Polydor

Elbow – Little Fictions (2017)

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Elbow – Little Fictions 
Label: Polydor, 2017
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock

An kalten und grauen Tagen liebt man sehr gerne auf dem bequemen Sofa und nistet sich unter der Kus16cheldecke ein. Und obwohl dies eigentlich jedes Mal dasselbe ist, fühlt es sich doch immer wieder wunderschön an. Genau so verhält es sich mit Elbow – die Band erreicht mit jeder neuen Platte wieder das wohlige, bekannte Gefühl ohne sich zu stark zu wiederholen oder den Hörer zu langweilen. „Little Fictions“ führt diese Qualitäten nun perfekt fort – ist das Werk doch sanft, ruhig und voller herzensguter Melodien. Und es ist wunderbar, sich erneut von der fatastischen Stimme Guy Garveys einlullen zu lassen.

Seit 27 Jahren und acht Studioalben musizieren sich die Briten in die Königsklasse der alternativen Rockmusik. Mit ihrem eigenen Klang, den grossen Gesten und dem Auge für das Details fahren sie immer grössere Erfolge ein. Dabei gelang es Elbow immer, ihre Ruhe zu bewahren und mit den neuen Liedern nicht den schnellen Hit schreiben zu wollen. So sind Momente wie „Magnificent (She Says)“ oder „All Disco“ zwar sehr eingängig und machen sich auch im Radio super, verfügen aber über genügend Zurückhaltung um nicht überproduziert zu nerven. „Little Fictions“ fährt zwar wieder viele Keyboardspuren, Streicher und Perkussion auf ohne jemals sich selber zu überladen. Lieder wie „Montparnasse“ sind wunderbar komponiert und hallen leise nach.

Am besten sind Elbow immer dann, wenn sie sich emotional in deine Gedanken schleichen. Plötzlich singst du auch Tage später einzelne Textzeilen, pfeifst eine Melodie oder fühlst dich berührt. Und dies passiert auch wieder mit kleinen Taten wie dem Titellied oder „Head For Supplies“ – zuerst unscheinbar und danach riesengross. Grossartig auch das rhythmische „Gentle Storm“ – und über allem der umwerfende Gesang. Man muss nicht wild, laut oder völlig schrill daherkommen – das beweisen Elbow erneut überlegt und gefühlvoll.

Anspieltipps:
Magnificent (She Says), Gentle Storm, Little Fictions

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Yello – Toy (2016)

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Yello – Toy
Label: Polydor, 2016
Format: CD in Digibook
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Pop

Ein neues Album von Yello gleicht immer einem Ereignis, das alles im selben Jahr überschattet. Dieter Meier und Boris Blank – die Electro-Pioniere aus der Schweiz – machen sich schliesslich im Felde der abenteuerlichen Musik immer rarer. Mit „Toy“ wird ihr Schaffensweg in kreativer und produktionstechnischer Höchstform aber nun endlich konsequent fortgeführt. Und wie es nicht anders zu hoffen war, bleibt sich das Duo klanglich treu, ohne die aktuelle Zeit ausser Acht zu lassen.

Was natürlich vor allem Herrn Blank zu verdanken ist, der auch auf „Toy“ wieder mit seinen Goldhänden dafür gesorgt hat, dass Yello in perfekter Soundqualität aus den Lautsprechern erklingen. Jeder Bass ist breit und akzentuiert, die Synthies schimmern und sind klar – fast als würde man die Musik mit einem Skalpell aus teuerstem Material schneiden. In der Kombination mit der wunderbar tiefen und betörenden Stimme von Meier entfaltet sich sofort das geliebte Yello-Gefühl. Die Künstler entfernen sich wieder ein paar Schritte von dem sinnlichen Bild, welches mit „Touch“ zuletzt gemalt wurde und wagen sich noch einmal in den alternativen Club.

Natürlich fehlen auch auf „Toy“ die Gastsängerinnen nicht, „Cold Flame“ lässt uns träumen – und auch oft gehen Yello instrumental zu Werke. Egal ob an frühe Highlights anlehnend oder neue Gebiete abtastend, es bleibt gewohnt verschroben und voller Stakkato-Vibes. Man fliesst durch „Magma“, tänzelt mit dem „Dialectical Kid“ und wünscht frohe Stunden im „Limbo“. Eine perfekte Wiederkehr alter Meister, die zu keiner Zeit bemüht oder überdrüssig wirkt.

Anspieltipps
Limbo, Cold Flame, Magma

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

La Roux – Trouble In Paradise (2014)

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La Roux – Trouble In Paradise
Label: Polydor, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synth-Pop

Ist das jetzt zu ausgelutscht oder böse wenn ich schreibe, dass La Roux schon immer ein Paradiesvogel war – einer, der mit Musik und Stimmung auch mal Probleme in dem edlen Garten verursachen konnte? Wie auch immer, die Musiker, welche mich dank ihrem Auftreten und ihrer Haare immer an Tilda Swinton erinnern, lassen auch mit ihrem zweiten Album „Trouble In Paradise“ die Affen und Kokosnüsse tanzen. Der Weg führt uns dabei über Dünen aus Sequenzer, Stränden voller angeschwemmter Synths und einen Wald voller Elektrodrums.

Schön an „Trouble In Paradise“ ist vor allem der Umstand, dass La Roux und ihre Produzenten darauf verzichtet haben, das Album wuchtig und modern klingen zu lassen. Hier gibt es keine abgehackten Beats, keine Achterbahnfahrten der Effekte und keine Rap-Featurings. Wie früher lassen Melodie und Gesang kleine Blüten entstehen und werden dann sanft geerntet. „Kiss And Not Tell“ ist ein treibendes Beispiel für die korrekte Anwendung von Instrumenten und Produktion, „Paradise Is You“ lässt uns wie in der Rollschuhdisco schmachten.

Natürlich muss sich La Roux heutzutage in einem weiten Feld der 80er-Reminiszenzen behaupten; dank ihrer oft schräg anmutenden Stimme und dem glücklichen Händchen für empathisch wirkende Harmonien nimmt man das Album aber doch lieber in die Hand als viele Begleiterscheinungen. „Trouble In Paradise“ will nicht die neuen und alten Zeiten tauschen, lässt uns aber das Beste aus beiden Ebenen vereint geniessen. Und wer bei Klängen wie „Sexotheque“ nicht glücklich lächelt, der hat sich sowieso den falschen Text durchgelesen.

Anspieltipps:
Kiss And Not Tell, Sexotheque, Silent Partner

James Blake – The Colour in Anything (2016)

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James Blake – The Colour in Anything
Label: Polydor, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Dubstep, Pop, Soul

Wenn man drei Jahre auf ein neues Album warten muss, dann freut man sich sehr, wenn die neuste Veröffentlichung nicht nur wenige Stücke enthält. Doch James Blake, der Superstar der tieftraurigen Electronica, schiesst mit „The Colour In Anything“ gleich einen Vogelschwarm ab – sein drittes Werk ist über 70 Minuten lang. Das mag jetzt zu lang und zu massig erscheinen, der Künstler wird seinem Ruf aber gerecht und vermag seine emotionale und sanfte Version von Dubstep über die gesamte Länge zu tragen.

Sicherlich, es gibt einige Lieder bei denen man sich nicht sicher ist, wie man deren Unterschiede jetzt genau formulieren soll. Doch James Blake nimmt mit seiner Stimme und seinem Songwriting sofort wieder gefangen. Es gibt keinen anderen Musiker, der elektronische Lieder so stark von ihrem Ursprung in der tobenden Clubmusik gelöst und mit so viel Atmosphäre und Gefühl aufgefüllt hat. Bereits „Radio Silence“ zeigt gleich zu Beginn, dass das Leben nicht immer strahlend ist und Soul sehr wohl mit Electronica zusammenpasst. Mal greifen die Beats stärker ein, mal beherrscht nur der Gesang das Geschehen – doch immer ist Blake dabei offen und grundehrlich. Eine Entblössung der Seele, das Innerste wird nach aussen gekehrt.

„The Colour In Anything“ wirkt zwar eher grau und neblig, weiss aber doch zu scheinen. Die tief wummernden Frequenzen fehlen gegenüber früheren Veröffentlichungen von James Blake zwar etwas, seine Erzählungen und Klavierstücke suchen aber immer noch ihresgleichen. Somit ist auch diese Scheibe wieder wunderbar traurig, wenn auch sich der Genuss besser in mehrere Gänge unterteilen lässt. Aber so bleibt uns genügend Nahrung bis zur nächsten Grosstat und die dunkeln Jahreszeiten werden mit viel Melodie gefüllt.

Anspieltipps:
Radio Silence, I Hope My Life (1-800 Mix), I Need A Forest Fire

Guy Garvey – Courting The Squall (2015)

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Guy Garvey – Courting The Squall
Label: Polydor / Fiction Records, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Alternative Rock, Pop

Gewissen Figuren im Musikgeschäft haftet eine besondere Aura an. Diese Menschen wirken überlebensgross und bringen alleine mit ihrer Erwähnung alle in Verzückung. Guy Garvey, bestens bekannt als Sänger der englischen Band Elbow, ist eine solche Person. Der Künstler verzaubert bei Konzerten, schlägt mit seiner Stimme in den Bann und ist einer der wenigen Musiker, die man gerne als Freund hätte. 40 Jahre in seinem Leben mussten vergehen, bis er sich an sein erstes Soloalbum gewagt hat, und begeistert nun auch neben der Gruppenbindung.

Wobei schnell klar wird, komplett anders als mit seiner Band klingt Herr Garvey auf „Courting The Squall“ nicht. Die Musik ist genau so erhaben und königlich wie bei Elbow. Seine Weltstimme bietet ihn als Ritter des vereinigten Königreiches an, die Lieder als Verwalter des alternativen Rock. Reduktion und Überlegung nehmen die Fronstellung ein, lassen aber auch opulente Momente zu. Bläser ergreifen ihren wichtigen Platz auf der Bühnenmitte und tauschen die Melodien mit den Gitarren und Keyboards. Wie wichtig das perkussive Element ist, zeigt sich bei dem Titellied oder „Belly Of The Whale“. Hier überrascht Guy Garvey erneut mit seinem feinen Gespür für das Sprachbild und die Rhythmik des Gesangs. Satzfolgen und Betonung sind cool, da fällt es auch nie auf, dass sich die Platte oft in langsamen Gebieten bewegt. Denn diese bedächtige Präsentation steht dem Künstler sehr gut, lässt sie doch genügend Spielraum für die mächtige Stimme. Es werden Klanganleihen aus vergangenen Jahrzehnten gepflückt, mit „Electricity“ taucht man sogar in einen verrauchten Jazz-Keller ab. Die Scheibe aber behält in all diesen Farbtupfern zu jedem Zeitpunkt ihre Identität und muss sich nicht mit fremden Federn schmücken. Jeder Ton und jede Note sitzt an ihren Platz, eine perfekte Balance entsteht.

Mit „Courting The Squall“ hat Guy Garvey nicht nur ein wunderschönes Album veröffentlicht, voller herzergreifenden Momenten wie bei „Harder Edges“, sondern Musik mit zeitloser Atmosphäre geschrieben. Die Scheibe klingt wie die Essenz der Musikgeschichte, welche der Alternative Rock zusammen mit dem Pop in den letzten Jahren in der westlichen Welt geschrieben hat. Der Künstler wird somit allen Erwartungen und seiner eigenen Vergangenheit gerecht. Wunderbar und einfach nur schön.

Anspieltipps:
Angela’s Eyes, Juggernaut, Belly Of The Whale

Ellie Goulding – Delirium (2015)

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Ellie Goulding – Delirium
Label: Polydor, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synth-Pop

„Delirium“ ist für Musikerin Ellie Goulding aus England ein Herzensprojekt. Jahrelang hat sie daran geschrieben, gearbeitet und Geschehnisse in ihrem Leben verarbeitet. Als Fan musste man viel Geduld beweisen, denn lange Abstände zwischen Alben ist man sich bei grossen Popstars nicht gewohnt. Nun ist das dritte Werk vom Goldkehlchen aber erschienen und überrascht auf diverse Weisen. 22 Lieder in der Deluxe Variante, Abkehr von der düsteren Vergangenheit und eine grosse Umarmung für ihre Musikerfreundinnen. Ist dies noch die geliebte Ellie?

Fertig und vorbei ist die Phase des folkigen Pop und süssen Mädchens, ebenso sucht man die dunklen Synthwellen am falschen Ort. Was mit „Lights“ und „Halcyon“ begann, zweigt auf „Delirium“ nun ab und parkiert vor dem grossen Gebäude des modernen Pop. Ellie Goulding begrüsst per Kuss und Umarmung Gleichgesinnte und dankt ihnen tausendfach. Denn nicht nur haben Künstlerinnen wie Taylor Swift, Selena Gomez, Sia oder Rihanna ihr Privatleben geteilt, nein – auch die neuen Lieder wuchsen auf diesem Boden. Ohne die eigene Identität zu verlieren, mischt Ellie ihre Musik mit diesen Einflüssen und erreicht dabei den Pophimmel. Dank Hilfe der wichtigsten Produzenten auf dem Gebiet ist „Delirium“ eine topmoderne Platte, die viel Laune macht. Die Lieder halten einen nicht lange hin, dauern oft nur 3.5 Minuten und schmeissen den Refrain bereits nach zehn Sekunden ins Feld. Die Rechnung geht meist auf, Stücke wie „Something In The Way You Move“ oder „Don’t Need Nobody“ zaubern ein Lächeln auf das Gesicht und laden zum Tanzen ein. Ob die Beats nun rollen, Refrains mit Stimmensamples spielen oder die Synths sich zum Himmel hochschrauben, alles ist sehr eingängig und freundlich. In der Masse gehen gewisse Lieder zwar unter oder brechen unter der Kitschlast zusammen, grösstenteils spürt man Gouldings Spass aber heraus. So hört man in „Don’t Panic“ fröhliche Ausrufe, in „Army“ verneigt sie sich vor ihren Fans und Freunden. Endlich darf ihre Stimme da auch die gewohnten Ausbrüche in hohe Lagen vollziehen und Töne lang ziehen. Denn Ellies eigene Art zu Singen tritt auf diesem polierten Album leider etwas in den Hintergrund und wirkt zu gemässigt. Trotzdem ist es einfach nur toll, wieder neue Stücke von der Dame zu hören.

„Delirium“ ist wie eine Packung Kartoffelchips: Es macht kurzzeitig süchtig, schmeckt wunderbar und man kann nicht aufhören, bis der gesamte Sack leer ist. Danach fühlt man sich schuldig und überfressen, hat nach wenigen Tagen aber wieder riesige Lust, das Ganze zu wiederholen. Da vermiesen auch mühsame Details wie das billige Gepfeife bei „Keep On Dancin'“ oder der überdrüssige Song von „50 Shades Of Grey“ das Fest nicht. Wenn dann noch Sia, M.I.A. oder Little Boots zitiert werden beweisst Ellie Goulding, dass sie den Pop nicht nur verinnerlicht, sondern auch gemeistert hat. Ich freue mich sehr auf die Konzerte.

Anspieltipps:
Something The Way You Move, Codes, Don’t Need Nobody, Army

a-ha – Cast In Steel (2015)

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a-ha – Cast In Steel
Label: Polydor / Universal, 2015
Format: Doppel-CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Pop

Eigentlich weiss man es als Musikhörer ja besser, als die Aussagen der Bands für bare Münze zu nehmen. Somit verwundert es nicht, dass a-ha trotz ihrer Ruhestandsankündigung nach „Foot Of The Mountain“ nun mit ihrem zehnten Studioalbum um die Ecke kommen und noch einmal das Popradio erobern wollen. Einen wirklichen Gefallen machen sie der Welt dabei nicht, aber weh tun solche Lieder nie. Die Verlustwirkung hält sich somit in Grenzen, diese neuste Platte kann allen egal sein. Ein trauriges Schlussbild einer talentierten Gruppe.

„Cast In Steel“ beginnt eigentlich ganz OK, mit dem Titelsong und „Under The Makeup“ erhält man zwei hübsche Lieder, die Hoffnungen wachsen lassen und einem das Gefühl geben, a-ha seien tatsächlich aus kreativen Gründen zu einer weiteren Albumproduktion zusammengekommen. Diese Gedanken werden mit jedem Lied kleiner, und bei zwölf Stücken plus sechs Bonussongs bleibt am Ende nicht mehr viel Wohlgefallen übrig. Eher nervt man sich ab der Hälfte der Platte über Eigenschaften von a-ha, die man eigentlich immer mochte. Sänger Morten Harket variiert seine Stimme zu selten um den Gesang interessant zu machen, die Texte triefen nur so vor billigen Klischeesätzen und altbekannten Redewendungen. Sicherlich, bei diesem Musikstil wird vor allem auf die unscheinbare Unterhaltung und den einfachen Konsum abgezielt, eine tiefere Beschäftigung mit den Liedern sollte aber auch funktionieren. Hier schüttelt man oft nur den Kopf und hört bewusst weg. Dies wird durch die lahmen Songideen ebenso gefördert, die viele Lieder nicht einmal über drei Minuten zu tragen wissen. Sicherlich, die Produktion ist topp und zeitgemäss, die Instrumentierung mit vielen Keyboards und Effekten ausgestattet. Aber leider wagen es die Musiker aus Norwegen zu keinem Zeitpunkt, ihre Formel zu durchbrechen. Wo ist das progressive Element des Pop, wo sind die neuen Einfälle? Aus der anfangs noch angenehmen Zurückhaltung wird ein unwichtiges Geblubber.

Ungern schreibe ich Zeilen wie diese, aber mit „Cast In Steel“ haben sich a-ha keinen Gefallen getan. Ihre zweijährige Rückkehr geschah laut Eigenaussagen wegen neuem, würdigem Material. Während der Albumproduktion gingen dieses wohl verloren oder vergessen, denn das neuste Album ist einfach nur misslungen. Schade, dass sich eine Legende der 80er einen solchen Schlusspunkt in die Diskografie setzt. Leute, die gerne guten Radiopop hören, greifen besser überall sonst zu, hier nervt man sich nur.

Anspieltipps
Cast in Steel, Under The Makeup, Goodbye Thompson

Ellie Goulding ‎– Halcyon Days (2013)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Ellie Goulding ‎– Halcyon Days
Label: Polydor, 2013
Format: 2 CDs im Digipak mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synth-Pop, Electro

Pop kann ein wunderbares Genre sein, voller blühender Ideen und Experimente. Seit einigen Jahren wird die Musikrichtung immer mehr von ihrer elektronischen Schwester in Befang genommen und vermengt. Eine Entwicklung die mir eigentlich gut gefällt, solange alles mit Stil gemacht wird und nicht ab der Stange kommt. Die britische Künstlerin Ellie Goulding weiss dies seit ihrem zweiten Album „Halcyon“ sehr gut herzurichten und beweist ihr Talent. Dabei half wohl auch ihre Partnerschaft mit Skrillex, wobei sein Einfluss hier eindeutig positiv zu werten ist. War auf dem Debüt die Musik noch eher im zurückhaltenden Stil, öffneten sich bei „Halcyon“ alle Tore und die Gehörgänge wurden geflutet. 2013 wurde das Album dann mit einer Bonus-CD wiederveröffentlicht, zehn weitere Lieder die das Grundgerüst wunderbar ausbauen und ergänzen.

Ellie Goulding strahlt bei ihrem Gesang immer viel Charisma aus, ihre Stimme hebt sich angenehm von all den anderen Popstars ab. Mit ihrer eher tiefen Stimmlage ertönen die Texte gerne mal nachdenklich und bleiben am Boden, Ausbrüche in den Refrains driften dann freudig in hohe Lagen. Das Sampling kommt oft zum Zug und die Sängerin vervielfacht ihre Stimme und nimmt den Gesang auseinander. Das unterstützt den elektronisch gehaltenen Klang des Albums in bester Form und fügt sich in die Melodien der Synths und Beats ein. Ob ein Lied nun davonstapft wie „Anything Could Happen“, oder sich langsam am Boden windet wie „Explosions“, die Gefühle sind die wichtigste Komponente der Musik und werden von Ellie offen hingelegt. Auf den zwei CDs gibt es in dieser Deluxe-Fassung so viele Highlights, dass ich gar nicht weiss, welche nun die stärksten sind. Frau Goulding weiss, wie sie mich um den Finger wickeln muss, da reicht die Musik auch ohne tolle Bilder. „Figure 8“ – mein wohl immer noch liebster Track von Halcyon – soll hier mal als Paradebeispiel stehen. Der Aufbau unterscheidet sich nicht stark von vielen anderen Songs im Bereich des Pop, weiss aber mit dem Dubstep-Einfluss und stark wummernden Bass die Musik in den Club zu tragen. Die Stimmung kippt aber nie ins Lächerliche, da Gesang und Melodie eher nachdenklich bleiben und den Hörer dazu auffordern, sein Inneres nach aussen zu kehren und den Ausdruckstanz zu üben. Eine reine Wucht, eine Urgewalt, ein Zustand den Ellie oft erreicht: In „Hanging On“ mit dem späten Einstieg und extrem hohen Gesang, in „Goodness Gracious“ mit der Fröhlichkeit und in „You My Everything“ mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

„Halcyon Days“, als Gesamtwerk über zwei Scheiben, ist ein schier unendlicher Schatz an glitzernden Perlen und kleinen Schmuckstücken. Synth-Pop war bisher fast nie so modern und eigenständig, und wird viel zu selten von einer so sympathischen Person wie Ellie aufgeführt. Ohne sich den eigentlichen Gesetzen des Genres zu verweigern, erschuf sie ein Album und eine EP mit Seele, Pop für den Tänzer, Electro für die Liebenden. Und obwohl nicht alles komplett überzeugt, meine herzförmigen Hände und meine freudige Erwartung auf weitere Alben hat sich Ellie bei mir für immer gesichert.

Anspieltipps:
Figure 8, Hanging On, You My Everything, Stay Awake

Lana Del Rey – Ultraviolence (2014)

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Lana Del Rey – Ultraviolence
Label: Polydor, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Musikerin
Genre: Americana, Folk, Pop

Dunkles Design, schwarz-weiss Photografie, düsterer Titel, das zweite Album von der hübschen Lana Del Rey verspricht keinen Blumenpop. Schon das erste Werk war nicht auf Vinyl gepresste Fröhlichkeit, doch dazu kann ich keine Vergleiche anstellen. Der Titel und die Aufmachung haben mich aber nun beim Nachfolger Ultraviolence neugierig gemacht. Allgemein lässt sich sagen, dass die Lieder auf dem Album alle gemächlich und schleppend sind. Frau Del Rey schreibt keine Charthits mit fetten Beats, bei ihr sprechen die ruhigen Gitarren und melancholischen Melodien. Gute Basis, genügend Variation ist auch vorhanden.

Oft sind die Stücke sehr reduziert, anstelle mit einer überladenen Produktion alles voll zu pflastern, wird die Instrumentalisierung songdienlich eingesetzt. Dies funktioniert super, sind doch die Melodien hervorragend und Lieder bleiben schnell im Kopf. Gerne lauscht man Lana wie sie die Geschichten um den Alltag in den USA vorträgt, immer an der Grenze zur White Trash und Trailerpark Kultur, jetzt aber auch in Kalifornien und am Strand angesiedelt. Beliebt ist dabei natürlich die Liebe und all ihre schwierigen Momente. Frau und Mann wollen zusammen sein, dürfen nicht oder können nicht. Dabei ist Lana aber vielen überlegen, denn sie ist nicht eine von Vielen sondern die Coolste auf dem Platz. Sie ist wild, wütend und crazy. Allgemein ist es eine verrückte Welt die Lana hier in diesem topmodernen Produkt beschreibt. Dabei werden die oft sehr poetisch anmutenden Zeilen mit viel Hall und Echo untermalt.

All das passt perfekt zum geistigen Bild das man von der Sängerin hat. Sie betört weiterhin nicht nur mit ihren Schmolllippen und Rehaugen, sondern mit der oft lasziven Stimme. Dabei weiss sie vor allem in den Refrains wunderbare Melodien und Harmonien zu singen. Schon fast schade aber, sind die Musikvideos nicht auf dem Vinyl drauf. Unterhalten wird man von Ultraviolence aber auch ohne Begleitbilder, das Zweitwerk ist erwachsen und ziemlich perfekt. Eigentlich kann sich Frau Del Rey jetzt in Pensionierung begeben, toppen kann sie diese Liedersammlung fast nicht. Ein stimmiges Werk in das man sich schnell verliebt, und in die Musikerin sowieso.

Anspieltipps:
Ultraviolence, Money Power Glory, Florida Kilos