New Wave

Destroyer – Ken (2017)

Lange dauert es nicht und man ist sich sicher: In einem anderen Leben wäre Dan Bejar grösser und bekannter als New Order – in diesem Universum reicht es halt nur zu einem Leben als talentierter Musiker über die Masse. Mit seinem zwölften Album „Ken“ lebt er mit seinen Musikern als Destroyer nun die Vorliebe für New Wave und die dunklen Seiten der Achtziger aus. Schnell vergisst man dabei, dass diese Musik gar nicht aus England, sondern Kanada kommt.

Aber schlussendlich spielt die Herkunft eine kleine Rolle, viel wichtiger sind Aussagen und Intention. Destroyer macht sich dazu mit seiner vereinnehmenden Stimme jede Art von Musik zu eigen und nutzt Instrumente als Plattform für wortgewandte Erzählungen. Wunderbar aber, dass auf „Ken“ Bass, Gitarre und Snythies den Sätzen in nichts nachstehen und manchmal schleppend, dann wieder energiereich die Lieder ins Ziel bringen. Bestes Beispiel gibt gleich „Tinseltown Swimming In Blood“ zu Beginn der Platte ab.

Nahe dem alten Synthie-Pop, versehen mit etwas Post-Punk und Emotionen von Wave-Bands wie Midnight Oil – diese Platte tarnt sich wunderbar mit bekannten Elementen, nimmt sich aber genügend Freiheiten für die Eigenständigkeit heraus. So dürfen bei Destroyer auch die Bläser erklingen, die Streicher gesamplet sein und der Britrock seine verdienten Tantiemen abholen. Und bald verhält sich die Musik wie das Cover: Zwar monochrom als Landschaft, aber dafür mit thronend gelben Eindrücken durchzogen.

Anspieltipps:
Sky’s Grey, Tinseltown Swimming In Blood, A Light Travels Down The Catwalk

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Granular, Schüür Luzern, 17-12-01

Granular
Support: Visions In Clouds
Freitag 01. Dezember 2017
Schüür, Luzern

Wenn es etwas zu feiern gibt, dann lädt man am besten seine Freunde ein. Und wenn diese auch gleich noch einen Grund zur Freude mitbringen, dann ist der Abend doch komplett. Dies dachte sich auch die Luzerner Band Granular, die am Freitagabend in der Schüür ihr erstes Album „XI“ taufte – und dazu Visions In Clouds mit auf die Bühne holte, die ebenfalls aus der Stadt mit dem Touristenüberfluss stammen und vor kurzen eine neue EP veröffentlicht haben. Kein Wunder also, standen bereits vor Showbeginn leere Champagnerflaschen im Saal.

Die Musik von Granular eignet sich sowieso perfekt, um von bitteren Stoffen zu auflockernden und bunt schmeckenden Getränken zu wechseln. Ihre Lieder hat die Band, welche früher unter dem Namen Augustine’s Suspenders die Leute zum Tanz animierte, nämlich im Bereich des modernen Pop angesiedelt. Ob bereit für die Radiowellen, soulig angehaucht oder dann doch lieber mit Indie-Gitarren versehen, eingängig ist die Musik der jungen Männer immer. Alsbald bewegten sich die Zuschauer dann auch zu „Something In Between“ oder „I Need You“ und genossen die Emotionalität zwischen farbigem Licht und bestrahlten Schlagzeugbecken.

Sicher, es fehlte vielleicht manchmal etwas die dunkle Seite des Klangs – doch vielseitigen Pop zu vernehmen, kann ja auch ganz gut ins Wochenende führen. Schön auch zu sehen, dass nicht nur viele Freunde von Granular anreisten, sondern die Band spielfreudig über den Leuten thronte und fleissig ihre Instrumente wechselte. Endlich wurde auch geklärt, wie man das Album nun aussprechen darf: Eleven. Das passt ja schlussendlich auch perfekt zum weltoffenen Klangbild dieser Scheibe.

Eher introvertiert und nachdenklich gaben sich die Lieder bei Visions In Clouds. Locker zwischen New Wave-Zitaten, Post-Punk-Gebrummel und Indie-Höhengefühl wechselnd, versanken nicht nur Musiker und Besucher in tiefen Schatten und blauem Licht. Die ganze Welt wurde für einen Moment kühler, polyphone Synthies und stringente Schlagzeugwirbel zur Familie. Und da die Luzerner seit neustem auf dem Pariser Label Manic Depression zuhause sind, nutzten sie diesen Anlass, um einen Song von Crying Vessel zu covern. Man ist in dieser kleinen Szene halt schnell eine Gemeinschaft.

Dieser beizutreten legten Visions In Clouds allen Anwesenden ans Herz und boten den besten Grund mit der kompletten Darbietung ihrer neusten EP „Levée En Masse„, deren Stücke sich zwischen schnell und treibend und melancholisch-verträumt bewegen. Musik für den Winteranfang, die zwar den Schnee nicht so schmelzen lässt wie bei Granular, aber die Hoffnung an Geborgenheit auch niemals aufgeben würde.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

New Order – NOMC15 (2017)

Wenn sich das Jahr zu Ende neigt, sollte man sich ja besonders friedlich und besinnlich verhalten, ansonsten erzürnt es die Verfechter erfundener Weisheiten. Grund genug für die New Wave-Legende New Order, ihr Livealbum „NOMC15“ nun auch als Massenware zu veröffentlichen. Die Aufzeichnung des Konzertes in Brighton im Jahr 2015 war zu Beginn dieses Jahres nämlich bereits als limitierte Pressung unter die Fans gebracht worden, nun also aber noch die Standard-CD und LP. Am Inhalt hat sich über die paar Monate natürlich nichts geändert, weiterhin geht es um die Darbietung des neusten Album „Music Complete“ und alten Klassikern. Und das ist auch gut so.

Denn was New Order an diesem Abend auf die Bühne stellten, war eine herrliche Kombination aus neuen Liedern wie „Singularity“ und alten Lieblingen wie „Waiting For The Siren’s Call“ – und holte dank geschickter Kombinationen das beste aus allen Möglichkeiten heraus. Denn auch für Leute wie mich, die vom letzten Studioalbum der Briten eher enttäuscht waren, machen diese lustvoll gespielten Versionen von „Tutti Frutti“ oder „Restless“ viel Spass. Gitarre und Synthies liefern sich Duelle, Gastsängerin La Roux veredelt „People on the High Line“. Gewisse Momente wie „Lonesome Tonight“ wollen nicht ganz aufgehen, dafür gibt es herrlich polyphone Gegenstücke wie „586“.

Wenn die Band dann unter grossem Jubel und mit voluminösem Klang in die Endphase steigt und als Zugabe gleich „Love Will Tear Us Apart“ und „Blue Monday“ vom Stapel lässt, dann hat sich „NOMC15“ endgültig die Daseinsberechtigung als Retail-Ausgabe erspielt. New Order verfügen auch heute noch über genügend Zugkraft in ihren Melodien und Rhythmen, dass man immer noch gerne zu diesen Liedern tanzt und ein neues Livealbum auf jeden Fall begrüsst.

Anspieltipps:
Ceremony, Tutti Frutti, True Faith, Blue Monday

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Visions In Clouds – Levée En Masse (2017)

Band: Visions In Clouds
Album: Levée En Masse
Genre: New Wave / Indie

Label/Vertrieb: Manic Depression
VÖ: 17. November 2017
Webseite: visionsinclouds.com

Vor einem Jahr wurde der immer schwerer werdende Nebel von einem Hoffnungsschimmer durchstossen, denn mit „Masquerade“ erblicke das erste Album der Luzerner Gruppe Visions In Clouds das schummrige Licht der Welt. In gefühlvoller und wunderbar retroaktiver Weise belebten die Mannen um Sänger und Gitarrist Pascal Zeder und Schlagzeuger Simon Schurtenberger das kühle, aber nie menschenfremde Genre des Post-Punk und Cold Waves neu. Zwölf Monate später darf man nun erneut durch die monochrom wirkende Innerschweiz gleiten, „Levée En Masse“ ist da.

Mit vier neuen Liedern und einem Intro mit dem Namen „Ouverture“ laden uns Visions In Clouds dazu ein, die Fortschritte der Band in Songwriting und Auftreten genauer zu betrachten. Denn im Gegensatz zum vorangegangenen Album legen sich hier Einflüsse des modernen Indie und des synthetischen New Wave auf die Stücke. So locken Momente wie „Every Day I’m Sorry“ zwar weiterhin mit Keyboardspuren, die auch New Order gerne abstauben würden, wagen aber auch den Spagat in Röhrenjeans. Das verleiht der Musik eine frische Atmosphäre und beweist umso stärker, dass die Zeit nicht linear abläuft.

Visions In Clouds sind aber immer dann am stärksten, wenn sie ihre Wave-Gitarren mit viel Hall und den darauf losmarschierenden Bass an die Front stellen. „Rage In Silence“ und „Afraid No More“ zeugen herrlich schimmernd davon und locken auch winterschlafende Gruftis aus ihren Katakomben – und „Levée En Masse“ beweist, dass im November aus Luzern nicht nur schreckliche „Musik“ von betrunkenen Verkleidungskünstlern kommen muss.

Anspieltipps:
Rage In Silence, Rain Song, Afraid No More

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nabihah Iqbal – Weighing Of The Heart (2017)

Ja, die Striche auf dem Cover sind etwas krakelig, aber irgendwie auch knuffig – wie die Musik auf „Weighing Of The Heart“ ebenso. Nabihah Iqbal hat sich für ihr Debütalbum nach ihrer Zeit als Throwing Shade nämlich den New Wave vorgenommen und führt diesen in die Welten der leichten Electronica ein. Dagegen hält sie Texte über Zweifel und ägyptische Mythen, und mischt gekonnt aneckende Welten mit erlösenden Klangschichten. Komplett selbst eingespielt, zeigt die britisch-asiatische Musikerin hier einen grossen Horizont und viel Lust zu Gedankenspielen.

Nach dem eher gemächlichen Einstieg mit „Eden Piece“ steigert sich die Musik von Nabihah Iqbal mit jedem Stück. Die hallenden Gitarren der Achtziger erobern das belebende „Something More“, die scheppernden Drummachines untermalen die gehauchten Stimmlaute bei „Saw You Twice“. Wäre nicht alles so synthetisch, man würde sich schier im besten Dreampop wähnen. Doch Iqbal weiss, es lauert hinter jedem Glücksmoment auch eine bohrende Frage, jedes Lied darf also irgendwo kratzen und unpoliert umherlaufen – was sich herrlich bei „Zone 1 to 6000“ zuspitzt.

Sprechgesang, treibende Musik, grummelnder Bass, Keyboardflächen – Nabihah Iqbal ist mit diesem Song ein perfektes Stück Wave gelungen, welches hoffentlich bald auf allen Partys durch die Anlage schallen wird. „It’s Always Work And Never Love“, dunkle Kleidung und ein mürrischer Gesichtsausdruck passen also immer zu dieser Scheibe. Zwar wird man musikalisch nie in die Abgründe der verdorbenen Seelen gestossen, ganz ungeschoren kommt beim Genuss von „Weighing Of The Heart“ aber niemand davon. Und wenn die Künstlerin etwas zu stark in den Electro abzudriften scheint, so holt sie sich selbst immer gleich mit einer Gitarre wieder zurück – „Feel So Right“ halt.

Anspieltipps:
Something More, Zone 1 to 6000, New New Eyes

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Holygram – Holygram (2017)

Holygram – Holygram
Label: Reptile Music, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: New Wave, Post-Punk

Eigentlich erschien diese Debüt-EP bereits 2016, doch dank Reptile Music kommen nun endlich auch Hörer mit CD-Spieler in den Genuss dieser wunderbaren Scheibe voller Cold Wave und Post-Punk. Holygram, fünf Musiker aus Köln, die sich 2015 zusammengefunden haben, lassen nämlich mit diesen fünf Liedern die guten Zeiten der Kellerdisco und der Krautrock-Fantasien in den Keyboards neu aufleben. Mit dabei sind dieses Mal sogar noch vier Remixe.

Aber für die wahre Genialität dieser Musik wären solche Neubearbeitungen eigentlich gar nicht nötig, funktionieren die Songs von Holygram doch auch perfekt ohne scharfe Beats und knackige Sequenzer. In Lieder wie „Hideaway“ oder „Daria“ werden nämlich Einflüsse zwischen Neu! und New Order wunderbar aufgeschnitten und nach einer wohl überlegten Operation wieder neu zusammengeschlossen. Da dürfen die stoischen Schlagzeug-Rhythmen auf verhallte Gitarren treffen, der Snythie stellt sich kühn an die Bar und wartet, bis ihn der Sänger mit Popwärme umgarnt.

„Holygram“ will somit nicht nur die missmutigen Denker ansprechen, sondern lockt auch dazu auf, sich drehend auf der Tanzfläche zu bewegen. Dass man dazu ultracool die Zigarette zwischen den Fingern hält und sich der Rauch immer mehr mit dem Nebel der Zeit vermischt, passt umso besser zu heimlichen Hits wie „Still There“. Da Holygram ihre Musik ohne PC-Unterstützung spielen und sehr wohl noch viele Überraschungen im Ärmel halten, ist diese EP nicht nur Einstiegsdroge, sondern auch wundervolle Verheissung in grauen Schattierungen.

Anspieltipps:
Hideaway, Daria, Still There

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

CRIMER – Preach (2017)

CRIMER – Preach
Label: Musikvertrieb, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Retro-Wave, Synthie-Pop

Plötzlich will die ganze Welt – oder zumindest die gesamte Schweiz – ein Stück von diesem Retro-Wave-Nachtisch haben. Was ohne Vorwarnung mit dem Video zur Single „Brotherlove“ begann, hat sich schneller als der Duft von Fondue über alle Kantone ausgebreitet und findet nun auch in diesem Musikmagazin Erwähnung: Die erste EP von CRIMER aus St. Gallen stürmt mit verboten hohen Synthietürmen heran und schreit heraus, dass nun alle Modeströmungen aus den Achtzigern wieder erlaubt und aktuell sind. Musikalisch überholt der Künstler dabei sogar Hurts.

Alexander Frei, wie CRIMER namentlich neben der Bühne heisst, bietet auf „Preach“ eigentlich nicht sonderlich viel. Man erhält vier Lieder, die in radiotauglicher Kürze den New Wave und Synthie-Pop in das Rampenlicht zurückholen. Das haben in den letzten Jahren einige Bands versucht und mit mehr oder weniger grossem Erfolg auch gemacht – doch hier wird dieser geschickten Taktik Essentielles beigemischt. Lieder wie „Badface“ oder „Follower“ überzeugen nämlich nicht nur mit den polyphonen Synthies und wunderbaren Drumcomputern, sondern auch mit ihrem Soul und den mitreissenden Emotionen. Besonders dank des grossartigen Gesangs erhält die Musik genau die Tiefe, die man bei vielen internationalen Acts vermisst.

In Kombination mit dem perfektionierten Songwriting sind somit vier Hits entstanden, die man getrost an die Spitze dieses Retro-Genres setzen kann. Natürlich finden sich auch hier alle Klischees ein, und die schlechten Videoeffekte und fragwürdigen Klamotten fallen plötzlich nicht mehr aus dem Rahmen. Vielmehr gleitet man auf Gitarren wie bei The Cure, surft auf den Datenwellen in Komplementärfarben und wackelt mit der Föhnfrisur. Aber das macht alles so viel Freude, dass man wieder mit CRIMER im Breakfast Club nachsitzen will.

Anspieltipps:
Brotherlove, Follower, Black Party

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Adieu Gary Cooper – Outsiders (2017)

Adieu Gary Cooper – Outsiders
Label: Cheptel Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: New Wave, Alternative Rock

Auf Französisch lässt es sich vorzüglich Geschichten erzählen, die Sprache eignet sich einfach perfekt für leidenschaftliche Sätze und emotionale Schilderungen. Und wer es nun schafft, diese Erzählungen mit passender Musik zu schmücken, der hat eigentlich schon gewonnen. Wie Adieu Gary Cooper, die fast schon weltbekannte Gruppe aus Genf, die mit ihrem neusten Album „Outsiders“ uns alle zum Lauschen und Hüpfen einlädt. Und dabei bleiben die Songs immer so stilgerecht, wie „Il Commence A Faire Noire“ den Einstieg macht.

Denn auf „Outsiders“ findet man nicht nur eine konsequente Weiterentwicklung des Klangs von Adieu Gary Cooper, sondern fesselnde Stil-Vermengungen. Der sanfte Hauch von Punk und die Entrücktheit des New Wave lassen sich immer noch breit auf dem Sofa nieder, aber im Raum halten sich auch der französische Chanson und der klassische Pop auf. Aus den weingetränkten und mit Zigaretten vernebelten Diskussionen schälen sich Lieder, die uns aus dem grauen Alltag entreissen und in erfundene Situationen und Szenerien schicken. Dabei lohnen sich nicht nur die Texte.

Mit vielen Gitarrenspuren, wunderbar greifenden Refrains (wie bei „Ligue B“) oder entspannt hinflätzenden Synthies („La Solitude Du Coureur De Fond“) landet man immer in experimentierfreudigen Stücken. Dabei sprengen Momente wie „Docteur (Donnez Moi Quelque Chose)“ die Betonwände der Vororte auf und lassen überall die Sonne scheinen. Schön, dass sich Adieu Gary Cooper nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern mit dieser Scheibe wieder etwas anderes gewagt haben. Und vor allem etwas dabei erschufen, dass zu jeder Sekunde wunderbar funktioniert. Spätestens jetzt lohnt sich ein Sprachkurs.

Anspieltipps:
Docteur (Donnez Moi Quelque Chose), Ligue B, La Solitude Du Coureur De Fond

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Austra – Future Politics (2017)

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Austra – Future Politics
Label: Domino Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: New Wave, Electronica

Auch sechs Jahre danach hallen die Lieder „Beat And The Pulse“ oder „Lose It“ im Kopf nach – besonders wenn man sich der neusten Musik von Austra widmet. Dies zeigt umso stärker, dass die Band aus Kanada mit ihrem Debüt 2011 einen wirklich bleibenden Eindruck im Gebiet des Dark Wave und Synthie-Pop hinterlassen hat. Leider vermochte der Nachfolger diese Last zwei Jahre später nicht zu tragen – umso gespannter war ich darum auf „Future Politics“, das dieser Tage nun unsere Wohnungen beschallt. Und um es kurz zu machen: Das Ausharren hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Austra machen sich besonders durch den Gesang von Katie Stelmanis einzigartig. Die Frontfrau und klassisch ausgebildete Sängerin thront mit ihrem Organ über der Musik und scheut sich auch nicht vor Melodien, die viele Oktaven durchschreiten. Auch auf „Future Politics“ gibt es somit wieder Berg- und Talfahrten, aber auch Zurückhaltung wie beim wunderschönen „I Love You More Than You Love Yourself“. Hier zeigen Austra, dass ihre Popmusik immer mit frechen Wendungen aufwarten kann und die Band darum so reizvoll macht. Mysteriös und digital, trotzdem liebevoll und freundlich.

„I Am A Monster“ beginnt somit als Oper, schlittert in den Trance der Neunziger und wandelt sich zu Ambient-Techno. „Utopia“ ist ein wichtiger Teil dieser Hit-Maschine, darf aber süss stolpern. „Future Politics“ hat somit viele Bühnenbilder und missbraucht keine Idee. Austra passen sich somit nicht nur deinen Gefühlen an (oder umgekehrt), sie sind auch als Band und Komponisten wieder voll da. Wer sich gerne hochstehend über Synthie-Musik auslässt, der findet hier viele hübsche Zitate.

Anspieltipps:
Future Politics, I Love You More Than You Love Yourself, Gaia

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Visions In Clouds – Masquerade (2016)

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Visions In Clouds – Masquerade
Label: igroove, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: New Wave, Post-Punk

Die Zeit verläuft nicht linear, alle Momente und Augenblicke geschehen gleichzeitig und sind immer vorhanden. Kreative Energien und Geschehnisse können somit in jeder Minute angezapft und beeinflusst werden – soweit zumindest gewisse Theorien. Wenn man das Debütalbum „Masquerade“ der Luzerner Band Visions In Clouds anhört, scheinen diese Gedankenspiele aber weit mehr als nur Worte auf dem Papier zu sein. Denn die vier Mannen greifen mit ihren Liedern weit in den typischen New Wave hinein – in Klanggebiete, in denen damals Joy Division Herrscher waren.

Lieder wie „Bodies“ und „Time“ (Ha!) sind aber nicht dazu da, um die alten Zeiten zu glorifizieren. Viel mehr nehmen Visions In Clouds die Traditionen auf und erweitern die Musik, welche damals düstere Gemüter zum Leuchten brachte. Schliesslich hätte es damals noch keinen polyphonen Synthie in den Songs gegeben, aber hier gehört dieses Instrument zu der Umgebung wie der tiefstimmige Gesang und die Gitarrenwände. So wird meist zuerst von der Rhythmusfraktion ein trockenes Rohgerüst gezimmert, das sich nach und nach mit Leben und Melodie ausfüllt. Die elektronischen Klänge regieren vor allem zu Beginn der Platte, geben sich dann aber doch mehr und mehr den Saiten geschlagen.

Wer sich „Masquerade“ anhört, der wird wohl einige Male das Gefühl haben, in einem kahlen Betonraum zu sitzen. Kein Wunder, wurde das Album doch in Berlin aufgenommen und verströmt somit den kühlen Charme der Grossstadt. Man lässt sich durch die Strassen treiben, spürt den leichten Regen auf den Wangen und vernimmt im Ohr die treibenden Songs dieser Scheibe. Luzern ist nicht nur ein Stück urbaner geworden, man hat auch wieder eine grössere Zuneigung zur Melancholie. Nur maskieren muss sich hier niemand.

Anspieltipps:
Bodies, Time, Masquerade

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.