Fantoche 2017 – Tag 5: Politik und Zombies

Samstag 09. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Am Fantoche gibt es selten eine Vorstellung, welche die Besucher vor Angst zitternd aus dem Saal entlässt. Wer aber für einmal richtig schaurige Unterhaltung erleben möchte, für den ist der „Caravan Of Horror“ genau das Richtige. Ein unscheinbarer, aber etwas dreckiger Wohnwagen steht nämlich seit Samstagnachmittag neben dem Festivalzentrum beim Merker-Areal und lädt furchtlose Besucher dazu ein, für eine Viertelstunde einem nervenzerfetzenden Puppentheater beizuwohnen. Präsentiert von der Compagnie Bakélite und mit Unterstützung des Figura Theaterfestivals gibt es hier grossartige Einfälle und tolle Schockmomente.

Und natürlich ist das Rahmenprogramm auch sonst weiterhin vielfältig und voller Entdeckungsreisen. Wir nutzten das eher triste Wetter am Samstag aber vor allem dazu, möglichst viele Wunder in den Kinosälen zu erleben.



Der wahre Oktober
Land / Jahr: Deutschland / 2016
Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Website: 1917-derfilm.de

Die deutsche Regisseurin Katrin Rothe versetzt uns mit „Der wahre Oktober“ hundert Jahre in die Vergangenheit zurück, und zwar in das heutige St. Petersburg. Die Geschehnisse zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution werden durch die Augen von fünf Künstlern betrachtet: Die Lyrikerin Sinaida Hippius versteht sich als Chronistin der Ereignisse und sieht von ihrem Wohnungsfenster aus direkt auf das Gebäude der Duma. Alexander Benois ist Maler und Kunstkritiker; er und der Schriftsteller Maxim Gorki fürchten um den Fortbestand der Kunst. Kasimir Malewitsch, Begründer der Suprematismus, veröffentlicht diesbezügliche Manifeste und der junge Dichter Wladimir Majakowski stürzt sich immer mitten ins revolutionäre Geschehen.

Die fünf Kunstschaffenden bewegen sich als Legetrickfiguren durch Petrograd, wobei alle von ihnen ein wenig anders animiert sind. Die Darstellungen werden laufend durch Archivmaterial ergänzt. Aufnahmen aus dem Schaffungsprozess, die nahtlos in die Handlung einfliessen, geben dem Film ausserdem eine weitere Ebene, die wunderbar spannend zu beobachten ist. Auch wenn wohl nie ganz klar sein wird, wo nun die Wahrheit genau liegt – „Der wahre Oktober“ bietet einen frischen Blick auf eine Zeit voller Wirrungen.



Coming Soon „The Tower“
Land / Jahr: Norwegen, Frankreich / 2018
Regie: Mats Grorud
Website: tenk.tv

Toll an diesem spezifischen Festival ist ja die Tatsache, dass man nicht nur einen oberflächlichen Blick auf die Welt des Animationskinos wirft, sondern auch als Laie tief hineintauchen kann. So zum Beispiel in die Produktion des Filmes „The Tower„, eine Geschichte über wahre Begebenheiten in den Palästinenser-Siedlungen um Israel. Regisseur Mats Grorud stellte im Kino Sterk seine Produktion vor und führte die Besucher hinter die Kulissen der Mischung aus Puppenanimation und 2D-Zeichnungstechniken.

The Tower“ porträtiert die Geschichte von mehreren Personen eines Siedlungsturmes, erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens. Während sich die Gegenwart in detaillierten Sets mit Stop-Motion abspielt, führen gezeichnete und reduzierte Sequenzen durch die Erinnerungen der Figuren. Die beiden Handlungsebenen wurden zunächst sogar in zwei verschiedenen Ländern – Polen und Frankreich – produziert. Dieser Umstand machte es aber dem Team extrem schwer, alle Elemente stimmig zu designen. Durch die komplette, fördergelderbestimmte Verlegung nach Frankreich konnten aber schnell Verbindungspunkte wie beispielsweise die speziellen Augenformen gefunden werden und der Prozess wurde einiges leichter.

Der Film verspricht somit nicht nur visuell einige Überraschungen, sondern eine immer wieder leichte Geschichte voller Herz. 2018 darf man sich dann vom Endprodukt überzeugen.



Zombillenium
Land / Jahr: Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Arthur de Pins, Alexis Ducord
Musik: Eric Neveux, Mat Bastard
Website: zombillenium.com

Was für ein Spass! „Zombillenium“ ist meine wohl grösste Überraschung am diesjährigen Fantoche. Denn obwohl der Film mit 3D-Computertechnik gemacht wurde und die Geschichte eher den gängigen Klischees folgt, macht es einfach nur Laune, den Horror-Gestalten zuzuschauen. Entstanden als Animations-Traummärchen (ein einzelnes Cover-Bild generierte den Auftrag zur Comic-Serie, und diese wiederum generierte den Auftrag zum Kinofilm) erzählt der Film aus Frankreich die Geschichte eines Vergnügungsparks, in dem echte Vampire und Zombies arbeiten. Doch leider ist Satan mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden und stellt die Kreaturen vor ein Ultimatum.

Mit perfektem Charakterdesign (man denke nur an die zum Verlieben coole Hexe Gretchen mit ihrem Skateboard-Besen und Nine Inch Nails-Shirt), packender Musik (beste Filmszene: das Konzert im Park) und perfekt passender optischer Gestaltung ist „Zombillenium“ ein grossartiges Vergnügen für alle ab dem Teenager-Alter. Und danach fühlt man sich einfach nur beschwingt.


Animal Farm
Land / Jahr: GB, USA / 1954
Regie: John Halas und Joy Batchelor
Musik: Mátyás Seiber

Fast jeder hat ihn gelesen: Den Klassiker „Animal Farm“ von George Orwell. Auf einer amerikanischen Farm fühlen sich die Tiere von ihrem Bauern, der allabendlich sturzbetrunken aus dem Wirtshaus heimkehrt, benachteiligt. Unter Aufsicht der klugen Schweine starten sie eine Revolution, vertreiben den alten Jones und führen den Hof fortan selbst. Die Zeichentrickadaption von Joy Batchelor und John Halas aus dem Jahr 1954 wurde von der CIA als antikommunistischer Propagandafilm finanziert. Die Handlung hält sich weitgehend an die Buchvorlage, allerdings unterscheidet sich das Ende deutlich – beziehungsweise geht über das von Orwell angedachte Ende hinaus.

Vor dem Film wird, wie damals in Schweizer Kinos üblich, ein kurzer Nachrichtenüberblick – die sogenannte „Wochenschau“ – aus dem Erscheinungsjahr gezeigt. Thema war unter anderem eine Abstimmung in Basel, bei der sich die Frauen für oder gegen das Frauenstimmrecht aussprechen durften (wobei das natürlich nur als Empfehlung zu verstehen war – wirklich abstimmen durften darüber nur die Männer). Ein amüsantes Zeitdokument.



Revengeance
Land / Jahr: USA / 2016
Regie: Bill Plympton, Jim Lujan
Musik: Jim Lujan
Website: revengeancemovie.blogspot.com

Regisseure wie Quentin Tarantino und Robert Rodriguez haben bis heute einen grossen Einfluss in das Genre des brutalen und dreckigen Action-Films – auch im Bereich der Animation. So ist „Revengeance“ nicht nur das, schier im Alleingang von Bill Plympton und Jim Lujan hergestellte bitterböse Vergnügen, sondern auch eine Verbeugung vor den Grindhouse- und B-Movies. Gezeichnet in 2D und als Hommage an die amerikanischen Underground-Comics verfolgt man hier skurrile Figuren durch eine noch merkwürdigere Geschichte.

Wenn Kopfgeldjäger auf eine Bikergang, einen Senator der Ex-Wrestler ist und eine durchgeknallte Sekte in der Wüste treffen, dann kann dies nur eines heissen: Hier kommt praktisch niemand lebend heraus. Da passt es perfekt, ist die Musik genau so treffend wie die abgefeuerten Schüsse und Gitarrenriffs begleiten wilde Verfolgungsjagden. Der Film ist somit nicht alltäglich, aber ein perfekter Begleiter zu Bier und langer Filmnacht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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