Universal

Jeans For Jesus – P R O (2017)

Jeans For Jesus – P R O
Label: Universal, 2017
Format: Download
Links: FacebookBand
Genre: Future-Pop, Mundart, Electronica

Die Antihaltung geht weiter, die Dekonstruktion aller Modeströmungen und Traditionen gewinnt. Auch mit ihrem zweiten Album schert sich die Berner Band Jeans For Jesus weder um aktuelle Standards noch den hübschen Schein. „P R O“ nimmt den Mundart-Pop weiterhin in die Mangel und zeigt der heutigen Generation und vor allem der Hipster-Strömung, dass eine gehörige Tracht Prügel in musikalischer Form mehr bringt als jeder Hashtag. Da stört es auch zu keiner Sekunde, dass die Band nun bei Universal zu Hause ist und nebst dem Album auch gleich ein Parfüm nachreicht.

Im Gegensatz zum Debüt findet man hier auf Anhieb zwar keine riesigen Hits, dafür Lieder mit Tiefgang und versteckten Reizen. So will uns „Europe“ mit französischem Text glaubhaft machen, dass die Zeit von „La Boum“ nie enden wird, „Schulden“ holt als Zwischenspiel den funky Bass in den elektronischen Pop und „Tell Em“ nimmt die Kommunikation und Darstellung der Jugend auseinander. Dank den Texten positionieren sich Jeans For Jesus an der richtigen Ecke in der Stadt und lassen in „Puli“ auch gleich eine Hymne für die Toleranz aus dem Stall. Allgemein findet man auf „P R O“ viele Thesen für das Andersdenken, für das Einlassen auf Experimente. Mit hoher Gesangsstimme und oft gerne auch billigen Synthie-Effekten werden Lieder aufgebaut und umgeworfen.

Jeans For Jesus zeigen 2017, dass es wohl nirgends sonst in der Schweiz eine gleichwertige Band gibt. Hier trifft die Mundart-Sitte auf Future-Pop und Retro-Wave – gemischt mit Electronica, Rap und Rückbau. Und obwohl man mit gleich 18 Songs etwas grossspurig auftritt, wird das Album weder langatmig noch repetitiv. In jedem Stück gibt es wieder neue Einfälle und sanfte Angriffe, da braucht es auch keine Gitarren, um die Finger zu Luftübungen antreten zu lassen. „P R O“ zementiert nicht nur die Stellung der jungen Gruppe, es strahlt auch in Neonfarben über den Einheitsbrei und die Kantonsgrenzen hinaus. Ich bin dafür.

Anspieltipps:
Europe, Puli, Pierce The System, Wosch No Chli Blibä

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ryan Adams – Prisoner (2017)

Ryan Adams – Prisoner
Label: Blue Note / Universal, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Country, Folk-Rock

Wie findet man für sein 16. Studioalbum noch neue Inspiration? Ryan Adams greift unfreiwillig auf die mächtigste Kraft in der populären Musik zurück – die Liebe und den Schmerz des Verlustes. Beeinflusst von seiner Trennung von Mandy Moore liefert der Musiker aus den USA mit „Prisoner“ ein Werk ab, das aber nie in die Schluchten der Trauer fällt, sondern in seiner Folk-Rock-Form immer wieder für ein angenehmes Gefühl sorgt. Besonders in der ersten Hälfte verleihen einem die Songs ein gar beschwingtes Gefühl und bereits nach wenigen Minuten brennen sich einzelne Momente und Lieder in das Herz ein.

„Prisoner“ ist somit nicht nur ein Abschluss, sondern auch ein Beginn – wie der erste Augenkontakt mit einer zukünftigen Liebschaft. Schon alleine wie „Do You Still Love Me?“ die Platte mit sanfter Orgel und dann plötzlich ausbrechenden Gitarren beginnt – herrlich. Wenn dann Ryan Adams mit „I’ve Been Thinking About You Babe / You’ve been on my mind“ die Stimme von Richard Ashcroft streift, ist klar: Hier blieb vieles von dem Taylor Swift-Coveralbum hängen. Der Alternative Country mischt sich mit Pop, es kanalisiert die aktuellen Strömungen. In den besten Momenten erinnert Adams dabei an Bruce Springsteen („Haunted House“), in den schlimmsten erhält man lyrische Klischees und eine Standardinstrumentalisierung.

Doch als Gesamtwerk funktioniert „Prisoner“ – wird hier doch wieder mit der geerdeten Sehnsucht und den realen Träumereien gespielt. Ryan Adams war schon immer einer der zugänglichsten Künstler im modernen Country-Rock, und dies bleibt auch 2017 so. Egal ob der Herzschmerz manchmal etwas zu stark wird, die Mischung aus Folk und Americana birgt auch immer Hoffnung. „We Disappear“ beendet die Platte zwar etwas resigniert, doch Adams zeigt damit nur, dass er wiederum mit Musik eine Phase abschliessen konnte.

Anspieltipps:
Do You Still Love Me?, Haunted House, We Disappear

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris (2016)

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U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris
Label: Universal, 2016
Format: Box mit Bluray, DVD, USB-Stick, Buch
Links: Discogs, Band
Genre: Stadion-Rock, Pop

Die Welt ist gespalten, die Meinungen gehen auseinander und die irische Band – welche schon immer polarisierte – teilte auf ihrer letzten Tour sogar eigenmächtig das Publikum und ihre Show. U2 nahmen vielen negativen Stimmen mit ihrer „iNNOCENCE + eXPERIENCE“-Weltreise bald die Worte aus dem Mund und liessen so manchen staunen: Denn was die vier Iren in Paris ablieferten war grosse Klasse und versetzte die Kunst der Arena-Shows in eine neue Dimension. Wie gewohnt mit starkem Bezug zum Weltgeschehen und vielen Hits, neu aber auch mit Konzept und rotem Faden, welche die Songs verbindet. Dank der kernigen Regie von Hamish Hamilton lässt sich der Abend nun immer wieder durchleben.

Fast wäre es nicht zu diesem Konzert in Frankreich gekommen, denn am eigentlichen Datum wurden in Paris mehrere Terroranschläge verübt und die Krisen, welche Europa auseinanderzureissen scheinen, waren nicht mehr nur ein Gedanke hinter Projektionen und Liedern. Doch U2 hielten ihr versprechen und brachten den Zirkus, die Hoffnung und die musikalische Liebe in die Stadt zurück. Topmodern, filigran und doch effektiver als jemals zuvor – mit einem riesigen, begehbaren Screen in der Hallenmitte, zwei verbundenen Bühnen und einer Show, die zuerst die Vergangenheit beschwor und somit die Zukunft gestaltete. Obwohl die Musik von ihrem neusten Album gegenüber den alten Hits viel an Qualität missen lässt, als Aufarbeitung von U2s Herkunft erhielten „Cedarwood Road“ oder „Raised By Wolves“ neue Energie.

Verknüpft mit Klassikern wie „Until The End Of The World“, „Bullet The Blues Sky“, „Pride“ oder „I Will Follow“ erschufen U2 eine Erzählung, welche politische Kritik, Rückbesinnung auf die eigene Herkunft, die Widersprüche des Rockstarlebens und zwischenmenschliche Liebe als Gesamtheit in der Rockmusik platziert. Bono versuchte nicht den Zuschauern seine Ideologie aufzuzwingen sondern zeigt, wie schön es hier auf der Welt doch sein könnte – wie wir alle zusammenhalten und uns gegen die inneren und äusseren Zwänge stellen müssen. „Love Over Fear“,  besonders in schwierigen Zeiten wie diesen.

Natürlich ist es einfacher, grosse Gedanken mit grosser Technik in die Welt zu tragen. Doch egal wie oft die Band durch den gewaltigen Bildschirm läuft, Lieder via Smartphone direkt in die ganze Welt übertragen werden oder Lichter die Halle und die Menschen in Farben und Schatten tauchen – die Begeisterung der Besucher, die Zugänglichkeit von U2, die emotionalen Bezüge zur aktuellen Weltlage machten aus „iNNOCENCE + eXPERIENCE“ mehr als nur eine Konzertreihe – es ist der Beweis, dass U2 weiterhin die Könige des Stadion-Rock sind. Schneidende Gitarren und kunstvolle Zitate, wunderschöne Animationen und drückende Bässe – Hoffnung, Geborgenheit, Euphorie. Und dann waren plötzlich noch die Eagles Of Death Metal da und trotzten der Gewalt und dem Hass, gemeinsam als Musiker, gemeinsam als Menschen. Wir alle.

Anspieltipps:
Cedarwood Road, Until The End Of The World, Bullet The Blue Sky, Zooropa

Underworld – Barbara Barbara, We Face A Shining Future (2016)

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Underworld – Barbara Barbara, We Face A Shining Future
Label: Universal, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: House, Techno, Electronica

Schaut nach vorne, nicht zurück – da erwartet uns eine schillernde Zukunft und Wohlstand. Und lange musste man von diesem Moment träumen, der scheinbar nie eintreffen wollte. Sechs lange Jahre liegen zurück, seit das englische Duo Underworld ihr letztes Album auf die Welt brachte. „Barking“ überraschte damals mit ungewohnter Popnähe und vielen Produzenten. Jetzt endlich ist aber die neuste Scheibe von Rick Smith und Karl Hyde da – und wieder genau so, wie man es sich von den Herren wünscht. Stimmungsvoll, treibend, faszinierend.

Wie schon immer beweisen Underworld auch mit „Barbara Barbara, We Face A Shining Future“ Geschmack. Das beginnt bereits bei der Gestaltung und dem Cover, dem Albumtitel und natürlich den Lyrics. Karl Hyde weiss einmal mehr seine Texte mit wenigen Sätzen und Wortreihen interessant zu gestalten und perfekt in die Musik einfliessen zu lassen. Die Symbiose aus Stimme und Synths ist perfekt, keine andere Gruppe aus dem elektronischen Bereich kann ihnen das Wasser reichen. Natürlich geht diese Perfektion auch weiter bei den Harmonien, Melodien und Beats. Ob wild verzettelt wie in „I Exhale“, sehnsüchtig schwelgend bei „Nylon Strung“ oder völlig abdriftend in „Santiago Cuatro“ – Underworld erreichen auf diesem Album eine wahnsinnig hypnotische Mischung. Stimmungswelten voller Klangflächen, Ambientwolken und mitreissende Rhythmen. Das Duo legt hiermit eine der besten House / Techno Scheiben seit langem vor, und wohl zugleich auch ihre eigene beste Arbeit seit sehr, sehr langem. Das Album spielt mit Referenzen an die Vergangenheit der Gruppe, ist aber immer modern und progressiv.

Mit ihrem neusten Werk haben es Underworld wieder einmal geschafft und ein vereinnehmendes Stück elektronische Musik erschaffen. Somit muss man nicht lange träumen und hoffen, „Barbara Barbara, We Face A Shining Future“ macht die Gegenwart wunderschön und glänzend. Fantastisch durchdacht, ausgeführt und aufgenommen. Die sieben neuen Lieder machen glücklich und beweisen: Underworld sind die besten, bleiben die besten, sind für immer.

Anspieltipps:
I Exhale, Slow Burn, Nylon Strung

Jovanotti – Lorenzo Negli Stadi Backup Tour 2013 (2013)

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Jovanotti – Lorenzo Negli Stadi Backup Tour 2013
Label: Universal, 2013
Format: 2 CDs, 2 DVDs, Booklet in Box
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Hip-Hop, Electro

Ein solches Feuerwerk, das gleich zu Beginn von „Lorenzo Negli Stadi“ gezündet wird, gibt es selten. Ein Konzert so fulminant zu starten und die Zuschauer und -hörer gleich mit voller Wucht abzuholen, das zeugt nicht nur von Talent, sondern auch grossem Selbstvertrauen. Wobei jedem klar ist, dass ein Konzert von Jovanotti in Italien in einer anderen Liga spielt. Der Musiker wird nicht nur frenetisch gefeiert, sondern gar ein wenig vergöttert. Somit war der Abend im San Siro Stadion in Mailand komplett ausverkauft und schon vor Konzertbeginn eine grosse Party. Wenn sich Lorenzo dann auf die Bühne begab, drehten die Leute nicht nur durch, sondern katapultierten den Anlass auf einen anderen Stern.

Mit der Backup-Tour feierte sich der Italiener nicht nur selber, sondern präsentierte das neuste Album „Ora“. Darauf hatte er nicht nur Halt im Electro und im modernen Pop gefunden, sondern sich wieder einmal als gewandelten Menschen gezeigt. Diese Veränderung hatte nicht nur auf die Präsentation Einfluss, sondern auch auf die Art der Konzertgestaltung. Lieder werden gesampelt, Beats drücken durch die Gitarren und immer wieder schiessen die Hände zu wunderbaren Keyboardmelodien in die Luft. Egal ob es sich dabei um alte Tracks wie den genialen Eröffnungsmoment „Ciao Mamma“ oder brandneue Lieder wie „Il Più Grande Spettacolo Dopo Il Big Bang“ handelt, das Konzert ist ein Triumphzug über zwei Stunden. Zuschauer, Musiker und Meister selber vermischen sich zu einer grossen Einheit, feiern, singen und tanzen. Schon nur über die heimische Stereoanlage taucht man tief in den Abend und die Glückseligkeit ein, mit der DVD darf man sogar an den Bildern teilhaben. Man flackert im Strobolicht zu den Discostampfern, schwelgt in Scheinwerfern zu den intimen Texten und blüht in den Projektionen auf.

Jovanotti war nie ein Mensch, der introvertiert und mit Ruhe arbeitet, sondern zeigte sich immer ganz offen und ehrlich. Er versucht seit Karrierebeginn den Menschen die Welt zu erklären, einen besseren Weg für uns alle zu finden und uns mit seiner Musik zu berühren. Wenn man sich eine solche geniale Aufnahme eines perfekten Abends anhört, dann weiss man: Der Mann hat zu Recht einen grossen Erfolg und hat seine Mission schon fast erfüllt. Da stört zu keiner Sekunde die Grösse dieses Anlasses, nie fühlt man sich in den Massen verloren, nie erscheint die Musik künstlich. Das ist Liebe.

Anspieltipps:
Megamix, Safari, Ora, Ragazzo Fortunato

Jovanotti – Lorenzo 2015 CC (2015)

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Jovanotti – Lorenzo 2015 CC
Label: Universal, 2015
Format: Doppel-CD im Mediabook
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Indie, Dance

Jovanotti ist ein Zauberer, ein Arbeiter, ein unmögliches Phänomen. Seit Jahren ist der Künstler aus Italien nicht zu bremsen und bringt in kurzen Abständen Alben voller wunderbarer Lieder heraus. Dabei spart er weder an Einfällen noch an der Menge. Auch bei „Lorenzo 2015 CC“ erwarten den Hörer wieder 30 Stücke, verteilt auf zwei CDs. Wirklich wahnsinnig ist dabei, dass diese lange Platte erneut super geworden ist und keinen Reinfall bietet. Wie schafft man so etwas nur?

Sicherlich lässt sich Lorenzo bei seinen Liedern von anderen Musikern und Produzenten unterstützen und der Kreativprozess gleicht einem Bandverhalten. Doch die endgültigen Entscheidungen fällt immer noch der Meister selber, sonst würde er vor ungenutzter Kreativität platzen. Auch „2015 CC“ ist wieder eine Weiterentwicklung seiner Karriere und bunte Rückschau im Gleichen geworden. Bereits mit dem ersten Lied lässt er die Herzen hüpfen und die Augen nass werden: „L’Alba“ ist ein mitreissendes und wunderschönes Lied über verpasste Chancen und neue Möglichkeiten. In unverkennbarer Art singt und spricht uns Jova aus der Seele und lässt die Musik auf genau diese melancholisch-verträumte Art aufspielen, die mich immer extrem mitnimmt. Dass die Band gegenüber den älteren Alben nun noch etwas elektronischer unterwegs ist, passt perfekt. Zwar erinnern gewisse Lieder zu Beginn etwas an Eurodance, Jova verführt aber immer auf der gesunden Seite der Tanzfläche. Die Produktion ist topmodern und schafft locker den Sprung von Dance zum Indie und Folk-Rock. Dabei wagte der Musiker sich sogar in Gewässer, die an Arcade Fire und ähnlich opulente Bands erinnern. Seine eigene Identität ist aber nie gefährdet, gerade auch wegen der überlegten und sinnvollen Texte. Egal ob Jovanotti über soziale Themen, aktuelles Weltgeschehen oder Ungerechtigkeiten singt, er schafft dies immer mit einer sehr prosaischen Sprache. Die Lockerheit geht ebenso nie verloren, Weltfreude bleibt.

Auf der zweiten CD begeben wir uns mit dem Italiener auf Weltreise und machen nicht nur in Sizilien Halt, sondern vernehmen auch Einflüsse und Rhythmen aus Afrika oder Südamerika. Ob die Bläser aufspielen, Gitarren gezupft werden oder Synths Wände aufbauen, hier wird alles organisch und einheitlich. „Lorenzo 2015 CC“ ist somit ein sehr zeitgemässes Album voller Rock, Indie und Pop. Es funktioniert dabei wie ein Karrierenüberblick und hat so viele tolle Momente vorzuweisen, dass man zuerst etwas überwältigt davorsteht. Mit der Zeit erschliessen sich aber die Schichten und das Werk reisst total mit. Ein weiterer Triumph von Lorenzo.

Anspieltipps:
L’Alba, Tutto Acceso , Il Mondo E Tuo (Stasera), Perché Tu Ci Sei

a-ha – Cast In Steel (2015)

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a-ha – Cast In Steel
Label: Polydor / Universal, 2015
Format: Doppel-CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Pop

Eigentlich weiss man es als Musikhörer ja besser, als die Aussagen der Bands für bare Münze zu nehmen. Somit verwundert es nicht, dass a-ha trotz ihrer Ruhestandsankündigung nach „Foot Of The Mountain“ nun mit ihrem zehnten Studioalbum um die Ecke kommen und noch einmal das Popradio erobern wollen. Einen wirklichen Gefallen machen sie der Welt dabei nicht, aber weh tun solche Lieder nie. Die Verlustwirkung hält sich somit in Grenzen, diese neuste Platte kann allen egal sein. Ein trauriges Schlussbild einer talentierten Gruppe.

„Cast In Steel“ beginnt eigentlich ganz OK, mit dem Titelsong und „Under The Makeup“ erhält man zwei hübsche Lieder, die Hoffnungen wachsen lassen und einem das Gefühl geben, a-ha seien tatsächlich aus kreativen Gründen zu einer weiteren Albumproduktion zusammengekommen. Diese Gedanken werden mit jedem Lied kleiner, und bei zwölf Stücken plus sechs Bonussongs bleibt am Ende nicht mehr viel Wohlgefallen übrig. Eher nervt man sich ab der Hälfte der Platte über Eigenschaften von a-ha, die man eigentlich immer mochte. Sänger Morten Harket variiert seine Stimme zu selten um den Gesang interessant zu machen, die Texte triefen nur so vor billigen Klischeesätzen und altbekannten Redewendungen. Sicherlich, bei diesem Musikstil wird vor allem auf die unscheinbare Unterhaltung und den einfachen Konsum abgezielt, eine tiefere Beschäftigung mit den Liedern sollte aber auch funktionieren. Hier schüttelt man oft nur den Kopf und hört bewusst weg. Dies wird durch die lahmen Songideen ebenso gefördert, die viele Lieder nicht einmal über drei Minuten zu tragen wissen. Sicherlich, die Produktion ist topp und zeitgemäss, die Instrumentierung mit vielen Keyboards und Effekten ausgestattet. Aber leider wagen es die Musiker aus Norwegen zu keinem Zeitpunkt, ihre Formel zu durchbrechen. Wo ist das progressive Element des Pop, wo sind die neuen Einfälle? Aus der anfangs noch angenehmen Zurückhaltung wird ein unwichtiges Geblubber.

Ungern schreibe ich Zeilen wie diese, aber mit „Cast In Steel“ haben sich a-ha keinen Gefallen getan. Ihre zweijährige Rückkehr geschah laut Eigenaussagen wegen neuem, würdigem Material. Während der Albumproduktion gingen dieses wohl verloren oder vergessen, denn das neuste Album ist einfach nur misslungen. Schade, dass sich eine Legende der 80er einen solchen Schlusspunkt in die Diskografie setzt. Leute, die gerne guten Radiopop hören, greifen besser überall sonst zu, hier nervt man sich nur.

Anspieltipps
Cast in Steel, Under The Makeup, Goodbye Thompson

Jovanotti – Il Quinto Mondo (2002)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Jovanotti – Lorenzo 2002* Il Quinto Mondo
Label: Soleluna, Mercury, Universal, 2002
Format: CD in Schuber
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Funk, Rap

Alles beginnt mit Flöten und einer handvoll Streicher. Man fühlt sich wie beim Betreten einer Märchenwelt, doch dann eine Gitarre, ein Rhythmus und der Gesang von Jovanotti: Willkommen in der fünften Welt und einem Album voller Erinnerungen, unzähligen Glücksmomenten und einer schier unendlichen Laufzeit. „Il Quinto Mondo“ begleitet mich seit der Schulzeit und ist bis heute eines meiner liebsten Alben. Interessant, dass ich es erst 13 Jahre nach dem Erstkontakt meiner Sammlung hinzugefügt habe. Aber für was sind Reisen nach Italien sonst da?

Der Musiker und Künstler Lorenzo Cherubini besitzt in Italien Kultstatus und veröffentlich seit 1988 Musik in diversen Formen. Egal ob wilder Rock, eingängiger Pop, funkiger Rap oder Singer-Songwriter, kein Stil ist dem Mann fremd. Wie ein Chamäleon passt er sich der Umgebung an und formt seine Stücke den Genreregeln passend. Auch „Il Quinto Mondo“ ist ein funkelnder Diamant mit vielen Seiten. In den 14 Liedern packt Jova so viele Einfälle und Geschehnisse rein, dass man auch nach knapp 80 Minuten Laufzeit immer noch nicht genug hat. Wo andere Bands bereits an der Halbstundengrenze scheitern, da lacht sich der Italiener nur ins Fäustchen und wirft dem Hörer vor Albumschluss noch einen fast 15 Minuten langen Rap vor die Füsse. Aber es funktioniert, denn obwohl ich die Sprache praktisch nicht verstehe, versprüht sein Sprechgesang eine Faszination und einen grossen Reiz. Die Texte behandeln wichtige Themen wie Gleichberechtigung, Globalisierung, Menschenrechte und Politik. Natürlich erhält auch die Liebe ihre Plattform, verfällt aber nie in billige Klischees. Es lohnt sich also, Übersetzungen der Texte zu lesen oder gleich die Sprache zu lernen. Jovanotti macht sich viele Gedanken um die Welt und unser Tun darin, genau so viel Energie steckt er auch in die Musik. Was hier alles an Melodie und Verspieltheit zu hören ist sucht Seinesgleichen. Unzählige Instrumente kommen zum Einsatz, die Lieder verfallen immer wieder in Instrumentalpassagen und der Gesang wechselt zu Rap und zurück. Klavierakkorde verdrängen Streicher, Trompeten überfallen Gitarren und das Schlagzeug begleitet das Banjo. Kein Wunder, waren neun weitere Musiker an der Entstehung des Albums beteiligt und liessen die Fantasien von Jova Realität werden.

2002 lernte ich Jovanotti mit „Il Quinto Mondo“ in der Schule kennen, vertiefte meine Liebe zur Platte dank meiner Mutter und traf immer wieder mal auf einzelne Lieder dieses grossartigen Werkes. Und jetzt endlich steht die CD auch in meinem Regal und läuft seit einer Woche praktisch jeden Tag. Abnutzung gleich Null, Genie von Jova unmessbar. Wer sich schon immer mal mit der italienischen Musikszene oder Herr Cherubini beschäftigen wollte, der muss hier zugreifen. Eine perfekte Scheibe für eine nicht so perfekte Welt.

Anspieltipps:
Un Uomo, Albero Di Mele, Date Al Diavoto Un Bimbo Per Cena

Florence + The Machine ‎– MTV Unplugged (2012)

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Florence + The Machine ‎– MTV Unplugged
Label: Universal Music Group, 2012
Format: CD
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Pop, Indie, Akustik

Die Musik von Frau Welch steht und fällt mit ihrer Stimme, dies sollte allen klar sein, die schon mal mehrere Lieder von Florence + The Machine hintereinander gehört haben. Wer ihre eigene Art des Gesangs nicht mag, der wird mit diesem Livealbum „MTV Unplugged“ auf keinen Fall warm. Für alle Anderen stellt diese CD aber eine essentielle Erweiterung ihrer Florence-Sammlung dar, denn hier kommt man bei den Songs endlich an ihre Grundsubstanz. Abtauchen ist angesagt.

Die Unplugged-Reihe von MTV hat so manchen Klassiker hervorgebracht und vielen wichtigen, popkulturellen Künstler eine Plattform geboten. Da verwundert es nicht, dass auch Florence + The Machine die Gelegenheit erhielten, ihre Lieder auf der hübsch gestalteten Bühne zu präsentieren. Wie es der Name dieser Konzertserie schon verrät, wird die Musik akustisch dargeboten und die Band muss sich ohne elektrische Verstärkung durch die Songs spielen. Dies ist eine ziemliche Abkehr der normalen Alben der Gruppe, sind die Lieder von Florence doch oft eine sinfonisch vollgestopfte Sache voller Pathos, Klangwänden und Emotion. Dass sich dahinter aber meisterlich geschriebene Lieder verbergen, sollte klar sein. Und ein gutes Stück Musik zeigt immer dann seine wahren Stärken, wenn man es von allem Ballast befreit. Ob „Cosmic Love“, „No Light, No Light“ oder „Shake It Out“, alles wird andächtiger und introvertierter, aber vor allem intensiver. Die sanfte Begleitung aus Gitarre, Klavier, Harfe und Streicher umschmiegt den Gesang und glänzt auch mit leeren Stellen. Florence selber kann dank diesem Hintergrund ihren vollen Stimmumfang zeigen. Ob sie flüstert oder fast schreit, in jedem Song durchlebt die Künstlerin eine Achterbahnfahrt der Gefühle und nimmt uns Hörer komplett in ihren Bann. Bei „Jackson“ lässt sich sogar Josh Homme auf der Bühne blicken und singt mit Florence ein tolles Duett. Und wenn man dann mit dem tollen „Shake It Out“ in den Alltag entlassen wird, fühlt man sich glücklich und sicher, die Sängerin erscheint nun wie eine gute Freundin und nicht wie eine ferne Musikerin.

Mit dem unverstärkten Livealbum von MTV haben Florence + The Machine ihrem Katalog eine wunderbare Erweiterung hinzugefügt, die so manchen Zuhörer begeistern wird. Die Lieder wirken ehrlicher und direkter, der Gesang ist eine Wucht. Die Scheibe ist somit allen Menschen uneingeschränkt zu empfehlen, die Florence auch nur ein klein wenig mögen. So intim erlebt man ihre Musik leider zu selten.

Anspieltipps:
Only If For A NightNo Light, No LightJackson

Underworld – Dubnobasswithmyheadman (1994 / 2014)

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Underworld – Dubnobasswithmyheadman
Label: Universal UMC, 2014
Format: 5 CDs in Schuber, mit Buch und Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Techno, Electronica, Ambient

Vor 20 Jahren veränderten Karl Hyde, Rick Smith und Darren Emerson nicht nur die musikalische Ausrichtung von Underworld komplett (die Vorgänger „Underneath The Radar“ und „Change The Weather“ sind in der Verwandlung erst auf halber Strecke), sondern beeinflussten den Dance-Sound auf der ganzen Welt. Das Album mit dem sperrigen Titel „Dubnobasswithmyheadman“ verband erstmals pochenden Techno und Dance mit entspannter Atmosphäre und vor allem: Sprechgesang. Die Stimme von Karl Hyde untermalt die Tracks mit kryptischen Textzeilen und sich wiederholenden Parolen. „Thunder thunder lightning ahead. Now I kiss you dark and long“, „And I see Elvis! And I hear God on the phone“ oder „I’m the spoonman. Talks to God. Transfusion. Penetration.“ Daraus muss sich jeder selber zusammenreimen was die Aussagen zu bedeuten haben, der Musik tut dies aber mehr als gut.

Jedes Lied ist eine kleine Reise in die Welt der Clubs und tanzenden Meuten. Aber Underworld bleiben dabei immer ruhig und kreieren sanfte Beats die treiben und gerne ins Bein gehen. Zeit geben sie sich genug: Bis zu 13 Minuten lang wurden die Teile, welche als Gesamtes ein wunderbar stimmiges Album ergeben. Bis heute steht es an der Spitze der intelligenten Clubmusik aus England und weiss auf mehrere Arten zu gefallen: Die Lässigkeit mit der die Musik präsentiert wird – wie eine kuschelige Ecke im After Hour Club, die verwirrenden und oft sogar verängstigenden Texte, die merkwürdigen Soundeffekte und effektvollen Einspielungen und natürlich die tollen Beats und Gitarren. Stücke wie „Mmm…Skyscraper I Love You“ oder „Dirty Epic“ haben sich zu Klassiker gemausert und stehen anderen Hits von Underworld wie „Rez“ oder „Born Slippy“ in nichts nach. Eine würdige Jubiläumsbehandlung ist bei diesem Album also mehr als verdient.

Das volle Feierpaket erhält man mit der fünffachen CD-Box, die mir hier vorliegt. Nebst dem klanglich überarbeiteten Originalalbum auf der ersten Silberscheibe erhält man massig zusätzliches Material, mit dem es sich vorzüglich in die Welt rund um „Dubnobass…“ eintauchen lässt. Je eine CD enthalten die Singles, Remixes, alternative Versionen und eine live aufgenommene Probesession mit vielen Improvisationen. Klar ist dies zuerst einmal ein völliger Überfluss an Material. Wer will schon sechs verschiedene Aufnahmen von „Dark & Long“ an einem Tag anhören. Nimmt man sich aber Zeit für dieses Set, entfalten sich bald neue Sichtweisen auf die Produktion, den damaligen Zeitgeist und die Arbeitsweise von Underworld. Es gelingt somit, eine stimmige Momentaufnahme der mittleren Neunziger zu erschaffen und auch Spätgeborenen ein klares Bild zu vermitteln.

Also dann nicht wie los, abzappeln zu „Dirty Epic“, alles zertrümmern zum wunderbar krachenden „Cowgirl“ oder in älteren Zeiten des Synthie-Pop schwelgen mit „M.E.“. „Dubnobass…“ bietet alles, was ein Techno / House Album bieten soll und wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht übertroffen oder für unwichtig erklärt werden.

Anspieltipps:
Mmm…Skyscraper I Love You, Dirty Epic, Cowgirl

Das dazu passende Getränk:
Ein Gin & Tonic mit Gurke und Pfeffer, mit stylischen Plastikbecher frisch aus dem Club.