Neil Young

Neil Young – Peace Trail (2016)

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Neil Young – Peace Trail
Label: Reprise Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Folk-Rock, Country

In einer fruchtbaren Erde wachsen zärtliche Pflanzen schnell – somit konnte auch Legende und Kanadischer Musiker Neil Young auf dem Boden seines Livealbums „Earth“ bereits die Samen für das unglaublich rasch hingezauberte Album „Peace Trail“ pflanzen. Der Künstler verlässt dabei kurz die Pfade mit seiner Band Promise Of The Real und wagt sich fast akustisch und mit nur zwei Begleitmusiker in reduziert aufgenommene Lieder. Doch etwas komplett Neues gibt es zu vermelden: Der Mann hat den Vocoder für sich entdeckt und lebt diese Aufregung in vielen Stücken stark aus.

Mit „Peace Trail“ bleibt Neil Young in seinen bekannten Schuhen – er mischt weiterhin seine nölende Stimme mit Protesttexten, knapp ausformulierten Melodien und eine unscheinbar auftretenden Backing-Band. Irgendwo zwischen Folk-Rock, Country und Americana landet er mit Liedern wie „John Oaks“ in staubigem Gras und heisser Sonne. Spannenderweise scheint das Album aber in seiner schier überhasteten Produktion immer wieder halbes auseinander zu fallen. Die Instrumente berühren sich selten, es herrscht viel Leerraum. Oft hatte ich das Gefühl, die weiterhin gelungenen Ideen von Neil Young leiden hier etwas in der ungenauen Ausführung. Das Potential der Songs bleibt zu versteckt, da hilft auch die gesampelte Stimme nicht wirklich.

Es ist beachtlich, dass mit „Peace Trail“ schon wieder ein neues Werk von Neil Young erschienen ist – und der Mann damit weiterhin aktuell und wichtig bleibt. Doch etwas mehr Effort hätte Stücke wie „Can’t Stop Workin'“ noch viel besser machen können. Die Platte ist zwar kein totaler Ausfall, man reiht sie aber auch nicht neben die Klassiker des Musikers ein. Zu vieles versinkt in Gleichförmigkeit, zu merkwürdig sind Übungen wie „My New Robot“. Obwohl, genau dieser krumme Humor und die Angriffigkeit machten den schrägen Kauz Young ja auch immer interessant.

Anspieltipps:
Peace Trail, John Oaks, My New Robot

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Neil Young – Earth (2016)

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Neil Young + Promise Of The Real – Earth
Label: Reprise Records, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock

Da lachen ja die Hühner! Wer ausser der Rock- und Protest-Legende Neil Young dachte sich wohl, dass ein Livealbum nach der Beigabe von Tiergeräuschen besser sein soll? Ein solcher Musiker hat es eigentlich nicht nötig, seine Aufzeichnungen von tollem Psychedelic-Folk-Rock mit diesen Einspielungen zu verwässern. Dazu kommt, dass auf „Earth“ auch bei der Musik und dem Gesang Hand angelegt wurde. Wahrlich live ist dies nicht mehr, zwar energisch und kämpferisch, aber auch immer gefährlich nahe an der Selbstparodie.

Zwar bleibt Neil Young mit seiner Musik, seinen textlichen Angriffen auf Weltkonzerne, Politiker und Umweltverschmutzer immer noch relevant – hier spürte er sich aber selber etwas zu wenig. Die Welttournee zu „The Monsanto Years“ führte alte und neue Protestsongs zusammen, man findet auf „Earth“ somit Klassiker und neue, ohrenbetäubende Jams. Leider teilweise in etwas fragwürdiger Qualität präsentiert und wie oben gesagt, immer wieder garniert mit schnatternden Gänsen, summenden Bienen oder dem Rauschen des Windes in den Bäumen. Das bringt den Hörer nicht mit Gaia in Einigkeit, sondern raubt ihm eher die Nerven.

Schade ist dieser Umstand, da Protest von Neil Young immer interessant ist. Mit diesem Experiment hat er sich aber selber ein kleines Ei gelegt und ein krudes Mittelding zwischen schlechtem Album und besserem Liveauftritt erschaffen. „Earth“ ist eine dieser Scheiben, die man sich wohl einmal anhört und dann unter dem Berg aus stärkeren Neil Young-Alben vergisst. Schade, denn gerade die letzte, fast 30 Minuten lange Nummer „Love And Only Love“ zeigt sein Genie.

Anspieltipps:
Mother Earth, Hippie Dream, Love And Only Love

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Crosby, Stills, Nash & Young ‎– Déjà Vu (1970)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Crosby, Stills, Nash & Young ‎– Déjà Vu
Label: Atlantic, 1970
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Folk, Rock

Mein Musikgeschmack ist seit jeher sehr breit gefächert, fleissigen Lesern dieses Blogs wird das bestimmt aufgefallen sein. Was aber eher selten passiert ist, dass ich Platten, die in der Zeit vor den 90ern aufgenommen wurden, abspiele. Das heisst nicht, dass ich diese Musik nicht schätze (schliesslich fundiert sie als Grundstein aller heutigen Bands), aber das aktuelle Geschehen der Szene fasziniert mich zu sehr. Trotzdem hat sich mit der Zeit das Album „Déjà Vu“ von CSN&Y in meine ewige Bestenliste eingeschlichen. Ein Hippiefolkrock Album aus dem Jahre 1970, entspannend wie ein sommerlicher Tag in der Sonne, damals schon ein Hit und grosser Erfolg.

Denn hiermit legten die Herren David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young ihre erste gemeinsame Kollaboration zu viert vor und stiessen überall nur auf Begeisterung. Verwundern dürfte dies niemanden, denn das Album startet mit „Carry On“ bereits mit einem klassischen Lied der Hippiezeit. Mehrstimmiger Gesang, flirrende Gitarren und viel Gefühl der Freiheit und des Friedens. In der Mitte wechselt das Lied dann plötzlich die Stimmung und groovt mit lockerem Takt weiter, ohne die Blumenstimmung zu verlieren. Diese Wechsel finden im weiteren Verlauf immer wieder statt, aber nun nur noch zwischen den einzelnen Liedern. Jedes Stück auf „Déjà Vu“ hat seine komplett eigene Atmosphäre und weicht manchmal mehr in Richtung Country (Teach Your Children) oder starkem Rock (Almost Cut My Hair). Zusammen ergeben sie auch heute noch eine bunte Mischung der damals aktuellen Strömungen im Folk-Rock, fast ein Überblick zur abflauenden Hippiebewegung mit grossartiger, musikalischer Untermalung. Jeder der vier Herren darf als Songwriter brillieren und täuscht mit der Qualität der Lieder über die schwierige Zeit bei der Aufnahme hinweg. Scheinbar waren CSN&Y keine harmonische Gruppe, sondern verstrickten sich in mühsame Diskussionen und Uneinigkeiten. Das ist schwer zu glauben, denn das Album ist ein perfekt balanciertes und ausformuliertes Werk der damaligen Zeit. Viel Folk, noch mehr Rock, etwas Country und die Harmlosigkeit der Weltverbesserer.

Abwechslung bietet auch der Gesang, der je nach Song von anderen Musikern stammt, und sogar Neil Young klingt hier noch jung (auch wenn er schon damals kein guter Sänger war, im eigentlichen Sinn). Somit ist die erste Scheibe der neu formierten Crosby, Stills, Nash And Young ein Triumphzug, und fast jedes Lied wurde ein Klassiker. Abstriche sind nur bei wenigen Momenten zu machen, wie beim etwas trägen „Our House“. Glanzstücke wie das mehrteilige „Country Girl“ machen dies aber immer wett. Mit „Déjà Vu“ wurde von vier grossartigen Musikern ein ihnen ebenbürtiges Werk geschrieben, das bis heute nichts von seiner Faszination oder Wirkung verloren hat.

Anspieltipps:
Carry On, Almost Cut My Hair, Country Girl

Pono Music – Revolution unserer Hörgewohnheiten?

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Neil Young, Musiker, Weltverbesserer, Sound-Fetischist. Und bald auch Verantwortlicher einer Klang-Revolution? Scheinbar, denn seit einiger Zeit bastelt Herr Young mit einem grossen Team aus Experten und Techniker an einem neuen, digitalen Abspielgerät namens Pono Music.

Normal betrachtet, ist Pono Music ein tragbarer Player wie jeder andere. Am PC wird die digitale Musik per Programm auf den Player übertragen, Kopfhörer eingesteckt und das Gerät in die Tasche gesteckt. Musikgenuss für unterwegs.
Neil Young reicht dies aber nicht. Songs und Alben sollen von allen Menschen so gehört werden können, wie der Musiker diese im Studio wahrnimmt. Also Qualitativ hervorragend, mit viel Tiefe und Volumen. Standardmäßig verwendete Formate wie MP3 verlieren durch ihre Kompression zu viel Klanginformation um dieses Erlebnis simulieren zu können. Mit dem bei Pono verwendeten Filetyp FLAC (loseless Audio) kann das Spektrum um viele Prozente erweitert werden. Bässe werden druckvoller, Höhen klarer und auch feine, in den Hintergrund gemischte Spuren werden vom Hörer bewusst erfasst. Um diese Datenmenge korrekt wiedergeben zu können, muss das Abspielgerät leistungsvoller sein als z.B. ein iPod. Die Entwickler wählten hierzu eine tobleroneartige (sic!) Form um alle Bauteile einfügen zu können. Ebenso verfügt der Pono nicht nur über einen Kopfhörerausgang, sondern einen Anschlussstecker um die Hi-Fi Anlage damit zu verbinden. Qualitativ hochwertig Musik kann also auch im Wohnzimmer gelauscht werden. Das Display funktioniert mit den gängigen Wischgesten und dreht sich mit der Ausrichtung. Der Player kann somit liegend auf dem Tisch platziert werden.

Technisch alles modern und gut ausgearbeitet stellt sich für mich nun die Hauptfrage: Welcher Unterschied ist wirklich hörbar? Wird das Konsumieren von Musik wirklich neu definiert? Sicherlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Die Ausgangsdateien müssen in hoher Qualität vorhanden sein, die Kopfhörer / Stereoanlage sollten wohl aus einer eher edlen Preisklasse stammen. MP3-Files gehört mit Beats Kopfhörer werden wohl auch durch Pono nicht besser. Der Benutzer wird also praktisch gezwungen seine Musikbibliothek im neuen Format nach zu kaufen (pro Album voraussichtlich 15-25 Dollar) und in Hardware zu investieren. Der Speicherplatz des Players ist mit 128 GB ebenfalls etwas klein, so füllen gewisse Alben in FLAC schnell mal über 1GB. Toll ist hier allerdings, dass das Gerät über einen Steckplatz für eine Speicherkarte verfügt. Je nach Anlass und Stimmung können somit Musiksammlungen zusammengestellt und mitgeführt werden. Für Personen wie mich, die gerne all ihre Musik mit sich tragen aber ein No-Go, oder man lernt sich zu beschränken. Auch die gewählte Geometrie des Gehäuses erscheint mir unhandlich, so kann der Player nicht in der Hosentasche verstaut werden.

Ein Fazit lässt der aktuelle Informationsstand aber nicht zu, dazu müsste der Pono getestet werden können. Sicherlich ist es lobenswert, dass Neil und Konsorten versuchen, den Otto Normal Hörer zu einem mehr bewussten Konsumverhalten und zu höheren Ansprüchen zu führen. Ob Pono der Weg ist? Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Aktuell ist der Player per Kickstarter vorbestellbar, auch als Signature-Edition diverser Künstler. Preis: 300 Dollar. Das Projektziel von einer knappen Million Dollar wurde schon vierfach übertroffen, hergestellt wird diese Sonderserie auf jeden Fall.

Links: Kickstarter, Website

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