Heidi Hörsturz

Fantoche 2017 – Tag 4: Global

Freitag 08. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Wer während des gesamten Tages von einem Kinosaal zum andern wandert, für den kommt die Nacht schnell. Das Fantoche-Festival hält aber auch für späte Forscher und Leute ohne Sättigungsgefühl viele Möglichkeiten bereit. Besonders der Kulturraum Royal lockt mit seinen „Royal Fish„-Partys, und der Freitagabend lohnte sich hier besonders. Die „F*ck Up Night“ bot Einblicke in die schlimmsten Missgeschicke von Filmprojekten und liess die Macher gleich selbst zu Wort kommen. Danach gab es denkwürdige Musikvideos mit Clips, die wohl auf Drogen noch besser funktionieren. Ein wahres Vergnügen nach all der ernsten Unterhaltung.

Das Gesicht wurde einem dann bei dem Auftritt von Heidi Hörsturz aber gleich wieder weggeschmolzen, denn die Mischung aus Noise-Electro, extremen Visuals und Body-Art sucht ihresgleichen. Hier war jedem verziehen, der sich einem etwas stärkeren Drink zuwandte. Doch der Ausklang des Abends folgte angenehmer mit dem Konzert von KnoR und einem weiteren DJ-Set.



Making-Of „Nothing Happens (Trial Run)“
Land / Jahr: Dänemark / 2016
Regie: Michelle und Uri Kranot
Website: nothinghappens.tindrum.dk

Wer kennt es nicht: Das Verlangen, einem Ereignis beizuwohnen und einfach zuzuschauen. Überall trifft man die Gaffer, doch wie sieht es mit der persönlichen Verantwortung in einer solchen Situation und passiven Rolle aus? Der Kurzfilm „Nothing Happens“ aus Dänemark spielt mit genau diesen Fragen und dem Wechselspiel aus Sehen und Gesehen werden. Übermalte Filmaufnahmen bieten hierbei einen gewissen Realismus, wirklich in die Tiefe geht es aber beim VR-Projekt. Da wechselt die Perspektive und man ist plötzlich der Beobachete. Selber kann man dies in der Stanzerei erleben.

Michelle und Uri Kranot haben hierfür ein Kunstwerk geschaffen, dass mit Film, VR und Ausstellung gleich drei Ebenen bietet, um die Animation einen Schritt weiter vom starren Medium weg zu bringen. Beim Making-of im Kino Sterk gab es dazu Einblicke in die Produktion, die Gedanken der Macher und Aufnahmen des Prozesses. Dabei war klar: Virtual Reality hat in der Animation grosse Zukunft, doch das Handwerk muss hierfür komplett neu gelernt werden. Man darf gespannt sein, was alles kommt.



Unique Animation Techniques
19 Kurzfilme aus aller Welt

Um alle Grenzen zu sprengen und für einmal extreme Experimente und narrative Wagnisse zu kombinieren, bietet das Fantoche die Kurzfilm-Sammlung „Unique Animation Techniques“. Wie es der Name schon sagt, wird hier nicht das Augenmerk auf Inhalt oder Aussage gelegt, sondern auf merkwürdige Arbeitstechniken. Es trifft alt auf ganz modern, wild auf ruhig und superkurz auf lang – und im Kopf fügt sich alles zu einer wahren Explosion zusammen.

Filme wie „Ora“ (Wärmebild-Aufnahme) oder „Métronome“ (Gravur auf Klebepapier) haben Tanz und Musik im Fokus, „Rippled (All India Radio)“ ist mit seinen Lichtmalereien wie ein Musikvideo. Es gibt Bewegungstests zum Film „Ugly„, ein Wiedersehen mit den Regisseuren Kranot („Black Tape„) oder Kreidezeichnungen auf einer Wandtafel („Animation Hotline„). Es schwirrt einem der Kopf danach, doch ein besseres Beispiel für die unendliche Vielfalt des Animationsfilmes gibt es sonst nirgends.


Brexit: True Brit
10 Kurzfilme aus Grossbritanien

Very british – das Fantoche wagt sich an die aktuelle politische Lage. Wobei Animationsfilm ja dies schon immer war, aktuell und direkt – manchmal auch erst Jahrzehnte später passend. Und genau darum gibt es mit dem „True Brit“-Programm zehn Kurzfilme, die zwar schon etwas älter sind, aber das britische Gefühl perfekt ausstrahlen. Ob der böse und schwarze Humor nun etwas doofe Piraten bei „Jolly Roger“ in den Untergang führt oder eine bissige Sozialkritik zu den Unterschichten in Liverpool darstellt („Dad’s Dead“) – Erfolg und Understatement sind immer nahe beisammen.

Wegen der unterschiedlichen Materialien und Zustände der Filme sagt das Programm zugleich auch noch etwas über die Förderpolitik aus, viele Filmemacher haben nämlich zu wenig Geld, um ihre Werke für die Zukunft sicherzustellen. So ist „Next“ zwar ein geniales Shakespeare-Medley mit Puppen, aber leider bildtechnisch im Zerfall. Die Mischtechnik bei „Little Things“ sieht da schon besser aus und führt durch ein Feuerwerk an Gags und skurrilen Momente. Und wenn der Brexit dann so sorgfältig verarbeitet wird wie die Materialen bei „The Eagleman Stag“, dann bietet er vielleicht doch eine Chance. Vielleicht.



Have A Nice Day (Hao ji le)
Land / Jahr: China / 2017
Regie: Liu Jian
Musik: The Shanghai Restoration Project Presents
Website: Berlinale.de

Eine meditative Gangsterkomödie, eine Kritik an den zubetonierten Vororten Chinas, ein detailverliebter Alleingang des Regisseurs Liu Jian – „Have A Nice Day“ ist als chinesischer Indie-Movie vieles. In oft statischen Bildern wird hier eine Geschichte erzählt, die sich nicht nur an viele bekannte Filme aus dem Westen anlehnt, sondern eine Hommage an die Achtziger ist. Ein wahres Highlight für das Fantoche und immer noch ein grosses Politikum im Herkunftsland – dieser Film zeigt perfekt auf, dass gezeichnete Bilder eben sehr wohl für Erwachsene sind. Denn hier gibt es Blut, böse Witze und wenig Dialog. Und dank verrückten Zufällen verlässt man das Kino doch beschwingt – ein Tipp!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.