Dark Wave

IAMX – Alive In New Light (2018)

Ein Ausbruch, eine Befreiung! „Alive In New Light“ deutet die Läuterung von Chris Corner nicht nur im Titel an, auch die Musik wirkt wie ein grosser Schritt in Richtung Freiheit – ohne sich selber zu verleugnen. Denn der Start in das neue Abenteuer mit „Stardust“ klingt genau so, wie man es von einer neuen IAMX-Scheibe erwartet: Mehrschichtige Synthiewelten, pochender Beat und emotionaler Gesang. Neu hingegen ist, dass sich mit Kat Von D. (ja genau, die bekannte Tätowiererin) der weibliche Gegenpart gleich vor die Aussagen Corners stellt und die Musik somit noch breiter wirkt. Dieser Dark Wave will nicht mehr in der depressiven Gruft versinken, die Lust zu Grösse und Epik ist zurück.

Das merkt man besonders beim Titelsong oder „Break The Chain“, welches den Einstiegs-Hattrick vollendet. IAMX läuft hier zu seiner Club-Höchstform auf, kombiniert Sehnsucht und Strobo, schnürt sich die Lederklamotten enger an den Körper und versinkt im Nebel. Düstere Beats wälzen sich mit klaren Keyboard- und Gitarrenformen am Boden, Chris Corners eindringlicher Gesang thront über all unseren Köpfen. Gegensätzlicher könnte das Album zum instrumentalen Vorgänger „Unfall“ nicht klingen, mit „Body Politics“ werden sogar Brücken zu Depeche Mode geschlagen. Nur mit viel mehr Sex.

Das liegt aber bei weitem nicht nur an dem weiblichen Gaststar, sondern auch darin, dass sich IAMX mit „Alive In New Light“ etwas von den gemächlichen Songs verabschiedet und auch seine Walzerelemente nur noch in „Big Man“ zur Anwendung kommen. Der Rest wirkt überlebensgross, holt sich Inspiration bei Gary Numan („Stalker“) und gönnt sich eine ausufernde Produktion. Endlich sind wir nun also bei einer Veröffentlichung angelangt, die sich praktisch keine durchschnittlichen Stellen gönnt und vor Leben sprüht. Natürlich wird weiterhin gelitten, aber jetzt absichtlich und provozierend. Packender sind nur noch Corners Bühnendarbietungen.

Anspieltipps:
Stardust, Break The Chain, Mile Deep Hollow

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jack Maniak – Code 403 (2017)

Münze ein geworfen, Knöchel geknackst, Finger auf dem Controller – mit den ersten Klängen von „Stripe Is Back“ hebt sich der Pixel-Vorhang und man beginnt sein Abenteuer zwischen Alien-Invasoren und lauten Explosionen. Jack Maniak, das neue Projekt des französischen Musikers Jean-Philippe, ist ein treibendes Schauspiel zwischen lauten Synthie-Riffs, harten Rock-Rhythmen und Achtziger-Faszination. „Code 403“ ist somit nicht nur der brutale Bruder zu „Stranger Things“, sondern auch der perfekte Soundtrack zum Roman „Ready Player One“.

Wie es sich für einen alten Automaten-Shooter gehört, wird mit jedem Level (oder halt Song) die Spannung grösser und die Schwierigkeit extremer. Jack Maniak gibt somit ab „No Fate“ nur noch Vollgas und reitet auf den Klangwellen davon. Synthwave nennt sich diese Musik, ein Bastard aus extremen Basslinien, mitreissendem Electro-Drum und verzerrten Synthies, die sich auch gerne mit posenden Gitarren anlegen. Instrumental und immer ein wenig grössenwahnsinnig, durchgeknallt aber mit gehöriger Selbstironie – „Code 403“ scheut sich weder vor Klischees noch extremen Zitaten.

Heroischer wäre es wohl nur noch, wenn man in der Realität mit dem KITT auf der Autobahn den Terminator verfolgen würde und dabei die knallbunte Umgebung konstant in die Luft gejagt würde. Aber auch so rettet Jack Maniak mit „Code 403“ jeden grauen Tag und fesselt mit seiner gerne aberwitzigen Musik. Schnallt euch also das Bandana um, haltet genügend Münzen bereit – der Endboss wartet auf euch.

Anspieltipps:
No Fate, Final Departure, Dangerous Night

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Gary Numan – Savage (Songs from a Broken World) (2017)

Es wird immer heisser, die Vegetation zieht sich zurück, die Länder werden unwirtlich und schier nicht mehr bewohnbar. Was machst du, wie gehst du mit der Hitze um? Gary Numan, die New Wave und Synthie-Pop Legende aus England, stellt sich in seinem 21. Studioalbum „Savage (Songs From A Broken World)“ genau diesen Fragen und präsentiert ein Konzept, dass die sandige und monochrome Wirkung des Cover in seinen Songs weiterträgt. Dabei sollte man sich aber nicht von der Single „My Name Is Ruin“ täuschen lassen, denn diese Platte ist eher zurückhaltend.

Grossen Synthieflächen, Chorgesang und immer wieder aufkommende Basswellen gehören bei Gary Numan natürlich auch 2017 zu seinem Repertoire. Hinzu kommt, dass der Künstler auf „Savage (Songs From A Broken World)“ die immer stärker werdende Vermengung zwischen Ost und West auch in seinen Klängen thematisiert und den Dark Wave mit orientalischem Schmuck versieht. Das steht Songs wie „Bed Of Thorns“ sehr gut und hilft der vorgetragenen Geschichte, oft erhalten Stimme und Melodie aber viel Raum. „And It All Began With You“ wirkt zärtlich und zerbrechlich und zeigt, dass wir uns besser um die Zukunft kümmern sollten.

Mit „When The World Comes Apart“ oder „What God Intended“ erhalten die wuchtigen Beats und verzerrten Synthies noch einmal grosse Chance zum strahlen und Gary Numan führt sein Album geschickt in eine nachdenkliche aber immer fesselnde Stimmung. Nicht alles geht dabei gleich gut auf, aber am Ende von „Savage (Songs From A Broken World)“ ist man doch froh, dass uns der Musiker wieder neues Material geschenkt hat – auch wenn seine Stimme manchmal etwas zu gleichförmig über den Songs thront.

Anspieltipps:
My Name Is Ruin, When The World Comes Apart, Mercy

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Vlimmer – IIIIIIII / IIIIIIIII (2017)

„Beutenacht“ macht es gleich klar: Auch wenn Vlimmer in seiner 18-teiligen EP-Reihe nun die Mitte erreicht hat, glücklicher und zuversichtlicher ist Alexander Donat deswegen in seiner Musik nicht. Der Gründer des Labels Blackjack Illuminist und grosse Verfechter von grimmigem Wave zieht auch mit „IIIIIIII / IIIIIIIII“ weiterhin um die Betonruinen und verlassenen Baubrachen in Berlin. Dazu nutzt er lärmige Drones genauso wie verrauschten deutschen Gesang und geradlinige Drums unter schneidenden Gitarren.

Lieder wie „Jugendentzug“ scheren sich aber einen Dreck um die drückende Schwerkraft in dunklen Stadtgebieten, sondern krempeln Cold Wave und Noise-Pop zu einer nihilistischen Version von Klängen um, die auch Bands wie The Flaming Lips mit ihrem Album „The Terror“ anzuzapfen versuchten. Im Gegensatz zu den Amerikanern weiss Vlimmer aber jederzeit, dass übersteuerte und verfremdete Melodien kühle Skepsis und Fatalismus benötigen. Sogar wenn der EBM vorbeischaut, bleiben die Tanzschritte verhalten („Schwerelosigkeit“ oder „Strato“).

Schwarz, rau und voller Risse – „IIIIIIII / IIIIIIIII“ ist eine tolle Portion an Musik, die sich irgendwo zwischen Darkgaze und Wave herumtreibt und zu keiner Sekunde positiv sein will. Vlimmer vermengt diverse Stilrichtungen und Ideen zu einem wandelbaren Erzeugnis, entzieht jedem Tag das Sonnenlicht und lässt alles in extremer elektronischer Verzerrung versinken. Da ist es schon fast beruhigend, dass man mit „Betonozean“ doch wieder auf dem sicheren Boden der Post-Punk-Tatsachen landet. Hypnotisierend.

Anspieltipps:
Schwerelosigkeit, Körperkonstante, Strato

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

M!R!M – Iuvenis (2017)

Band: M!R!M
Album: Iuvenis
Genre: Post Punk / Wave

Label/Vertrieb: Manic Depression
VÖ: 10. Juni 2017
Webseite: M!R!M auf FB

Wenn sich ein Italiener in London verschanzt und alleine Musik aufnimmt, dann passt es ja ziemlich gut, wenn die daraus entstandenen Lieder etwas verrucht, nächtlich schwarz und unscharf daherkommen. Tief im Post-Punk und dem Synthie-Wave der Achtziger verankert, lässt uns Jack Milwaukee mit seinem zweiten Album „Iuvenis“ romantisch verklärte Fahrradfahrten durch die spärlich beleuchteten Strassen unternehmen. M!R!M ist wieder da.

Mithilfe von Drummaschinen, Synthies und tiefen Basslinien gebaute Lieder verzaubern bereits beim ersten Anhören mit ihrer nebligen und verschwommenen Form. Ob helle Melodien, Gesangslinien oder graue Flächen, alles scheint hinter einem halbdurchsichtigen Vorgang versteckt zu sein und wirkt nicht ganz real. Was früher bei New Order oder Killing Joke für Revolutionen sorgte und heute im Barock-Pop Menschen wie John Maus beeinflusst, wird dank M!R!M zu einer neuen Form von erwachsenem Dreampop. Selten fassbar, immer faszinierend.

„Iuvenis“ ist in seiner Form vollendet und wird alle Freunde der angestaubten Drumcomputer, der analogen Knöpfchendrehungen und der nostalgischen Merkwürdigkeiten verzaubern. Lieder wie „Broken Hearts Club“ oder „1955“ laden zum verhaltenen Tanz ein, „Faster Than A Rocket“ gehört auf jedes zeitreisende Mixtape. Also, schwarze Kleidung anziehen, Kajal auftragen und in kleinen Gruppen umherziehen. Mit M!R!M hat man den perfekten Begleiter gefunden und taucht manchmal sogar in eine Art Filmwelt von damals ein.

Anspieltipps:
Broken Hearts Club, Faster Than A Rocket, 1955

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

IMAX – Unfall (2017)

IAMX – Unfall
Label: Caroline, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Dark Wave

Man ist es sich von Chris Corner ja gewöhnt, dass es an jedem Ende rumpelt, quietscht und die Bässe im Gehörgang dröhnen. Doch für die neuste Platte unter seinem Pseudonym IAMX hat sich das Ex-Sneaker Pimps Mitglied seine Musik neu aufgebaut – und verzichtet zum ersten Mal komplett auf Stimmen und Gesang. „Unfall“, bei weitem nicht so ein negatives Zufallsprodukt wie es uns der Titel weiss machen will, ist eine Gegenthese zu den gängigen Veröffentlichungen von Corner und bietet viel Platz für Experimente.

Natürlich, man findet sich als Hörer schnell in Stücken wie „Little Deaths“ oder „Cat’s Cradle“ zurecht, wartet aber nach jedem Takt auf den doch noch möglichen Einstieg von Gesang. IAMX verwehrt uns dieses Element hier aber komplett, bietet „Unfall“ doch den Einstieg in eine neue Reihe für abstrakte Alben voller Versuche an modularen Synthies. Das Pop-Format wird fast komplett ausradiert, die hymnischen Fangpunkte sind nicht mehr zu finden. Das verleiht der Musik eine kühle und manchmal auch etwas karge Stimmung – harte Beats und krumme Frequenzen bestimmen die Tracks.

Am besten gehen diese Spielereien immer dann auf, wenn sich die Takte laut durch die Synthie-Schichten kämpfen und dem Album eine extreme Tanzbarkeit verleihen. Gerade Momente wie „TickTickTick“ oder „TeddyLion“ strahlen hier im Schwarzlicht und würden perfekt in das Berghain passen. IAMX-Jünger könnten teilweise etwas die Eingänigkeit und das heroische Leider auf diesem Album vermissen, nicht alle Tracks sind gleich fesselnd gelungen. Trotzdem ist „Unfall“ eine spannende neue Seite von Chris Corner und macht auf jeden Fall neugierig auf die nächsten Teile. Ein „echtes“ IAMX-Album soll aber bereits 2018 folgen, keine Angst.

Anspieltipps:
TickTickTick, Cat’s Cradle, TeddyLion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Spencer, Badenfahrt Baden, 17-08-20

Badenfahrt 2017
Bands: Spencer, Mark Kelly
Sonntag 20. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Wenn eine Stadt ihr Fest nur alle zehn Jahre steigen lässt, dann wird auch gleich mit grosser Kehle angerührt. Wobei das Ausmass der Badenfahrt schon extrem ist, und man sich als Besucher in dem Überangebot schnell verlieren kann. Denn für etwas mehr als eine Woche wird die Stadt im Aargau zum Schmelztiegel für kunstvoll konstruierte Bars und Restaurants, Konzerte, Partys und Darbietungen jeglicher Art. Da heisst es Programm genau studieren, genügend Zeit für die Wege einberechnen und Entscheidungen treffen. Dafür wird man hier auf jedem Meter überrascht und kulturell verführt.

Gemäss dem diesjährigen Motto „Versus“ durften die Lokalmatadoren Spencer am Sonntag in heissester Sonne ihre düsteren Songs darbieten – und somit gegen den strahlenden Sommer ankämpfen. Für die versierten Musiker war dies aber kein Problem, lockten sie durch ihre sympathische Art und mitreissenden Kompositionen doch schnell ein grossen Publikum vor die Bühne im Graben. Sicherlich, man musste die Augen schliessen um sich ihre Songs in dunklem Licht und kalter Atmosphäre geniessen zu können, aber so war der alternative New Wave ein Genuss.

Spencer nutzten den Auftritt nicht nur um ihr neustes Werk „We Built This Mountain Just to See the Sunrise“ zu verbreiten, sondern auch Gäste auf die Bühne zu bitten. The Bloom aus England sang mit der Band zwei krachende Gitarren-Songs, Chris Rellah kaperte die Musiker für ein paar Stücke. Man kann also auch gemeinsam und die Darbietung wurde somit schnell zu einem Aufstand gegen die schlechte Laune. Und als Frontmann Leo Niessner sich am Ende noch inmitten der Zuschauer zu einem wilden Gitarrensolo hinreissen liess, da waren auch die Leute auf der Hochbrücke aus dem Häuschen.

Etwas gemächlicher ging es ein paar Stunden später auf der wunderschön gestalteten Polygon-Stage neben der Limmat weiter. Der Englische, aber in der Westschweiz lebende Musiker Mark Kelly nahm Bühne und Besucher mit nur seiner Stimme und abgewetzten Gitarre in Beschlag. Auf ehrlich, etwas verrückte aber immer tolle Art sang er über die komplizierten Einfachheiten im Leben und liess uns alle für eine Stunde etwas besser fühlen. Singer-Songwriter mit genügend Emotion und Anspruch, aber auch immer etwas im Schlamm neben der Spur – so muss es sein. Kein Wunder hatten ein paar Leute am Ende nicht genug und liessen sich von Kelly hinter der Bühne noch ein paar private Zugaben spielen.

Was eigentlich perfekt zu der gesamten Badenfahrt passt: Denn obwohl hier sehr vieles und lautes miteinander passiert, die kleinen und menschlichen Momente machen dieses Fest erst so wundervoll wie es ist. Wir freuen uns darum auf viele weitere Konzerte voller Freude und toller Musik – und weitere Entdeckungen neben dem ausgelatschten Pfad. Und wer sich nach so vielen Liedern endlich mal ausruhen möchte, der findet bei der, aus Büchern gebaute UsVers-Bar eine perfekte Gelegenheit.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Me The Tiger – What Is Beautiful Never Dies (2017)

Me The Tiger – What Is Beautiful Never Dies
Label: Repo Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synthie-Pop, Dark Wave

Seit ich zum ersten Mal einen Song von Me The Tiger gehört habe, bin ich dem Trio verfallen. Die schwedische Band um Frontfrau Gabriella Åström steht seit 2012 für kraftvollen und energetischen Synthie-Pop, der sich nicht davor scheut, an der Dark Wave-Party in Glitzerkleidung aufzufallen. Auch das dritte Album „What Is Beautiful Never Dies“ macht sich genau diese reizvolle Schnittmenge zu eigen und bedient sowohl düstere wie auch aufgestellte Gedankenspiele. Bereits die ersten Lieder auf der Scheibe locken mit tollen Melodien und grossen Refrains.

Somit war der Vorbote „Hollow“ perfekt gewählt, dürfen die Synthies hier doch wunderbar kratzen, die Beats in die untersten Lagen einprügeln und der Song dann in euphorischer Botschaft explodieren. Me The Tiger verbinden ihre Musik gerne mit sozialkritischen Botschaften zu der aktuellen Lage unserer Gesellschaft – auch auf diesem Album zeigt man sich wieder mit angriffslustigen und überlegten Texten. Das passt perfekt zum forcierten Auftritt und den emotionalen Keyboardspuren – auch dann, wenn das Trio bei „Hiraeth“ oder „You Must Die (Fortress Europe)“ sanft agiert.

Am grössten ist „What Is Beautiful Never Dies“ aber immer dann, wenn sich der gesamte Raum mit Nebel und Strobo-Licht füllt, die Gedanken zwischen verschwitzten Tänzern versinken und man sich völlig in der ausdrucksstarken Musik verliert. Was bei IAMX immer gefährlich nahe am Weltuntergang vorbeischrammt, darf hier konstant laut und zuversichtlich Pop und elektronischen Wave kombinieren – und gewinnt damit. Me The Tiger haben sich ihre Nische geschaffen und bleiben darin mehr als attraktiv.

Anspieltipps
Hollow, This Is Not Me, You Must Die (Fortress Europe)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Nathan Gray – Gefühle und Totenköpfe

Seine Musik und sein Album warfen grosse Schatten vor sich – und auch nach der Veröffentlichung von “Until The Darkness Takes Us” gibt es noch einiges zu bereden. Wir nutzten die Gelegenheit um vor dem Konzert in der Hafenkneipe Zürich mit Nathan Gray und Daniel E. Smith vom Nathan Gray Collective zu sprechen. Und dabei packten wir nicht nur den Teufel bei den Hörnern, sondern auch im Buch geblättert und in unser Inneres geschaut.

Michael: Wie ihr sehen könnt, sind wir hier in einer ziemlich kleinen Lokalität – besonders für dich, Nathan. Wie fühlt sich diese Tour an, nachdem ihr vorher grosse Festivalbühnen und Lokale bespielt habt?

Nathan: Es fühlt sich grossartig an. Klar, das sind natürlich nicht boysetsfire. Wir beginnen hier, eine komplett neue Fanbasis aufzubauen. Und jede Nacht ist es genau das, das Suchen von Verbindungen und Überzeugungen. Genau darum geht es mir auch, dass die Leute kommen und eine gute Zeit haben. So versuchen wir von Beginn an, eine tief persönliche Bindung zu unseren Fans aufzubauen und sie in unsere Arbeit mit einzubeziehen.

Daniel: Und am Ende jedes Auftritts sind wir auch bei den Leuten, geben Umarmungen, schreiben Autogramme und schütteln Hände. Es sind keine riesigen Hallen, in denen man von der Bühne geht, ohne dass uns jemand bemerkt.

Ihr seid dieses Projekt auch anders angegangen als sonst. Es sind sehr direkte Texte und persönliche Themen – aber wird das weiterhin hinter der Musik stehen? Werden die Besucher trotzdem die Musik hören, ohne sich um den Inhalt zu kümmern?

Nathan: Das spielt uns nicht direkt eine Rolle. Manche sind damit zufrieden, wenn sie tanzen und feiern können, den Alltag hinter sich lassen – wir geben ihnen auch diese Möglichkeit. Aber es gibt auch immer Leute, die eine tiefere Erfahrung suchen. Und auch diesen bieten wir etwas an. Ich “diskriminiere” in dieser Hinsicht niemanden.

Daniel: Sehr wichtig war es für uns, bereits zu Beginn der Arbeit am Album die Atmosphäre der Lieder so hinzukriegen, wie Nathan es sich vorgestellt hatte. Die Scheibe hat eine extreme Dynamik. Es wurde bewusst so aufgebaut, um den textlichen Inhalt zu verstärken. Aber man spürt die Botschaft auch, wenn man den Gesang nicht versteht

Ihr habt die Musik im Vergleich zu früheren Alben ziemlich verändert, besonders du, Nathan. Alles wirkt nun stärker wie Dark Wave oder Gothic, das spürt man besonders in Songs wie „Skin“. War dies eine bewusste Entscheidung?

Daniel: Diese Art von Musik war schon immer in mir drin, mein tägliches Brot sozusagen. Nathan hat es als Zuhörer immer genossen, kam aber nie als Musiker zu diesem Erlebnis. Also war sein schier popartiger Stil beim Songwriting genauso eine Grenzverschiebung für mich, wie das Elektronische bei ihm.

Nathan: Und das ist so toll an diesem Album – wir durchbrechen die Schubladisierung. Es war mehr ein “finden wir heraus ob dies funktioniert”, was in uns lauert, als ein konkretes Genre. Ich glaube, wir haben es gefunden und es ist fantastisch.

Nicht für alle, es gab ein paar ziemlich durchmischte Rezensionen.

Nathan: Ach, die gibt es immer, man kann es nicht allen recht machen. Es gab schlechte und gute Kritiken – und manche waren sogar persönlich gemein, ohne Bezug zur Musik. Aber alles, was man im Leben und in der Musik machen kann ist: Tu was du magst, was dich bewegt. Nicht mein Problem, wenn es dir nicht gefällt.

Daniel: Und wir wussten, dass es ein Album wird, das man entweder liebt oder hasst – und erwarteten somit ziemlich schlimme Kritiken. Es gab viele Erwartungen in Richtung “boysetsfire light” – aber das sollte es niemals sein. Und wer diese Erwartung bereits hatte, der wollte sich auch nicht überzeugen lassen.

Glaubt ihr, das hat auch etwas damit zu tun, dass sich die Leute nicht mehr intensiv mit der Musik beschäftigen wollen? Schliesslich kann man heute alles mit einem Klick anhören, oder man betrachtet Konzerte nur noch durch seinen Bildschirm am Smartphone.

Nathan: Die Leute wollen es manchmal einfacher. Viele wollen halt die Wiedervereinigungen, die Sachen, die man ohne Aufwand sofort begreift. Aber unsere Platte ist weniger ein Album, es ist mehr ein Audio-Film. Das haben wir bewusst so gestaltet und viele werden das auch begreifen.

Daniel: Ich glaube, dass das Album als Konzeptform eine verlorene Kunst geworden ist. Dank Dingen wie Napster oder Spotify suchen die Leute nur noch nach der nächsten Single und spielen keine kompletten Platten mehr. Nathan und ich haben das früher noch getan, man musste sich Scheiben von Pink Floyd, The Who oder The Beatles konzentriert und als Gesamtes anhören. Wenn ein Album als Ganzes keinen Sinn macht, dann muss ich mich damit auch nicht beschäftigen.

Nathan: Genau, wer will das schon? Eine Scheibe mit zwei Hits und sonst nur Füllmaterial. Was soll der Sinn sein, ihr vergeudet doch nur eure Zeit. Veröffentlicht besser nur die Single.

Ihr habt sogar ein Buch zum Album veröffentlicht, die Aussage hinter dem Werk ist also sehr wichtig. Was war denn zuerst?

Nathan: Die Idee hatte ich schon lange, doch erst mit dem Album sprang der Funken über. Wir hatten das Konzept und ich wollte die gesamte Geschichte erzählen. Die Musik sollte deutungsoffen sein, darum habe ich das Buch als Begleiter erschaffen, damit man meine Geschichte dahinter sieht. Und ich damit den Leuten zur Findung ihrer eigenen Story helfen kann – als Inspiration.

Das Buch hatte also keinen direkten Einfluss auf das Songwriting? Gerade weil du die Kapitel auch nach den Songs benannt hast.

Nathan: Das war gedacht, um die Leute durch das Album zu führen und damit sie immer sehen können, wo ich selbst an diesem Punkt war.

Daniel: Das Album hat, auch ausserhalb des Buches, einen definitiven Start und und ein definitives Ende, mit einer linearen Geschichte. Die Songtexte nehmen dich mit auf die Reise und die Musik bietet weitere Emotionen. Man kann das Album anhören und es dabei wie ein Horoskop als Leitfaden benutzen.

Allerdings ist es auch ziemlich bestimmt. Ich selber war etwas verwirrt, wie selbsthilfemässig es manchmal war und wie wenig über die Musik darin stand. Denkt ihr nicht auch, dass es etwas zu missionarisch ist und auf Leute, die euch nicht so gut kennen, etwas abschreckend wirken kann?

Nathan: Das ist für mich eine sehr verwirrende Frage – ich habe immer sehr persönliche Musik gemacht. Wenn dies also jemanden stört, dann hat er mir die letzten 20 Jahre nicht zugehört.

Sicher, aber das war doch oft auch die grösste Kritik: Der Inhalt ist zu stark bei den Aussagen der „Church Of Satan“.

Nathan: Ja, aber das Buch hat diese Diskussion doch beendet. Ich sage klar, dass ich niemanden dazu inspirieren und kein grosses Thema daraus machen will. Es war nötig, dies zu erklären, damit die Leute sagen: “Ok, ich habe dich verstanden.” Es ist mir total egal, ob es jemand mag oder nicht – es gibt bestimmt genügend Glaubensrichtungen, die dir komplett egal sind. Wir als Band forcieren dies nicht und genau darum war das Buch auch für unsere Positionierung wichtig. Ebenso habe ich mit dem Buch einige persönliche Dinge geklärt und die Geschichte von boysetsfire beleuchtet. Wenn jemand ein Problem damit hat, dann soll er sich verpissen. (lacht)

Ihr denkt also nicht daran, noch mehr Symbolik einzubauen?

Nathan: Davon haben wir uns auf dieser Tour entfernt. Das letzte Mal war alles in rotes Licht getaucht, mit Ziegenschädeln und ähnlichem Zeugs – totales Klischee. Heute wirst du nebst den Schädeln auch Blumen und eine romantische Stimmung vernehmen. Mir ist Satan egal, das hat für mich keine Bedeutung. Man braucht all diese Religionen nicht. Was für jeden spricht ist die Idee, dass wir keine externen Kräfte brauchen, um uns aufrecht zu halten. Das können wir selber aus uns erschaffen. Eine Welt ohne externe Autorität, genau das unterstützen wir. Wir sollten unser Leben in vollen Zügen geniessen, fröhlich und das Beste in allem sein. Glückliche Menschen erschaffen eine glückliche Welt, und das hilft deinen Mitmenschen, sich besser zu fühlen – eine Wechselwirkung.

Nathan, im Buch schreibst du über die Schwierigkeiten zu Beginn deiner Karriere. Habt ihr denn ein paar Tipps für junge Bands?

Daniel: Seid geduldig und gebt nicht auf. Ich wollte seit ich Kind war ein “Rockstar” sein – aber wusste spätestens mit dreissig, dass es nicht passieren wird. Ich wollte mich auf die Studioarbeit konzentrieren und fünf Jahre später kommt dieser Typ an (zeigt auf Nathan) und nimmt mich in seine Band. Hier wollte ich eigentlich schon mit zwanzig sein.

In einem Keller mit Ventilen … (lachen)

Daniel: Als ich zehn war dachte ich: “Könnte ich doch bloss in einem Verliess sein. Mein Leben wäre komplett!”. Aber ja, man muss einfach weiter probieren und darf keinen Soforterfolg erwarten. Das tolle sind aber die schier unendlichen Möglichkeiten, die das Internet für Musik und Fans bereithält.

Nathan: Aber tut es nicht! Lernt einen Beruf! Sonst macht ihr es uns nur schwieriger, der Markt ist überflutet. (lacht)

Ist denn Musik das Endziel oder ein Mittel und Ort, um sich zu finden oder zu verstecken?

Nathan: Es kann alles davon sein. Musik, die Bühne oder das Studio sind unsere psychiatrischen Liegen und darauf kannst du die Musik benutzen wie du willst. Es ist ein menschliches Ritual, etwas, das mehr als Umstand und Ausdruck ist. Es ist all deine Liebe, Hass, Freude oder Lust – alles, was du in dir trägst und selten rauslässt. Dass du dich mit diesen Teilen verbinden kannst ist wichtig, so kannst du den Ausgleich finden.

Daniel: Ich war immer jemand, der es liebte zu kreieren. Und ich war immer der Studio-Nerd. Es war jedes Mal die Erlösung für mich, nach der Arbeit fähig zu sein, aus dem Nichts etwas komplett Neues aufzubauen. Ohne Erwartungen oder Termine. Es war schon immer meine glückliche Zuflucht.

Das freut mich zu hören, und besten Dank für das Interview.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Nathan Gray Collective, Hafenkneipe Zürich, 17-04-20

Nathan Gray Collective
Support: The Devil’s Trade
Donnerstag 20. April 2017
Hafenkneipe, Zürich

Es fühlte sich schon speziell, aber auch wunderbar an, Nathan Gray für einmal so nahe und im kleinen Rahmen erleben zu dürfen. Denn noch vor wenigen Jahren wäre aus dieser Wunschvorstellung bestimmt nie Wirklichkeit geworden; der Mann war mit seiner Band boysetsfire bereits zu bekannt. Doch alles hat ein Ende – oder in diesem Fall einen Neuanfang. Der Künstler suchte nach neuen Mitteln, um sich auszudrücken und seine persönlichen Anliegen noch stärker in die Musik einzubringen und formierte darum, zusammen mit Musiker und Produzent Daniel E. Smith, das Nathan Gray Collective. Und wohin passt diese Truppe besser als in die Hafenkneipe?

Wohl in einen Kerker, oder zumindest eine düstere und irgendwie bedrohliche Halle. Denn was die drei Herren in diesem kleinen Lokal ablieferten, war nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich kein leichter Brocken. Aus dem Hardcore kommend, hat sich die Musik des Nathan Gray Collective während der Arbeit am Album immer mehr Richtung Dark Wave und Synthie-Angriff entwickelt. Live gingen die elektronischen Spuren von Songs wie „Skin“ oder „Desire“ etwas unter, was aber vor allem an der körperlichen Nähe zum Schlagzeug lag. Die Vibes waren aber immer zu spüren und das Konzert hatte von Beginn an diese weitere Tiefe.

Wobei besonders Nathan Gray selber für die emotionale Bindung an seine Musik fungierte – sang der Künstler schliesslich nicht nur seine Texte, sondern durchleidete sie und benutzte die kleine Bühne als Platz des extremen Ausdrucks. Mit grossen Gesten, dem Einbringen der satanisch angehauchten Bühnendekoration und seiner wandelbaren Stimme wurden Lieder wie „At War“ und „Heathen Blood“ zu grossen Eruptionen. Natürlich drückte der Hedonismus von Herrn Gray auch hier durch, besonders bei seinen Ansagen und kleinen Erklärungen, aber es war dennoch ein berührendes und mitreissendes Konzert. Die Ablösung des Nathan Gray Collective von seiner Vergangenheit hat noch nicht komplett stattgefunden, doch weit bis zur Läuterung ist es nicht mehr.

Und wie der Abend mit „Corson“ ruhiger, aber genauso eindringlich endete, so begann er mit dem Auftritt von The Devil’s Trade. Der Musiker machte sich mit Gitarre, Kapuzenpullover und fantastischer Stimme daran, die Besucher auf die kommende Wucht vorzubereiten. Dabei zeigte sich sein Motto „Happy Music Is Shit“ als ernst gemeint und die Stücke waren oft melancholisch oder gar traurig. Schön aber, dass hinter solcher Musik Menschen lauern, die auch über sich selber lachen können. The Devil’s Trade baute somit immer wieder witzige Aussagen in sein Set ein – und Nathan Gray freute sich so sehr über den praktisch ausverkauften Raum, dass er das Grinsen fast nicht mehr wegbrachte. Wer sagte denn, dass der Teufel immer ernst sei?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.