Lorenzo

Jovanotti – Lorenzo Negli Stadi Backup Tour 2013 (2013)

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Jovanotti – Lorenzo Negli Stadi Backup Tour 2013
Label: Universal, 2013
Format: 2 CDs, 2 DVDs, Booklet in Box
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Hip-Hop, Electro

Ein solches Feuerwerk, das gleich zu Beginn von „Lorenzo Negli Stadi“ gezündet wird, gibt es selten. Ein Konzert so fulminant zu starten und die Zuschauer und -hörer gleich mit voller Wucht abzuholen, das zeugt nicht nur von Talent, sondern auch grossem Selbstvertrauen. Wobei jedem klar ist, dass ein Konzert von Jovanotti in Italien in einer anderen Liga spielt. Der Musiker wird nicht nur frenetisch gefeiert, sondern gar ein wenig vergöttert. Somit war der Abend im San Siro Stadion in Mailand komplett ausverkauft und schon vor Konzertbeginn eine grosse Party. Wenn sich Lorenzo dann auf die Bühne begab, drehten die Leute nicht nur durch, sondern katapultierten den Anlass auf einen anderen Stern.

Mit der Backup-Tour feierte sich der Italiener nicht nur selber, sondern präsentierte das neuste Album „Ora“. Darauf hatte er nicht nur Halt im Electro und im modernen Pop gefunden, sondern sich wieder einmal als gewandelten Menschen gezeigt. Diese Veränderung hatte nicht nur auf die Präsentation Einfluss, sondern auch auf die Art der Konzertgestaltung. Lieder werden gesampelt, Beats drücken durch die Gitarren und immer wieder schiessen die Hände zu wunderbaren Keyboardmelodien in die Luft. Egal ob es sich dabei um alte Tracks wie den genialen Eröffnungsmoment „Ciao Mamma“ oder brandneue Lieder wie „Il Più Grande Spettacolo Dopo Il Big Bang“ handelt, das Konzert ist ein Triumphzug über zwei Stunden. Zuschauer, Musiker und Meister selber vermischen sich zu einer grossen Einheit, feiern, singen und tanzen. Schon nur über die heimische Stereoanlage taucht man tief in den Abend und die Glückseligkeit ein, mit der DVD darf man sogar an den Bildern teilhaben. Man flackert im Strobolicht zu den Discostampfern, schwelgt in Scheinwerfern zu den intimen Texten und blüht in den Projektionen auf.

Jovanotti war nie ein Mensch, der introvertiert und mit Ruhe arbeitet, sondern zeigte sich immer ganz offen und ehrlich. Er versucht seit Karrierebeginn den Menschen die Welt zu erklären, einen besseren Weg für uns alle zu finden und uns mit seiner Musik zu berühren. Wenn man sich eine solche geniale Aufnahme eines perfekten Abends anhört, dann weiss man: Der Mann hat zu Recht einen grossen Erfolg und hat seine Mission schon fast erfüllt. Da stört zu keiner Sekunde die Grösse dieses Anlasses, nie fühlt man sich in den Massen verloren, nie erscheint die Musik künstlich. Das ist Liebe.

Anspieltipps:
Megamix, Safari, Ora, Ragazzo Fortunato

Jovanotti – Lorenzo 2015 CC (2015)

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Jovanotti – Lorenzo 2015 CC
Label: Universal, 2015
Format: Doppel-CD im Mediabook
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Indie, Dance

Jovanotti ist ein Zauberer, ein Arbeiter, ein unmögliches Phänomen. Seit Jahren ist der Künstler aus Italien nicht zu bremsen und bringt in kurzen Abständen Alben voller wunderbarer Lieder heraus. Dabei spart er weder an Einfällen noch an der Menge. Auch bei „Lorenzo 2015 CC“ erwarten den Hörer wieder 30 Stücke, verteilt auf zwei CDs. Wirklich wahnsinnig ist dabei, dass diese lange Platte erneut super geworden ist und keinen Reinfall bietet. Wie schafft man so etwas nur?

Sicherlich lässt sich Lorenzo bei seinen Liedern von anderen Musikern und Produzenten unterstützen und der Kreativprozess gleicht einem Bandverhalten. Doch die endgültigen Entscheidungen fällt immer noch der Meister selber, sonst würde er vor ungenutzter Kreativität platzen. Auch „2015 CC“ ist wieder eine Weiterentwicklung seiner Karriere und bunte Rückschau im Gleichen geworden. Bereits mit dem ersten Lied lässt er die Herzen hüpfen und die Augen nass werden: „L’Alba“ ist ein mitreissendes und wunderschönes Lied über verpasste Chancen und neue Möglichkeiten. In unverkennbarer Art singt und spricht uns Jova aus der Seele und lässt die Musik auf genau diese melancholisch-verträumte Art aufspielen, die mich immer extrem mitnimmt. Dass die Band gegenüber den älteren Alben nun noch etwas elektronischer unterwegs ist, passt perfekt. Zwar erinnern gewisse Lieder zu Beginn etwas an Eurodance, Jova verführt aber immer auf der gesunden Seite der Tanzfläche. Die Produktion ist topmodern und schafft locker den Sprung von Dance zum Indie und Folk-Rock. Dabei wagte der Musiker sich sogar in Gewässer, die an Arcade Fire und ähnlich opulente Bands erinnern. Seine eigene Identität ist aber nie gefährdet, gerade auch wegen der überlegten und sinnvollen Texte. Egal ob Jovanotti über soziale Themen, aktuelles Weltgeschehen oder Ungerechtigkeiten singt, er schafft dies immer mit einer sehr prosaischen Sprache. Die Lockerheit geht ebenso nie verloren, Weltfreude bleibt.

Auf der zweiten CD begeben wir uns mit dem Italiener auf Weltreise und machen nicht nur in Sizilien Halt, sondern vernehmen auch Einflüsse und Rhythmen aus Afrika oder Südamerika. Ob die Bläser aufspielen, Gitarren gezupft werden oder Synths Wände aufbauen, hier wird alles organisch und einheitlich. „Lorenzo 2015 CC“ ist somit ein sehr zeitgemässes Album voller Rock, Indie und Pop. Es funktioniert dabei wie ein Karrierenüberblick und hat so viele tolle Momente vorzuweisen, dass man zuerst etwas überwältigt davorsteht. Mit der Zeit erschliessen sich aber die Schichten und das Werk reisst total mit. Ein weiterer Triumph von Lorenzo.

Anspieltipps:
L’Alba, Tutto Acceso , Il Mondo E Tuo (Stasera), Perché Tu Ci Sei

Live: Jovanotti, Hallenstadion Zürich, 15-12-10

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Jovanotti
Donnerstag, 10.12.2015
Hallenstadion, Zürich Oerlikon

Wer sich intensiv mit unserer Welt beschäftigt, Dinge hinterfragt und sich informiert, der kann schnell mutlos und depressiv werden. Auch ich finde mich momentan in einer Situation, in der alles schwieriger erscheint, zu viel Ungerechtigkeit, zu viel Antipathie. Und dann kehrt das Gefühl der Einigkeit zurück, ein Mann und seine Musik machen die Welt wieder einen besseren Platz. Jovanotti besuchte das Hallenstadion in Zürich und gab der Schweiz Liebe, Melodie und Zusammenhalt.

Der italienische Megastar füllt in Europa Stadien, in seinem Heimatland ist er für euphorische Ausbrüche verantwortlich. Davon war auch in Oerlikon viel zu spüren, das zum grössten Teil italienisch sprechende Publikum zeigte sich von Beginn an ausgelassen und jubelfreudig. Lorenzo hüpfte selber, während den etwa 30 Songs voller Freude pausenlos über die Bühne – mehr Ball als Mensch. Ein unglaublich energetisches Konzert nahm seinen Anfang, die Lieder gingen ineinander über, ausruhen durfte niemand. Aber weder Publikum noch Jovanottis grosse Band wollte dies, lieber liessen sie Schlagzeug, Perkussion, Bläser oder Keyboards heiss laufen. Jova selber bewegte sich über den Steg in die Meute und gab einzelne Songs ganz reduziert mit Gitarre oder E-Drum zum Besten.

Als der Künstler dann plötzlich beim Mischpult auftauchte und dort herumturnte, fühlte man den Menschen hinter dem Namen. Ehrlichkeit und Authentizität machen nicht nur viel von seiner Musik aus, sondern spielten auch bei der Show eine Rolle. Trotz der enormen Grösse fühlte man die Intimität, die Welt und alle Menschen sind eins, wir halten zusammen und müssen positiv denken. Songs wie „L’ombelico del mondo“ oder „Penso Positivo“ erfuhren die Bearbeitung einer weiteren Dimension mit dem riesigen HD-Screen, dem aufwändigen Licht und den Laser. Videos und Filmsequenzen unterstrichen die kritischen und sozial engagierten Texte und Botschaften. Und sogar für Leute wie mich, die dem italienischen nicht mächtig sind, war der Auftritt selbsterklärend und wundervoll.

Ob „Sabato“ oder „Ragazzo Fortunado“, das Konzert gab den Leuten und mir Kraft und den Glauben an unsere Menschheit zurück. So lange es solche Leute wie Jovanotti gibt, wird es auch Hoffnung geben. Mit der Tour zu seiner neusten Platte „2015 CC“ gelang dem Musiker ein weiterer Triumph voller Gefühl und Grösse. Spätestens jetzt bin ich sein Fan und werde ihn hoffentlich noch viele weitere Male auf der Bühne erleben dürfen.

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Jovanotti – Il Quinto Mondo (2002)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Jovanotti – Lorenzo 2002* Il Quinto Mondo
Label: Soleluna, Mercury, Universal, 2002
Format: CD in Schuber
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Funk, Rap

Alles beginnt mit Flöten und einer handvoll Streicher. Man fühlt sich wie beim Betreten einer Märchenwelt, doch dann eine Gitarre, ein Rhythmus und der Gesang von Jovanotti: Willkommen in der fünften Welt und einem Album voller Erinnerungen, unzähligen Glücksmomenten und einer schier unendlichen Laufzeit. „Il Quinto Mondo“ begleitet mich seit der Schulzeit und ist bis heute eines meiner liebsten Alben. Interessant, dass ich es erst 13 Jahre nach dem Erstkontakt meiner Sammlung hinzugefügt habe. Aber für was sind Reisen nach Italien sonst da?

Der Musiker und Künstler Lorenzo Cherubini besitzt in Italien Kultstatus und veröffentlich seit 1988 Musik in diversen Formen. Egal ob wilder Rock, eingängiger Pop, funkiger Rap oder Singer-Songwriter, kein Stil ist dem Mann fremd. Wie ein Chamäleon passt er sich der Umgebung an und formt seine Stücke den Genreregeln passend. Auch „Il Quinto Mondo“ ist ein funkelnder Diamant mit vielen Seiten. In den 14 Liedern packt Jova so viele Einfälle und Geschehnisse rein, dass man auch nach knapp 80 Minuten Laufzeit immer noch nicht genug hat. Wo andere Bands bereits an der Halbstundengrenze scheitern, da lacht sich der Italiener nur ins Fäustchen und wirft dem Hörer vor Albumschluss noch einen fast 15 Minuten langen Rap vor die Füsse. Aber es funktioniert, denn obwohl ich die Sprache praktisch nicht verstehe, versprüht sein Sprechgesang eine Faszination und einen grossen Reiz. Die Texte behandeln wichtige Themen wie Gleichberechtigung, Globalisierung, Menschenrechte und Politik. Natürlich erhält auch die Liebe ihre Plattform, verfällt aber nie in billige Klischees. Es lohnt sich also, Übersetzungen der Texte zu lesen oder gleich die Sprache zu lernen. Jovanotti macht sich viele Gedanken um die Welt und unser Tun darin, genau so viel Energie steckt er auch in die Musik. Was hier alles an Melodie und Verspieltheit zu hören ist sucht Seinesgleichen. Unzählige Instrumente kommen zum Einsatz, die Lieder verfallen immer wieder in Instrumentalpassagen und der Gesang wechselt zu Rap und zurück. Klavierakkorde verdrängen Streicher, Trompeten überfallen Gitarren und das Schlagzeug begleitet das Banjo. Kein Wunder, waren neun weitere Musiker an der Entstehung des Albums beteiligt und liessen die Fantasien von Jova Realität werden.

2002 lernte ich Jovanotti mit „Il Quinto Mondo“ in der Schule kennen, vertiefte meine Liebe zur Platte dank meiner Mutter und traf immer wieder mal auf einzelne Lieder dieses grossartigen Werkes. Und jetzt endlich steht die CD auch in meinem Regal und läuft seit einer Woche praktisch jeden Tag. Abnutzung gleich Null, Genie von Jova unmessbar. Wer sich schon immer mal mit der italienischen Musikszene oder Herr Cherubini beschäftigen wollte, der muss hier zugreifen. Eine perfekte Scheibe für eine nicht so perfekte Welt.

Anspieltipps:
Un Uomo, Albero Di Mele, Date Al Diavoto Un Bimbo Per Cena