Math-Core

The Hirsch Effekt – Eskapist (2017)

The Hirsch Effekt – Eskapist
Label: Long Branch Records, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Math-Core, Hardcore, Metal

Die Gitarren und der grossartig aufspielende Bass haben schon fast das letzte Quantum Leben aus dir gepresst, doch die Erlösung kommt mit der wunderschönen emotionalen Erweiterung des Liedes. „Einmal noch! / Gib dich mir hin! / Tanz mit mir servil zum uns vertrauten Lied / von Sehnen und Monotonie“, singt Nils Wittrock und holt spätestens in diesem Moment alle Freunde von The Hirsch Effekt wieder zurück auf ein Album voller Begeisterung, Kreativität und extremer Auslotung der Stilrichtungen. Weg mit dem „Holon“-Zusatz, hin in die vertonte Math-Core-Metal-Variante von aktuellem Weltgeschehen und Flucht: „Eskapist“ ist da.

Die Hannoveraner, welche seit 2009 die Deutsche Musikszene mit ihrer extremen Mischung aus Indie-Metal und Punk-Core bis zu den Grundsteinen durchrütteln, wagen sich bei ihrem vierten Album wieder an eine schier unendliche Menge an Musik und Text. The Hirsch Effekt haben für die Aufnahmen von „Eskapist“ das Songwriting etwas umgestellt, das Resultat ist aber ein weiteres Mal ein Album, dass trotz seiner Gewalt unglaublich faszinierend und mitreissend ist. Lieder wie „Xenophotopia“ oder „Inukshuk“ wechseln die Genres und Ausdrucksweisen im Sekundentakt, immer wieder dürfen Streicher und mehrstimmige Gesänge in die Platte reinrutschen. Mit dem Monster „Lysios“ startet die Truppe gar sanft, lässt die Musik über sich hinauswachsen und gleitet mit einer sarkatischen „Alkohol-Werbung“ in die atonale Fusion zwischen Math-Core und Jazz.

Was als geschriebenes Wort schwierig nachzuvollziehen ist, funktioniert als Musik erstaunlich genial. Das Trio von The Hirsch Effekt ist auch mit „Eskapist“ weiterhin die extrem hoch angelegte Messlatte für alle Bands im Felde der intelligenten Extremmusik. Mit faszinierenden Zeilen und Perspektiven, wie das Flüchtlingsthema in „Natans“ oder der aufkeimende Rechtspopulismus („Berceuse“), positioniert sich die Band dieses Mal wieder politisch und auf korrekte Weise angriffig. Der Beweis, dass Art-Core also nicht mühsam künstlich daherkommen muss, wird mit diesem grandiosen Epos zelebriert. Emotional, ehrlich und immer umhauend – „Eskapist“ ist sogar noch besser als der Vorgänger „Holon: Agnosie“. Und der war schon perfekt.

Anspieltipps:
Natans, Berceuse, Lysios

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis (2012)

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The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis
Label: Kapitän Platte, 2012
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Core, Metal, Indie

Um es gleich vorne weg zu nehmen: „Holon: Anamnesis“ ist ein Jahrhundertalbum – ein Konzeptwerk, das in beeindruckender Weise ein intelligentes Thema mit vielen musikalischen Stilen kombiniert und dabei nie sich selber überfordert. Eine unglaublich grosse Leistung, besonders wenn man genauer hinhört. Zwischen all den Stilwechseln, Genremutationen und akrobatischen Einlagen der Instrumente verbergen sich eine grosse Seele und noch viel mehr Schmerz. The Hirsch Effekt haben mit ihrem zweiten Album eine Platte in die Welt gestellt, die auch vier Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch relevant und unerreicht ist. Da kommt die Neuauflage also gerade Recht, um weitere Beziehungen zu zerschlagen und melancholisches Glück über alle zu giessen.

Was das Trio aus Hannover hinter dem Namen der Erinnerung spielt, sucht seinesgleichen. Bereits mit dem ersten Lied „Anamnesis“ mischen die Musiker Gesang und Gitarre immer stärker in Orchesterklänge. Plötzlich kippt die Stimmung und erste Breaks holen den Hardcore hinein. Streicher machen dem knallharten Schlagzeug Platz, elegische Arrangements werden gnadenlos verprügelt. Über allem herrscht die Stimme von Nils Wittrock, der in beeindruckenden Sätzen eine Geschichte voller Angst und Zerbrechlichkeit erzählt. Das Scheitern der Liebe, verpackt in Zeilen wie „Vielleicht fehlt uns auch grad‘ der Mut für eine Lösung / an die noch keiner von uns glaubt“, „Wenn mein Kopf dann aufschlägt / Vielleicht bleibt dann noch Zeit / Irgendwie / In der Nacht zu baden“ oder „Wer sich jetzt noch umdreht ist selber schuld“. Eine simple Sprache, die in Verbindung mit der überbordenden Musik und repetitiver Behandlung eine Sogwirkung entfaltet und emotional alles verschlingt.

Dagegen wirken teilweise sogar die Abenteuerreisen der Strukturen klein, egal ob The Hirsch Effekt nun Math-Core, Prog und Indie ungerade und verkopft neu aufbauen. Bläser und Streicher mischen sich zwischen die Attacken, der Hörer wird komplett vereinnahmt. „Holon: Anamnesis“ reisst nicht nur stark mit, im eigentlich Kern ist das Album viel sanfter als man denkt. Sobald man den Blick hinter den Vorhang wagt, sieht man die Intimität. Wenn am Ende von „Datorie“ eine Sprachaufnahme das Album mit einer genialen Wendung beendet, läuft es einem kalt den Rücken hinunter und die Geschichte erhält eine neue Bedeutung.

Selten gab es in den letzten Jahren eine Platte, die im Bereich der harten und intelligenten Musikrichtungen so viel gewagt, erreicht und gewonnen hat. The Hirsch Effekt haben sich mit „Holon: Anamnesis“ selber übertroffen, verewigt und für alle Verfechter des Metal, Prog und Emo-Core eine Lieblingsplatte geschrieben. Sicherlich muss man die wilden Hüpfer zwischen dissonantem Riffgewitter mit Gebrüll und sanftem Chorgesang mit wohlklingenden Partituren erst einmal verdauen – wer sich aber darauf einlässt, erlebt eine der mitreissendsten Erfahrungen im Bereich der Musik.

Anspieltipps:
Absenz, Agitation, Ligaphob, Datorie

Live: ORK, Royal Baden, 16-02-19

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ORK
Support: Komara
Freitag 19. Februar 2016
Royal, Baden

Zu welchem Zeitpunkt greift der Begriff Supergroup? Müssen nur ein paar bekannte Musiker zusammen eine Band gründen und schon frisst ihnen die gesamte Welt aus der Hand? Doch wer definiert dies eigentlich? Denn was sich an diesem Freitagabend im Royal in Baden abgespielt hat, war nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch eine Geburt völlig neuer Gruppierungen. Dabei steht das alternative Kulturlokal sonst nicht im Stern der Progressive Rock. Aber wenn ein extrem sympathischer Schlagzeuger für ein Konzert auffordert, dann sagt so schnell niemand nein.

Pat Mastelotto ist seines Zeichen nicht nur Mitglied der Urformation King Crimson, sondern auch ein lebens- und experimentierfreudiger Musiker, der das Schlagzeug neu definiert. Und wenn er nun mit seiner neuen Band ORK durch Europa tourt und auch kleinere Orte beehrt, dann gibt es kein Halten mehr. Obwohl, das Fixieren seiner Outputs ist ein schwieriges Unterfangen. Sein Geist und sein Schaffen durchkreuzen genau so viel Genres, wie sie auch an Technik und Gefühlen mitwirbeln lassen. Somit war der Auftritt von Komara ein Einlullen in fremde Welten. Klanglich schwierig festzuhalten, griffen die Musiker nicht nur den Geist des Art-Rock, sondern auch des Jazz und der freien Improvisation auf. Muster und Harmonien geisterten durch den alten Kinosaal und formten sich plötzlich zu heftigen Abstürzen mit verzerrten Schreien und wilden Gitarrenriffs. Eher eine Übung in Meditation der musikalischen Form, als klares Konzert. Die Besucher suchten jedoch genau diese Herausforderung, somit war ein früher Jubel und tiefe Begeisterung sofort vorhanden.

Wobei die Meditation leider nach etwas mehr als einer Stunde ihr Ende fand. Was in der Zeit für Welten und Täler durchschritten wurden, lässt sich ein Tag danach nicht mehr in Worte fassen. Adam Jones hatte schon den richtigen Riecher, als er seine Hauptband Tool hinterging, um Komara grafisch zu unterstützen. ORK als Hauptband fanden diese malerische Gestaltung in ihren Liedern mit Klängen. Im Gegensatz zu der sehr sphärisch schwelgerischen Vorband suchte die aus vier Ländern abstammende Gruppierung eine neue Art der Musik zu formen. Krasse Anfälle des Math-Rock kreuzten sich mit viel Electronica, nur um sich dann in den melodiösen Art-Rock mit heftig groovenden Rhythmen zu verlieren. Colin Edwin brachte den Geist von Porcupine Tree zum König, Lorenzo Esposito Fornasari sang Italien in den Saal und Gitarrist Carmelo Pipitone tobte sich mehrmals nah am Bühnenrand aus.

All diese Einflüsse vermengten sich zu einer eindringlichen und mitreissenden Version von zeitgenössischer und ideenreicher Musik. Egal ob man sich lieber auf Melodien, Effekte oder Takte stützt, diese Inkarnation aus mehreren bekannten Gruppierungen weiss der Musikwelt frischen Wind einzuhauchen. Dabei verwunderte nicht nur das Können der einzelnen Musiker, sondern auch ihre Spielfreude und die Offenheit. Ein reizvoller Abend für alle offenen Geister.

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