Deluxe Edition

Ellie Goulding ‎– Halcyon Days (2013)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Ellie Goulding ‎– Halcyon Days
Label: Polydor, 2013
Format: 2 CDs im Digipak mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synth-Pop, Electro

Pop kann ein wunderbares Genre sein, voller blühender Ideen und Experimente. Seit einigen Jahren wird die Musikrichtung immer mehr von ihrer elektronischen Schwester in Befang genommen und vermengt. Eine Entwicklung die mir eigentlich gut gefällt, solange alles mit Stil gemacht wird und nicht ab der Stange kommt. Die britische Künstlerin Ellie Goulding weiss dies seit ihrem zweiten Album „Halcyon“ sehr gut herzurichten und beweist ihr Talent. Dabei half wohl auch ihre Partnerschaft mit Skrillex, wobei sein Einfluss hier eindeutig positiv zu werten ist. War auf dem Debüt die Musik noch eher im zurückhaltenden Stil, öffneten sich bei „Halcyon“ alle Tore und die Gehörgänge wurden geflutet. 2013 wurde das Album dann mit einer Bonus-CD wiederveröffentlicht, zehn weitere Lieder die das Grundgerüst wunderbar ausbauen und ergänzen.

Ellie Goulding strahlt bei ihrem Gesang immer viel Charisma aus, ihre Stimme hebt sich angenehm von all den anderen Popstars ab. Mit ihrer eher tiefen Stimmlage ertönen die Texte gerne mal nachdenklich und bleiben am Boden, Ausbrüche in den Refrains driften dann freudig in hohe Lagen. Das Sampling kommt oft zum Zug und die Sängerin vervielfacht ihre Stimme und nimmt den Gesang auseinander. Das unterstützt den elektronisch gehaltenen Klang des Albums in bester Form und fügt sich in die Melodien der Synths und Beats ein. Ob ein Lied nun davonstapft wie „Anything Could Happen“, oder sich langsam am Boden windet wie „Explosions“, die Gefühle sind die wichtigste Komponente der Musik und werden von Ellie offen hingelegt. Auf den zwei CDs gibt es in dieser Deluxe-Fassung so viele Highlights, dass ich gar nicht weiss, welche nun die stärksten sind. Frau Goulding weiss, wie sie mich um den Finger wickeln muss, da reicht die Musik auch ohne tolle Bilder. „Figure 8“ – mein wohl immer noch liebster Track von Halcyon – soll hier mal als Paradebeispiel stehen. Der Aufbau unterscheidet sich nicht stark von vielen anderen Songs im Bereich des Pop, weiss aber mit dem Dubstep-Einfluss und stark wummernden Bass die Musik in den Club zu tragen. Die Stimmung kippt aber nie ins Lächerliche, da Gesang und Melodie eher nachdenklich bleiben und den Hörer dazu auffordern, sein Inneres nach aussen zu kehren und den Ausdruckstanz zu üben. Eine reine Wucht, eine Urgewalt, ein Zustand den Ellie oft erreicht: In „Hanging On“ mit dem späten Einstieg und extrem hohen Gesang, in „Goodness Gracious“ mit der Fröhlichkeit und in „You My Everything“ mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

„Halcyon Days“, als Gesamtwerk über zwei Scheiben, ist ein schier unendlicher Schatz an glitzernden Perlen und kleinen Schmuckstücken. Synth-Pop war bisher fast nie so modern und eigenständig, und wird viel zu selten von einer so sympathischen Person wie Ellie aufgeführt. Ohne sich den eigentlichen Gesetzen des Genres zu verweigern, erschuf sie ein Album und eine EP mit Seele, Pop für den Tänzer, Electro für die Liebenden. Und obwohl nicht alles komplett überzeugt, meine herzförmigen Hände und meine freudige Erwartung auf weitere Alben hat sich Ellie bei mir für immer gesichert.

Anspieltipps:
Figure 8, Hanging On, You My Everything, Stay Awake

Steve Jansen – Slope (2007)

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Steve Jansen – Slope
Label: Samadhisound, 2007 / Remastered Edition: Burning Shed, 2013
Format: 3 CDs im Digipak, Booklet
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock, Experimental, Ambient

Feines Klimpern, sanfte Perkussion und eine Stimme im Hintergrund: „Slope“ startet mit „Grip“ zaghaft und umgarnt den Hörer zuerst mit klaren und hohen Tönen, teilweise willkürlich angeordnet. Doch in all dieser losen Gestaltung erfasst das Album den Boden und weisst hohe Haftung auf. Der Songtitel ist also doch mit Hintergrund und passend gewählt. Eine Eigenschaft, die sich über das gesamte Werk feststellen lässt. Slope, englisch für Abhang oder Böschung, ist wahrlich eine etwas gekippte Sache, immer kurz vor der Kante stehend, dabei den festen Stand aber innehaltend. Ein Blick in den Abgrund ist erlaubt, das Verlieren darin ungesund.

Steve Jansen veröffentlichte sein erstes richtiges Soloalbum 2007 auf dem eigenen Label, und zeigte auf der Scheibe eine unglaubliche Breite an Möglichkeiten und Färbungen. Nicht nur die verhaltene Elecotronica darf sich ausleben, auch der Art-Rock und Ambient halten Einzug. Mit „Cancelled Pieces“ findet man Spuren von Jazz und Pop, vermengt in einem Lied, das von seinen Schlägen neben dem Takt und dem tollen und versetzten Gesang von Anja Garbarek lebt. Gerade die Gastteilnehmer machen aus den einzelnen Songs oft Perlen und verleihen „Slope“ die gewünschte Anmut; Thomas Feiner und David Sylvian entzücken. Dabei hält das Album konstant die Balance aus Klangspielerei und Liedprodukt, mal mit Schwerpunkt auf den instrumentalen Experimenten, dann wieder auf konventionellen Strukturen. Steve Jansen versteht es, Digital und Analog als Gesamtheit zu präsentieren, ohne Lücken zu offenbaren. Dank der wunderbar aufgemachten Neuauflage von Burning Shed kann man nun noch tiefer in die Welt von „Slope“ eintauchen. Mit „The Occurrence Of Slope“ erhält man eine Liveversion des Albums aus Tokio, die nicht nur alle Gäste bietet, sondern den Songs mehr Leben und Tiefe verleit. Wie oft bei Livevarianten erhalten die Songs hier mehr Druck und entfernen sich teilweise von ihrem minimalistischen Gewand. Wer sich aber im Ambient zuhause fühlt, darf mit der dritten CD einen Freudentanz aufführen. „Sound For Film“ bietet Jansens ruhige Arbeiten für das Bildmedium und präsentiert viele Stücke in verlängerter Fassung. Gerade das sehr stille und wunderbar lange „Assent“ ist grossartig knapp.

„Slope“ hat mich am Anfang etwas verwirrt, doch ich habe das Album nun lieben gelernt. Die oft mutige Kombination aller oben genannter Stilrichtungen ist nicht immer einfach, aber hat einen grossen Reiz. Die Platte weiss höflich mit ihren Grosseltern Jazz und Pop umzugehen, ist ein gutes Kind von Art-Rock und Ambient, und lebt seine wilden Jahre in der avantgardistischen Electronica aus. Ein Bastard ohne geheime Herkunft.

Anspieltipps:
Cancelled Pieces, Playground Martyrs, Ballad Of A Deadman / Assent (Swimming In Qualia)