegt.

Dies hat schon seine Berechtigung, denn Lieder und Hits wie „Kevin Carter“, das Titelstück und natürlich „A Design For Live“ sind immer noch unwiderstehliche Ohrwürmer. Auch wenn die Manic Street Preachers mit dieser Platte damals den Weg von wilden Gitarreneskapaden zu Hitparade-tauglichen Alternative-Stücken fanden und viele Leute überraschten, ist das Album ein perfekt eingefangener Moment. Es herrschen immer noch die Riffs, verneigen sich aber vor den Gesangsmelodien und akustischen Untermalungen. Was vielleicht nicht ganz in den Bereich des Indie gehört, hat den normalen Rock aber schon lange verlassen – für etwas besseres. Inhaltlich waren die Prediger noch nie genügsam und konform, mit „Everything Must Go“ wagten sie aber den grossen Schritt in die soziale und politische Kritik. Ohne zu stolpern wurden die Texte tiefgründiger und auch anklagender – ein Schritt, der nach dem Verschwinden von Gitarrist und Lyriker Richey Edwards nötig war. Es finden sich zwar noch letzte Dichtungen von Edwards, das Kerntrio musste aber die Arbeit ohne ihn bewältigen.

Glücklicherweise gelang es den Manic Street Preachers die Band weiterzuführen, ihre Musik neu auszurichten und an die Zukunft zu glauben. „Everything Must Go“ ist ein Manifest von drei Musikern, die nicht aufgeben und trotz allen Rückschlägen an das Gute glauben. Die rockigen und lebendigen Lieder sind bis heute betörend, wichtig und aktuell. Darum feiern wir nicht nur alle den 20. Geburtstag der Platte, sondern rücken wieder näher zusammen. Und wem dies nicht reicht, die Neuauflage bietet einen 20 Lieder langen Livemitschnitt aus dem NYNEX.

Anspieltipps:
Kevin Carter, Everything Must Go, Interiors (Song For Willem De Kooning)

Crazy Diamond – Live At Augusta Raurica (2016)

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Crazy Diamond – Live At Augusta Raurica
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: 2 CDs, DVD in Digipak
Links: Band, Facebook
Genre: Art-Rock

Es gibt Lieder und Alben, die niemals ihren Reiz und Wirkung verlieren werden. Neue Generationen werden es lieben lernen, alte Hasen es für immer würdigen. Kein Wunder also, dass es bei diesen Musikern immer Coverbands geben wird, die ganze Werke praktisch Eins zu Eins zelebrieren. Bei Pink Floyd findet man auf der gesamten Welt Huldigungen, auch in der kleinen Schweiz strahlt man zu den Hits und Klassikern – gespielt von Crazy Diamond. Und nun endlich kann man sich die Musik der Band auch zu Hause anhören.

2014 spielte die Band im alten römischen Theater in Augusta Raurica und erschuf eine Atmosphäre, die Pink Floyd damals in Pompeji erreichten. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen zu einer neuen Form von Wahrnehmung, Musik der letzten Jahrzehnte wird zu einem zeitlosen Auftritt. Natürlich versuchen Crazy Diamond dem Original möglichst nahe zu kommen, schaffen es aber trotzdem, die Lieder frisch und moderner erscheinen zu lassen. Mit einem wunderbaren Querschnitt durch das ganze Schaffen von Pink Floyd erhält man nicht nur „Astronomy Domine“ zum Einstieg, sondern auch „Pigs“, „Echoes“ oder „On The Turning Away“. Daneben stellen sich die besten Lieder von „The Wall“ und der dunklen Mondseite auf, über zwei Stunden erliegt man erneut der Magie des Art-Rock. Die Schweizer Gruppe vermag es perfekt, die vielfältigen Welten zu erzeugen und verfügt sogar über Platz, um auch weitere Lieder wie das Soloschaffen von Roger Waters einzubeziehen. Diese Grösse und Weitsicht zeigt sich auch bei der Lichtshow und Präsentation, alles dient der Musik in bester Weise.

Sicherlich fragt man sich manchmal, wie oft man Stücke wie „Another Brick In The Wall“ oder „Wish You Were Here“ noch anhören kann, ohne zu schreien. Doch solange es Gruppen wie Crazy Diamond gibt, die sich nicht in alten Wiederholungen verlieren, sondern die Musik für eine neue Generation wiederbeleben, fügt man seiner Sammlung gerne ein Album wie „Live At Augusta Raurica“ hinzu. Is there anybody out there?

Anspieltipps:
One Of These Days, Pigs, Echoes

 

Marillion – Colours And Sound (2006)

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Marillion – Colours And Sound
Label: Racket Records, 2006
Format: Doppel-DVD mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Dokumentation

Fannah, sympathisch und menschlich – gewisse Bands zeichnen sich während ihrer gesamten Karriere damit aus, dass sie nie den Kontakt zu ihren Freunden verlieren. Man kann gross werden, Hallen füllen und tausende von Alben verkaufen, und trotzdem immer noch das Auge für jeden einzelnen Unterstützer behalten. Marillion gehören in diese Gattung von Musikgruppe und wissen seit Jahrzehnten ihre Liebhaber zu schätzen. Nicht nur stellen sie ihre Platten mit dieser Liebe auf die Beine, ihre gesamte Karriere ist eine einzige Aussage zur Nähe von Konsument und Künstler. Und genau da kommt „Colours And Sound“ ins Spiel.

Obwohl die Dokumentation bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat, spielt sie immer noch eine wichtige Rolle im Gesamtspektrum der englischen Gruppe. Begleitete der Film damals die Entstehung und Bespielung des Albums „Marbles“, steht er auch heute noch für ein Dokument der Ehrlichkeit. Zwar beleuchtet der Hauptfilm nicht unbedingt die klassischen Themen der Entstehung eines neuen Werkes, liefert aber ehrliche und tiefe Eindrücke in das Wirken und Touren von Marillion zu diesem Zeitpunkt. Die Platte war nämlich ein weiterer Versuch der Musiker, nicht im Stillstand zu verharren. Man wagte sich wieder an grössere Medienpräsenz, veröffentlichte Single-Auskopplungen und gab vor jedem Konzert mehrere Interviews und begrüsste die Fans. All diese Einblicke erhält man mit der DVD und bleibt dabei immer auf dem herzlichen Niveau des Fehlbaren. Denn der Film ist weder in Bild noch Ton perfekt, oft sind die Aufnahmen grobkörnig und amateurhaft. Aber genau dies gewährt den originalen Einblick in das Leben auf der Strasse, als Mitglied der Band oder der Crew. Interviews mit ehrlichen Kommentaren zu Aufnahme, Auftritten und Reisen wechseln sich mit Klamauk und Stileindrücken ab. Daraus ergibt sich ein wunderbar unpolierter und nie geschönigter Eindruck der Firma Marillion. Man fühlt sich aufgenommen, verstanden und mitgerissen.

Das DVD-Set ergänzt den Film sogar um weitere sechs Stunden an Material, im Verlaufe der Spielzeit kommen wirklich alle Mitwirkenden zu Worte. Seien es die Designer, Roadies, Manager oder Besucher – wer genügend Zeit aufbringt, erhält ein stimmiges Komplettbild einer Albumreise. „Marbles“ hat bis heute eine Ausnahmestellung im Katalog der Band, mit „Colours And Sound“ wird so manchem klar, warum. Denn auch wenn die Art-Rocker damals den Schritt zum Grösseren gewagt haben, im Herzen sind sie immer noch da, wo sie begonnen haben: Als Musikfanatiker und Freunde der Klänge. Und die DVD gibt es bei Racket Records momentan zum Spottpreis.

Jovanotti – Lorenzo Negli Stadi Backup Tour 2013 (2013)

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Jovanotti – Lorenzo Negli Stadi Backup Tour 2013
Label: Universal, 2013
Format: 2 CDs, 2 DVDs, Booklet in Box
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Hip-Hop, Electro

Ein solches Feuerwerk, das gleich zu Beginn von „Lorenzo Negli Stadi“ gezündet wird, gibt es selten. Ein Konzert so fulminant zu starten und die Zuschauer und -hörer gleich mit voller Wucht abzuholen, das zeugt nicht nur von Talent, sondern auch grossem Selbstvertrauen. Wobei jedem klar ist, dass ein Konzert von Jovanotti in Italien in einer anderen Liga spielt. Der Musiker wird nicht nur frenetisch gefeiert, sondern gar ein wenig vergöttert. Somit war der Abend im San Siro Stadion in Mailand komplett ausverkauft und schon vor Konzertbeginn eine grosse Party. Wenn sich Lorenzo dann auf die Bühne begab, drehten die Leute nicht nur durch, sondern katapultierten den Anlass auf einen anderen Stern.

Mit der Backup-Tour feierte sich der Italiener nicht nur selber, sondern präsentierte das neuste Album „Ora“. Darauf hatte er nicht nur Halt im Electro und im modernen Pop gefunden, sondern sich wieder einmal als gewandelten Menschen gezeigt. Diese Veränderung hatte nicht nur auf die Präsentation Einfluss, sondern auch auf die Art der Konzertgestaltung. Lieder werden gesampelt, Beats drücken durch die Gitarren und immer wieder schiessen die Hände zu wunderbaren Keyboardmelodien in die Luft. Egal ob es sich dabei um alte Tracks wie den genialen Eröffnungsmoment „Ciao Mamma“ oder brandneue Lieder wie „Il Più Grande Spettacolo Dopo Il Big Bang“ handelt, das Konzert ist ein Triumphzug über zwei Stunden. Zuschauer, Musiker und Meister selber vermischen sich zu einer grossen Einheit, feiern, singen und tanzen. Schon nur über die heimische Stereoanlage taucht man tief in den Abend und die Glückseligkeit ein, mit der DVD darf man sogar an den Bildern teilhaben. Man flackert im Strobolicht zu den Discostampfern, schwelgt in Scheinwerfern zu den intimen Texten und blüht in den Projektionen auf.

Jovanotti war nie ein Mensch, der introvertiert und mit Ruhe arbeitet, sondern zeigte sich immer ganz offen und ehrlich. Er versucht seit Karrierebeginn den Menschen die Welt zu erklären, einen besseren Weg für uns alle zu finden und uns mit seiner Musik zu berühren. Wenn man sich eine solche geniale Aufnahme eines perfekten Abends anhört, dann weiss man: Der Mann hat zu Recht einen grossen Erfolg und hat seine Mission schon fast erfüllt. Da stört zu keiner Sekunde die Grösse dieses Anlasses, nie fühlt man sich in den Massen verloren, nie erscheint die Musik künstlich. Das ist Liebe.

Anspieltipps:
Megamix, Safari, Ora, Ragazzo Fortunato

Liebster Award #3 – Immer dieses Franzi

Wieder einmal will Franzi wissen, was ich so zu sagen habe. Da ich mich selber gerne reden höre, und auch selber gerne mein Geschreibsel im weiten Netz verbreite, trifft sich dies ganz gut. Der dritte Liebster Award steht an, allerdings muss ich hier gleich sagen: Ich verzichte auf Nominationen. Wer selber Fragen von mir beantworten will, der soll sich einfach die Liste unten kopieren und eigenständig ein Blogeintrag veröffentlichen. Funktioniert doch auch so oder?

1. Da ja Domhnall Gleeson seit 2012 mir gehört, wer ist dein Lieblingsgleeson? Brian, Fergus oder Rory? Oder doch der gute alte Brendan?
Der Domhnall ist wundervoll und ich war erst gerade wieder überrascht, wie viele Filme ich mit ihm schon gesehen habe. Die tolle Seite in Empire half mir zu einigen Überraschungsmomenten. Trotzdem, der Brendan gewinnt für mich das Rennen. Er spielt nicht nur Charakterköpfe, er sieht auch so aus. Und seine schauspielerischen Fähigkeiten sind immer wieder umwerfend.

2. Wann und warum bist du das letzte Mal ausgerastet?
Leider war dies im Dezember 2015, somit noch nicht einmal einen Monat her. Warum möchte ihr hier nicht sagen, solche Dinge gehören nicht in diesen Blog. Was aber zu schreiben ist: Die Situation hat sich dann geklärt, auch wenn nicht mit gewünschten Resultaten. Trotzdem ist es eine Lösung die für mich nun stimmt und mein 2016 bestimmt interessant gestalten wird.

3. Was für Musik hörst du, wenn du wütend bist?
Entweder laute und heftige, wie The Dillinger Escape Plan, Thrice oder La Dispute (um einige zufällige Beispiele aus diversen Genres zu nennen), oder dann halt Lieblingsmusik die mich runter bringt und mir die schöne Seite am Dasein neu aufzeigt. Es wird dabei meist stark melodisch und verspielt, wie Marillion, U2, Ellie Goulding oder Simple Minds. Düstere und elektronische Varianten gibt es aber auch, so sind Underworld auch bei einem Wutanfall passend, oder Andy Stott dröhnt umher.

4. Gibt es Filme, die du nur auf VHS schauen magst/kannst?
Nein, allerdings habe ich zu VHS auch keinen nostalgischen Bezug. Ich wuchs in einem Haushalt ohne TV und Video auf, somit kenne ich diese Kassetten nur von Freunden und Verwandten. Mit dem Siegeszug der DVD wurden bei uns die Filme dann zuerst am Computer geschaut, bis dann einmal ein kleiner TV mit Spieler gekauft wurde.
Allerdings muss ich heute sagen, dass mir HD und super Auflösung lieber ist als ein Retrobezug. Her mit kristallklaren Streamingbildern und Bluray-Leistungen. VHS könnt ihr gerne für immer im Schrank verstecken.

5. Salziges oder süßes Popcorn? Oder gemischt, wie ich es präferiere?
Keine Sekunde muss ich da überlegen, süsses Popcorn ist schrecklich! Wenn schon dieser gepoppte Mais, dann auch bitte mit Salz. Wer sich Schokolade, Caramel oder sonst irgendwas reinschmeisst, der kann alles selber essen. Mir egal. Igitt.

6. Welches Verhalten, was eigentlich nicht nett ist, hast du durchaus perfektioniert?
Sturheit. Besonders wenn ich mich im Recht emfpinde, was ich ja auch immer bin. Dann ändere ich meine Meinung selten, oder beharre auf gewisse Handlungen. Somit bin ich auch ein Mensch, der mit mehr Macht schnell unangenehm werden kann. Wobei, jeder will doch Diktator sein oder?
Ebenso bin ich gerne sehr Sarkastisch, lache über fast alles und versuche trotzdem die Welt zu retten. Also, habt mich lieb.

7. Glaubst du, es gibt Menschen, die der Magie der Beatles nicht erliegen? Wenn ja, wie können wir die Welt denn nur retten?
Ja die gibt es leider, und ich kenne sogar einige davon. Für mich ist es unverständlich, schliesslich sind die Beatles so unantastbar wie kaum eine andere Band. Bis heute zieht sich ihr Vermächtnis durch die Musikwelt, bis heute sind ihre Alben und Lieder meisterlich gut und werden nie alt. Und da sich die Welt schon selber retten wird – sehr wahrscheinlich ohne uns Menschen – müssen wir wohl nicht Hand anlegen.

8. Was ist der Sinn von Homeparties und wo trifft man dich dort meist an?
Der Sinn einer Party besteht darin, eine Nacht lang die Welt zu vergessen. Man trifft Freunde und Fremde, plaudert, trinkt und tanzt. Das Verhalten liesse niemanden darauf schliessen, dass die teilnehmenden Menschen in wenigen Stunden wieder aufstehen oder gar arbeiten müssen. So war auch meine letzte WG ein gern gsehener Ort für solche ausufernden Partys. Wie ein Festival kann es bestenfalls zu einer Zwischenwelt werden. Meist sind solche Abende und Nächte toll und wunderbare Erinnerungen, bis man nüchtern die Bilder des Abends betrachtet.
Mich trifft man gerne überall. In der Küche – da entstehen meist die interessantesten Gespräche und Gruppierungen, auf dem Balkon – weil ich schliesslich viel rauchen muss wenn ich Alkohol trinke, bei der Musikanlage oder auf dem Sofa. Hauptsache tolle Leute und eine gute Zeit.

9. Deine Top 5 für eine legendäre Karaokesession.
Du weisst ja, ich habe noch nie Karaoke gesungen, somit kann ich hier keine Lieder auflisten. Wobei ich vielleicht jetzt sagen soll, alle Songs kenne ich schon auswendig und will es nie mehr machen? Dann muss ich im Sommer nicht ran. 😉

10. Gibt es Filme, die du durchaus als ein Teil von dir bezeichnen würdest?
Wohl weniger einen Teil von mir, als einfach für immer die wichtigsten Werke für mich. Dabei waren es vor allem immer die düsteren und geerdeten Filme, die mich tief beeindruckt haben. Und obwohl ich Gefahr laufe mich hier zu wiederholen, diese müssen einfach erwähnt werden:

Mystic River / 2003 / Regie: Clint Eastwood
Aufwühlend, schockierend und die menschliche Natur gnadenlos aufzeigend. Das Meisterwerk von Eastwood ist nicht nur eine der besten Buchverfilmungen aller Zeiten, sondern ein grossartiges und hartes Stück über Familie, Freundschaft und Angst. Aber vorsicht: Nach dem Film wollt ihr nur noch weinend im Bett bleiben.

25th Hour / 2002 / Regie: Spike Lee
Wann ging eigentlich alles schief? Wer hat Recht, wer verhält sich falsch, und wieso müssen wir immer gemäss den Regeln weiter machen? Spike Lee zeigt mit „25th Hour“, dass auch er Bücher grossartig verfilmen kann. Und fängt NYC und die Angst der Amerikaner nach 9/11 perfekt ein. Ein wunderschöner und tieftrauriger Film über Verlust, Bestimmung und Entscheidung.

11. Wann sehen wir uns (mal wieder)?
Am Samstag. 😉
Entweder zwischen dem 16.-18. April 2016, oder dem 16.-20. Juli 2016 in Berlin. Oder an beiden Wochenenden, oder dazwischen noch in der Schweiz.. Du siehst, die Auswahl ist gross.


Fragen über Fragen:

  1. Ist es korrekt, sich immer neue Bücher / Filme / Alben zu kaufen, wenn noch viele unangetastet zu Hause rumliegen?
  2. Warum gibt es von diesen tollen Lego-Minifigures keine Reihe zu „Star Wars“? Und wer sammelt die sonst noch ausser mir?
  3. Wird man an einem Punkt zu intelligent für unsere Gesellschaft? Wer mehr nachdenkt, steht trauriger da.
  4. Wie lang ist deine Aufmerksamkeitsspanne? Schliesslich werden Filme oft immer länger.
  5. Ist es verwerflich, sich gewissen Abenden nur Netflix (darf durch anderen Anbieter / DVD / TV ersetzt werden) zu widmen und einfach faul zu sein?
  6. Warum wurde es nie Mode, die Unterhosen aussen zu tragen? Superhelden machen dies schliesslich seit Jahrzehnten.
  7. Würdest du ein Heft / Booklet mit gesammelten Plattenkritiken (Beispielsweise meine) lesen oder sogar kaufen?
  8. Warum glauben immer noch alle, dass der Kapitalismus gesund und gut für den Menschen ist?
  9. Ab wann sind wir zu alt für Übernamen?
  10. Netflix investiert sechs Milliarden US-Dollar pro Jahr in Eigenproduktionen und ihren Katalog. Könnte man damit nicht ein wenig die Armut bekämpfen?
  11. Hier stehen elf Fragen, ein Mixtape muss immer eine ungerade Zahl von Songs beinhalten. Sind gerade Zahlen für dich auch so unattraktiv?

Falls ich übrigens eine Nomitation eurerseits übersehen habe tut es mir leid. Schreibt mir dies doch als Kommentar mit Link unten hin.

Porcupine Tree – Anesthetize (2015)

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Porcupine Tree – Anesthetize
Label: Kscope, 2010 / Neuauflage 2015
Format: Doppel-CD mit DVD in Mediabook
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Art-Rock, Metal

Ein Konzert aus 2008 wurde 2010 auf DVD und Bluray veröffentlicht, 2011 als LP-Box auf den Markt gebracht und nun nochmals vier Jahre später erfährt es die Auswertung auf CD. Geschieht nun mit Porcupine Tree dasselbe, was allen anderen Bands widerfährt, die sich auflösen? Plünderungen des Archivs, Neuauflagen und Remaster-Pressungen? Denn auf neues Material müssen wir leider noch lange bis ewig warten, Steven Wilson hat sich als Solokünstler platziert und keine Pläne für die New-Art-Rock Band. Wie gut diese Formation aber war, lässt sich hier auf zwei CDs und dem dazugehörigen Filmmaterial nochmals überprüfen.

Das Konzert stammt aus der damaligen Tour zum „Fear Of A Blank Planet“-Album und wurde im niederländischen Tilburg aufgezeichnet. Dabei wurden zwei Konzertabende zu einem zusammengeschnitten, um ein umfassendes Bild der Tournee abgeben zu können. Im Mittelpunkt steht natürlich die Präsentation des blauen Albums, es wird zum Auftakt gleich komplett dargeboten. Wie von der Gruppe gewohnt, erkennt man an den Aufnahmen wenige Unterschiede zur Studioplatte. Die Musiker agieren extrem genau und professionell, dank Samples und Keyboards werden viele Soundspuren im Hintergrund eingespielt. Auch die droneartigen Gitarren und Effekte finden ihren Platz, was besonders „Way Out Of Here“ veredelt. Andere Pfade wählen Wilson und Konsorten aber dann beim Gesang, denn in „My Ashes“ singt der Tourgitarrist John Wesley den Refrain und zeichnet mit seiner feinen Stimme ein wunderbares, neues Bild des Songs. Damit wird das Lied auch gleich das Highlight der ersten Konzerthälfte, nebst dem wuchtigen „Anesthetize“ mit einer Laufzeit von über einer Viertelstunde. Die wahren Perlen verbergen sich aber im zweiten Teil. Porcupine Tree spielen sich hier durch eine gelungene Auswahl aus Klassikern und vergessenen Liedern ihrer Geschichte. Die wunderschönen B-Seiten „Drown With Me“ und „Half-Light“ werden dargeboten, drei Beiträge von „In Absentia“ finden den Weg zurück auf die Bühne und der Abschluss gestaltet ein neu arrangiertes „Halo“. Gerade diese instrumentalen Lieder und der Abschluss sind ein Feuerwerk an Musik und Schreibkunst, es zeigt die Band auf ihrem scheinbar unaufhaltbaren Weg nach oben. Dass diese Strasse bald an ihr Ende kommen wird, konnte man damals noch nicht erahnen. Und dank diesem Dokument die Leichtigkeit des Progressive Rock noch einmal erleben.

„Anesthetize“ noch einmal als CD / DVD Paket zu veröffentlichen macht Sinn, da dieses Format nur einer limitierten Auflage beilag. Wer das Konzert aus Tilburg aber schon vor fünf, respektive vier Jahren gekauft hat, der benötigt diese Neuauflage nicht. Für alle anderen ist es ein hübsches Trostpflaster auf die Wunde, die Porcupine Tree mit ihrer Pause hinterlassen haben. Hier noch mit reduziertem Show-Anteil, Licht und ein paar Projektionen müssen reichen. Tun sie auch.

Anspieltipps:
My Ashes, Drown With Me, Halo

Insurgentes – Movie (2009)

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Insurgentes (2009)
Regie: Lasse Hoile
Label: Kscope, 2009
Format: 2 DVD in Mediabook
Links: IMDb, Homepage

Wie nähert man sich einem vielschichtigen und wandelfähigen Künstler, zeigt sein Leben auf und stellt gleichzeitig den allgemeinen Alltag eines Musikers im 21. Jahrhundert in den Vordergrund? Lasse Hoile geht mit „Insurgentes“ den Weg der Kunst-Dokumentation, um Steven Wilson und den aktuellen Umgang mit der Ware Musik zu belichten. Dabei gelingt es ihm auf spannende Weise, Erzählstrukturen und Narration logisch in das Chaos zu senden und alles miteinander auf den Zuschauer einprasseln zu lassen. Welcher Handlungsstrang als primär zu betrachten ist, bleibt einem selbst überlassen.

Wurde „Insurgentes“ als Satellitenprodukt zum ersten Steven Wilson Album vermarktet, ist es in sich viel mehr als nur eine filmische Annäherung an den Progmeister und Ausnahmekünstler. Sicherlich, die Handlung folgt dem sanften und introvertierten Menschen zurück in seine Kindheit, wir besuchen die Schule in der er Sport hassen gelernt hat, sehen uralte Aufnahmen seiner ersten Bands und plaudern mit den Eltern. Doch all dies ist nur ein Teil eines grösseren Zieles. Steven Wilson nimmt uns im Film an der Hand und führt uns durch farbenveränderte, grobkörnige und traumähnliche Bilder, durch verlassene Landschaften und Welten voller kostümierter Menschen. Das Ziel der Reise ist die Ergründung des aktuellen Zustands der Musikindustrie. Der Gesichtspunkt der Wirtschaft und Verkaufszahlen aussen vor gelassen, ist es ein Portrait der Gefühlslage als Musiker in der heutige Zivilisation. Was bedeutet es, in der modernen Welt als Band oder Solokünstler durch die Länder zu reisen und Konzerte zu geben? Wie viel Wertschätzung erfährt man als Erschaffer von Platten und Liedern? Und wie viel Schaden richtet der Musikkonsum über mindere Formate wie Handys und schlechte mp3 wirklich aus? Lasse Hoile und Steven Wilson bieten verständlicherweise keine abschliessenden Antworten, werfen aber viele spannende Fragen in den Raum und versuchen sich dem Thema auf mehrere Arten anzunähern. Für mich als Liebhaber der physischen Formate und der Haptik ist es natürlich Balsam auf der Seele, wenn Wilson zusammen mit Mikael Åkerfeldt von Opeth oder Jonas Renkse von Katatonia über Vinyl und Covergestaltung sinniert. Dagegen stellen sich die etwas plumpen Zerstörungsorgien der iPods, im Zusammenspiel vermengen sich die Aufnahmen aber zu einem runden Bild.

Dazwischen taucht man immer wieder in die kreativen Ergüsse von Hoile ab; sieht Wilson in einer Kirche ein Piano aufnehmen, lauscht dem Dröhnen einer Liveperformance von Bass Communion oder besucht die realen Orte der Burning Shed Bildsprache, fotografiert von Carl Glover. Dies kann bei der Erstsichtung überfordern, fasziniert aber konsequent in seiner Mannigfaltigkeit. Wie auch die Musik selber, kann ein solcher Film nicht gradlinig und klar ausformuliert sein. Das Endergebnis erschliesst sich erst beim direkten Kontakt mit dem Empfänger, wie auch bei allen grossartigen Alben. Für manche mag der Film – wie auch die Musik von Wilson – einfach nur „weird shit“ sein, für Interessierte, die gerne weiter blicken als nur in die Charts und auf den Startbildschirm ihrer Spotify-App, ist „Insurgentes“ eine mitreissende und intelligente Reise.